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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 4
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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IV

Wie sollte man dem Fund von Cati beikommen!

Geheimrat von Bock hatte Hildegard Durlacher auf einer Abendgesellschaft zu Tisch geführt. Wenn sie ihm von der spanischen Heiligen ihres Bruders erzählt hätte, würde er vielleicht aufgehorcht haben. So aber erfuhr er nicht einmal, daß der Bankier sich gern von dem Kunsthändler Zwingermann beliefern ließ, und vielleicht dachte der Geheimrat überhaupt mehr an den ägyptischen Saal als an die Fälschungen, die sein Assistent zu bearbeiten hatte.

Es traf sich sogar, daß Dr. Günther Filscher den Kurfürstendamm entlangschlenderte und an dem Cafe Elsenheim vorüberkam. Der Oktober hatte noch einmal Sonne gesammelt und streute sie aus. Der Kurfürstendamm war wie eine Riviera. Die großen Häuser standen wie Bergkulissen und warfen die Wärme zurück. Das Auge war dankbar für die wenigen Grasbüschel der Vorgärten und walzte sie zu angedeuteten Sommerwiesen aus. Die ganze Natur ist nur angedeutet in dieser Stadt. Der Berliner versteht sich auf Andeutungen. Die Bäume der Straße sind ihm wie Alleen zwischen Wäldern, und die Vorplätze der Cafés wie Terrassen über Alpentälern. Er liest die Hieroglyphen und begreift vielleicht nicht mehr den vollen Klang der Worte.

Dr. Filscher konnte sich die Augen eines französischen Impressionisten aufstecken, sich an einem solchen Nachmittag ins Bois de Boulogne versetzen und schon allein durch diese Vorstellung an hohen Entzückungen teilhaben. Obwohl der »Fund von Cati« seine Gedanken keinen Augenblick losließ, freute er sich an der beweglichen und anmutigen Rasse, die Berlin immer reifer austrug. Sein Philologenherz beruhigte einen leisen Widerstand durch die Überlegung, daß alle diese gut angezogenen Menschen für gewöhnlich hart arbeiteten. Sein Ästhetenherz genoß es, daß sie wie elegante Nichtstuer und Luxusgeschöpfe aussahen.

Im Vorgarten des Cafés Elsenheim sah er den Kunsthändler Zwingermann mit zwei Herren sitzen. Zwingermann konnte mit seinem fransigen Schnauzbart ein bayrischer Aktuar aus dem Militäranwärterstande sein. Eigentlich mußte er Röllchen auf den Tisch stellen und die Jacke ausziehen. Nur die kleine fleischige Hand war wie die Klaue eines Panthers.

Ein blasser, nicht ganz sympathisch und etwas verkniffen aussehender Herr saß neben Zwingermann. Günther Filscher ahnte nicht, daß es jener Dr. Durlacher war, der eine spanische Katharina in seinem Schlafzimmer stehen hatte. Er sah eher wie ein verhungerter Neffe des Herrn Zwingermann aus. Und dann saß noch ein Dritter an dem Tisch, ein kleiner, untersetzter Mann, den Filscher sofort erkannte. Er schien nicht zu den beiden andern zu gehören. Ganz teilnahmslos saß er da und las eine Zeitung.

Alles an diesem Mann war kurz und breit, nur der Kopf auffallend klein und schmal. Das blasse Gesicht konnte man mit der Hand bedecken, so klein war es. Zum Überfluß war es in seiner unteren Partie durch einen schwarzgrauen Spitzbart halb verdeckt, so daß es noch kleiner erschien, und die obere Partie verschwand unter einer riesigen schwarzen Hornbrille.

Das ist doch Herr Schabrack, dachte Dr. Filscher, der bekannte Kunsthändler! Weshalb tut er so, als ob er Zwingermann nicht kennt? Mein Gott, Zwingermann wird mit dem andern Herrn etwas zu besprechen haben, und Schabrack liest währenddessen seine Zeitung! Dr. Filscher beruhigte sich und ging weiter. Aber er beschloß doch, morgen die Kunsthandlung Schabrack aufzusuchen. Es gab immer interessante Sachen dort. Man wußte nicht einmal, ob Herr Schabrack nicht der genialste Kunsthändler von Berlin war.

Herr Zwingermann hatte in der Tat seine Bekanntschaft mit Herrn Schabrack in keiner Weise verleugnet. Im übrigen war es ein ganz zufälliges Zusammentreffen. Manchmal stieß Schabrack aus seiner Geschäftsgegend im Nordosten in den eleganten Westen vor. Dann setzte er sich irgendwohin und beobachtete. Er brauchte das. Aus der Art der Menschen, sich zu kleiden und zu bewegen, konnte er den Gang der nächsten Entwicklung im Kunsthandel entnehmen. Er sah dann, ob China modern werden würde oder Persien oder Griechenland. Gewöhnlich saß er im Café Elsenheim und las Zeitungen. Man hätte denken sollen, daß er sich zu seinem Zweck mehr auf das Beobachten legte, aber er beobachtete auf eine gewissermaßen magische Art, indem er mitten unter den Menschen von Mondänität innerlich ihre Haltung annahm, ihre Gespräche mitführte und mit Inbrunst eins von den Boulevardblättern las, das gerade in Mode war. Dann wußte er alles und kam geladen von Aktuellität in sein Geschäft zurück.

Als Herr Zwingermann in das Café kam, setzte er sich aus Höflichkeit zu seinem Kollegen, der indes wenig Notiz von ihm nahm und keine Geneigtheit zeigte, sich in dem magischen Kontakt mit seiner Umwelt stören zu lassen. Auch mit Dr. Durlacher gab es nur die allernotwendigsten Worte, und erst später horchte Schabrack auf, als Zwingermann sich mit seinem Kunden über jene kleine Terrakotta-Statue unterhielt, die Lorenzo Mercadante in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Sevilla geschaffen haben sollte, wie noch vorhandene Rechnungen bezeugten.

Zwingermann hatte zwei Photos der Figur mitgebracht. Eine heilige Agnes stand in anmutiger versonnener Haltung mit dem Lamm im Arm da und lehnte sich an einen Baumstamm von auffallend realistischer Behandlung. Ein weites Gewand fiel faltig auf den kleinen runden Sockel hernieder, der fast wie bei einer Porzellanfigur anmutete. Unter einem goldenen Reif ringelten sich die Haare lockig über Schultern von bezaubernder Rundung. In der schmalen runden Stirn war eine rührende Kindlichkeit eingefangen.

Durlacher sah die Photos lange an.

»Achtzig Zentimeter hoch, wunderbar polychromiert!« ergänzte Zwingermann.

»Preis?«

»Fester Preis: zwölftausend Mark. Ich dachte gleich, daß es etwas für Sie ist.«

Hans Durlacher hatte nur dunkel von einem »Fund von Cati« gehört, und Zimmermann ahnte, daß diese Terrakotta-Figur zu jenem Fund gehörte. Sonst müßte Schabrack es wissen. Schabrack zuckte die Achseln. »Es ist da sehr viel gefunden worden!« sagte er. »Ich kenne lange nicht alles.«

»Was ist es eigentlich mit diesem Fund von Cati?« fragte Durlacher.

»Man sagt so Fund von Cati, und weiß eigentlich nicht recht, was das bedeuten soll. Vor zwei oder drei Jahrzehnten brannte dort ein Kloster ab, und bei den Löscharbeiten kamen allerhand Kunstwerke zum Vorschein. Natürlich hat man nachher manches dazugetan und behauptet heute von vielem, daß es in Cati gefunden wäre.«

»So«, sagte Durlacher. Er wußte, daß es furchtbar viele Märchen über die Auffindung von Antiquitäten gab. Er hielt nichts davon, auch wenn Dokumente beigebracht wurden.

In diesem Augenblick stand eine Dame von einem der Tische in der vorderen Reihe auf. »Ist die schön!« dachte oder sagte Durlacher halblaut, obwohl er sie nur einen Augenblick von der Seite gesehen hatte. Sie ging mit schnellen Schritten durch den Gang und verschwand in dem Gewühl der Straße.

Dr. Durlacher sah nach dem Tisch, von dem sie aufgestanden war. Eine andre Dame saß noch dort, und jetzt erkannte er sie: Gitta Streicher, die Schauspielerin. Er grüßte hinüber, sie lächelte. Er stand auf, um ihr guten Tag zu sagen. Das eine Blatt der heiligen Agnes behielt er aus Zerstreutheit in der Hand.

»Wie geht es Ihrem Gatten?« fragte er. Gitta Streicher war mit dem bekannten Rechtsanwalt van Holten verheiratet.

»Scheußlich!« antwortete sie. »Er ist gänzlich überarbeitet, und endlich habe ich ihn dazu bekommen, noch auf vierzehn Tage nach dem Süden zu gehen.«

»Sie verreisen?«

»Gottlob ja!«

»Und Ihre Rolle?« Gitta trat jeden Abend in einem modernen Gesellschaftsstück auf, das ihr nicht im geringsten lag.

»Ach, meine Rolle!« stöhnte sie. »Zwei Wochen habe ich sie Tag für Tag gespielt. Es ist ein gräßliches Stück. Ich wollte schon lange nicht mehr. Ich gebe die Rolle auf. Haben Sie das junge Mädchen gesehen, das eben mit mir zusammensaß? Eine junge Anfängerin, kann aber enorm viel. Sie spielt von morgen ab meine Rolle. Sehen Sie sie sich an, es lohnt!«

»Ich werde es auf Ihre Empfehlung hin tun.«

»Was haben Sie da in der Hand?« fragte sie und zeigte nach dem Bild.

»Ein Photo. Spanische Terrakotta, fünfzehntes Jahrhundert. Vielleicht kaufe ich sie.«

Gitta Streicher besah das Bild. Es gefiel ihr.

»Es ist etwas Ergreifendes in der Haltung!« sagte sie. »Sie haben überhaupt so wunderschöne Sachen. Ihre Schwester erzählte mir erst neulich wieder von Ihren Sammlungen.« Noch immer reichte sie ihm das Blatt nicht zurück.

»Wundervoll, nicht wahr!«

»Übrigens eine merkwürdige Ähnlichkeit!« sagte sie. »Mit meiner kleinen Kollegin, die eben fortging!«

»So«, sagte er gedankenlos. Er wußte, daß Laien immer Ähnlichkeiten herausfinden. Für sie haben Bilder nur den Zweck, irgend jemandem ähnlich zu sehen. »Übrigens schien die junge Dame wirklich auffallend hübsch.«

»Ja, sie ist sehr hübsch. Sie brauchen sich nur Ihre heilige Agnes anzusehen!«

»Wie heißt sie?«

»Sibylle Marcks.«

Er kannte den Namen nicht, aber auf einmal fiel ihm ein, daß er das Gesicht dieser kleinen Figur schon einmal gesehen haben mußte. Es war da eine Ähnlichkeit dieser spanischen Heiligen mit irgend jemandem! Er kam nicht darauf. Es mußte ein ihm nahestehender Mensch sein. Ein Gesicht, das er jeden Tag sah. Vielleicht eine Stenotypistin in der Bank. Er mußte einmal darauf achten. »Sibylle Marcks!« registrierte er. »Sie ist wirklich sehr hübsch!«

Gitta Streicher brach auf. Er ging zu Herrn Zwingermann zurück. Herr Schabrack war verschwunden.

»Die kleine Streicher!« sagte Herr Zwingermann. Jedermann in Berlin kennt sämtliche Schauspielerinnen. »Weshalb zeigen Sie das Bild herum? Man muß vorsichtig sein. Jemand kommt und schnappt Ihnen die Figur vor der Nase fort. Nun, wollen Sie sie haben?«

»Zwölftausend Mark sind viel Geld dafür.«

»Es ist billig. Haben Sie nicht immer billig bei mir gekauft?«

»Ich muß es mir überlegen. Ich habe ein bißchen viel Spanisches. Ich wollte eigentlich an die Mingperiode herangehen.«

»Haben Sie viel Spanisches? Nun, vervollständigen Sie! Bringen Sie eine kleine spanische Sammlung, dreizehntes bis fünfzehntes Jahrhundert, zusammen! Spanien wird steigen. Justi hat gerade über Spanien geschrieben. Mayer wird eine neue Monographie bringen.«

»Spanisch liegt mir nicht sehr.«

»Nun, ist dieses Stück etwa spanisch? Mercadante stammt aus der Bretagne. Ihre heilige Katharina ist sicher niederländisch beeinflußt. In Spanien treiben sich alle Deutschen, Franzosen und Niederländer herum. In der spanischen Gotik finden Sie kaum einen Spanier.«

Auf einmal fiel es Durlacher ein, an wen ihn die Terrakotta-Figur erinnerte. Es war die heilige Katharina in seinem Schlafzimmer. Sofort als Zwingermann die Figur erwähnte, fiel es ihm ein. Er nahm noch einmal das Photo vor. Im Grunde war dieses Gesicht ganz anders, und doch so, als hätten die Künstler das gleiche Modell gehabt.

»Besinnen Sie sich noch auf meine Katharina?« fragte er. »Es ist eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Gesichtern.«

»Ja, gewisse Gesichtstypen gehen hindurch und kommen immer wieder. Ich kann Ihnen dasselbe Gesicht sogar noch einmal zeigen. Herr Schabrack hat mir etwas für Sie hiergelassen. Sehen Sie!«

Er nahm ein neues Photo aus der Mappe. Ein Engel, marmorn, irgendwo losgebrochen. »Lebensgröße!« erläuterte Zwingermann.

»Donnerwetter!« entfuhr es Durlacher. »Was ist das?«

»Das ist eine Engelsfigur von dem Grabmal des Hochmeisters des Santiagoritter-Ordens D. Alonso de Cardenas.« Zwingermann las die genaue Bezeichnung von der Rückseite des Blattes ab. »Gil de Siloe zugeschrieben. Das Grabmal ist in alle Winde zerstreut. Einige Stücke befinden sich in Amerika. Der Engel ist die am besten erhaltene Figur. Nach den Quellen stand er am Fußende des Grabmals.«

»Weshalb wird mir das nicht angeboten?« fragte Durlacher streng. Er hatte nie etwas Schöneres gesehen als diesen Engel im lang fließenden Gewand, den weich modellierten Flügeln, die sich wie eine Höhle aus Musik um die Figur schlugen. Und richtig, unter dem gescheitelten Haar blickte wiederum dieses selbe Gesicht hervor. Todernst diesmal, von einer herben Erhabenheit. »Das ist schön!« sagte er.

»Die Figur werden Sie kaum bekommen können. Es ist ein sehr wertvolles und berühmtes Stück. Eine Amerikanerin will vierzigtausend Dollar dafür geben.«

»Vierzigtausend Dollar!« Hans Durlacher war noch nie auch nur im entferntesten bis zu dieser Höhe gegangen. Es war, als risse es ihn auf einen Berg hinauf. Er überschlug sein Vermögen. Es könnte gehen! dachte er. Dies eine einzige Mal könnte es gehen! Aber wie, wenn dies nur der Anfang war, wenn ihn die großen Objekte anfingen zu reizen! Er verlor den festen Boden unter den Füßen. Zum erstenmal spürte er, daß er an einem Abgrund entlangging. Eigentlich ging er schon drei Jahre neben diesem Abgrund. Es mußte ihn eines Tages bis hierher treiben! Er würde nächtelang dasitzen und nur diese Figur anschauen. Hundertsechzigtausend Mark! Er konnte sein Auto verkaufen, eine Reihe Stücke abgeben. Es war gerade noch innerhalb der äußersten Grenze seines Könnens. Aber der Schritt darüber würde folgen. Bald oder in einem halben Jahr! Mit einmal fiel ihm Edmund Stahl ein. Es war ein Gedankensprung, den er machte. Er dachte etwa, daß sein Sammeln ein Laster ist und daß Edmund Stahl gesagt hatte: man muß seinen Lastern jedes Opfer bringen!

»Die Figur ist so gut wie verkauft!« sagte Zwingermann.

»Kann man sie wenigstens noch sehen?«

»Gewiß! Sie steht bei Schabrack. Aber er zeigt sie nicht jedem. Morgen nachmittag wird sich dort eine kleine geladene Gesellschaft versammeln. Es werden verschiedene Stücke gezeigt werden, und ein Züricher Kunsthistoriker wird über den Fund von Cati sprechen. Der Engel ist in Cati gefunden. Die Amerikanerin wird übrigens auch dort sein. Wollen Sie eine Einladung? Dann rufen Sie Schabrack morgen früh an! – Und die heilige Agnes?«

Durlacher nahm noch einmal die Photographie vor. Die heilige Agnes sah ihn an, sie mahnte ihn, sie warnte ihn. Die schmale runde Stirn war ganz schwer von Traurigkeit.

»Ich kaufe die Terrakotta-Figur nicht«, entschloß er sich.

»Wie Sie wollen!« sagte Zwingermann. Man merkte ihm an, daß er verstimmt war.

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