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Der Kunstfälscher

Walter Harich: Der Kunstfälscher - Kapitel 1
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typefiction
authorWalther Harich
titleDer Kunstfälscher
publisherDie Buchgemeinde / Berlin
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I

Es wurde nachher bald vergessen, wie die Geschichte ins Rollen kam. Aber es war so gewesen, daß irgendwo, in Detroit vielleicht, oder in Kopenhagen, in Buenos Aires, vielleicht auch in Paris oder Rom, ein junger Museumsassistent plötzlich überrascht die Lupe sinken ließ. Vor ihm lagen die Blätter, die jene seltsamen Kunstwerke aus dem »Fund von Cati« wiedergaben, soweit man sie hatte zusammenbringen können. Außerordentlich scharfe Photographien, die mehr als das Auge festhielten und die Oberfläche fast abzuschälen schienen.

Stücke von einem eigenartigen Reiz und meisterlicher Arbeit: Holzplastiken, Madonnenstatuen, eine heilige Katharina, der Engel eines Grabmals, Figuren von Brunnen und aus den Kreuzgängen spanischer Kathedralen. Dem vollen Umkreis altspanischer Gotik entstammend, dreizehntes bis fünfzehntes Jahrhundert. Man entsann sich nach Jahren der Sensation, die diese Stücke erregten, als sie im internationalen Kunsthandel auftauchten.

Ein Ursulinenkloster in dem altertümlichen Städtchen Cati (im Valencianischen) war abgebrannt. Aus einem Schuppen rettete man die vergessenen Sachen, die vielleicht Jahrhunderte dort verborgen gewesen waren. Arbeiten von unbekannten Meistern, deren Existenz man bisher nur aus geringen Abweichungen einzelner Werkstattarbeiten erschlossen hatte. Auf einmal tauchten nun von ihnen drei, vier Werke von einer unvergleichlichen Vollkommenheit auf. Andere daneben aus den folgenden Jahrhunderten, Parallelarbeiten zu den Schätzen der berühmten Kartause von Miraflores. Es gab da eine Sibylle aus dem fünfzehnten Jahrhundert von einer erstaunlichen Gewalt des Ausdrucks. Arbeiten von Gil de Siloe und Juan Guas. Die Holzfigur eines laufenden Mönches, die man als Gegenstück zu der berühmten Statue des Königs Ordono in der Kathedrale von Leon seit Jahrzehnten gesucht hatte. Und dann einen Engel, unverkennbar von dem in alle Winde zerstreuten Grabmal des Santiagoritters D. Alonso de Cardenas herstammend. Eine Figur von einem Liebreiz, der die Tränen in die Augen trieb.

Bei Betrachtung dieser Figur war es – und das ist das einzig Bezeugte von diesem Hergang –, daß den Assistenten, oder wer es gewesen sein mag, eine gewisse Ähnlichkeit der Gesichtszüge bei sämtlichen Werken dieses Fundes stutzig machte. Sie lag keineswegs auf der Hand. Es war nicht etwa so, daß immer das gleiche Antlitz dem Betrachter aus jedem Bilde entgegengesprungen wäre. Aber es war doch das gleiche Verhältnis eines weichen und runden Kinns zu einer schmalen und edlen Stirn, einer feingeflügelten Nase zu einem vollerblühten Mund, das in mannigfaltigen Abwandlungen immer wiederkehrte. Einmal brach der Ausdruck eines schwärmerischen Auges aus dem Maß dieser Formen leuchtend und verzehrend hervor, ein andres Mal wieder war es die Resignation eines müde heruntergelassenen Augenlids oder ein ruhiger Blick voll süßer Reife. Oder der hohe Ernst auf dieser ungewöhnlich wohlgebildeten Stirn, die wie ein Himmel voller Sterne und Wolken zugleich schien. Und immer derselbe Ansatz der Haare darüber mit der Andeutung eines dunklen Scheitels.

Der Museumsassistent legte die Blätter der Mappe vor sich hin, ließ unter dem Glas Teilkreise aus dem Zusammenhang heraus groß vor das Auge treten, deckte Partien von Augen und Stirn vorsichtig zu, zirkelte den Winkel von Stirn und Nase ab, verglich auf den Blättern das Herauswachsen des Halses aus den schmalen Schultern, und konnte schließlich kopfschüttelnd zu keinem andern Ergebnis kommen, als daß ein einziges Modell diesen Arbeiten aus vollen drei Jahrhunderten zum Vorbild gedient haben mußte. Kurzum, daß es sich um Fälschungen handelte!

Und dann wird er mit der großen Mappe zu seinem Professor oder Direktor gegangen sein, und sie werden beide über den Blättern gesessen und verglichen haben.

»Diese ganzen Arbeiten müssen von einer Hand herrühren!« sagte der Assistent.

»Es sind die geschicktesten Fälschungen, die mir je vorgekommen sind!« sagte der Direktor oder Professor und fügte gleich den Namen jenes Mannes hinzu, vor dessen Forum dieser Fall in erster Linie gehörte: des Geheimrats von Bock in Berlin.

Und dann begann der geheimnisvolle Apparat des internationalen Museenverbandes zu spielen. Ein kleiner Stab von Spezialisten saß tagelang zusammen, prüfte die Behandlung von Faltenwurf, Blattwerk, Beinstellung, Kopfhaltung, wog dreizehntes und fünfzehntes Jahrhundert gegeneinander aus, verglich die geometrische Aufteilung des Goldgrundes, den Blockcharakter der Figuren, ihre Haltung, die Neigung des Kopfes, die Seitendrehung. Keines der allgemeinen Merkmale einer Fälschung konnte festgestellt werden, nur gewisse Anzeichen dafür, daß diese Arbeiten, die den Charakter von drei verschiedenen Jahrhunderten trugen, von einer und derselben Hand herzustammen schienen und eine einzige Gestalt allen diesen verschiedenen Frauengestalten zugrunde lag. Merkwürdig!

Beißend scharfe Photos wurden hergestellt, die verdächtigen Partien in drei- und vierfacher Vergrößerung besonders aufgezogen, mit eingezeichneten Graden der Gesichtswinkel. Einzelne Teile der verschiedenen Arbeiten nebeneinander getypt, um ihre Übereinstimmung deutlicher zu machen. Chiffrierte Depeschen flogen um den Erdball mit vorläufigen Warnungen an die Mitglieder des Verbandes in den einzelnen Ländern und Städten, das bereits abgeschickte oder in Vorbereitung befindliche Material ankündigend.

In diesen Tagen wurde in London der große Monumentalbrunnen, den man Juan Guas zuschrieb, für zweihunderttausend Dollars von Mr. Smith aus Philadelphia ersteigert. Der junge Lord Fielding, der das Dezernat für Museen und staatliche Kunstsammlungen bearbeitete, war mit den Leitern des Britischen Museums und des »Victoria and Albert-Museums« anwesend. Unbeweglichen Gesichts sahen sie zu, wie der Amerikaner für das angezweifelte Werk seinen Scheck ausschrieb.

»Ein schönes Stück!« sagte der Leiter der Versteigerung zu dem Lord. Er wunderte sich, daß die Herren nicht für die staatlichen Sammlungen mitgeboten hatten.

»Indeed!« antwortete der Lord und wandte sich ab. Man hatte noch keine Beweise in der Hand und mußte schweigen. Aber er hatte die Susanne auf dem Brunnenrand mit den Photos andrer Werke aus dem Fund von Cati verglichen. Noch vor drei Tagen hätte er ohne die Warnung den Brunnen für die National Galery zu erwerben versucht. So schwiegen er und seine Herren, und keiner der Beteiligten ahnte etwas von den Alarmsignalen, die schon in allen Weltteilen die Museumsleiter erreicht hatten.

Es dauerte vier Tage, ehe das Belegmaterial bei Geheimrat von Bock in Berlin eintraf. Der Geheimrat wußte bereits, daß der Brunnen in London nach Amerika verkauft war, und sein Assistent, Dr. Günther Filscher, jener Filscher, der ein aufschlußreiches Buch über Holzplastiken des Barock verfaßt hatte, hatte herausbekommen, daß sich seit etwa zwei Jahren eine Madonnenplastik, die einem Schüler Pedro de Menas zugeschrieben wurde, im Berliner Kunsthandel befand. Niemand hatte sie in letzter Zeit gesehen. Eine andere Madonnenstatue war vor einem Vierteljahr in Dresden angeboten worden. Wo würde sie jetzt sein? Ebenfalls in Berlin natürlich! Was in Deutschland war, schob sich unwillkürlich in Berlin zusammen oder lief doch wenigstens einmal über Berlin. Man konnte mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf rechnen, daß noch mehr Werke aus diesem merkwürdigen Fund von Cati in der Reichshauptstadt auftauchen würden. Nicht die größten vielleicht, weil die Kaufkraft der deutschen Sammler nicht hoch veranschlagt wurde, aber immerhin einige hochwertige Stücke. Man würde aufpassen müssen.

»Halten Sie die Fälschungen für erwiesen?« fragte der Geheimrat seinen Assistenten.

Der zuckte die Achseln. »Erfahrungsgemäß sind die meisten Stücke unecht.«

Wer war Geheimrat von Bock? Einer jener Gewaltigen, deren Namen die Öffentlichkeit kaum kennt. Der nur hier und dort, von der Masse überhört, etwa in den Etatsberatungen des Parlaments auftauchte. Einer, der hinter Kulissen thronte und den nur wenige Eingeweihte zu Gesicht bekamen. Aber der Geheimrat beherrschte ein ganzes Reich. Große Gebäudekomplexe wurden auf einen Wink seiner Hand geschlossen, veränderten ihre Fassade, wandelten ihren Charakter. Aus griechischen Sälen wurden assyrische oder ägyptische, alte Schlösser verwandelten sich in moderne Galerien. Wenn er der Zerfahrenheit der staatlichen Sammlungen müde war, erstanden irgendwo in Berlin Riesenpaläste, die eine seltsame Kreuzung von amerikanischen Hochhäusern und griechischen Tempeln darstellten. Unzählige Säle voll vorderasiatischer Kunst bauten sich auf sein Geheiß irgendwo auf. Früher wußte niemand, daß sie da waren. Das deutsche Mittelalter entfaltete seine Fülle. Die Renaissance schlug ihren Pfauenschweif durch ungeheure Hallen, zu denen goldgleißende Treppenhäuser emporführten. Geheimrat von Bock hatte seine Hände überall. Niemand wußte in seinem Reich Bescheid wie er. Wenn er heute aufstand und fortging, würde morgen auf Rohbauten die Arbeit einschlafen, würden ganze Speicher voller Kostbarkeiten vergessen werden, würden bereits genehmigte Pläne in einer entlegenen Schublade vermodern. Geheimrat von Bock hatte es in vierzig Jahren erreicht, daß Berlin im internationalen Museumswesen in vorderster Reihe stand. Trotzdem kannte ihn kaum jemand außerhalb des Kultusministeriums, und selbst den meisten Abgeordneten blieb sein Name unbekannt.

Am 2. Oktober traf das Material über den Fund von Cati bei der Museumsverwaltung ein. Es war das Geheimnis des Geheimrats, daß er stets die Post erhielt, die er erhalten wollte. Denn im Grunde war es nicht einzusehen, wie irgendein Paket, das unten in dem Treppenhaus des halbfertigen Rohbaus abgegeben wurde, den Weg zu ihm finden konnte und sich nicht in einem der zahlreichen Röhrensysteme verfing. Das Paket mußte an den verschiedenen Bauämtern vorüber, an dem Personalamt, an den einzelnen Museumsleitungen. Es war überhaupt schon ein Wunder, daß es nicht auf der Museumsinsel am Kupfergraben hängen blieb und wirklich nach dem Neubau im Westen hinausfand. Der Briefträger konnte wirklich nicht wissen, daß hinter den oberen Fenstern, mitten zwischen den Baugerüsten, das Gehirn der ganzen Museumswelt lag. Aber der Portier unten in dem Vestibül beschnupperte die Eingänge und beorderte sie durch den improvisierten Fahrstuhl, der zwischen gemauerten Wänden und rohen Eisenträgern dahinlief, nach oben. Dort nahm sie der Sekretär in Empfang, und er ging diesmal schweratmend durch den Saal mit den Gipsabgüssen nach der Antike, an der photographischen Abteilung vorüber, durch den Saal mit dem Oberlicht, der eigentlich für Kupferstiche vorgesehen war und in dem vorläufig die vier Stenotypistinnen saßen, nach dem Zimmer von Dr. Filscher. Dr. Filscher war der Referent für den Museenverband. Auf andern Fahrstühlen und über andre Treppensysteme ging es noch zu sechsunddreißig andern Assistenten. In seinem Arbeitsraum im Mittelpunkt aller Dinge saß der Geheimrat wie eine Spinne im Netz, und wie eine Spinne stieß er von Zeit zu Zeit nach den verschiedenen Ecken vor, und jedesmal begann das ganze System der feinen Verästelungen zu zittern und zu schwanken.

»Da ist es!« sagte Dr. Filscher, als er den atelierartigen Raum betrat. Er schlug die Mappe auseinander und breitete die Photos auf dem geräumigen Tisch aus.

Der Geheimrat warf von seinen Akten einen flüchtigen Blick darauf und griff nach dem Fernsprecher. »Herrn Professor Ambrus! Er möchte unter allen Umständen sofort zu mir kommen!« Dr. Filscher sah ihn verwundert an. Professor Ambrus, Ordinarius an der Berliner Universität, war nicht Mitglied des Museenverbandes. »Ambrus läßt gerade über spanische Gotik arbeiten«, erklärte der Geheimrat. »Wir unterhielten uns neulich über diese Dinge.«

»Darf ich solange das Material durchsehen?«

»Tun Sie das, Bester!« Die massige Gestalt des Geheimrats blieb unbewegt, und nur wenn er mit dem Riesenbleistift in den Akten herumkorrigierte, flog es wie von dunklen Schatten über seine Stirn, die wie gemauert war.

Und dann saß Dr. Filscher in seinem Zimmer vor den Bildern, verglich, las die begleitenden Erklärungen, sah Blatt für Blatt aufmerksam durch und trat schließlich an das Fenster. Vor ihm lag im Glast des sonnigen Oktobermittags Berlin. Hinter den Türmen der westlichen Vororte verlor sich das Gebrodel der Dächer im Dunst. Plätze mit dem bestaubten Blattgrün schwammen als kleine trübe Flecke herum. Straßen verliefen wie gekritzelte Striche inmitten verwischter Farben. Günther Filscher hatte dies Bild in allen Tagesbeleuchtungen, in allen Stimmungen in sich aufgenommen. Berlin! dachte er. Die Stadt war ihm ein Sinnbild des Lebens. So lag es vor ihm, ungestaltet und fassungslos fremd. Und jedesmal, wenn er durch sein Fenster blickte, empfand er von neuem die Verpflichtung, aus diesem Chaos eine Form zu gewinnen. Er ersehnte Aufgaben, die seine Kräfte anspannten, irgendeinen großen Fall, der die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Bisher war er nur eine Nummer in dem Riesenbetrieb, die auf ein Klingelzeichen des Geheimrats hervorsprang und wieder verschwand.

Vielleicht lag hier der lang ersehnte »große Fall« vor ihm? Aber wie selten gelang es, einen großen Fälscher wirklich zu entlarven! Man kannte van der Veeken und einige andre, die es verstanden hatten, ein täuschendes Craquelé zu erzeugen, aber nicht einmal der Verfertiger jener berühmten Florabüste war entdeckt worden, der die größten Koryphäen getäuscht hatte.

Hinter dem Glas wurde das Rufzeichen des Geheimrats sichtbar. Dr. Filscher klappte die Mappe zusammen und begab sich in den Arbeitsraum des Vorgesetzten. Professor Ambrus war bereits anwesend. Die beiden Herren saßen auf dem Sofa, der große breite Geheimrat, der wie ein Bär erschien und doch die Behendigkeit eines Wiesels hatte, und die Faunsgestalt des Professors, auf dessen spindeldürren Körper ein richtiges Mephistogesicht gesetzt war. Die Blätter wurden ausgebreitet. Der Geheimrat mit seiner tiefen brüchigen Stimme erklärte.

»Ich kenne die Blätter,« sagte der Professor, »ich habe sie kürzlich für mein Seminar angeschafft. Interessante Stücke!« Aber den Gedanken an eine Fälschung lehnte er ab, solange geistesgeschichtliche Deutung als Erklärung übrigblieb. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge? Du mein lieber Gott, es hat sich da ein bestimmter Gesichtstypus herausgearbeitet. »Was für ein Typus?« dozierte er. »Mir scheint eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Bamberger Reiter vorzuliegen. Man wird nicht so sehr ein einziges Vorbild für alle diese Arbeiten annehmen müssen als vielmehr Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Künstlern und Werken. Ferdinand der Heilige ist mit seiner Gattin Beatrix von Schwaben im Kreuzgang der Kathedrale von Burgos dargestellt. Welche Verbindungen gab es allein infolge dieser Heirat zwischen Oberdeutschland und Kastilien! Man kennt ganze deutsche Künstlerkolonien dort, die sich immer wieder aus der Heimat ergänzen. Reims mit seiner weltbedeutenden Schule vermittelte zwischen Schwaben, Franken und Kastilien. Es geht hinüber und herüber mit den Meistern und ihren Werkstätten. Hand in Hand damit ist das Auftreten eines schwäbischen oder fränkischen, jedenfalls oberdeutschen Typus innerhalb der spanischen Gotik zu konstatieren. Das Motiv dieses Gesichts pflanzt sich durch zwei, drei Jahrhunderte fort. Es ist nichts Erstaunliches daran!«

»Es gibt hier aber noch andre Kennzeichen, die darauf hindeuten, daß diese ganzen Arbeiten von einer einzigen Hand herstammen.«

»Kenne ich«, beeilte sich der Professor abzulehnen. »Ein Doktorand wollte mir neulich beweisen, daß der anonyme Schöpfer des Bamberger Reiters in der Dombauhütte von Burgos mitgearbeitet haben müsse. Der junge Mann hatte ganz triftige Gründe dafür. Dieselben ungefähr, die Sie hier anführen. Aber er konnte mich nicht überzeugen.«

Dr. Filscher merkte, wie dem Geheimrat das Blut in den Kopf stieg. Dann besann sich der Gewaltige aber und fing an zu lächeln. »Der Vergleich mit Ihrem Doktoranden ehrt mich. Im übrigen sind auch schon andre Leute auf den Gedanken gekommen, bei den bekannten zwei Figuren der Kirche von Burgos die Hand des Bamberger Meisters zu vermuten.«

Der Assistent stand hinter den Streitenden und schaute pflichtgemäß über ihre Köpfe auf die ausgebreiteten Photos. Im Innern aber ließ er die Berliner Händlertypen an sich vorüberziehen. Da waren die großen Firmen von Weltruf mit klarem und übersichtlichem Geschäftsgebaren. Im Augenblick hatte dort niemand Interesse an spanischer Gotik. Man war überdies vorsichtig geworden, besonders seit der Geschichte mit den nachgemachten Corots. Aber da waren noch die vielen kleineren Händler. Männer mit Habichtsaugen und Geierklauen darunter. Wer konnte in diese Menschen hineinsehen? Es gibt überall Hyänen des Kunsthandels, die die Qualität und das Anrüchige mit der Sicherheit professioneller Einbrecher wittern und sich die Objekte über Grenzen und Meere hinweg zuspielen.

»Mein verehrtester Herr Geheimrat,« fuhr Professor Ambrus gerade fort, »niemand kann dem Kampf Ihres Museenverbandes gegen die Fälscher dankbarer sein als ich. Aber Sie dürfen nun auch nicht gleich alles für unecht erklären, was sich nicht in Ihren staatlichen oder städtischen Museen befindet.«

»Es hat mich sehr gefreut, Herr Professor!« sagte der Geheimrat ein wenig zu rasch und erhob sich. Seine Würde konnte zuzeiten brüsk in Erscheinung treten.

»Ganz auf meiner Seite, Herr Geheimrat!«

Dr. Filscher begleitete den Professor auf einen Wink seines Vorgesetzten hinaus. Wie der ganze junge Nachwuchs in der Berliner Kunstverwaltung war er Ambrus' Schüler.

»Was meinen Sie, Herr Doktor, gibt es wirklich so viel Fälschungen?« fragte der Professor draußen, als er den Mantel anzog.

»Es gibt sehr wenig Echtes, Herr Professor.«

»Und der Londoner Brunnen? Und die Sibylle?«

»Ich halte sie nach dem vorliegenden Material ebenfalls für Fälschungen.«

Der Professor wandte sich achselzuckend der Treppe zu. Er sah ein, daß viel gefälscht wurde, aber er verstand nicht, wie man mit dieser Skepsis Kunstgeschichte treiben konnte.

Der Geheimrat rief seinen Assistenten nochmals herein. Er hatte sich eine Zigarre angesteckt und die Blätter vor sich ausgebreitet. »Fabelhafte Sachen!« sagte er. »Der Mann, der das gemacht hat, ist ein Genie. Man müßte diese Sachen für echt halten, wenn nicht immer wieder das gleiche Gesicht da wäre. Aber ist es nicht im Grunde gleichgültig, ob solche Sachen alt oder neu sind? Sehen Sie sich diese Brunnenfigur an!«

»Ich liebe am meisten den Engel von dem Grabmal des Alonso de Cardenas.«

»Eine fabelhafte Figur, Ihr Engel! Gil de Siloe soll das gemacht haben? Vielleicht konnte Gil das gar nicht so gut. Weshalb bewertet man eigentlich die alten Sachen höher als die nachgemachten?«

»Es ist vielleicht dieses Hineinschlüpfen in einen andern Stil!« sagte der Assistent. »Das Schöpferische besteht in dem Finden des eignen Stils, der eignen Form. Die Form eines andern nachzuahmen, ist eine rein virtuose Angelegenheit, die man letzten Endes nicht als künstlerische Leistung bewerten kann.«

Der Geheimrat zeigte lächelnd auf die Photos. »Ist das nur ein Hineinschlüpfen in einen fremden Stil? Das ist mehr!« sagte er. »Da hat ein Mensch sich selber auszudrücken versucht. Mit diesen wenigen hochbegabten Fälschern hat es eine eigene Bewandtnis. Es steckt eine Sehnsucht nach durchgeistigteren Zeiten dahinter, eine Angst vor dem Seelenvakuum der Gegenwart. Zwei solche Leute sind mir in meiner jahrzehntelangen Praxis begegnet, und dieser Dritte scheint mir der vorzüglichste zu sein. Vielleicht ist es eine Gemeinheit, die wir an diesem Menschen begehen. Er ahnt noch nicht, daß seine Werke erkannt sind, daß in jeder größeren Stadt die Museumsmänner auf der Lauer liegen, um ihn abzufassen. Wie soll er es auch ahnen? Innerhalb des Museenverbandes gibt es nur unverbrüchliches Schweigen, bis der Fall reif ist.«

»Dieser Fälscher ist jedenfalls ein hervorragender Könner. Vielleicht ist es ein berühmter Künstler, den wir alle kennen.«

»Ich hatte einmal einen solchen Fall«, sagte der Geheimrat. »Damals war der Fälscher ein sehr bekannter und hervorragender englischer Maler. Die Angelegenheit wurde unter der Hand erledigt. Es erfuhren nur wenige Menschen von den eigentlichen Zusammenhängen. Hier scheint die Sache ähnlich zu liegen.«

»Immerhin ist die Erwerbsgier eines solchermaßen begabten Künstlers ein unsympathischer Zug.«

»Erwerbsgier? Du mein lieber Gott, ein solcher Fälscher hat das Wenigste davon. Das große Geschäft wird von den Gaunern gemacht, in deren Händen sich der Mann befindet. Aber jeder Fall liegt anders. Man kann nichts Endgültiges darüber sagen. – Was machen wir nun?«

»Ich werde mich herumsehen, Herr Geheimrat, ob ich in Berlin etwas aus diesem Fund von Cati auftreiben kann.«

»Tun Sie das, mein Bester! Tun Sie das!« Geheimrat von Bock hatte schon die Akten über die Neuaufstellung des Pergamonaltars hervorgezogen. Dr. Filscher wußte, daß sein Vorgesetzter sich durch einen Hebeldruck umstellen konnte. In diesem Augenblick lebte er nur noch für den kleinasiatischen Hellenismus, und bei einem andern der sechsunddreißig Assistenten würde jetzt das Rufzeichen aufleuchten.

Er machte eine Verbeugung und ging hinaus. Schon auf dem Korridor begannen seine Gedanken zu arbeiten: In wessen Händen war damals die merkwürdige Madonnenplastik gewesen? Welcher Dresdner Händler hatte die heilige Katharina angeboten? Aber auch wenn man das herausbekam, hielt man noch immer nicht das Ende des Fadens in der Hand. Solche Spuren verloren sich. Immer tauchte der große Unbekannte auf, der nicht zu ermitteln war. Gegebene Ehrenworte begannen ihre Rolle zu spielen. Rücksichten auf Familien wurden vorgeschützt, die nicht bloßgestellt werden dürften. Es gab so herrliche Ausflüchte, wenn man sich nur in die Brust zu werfen verstand.

Die Welt war klein. Vielleicht saß man mit dem Fälscher täglich im Café zusammen oder wohnte mit ihm in derselben Etage. Vielleicht war es wirklich einer der großen Maler oder Bildhauer, oder irgendeiner aus dem namenlosen Meer der Unbekannten, von denen niemand etwas wußte. Nur einen Augenblick in das Innere aller Menschen blicken können, denen man begegnete, oder auch nur, mit denen man sprach! Es mußte toll sein, ein solches Geheimnis mit sich herumzutragen. Vielleicht wußten die nächsten Angehörigen nicht darum. Oder ein solcher Mensch hatte nicht einmal Angehörige!

Wieder stand Dr. Filscher an seinem Fenster und blickte über Berlin hin, wo die Oktobersonne die matten Pastellfarben auflockerte. Zwei, drei Menschen waren in diesem Häusermeer, die das Geheimnis des »Fundes von Cati« kannten. Wie sollte man die finden?

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