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Der Lächler von Dunnersholm

Alfred Brust: Der Lächler von Dunnersholm - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lächler von Dunnersholm
authorAlfred Brust
year1931
firstpub1931
publisherGräfe und Unzer
addressKönigsberg
titleDer Lächler von Dunnersholm
pages95
created20120122
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Weihnacht im Tann.

Man mußte ein, zwei Stunden in einer Richtung durch den Wald gehen, bevor man zur Hegemeisterei kam. Und der Weg war zuweilen so schmal und so dicht überwachsen, daß es mühselig war, unter den schneeüberladenen Zweigen hindurchzukommen. Hinter mir war der lebendige Ort in der frühen Dämmerung zurückgeblieben. Die ersten Lichterbäume hatten aus den Häusern geglänzt. Schmerzliche Freude überströmt den Einsamen beim Anblick weihnachtsfestlicher Gesichter, in deren Reigen sich zu bewegen er verhindert ist. Aber hier draußen in der schrankenlosen Freiheit durchrieseln ihn Kräfte, wie nur selten gespürt, und es gehen vom Herzen aus Sendungen der Liebe und Heiterkeit hin zu den unterschiedlichen Wohnungen der erwartungsvollen Menschenkinder.

Das halbe Gesicht des Mondes stand zwischen den Bäumen. Und die Sterne blinkten ganz rasch, klar und blau in der großen Kälte. Jeder Schritt der Füße war ein lauter Gesang durch die Winterstille. Alles ringsher schien tief im Schlaf, und 79 war doch achtsam und angespannt und ganz auf der Hut vor plötzlichem Ueberfall. Weit aus dem Holze belferte ein Hund. Ich erkannte ihn an der Stimme. Es war Trompatsch, ein Tier mit einer besonderen Lebensgeschichte.

Der alte Hegemeister wußte, daß ich unterwegs war. Und es sollte mich doch wundern, wenn er nicht bald entgegenkäme. Der Trompatsch meldete mich. Und er hatte eine ganz besondere Art zu bellen, wenn gerade ich kam.

Der alte Hegemeister, ein väterlicher Freund, wohnte schon seit mehr als zwanzig Jahren in dieser unerhörten Einsamkeit, welche er nur wenige Male verlassen hatte und die zweimal in der Woche der Postbote störte, der zugleich der Ueberbringer der wichtigsten Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände war. Kartoffeln und Gemüse zogen der Hegemeister und seine Frau selber auf einer umfriedeten Rodung. Auch zwei Kühe hatten sie im Stall, die im Herbst ihre überflüssige Kraft als Zugtiere abzugeben hatten . . . Wildfleisch gab es im Forsthause nicht. Denn der Hegemeister war ein Feind des Gewehrs. Er hatte noch nie ein Tier in diesem Schutzbezirk getötet – auch kein Raubgesindel, das zur Winterzeit die ruhigen Bewohner des Waldes verfolgt. Nur wenn es gar zu toll wurde, schickte der Hegemeister eine Postkarte fort. Dann beorderte der Oberförster ein 80 paar Referendare oder Assessoren, die mit fröhlichem Jungenmut das räuberische Vieh erschossen . . .

Richtig!, jetzt kam der Trompatsch dahergerast, umarmte und küßte mich gehörig und raste wieder davon. Und schon wieder brauste das Tier daher. Der Hegemeister mußte also gleich aus dem Schatten der Bäume treten. Und das tat er auch. Ich fühlte mich recht gesellig bei dem freudigen Ueberfall von Herr und Hund. Der Hegemeister nahm mein Paket, schüttelte es am Ohr und freute sich, daß es in mehreren Tonlagen gluckerte. Dann schritten wir schweigend dahin auf dem Wege, der immer breiter wurde und schließlich auf eine klare Lichtung hinauslief, in deren Mitte das kleine Forstanwesen lag. Die freundliche Frau empfing uns warm vor der Tür unter den Lampen des Mondes und der Sterne. Das ganze Haus roch nach Backwerk, ohne daß es diesem möglich gewesen wäre, den süßen Duft der Bratäpfel zu erdrücken.

Es wurde ein Braten gegessen, nicht aus Zerstreuung, sondern weil man rechtschaffen hungrig war. Und man saß nicht länger als unbedingt notwendig am Speisetisch. Dann kam der glühende Grog vor die Nasen. Die Gedanken wurden tiefer. Das Gespräch lief ruhiger, langsamer. Das alte Mütterchen war ein wenig eingenickt zur Seite des 81 Ofens. Ihr zu Füßen lag Trompatsch, die Schnauze unter den gekreuzten Vorderpfoten und mit Aeuglein, die bald blinzelten, bald sich wieder schlossen.

Ich sah in das zerfurchte Gesicht des Alten. Er hatte es schwer gehabt im Leben. Zwei Jungen hatte der Krieg geschluckt, der dritte – wie immer – gerade der Taugenichts, trieb sich auf den fremden Straßen der Erde umher. Doch waren die Eltern sicher vor ihm, denn des Vaters Riesenfaust war knochig und derb und bedauerte, daß sich der Tunichtgut in viel zu großen Entfernungen hielt.

Als der Greis mich so in Gedanken an seinem Gesicht hängen sah, schob er seinen schönen Vollbart in die Rockfalten über der breiten Brust, klopfte seine Pfeife aus und sagte. »Du wartest auf die versprochene Geschichte . . .«

Zwar hatte ich darauf nicht gewartet, doch freute ich mich sehr, zu erfahren, weshalb dieser Mann die Waffe aus den Händen gelegt hatte und in diese Einsamkeit gekommen war, um mit den Tieren des Waldes wie mit leisen Freunden zu leben.

»Die Geschichte ist sehr kurz, lieber Mensch. Und eigentlich ist es gar keine Geschichte. Ich wenigstens werde es nicht verstehen, eine Geschichte daraus zu machen. Und eben deshalb, weil es keine 82 richtige Geschichte ist, eine solche Geschichte zum Erzählen, verstehst du – deshalb hab ich sie auch noch keinem erzählt. Ja – – –. Aber dir kann ich das schon sagen. Denn von dir – sieh' mal – weiß ich ganz genau, daß du mich weder gleich hier am Tisch, noch nachher im Bett, noch übermorgen oder nächstes Jahr auslachen wirst. Denn die meisten Menschen zerstören sich die schönsten Augenblicke ihres Lebens, weil sie damit zu Leuten laufen, die gar nicht dazu geeignet sind, solche Augenblicke anzuhören. Und eine jede solche Mißachtung ist ein ganz besonderer Tod für sich. Also – was ich sagen wollte – – –. Mutter! geh doch mal in die Küche. Ich glaub, das Feuer im Herd ist aus. Und wir haben kein heißes Wasser mehr . . .«

Der Alte entledigte sich so der Peinlichkeit, daß seine Lebensgefährtin vielleicht noch einmal in dürren Worten hören mußte, was sie beide zusammen in ganzer Reinheit fühlten und wußten.

»Du wirst mich sehr dumm ansehen. Aber es ist wirklich nichts dahinter. Ich war bloß einmal in den Wald gegangen, um uns einen Rehbraten zu besorgen. Ja – – –.«

Er hatte die Pfeife auf den Tisch gelegt und blickte vor sich ins Leere.

»Dann stand ich plötzlich vor einer Lichtung. Und auf dieser Lichtung wieder stand ein Reh. 83 Aber nur fünf Schritte von mir entfernt. Ganz dicht also. Ich hatte noch niemals so dicht vor einem Reh gestanden. Weißt du, es ist etwas ganz Tolles, so dicht vor einem freien Tier zum ersten Male zu stehen, als Feind zu stehen, sozusagen . . .!«

Er nahm die Pfeife und legte sie bewegt wieder hin.

»Ich stand ganz starr wie ein Denkmal. Und die Augen hielt ich weit geöffnet. Ein sehr eigentümliches Gefühl ging mir durch den Körper – so gar nicht jägermäßig. Es grub sich mir mit einer unaussprechlichen Gewalt das Bedürfnis ein, dieses Tier zu umarmen, zu kosen, zu küssen, es zu schützen, es zu nähren. Seine Lichter zitterten mich an mit sanftem Mut. Und ich kann nicht sagen, wie lange wir es aushielten, so regungslos zu verharren. Doch mir brannten die Augen. Und ich war gezwungen, die Lider einmal leise zu bewegen . . . Aber, Mensch, ich sage dir! Dieses genügte!! Und das schöne Tier sprang mit großen toderschreckten Sätzen davon! Durch die Lichtung ging ein breiter Graben, den es mit weitem Satz übersprang. Jenseits des Grabens aber lagen Tonröhren, große und kleine. Und darüber stürzte dieses Reh und blieb liegen. Es hatte sich ein Bein gebrochen. Und was soll ein Reh für ein Leben führen auf drei Beinen. Ich gab ihm den Tod. 84 Und dann, mein Freund, kam die große Scham des Lebens über mich . . . Da hat der Moses gelebt, und da hat der Christus gelebt. Und in den anderen Erdteilen haben ja auch noch welche Menschen große Religionen gemacht. Und zu was – ich frage dich – sind die nütze gewesen? Ich zucke nur mit der Wimper, und das bringt einem Tiere den Tod! Ist das nicht grenzenlos erschütternd? Da leben die Menschen einer nach dem andern jahrtausendelang – und sie leben doch bloß allein um sich zu bessern – und sie haben es trotz all der vielen Bücher und Schulen und Kirchen noch nicht einmal so weit gebracht, daß Mensch und geängstigtes Wesen einander umarmen! Und deshalb, siehst du wohl, kam ich hierher. Die Scham war zu groß. Ich hatte das heiße Begehren, an einer Stelle der Erde mit der Besserung anzufangen. Alles, alles sollte ein wenig Besserung sein, was ich tat. Feuerwerke und Treibjagden kann man in Massen abhalten. Aber besser werden und streicheln kann man nur ganz allein – – –«

Es entstand eine lange Pause, denn es wäre unschön gewesen, eine Bemerkung zu machen. Dann sagte der Greis langsam: »Siehst du, es war gar keine Geschichte. Es war nur so ein geringer Anstoß.«

»O doch«, sprach ich da. »Das war schon eine Geschichte, eine ganze, große Geschichte im 85 Menschenleben. Da kommt so ein Förster, blickt einem Tier ins verwundert zitternde Auge und wirft für immer das Gewehr ins Gebüsch. Das ist sogar vielleicht die schönste Geschichte, die ich gehört habe. Sie ist mir ein teueres Weihnachtsgeschenk.«

Der Hegemeister war rot geworden und zündete sich mit fahrigen Bewegungen seine Pfeife an.

»Das ist nun wieder so ein Ausdruck von dir! Ins Gebüsch geworfen! Dort drüben hängt ja die Büchse noch!«

»Ja ja! Die mag da ruhig hängen! Das tut gar nichts zur Sache! So richtig scheint sie mir doch nicht da zu sein. Denn sie ist mir bis heute noch niemals aufgefallen.«

Das Mütterchen brachte das heiße Wasser und richtete die Gläser aufs neue an. Wir tranken und schwatzten leise, und ich fragte, weshalb man denn kein Bäumchen zurechtgemacht hätte.

»Bäumchen«, sagte die alte Frau, und sie lachte leise in sich hinein. »Bäumchen stehen draußen im Wald viele, viele. Und der liebe Gott hat sie alle für uns zurechtgemacht. Das glitzert und funkelt, ohne daß Hände da gebastelt hätten.«

»Es ist so«, sagte der Hegemeister. »Ich hab einen eigenen Glauben von den Dingen allen und meine: alles Wesen auf Erden hat göttliche Seele in sich. Auch so ein Tier, ein Vogel, ein Baum. 86 Denn Seele, seine Seele, sagt einem Baum, wie er zu wachsen hat. So ich aber den Baum töte und ihn nicht den natürlichen Weg des Holzes gehen lasse, trenne ich ihn von der unsterblichen Seele, die dann von vorn den schweren Weg ihres Lebens zu gehen hat. Ist es nicht so?«

»Das kann ich nicht wissen«, erwiderte ich. »Doch ich weiß, daß es unendlich schön ist, so zu denken und so zu leben, wenn ich den Menschen ihre Freude auch niemals nehmen möchte!«

»Nein, nein!« ereiferte sich der Greis. »Das geht ja auch uns ganz allein was an. Das ist nicht für alle, meine ich immer. Nur für Einzelne.«

Da schraken wir auf! Es scheuerte plötzlich jemand mit einem harten Gegenstand heftig am Fensterladen. Doch die beiden Alten erschraken nur, weil ich erschrocken war. Das Mütterchen lächelte. Aber der Alte hatte einen besorgten Zug im Gesicht und sagte: »So heftig!?«

»Komm mit«, rief er mir zu, und: »Kusch dich« dem Hunde. Wir gingen durch den dunklen Flur und traten in die glänzende Nacht. Ich stieß einen leisen Ruf der Ueberraschung aus. Denn die ganze Lichtung war bestanden mit einer Unzahl von Rehen. Ganz dicht am Hause aber standen einige Elche, von denen der eine, ein Hirsch mit riesigem Schaufelgeweih, unablässig sein Gehörn an dem Fensterladen rieb. Ich sah und fühlte ganz 87 deutlich, daß der Hegemeister mit einer Erregung kämpfte. Er hielt die Fäuste geballt und knirschte mit dem Gebiß. »Heute gerade!« preßte er mühsam hervor. »Weshalb gerade heute!!«

Die Tiere ließen sich nicht durch meine Gegenwart stören. Sie kamen sehr langsam näher heran, und der Hegemeister ging ihnen einige Schritte entgegen. Er streichelte sanft über den Rücken eines Rehs. Ein Elchtier kam dicht herbei und rieb seine Nase an seiner Schulter. Auch zu mir kamen die Tiere; doch sie wichen scheu zur Seite, wenn ich mich rührte.

»Mutter, das geht doch nicht«, rief er plötzlich aus und wandte sich und hob in Abwehr die Arme.

»Sei ruhig, Johann, sei ruhig«, sagte sie sanft und trat einen Schritt aus der Tür.

»Wenn er ein Altes, ein Krankes nähme! Mein Gott!!«

Die Tiere drängten noch näher heran. Eine seltsame Unruhe lag über der ganzen Lichtung, und ich fragte leise: »Was ist denn Schlimmes?«

»Gleich fällt ein Schuß! Gleich fällt ein Schuß!« rief der Hegemeister mir fassungslos entgegen und schien am ganzen Leibe geschüttelt zu werden. Bamm!! ging es sogleich. Ein Schrei entrang sich der Brust des Alten! Die Tiere erschraken und sprangen gegen uns an. Unter den 88 Bäumen lief ein Schatten, Aeste brachen, und unter eiligen Schritten sang der gefrorene Schnee.

Der Hegemeister riß Luft in die Lungen und straffte den Körper im Zorn. Doch die Frau riet mit sanfter Stimme: »Sei ruhig, Johann! Sei ruhig! Vor acht Tagen kam doch das dreizehnte Kind. Und alle sind sie am Leben. Die Frau liegt so krank und entkräftet danieder. Und die Aeuglein bitten um Brot, wenn die Mäulchen auch still sind. Die Menschen sind hart. Und das Stiefelversohlen allein macht nicht satt . . .«

Der Hegemeister war ganz zusammengesunken und hielt den Arm um den Hals eines bebenden Tieres gelegt. Die Frau war hinter das Haus gegangen und brachte die Arme voll Heu und streute das aus. Wir gingen zurück in die Zimmer. Unaussprechliche Gefühle ließen kein Wort mehr aus meiner Kehle hervor. Doch der Greis allein fand die erbarmende Lösung und sagte: »Ich komme morgen mit nach dem Ort. Ich muß mir beim Schuster ein Paar Stiefel bestellen. Und auch sonst noch was mitnehmen zur Reparatur. Du hilfst mir ein wenig beim Tragen.«

Und er reichte mir lächelnd die Hand über den Tisch . . . 89

 


 

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