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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 6
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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VI

An diesem Tage wurde Hildegard Durlacher alle Augenblicke an den Maler Erich Torner erinnert. Einmal sah sie ihn im Auto vorüberfahren, dann stand in dem Fenster einer Kunsthandlung ein Bild von ihm, und schließlich brachte die Zeitung eine Notiz über seinen bevorstehenden fünfzigsten Geburtstag. Da wußte sie, daß sie ihn nun auch auf der Abendgesellschaft bei Köhnens treffen würde.

Sie ging mit ein wenig Herzklopfen durch die Tür und war beruhigt, als er noch nicht da war. Resi Köhnen versicherte, daß Torner bestimmt versprochen hätte zu kommen. Aber man wußte, daß er unberechenbar war. Er konnte jemanden treffen und mit ihm weitergehen. Resi Köhnen, die Gastgeberin, rettete für alle Fälle noch etwas von dem kalten Roastbeef in die Küche. Sonst standen belegte Brote und kalte Speisen auf der Anrichte. Wenn Torner noch kam, konnte man ihm wenigstens etwas Roastbeef vorsetzen. Die Bowle war schon zum zweitenmal gefüllt. Es hatte aber nur noch eine halbe Flasche Sekt dazu gegeben.

»Gustl, geh in den Keller!« rief Sabine Meerwaldt, die Sängerin, dem Hausherrn zu. Es war ein Witz, denn in diesen Kreisen hatte niemand einen Weinkeller. Außer Erich Torner natürlich, aber der war ein ganz großer Arrivierter. Was sonst hier herumsaß und herumtanzte, würde nie »prominent« werden. Allenfalls konnte Gustav Köhnen, der an einer politischen Zeitungskorrespondenz beteiligt war, noch im Einkommen steigen. Die andern waren in ihrer Stellung ein für allemal festgelegt. Dorle Brausewetter, die kleine Pianistin, würde zeit ihres Lebens Stunden für drei Mark geben und ein wenig korrepetieren. Die Meerwaldt ließ sich ihr jährliches Konzert in der Singakademie von ihrem Freund bezahlen, damit sie nicht ihre Schüler verlor. Resi Köhnen, die Hausfrau, spielte dritte Rollen am Lessingtheater.

Hildegard Durlacher liebte diese Art Menschen. Bei ihrem Vater verkehrten alle Berühmtheiten, aber sie fand den geistigen Mittelstand amüsanter und sympathischer. Mit einem der großen Dirigenten läßt sich nicht über Musik diskutieren, bitte sehr. Aber hier saß Alex Schrötter, der Pianist, auf dem Sofa neben ihr und war unerschöpflich an interessanten und abwegigen Theorien. Es gab große Gespräche mit Professor Mittelmann von der Universität, und immer standen drei oder vier kluge Männer zusammen und stritten. Die ganz Berühmten streiten nicht akademisch miteinander, bei ihnen werden die Gegensätze schärfer und bösartiger ausgetragen. Hildegard Durlacher kannte das aus der Nähe.

Nur die drei ganz jungen Kolleginnen von Frau Köhnen mißfielen ihr. Sie betrugen sich wie die großen Divas, die sie immer noch werden konnten. Es waren vier junge Herren da, zwei Studenten der Philosophie, ein Kaufmann und ein Assistent der Chemie. Keiner von ihnen wollte das Grammophon aufdrehen und die Nadel wechseln, weil ihm dann die Tänzerin von den andern fortgenommen wurde. Darum drehte sich das Spiel im Herrenzimmer, das zum Tanzen ausgeräumt war. Es gab ein großes Gejage, förmliche Verträge und tragische Vertragsbrüche.

Obwohl Alex Schrötter gerade köstliche Sachen über Chopin sagte, eilte Hildegard Durlacher hinter der Hausfrau her in die Küche, um etwas über Torner zu hören. Resi Köhnen hielt die Zeit für gekommen, Kaffee reichen zu lassen.

»Ach, schon Kaffee!« sagte Hildegard mit komischem Pathos, »und mein Abgott ist noch immer nicht da.«

»Ein schöner Abgott!« rief Frau Köhnen aus. Sie sah sich um, das Mädchen war gerade zu den Kindern ins Schlafzimmer gegangen, die bei dem Lärm nicht schlafen konnten und schrien.

»Wieso? Ist etwas passiert?«

»Nun, nichts Besonderes, was bei Torner nicht alle Augenblicke passierte. Seine Frau hat eben angerufen, ob er hier wäre. Er ist seit sechs Tagen nicht nach Hause gekommen, und sie sitzt ohne Geld da.«

»Wo ist er denn?«

»In seinem Atelier oder fortgegangen, weiß ich?«

»Lebt er im Atelier?«

»Ja, sein Atelier ist in der Stadt. Er schläft auch dort. Manchmal kommt er wochenlang nicht zu seiner Familie. Dann sollte der Lausekerl doch wenigstens Geld schicken! Mehr verlangt man schon nicht von ihm.«

Hildegard ging kopfschüttelnd zu den andern zurück. Jemand hatte ein Fenster aufgemacht, und der Rauch wand sich mit blauen Schleierbewegungen durch das Zimmer. Dorle Brausewetter und Alex Schrötter setzten sich an das Pianino und improvisierten vierhändig einen Tango. Dr. Köhnen, der Professor und ein Architekt standen vor dem Büfett bei den Likörflaschen und stritten über das Thema »Hegel oder Schelling?«. Hildegard Durlacher liebte das alles. Sie liebte die verbrauchten Möbel, die aus einer unmöglichen Zeit stammten, die offenen Bücherregale, die unechten Teppiche, sogar den Geruch der billigen Zigarren. Diese ganze Atmosphäre eines unbeholfenen bürgerlichen Idealismus.

Schrötter hörte zu spielen auf, als er Fräulein Durlacher wieder hereinkommen sah. Er wollte zu ihr zurück, aber Sabine Meerwaldt hielt ihn an. Sie saß in dem Schaukelstuhl und erzählte von ihrem Besuch in der Akademieausstellung. »Sie sind noch nicht dagewesen? Mein Gott, wie ungebildet! Ein Bild von Torner ist da: man ist einfach baff!«

Es gab eine kleine Gesprächspause, zwei, drei Sekunden lang. Vielleicht weil alle zusahen, wie Dr. Köhnen das Fenster schloß. Die Stimme der kleinen Mia Rosenow platzte hinein: »Die Marcks und Erfolg? Na, ich danke, Komma!« Dann ging das Konzert der Gespräche weiter. Wer ist die Marcks? dachte Hildegard und ging zu Sabine Meerwaldt, die von dem Bilde Torners erzählte. Natürlich war es lauter Unsinn, was sie sagte. Der Architekt kam hinzu und stellte die Tatsachen richtig. Was Sabine Meerwaldt beschrieb, war gar kein Bild Torners, sondern ein danebenhängendes. Von Torner war der fabelhafte Akt mit dem verschleierten Kopf darüber.

»Dann muß mein Katalog verdruckt sein!« behauptete die Sängerin. »Ich habe genau die Nummer mit dem Katalog verglichen.«

Man lachte. Die Meerwaldt verwechselte immer und alles.

»Natürlich war das ein Erfolg!« kam die Stimme der andern ganz jungen Schauspielerin aus dem Nebenzimmer. Der Assistent drehte das Grammophon wieder an. Das Mädchen brachte Kaffee herein. Es gab drei verschiedene Sorten Tassen, da kein Dutzend vollzählig war.

»Ahoi!« rief in dem Augenblick jemand auf der Straße. Man hörte die Stimme deutlich bis zum vierten Stock herauf. »Ahoi!« Eine helle befehlende Stimme.

»Das ist Torner!« Dr. Köhnen ging hinunter, die Haustür zu öffnen. Resi Köhnen dachte an das gerettete Roastbeef. Hildegard fürchtete auf einmal, rot geworden zu sein, und wurde nun erst recht rot. Obwohl es Unsinn war, das mit Torner. Eine kleine Gedankenschwärmerei, wie sie sie sich alle paar Wochen mit einem andern erlaubte, wobei ihr Intellekt ironisierend darüberstand.

Der Architekt sprach weiter von Erich Torners Bild in der Akademieausstellung. Man könnte nicht sagen, daß es das beste Bild der Ausstellung wäre, aber es wäre das merkwürdigste. Eigentlich gar kein Bild, nur ein Akt oder richtiger eine Aktstudie. Aber dadurch, daß der Kopf mit einem weißen Schleier verhüllt war, kam etwas Geheimnisvolles hinzu, was natürlich gar nichts mit der Malerei an sich zu tun hatte und doch eine kolossale Wirkung ausübte.

»In der Tat, ein herrlicher Trick!« sagte der Professor. Er war mit Köhnens befreundet, und Köhnens waren momentan auf Torner wütend, weil sie auf der Seite seiner Frau standen. »Es müßte in einer Familienzeitschrift unter der Rubrik ›Unsere Bilder‹ angeführt werden: ›Wer ist die geheimnisvolle Frau, die ihr Haupt malerisch umhüllt? Der Maler läßt uns mit einer Frage auf den Lippen zurück, aber diese Frage bohrt in unserm Herzen weiter‹. Ungefähr so, was?«

Aber der Architekt widersprach. »Um Gottes willen nein! Es handelt sich natürlich um eine ganz große und ernste Malerei. Der Akt ist einfach unvergleichlich gemalt. Dieser Torner– – –«

Hildegard Durlacher ging wie ziellos in das dritte Zimmer, wo der Spiegel hing. Sie mußte einen Blick hineinwerfen. Sie war nicht jedermanns Geschmack, stellte sie zum millionsten Male fest. Sie hatte zu dieser Gesellschaft, die in ihren Augen keine war, nicht einmal ein Abendkleid angezogen. Ihre Haut war gelb, das Haar blauschwarz, die Augen grün und braun. Die Augen waren nicht groß genug zu ihrem Gesicht. Ihre Beine konnten ein wenig dünner sein. Sie ging in das Eßzimmer zurück und war ihrer nicht ganz sicher.

Inzwischen war Erich Torner hereingekommen, aber es machte nicht viel Aufsehen. Die jungen Leute interessierten sich nicht für Malerei und kannten von Torner kaum den Namen. Resi Köhnen und der Architekt saßen bei ihm am Tisch, und er aß das Roastbeef. Hildegard hatte ihn noch nie in dieser Nähe gesehen. Sie setzte sich neben den Schaukelstuhl zu der Sängerin, von wo sie ihn am besten beobachten konnte. Er war ganz anders, als sie sich ihn vorgestellt hatte. Wie ein Kavallerieoffizier sah er aus. Ein durchtrainierter Körper und darüber ein energischer Kopf. Das graue Haar kurz geschnitten, und auf der Oberlippe sogar eine kleine Bürste. Sie hätte nicht geglaubt, daß das Erich Torner war. Er schien vollauf mit dem Zerkauen des Roastbeefs beschäftigt. Die Bowle hatte er zurückgewiesen und trank ein Glas von dem sauren Bowlenwein. Recht hat er! dachte Hildegard. Sie hatte das Moseltrinken von ihrem Vater gelernt, dem nicht leicht etwas zu sauer war. Auf einmal erinnerte sie sich, daß ihr Bruder noch vor wenigen Wochen ein Bild Torners besessen hatte, ein Porträt der Tänzerin Erma Lent. Ob sie ihn danach fragte? Aber vielleicht war Torner böse, daß ihr Bruder das Bild weiterverkauft hatte. Sie würde lieber nichts sagen.

Alex Schrötter saß wieder bei ihr. Schrötter hatte etwas von der weisen Klugheit eines Urwaldaffen an sich. Seine Blicke schossen nicht auf die Dinge los, sondern schienen aus dem Innern aufzutauchen und dann haltzumachen. Vielleicht war er interessanter als Torner. Aber bei Torner reizte sie der Gegensatz zwischen seinem Aussehen und dem ungebändigten Wesen, das ihm nachgesagt wurde. Vielleicht war er gar nicht ungebändigt. Die Menschen redeten immer so viel. Sie wollte mit ihm sprechen.

Erich Torner war schwer festzunageln. Er schweifte nicht in der Gesellschaft umher, sondern saß mit zwei oder drei Bekannten zusammen. Wenn er durch die Zimmer ging, hatte es einen ganz bestimmten Zweck. Er holte sich eine Zigarre oder wollte die kleine Rosenow tanzen sehen oder den englischen Text eines Niggersongs, der gerade aufgelegt war, genauer hören. Er stellte sich neben das Grammophon, senkte ein wenig das linke Ohr und hob den rechten Zeigefinger.

Hildegard fragte die Hausfrau, ob Torner seine Sünden bekannt hätte. Resi Köhnen zuckte die Achseln.

»Er sagt, daß er heute seiner Frau Geld geschickt hat.«

»Ob das wahr ist?«

»Natürlich nicht!«

»Aber das ist doch furchtbar?«

»Ja, aber man kann nichts dagegen tun.«

»Lügt er immer?«

»Ach nein! Wenn es ihm paßt, sagt er auch die Wahrheit.«

Lassen wir Torner! dachte Hildegard. Sie setzte sich wieder zu Schrötter. Immerhin fragte sie ihn, ob er Erich Torner näher kenne. Natürlich kannte er ihn. Eigentlich war Schrötter ein großartiger Kerl. Alle kannte er, überall hatte er gespielt. Hildegard wußte selbst, daß er ein wundervoller Pianist war. Nur das eine fehlte ihm: der Name, und es war nun einmal so, daß er nie einen großen Namen haben würde. Niemand weiß, wie diese Dinge zusammenhängen. Es ist da ein Geheimnis mit im Spiel, das selbst die Konzertagenten nicht ergründen können.

»Sehen Sie, Fräulein Durlacher, Torner ist ein großer Name, nicht wahr? Und sein alter Rivale Marcks, der nach Ansicht vieler Fachmänner weit mehr kann, ist völlig unbekannt. So geht es zu.«

»Wo hatte sie doch diesen Namen gehört? Hatte heute nicht schon jemand den Namen Marcks ausgesprochen? Sie besann sich nicht. Alex Schrötter wußte es auch nicht. Er erzählte ihr von Anton Marcks, der nur zwei oder drei Bilder im Jahr malte oder auch manchmal eine Plastik schuf. Es gab wundervolle Plastiken von ihm. Ein paar rheinische Städte hatten Brunnen von ihm gekauft.

»Macht Torner nicht auch Plastiken?«

Schrötter meinte, daß er es seit zwei oder drei Jahren aufgegeben hätte. Vielleicht scheute er den Vergleich mit seinem alten Rivalen?

»Weshalb nennen Sie die beiden Rivalen?«

»Weil Torner doch mit Frau Marcks durchgegangen ist. Wissen Sie das nicht?«

»Torners Frau?«

»Nein, nicht seine Frau! Torners Frau spielt keine Rolle. Er bekümmert sich nicht um sie. Sie läßt ihn nur nicht frei.«

»Das finde ich unrecht.«

Aber Schrötter verstand auch die Gründe von Frau Torner. »Die Frau müßte verhungern ohne ihn. Nein, mit Frau Marcks ist Torner seit Jahren befreundet. Übrigens nennt sie sich nicht mehr Frau Marcks. Sie heißt mit ihrem Mädchennamen irgendwie anders, aber ich habe es vergessen.«

Sieh da, dachte Hildegard, jedes Ding hat seine zwei Seiten. »Erzählen Sie! Das ist furchtbar interessant!«

In diesem Augenblick traf sie ein Blick aus Erich Torners Augen. Er schoß ihn unter halb geschlossenen Lidern auf sie los. Vielleicht hatte er sie jetzt erst bemerkt. Hildegard Durlacher sah ihn wieder an. Es braucht nichts zu bedeuten, dachte sie schnell. Er hat meinen Namen gehört und weiß, daß mein Vater ein Haus ausmacht. Torner hatte seine Augen rasch abgewendet.

»Erzählen Sie!«

Schrötter erzählte ihr von Anton Marcks und Erich Torner. Marcks war seiner Ansicht nach der bedeutendere Künstler, und Torner hatte den Ruf. Marcks war der nettere Mensch, und seine Frau ging mit Torner durch.

»So, so!« sagte sie, war aber nicht mehr bei der Sache, denn sie sah Torner auf sich zukommen.

»Bitte,« fing er an, »sagen Sie mir aber jetzt nichts über mein Bild auf der Akademieausstellung! Ich kenne es und weiß, wie es gemalt ist. Trotzdem erzählen es mir alle Menschen noch einmal. Sie sind die Schwester des bekannten Sammlers, nicht wahr?«

Er griff nach einem Stuhl und zog ihn heran. »Was sammelt Ihr Herr Bruder jetzt?«

Hildegard konnte darüber nur ungenügende Auskunft geben. Sie hatte nie einen besonderen Plan bei Hans geargwöhnt. Ihrer Meinung nach kaufte er hübsche Sachen zusammen.

»Lieben Sie seine Sammlung?«

»Ach ja,« sagte sie, »ich bin sehr gern in seiner Wohnung. Es ist für mich so, als wenn ich auf Reisen eine Kirche besuche.«

»Das ist ein guter Vergleich. In der Kirche wird man auch der Mühe überhoben, Gott zu suchen.«

»Nicht wahr?« griff sie freudig auf. »Jetzt weiß ich endlich, was mir an Kirchen so unsympathisch ist.«

»Aber zu Ihrem Herrn Bruder gehen Sie dennoch gern?«

»Ja, aber etwas Beengendes hat diese Atmosphäre doch für mich.«

Sie suchte in ihren Meinungen nicht etwa heraus, was ihm gefallen könnte, sie wußte im voraus, daß sie mit ihm in allen Dingen übereinstimmte und ruhig sprechen konnte.

»Ich habe nur von der Gegenwart aus ein Verhältnis zu den alten Zeiten«, sagte er. »Manchmal möchte ich, daß es anders wäre. Ich möchte mich still hinsetzen und alte Zeit kneipen. Manchmal stelle ich mir so den Himmel vor, daß man da in alten Stilen herumplätschern darf. Hier auf der Erde darf man es, glaube ich, nicht. Sehen Sie: ich empfinde immer, die Zeit will dort und dort hin. Es ist ein Chaos, das Form werden will. Der Künstler muß der Zeit dazu verhelfen, ihre Form zu finden. Das ist einfach seine Aufgabe. Alles andre ist Flucht. Ich male kein Bild, weil es schön ist, sondern ich male, um die Zeitform wieder ein wenig deutlicher herauszuarbeiten. Das ist eine verdammt harte Arbeit, aber es ist einfach Pflicht für mich. Wenn die Leute davon sprechen, daß die Künstler nur unter einem innern Zwang arbeiten sollen, ist das ein Quatsch. Mein Zwang wäre, Ausschweifungen des Körpers und des Gehirns zu begehen. Aber ich tue es nicht. Und deshalb kann ich Sammler und solche Menschen nicht leiden, die sich gehen lassen.«

Sie verstand jetzt, weshalb dieser Mensch wie ein preußischer Offizier aussah. Er kommandiert seine Kunst! dachte sie, und das ist vielleicht nicht das richtige. Er will wahrscheinlich auch alles andre kommandieren, und dann kommen furchtbare Sachen heraus. Aber er malt fabelhafte Bilder, und das ist die Hauptsache, und seine Theorien sind vielleicht nur das Rezept, nach dem er sich die größte Leistung ablistet. Man muß nicht zuviel darauf geben, wenn die Künstler von ihrer Art zu arbeiten und dem sprechen, was sie wollen. Es ist gewöhnlich nur ihre Diätetik, nicht ihr Bekenntnis.

»Das ist furchtbar richtig, was Sie sagen. Aber glauben Sie nicht, daß die Zeit und ihre Form von selbst weitertreibt?«

»Durch uns!« gab er zur Antwort. »Nur durch uns! Die Zeit wird durch uns. Der Weltgeist läßt an sich nicht Barock oder Rokoko wachsen.«

Ehe sie widersprechen konnte, war er aufgestanden und ging ins Nebenzimmer. Er tanzte mit Mia Rosenow. Sie sah, daß er die neuesten Touren kannte.

Es war längst zweimal Kaffee gereicht, trotzdem dachten die wenigsten an Aufbruch. Das Mädchen begann draußen mit dem Abwaschen des Geschirrs. Sie ging in der Hoffnung auf Trinkgelder noch nicht schlafen.

Hildegard Durlacher wollte seit einer Stunde aufbrechen. Torner schien sie vergessen zu haben. Er tanzte mit den drei jungen Schauspielerinnen und hatte Dispute mit Dr. Köhnen und dem Architekten. Manchmal stand einer von den vier jungen Herren dabei. Alex Schrötter klemmte sich wieder an Hildegards Seite, aber es machte ihr keinen Spaß mehr. Sie wartete darauf, daß Torner sie noch einmal ansprach. Sabine Meerwaldt und der Professor gingen als einzige fort. Eigentlich wollte sich Hildegard ihnen anschließen, aber dann blieb sie doch. Ihr war, als ob sie noch etwas erwarten müßte.

»Sagen Sie, halten Sie Torner für einen Lady-Killer?« fragte sie Schrötter einmal. Aber Schrötter wußte darüber nichts.

Schließlich standen sie doch alle unten auf der Straße und verabschiedeten sich. Die vier jungen Herren gingen mit den drei Schauspielerinnen davon. Noch immer sprach der Maler kein Wort mit Hildegard Durlacher, sondern ging mit dem Architekten voran. Sie folgte mit Alex Schrötter. Sie war müde, und auch Schrötter fröstelte in seinem dünnen Mantel.

Ein leeres Auto kam die Straße entlang. Torner hielt es an. »Wir fahren zusammen!« drehte er sich plötzlich zu Hildegard um und öffnete den Schlag. Sie nannte ihm ihre Adresse. »Ich weiß!« sagte er. Eigentlich wußte sie, als der Wagen losfuhr, nicht einmal, ob sie sich von den andern verabschiedet hatte. So rasch ging alles. Torner versicherte ihr, daß sie es getan hätte.

»Sie kommen noch zu mir!« sagte er überraschend, als sie den Kaiserdamm hinunterfuhren.

»Wie stellen Sie sich das vor?«

»Ich will Sie malen. Es dauert eine halbe Stunde, dann bin ich mit der Skizzierung fertig.«

»Danke sehr!« Sie fühlte, daß ihr Herz schlug. »Ich ziehe es vor, nach Hause zu fahren und zu schlafen.«

»Es ist eine halbe Stunde«, versicherte er nochmals.

»Morgen!«

»Morgen werde ich es nicht mehr können. Bei mir ist das immer so: es schnappt etwas ein, und dann muß ich arbeiten, oder es ist vorüber.«

Er muß wieder kommandieren! dachte sie und sagte laut: »Ich kenne Sie noch zu wenig, um in der Nacht ohne weiteres auf Ihr Atelier zu kommen.«

»Halten Sie mich für keinen Kavalier?«

»Ich halte Sie für einen großen Maler, und das ist schlimmer. Und Ateliers sind immer kalt. Morgen nachmittag!« versuchte sie es noch einmal. Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Haben Sie dem Chauffeur meine Adresse gesagt?«

»Nein, meine!« bekannte er.

»So bestellen Sie um!« wollte sie befehlen.

»Kind, lassen Sie es doch! Sie werden in Decken gehüllt und auf einen Sessel gesetzt, und ich mache Ihnen in Windeseile einen guten Mokka. Nicht einen besseren Familienkaffee wie Resi Köhnen. Es dauert zwanzig Minuten, dann bringe ich Sie die Treppe hinunter, und Sie sind in sechs Minuten zu Hause.«

Sie hatte Lust auf den Mokka. Sie hatte Lust auf sein Atelier. Sie hatte Lust, sich von ihm malen zu lassen. Sie sah nach der Uhr. Es war fast halb zwei. Gegen zwei konnte sie zu Hause sein. »Eine halbe Stunde!« sagte sie nach einer Pause. Er nickte nur und schien gar nicht besonders erfreut über seinen Sieg. Das Bild arbeitete schon in ihm. Vielleicht ärgerte sie das. Der Chauffeur hatte die Birne in dem Wagen brennen lassen. Sie konnte seine Züge deutlich erkennen. Er saß da wie ein Herrenreiter nach dem Rennen. Dieser Mann war gefährlich. Er konnte sich plötzlich auf sie stürzen, oder er konnte sagen: Fahren Sie nach Hause! Ich habe heute keine Lust zu arbeiten!

Wo wohnte er eigentlich? Das Auto fuhr zum Rüdesheimer Platz. Der Chauffeur suchte nach der Hausnummer. Hier also mußte es sein. Der Wagen hielt. Hildegard, die fast alle Gegenden Berlins kannte, wußte, daß es in diesen Häusern hoch oben unter dem Dach Atelierwohnungen gibt: immer ein großes Atelier und ein kleiner Raum zum Schlafen. In einer solchen Malerwohnung würde Torner hausen. Hier versteckte er sich vor seiner Frau. Vielleicht würde es nett dort oben sein. Er würde Mokka bereiten, indes sie in Decken eingewickelt auf dem Sofa lag. Männer haben manchmal etwas rührend Mütterliches an sich. Aber auch dieser Mann? Sie traute ihm nicht. In Torner lagen alle Möglichkeiten auf der Lauer.

Der Wagen hielt. »So!« sagte der Maler und stieg aus. Aber Hildegard blieb mit plötzlichem Entschluß sitzen. Vielleicht war sie einfach zu müde, um jetzt aufzustehen.

»Ich komme doch nicht mehr heraus!« sagte sie. »Es ist zu spät! Morgen, wenn Sie wollen!«

Er lüftete schweigend den Hut und gab dem Chauffeur ihre Adresse an. Dann ging er die wenigen Stufen zu seiner Haustür hinauf. Sie sah ihm nach und hatte das Gefühl, einer Gefahr entgangen zu sein. Aber es ist nicht immer schön, einer Gefahr zu entgehen.

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