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Der Lächler von Dunnersholm

Alfred Brust: Der Lächler von Dunnersholm - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lächler von Dunnersholm
authorAlfred Brust
year1931
firstpub1931
publisherGräfe und Unzer
addressKönigsberg
titleDer Lächler von Dunnersholm
pages95
created20120122
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Blonde.

    Die Geister der Väter rufen hinweg die Seelen ihres Geschlechts, wenn sie sie einsam erblicken im Weh.   Ossian; Temora IV

Nach den erregten Worten der alten Frau klapperten die Stricknadeln heftiger. Blonde starrte durch das geöffnete Fenster, ohne den betörenden Frühlingsabend zu sehen. Ihr Blick fiel gräßlich in ihre Brust, und die widerliche Klaue saß ihr schon wieder dicht unterm Kinn würgend an der Kehle.

»Mutter, du kannst deine Worte nie wieder gutmachen«, stöhnte Blonde.

»Hör' zu«, rief die Mutter. »Du bist deinem Gatten wieder entlaufen. Das ist er gewöhnt. Er fand dich, wie immer, hier. Er fuhr wieder nach Hause. »Jetzt ist sie verrückt geworden«, hat er gesagt. Ist es nicht wirklich so?! Geschieden wird nicht! Denn er ist Kantor. Bedenke das! Aber du sollst in eine Heilanstalt. Und dann wirst du gesund.« Die Nadeln klirrten durch die schwüle Stille, und draußen hinter den Bäumen und 44 Häusern brachen sich mit leisem Rauschen die Wellen der Ostsee.

Blonde trat zurück ins Zimmer und blickte schmerzlich auf das Bild ihres Vaters. »Du allein würdest mich verstehen, alter Mann; aufgefressen im Grunde der See von den Fischen und Molchen, die vielleicht schon wieder durch unser eigenes Gedärm spaziert sind.«

»Mein Gott«, schrie die Mutter, warf die Arbeit hin und schlug sich die Hände gegen die Ohren.

»Zwei Aale sogen gierig an deinen Augenhöhlen und die Heere der Lampreten stießen hungrig gegen das blaue Fleisch.«

Die alte Frau weinte auf und wimmerte in sich hinein.

»Und die Knöchlein deiner geliebten Finger, die nie hart waren gegen Mensch und Tier, warfen die Wogen gegen den Strand, wo sie milchweiß bleichten und vielleicht das schöne Kind einer stillen Mutter sie fand, um damit ein wenig zu spielen . . . Ich tat das einmal als Kind auf dem Friedhof.«

Mit weiten Augen sah Blonde in das gutmütige Gesicht des Vaters. Entsetzt, voll Angst verließ die Mutter den kleinen Raum. »Sie ist verrückt – – verrückt geworden«, flüsterte sie immer wieder. »Was fang ich dann bloß an, o Gott!«

45 Blonde war aus dem Zimmer gegangen und stand vor der Tür des Fischerhäuschens, wo laue Abendwinde den Geruch von Fisch und jungen Blüten vorübertrugen. Sie aber achtete auf nichts, sondern griff ihr Leben mit magerer Hand zusammen und entblätterte es wie einen Strauß verdorrter Blüten, indes sie langsam Schritt vor Schritt setzte und sich weit am einsamen Strand verlor.

Nein – es war ihre Schuld nicht, daß sie Hasselborn, den blauäugigen, blonden, hellen nicht geheiratet hatte. Zur Liebe macht der Herrgott uns willenlos und sendet uns dann den Satan mit dem glühenden Prügel! Nicht mal geküßt hat Hasselborn, der verwegene Schiffer, seine Blonde. So heilig rein war sie ihm. Nur Hand in Hand waren die jungen Menschen manchmal durch die Dämmerung gegangen. Das war ihnen schon Himmel genug und übergenug. Aber der Herr Kantor war ein ernster, würdiger Mann. Und so war die Tochter des Fischers Frau Kantorin geworden, war eine stattliche Dame, die viel in all den Büchern lesen konnte und kraft ihres beweglichen Hirns alles Gelesene schneller und tiefer und anders begriff, als diejenigen Menschen, für welche solche Bücher bestimmt schienen. Kinder hatte sie nicht. Dafür bekam sie oftmals Zustände und Visionen. Dabei sah sie einen herrlichen fremden Jüngling, der sich 46 mit schmerzlichem Lächeln zu ihr neigte. Gegen solche Nebenbuhlerschaft war der Kantor machtlos und zweifelte zum ersten Male an der Zurechnungsfähigkeit seiner Frau. – Deshalb nahm er eine Haustochter, eine Waise mit Slawengesicht, schwarzen Haaren und stechenden, braunen Augen ins Haus. Sie war im letzten Kriege von Soldaten in einer zerstörten und verlassenen Ortschaft gefunden worden. Man gab ihr einen neuen Namen und ließ sie irgendwo erziehen. Und war es nicht seltsam, wie dieser Name in beängstigendem Gegensatz zu ihrem Charakter stand? Denn im Mai hatte man sie gefunden. Und so hieß sie also Findchen Mai! Sie trat in die Stube, sah und haßte Frau Blonde mit ihrem ersten Blick, während ihre Augen entsetzlich verderbt auf den Kantor blickten. In diesem Augenblick geschah es, daß die Frau ohnmächtig zu Boden sank, indes ihr am geöffneten Fenster der herrliche, fremde Jüngling zurief: »Sei stark.« Und es ist niemand am Fenster gewesen, sagte der Mann. Er wußte auch nichts von den Blicken der Haustochter; er war zu sehr beschäftigt mit Fugen und Kantaten, als daß er solches hätte begreifen und ausdeuten können. – –

Blonde stand auf der Vordüne und blickte ins Abendrot, das sich langsam nordwärts um den Horizont schob. Sie nahm eine Handvoll Sand 47 und ließ ihn durch die Finger gleiten. Hinterm Ort wurde noch ein Boot heraufgezogen. Rückwärts im Walde balzte ein Hahn auf dem Zuge . . .

So war es gewesen . . . Für Blonde war von diesem Tage an im Kantorhause alles verändert. Langsam geschah die Veränderung, wie der leise rieselnde Sand der wandernden Dünen. Wer immer darüber hinging, merkte es nicht, weil er mitging. Aber Blonde fühlte es wohl, denn sie trug in ihrer Brust den Anker des ewigen Gleichgewichts. Oh – nicht, daß der Mann rücksichtslos geworden wäre. Durchaus nicht! Er war ein rechtschaffener Mensch! Er fand sie im Gegenteil plötzlich begehrenswerter denn je. Er wurde dauernd leidenschaftlicher zu seiner Frau Blonde. Er liebte sie heißer und inniger, wie man so sagt. Und sie hätte unter dieser feurigen Liebe erglühen, erblühen müssen. Niemals hat der Kantor Schlechtes gefühlt und empfunden der Haustochter gegenüber. Er liebte wahrhaftig Frau Blonde vor Gott und den Menschen. Auch nicht der Schatten eines leisen Makels fällt auf diese gutmütige, aber behäbige und ahnungslose Seele.

Zunächst genügte es Blonde, wenn Findchen Mai im Zimmer gewesen war, daß sie das Fenster öffnete und frische Luft hereinließ. Dann aber wurde die Lüftung unzulänglich. Die Gegenstände 48 und Dinge in den Räumen bekamen eine fremde Fühlung, die Blonde als unrein empfand. Und wenn sie längere Zeit in der Nähe des sich rasch und üppig entwickelnden Mädchens sitzen mußte, so bei Mahlzeiten, überfiel sie Frieren und Frösteln, das erst langsam weichen wollte, wenn sie ein dickes Wolltuch übernahm. Unruhiges Tasten kam in die Menschen des Hauses, die vordem ohne niedrige Leidenschaften zusammengelebt hatten. Die Magd, der Knecht, der Lehrer, die Lehrerin – alle waren zunächst nur [durch] ein kaum spürbares Grau verändert, das jedoch rasch wuchs und alles mit unerklärlichen Zentnern belastete. Der freie Blick von Auge zu Auge war gebrochen. Hände zuckten zurück, wie vom elektrischen Schlag getroffen, wenn sie unversehens eine andere Hand, einen anderen Arm bei Tisch berührten. Niemand wußte, wovon er reden sollte, während doch früher zwanglos des Plauderns Strom sich durch die Nachmittage und Abende ergossen hatte. Und dann begannen die schrecklichen Nächte mit unaussprechlichen Träumen und der Furcht vor der sich immer heftiger gebärdenden Leidenschaft ihres Mannes.

Und plötzlich – eines Nachts – begann das Schreien. Blonde war in einen tiefen Schlaf gesunken und lebte in einem Traum, wie das Tagleben nicht wirkungsvoller, gestaltungsreicher sein konnte. Festgeschmiedet auf einem Steinblock lag 49 der Kantor. Schratte und Faune kitzelten ihn mit Ruten bis zu naher Ohnmacht, ließen ihn verschnaufen, um das Spiel von neuem zu beginnen. Blonde rang verzweifelt mit einem Wesen, das sie daran hinderte, ihrem Manne zu helfen. Glatt war dieses Wesen und stach sie mit den Augen furchtbar an. Und als sie mit raschem Griff die Kehle des Wesens zu fassen bekam, erkannte Blonde die Haustochter und begann so unerhört zu schreien, daß ihr Ueberbewußtsein alle Schranken durchbrach, in den schlummernden Körper rann, der mit gräßlichen Rufen das Haus erfüllte. Alles stürzte herbei. Auch Findchen. Und als die weinende Frau das Mädchen erblickte, fuhr sie mit allen Zeichen des Entsetzens in die Ecke des Zimmers und schrie nur immer: »Nehmt sie fort! Nehmt sie fort! Das ist sie ja!« – Der Kantor war bleich und zitterte sehr. Schwere Unruhe lag im Hause, die kein freundliches Wort und kein Choral vertreiben konnte.

Seit jener Nacht hatte Blonde ständig das Gefühl, von der Haustochter gewürgt zu werden. Die schöne Frau wurde bleich und schmal, und die Kolonnen der Lecithine und Vitamine und Malze und Salze marschierten ins Haus. Auch ein Professor aus der Stadt kam, sagte nichts, fuhr ab und schrieb dem Kantor einen kurzen Brief, den niemand zu sehen bekam. Daß Blonde immer wieder die 50 Entfernung Findchen Mais verlangte, war ein offenes Zeichen von Gestörtheit. Denn dieses reizende Mädchen war das Entzücken des Ortes. Sie war still, in sich gekehrt, bescheiden, sittsam. Nie konnte sie mit einem Manne sprechen, ohne tief zu erröten. Und doch lag irgendwo in ihrem Gesicht ein ganz bestimmter Zug, der etwas von einer sehr verborgenen Leidenschaft verraten wollte. Oft kam es vor, daß, wenn Blonde in einem Winkel des Gartens saß, sie sich plötzlich gewürgt fühlte bis zum Ersticken. Dann blickte sie rasch mit Instinkt nach irgendeinem Gebüsch, einer Hausecke – und war es zufrieden, wenn sie die glühenden Kohlenaugen des schwarzhaarigen Mädchens in tiefstem Haß auf sich gerichtet sah. Dreimal war sie ihrem Manne entwichen und ins entfernte Fischerdorf gelaufen zu ihrer Mutter, die den guten Kantor gern mochte. Er hatte Blonde mit einer wahren, besorgten Seelsorgerruhe wieder heimgeführt in das giftdurchsättigte Haus. Und nach dieser Nacht gepeitschter Leidenschaft hatte die Frau alles durchbrochen und es versucht, die elende Hexe mit kochendem Wasser zu verbrühen. Die Haustochter hatte nur wenige Brandwunden davongetragen. Der Kantor nahm das Mädchen weinend auf seine Arme und pflegte sein. Die Orts- und Hausbewohner nahmen eine verächtliche, zum Teil drohende Haltung gegen Frau Blonde 51 ein. Sie war gegangen und wußte, daß sie nie wieder dorthin zurückkehren würde. Die Hexe hatte das halbe Ziel erreicht. Und vielleicht auch schon das ganze . . .

Die Schatten der Dämmerung sanken tiefer über Meer und Strand. Blonde, die müde war, setzte sich auf die Düne und horchte hinein in das eintönige Schälen des bleigrauen Wassers. Einsam flog eine Möwe vorbei und sandte einen Ruf, und sehr niedrig zogen ein paar singende Schwäne auf nördlicher Wanderschaft dahin.

Verloren kam ein Mensch den Strand daher. Es war ein Mann. Den schwimmenden Blick geschärft, erkannte Blonde: Hasselborn! Ihr Herz ging rasch gegen den Rippenkorb. Es war doch seltsam: gerade jetzt er! Doch sie ließ dies falsche Erstaunen fallen, da die Ereignisse des Lebens so sehr viel unwahrscheinlicher ineinander greifen, als in den langweiligen Büchern von Dichtern. Und dann ward sie enttäuscht. Der Mann war nicht der Geliebte ihrer jungen Jahre! Wie sollte er auch! Nicht einmal ähnlich sah er ihm! Er ging vorüber. Und Blonde sank in sich zusammen . . . Wenn jetzt ein Boot anstieße – und sie fortnähme! So ein Boot ohne Besatzung, das von selber über die See fährt, von den starken Geistern Ertrunkener geführt! Doch es kam kein Boot. Nur von ferne kam wieder ein Mensch den Strand 52 daher . . . Ein Mann war es wieder . . . Einer von den einsamen Männern, die am Abend immer wieder stehenbleiben und hinausblicken auf das Meer . . . Und wieder war es Hasselborn! Und ihr Herz ging rasch gegen den Rippenkorb. Und es blieb so rasch und drängte sogar hinauf zum Halse. Es war er doch! Es war er doch!! Er ging näher heran, näher! Er blieb stehen und sah sie an. Sie saß so regungslos wie aus Stein:

»Blonde«, rann ein Wort zaghaft daher.

Sie zuckte zusammen, als hätte sie ein Schwert durchbohrt. Und auch der Mann erschrak. Er sah, daß sie unvollkommen bekleidet war und daß sie keine richtigen Schuhe an den Füßen hatte. Und sie schaute ihm so weh ins hartgewordene, braune Gesicht; und plötzlich begann sie zu weinen – ganz heftig, daß ihr schwacher Körper geschüttelt wurde. Und laut, schneidend laut weinte sie, wie ein Mensch vielleicht nur ein einziges Mal im Leben so tief und alles niederbrechend weinen kann. War es das Weinen, dem der Tod folgt, oder war es das Weinen, welches das endliche Sichbescheiden bringt über die Kümmernisse des nirgends vollkommenen Daseins? . . .

Hasselborn hatte sich neben sie gesetzt und dachte nur immer: »Ausweinen lassen. Tüchtig ausweinen lassen. Ja, ja! Das Leben war gar nicht 53 so einfach!« Das hatte er inzwischen auf fünf Erdteilen und zwanzig Meeren erfahren. Er hatte die Kleidung eines gehobenen Schiffsmannes an, glatte Stiefel, ein weiches Hemd und eine Schirmmütze mit dem blanken Firmenzeichen einer ausländischen Reederei. So zaghaft wie in den jungen Jahren war er nicht mehr. Blondes schmale Hand ihr vom blassen, nassen Gesicht ziehend, sagte er. »Weine jetzt nicht mehr und schweige ein Weilchen.«

Sie stöhnte ein paarmal mit ihrer ganzen Lunge auf und schwieg teilnahmslos. So teilnahmslos auch blieb sie, als er ihre Hand sich an die Wange drückte – und nur als er diese selbe Hand leicht küßte, erschauerte sie schwach. Er sprach ganz leise und ruhig von seinen Fahrten und Abenteuern, wie man zu einem Kinde spricht, das krank ist oder sich nächtens fürchtet. Und langsam begann es sich in der Seele der verstörten Frau zu ordnen. Sie mußte zuhören. Dinge und Ansichten fingen an sich in ihr zu regen. Sie blickte den Geliebten ihrer Jugend an. Sie lächelte manchmal, und ein unbewußtes Vergessen breitete seine wohltuenden Schleier über das jammervolle Geschick. Seine sanfte, heitere Rede floß ihr mild ins Herz. Kunde von fremden Menschen, Meeren und Ländern entfernte sie immer mehr von der Gegenwart. Und 54 nach einer Stunde, als auch sie leise begann Sätze zu formen, war es ihr, als ob sie von einem Leben und Leiden spräche, das ihr nur bedingt angehöre. Wind hatte sich gehoben, und die Brandung überdröhnte Frau Blondes schwächliche Stimme. Sie gingen hinter die Vordüne, wo es ganz still war, und sie sprachen tiefer, inniger miteinander, ohne zu wissen und zu fragen nach Zeit, Umstand und Ort. Heiß rührte es sich in der Seele des jungen Seemannes bei ihren Worten. Er verwünschte es, in Europa zu sein und diesen schweren Fall nicht in irgendeinem fernen Winkel der Erde persönlich von Mensch zu Mensch austragen zu können. Er hatte hier keine Rechte und keine Handlungsmöglichkeit. Diese Frau war Eigentum ihres Mannes. Eine ganze Ortschaft sagte gegen sie aus. Man würde sie einsperren. Ein schrecklicher Weg, der dem Weibe bevorstand. Vielleicht hatte sie ihn noch gar nicht durchdacht. Rechtsgefühl und Ohnmacht trieben ihm das Blut ins Gesicht. Stürmende Gedanken suchten hundert Auswege und fanden keinen.

»Da so immer weiter hinausfahren aufs offene Meer«, hatte sie gesagt. Der Satz blieb ihm nebenher im Gehirn hängen. Er wiederholte ihn für sich mehrmals, ohne an seinen Inhalt zu denken. Aber ganz plötzlich blitzte er ihm im 55 Bewußtsein auf, und er wollte es versuchen, Blonde vorsichtig darauf vorzubereiten. Er würde schon am Morgen mit dem Motorkutter nach dem Hafen fahren, wo sein Schiff auf ihn wartete, und es würde ihm leicht sein, die Jugendgeliebte bis zur Abfahrt nach Uebersee dort zu verstauen. Seeleute haben für Gerechtigkeit ein besonders ausgeprägtes Gefühl. – Blondes Durchbruch würde für die ganze Besatzung ein Triumph sein. Es war dann ja gleichgültig, in welchem Erdteil, an welcher Küste er Blonde ein kleines Heim schaffen würde – es kam Hasselborn, wie allen Seeleuten, nicht so genau auf Menschen und Umgebungen an. Das einzig Richtige zu Ende zu führen war die Hauptsache – durch Sturm und Sturzsee . . . Bei seiner selbstverständlichen festen Sprache, bei der unerschütterlichen Sicherheit seines straffen Wesens fühlte sich die unglückliche Frau zum ersten Male seit dem Tode ihres Vaters in der Nähe dieses Mannes sicher und geborgen. Alle unreinen Kräfte waren von ihr gewichen. Sie atmete leicht und frei und konnte auch ein wenig lachen. Plötzlich warf sie die Arme empor und reckte sich, und als sie sie wieder sinken ließ, schrie sie erschreckt auf und fuhr mit der Hand tiefer in den weichen Sand. »Mir fiel der Ring vom Finger«, rief sie schnell. »Er war so groß geworden« . . . Sie suchten 56 beide voll Eifer. Und Hasselborn zündete kleine Pechhölzer an; denn es war dunkel geworden und die Sternenaugen hatten sich längst eins nach dem andern aufgetan. Aber der Ring, ihr Trauring, war nicht mehr zu finden. Sie wurde wie von einer Beklemmung über ein unangenehmes, wehes Ereignis angerührt; doch wußte sie ihr Empfinden nicht zu deuten und erkannte nicht die Botschaft der Geister. Ihr wurde unendlich weh zu Mut. Und aus diesem Gefühl heraus verströmte sie eine Stimmung, welcher Männer den Einsatz ihrer großen Kraft entgegenbringen, wenn es ihnen an überzeugenden Worten des Trostes mangelt.

»Wir zwei gehören fortan zusammen, Blonde«, sagte Hasselborn und umfing ihren schmalen, gebrechlichen, entkräfteten Leib. »Niemand soll dir mehr ans Blut.« Sie war viel zu schwach, den Stürmenden abzuwehren. Und diesem Manne war sie heilig. –

Die Nacht duftete lau. In der Ferne ging das erste Lenzgewitter vorüber. Es stand nicht zu befürchten, daß es herüberkam. Es trieb hinaus auf See und konnte wohl für ein paar Stunden ein aufgeregtes Meer verursachen. Nötigenfalls wollte er einen Wagen mieten, der sie am Morgen nach dem Hafen bringen sollte . . . In manchem Augenblick, wenn Blonde den letzten Tag und diese Nacht 57 überdachte, erschrak sie vor der Fremdheit aller Geschehnisse, die auf sie zugekommen waren. Zuweilen stiegen bleiche Zweifel in ihr auf, ob sie sie selber sei. Es war doch fremder Odem und fremdes Nervensystem, was da in den Kreislauf ihres Körperatmens getreten war. Dann aber fühlte sie wieder, daß sie sich kühnem Handeln unterzuordnen hätte. Der Rhythmus, in den sie geraten war, fiel unter das Gesetz der Kraft . . .

Als vom Dorf her die ersten Hähne krähten, führte Hasselborn die Geliebte auf die Düne und zeigte ihr eine Landzunge in einiger Entfernung, wo er Blonde in drei bis vier Stunden abholen wollte. Der Möglichkeit eines schweren Seeganges würde er dadurch die Spitze bieten, daß er um dieselbe Zeit auf dem die Landzunge berührenden Wege mit einem Fuhrwerk erscheinen könnte. Bis dahin sollte sich Blonde im Gebüsch aufhalten. Zur Stärkung gegen den kühlen Morgen ließ er ihr Tabak zurück. Seine Wolljacke hatte er ihr bereits übergezogen. Für alles andere wollte er inzwischen sorgen. Er war sehr fest in seinem Unterfangen und verließ das bedauernswerte Weib so rasch, daß es ihr schon wieder weh tat . . . Blonde fühlte sich beklommen, so zwischen den Büschen ihrem neuen Ziele entgegenwandern zu müssen. Sie fühlte sich unfrei in diesem halben Versteck, aus 58 dem sie Rehe scheuchte, in dem sie die Vöglein störte. Deshalb ging sie über den Sand an das Meerufer. Das Nachtgewitter mochte sich draußen entladen haben. Die Wogen, die sich gegen den Strand wälzten, zeigten weiße Schaumkronen; sie gingen weit ausholend in langen Abständen hintereinander her. Die Brandung rollte böse. Noch unterm Himmel segelten schnelle Wolken dicht bei dicht und viel zerklüftet. Die ganze Landschaft sah so seltsam hungrig aus, denn der dunkle Uferwald schien all die Wolken Stück für Stück in sich hineinzufressen.

Wieder zog der Wind etwas an. Da sah Blonde eine bleigraue Wand fern im Wasser stehen, die sich rasch und düster näherwälzte. Das war Seenebel; also würde Hasselborn mit dem Fuhrwerk kommen.

Blonde hielt inne im Schreiten und blickte mit breiter Stirn gegen die herandrängende Wand: »Hasselborn. Der Kantor. Findchen Mai. Die Mutter . . . Herrgott, das sind doch alles Menschen, Menschen aus Fleisch und Blut!« Etwas in ihr entsetzte sich über die Weite des Weges, den ihre Seele in abzuzählenden Stunden zurückgelegt hatte. Und sie hatte einen neuen Mann; vielleicht und sehr wahrscheinlich den Mann ihres verstörten Lebens! Ihr Herz gestattete ihr eine große 59 Geste in die Ferne, aber vor der Unausdeutbarkeit dieser Geste sank sie erschöpft zusammen. Denn sie fühlte, daß ihr die Grundlage zu solcher Geste nicht eignete. Sie lag auf den Knien und fiel auf die Seite, und während sie sich mit allen übriggebliebenen Kräften gegen einen heranbrausenden Schlaf sträubte, ritten die stolzen Schwadronen der Nebelrosse in grauer Kavalkade über sie hin. Ihre Zahl war Legion und unabsehbar. Die wilden Mähnen flogen, und die vollen Schweife peitschten die schlanken Flanken. Fast war es Blonde, als ob sie geschlafen hätte und noch ein wenig schliefe. Es waren unaussprechliche Kräfte in ihr wach geworden. Sie konnte sich erheben und dichter herantreten ans Meer. Ihre Augen waren groß und steif in die wogende Welt gerichtet. Sie erkannte ganz deutlich Linien und Gestalten – vielleicht, daß das volle Maß ihres Leides ihr plötzlich die irdische Binde löste zu höherer Schau, vielleicht auch, daß sich ihr Geist zerbrochen hatte und das gesprungene Mosaik ihres Hirns umeinander wirbelte.

Ein Bernsteinsucher hat ihr im Rücken gestanden und gehört, was sie hinausrief gegen das stürmende Heer der Nebel. Ihr volles, flachsblondes Haar hatte sich gelöst und flatterte seitwärts im Winde. Die Arme hielt sie stürmisch gebreitet, und 60 die Hände gleich geöffneten Schalen emporgehoben. In ihrer Stimme lag Donner, Klage, Weinen und Jauchzen. Sie donnerte gegen die Teufel, die in Menschenleibern hausten und die Seelen schwächlicher Geschlechter verheerten. Sie klagte um einen Geliebten, der hinaus war in der Welt, einsam das Glück zu suchen. Der Traum der Jugend war verrauscht, der Geliebte kam wieder: ein starker Mann, aber ach! ein kleiner, kleiner Geist. Und sie weinte um alle Verlorenen auf dieser Erde, die wie Staub im Sturm dahinfegten in ihrer Zeit, im Wasser ersoffen oder zur Erde gepreßt wurden, um jahrtausendelang nichts weiter zu sein als graue Erde. Aber sie jauchzte über die geöffneten Tore des Himmina und neigte das Haupt, um in Demut über die Schwellen zu schreiten, empfangen von einem herrlichen, fremden Jüngling, den sie nun zum dritten Male erblickte. –

Ein Mensch aus den Wolken beugte sich her – der Bernsteinfischer erzählt es – und hob sie auf und stützte sie. Der Mensch aber, so sagte der Mann, sei der Schatten ihres ertrunkenen Vaters gewesen. Und sie schritt barfüßig hinaus auf das geklärte Meer. Die Wogen glätteten sich vor ihrem Schritt. Und als sie die Arme breitete, geschah ein Gurgeln, Wispern und Schäumen in den bewegten Wellen. Aber Frau Blonde sei 61 nicht in den Abgrund gegangen, sondern nach oben, nach oben! – Strümpfe und Pantoffeln, beides zweifelhafter Natur, war alles, was von der irdischen Existenz Frau Blondes gefunden wurde. –

Doch der Bernsteinsucher war ein alter Seemann, der in seinem Leben viel gesehen und gelogen hat. Er hieß Himp und hielt es mit jener Art Geister, die aus Flaschenhälsen steigen und sich über Gehirne breiten. Kann man ihm glauben? – 62

 


 

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