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Der Lächler von Dunnersholm

Alfred Brust: Der Lächler von Dunnersholm - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lächler von Dunnersholm
authorAlfred Brust
year1931
firstpub1931
publisherGräfe und Unzer
addressKönigsberg
titleDer Lächler von Dunnersholm
pages95
created20120122
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Visionen des Fischers Himp.

Selbstredend gab es in Dunnersholm auch Menschen, die daran zweifelten, daß der Seefischer Anders Himp zuweilen Dinge sah, deren Existenz nur einer ganz bestimmten Sorte von Hellsehern und Propheten bekannt ist. Man sprach ihm das Vermögen ab, unirdische Vorkommnisse zu erlernen. Nur ein gewisser Kreis von Fischern und Tagelöhnern glaubte an seine Begabung, weil er zweimal Bootsunfälle vorausgesagt hatte, die dann mit beängstigender Genauigkeit eingetreten waren. In Wirklichkeit hatte Himp diese Bootsunfälle abgeträumt; daß er sie in der Luft »gesehen« haben wollte, war lediglich ein Ausbruch seiner Phantasie, die er so oft zum besten gegeben hatte, bis er schließlich selber daran glaubte. Einmal war er mitten auf dem Fischerwege stehengeblieben, hatte das eine Auge zugekniffen und mit dem andern ein seitwärts vom Wege ausgesetztes Nachtgefäß aufs Korn genommen: wie war es bloß gewesen mit dem Gesicht? – Die Geschichte floß durcheinander. Er 27 konnte sich nicht erinnern. Dichtung und Wahrheit waren einfach nicht mehr auseinander zu halten.

Doch von seinen richtigen Visionen, die ein Geist, von dem noch zu reden sein wird, ihm offenbarte, hatte Himp niemals gesprochen. Diese Visionen hatten sich bei ihm sehr langsam im Laufe des zunehmenden und des abnehmenden Lebens eingestellt. Wenn er sagen sollte, wie das alles gekommen war – er wußte es selbst nicht. Es war von selber in sein Dasein geflossen, ohne seine Hilfe sozusagen. Die großen Segler, auf denen er die Weltmeere befahren hatte, waren eine kitzliche, waren eine langweilige Sache gewesen. Zwischen dem Glasen das Feuerwasser – richtig! so fing's an!

Auf der Reise, die seine letzte sein sollte, hatte er verteufelt gut abgeschnitten. Es war etwas seitlich von Buenos Aires gewesen. Ein geringfügiges Erlebnis auf Hieb und Stich. Die Rückfahrt nach der Heimat konnte er schon als Passagier antreten. Hier kaufte er sich ein Häuschen, legte ab und zu ein paar Netze; doch besonders befaßte er sich mit der Bernsteinfischerei. Er fand mit glücklicher Hand hervorragende Kapselungen, die er für gutes Geld an das Bernsteinmuseum in Königsberg verkaufte . . . Der Grog ging ihm sehr leicht an den Mund; je mehr er zu Geld kam – desto leichter. Es kam eine Zeit, da tauchte er jeden Abend die Nase so voll ins Glas, daß er Schlag 28 zehn von den Kumpanen besinnungslos nach Hause getragen werden mußte. »Wie gut, daß ich kein Weib hab'«, dachte er am anderen Morgen, und war tagüber an der See, um abends wieder seine Passion zu erleben . . . Doch es kam eine Zeit, da hörte dies Leben auf. Der starke Wechsel der Stimmungen wurde ihm unerträglich. Der dauerhafte Zustand, in den er sich versetzte, war eine ständige, leise Besoffenheit, die er auch nächtlicherweile, wenn er erwachte, durch einen saftigen Hieb aus der Flasche angemessen stützte. Sein Gang wurde steif und saß im Oberkörper seltsam sicher. Sein Blick stand stier und leicht verschleiert. Sein Schlaf war fest und traumlos; aber im Augenblick des Erwachens drängten sich ihm Bilder von unerhörter Lebhaftigkeit auf. Mitunter waren diese kurzen Träume so schreckhaft und natürlich, daß er mit lauten Schreien vom Lager auffuhr – mit Schweiß benetzt – und beseligt niedersank zur Erde, als er sich auf dieser Welt lebend wiederfand. Eines Morgens jedoch begann das Leben unangenehm zu werden. Als er sich langsam erwachen fühlte, stürmte ein Heer von Mäusen über ihn hin und bekroch ihn, daß ihm die Sinne zu schwinden drohten. Es war ein furchtbares Ringen. Nur schwer ließ sich der hartnäckige Vorhang von den Augen reißen. Er sah in den Spiegel und starrte in sein entsetztes Gesicht. Und dieses kribbelnde 29 Gefühl am ganzen Körper verfolgte ihn durch alle Stunden des Tages. Jetzt fürchtete er den Schlaf. Mäuseangst jagte ihn unruhig durch die Zimmer seines kleinen Hauses. Er hatte ein Empfinden von Dankbarkeit, als die Nacht glücklich vorbei war. Aber eines Morgens stand ihm der Mäusetraum in voller Größe wieder vorm Gesicht. Jetzt kam Mäuseangst über ihn wie noch nie. Er sah in die Ecken, er blickte unter die Möbel, zögernd nur betrat er Boden, Keller, Kammer und Stall. Er wußte, er würde steif vor Grausen werden, wenn ihm auch nur eine kleine Maus vor Augen käme.

Jetzt wurde die Flasche schneller leer, und der Mäusetraum kam nicht wieder. Nur die Angst war geblieben und steigerte sich am Abend bis zur Unerträglichkeit. Und eines Tages, in der Dämmerung, als er sich einem starken Wogen seiner Gedanken hingegeben hatte, ersah er zu seinen Füßen eine sitzende Maus. Das Mark gefror ihm. Lähmung schraubte ihn auf den Sitz. Gräuliches Entsetzen kroch ihm den Rücken hoch. Da!! Da!!! Es gurgelte in seiner Kehle. Die Augen quollen ihm aus dem Kopf. Mit gräßlichem Schrei riß er sich aus dem Bann, ergriff die Tischlampe und schleuderte sie gegen das Geschöpf, das er sah. Dann heulte er laut auf und weinte eine Stunde. Und als er aufblickte nach dieser Stunde 30 – saß das Tier in halber Höhe der Wand. »Satan«, brüllte er und schüttelte die Fäuste. Und nach einer Weile, sich umschauend, mit bleichem Munde: »Da . . . Da . . . Da – ist sie wieder . . . Da! Da!!« Er verfolgte die vermeintlichen Bewegungen der Maus mit dem Zeigefinger. Dann – nach der anderen Seite des Zimmers gewendet – stieß er ein schrilles Gelächter aus. »Hier! Hiiiier! Dadadada ist sie!!! Heiheiheihei!!!«

Nur im Hause kam ihm die Maus zu Gesicht. An der See war die Luft rein. Und da es Frühling wurde, beschränkte er den Aufenthalt in seinem gefürchteten Heim bis auf das Notwendigste. Aber da geschah, daß, als er sich eines schönen Vormittags ins Boot setzte, ihn ein ungeheurer Schwarm kleiner, silberner Fliegen überfiel. Sie umwirbelten ihn auf und nieder mit einer Geschwindigkeit, daß ihm die Ohren sausten und ein Gefühl ohnmächtiger Schwäche sich ihm ins Hirn preßte. Er schlug mit den Händen nach den schwärmenden Insekten, ohne auch nur eines zwischen die Finger zu bekommen. Die Fischer aus den Nachbarbooten und die Frauen vom Strande sahen ihm verwundert zu. Und als ihn jemand anrief: »Anders, was is?«, erschrak er tief und hielt in seiner Abwehr inne. »Jaja –«, sagte er schnell, »wieder, wieder so ein Gesicht!« – Man 31 bestürmte ihn mit Fragen. Er wehrte entschieden und geheimnisvoll ab. »Wie bekommt man so was?«, fragte ihn ein blonder Jüngling mit gläubigem, bewunderndem Aufblick. Anders Himp nickte mehrmals leise mit dem Kopfe und sprach mit feierlichem Ernst: »Ohn' Fleiß kein Preis, sag' ich dir, Jung!« – Er stöhnte noch einige Male auf. Dann ging er über den Trockenplatz langsam ins Dorf. An diesem Tage fuhr kein Boot hinaus, die Netze auszulegen.

Doch mit der Zeit verschwand die Maus, wie von der Katze weggefressen. Und die Schwärme der silbernen Fliegen nahmen langsam ab. Himp atmete auf. Er saß fest im Grog wie der Reiter im Sattel. Die Zügel seines Vorhandenseins lagen in seiner breiten Klaue wie das geteerte Ankertau im Spill. Leider hatte er es seit kurzem mit einer blödsinnigen Klebrigkeit auf der Zunge zu tun. Er wollte darauf zuerst nicht achten. Doch er mußte, bevor er den Mund zum Sprechen öffnete, die Lippen und Backen heftig in die Mundhöhle ziehen, um die Zunge zu befreien. Manchmal auch, wenn er unbeobachtet war, streckte er die Zunge so weit wie möglich aus dem Halse und, indem er sie wieder langsam einzog, kratzte er mit den oberen Zähnen den vermeintlichen Kleister ab und spie ihn mit heftigem Ekel gegen die Erde, daß es klatschte. Und eines Tages gewahrte er, daß ihm Fäden auf der 32 Zunge gewachsen waren, lange dünne Fäden, die sich zwischen den Lippen fühlen ließen. Da ward ihm vom Rachen aus schrecklich beklommen zumute. Und mit der trockenen Hand riß er die Fäden heraus und blickte in die Scherbe des aus Mäuseangst zerschlagenen Spiegels. Es floß kein Blut, aber er fühlte ganz deutlich, wie rasch die Fäden nachwuchsen und immer länger und länger wurden. Ihm klappten die Zähne aufeinander, daß es an den Wänden nur so schallte. Und durch seinen Leib fuhr jener Schauer, von dem man sagt: der Tod rennt durch die Glieder. Er taumelte zum Schrank und griff sich eine Flasche Rum. Sie war verlackt. Mit zitternden Händen nahm er den Korkheber: Huipack! Er ließ sein Gesäß in den Sessel dröhnen. »Rietz!«, rief er und setzte die Flasche mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit auf den Tisch. »Helf! Helf!«, stammelte er und schlotterte mit den Beinen.

Mit dem Knall des Pfropfens entsprang dem Flaschenhalse ein bläulicher Dunst, der sich sofort durch das ganze Zimmer gleichmäßig entbreitete. Zugleich machte sich ein scharfer Geruch bemerkbar, von dem Himp wußte, daß er mit demjenigen des Schnapses nicht identisch war. Er steckte die Oellampe an, denn der Abend schattete ins Zimmer, und stellte vor die Fensteröffnung einen Kistendeckel. Als er sich nach dem Tische kehrte, durchschreckte er 33 aufs neue. »Hoi«, rief er und erblickte ein Wesen, das sich aus dem Dunst geformt hatte, seltsam anzuschauen war und wie ein Pfropfen in der Flaschenöffnung steckte. Es machte schwimmende Bewegungen im Raum und schwebte infolgedessen langsam dahin und daher. Von Augenblick zu Augenblick wurde dieses Gespenst deutlicher. Es hatte ein richtiges Gesicht, das sich heftig bemühte, weiß auszusehen, doch den schwärzlichen Glanz der pockennarbigen Haut nicht verbergen konnte. Zu seiten der Stirn hatte es zwei daumengroße Wülste, wie ein großer Gelehrter, dessen Weisheit mit Macht aus der vorderen Schädeldecke herauswächst. Die Hände waren schwer mit Golde besäet. Nur die Füße fehlten. Sie waren einfach ein Schwanz, der im Flaschenhalse saß.

Himp stand regungslos, die Hände verkrampft auf der Brust, darinnen sein Herz wie eine Nähmaschine surrte. Unheimliche Angst kroch über ihn hin, und es war ihm, als sei durch ihn der Länge nach eine Lanze gesteckt, vom Scheitel bis auf die Sohle hindurch. Aus jeder Pore seines Leibes traten dicke Schweißtropfen. Und von der Stirn fielen sie so dicht, daß ihm die starren Augen schwammen und brannten. Er empfand den Geruch dieses Schweißes in der Nase. Es war der Geruch von richtigem Spiritus. Himp überkam ein rasendes Grausen, zumal das Wesen über dem Tisch 34 ihn mit Augen der Leere und des Todes tiefer und tiefer ansah, indes sich der Mund seltsam verschob – zu einem Lächeln, das keine Seele sandte. Jeder Nerv des zernichteten Säufers schrie das Ende dieses regungslosen Verharrens herbei. Und endlich, endlich öffnete das Rauchgespenst sein verfluchtes Maul.

»Ich bin gekommen, dir zu helfen, Freund. Verdorrt sind fortan die Fäden auf deiner Zunge. Und sie wird glatt und schnell sein wie Oel, bis an das Ende deiner Tage und Nächte.«

Himp bewegte den Mund. Seine Zunge schoß glatt zwischen den Lippen hervor. Er hatte Mühe, sie im Gehege der Zähne zu halten und schwieg – nunmehr verwundert – weiter.

»So tu mir deinen Gegendienst, Bruder, und löse mein Gebein aus der engen Hülle.« – Aber Himp wußte nicht, wie dies zu beginnen sei und fuhr mit der Hand über seine tropfende Stirn.

»Berühre dieses Gefäß, in dem ich stehe, mit dem Willen, den stärkenden Trunk zu tun.« Der Geist wich weit zurück vom Tisch, um dem Zaudernden den Entschluß leichter zu machen. Der nahm sich ein Herz und trat an die dunstende Tafel. Und da es ihn gierte nach einem Schluck aus der vollen Flasche, griff er geschlossenen Auges danach und tat einen tiefen Zug. Als er die gläserne Hülle des Trunks wieder aus den Händen gestellt und die 35 Augen geöffnet hatte, saß vor ihm im andern Stuhl das Wesen, jetzt mit leibhaftigen Beinen und Blicken.

»Das tat gut«, sagte der Teufel in Menschengestalt und feixte in sich hinein. Dann reckte und streckte er seine Glieder, deren Formen sich zuweilen festigten, jedoch zuweilen flüchtiger wurden.

»Nimm Platz, alter Freund«, wurde Himp angeredet. »Ich habe lange auf diesen Tag gewartet. Aber du warst noch nicht reif vordem, M–M–Menschen unseres Geschlechts zu sehen. Nun du vollkommen bist, erblickst du mich in deinem Gesicht. Ich bin gekommen, dich tief zu erleuchten.«

Himp war schwach geworden von der Anstrengung durch den Schreck. Er ließ sich zögernd auf eine Stuhlecke sinken, sein Gegenüber verstohlen im Auge behaltend. Ihm war so unbestimmt zumute, als müsse der Abend noch einen unerwarteten Abschluß nehmen.

»Bei dem Menschen, dem ein Geist besonderer Ordnung (gleich mir!) erscheint, knallen die Pfropfen nicht mehr, sondern entweichen lautlos aus den Hälsen der Flaschen«, lehrte der graue Besucher. »Und dein Körper, wenn er zu Ende gelebt hat im zersetzenden Leib, läßt keine Spur auf der Erde zurück, sondern wird flüchtig wie reiner 36 Aether und zieht hin als ein Wölkchen in die Reiche der lagernden und der wogenden Nebel.«

Mit einem Gefühl nahender Ohnmacht sank Himp gegen die Stuhllehne. Die zitternden Augen gegen den Sprechenden gerichtet, stammelte und lallte er: »Nicht – nicht sterben . . . Noch nicht sterben! Noch nicht!!« –

»O nein«, kam die Entgegnung, mit ironischer Festigkeit. »Du lebst noch lange, lange. Mir ist sehr daran gelegen – jetzt, wo du mich siehst. Ich war schon oft hier – doch es mangelte dir an der rechten Reife.«

Himp ward mutiger zu Sinn bei diesem Zugeständnis auf lange Sicht. »Und gerade die Flasche, die ich bekomme – – unter tausenden, wie finden Sie die?«

»Wir Geister unserer Ordnung kennen die Flaschen, in die wir eingehen wollen. Wir kennen die Menschen, die einst unsere Pfropfen lösen werden. Ein Steuerruder sitzt unsichtbar an allen Gebinden und Gläsern. Wir wissen es stets, uns in die rechten Hände zu geben.«

»Hum! Hum!«, machte der Fischer.

»Uebrigens: Sie!«, fuhr der Besuch aus der Flasche fort. »Wir kannten uns schon einmal im Leben. Deshalb sollten wir uns duzen. Zumal: wir sind jetzt wirkliche Brüder im selben Geist. Und wenn deine Tage zu Ende sein werden, komme 37 ich dich richtig holen. Neieiein – du sollst dich nicht wehren. Die kleine Aufmerksamkeit versteht sich von selbst. Die lasse ich mir dann keineswegs nehmen.«

»Wir – im Leben – gekannt –«, stotterte Himp und sah dem Biedermann gründlich ins Gesicht. Mund und Nase – hm, man konnte schließlich nicht wissen. So recht zu erinnern vermochte er sich ja nicht. Womöglich aber wollte ihn auch der Teufelsspuk narren. Es war doch dumm für einen erfahrenen Seemann, der dem Klabautermann ins grüne Auge gesehn, sich wie ein Schüler schüchtern zu lassen. Er ließ den Blick durchs Zimmer schweifen – vielleicht, daß er zum Wurf einen passenden Gegenstand erblickte. Der Unhold aber hatte in seine Gedanken gesehen. »Weshalb denn aufbegehren, Freund! Deine Gebärde ist unschön.«

Himp erhob sich. Er ergriff die Flasche und wog sie bedeutsam in der Hand. Dann trat er dicht an das Gegenüber heran und fragte mit eisiger Bestimmtheit, die Unheil kündete: »Wo haben Sie mich gekannt, Herr – oder Knecht!?«

Der dunkle Besuch wuchs aus seinem Sitz, ohne sich zu erheben. Ein bitteres, hämisches Lächeln glitt über seine Züge. Er reckte sich leise dem Ohr des Fischers entgegen und stach die Worte wie scharfe Messer ihm singend ins Herz: »Es 38 war – – es war – – ein wenig seitwärts von Buenos Aires – – so ein ganz geringes Erlebnis auf Hieb und Stich.« Der näselnde Ton stand lange in der Luft . . . Auf dem gebeugten Schädel sah Himp eine klaffende Wunde, und die zurückgeschobene Kleidung entblößte einen harten Stich zwischen den Rippen der linken Brust. Der versoffene Kautschukhändler war es, mit den gestohlenen Goldbarren im Sack! Er war es wirklich, oder sein Geist, seine Erscheinung – oder was wußte Himp, was das war! Hieb und Stich hatten gesessen. Nach dreißig Jahren noch waren sie frisch und feucht. José Bracca war sein Name gewesen. Sein Blut hatte nach Schnaps gerochen. Himp erinnerte sich dessen ganz genau. Haha! Also mit Hieb- und Stichwunden turnten die Menschen im Jenseits herum! Das war heiter. Himp schüttelte sich. Sein Entsetzen war völlig gewichen, auch sein Verwundern war im Abnehmen begriffen. Eine leise, bohrende Wut kroch ihm über den Rücken. Und ganz plötzlich, mit der vollen Wucht seiner Kraft, hieb er die Flasche aus seinen Händen gegen das dunstige Wesen. Dieses aber wich mit scharfer Pünktlichkeit genau die Spanne aus, die nötig war, um nicht getroffen zu werden. Himp erkannte im Augenblick, daß jede Gewalttätigkeit zwecklos verlaufen würde. Er sprang mit einem Satz zur Tür hinaus, sie hinter sich werfend, 39 stand auf der Straße und rannte mit nie gehabter Hast die Fischergasse hinunter. Er sah nicht die kopfschüttelnden Menschen vor den Häuschen. Er sah nicht, wie vor seinen dröhnenden Schritten Kinder, Hunde und Katzen auseinanderstieben. Die Dämmerung kam tiefer. Er wünschte nur in eine blendende Lampe zu stieren.

»Und damit, lieber Bruder«, sagte José Bracca, der gelassen neben dem Stürmenden hinschritt, »damit öffne ich deinen Blick für die Umgebung unserer Welt.«

Himp verzagte vollends. Also der Teufel hetzte ihm nach. Somit konnte er ihm nicht entrinnen. Aber er vermochte es sich nicht zu versagen – und hieb plötzlich auf offener Straße mit beiden Fäusten auf Herrn José Bracca ein, fürchterliche Flüche aus seinem Munde werfend. José entwich und blieb, scheußlich grinsend, in einiger Entfernung stehen. Und als Himp niedergeschlagen zur Erde blickte, lähmte ihm doch ein nagendes Grausen jedes Glied. Er stand und starrte mit runden Augen in eine neue Umgebung. Kröten, Frösche und Schlangen bedeckten den Weg vor seinen Füßen, hüpften, ringelten und fraßen Insekten, die zu klebrigen Massen zusammengeballt waren. Zu Seiten des Weges standen baumhohe Nesseln und verwehrten jedes Enteilen nach der Seite. Himp straffte den Körper und nahm die Kraft seiner 40 Augen zusammen. Da sah er die Landschaft und den José Bracca zittern, und die Umrisse der Häuser traten wieder hervor. Und ein Kreis Neugieriger umstand ihn . . . Er ging ganz rasch in die Schnapsbude, die am Ende der Straße lag, goß Stärkung in seinen Leib und bohrte den Blick in das blendende Licht einer Lampe. – – –

Der Kampf war ungeheuer. Himp warf sich wie einen Spielball zwischen Wachsein und Trunkenheit hin und her. Die Hauptsache war ihm, daß er seine Augen dauernd auf ein Licht gerichtet hielt. Tagüber blickte er in die Sonne. Und wenn der Himmel bedeckt war, setzte er sich in eine dunkle Kammer seines Häuschens und starrte in den brennenden Docht der Lampe. Oft glückte es ihm so mehrere Tage lang das José-Gespenst nicht zu Gesicht zu bekommen. In ganz kurzer Zeit war er so abgemagert, daß seine Haut durchsichtig schien. Seine Kleider hingen ihm wie große Tücher um den Leib. In seinem Antlitz bekam er das Aussehen eines dämonischen Sehers, denn das viele Licht, das die Augen aufnahmen, strömten sie auch wieder in die Welt hinaus. Aber José bewachte immer eifriger die Schritte seines leidenden, gepeinigten Mörders. Er freute sich auf die Stunde des endlichen Eingehens dieses Entarteten. Und als diese Stunde gekommen war, geschah etwas Unerwartetes.

41 Es war mitten am Tage auf dem Trockenplatz. Mit der gewaltigen Kraft aller Höllen stürzten die schaurigen Gesichte noch einmal über Himp. Er sah entgeistert in das wogende Meer der abweltigen Begebnisse. Es brannte in ihm eine Sucht, in diesen Abgrund zu fallen, sich tragen, gleiten, wiegen zu lassen, und in den Schößen gleißender Königinnen den Kopf zu betten. Zu oft hatte er erkannt, daß dieses alles nur eine säuische Maskerade war. Aber er hütete sich vor scharfem Blick. Nur einmal selig Vergessen mochte sich über ihn breiten. Und der Geist aus der Flasche hob zum letzten Hinabstoß die Hände! Da – – – riß Himp den Kopf empor und erblickte himmelwärts ein leichtes Wölkchen. Auf ihm ruhte ein Kindlein mit Flügelchen an den Schultern. In dem Bruchteil einer Sekunde durchfuhr Himp ein niegehörter, doch seltsam bekannter Ton und erfüllte ihn mit unermeßlicher Seligkeit – – – so unerträglich heiß, daß er einen Schrei ausstieß, dessen Gräßlichkeit nie wieder vergessen wurde von allen, die ihn gehört hatten. Er hielt die Arme bittend nach oben gereckt. Rasende Angst zerklüftete sein hohles Gesicht. Dann stürzte er vornüber auf die Erde und rührte sich nicht.

Fischer und Frauen eilten herbei. Sie legten ihn auf den Rücken. Aus des Säufers Antlitz aber strahlte eine Verklärtheit, vor der sich das 42 abergläubische Volk fromm entsetzte und sein Andenken als das eines Erlösten ehrte. Die Menschen brachten ihn in sein Haus. Aber dieses Haus brannte ab in derselben Nacht. Ein fremder Wanderer, der gerade vorüberging, drang durch den Qualm und rettete die Leiche. Und er nahm ein Tuch aus der Tasche und band die seitwärts liegenden Hände des Toten auf der Brust wie zum geschlossenen Gebet zusammen. 43

 


 

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