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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel.

Die Familie will sich vornehmen Personen gleichstellen. Das Elend der Armen, wenn sie mehr scheinen wollen, als ihre Umstände erlauben.

Jetzt fing ich an einzusehen, daß meine langen und mühsamen Ermahnungen hinsichtlich der Mäßigkeit', Einfachheit und Zufriedenheit durchaus unbeachtet blieben. Die Aufmerksamkeit, die uns vor Kurzem von vornehmen Personen gezollt worden, weckte den Stolz, welchen ich eingeschläfert, aber nicht gänzlich beseitigt hatte. Unsere Fenster waren wieder wie früher mit Schönheitswassern für Gesicht und Hals besetzt. Außer dem Hause fürchtete man die Sonne als Feindin des schönen Teints und in der Wohnung selbst das Feuer als Verderber desselben. Meine Frau behauptete, das frühe Aufstehen schade den Augen ihrer Töchter und von der Arbeit nach dem Mittagessen bekämen sie rothe Nasen. Sie wollte mich auch überreden, daß ihre Hände niemals weißer wären, als wenn sie nichts thäten. Statt Georgs Hemden fertig zu nähen, waren sie nun beschäftigt, ihren alten Florkleidern einen neuen Schnitt zu geben oder auf Seidenzeug zu sticken. Die armen Fräulein Flamborough, ihre ehemaligen muntern Gespielinnen, wurden als gemeine Bekanntschaften vernachlässigt, und das ganze Gespräch drehte sich nun um den Ton der großen Welt und vornehme Gesellschaften, um Malerei und seinen Geschmack, um Shakespeare und die Harmonika.

Alles dies wäre indessen noch zu ertragen gewesen, wäre nicht eine wahrsagende Zigeunerin gekommen, um uns auf den Gipfel des Hochmuthes zu erheben. Sobald sich die braungelbe Sibylle zeigte, kamen meine Töchter zu mir gelaufen, und baten jede um einen Schilling, um ihr Silber in die Hand geben zu können. In Wahrheit war ich dessen müde, immer verständig zu handeln, und konnte nicht umhin, ihre Bitte zu erfüllen, weil ich sie gern froh sehen wollte. Ich gab also jeder einen Schilling, obgleich ich zur Ehre der Familie bemerken muß, daß sie niemals ohne Geld waren, denn meine Frau sorgte auf großmüthige Weise dafür, daß sie stets eine Guinee in der Tasche hatten, doch mit dem strengen Befehl, sie nie zu wechseln. Nachdem sie sich eine Zeitlang mit der Wahrsagerin eingeschlossen hatten, verkündeten mir ihre Blicke, als sie wieder sichtbar wurden, daß sie ihnen etwas Großes prophezeit habe. »Nun, Mädchen,« sagte ich, »wie ist es euch ergangen? Sage mir, Livy, hat Dir die Wahrsagerin etwas prophezeit, das einen Pfennig werth ist?« – »Gewiß, lieber Vater,« sagte das Mädchen, »ich glaube, sie hat es mit dem Bösen zu thun, denn sie behauptet bestimmt, ehe noch ein Jahr verginge, würde ich einen Squire heirathen.« – »Und nun, Sophie, was für ein Ehemann ist Dir bestimmt?« – »Ich soll einen Lord bekommen, bald nachdem meine Schwester den Squire geheirathet hat.« – »Wie?« rief ich, »ist das Alles, was Ihr für Eure zwei Schillinge haben sollt? Nur einen Lord und einen Squire für zwei Schillinge! Ihr Närrchen, ich hätte Euch einen Prinzen und einen Nabob für das halbe Geld versprochen.«

Ihre Neugierde hatte aber sehr ernstliche Folgen. Jetzt begannen wir zu glauben, wir wären von den Sternen zu etwas Höherem bestimmt, und schwelgten schon in dem Vorgefühl unserer künftigen Größe.

Es ist tausendmal gesagt worden, und ich wiederhole es noch einmal, daß die Stunden, die wir unter frohen Aussichten hinbringen, glücklicher sind als die, welche vom Genuß gekrönt werden. Im ersten Fall bereiten wir das Gericht nach unserm eigenen Geschmack; im zweiten bereitet es die Natur für uns. Es ist unmöglich, die ganze Reihe lieblicher Träume zu wiederholen, an denen wir uns erfreuten. Wir sahen unsere Vermögensumstände wieder günstiger sich gestalten, und das ganze Kirchspiel behauptete, der Gutsherr sei in meine Tochter verliebt, und so wurde sie es wirklich in ihn, indem man sie gleichsam in diese Liebe hineinschwatzte. Während dieser angenehmen Zeit hatte meine Frau die glücklichsten Träume von der Welt, die sie uns jeden Morgen gewissenhaft mit großer Feierlichkeit und Genauigkeit erzählte. In einer Nacht hatte sie einen Sarg und übers Kreuz gelegte Gebeine gesehen, welches eine nahe Hochzeit andeuten sollte. Ein andermal hatte sie die Taschen ihrer Töchter mit Kupfergeld angefüllt gesehen: ein gewisses Zeichen, daß sie bald voll Gold sein würden. Auch die Mädchen selber hatten Vorbedeutungen: sie fühlten seltsame Küsse auf den Lippen; sie sahen Ringe in den Lichtern; Geldbörsen sprangen aus dem Feuer und Liebesbänder zeigten sich auf dem Boden jeder Theetasse.

Am Ende der Woche erhielten wir eine Karte von den Londoner Damen, auf welcher sie nebst vielen Empfehlungen die Hoffnung aussprachen, unsere ganze Familie nächsten Sonntag in der Kirche zu sehen. Den ganzen Sonnabend Morgen bemerkte ich, wie meine Frau und Töchter heimlich mit einander zu Rathe gingen und mich zuweilen anblickten, als wären sie mit einem geheimen Complott beschäftigt. Aufrichtig gesagt, hegte ich großen Verdacht, daß irgend ein thörichter Plan im Werk sei, am nächsten Tage mit Glanz zu erscheinen. Am Abend begannen sie ihre Operationen auf sehr regelmäßige Weise, und meine Frau übernahm es, die Belagerung zu leiten. Nach dem Thee, als ich guter Laune zu sein schien, begann sie folgendermaßen: »Ich glaube, lieber Karl, wir werden morgen eine stattliche Versammlung in unserer Kirche haben.« – »Das mag wohl sein, meine Liebe,« entgegnete ich; »doch mache Dir darum keine Sorgen, Du sollst eine Predigt hören, die Versammlung mag nun sein, von welcher Art sie will.« – »Das weiß ich wohl,« erwiederte sie; »ich dachte aber, mein Lieber, wir müßten dort so anständig als möglich erscheinen, denn wer weiß, was sich ereignen kann.« – »Deine Vorsicht ist sehr lobenswerth. Anstand und schickliches Betragen in der Kirche macht mir immer Freude. Man muß dort anständig und demüthig, heiter und ruhigen Herzens sein.« – »Ja, das weiß ich wohl,« rief sie; »doch ich meine, wir müssen auf die anständigste Weise dorthin gehen und nicht wie der Pöbel um uns her.« – »Du hast ganz Recht, meine Liebe,« erwiederte ich, »und ich wollte Dir eben dasselbe anempfehlen» Die anständigste Weise, in die Kirche zu gehen, ist die, daß man sich dort so früh als möglich einfindet, damit man Zeit hat, sich zu sammeln, ehe der Gottesdienst beginnt.« – »Ei ja, lieber Karl,« fiel sie ein, »das ist Alles sehr wahr, doch nicht das, was ich sagen wollte. Ich meine, wir sollten auf eine schickliche Weise hingehen. Du weißt, die Kirche ist zwei Meilen entfernt, und ich versichere Dir, es würde mir höchst unangenehm sein, wenn ich sehen müßte, wie meine Töchter ganz roth und erhitzt sich zu dem Kirchenstuhle schleppten, als hätten sie ein Wettrennen mitgemacht, um den Preis zu gewinnen. Mein Vorschlag wäre also dieser: da sind unsere beiden Ackergäule, das Hengstfüllen, welches schon seit neun Jahren in unserer Familie ist, und sein Kumpan Brombeere. Beide haben den ganzen Monat nichts gethan, als dagestanden und gefressen. Warum sollten sie nicht eben so gut wie wir etwas thun? Und wenn Moses sie ein wenig aufgestutzt und gestriegelt hat, so werden sie eine ganz erträgliche Figur spielen.«

Gegen diesen Vorschlag machte ich die Einwendung, daß es zwanzigmal schicklicher sein würde, zu gehen, als zu einer so armseligen Reiterei seine Zuflucht zu nehmen, da Brombeere auf dem einen Auge blind sei und dem Hengstfüllen der Schweif fehle. Ueberdies wären sie nicht zugeritten, hätten allerlei böse Mucken, und es sei nur ein Sattel und ein Reitkissen im ganzen Hause, vorhanden. Doch alle diese Einwürfe wurden beseitigt, so daß ich nachzugeben genöthigt war. Am nächsten Morgen waren sie sehr geschäftig, alle nöthigen Materialien zu der Expedition zusammenzubringen; doch als ich fand, daß lange Zeit dazu erforderlich sein würde, so ging ich in die Kirche voran, und sie versprachen, mir bald zu folgen. Ich wartete beinahe eine Stunde am Kanzelpulte auf ihre Ankunft; doch als sie nicht kamen, sah ich mich genöthigt, den Gottesdienst zu beginnen, und war während desselben in nicht geringer Unruhe wegen ihrer Abwesenheit. Meine Unruhe wurde nicht vermindert, als am Ende der Predigt meine Familie noch immer nicht kam. Ich ging auf dem Fahrwege wieder zurück, der fünf Meilen betrug, während der Fußweg nur zwei ausmachte. Als ich etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, sah ich die Prozession mit langsamen Schritten auf die Kirche zukommen: mein Sohn, meine Frau und die beiden Kleinen auf einem Pferde und meine beiden Töchter auf dem andern. Ich fragte nach der Ursache ihrer Zögerung, bemerkte aber schon in ihren Blicken, daß ihnen unterwegs tausend Unfälle begegnet seien. Die Pferde hatten sich anfangs nicht von der Thür entfernen wollen, bis Herr Burchell so gütig gewesen, sie mit seinem Stocke etwa zweihundert Schritt fortzutreiben. Dann war der Gurt an dem Sattelkissen meiner Frau gerissen und man hatte Halt machen müssen, um ihn wieder herzustellen, ehe man die Reise fortsetzen konnte. Darauf war es einem von den Pferden eingefallen, still zu stehen, und weder Schläge noch Liebkosungen hatten es zum Weitergehen bewegen können. Eben hatte es diesen Einfall aufgegeben, als sie mir begegneten. Da ich sah, daß sich Alle wohl befanden, muß ich gestehen, daß ihre Beschämung mir nicht sehr zu Herzen ging, denn ich hatte jetzt Gelegenheit zu einem künftigen Triumph, und ich glaubte auch, meine Töchter würden sich diesen Vorfall zur Lehre dienen lassen.

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