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Der Lächler von Dunnersholm

Alfred Brust: Der Lächler von Dunnersholm - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lächler von Dunnersholm
authorAlfred Brust
year1931
firstpub1931
publisherGräfe und Unzer
addressKönigsberg
titleDer Lächler von Dunnersholm
pages95
created20120122
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Hasenmord.

Es hatte ihm noch niemand gesagt: du sollst kein Tier töten. Und doch war er schon zehn Jahre alt, lebte mitten in Europa, besuchte eine große Schule. Das fünfte Gebot »Du sollst nicht töten« hatte man ihm nur in bezug auf das Töten von Menschen ausgedeutet. Denn selbst Luther hatte gesagt, daß, wenn der Herrgott große rheinische Hechte wachsen ließe, man dieselben auch essen dürfe. Und Walters Vater war, wie bis an sein letztes Lebensjahrzehnt Tolstoi, ein leidenschaftlicher Jägersmann. Mitzugehen auf Jagd, herumzustreifen durch Wald und Feld, war durchaus im Sinne des jungen Walter, wenngleich ihm eine – »nervöse« Schwäche diese Streifzüge in den Ferien ein wenig verbitterte. Zumal: er war gar nicht nervös. Aber so ein Schuß, aus nächster Nähe abgefeuert – auch etwas entfernter abgefeuert –, war für ihn das Unerträglichste, was es auf Erden gab. Und solch ein unvermuteter Schuß, den sein Vater einmal dicht hinter Walter abfeuerte, hatte den Erfolg, daß der 70 Knabe vor Schreck zu Boden stürzte, d. h. er setzte sich, so wie er war, mit Rucksack und Tasche glatt in das Gras. Besonders gräßlich aber war ihm das Scheibenschießen, wenn er am Schießstand die Gewehre halten mußte. Ein Schütze stand und zielte, Walter verharrte hinter ihm, und im Kreise warteten wortlos die anderen Schützen. Und wie so lange gezielt wurde! Es war nicht auszuhalten! Und noch immer zielt der Mann! Und gerade dann, stets dann fiel der Schuß, wenn es Walter nicht vermutet hatte. Er versuchte es genau so einzurichten, daß er den Atem ausstieß, wenn die Büchse krachte. Aber wie das so ist: der Schuß ging ausgerechnet dann los, wenn Walter gerade rasch und tief Atem holte. Rauchloses Pulver gab es, aber geräuschloses hatte niemand erfunden.

Ansonsten bereitete ihm die Jagd eitel Vergnügen. Er war froh – wenn die Schrotladungen in ein Rebhuhnvolk preschten – viele Vögel steil in das Gras stürzen zu sehen. Und er sah gespannt zu, wie Meister Lampe, in der Schnelligkeit des Laufs vom Tode eingeholt, sich mehrmals rollend überschlug und der gute Hund »Packan« die treffliche Beute freudig apportierte. Es gab vielerlei Wild in den Jagdgründen seines Vaters; Wildgänse, Enten, Füchse, Waldschnepfen, Haselhühner. Und auch der Rehbock bellte in Vollmondnächten aus den hohen Roggenfeldern.

71 Alle Menschen, die er kannte, hatten Freude an Jagden. Und auch den zuschauenden Bauern machten die guten Schüsse viel Spaß. So geschah es, daß in die Seele des Knaben eine Verherrlichung der Jagd gesenkt wurde. Und den ausgezeichneten Jäger feierte man als Helden. Zwar war Walter ein eifriger Leser der Tierschutzkalender. Doch da erlas er nur, daß man Tiere nicht quälen dürfe. Und weder der Vater noch der Knabe hatten je ein Tier gequält. Ja – als Walter einmal von einem rohen Manne eine gefangene Maus zu Tode quälen sah, bekam er Wein- und Schreikrämpfe und mußte sich übergeben!

Einmal im Herbst ward eine gemeinsame Jagd veranstaltet, die sich über mehrere Gemarkungen erstreckte. Walter führte einen mit ruhigen Pferden bespannten Wagen hinterdrein und sammelte die Opfer der Schlacht. In der Nähe eines ausgedehnten Kartoffelfeldes, an dessen anderem Ende Landleute beschäftigt waren, gab es wieder Beute. Walter ergriff einen der daliegenden Hasen an den Hinterläufen, als sich das Tier plötzlich in Bewegung setzte, um das Weite zu suchen. »Schlag ihn tot«, rief der Vater und eilte weiter den Jägern und Hunden, die im besten Zuge waren, nach.

Aber der Hase war ein großer Kerl mit erstaunlichen Kräften, der es mit dem Knaben 72 aufzunehmen vermochte. Er riß die Vorderläufe weit aus und zappelte mit den Hinterbeinen so energisch, daß Walter Mühe hatte, das Tier festzuhalten. Dabei stieß es einen bösen Laut zwischen die Zähne, dergleichen der erschreckte Knabe nie gehört. Krampfhaft hielt er die Läufe umklammert und überlegte einen Augenblick, was zu tun sei. Laufen lassen konnte er die Beute keineswegs. Der Hohn der Jäger, ihr verächtliches Kopfschütteln, würde unerträglich sein. Er sah sich als Taugenichts bezeichnet, fühlte den Mißmut des Vaters vor. Unterdessen kämpfte der Hase verzweifelt um seine Freiheit und ließ immer wieder seine bösen Töne hören und tat, als wolle er den Knaben beißen.

Die Feldarbeiter waren langsam nähergekommen, und Walter erkannte, daß er, wie er so dastand, eine jämmerliche Figur machte. Da bemerkte er, dicht bei, einen großen Stein, der tief im Erdboden wurzelte. Hierhin schleppte er das Tier, hob es mit raschem Entschluß über den Kopf und schmetterte den Schädel des Hasen mit seinen geringen Kräften gegen die Erhöhung des Felsstücks. Hohl und dumpf war der Schlag.

»Aijeh! Aijeh!«, schrie der Hase. Das Mark gefror dem Knaben ob dieser menschlichen Stimme. Angstschweiß trat ihm im Nu aus allen Poren. Sein ganzer Körper klebte. Die Bauern umringten ihn grinsend und bereiteten sich auf das Schauspiel 73 vor, das sich hier abspielen würde. Denn der Hase griff stärkere Kräfte hervor und versuchte energischer seine Freiheit.

Und noch einmal holte Walter aus.

»Aijeh! Aijeh!! Aijeh!!«, schrie heftiger das Tier.

Die Bauern lachten, als Walter ermattet die Arme sinken ließ.

Er litt unter der Qual des Geschöpfs, litt unter der Schadenfreude der belustigten Bauern, litt unter der falschen Pflicht, die er hier zu erfüllen hatte. Und, wie er keinen Ausweg fand, ließ er sich von seiner Knabenwut erfassen und hob zu Schlägen aus, vor deren Wucht er selber erstaunte.

»Aijeh! Aijeh!«, schrie der Hase, schrie es kläglicher, schrie es kleiner.

Dann wurde das Tier still. Die Bauern gingen – zwiespältig offenbar im Gefühl. Walter schleifte die Beute zum Wagen. Da – noch einmal – dicht vorm Gefährt, lief eine neue Lebenswelle durch den Hasen. Und in wahnsinnigem Schreck, mit seiner letzten Kraft, schmetterte der Knabe den blutigen Kopf des Tieres gegen den eisernen Reifen des Wagenrades. Walter empfand einen schmerzhaften Stich in den Unterleib. Und der Hase hauchte unter einem klagenden, langgezogenen Pfeifen sein Leben aus.

74 Dann griff Walter sich an den Bauch und fühlte ein walnußgroßes Stück Bruch . . .

Der Hase war tot und lag bei den anderen. In Walters Ohren stand regungslos der dumpfe Schall, den die Schläge ausgelöst hatten. Der Schall wich nicht aus seinem Hirn und belastete es als Ungeheueres. Ueber seine Seele aber war ein finsterer Schatten gefallen. Und dieser Schatten hatte sich offenbar auch der Landschaft mitgeteilt. Denn es war ihm, als schiene die Sonne jetzt nicht so hell wie vordem. Und doch war kein Wölkchen am Himmel, und es ging auf Mittag. Sonst verging der Tag nach außen hin, wie auch andere Tage vergangen waren.

Aber es riß ihn hoch aus dem Schlaf in der Nacht. Schauerlich gellte sein Schrei durch das Haus. Man lief mit Lichtern herbei und fand den Knaben mit starren Augen bleich auf den zerwühlten Kissen. Sein Mund stand weit offen. Die Hände zuckten und flohen vor etwas Unsichtbarem.

»Der Hase – – beißt – beißt!« stöhnte er und suchte sich ihm zu entwinden.

»Tausend Hasen! Alles, alles – voll, voll – von Hasen – bis ganz hinten – voll, voll – von Hasen.«

Er hatte sich aufgerichtet.

75 »Ich kenne dich sehr, sehr du – mit dem Gesicht da!!« kämpfte das Kind. »Alle haben sie andere Gesichter. – – – Schrecklich bist du!!!«

Angstvoll ging diese Nacht zu Ende.

Am Morgen erhob sich Walter ganz gesund. Aber es war ein Druck auf Kopf und Herz, der nicht von ihm wich. Der Arzt, der ihn ausfragen wollte, bekam keine Antwort. Der Knabe schwieg ihn mit großen Augen an. Die Mutter fragte ihn insgeheim und gab ihm ein blankes Geldstück, das er liebte.

»Sie hoppeln – hoppeln – immerzu hin –«, antwortete er tonlos. Er sah, wie die Mutter erregt davonging und Tränen mit dem Taschentuch wischte.

»Aber sie hoppeln doch – hoppeln –«, flüsterte er für sich und deutete schwach auf die Felder hinaus. »Sie sind böse – – ich weiß – –«

Und nachts stiegen dann wieder die schweren Träume kerzengerade wie eine unübersehbare Wand vor ihm auf. Hasen – alles voll Hasen. Und der große Hase mit dem besonderen Gesicht überragte sie alle. Zuweilen machte er Männchen. Und hob eine Vorderpfote und drohte so ganz nachdrücklich, indes sich sein Mund zu einem bitteren Lächeln verzog. Und stellte sich wieder auf die Beine, hoppelte hin, hoppelte her. Und die Unzahl der Hasen faltete dazu die Pfoten und wiegte 76 die spitzen Köpfe, die steifen Ohren von rechts nach links, immer hin und her, hin und her. Und auf einmal öffneten sie die Mäuler und schienen zu singen, etwas zu singen was Walter nicht hörte. Das war unerträgliche Traumqual und zwang zum Weinen. Doch als sich das Hasenheer gegen Walter finster zum Angriff in Bewegung setzte, blieb ihm nur der hemmungslose, markerschütternde Schrei . . .

Die durchpeitschten Nächte zehrten das Kind bis auf das Skelett. Ungeheuer empfand er die Schuld, die er durch den Mord an dem Tier auf sich geladen. Es fiel ihm ein Buch in die Hand, das er aufschlug. Und er las ein paar Sätze, in denen gesagt war, daß jede Schuld auf Erden Sühne erheische. Und diese Sühne könne nur dadurch erlangt werden, daß er sein stärkstes Begehren zum Opfer bringe. Er las weiter, las von vorn, von hinten. Aber alles blieb ihm verschlossen, außer diese wenigen Sätze. Was hatte er für Begehren? Was tat er am liebsten? Am liebsten angelte er, grub Würmer, spießte sie auf den blauen Haken und warf ihn ins Wasser; und freute sich namenlos, wenn er ein Fischlein aufs Trockene ziehen konnte.

An diesem Abend, als alles schlafen war, kniete er vor dem Bette und sprach ein kindlich Gelübde. Nie, nie, nie mehr würde er angeln gehn. Nie 77 mehr würde er Würmer graben und spießen, nie mehr Fische fangen. Ein größeres Opfer zu bringen wußte er nicht. Es machte den freudigsten Teil seiner Ferien aus. Aber so unerschütterlich war sein Entschluß, daß, als er sich zu Bett legte und nun die schönen Tage der Freizeit übersah, er sich kalt und inhaltslos angeweht fühlte von der grauen Zukunft, die auf ihn wartete. Er glaubte das beste des Lebens verloren zu haben.

In dieser Nacht kam zu ihm der Hase im gelben Gewand und hatte eine hohe gelbe Haube auf. Er kam ganz allein über ein blühendes Feld. Und zwischen den Blumen blieb er stehen, lächelte mild und verneigte sich. Dann hob er die schmale wollige Pfote und reichte sie zärtlich dem Knaben hin, der die dargebotene hastig ergriff und mit heftigem Aufweinen einen heißen Kuß darauf drückte . . .

Nie war ein Morgen in Walters Leben jubelnder als derjenige, welcher diesem gewaltigen Aufbruch folgte. 78

 


 

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