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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 5
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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V

Nein, Schabrack zeigte den Engel des spanischen Grabmals nicht jedermann. Auch als am nächsten Vormittag Dr. Günther Filscher seine Kunsthandlung aufsuchte, bekam er sie nicht zu sehen.

Schabrack hatte immer interessante Sachen da. Jetzt schien er sich ganz auf die Moderne gelegt zu haben. Pariser Neue Sachlichkeit, zum Teil ganz unbekannte Namen, von einem keuschen glatten Auftrag und Farben von einer natürlichen Unausgesprochenheit.

»Wird sich nicht halten!« meinte Schabrack zu dem ihm unbekannten Besucher. »Eine Richtung wie die Nazarener. Die Welt verträgt so etwas nicht lange. Es liegt an den Menschen, die Malerei an sich ist gut!«

Schabrack bemerkte es, wenn Dr. Filschers Blick die Ecken durchflog. Immer eilte er schnell hin und deckte irgend etwas auf. Der junge Gelehrte sollte nicht glauben, daß Schabrack etwas vor ihm versteckte. Einmal war es sogar ein Renoir, der mit der Bildfläche gegen die Wand stand, und ein andermal ein Porträt von Erich Torner. So wie Porträts von Torner nun sind: eigentlich gar keine Porträts, sondern spukhafte Phänomene. Diesmal hatte er die Tänzerin Erma Lent gemalt. Jedermann sah mit einem Blick, daß es Erma Lent war, und erst, wenn man näher zuschaute, wußte man nicht mehr, wieso. Da war oben der kleine Beethovenkopf mit dem wehenden Haar, rechts in der Ecke eine fliegende Hand. Noch ein Hals war zu sehen, wie ein Blumenstengel aus Porzellan, dann lange gar nichts, bis aus dem festen Gabelgriff eines Unterleibes zwei Beine herauswuchsen, fast ägyptische Beine von einem antiken Schwung und marionettenhafter Gelöstheit.

»Ein fabelhaftes Bild!« sagte Dr. Filscher. Erich Torner war für ihn der größte lebende Maler. Wenn er an Torner dachte, fand er es immer wieder merkwürdig, wie langsam die Namen in der Nachkriegszeit sich durchsetzten. Die Vorstellungen klebten an den mindestens Sechzigjährigen. Er wurde nicht müde, das Bild anzusehen.

Schabrack führte ihn durch alle Räume, aber von spanischen Sachen bekam Filscher nichts zu sehen. Es war Schabracks Geheimnis, wie er das machte. Denn fünf Stunden darauf – Dr. Filscher saß längst wieder in seinem Büro und sah auf Berlin hinab – stand der hintere kleine Saal und der Nebenraum voller Gemälde, Marmorbilder, Holzplastiken, Altarflügel von einem merkwürdig fremden Charakter. Zehn Stuhlreihen waren aufgestellt. Auf jedem Stuhl lag in grüner Broschur mit Goldaufdruck die Schrift des Züricher Privatdozenten Dr. Martin Goldbaum über den »Fund von Cati«.

Hans Durlacher hatte nicht ganz pünktlich sein können, aber er kam bei weitem zur rechten Zeit. Noch standen die vielleicht sechzig Besucher in Gruppen herum und sprachen in der gedämpften Weise, wie sie vor Konzerten und Auktionen üblich ist. Zwei livrierte Diener an der Außentür ließen sich die Einladung vorzeigen. Vor der Garderobe die stilisierte junge Dame, die in einer Art Verschlag zwischen Broschüren und Verlagskatalogen saß, noch einmal. In dem Verschlag lag eine Präsenzliste aus, und die junge Dame beobachtete, ob die Eintragung des Gastes mit dem Namen der Einladung übereinstimmte. Natürlich sollte man nicht den Eindruck von Überwachung, sondern von vornehmer Exklusivität haben. In der Nähe der Saaltür stand noch einmal eine junge Dame, verteilte Programms und bat, einen Blick in die Einladung tun zu dürfen. Noch bevor sie gelesen hatte, sagte sie »Danke sehr!«.

Schabrack bemühte sich, die Honneurs zu machen, aber er brummte nur die Gäste leise an. Als Dr. Durlacher kam, sah er erstaunt zu ihm hin, als besänne er sich nicht, und drehte ihm den Rücken zu. Manchmal trat er zu einer Gruppe, zog einen Herrn am Ärmel fort und sprach mit ihm.

Durlacher wunderte sich, daß er keinen Bekannten vorfand. Es war bei solchen Veranstaltungen gewöhnlich das gleiche Publikum anwesend. Diesmal kannte er niemanden. Er suchte mit Blicken die Amerikanerin, die ihm den Engel vor der Nase wegzukaufen gesonnen war, und fand eine männlich aussehende Person in grauen Reisekleidern. Der junge Mann, mit dem sie englisch sprach, war an dem Abendanzug als Dr. Goldbaum erkenntlich, der nachher den Vortrag halten würde. Zwei ältere Herren standen außerdem in dieser Gruppe.

Hans Durlacher suchte nach dem Engel des Grabmals und fand ihn im Nebenraum. Die Figur war in eine Art Podest aus weißem geschliffenen Stein eingegipst. Eine glückliche Art der Aufstellung! Jetzt stand sie wie vor einem weiten Trümmerfeld, das die Phantasie ergänzte, totenernst, nicht klagend und nicht getröstet, nicht vernichtet und nicht jubilierend, sondern einfach mit einem großen, beschwingten Ausdruck, der voller Rätsel war wie der Tod, vor dem sie Wache hielt.

»Gil de Siloe!« sagte jemand neben ihm, der im Katalog nachblätterte. Der Name weckte Durlacher auf. Er ging auf die Amerikanerin zu und sprach sie englisch an:

»Sie wollen den Engel vom Grabmal des D. Alonso de Cardenas kaufen, Miß?«

Sie sah erstaunt auf. Vielleicht hatte er sich in der Person geirrt? Er wiederholte seine Frage.

»Die Dame versteht nicht englisch«, sagte Dr. Goldbaum neben ihr.

Durlacher wunderte sich. Hatte er nicht soeben gehört, wie sie sich auf englisch unterhielten?

»Verzeihen Sie, nein. Wir sprachen spanisch miteinander. Die Dame ist Argentinierin.«

»Ich werde kaufen den Engel von die Grabmal«, radebrechte die Dame deutsch. »Aber für vierzigtausend Dollar, nicht mehr!«

»Nicht für einundvierzigtausend Dollar?« fragte er.

»Nicht! Kein Cent mehr!«

Er verstand, daß er den Engel haben konnte. Er sah die Dame an. Sie war häßlich und ungepflegt, das Haar fett und schlecht geschnitten. Weshalb sollte er dieser Person das wundervolle Werk lassen! Er würde einundvierzigtausend Dollar zahlen!

Als er sich zu Schabrack wandte, um mit ihm zu sprechen, durchzuckte es ihn einen Augenblick. Er hatte sich unter der Amerikanerin eine hübsche junge Mistreß vorgestellt. Eine, die auch auf fünfzigtausend und mehr Dollars springen würde, wenn sie gerade diese Figur haben wollte. Er überdachte das gestrige Auftauchen Schabracks in dem Café, die von ihm zurückgelassene Photographie, die Erwähnung der Amerikanerin mit ihren vierzigtausend Dollar. Vielleicht war diese Amerikanerin eine vorgeschobene Person? Im nächsten Augenblick wies er den Gedanken zurück. Vorgeschobene Personen sehen anders aus, eleganter, gepflegter. Vorgeschobene Personen müssen der allgemeinen Vorstellung entsprechen. Auch Schabrack sah aus wie ein Gauner, und er war ein Mann von bestem Renommee. Oder war er doch ein Gauner?

Er sprach Schabrack an. »Kann ich den Engel von Gil für einundvierzigtausend Dollar haben?« fragte er kurz.

»Für fünfzigtausend!«

»Ich zahle einundvierzigtausend!«

»Fünfzigtausend sind geboten.«

»Von wem?«

Schabrack zuckte die Achseln.

»Ich würde einundvierzigtausend geben«, sagte Durlacher noch einmal und sah Schabrack an. Dem war die Sache nicht wichtig, er hatte seine Augen in einer Ecke, in der gerade zwei Diener eine Holzplastik hinstellten.

»Andersrum!« rief der Händler ihnen zu. »Das ist eine Figur in Seitenstellung! Nicht frontal!«

»Sie wollen mir den Engel für einundvierzigtausend nicht geben?«

Schabracks Augen waren noch immer auf die Ecke mit den Dienern gerichtet. »Sehen Sie sich die Sibylle an!« sagte er schließlich. »Kaufen Sie lieber die Sibylle!«

Es ist doch eine ehrliche Sache! dachte Durlacher. Schabrack wird mir die Sibylle für zehntausend lassen und den Engel für vierzigtausend an die Argentinierin verkaufen. Dann hat er zwei Figuren untergebracht.

»Einundvierzigtausend Dollar für den Engel!« sagte Durlacher noch einmal.

Schabrack musterte ihn von oben bis unten. »Gemacht?« fragte er nach einer kurzen Pause.

In diesem Augenblick zoppte Durlacher zurück. »Ich denke, es sind fünfzigtausend geboten?« fragte er.

»Nun, nicht ganz sicher. Wenn Sie einundvierzigtausend geben, sollen Sie sie haben.«

»Ich will es mir überlegen«, meinte Durlacher. Schabrack kehrte ihm wütend den Rücken. Der Bankier stand verlegen da. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Man handelte nicht herunter und drückte sich dann. Er ging noch einmal in den Nebenraum, wo der Engel undurchdringlich die ernste Totenwache hielt. Er überlegte sich den Platz, wo er ihn aufstellen konnte. Aber er würde ihn nun nicht mehr bekommen. Schabrack würde ihm sein Verhalten nicht verzeihen. Er würde den Engel der Argentinierin geben, und wenn er tausend Dollar dabei einbüßte. In diesem Ruf stand Schabrack. Oder Durlacher mußte sofort zu ihm hingehen und die Sache festmachen.

In dem Augenblick ordneten sich die Menschen und nahmen auf den Stühlen Platz. Durlacher mußte in den Saal. Er kam sich ausgestoßen vor, so, als ob Schabrack jeden Augenblick einen Diener zu ihm schicken konnte, um ihn hinauszuweisen. Er setzte sich ganz hinten hin, ergriff die ausgelegte Broschüre und blätterte in ihr. Merkwürdigerweise enthielt sie keine Abbildungen.

Dr. Goldbaum stand auf dem Podium. Die Deckenbeleuchtung zischte leise. Eine der stilisierten jungen Damen saß neben ihm, knabenhaft, mit einer Stufenfrisur, mit schönem bösen Gesicht. Hinten im Saal war ein Projektionsapparat eingebaut. Es würde Lichtbilder geben. Eine Leinwand wurde aufgerollt. Hans Durlacher wurde das Gefühl des Unbehagens nicht los. Er wußte nicht, ob er in diesem Raum bleiben sollte.

Dr. Goldbaum begann zu sprechen. Er sprach in einer überaus verbindlichen Manier, legte die langen Finger seiner Hände gegeneinander, zeigte lächelnd schöne weiße Zähne und ein schmales goldenes Armband. Manchmal streifte er durch eine kleine Bewegung den Ärmel zurück, daß man es sehen konnte.

Dr. Goldbaum erzählte von Cati, dem kastilischen Rothenburg, dem gotischen Traum frühen spanischen Mittelalters. Er knüpfte Beziehungen zwischen der Dombauhütte zu Burgos, dem Bamberger Dom und der kleinen spanischen Stadt. Er ließ die Generationen der deutschen und niederländischen Künstler vorüberziehen, die während dreier Jahrhunderte die nordische Kunst dem südlichen Lande eingepflanzt hatten. Dann gab er der jungen Dame neben sich einen Wink, und sie klopfte mit einem kleinen Hammer auf den Tisch. Der Saal verdunkelte sich, eine Lampe zischte auf, ein Lichtkegel schoß von hinten gegen die Leinwand.

Winkel und Gassen der kleinen Bergstadt wurden sichtbar. Das Kloster der heiligen Ursula, dicht an eine Landstraße und den kleinen ausgetrockneten Gebirgsbach gedrängt. Da stand es, noch unbeleckt von den Flammenzungen, die es bald umspülen sollten. Sehr friedlich schien es in seinem eigenen Schatten zu atmen. Zwei Ziegen weideten die vertrockneten Grasbüschel an der Mauer ab.

Wieder gab Dr. Goldbaum der stilisierten jungen Dame neben sich einen Wink, und sie klopfte mit dem Hammer auf den Tisch. Sie war nur dazu da, um mit dem Hammer auf den Tisch zu klopfen. Dr. Goldbaum konnte das nicht selber tun. Die harte Bewegung hätte ihn aus der Fassung gebracht. Wieder schoß der Lichtkegel nach vorn, und nun sah man die rauchenden Trümmer. Die Mauern waren umgestürzt und hatten die Grasbüschel begraben, wofern es nicht eine andere Stelle war. Neugierige Menschen hatten sich herbeigedrängt und sahen zu, wie weiße Rauchtücher zwischen den Steinen aufflatterten und sich zur Seite legten. Oder sie sahen zu, wie ein einzelner Mann zwischen den Trümmern einherging, als könnte ihm die Hitze und der Dampf nichts anhaben. Es war ein sehr großer und breitschultriger Mann. Das Gesicht mit der kühnen Nase war deutlich zu erkennen. Das Haar war entgegen der dortigen Sitte ganz kurz geschoren. Unter den dichten Brauen, die wie ein in die Höhe gerutschter Bart aus der Kaiserzeit aussahen, lagen zwei schmale, mandelförmige Augen, die ein wenig listig blickten.

Auf einmal erkannte Hans Durlacher den Mann: Edmund Stahl! Es konnte niemand anders sein. Sogar den Schritt in den hohen Stiefeln glaubte er aus tausendfacher Erinnerung vom Kriege her wiederzuerkennen. Wie kam Edmund Stahl in die kleine verlassene Stadt Cati? Vielleicht hatte er damals einen Aufenthalt in Spanien gemacht, als er aus Deutschland nach Argentinien zurückkehrte? Konnte es mit der Zeit stimmen? Natürlich konnte es mit der Zeit stimmen! Vor zwei oder drei Jahren sollten die Stücke aus dem Fund von Cati im Kunsthandel aufgetaucht sein.

»Am 3. Januar brannte das Kloster der heiligen Ursula ab!« hörte er Dr. Goldbaum in seinem Vortrag fortfahren, und besann sich im Augenblick, daß Edmund Stahls Besuch tatsächlich in die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr 1925 gefallen war. Konnte es sein, daß Stahl bereits am 3. Januar in Cati war? Wenn er über Land gereist war! Aber er hatte vorgegeben, in Hamburg den Dampfer zu besteigen. Merkwürdig!

Hans Durlacher konnte dem Vortrag nicht mehr folgen. Er mußte an Edmund Stahl denken. Es war im Grunde gleichgültig, ob Edmund Stahl jener Mann war, der zufällig nach dem Brand über die Trümmer ging, vielleicht um etwas zu suchen oder nur aus Lust an Qualm und Gefahrnähe!

Die junge Dame hatte inzwischen drei- oder viermal auf den Tisch geklopft, und das Bild der rauchenden Trümmer war längst verschwunden. Durlacher wartete, ob die bekannte Gestalt sich noch einmal blicken ließ, aber es gab jetzt Bilder von den gefundenen Werken: jene Sibylle war dagewesen, die ihm soeben Schabrack für zehntausend Dollar angeboten hatte. Sie war wirklich fabelhaft, und wahrscheinlich war es töricht, sich auf den Engel versteifen zu wollen. Nur, der Engel war von Gil und die Sibylle von einem, der es nicht verstanden hatte, seinen Namen auf die Nachwelt zu bringen.

Und nun kam jener Monumentalbrunnen, der gerade vor sechs Wochen in London für den Sagenpreis von zweihunderttausend Dollar gekauft worden war. Stammte er wirklich von Guas? Natürlich stammt er von Guas! suchte Dr. Goldbaum zu begründen. Er zog den Vergleich mit den Wasserkünsten der Alhambra, von denen außer Guas fast nur die von den Mauren beeinflußte Mudejarkunst gelernt hätte. Kein andrer spanischer Meister außerhalb der Mudejarkunst hätte diesen Brunnen schaffen können als Juan Guas.

Als die junge Dame das nächste Mal auf den Tisch klopfte, schlich sich Durlacher, einem plötzlichen Einfall folgend, hinaus. Jedesmal nach dem Klopfen machte Dr. Goldbaum eine kleine Pause. Erst ließ er das neue Bild heranschießen, dann gab er sich seinem Anblick hin, als ob ihm jetzt die Gedanken kämen, und dann begann er zu sprechen. Diesmal war er sogar so höflich, zu warten, bis Durlacher die Tür hinter sich zugedrückt hatte. Es war dem Davongehenden peinlich, zumal er Schabracks Blicke stechend in seinem Rücken fühlte.

Draußen saß noch immer die junge Dame mit der Bernsteinkette in ihrem Verschlag zwischen Broschüren und Programmen. Durlacher ließ sich die Garderobe geben und trat auf die Straße. Es war eine unmögliche Gegend, in der Schabrack seinen Laden hatte. Eine kurze dicke Straße, durch die sich der ganze Verkehr des Viertels drängte. Man hat im Westen keine Ahnung von Berlin! dachte Durlacher, als er drei von den großen Autobussen hintereinander anpoltern sah. Und dahinter tauchten schon andre auf. Wie die eine große Rückenflosse eines einzigen großen Urweltfisches sahen sie aus, über den die Wogen hinwegspülten. Fünf Elektrische warteten auf das Aufglimmen der grünen Lampe. Einige Nummern erkannte Durlacher wieder. Wir im Westen ahnen nichts von den Schicksalen dieser Bahnen hier im Nordosten, wenn sie vornehm durch den Kurfürstendamm gefegt kommen. Hier befördern sie eine Nachtschicht zu den Fabrikvierteln, die sich von Tegel und Borsigwalde her in die Stadt einfressen, und eine Viertelstunde später schaufeln sie die Theaterbesucher in die großen Restaurants und Tanzdielen.

Bei dem »Theater« fiel ihm Gitta Streicher, die Schauspielerin, ein. Jetzt würde sie gerade mit ihrem Mann in den Schlafwagen einsteigen. Er stellte es sich ganz deutlich vor. Man ist zuerst immer verzweifelt, wie man sich unterbringen soll. Dann wird man von der Abenteuerlust der Reise geplagt, und es ist entsetzlich, daß man jetzt aus diesem Wagen nicht mehr hinaus kann, nicht einmal, um noch irgendwo einen Mokka zu sich zu nehmen. Und dann dachte er an die Rolle, in der er Gitta noch vor acht Tagen gesehen hatte, an diese Rolle, die ihr zuwider war. So sind die Frauen, gingen seine Gedanken weiter. Wenn Gitta eine gute Rolle hätte, würde sie hiergeblieben sein. Jetzt muß die Überarbeitung ihres Mannes herhalten, um sie nach dem Süden zu bringen. Auf einmal fiel ihm jene junge Dame ein, die heute nachmittag von Gittas Tisch im Café Elsenheim aufgestanden war und die seinem Engel und seiner heiligen Katharina ähnlich sein sollte. Er hatte ihren Namen vergessen. Eigentlich reizte es ihn, diese Ähnlichkeit festzustellen. Vielleicht nicht nur wegen der Ähnlichkeit, sondern weil er sich nach diesem Gesicht bangte, es in Wirklichkeit, wirklich lebendig und über einem richtigen Hals und einem richtigen Frauenkörper zu sehen.

Er stellte auf einer Elektrischen den Namen jener Straße fest, in der das Theater lag. Übrigens konnte es auch umgekehrt sein, daß ihm diese Gedanken nur kamen, weil er den Straßennamen gelesen hatte. Das ging manchmal so rasch wie im Traum, und er wußte nicht genau, ob er nicht wirklich träumte. Hatte er wirklich noch vor zehn Minuten gesehen, wie Edmund Stahl über die rauchenden Trümmer eines spanischen Klosters stolzierte? Seit Monaten war er auf keine Elektrische gestiegen, jetzt stand er plötzlich auf der Plattform. Die Menschen lächelten, weil er nicht wußte, wie hoch der Fahrpreis war. Seine Schwester Hildegard fuhr natürlich mit der Elektrischen oder mit ähnlichen Vehikeln.

Es war wirklich wie ein Traum, daß er auf einmal über weiche Teppiche ging und an einer Theaterkasse stand. Ein Akt war noch zu sehen. Der Diener ließ ihn leise in die Loge ein und gab ihm das Programmheft. Er drehte es gegen die Bühnenbeleuchtung, um die Namen zu lesen, oder wenigstens den einen Namen. Die andern kannte man. Es sind immer die gleichen Schauspieler in Berlin, und immer in der gleichen Rolle, auch wenn sie ganz anders heißt. Dies Berliner Theater ist das Mosaikspiel der Direktoren mit den Schauspielern. Der Name, den Durlacher suchte, hieß »Sibylle Marcks«, und auf einmal besann er sich, daß Gitta Streicher ihm diesen Namen genannt hatte.

Sie war nicht auf der Bühne. Die Situation fiel ihm im Augenblick ein. Das dort war ihre Schwester, und das ihre Mutter. Der junge Mann im Besuchsanzug wußte nicht, mit wem von beiden er es halten sollte. Man konnte bei einiger Kenntnis der Lustspieltechnik ahnen, daß im nächsten Augenblick die Dritte ins Zimmer treten würde, auf die er dann endgültig zuflog, weil es der letzte Akt war. Und diese »Renate«, die jetzt kommen mußte, würde Sibylle Marcks sein. Und sie kam!

Er hatte sich von dem Logenschließer ein Glas geben lassen und setzte es an die Augen. Renate, die »ältere Schwester«, trat ein. Sie trug ein leichtes Pariser Stilkleid. Am nächsten Sonntag würde sie so in den Illustrierten Blättern zu sehen sein. Aber trotz des Kleides sah Hans Durlacher nicht »Renate«, er sah die heilige Agnes der kleinen Holzstatue. Genau, wie sie ihn zuletzt mahnend und warnend angeschaut hatte. Eine überraschende Ähnlichkeit, über die Verkleidung des Kostüms hinweg! Frau Streicher hatte recht. Er wußte nicht mehr, weshalb er sich auf den Engel von dem spanischen Grabmal versteift hatte. Diese heilige Agnes war von einer unbeschreiblichen Süße. Aber sie war auch der Engel des Grabmals, und sogar die keusche Susanne von jenem fabelhaften Londoner Brunnen des Juan Guas, und auch die Sibylle, die ihm Schabrack verkaufen wollte. Aber vor allem war sie die heilige Agnes. Ich werde die heilige Agnes von Zwingermann kaufen! nahm er sich vor. Und dann dachte er an die heilige Katharina, die vor seinem Bett stand. Auch mit ihr hatte diese »Renate« eine seltsame Ähnlichkeit. Es war, als hätte sie als Modell allen diesen Künstlern gedient.

Von den Vorgängen auf der Bühne sah er nur immer den Kreis seines Okulars, in dessen Mitte die heilige Agnes stand. Manchmal brach irgend etwas bedrohlich in den runden Bildausschnitt ein. Er hatte Furcht. Wenn dieses Bedrohliche ein Männerarm oder gar der zum Küssen bereite Mund eines Mannes sein würde, dann war das Stück zu Ende. Bis dahin sah er Arme, wundervoll undurchgebildete Arme in einer hilflosen Lässigkeit niederhangen, und einen Mund in einer unbeschreiblichen Erregung, mit Muskelspannung, die zwischen Trotz und Hingabe immer neue Übergänge suchte. Er zwang sich zu denken: dies ist Sibylle Marcks, obwohl immer neue Welten in die Gestalt einbrechen wollten.

Auf einmal verschwand der Kopf vor ihm unter einem Männerscheitel, der sich darüberdrängte. Das Klatschen prasselte wie Regen von der Galerie hernieder, überrauschte die Wände, donnerte von unten herauf. Hans Durlacher ließ das Glas sinken. Jetzt mußte er sehen, wie sie sich verneigte, wie sie die Arme hob und sinken ließ, wie sie noch einmal hinter dem Vorhang vorkam und zurückging. Merkwürdig, wie dieses Gesicht über die Jahrhunderte hinwegsetzte, wie die Zeiten ein Spiel um dieses Gesicht zu sein schienen.

Er ging langsam die Treppe hinunter. Es schadet nichts, wenn er bei der Garderobe würde warten müssen. Sibylle Marcks würde sich erst abschminken. Er würde am Bühnenausgang vorbeigehen und es so einrichten, daß er sie womöglich sah. Schließlich aber blieb er doch am Bühnenausgang stehen, wo es noch gar nicht danach aussah, daß die Künstler das Haus verließen. Etwa zwanzig Menschen standen herum. Einige Herren im Herbstpelz, auch Frauen und junge Mädchen. Er wußte nicht, auf wen sie warteten. Vielleicht wartete dieser Mann im gelben Ulster auf Sibylle Marcks. Vielleicht war er ihr Bräutigam, oder irgendeine von diesen älteren Damen war ihre Mutter. Plötzlich empfand er den Reiz, in die Atmosphäre eines unbekannten Menschen einzudringen.

Die Bühnenarbeiter kamen mit hochgeschlagenen Mänteln heraus, und dann der Charakterspieler, der ein Meister im Abschminken sein mußte. Einige, die kühn waren, gingen in das Tor hinein. Menschen strömten vorbei und belächelten die Wartenden. Zwei Schauspieler kamen heraus, dann eine junge Dame mit hochgeschlagenem Mantel, so daß man ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Vielleicht ist sie es, dachte er voller Schrecken. Er sah ihr nach, wie sie die Straße hinuntereilte und ein Auto herbeiwinkte. Der Chauffeur machte kehrt. Sie stand jetzt im hellen Schein der Laterne. Er näherte sich langsam und holte sie ein. Einen Augenblick sah er ihr Gesicht. Sie war es wirklich.

Aber nicht die anmutig traurige heilige Agnes, sondern der Engel selber, von einem gesammelten Ernst und einem Ausdruck, der nicht zu bezeichnen war. Man konnte nicht deuten, was hinter dieser schmalen runden Stirn vorging. Es lag keine Freude darin und kein Schmerz, keine Unlust und keine Spannung, sondern einfach ein großer beschwingter Ausdruck.

Hans Durlacher sah, wie dieses Gesicht ins Dunkel niedertauchte und sich auflöste. Eine Wagentür wurde zugeschlagen, der Motor zog an. Vor dem Bühnenausgang warteten immer noch zehn Menschen und vertraten sich in der nächtlichen Kälte die Füße.

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