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Der lachende Koffer

Hans Ostwald: Der lachende Koffer - Kapitel 3
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typemisc
authorHans Ostwald
titleDer lachende Koffer
publisherPaul Franke Verlag
printrun1.-10. Tausend
year1928
correctorreuters@abc.de
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Stimmen über den Kaufmann

In der Einleitung habe ich auf die Stimme der Großen über den Kaufmann hingewiesen (Bibel, Homer, Shakespeare, Goethe u.a.). Da hier nur die erheiternden Äußerungen über die Kaufleute mitgeteilt werden sollen, also keine Kulturgeschichte des Kaufmanns geschrieben werden soll, mögen hier einige etwas barocke und stichelnde Charakteristiken genügen. Schließlich fehlt auch die haarscharfe Satire nicht, die Mark Twain auf die modernste Erscheinung kaufmännischer Organisationslust abgeschossen hat. –

.

Spottbild auf die, die Anfang des 17. Jahrhunderts sich Münzprivilegien verschafften und schlechtes Geld ausgaben: Küpperer und Wipperer

 

Der Kaufmann, ein geplagter Mann.

Betrachte jemand einen Kaufmann, der sein Fortun oder Glück suchet zu machen. Was Arbeit er nur hat! Er muß sein wie ein Hund, der fast einem jeden den Bratzen gibt. Er muß sein wie ein Hahn auf dem Turm, so sich auf alle Seiten zu wenden weiß. Er muß sein wie ein Passauer Kling, die durch lauter Bucken und Biegen ihr Prob zeiget. Er muß sein wie ein Flachs, der immerzu sich muß durch die Hechel ziehen lassen. Er muß sein wie ein Schütz, der da oft muß ein Auge zutun, wann er treffen will.

Er muß bald lachen, bald wachen,
Er muß bald sitzen, bald schwitzen,
Er muß bald gehen, bald stehen,
Er muß bald borgen, bald sorgen,
Er muß bald stutzen, bald schmutzen

und immer schmunzeln. Er ist zwar ein Hofmann, aber zugleich ein Burger in der Stadt Leiden. Dann das Leiden kann er nicht meiden. Er leidt: Wo? In den Augen, absonderlich wann er sieht, daß ihm einer vorgezogen wird. – Er leidt: Wo? In den Ohren; dann er gar vielmal etwas höret, und sich gleichwohl stellen muß, als höre er's nicht. – Er leidt: Wo? Am Maul; dann er selbes gar oft wider seinen Willen halten muß. – Er leidt: Wo? Am Hals; dann er vielmalen grobe Brocken zu schlucken hat. – Er leidt: Wo? An den Händen; dann er ziemlich muß in Beutel greifen, und ist doch sein Gespend kein Almosen. – Er leidt: Wo? An den Achseln; dann er stets auf beeden tragen muß. – Er leidt: Wo? An den Füßen; dann er mehr mit denselben scharren muß, als eine Henn auf dem Misthaufen. Endlich nach langer Zeit wird all seine Mühe, Arbeit, Fleiß, Sorge, Wachsamkeit, Unkosten oft nur mit einem Spott bezahlet, und er löset aus allen seinen Waren ein Kinderspiel.

Abraham a Sancta Clara, Etwas für Alle.

 

Der ›Commis voyageur‹.

Wie man sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Geschäftsreisenden vorstellte, zeigt die nachfolgende Schilderung aus einer damaligen Zeitschrift.

»Es gibt Leute, die gezwungen sind, die Hälfte ihres Lebens auf Reisen zuzubringen, Leute, die jahraus, jahrein vier Monate auf Dampfschiffen und Schnellposten und dann acht Monate lang in Gasthöfen biwakieren. Zu diesen gehört die täglich zunehmende Zahl der ›Commis voyageurs‹ oder sogenannten Musterreiter, die im Pêle-Mêle der menschlichen Gesellschaft jetzt eine eigene Kaste oder Gilde, Gruppe oder Sippschaft bilden. Jeden derselben, gleichviel ob er – wir bedienen uns hier des technischen Kunstausdrucks – in Wein oder Tabak, in Baumwolle oder Seide, in Papier oder Tuch macht, erkennt man sehr leicht an folgenden Merkmalen: 1. er trägt eine schwarze Krawatte und auffallend steife Vatermörder; 2. er ist ein Feind von Handschuhen und trägt einen dicken, meist hohlen Siegelring; 3. er liebt seidene Taschentücher, parfümiert sich und trinkt gern Champagner; 4. er schnupft dann und wann Tabak, singt Barkarolen und versäumt kein Theater, denn er ist ein Beschützer der Künste und ein Widersacher der Kritik; 5. er liebt die Oper, haßt das Schauspiel und hebt sich seine Kontremarken auf; 6. an der Table d'hôte macht er den meisten Lärm und kokettiert mit allen Damen. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaft ist der Commis voyageur ein lustiger Gesellschafter, vollgepfropft mit Anekdoten und tausend Schwänken, die er nicht oft genug erzählen kann.«

 

Die Krankheiten der Kaufleute.

Eine Tischrede in Männergesellschaft.

Von R. Löwenstein.

Der Arzt und der Kaufmann – beide beschäftigen sich mit Operationen, beide machen ihren Schnitt und lassen den Geschnittenen bluten: aber ein wesentlicher Unterschied ist zwischen beiden:

Der Arzt schneidet nur weg, was faul ist, der Kaufmann läßt sich mit faulen Dingen erst gar nicht ein, wenn er nicht selbst – faul ist.

Überhaupt sind die Krankheiten der Kaufleute so wesentlich verschieden von denen anderer Menschen, daß man eine ganz eigentümliche Pathologie für sie schreiben müßte. Fragen Sie, meine Herren, nicht danach, ob ich zu solchem Werke berufen bin! – In einer Zeit, wo ein Schäfer den Gott Merkur aus der Medizin und aus den Gliedern der Venusverehrer treibt, wo die Doktoren kaufmännisch spekulieren und die Kaufleute die Ärzte behandeln, wo den Frauen die Männer alles verschreiben (was sie, sonderbarerweise, selbst einnehmen) – in einer Zeit, wo selbst ein Volk dem andern spanische Fliegen hinters Ohr setzt und ein zuvorkommender Nachbar – der sich sonst nie übereilt hat – dem andern eiligst zur Ader läßt, bloß des entzündlichen Zustandes halber (eine Blutentziehung, die, mit Kurieren abgemacht, sich nie wieder kurieren läßt) – in einer solchen Zeit wird es wohl auch einem Laien verstattet sein, über die Krankheit der Kaufleute zu sprechen.

Der Kaufmann ist von Natur schon ganz anders gebaut als jeder andere Mensch. – Was zunächst die inneren Teile betrifft, so ist bei ihm am stärksten und größten ausgebildet der Magen: »denn ein Kaufmann kann ungeheuer viel einnehmen, verdauen und verarbeiten und – gibt doch nur wenig von sich.« Das Herz, das bei den meisten Menschen auf der linken, bei sehr seltenen Exemplaren auf der rechten Stelle des Leibes, bei Frauen, Mädchen, Diplomaten, offiziell begeisterten Dichtern und Jesuiten auf der Zunge, bei anderen wieder, z. B. bei jungen, bartlosen Helden, in den Expressiblen – vulgo: Hosen – sitzt, das Herz sage ich, sitzt bei ihm im Beutel. Daher kommt es auch, daß ihm, ähnlich den Beuteltieren, die die nackten Jungen in ihrem Beutel herumtragen, seine Barschaft fest ans Herz gewachsen scheint, und daß er, wie jene, sich gern auf die Hinterfüße setzt; jedoch ist sein Blut wesentlich von dem der Säugetiere unterschieden: es ist zwar fließend, d. h. kurant, und vom Herzbeutel nach dem Beutel in Zirkulation, aber es ist kalt und somit jeder Kaufmann ein kaltblütiges Individuum.

Auch der äußere Bau ist durchaus abnorm: Der Kopf des Kaufmannes ist spitz, die Augen vor- und weitsichtig, die Nase fein, der Mund groß, die Ohren steif, selten geneigt. Stärker ausgebildet als seine Arme sind seine Füße zu Handel und – Wandel, am stärksten aber seine Gesäßteile, denn der Kaufmann hat

  1. viel mit Banken zu tun,
  2. 2. setzt er sich oft mit seinen Gläubigern und
  3. 3. wird er oft gesetzt, eben weil er in seinen Spekulationen nicht gesetzt war.

Auch sein Fuß ist sonderbar gebaut: während manche auf einem großen, gewisse Staaten auf einem gespannten, andere auf dem Konventions-Fuße leben, lebt er gewöhnlich auf einem möglichst hohen Fuße. Und in der Tat – der Kaufmann wächst nicht bloß auf einem hohen Zins-Fuße, sondern er wuchert sogar auf demselben.

Analog diesem Körperbau sind auch die Krankheiten, die ich einteilen möchte in innerliche und äußerliche, und diese wieder in solche:

  1. des Kopfes,
  2. des Ober- und Unterleibes und
  3. der Beine.

Es würde uns zu weit führen, wollten wir neben den Krankheiten sogleich die Mittel zu ihrer Heilung, oder überhaupt alle möglichen Krankheiten anführen: Die Konstitutionen sind, wie Sie wissen, sehr verschieden – gut und schlecht, fest oder schwankend, russisch, leidlich, mittelmäßig usw.; daher auch die Übel vielfacher Art. Auch kommt es zur Beurteilung des jedesmaligen Falles sehr darauf an, ob einer macht en gros oder en detail, ob in Papieren oder Holz, oder in Kleidern, oder in anderen Gegenständen.

Die gewöhnlichste Krankheit unter den allgemeinen ist das Wechselfieber, das die Kaufleute in der Regel gegenseitig selbst auf sich ziehen, und dem sie nur um so schmerzlicher verfallen, je mehr ihnen Nachsicht gezeigt wird. Obgleich auch dreitägig, setzt es doch nicht, wie das gewöhnliche Wechselfieber, drei Tage aus, sondern greift gleich kräftig und mit Protest an. Die selten ausbleibende Folge desselben ist Gliederschmerzen, Kneipen, Magendrücken, Aussatz an den Teilen, die etwas von sich geben sollen, oft auch Gedächtnisschwäche und – Schwindel. – Letztere Krankheit jedoch müssen wir als eine selbständige betrachten, da sie oft der ersten vorauszugehen pflegt.

Der Schwindel im gewöhnlichen Leben ist nur ein ängstliches Gefühl – die Furcht vor dem Fallen; der kaufmännische Schwindel ist entweder geradezu – Fallsucht oder Sucht, zu steigen: er entsteht, wenn jemandem mehr in den Kopf kommt, als die Beine halten können. Man hat bemerkt, daß er sogar nach eiskalten Kabinettorderübergießungen noch stärker wiederkehrt als zuvor. Er gehört zu den ansteckendsten Krankheiten und bringt die sonderbarsten Verwirrungen des kaufmännischen Organismus hervor: entweder bekommen die Befallenen Fixer-Ideen und gehen wie wahnsinnig herum und darauf aus, die ganze Börse umzuwerfen, oder sie gehen kopfhängend – à la baisse –, gebückt, wie scheue Unglücksboten oder wie lachende Erben am Sterbelager des »heißgeliebten« Onkels, oder aber à la hausse, d. h. hochtrabend, mehr als aufrecht – also nicht aufrichtig einher und um. – Auf Dampfmaschinen, also auf Dampf, werden Aktien ausgeteilt, und die Aktien wieder teilen uns schrecklichen Dampf, d. h. – Schwindel aus. Leider hat nicht jeder die Kraft, sich von den Aktien so beherzt zurückzuziehen wie jener Mann, von dem mir soeben eine spaßhafte Anekdote einfällt.

Ein Makler fragt den andern: »Sog, wie stain dia Aktien?«

»Was gehn mir die Aktien an, ich kümmere mich nischt darum.«

»Wie heißt, du kümmerst dich nischt?« –

»Nu ne! ich weiß überhaupt nicht, worüm sie so sonderbar geannonciert werden.«

»Wieso?«

»Nü, in de Zeitungen steht immer bloß: Stehle-Vohwinkel, worum steht nit da: Stehle-Niedermärkisch, Stehle-Köln-Minden, Stehle-Hamburg? denn mir können sie alle gestohlen werden!« –

Doch wieder zur Sache!

Der gewöhnliche Ausgang des Wechselfiebers wie des Schwindels ist, daß mit dem Wechsel zugleich der Kaufmann verfällt und fällt, oder, was dasselbe ist, falliert; dann heißt es: das Haus Soundso hat falliert. Überhaupt ist es drollig, daß sich die Kaufleute gegenseitig als Häuser betrachten und daß ihnen am sichersten scheinen die alten Häuser, obgleich doch gerade diese, wie die Neuzeit gelehrt hat, die sonderbarsten Einfälle haben. Das Fallen macht in der Regel viel Lärm, schadet aber dem Kaufmann wenig, wirf die Katz', wie du willst – sie fällt immer auf die Beine. Auch der Kaufmann fällt selten auf den Kopf. Gewöhnlich fällt er in guter Hoffnung, steht auf in gesegneten Umständen, geht mit neuen Ideen schwanger und kommt wieder glücklich nieder.

Noch vieles ließe sich von allgemeinen Krankheiten erwähnen; ich will aber der Kürze wegen nur die speziellen Erscheinungen noch durchnehmen: Die schwerste Krankheit unter denen des Kopfes ist der Stockschnupfen. Er entsteht durch Erkältung bei Witterungswechsel, wenn nämlich das Aktien-Thermometer von 20 oder 30 Grad plötzlich unter Null sinkt. Die Begleiter des Schnupfens sind bekanntlich Kopfweh, wodurch der ganze Kopf eingenommen wird, Verschleimung, Heiserkeit, worunter das Sprechen, also auch der Ruf leidet, und endlich das Niesen, welches gleichsam den Drang der verstopften Teile nach Luft und freiem Atem versinnlicht. Wenn aber der Kaufmann niest, sagen die Gläubiger nicht: »Gott helf' Euch!«, sondern: »Gott helf' uns!«

Ferner gehören in diese Kategorie: die Schwerhörigkeit, welche nicht immer eine Folge von Alters-, sondern auch von Jugendschwäche ist und besonders vielversprechende Menschen trifft; ein schlechter Geruch, der Weichsel- oder Krakauer Zopf, die Matte, wodurch das Haupt in blanco gerät, der schwarze Star oder Blindheit, gegen welche keine Operation mehr wirkt, u.a.m.

Die Krankheiten des Ober- und Unterleibes sind: übermäßiger Auswurf, Abzehrung, Schwindsucht, Flauheit, Beklemmung oder Klemme, Hartleibigkeit, Schwäche, krebsartige Geschwüre, entzündliche Prozesse, Würmer und viele andere, gegen welche selbst der Schutzgott der Kaufleute – Merkur – nichts auszurichten vermag. Alle diese sind stets mit Stockungen des fließenden Blutes – des Kurantes verbunden, und die entstehen, wenn sich einer hat verführen lassen oder die Besinnung verloren hat, wenn das Geschäft überhaupt faul ist, wenn einer zu große Rosinen im Sacke hat, wenn einer zu tief hineingeritten ist oder zu schnell zurückgezogen hat, wenn sich einer überarbeitet oder angestrengt hat, oder endlich, wenn einer mit seinem Geschäfte stecken, kleben oder hängen geblieben ist.

Unter den Krankheiten der Füße ist die schlimmste – die Zähmung, welche selten nur eine Seite trifft; noch gefährlicher ist es, wenn es mit jemand wacklig geht und er schief steht, am traurigsten aber, wenn einer das kaufen kriegt und pleite geht. Auch hier, wie überall, ist Hemmung oder Mangel des Blutes die Veranlassung der Krankheit, Zähmung des Hauptnerven die erste Folge; denn der Nerv, der alles bewegt und lenkt und bewirkt, ist und bleibt das flüssige Gold, das liebe Geld. Das wichtigste ist somit wirklich das wichtigste, d. h. Gewichtigste, worauf, wie Sie wissen, besonders bei den Dukaten gesehen wird. Daher kommt es auch, daß es nirgends mehr Risches gibt, als bei den Juden selbst: denn die können keinen Beschnittenen leiden.

Meine Herren! Wer nicht bar hat, der ist bar, Lumpen gibt es in Masse, Papier noch mehr; Papier ist geduldig, und wo kein Sein mehr ist, da haben wir doch Scheine!

Wir leben in einer glücklichen Zeit: denn unser Land ist jetzt um einige Millionen Papier reicher und doch an pumpen nicht ärmer geworden.

Heil dem Gelde, dem Welterlöser, der ewig Gott und doch ewig Knecht zugleich ist! Heil allen, die den Schild des Glaubens gefunden haben und unter seiner Hut ruhen! Der beste Schild, um anzugreifen, besonders aber, um sich zu decken, ist – der Rothschild.

Alle Kaufleute sind Schildknappen dieses großen Ritters, dessen sie nur durch Festigkeit (Solidität) würdig werden. Um aber diese zu erhalten, werden sie ihr kaufmännisches Gebet so sprechen müssen:

Führe mich, Herr, nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von Krankheit; soll ich aber doch eine dulden, so sei es die – goldene Ader! Amen.

*

 

Der Kaufmann.

Eine humoristische Vorlesung.

Meine Damen und Herren! wie die Naturgeschichte in drei Reiche Zerfällt, in das Tierreich, das Pflanzenreich und das Mineralreich, so teilt man auch den Kaufmannsstand in drei Stufen ein: Prinzipal, Kommis und Lehrling. Der Lehrling gehört natürlich in das Mineral- oder Steinreich, denn alle im Geschäft behandeln ihn, als ob er nur ein Stein sei, obgleich mancher Chef klagt, daß dieser Stein sehr ungeschliffen sei, sich nicht hauen lasse. Nur in einer Hinsicht hat der Lehrling wenig vom Mineralreich, weil es ihm fast immer an Kies fehlt.

Der Kommis, auch Handlungsdiener genannt, gehört dagegen zum Pflanzenreich. Es gibt in diesem Stande oft sehr nette Pflanzen, aber leider auch manchmal grüne Jungen, die dafür selten auf einen grünen Zweig kommen, besonders wenn sie Stroh im Kopf haben. Der Unterschied zwischen einem Kommis und einer pflanze ist überhaupt nur der, daß die Pflanze, wenn die Sonne sie bescheint, an zu grünen fängt, und daß der Kommis, wenn er anfängt, grün zu werden, nicht wert ist, daß ihn die Sonne bescheint.

Die Prinzipale dagegen hinwieder zählen zum Tierreich und zerfallen in viele Unterabteilungen. Zu den Säugetieren gehören, abgesehen von denjenigen, die wie der Ochs vor dem neuen Tor stehen, die wie ein Pferd arbeiten, wie ein Affe schwitzen, vor allem die Geldwechsler und Wucherer, weil sie den andern Prinzipalen das Blut aussaugen. Zu den Amphibien gehören die Makler, Agenten, Kommissionäre und viele andere; sie verändern wie das Chamäleon oft ihre Farbe und winden sich wie die Schlangen. Zu den Vögeln gehören jene unternehmenden Kaufleute, die, wenn sie kaum aus dem Ei gekrochen sind, schon wieder flügge werden. Zu den Fischen schließlich muß man die Weinhändler rechnen, die bekanntlich nicht ohne Wasser leben können. Sie unterscheiden sich von ihnen nur dadurch, daß die Fische durch ihre Kiemen, die Weinhändler aber durch ihre Rufer leben.

Max Cohnheim.

 

Mark Twain über die amerikanischen Trusts.

Mark Twain war in den Kreisen der amerikanischen Trustmagnaten wenig beliebt, er hatte sie ein paarmal mit seinen kleinen, aber manchmal sehr boshaften Satiren scharf getroffen und bloßgestellt. Am meisten ärgerten sie sich über die Geschichte von den drei Fliegen, die durch alle amerikanischen Blätter ging. Diese Geschichte lautete folgendermaßen:

 

Eine Fliegenmama besaß zwei Töchter, die sie innig liebte. Eines Tages machte sie mit ihnen einen Ausflug, und sie kamen an den Laden eines Konditors.

»Mama,« bat die eine, »darf ich etwas von dem wundervollen roten Bonbon dort naschen?« –

»Ja, mein Kind«, sagte die Fliegenmama, und die Tochter setzte sich vergnügt auf den süßen Bonbon. Auf einmal aber schlug sie ängstlich mit den Flügeln und fiel tot um, denn der Bonbon bestand nicht aus Zucker, sondern aus einem gefälschten, giftigen Zeug, da er vom amerikanischen Bonbontrust geliefert war.

Die Fliegenmama besaß jetzt nur noch eine Tochter und liebte sie mit doppelter Zärtlichkeit. Auch mit ihr machte sie einen Ausflug, und sie kamen an einem Wurstladen vorbei.

»Mama,« sagte die zweite Tochter, »darf ich von der wundervollen frischen Wurst kosten?« –

»Ja, mein Kind«, sagte die Fliegenmama, und die Tochter setzte sich vergnügt auf die wundervolle Wurst. Aber auf einmal schlug sie ängstlich mit den Flügeln und fiel tot um, denn die Wurst bestand weniger aus Fleisch, als aus gefälschten, giftigen Ersatzstoffen, da sie vom amerikanischen Wursttrust geliefert war.

Da ergriff eine wilde Verzweiflung die arme Fliegenmama. Ihr war das ganze Leben leid, und um möglichst schnell den Tod zu finden, flog sie auf ein Fliegenpapier, das mit Totenköpfen bedruckt war, und begann in selbstmörderischer Gier daran zu saugen. Aber je länger sie daran sog, desto wohler wurde ihr. Der erwünschte Tod kam nicht, denn auch das Fliegenpapier war gefälscht, da es vom amerikanischen Fliegenpapiertrust geliefert war.

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