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Der Krieg um den Wald / 1

Moritz Hartmann: Der Krieg um den Wald / 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleKompert: Am Pflug / Hartmann: Der Krieg um den Wald
authorMoritz Hartmann
firstpub1850
yearca. 1925
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleDer Krieg um den Wald / 1
pages9-180
created20040916
sendergerd.bouillon
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Moritz Hartmann

Der Krieg um den Wald

Moritz Hartmann: Der Krieg um den Wald

Erstes Kapitel.

Die ersten Regierungsjahre der unvergeßlich genannten Kaiserin Maria Theresia waren für Böhmen eine Zeit der Drangsale und der schwersten Prüfungen. Abwechselnd in Besitz genommen und gebrandschatzt von Preußen, Bauern und Frankreich, und immer wieder erobert von den Kaiserlichen, wußte das Land am Ende nicht mehr, wem es eigentlich angehörte, wo es Recht suchen und von welcher der genannten Mächte es Ersatz für den erlittenen Schaden fordern und erwarten sollte. Dazu kam die völlige Recht- und Gesetzlosigkeit, die infolge der ewig schwankenden Zustände eintraten. Die Gutsherren, welche zugleich die Gerichtsherren waren, hatten für die verschiedenen Mächte Partei genommen und flüchteten sich, sobald die feindliche sich näherte, ihre Untertanen der fremden wie der heimischen Willkür überlassend. Der Bauer war es wieder, der unter diesen Umständen am meisten zu leiden hatte und in solcher tollgewordenen Zeit endlich gegen sich selbst zu wüten anfing. Der Krieg, die Neigung zu Händeln, die böse Lust am Hassen und an der Zwietracht hatte sich der Geister bemächtigt und sobald im Tal, im Gebirge ein Landstrich vom Feinde geräumt war, suchten die Bewohner unwillkürlich und bewußtlos nach Händeln unter sich, die größeres Unglück über das Land brachten, als alle äußeren Feinde.

Der Schauplatz einer der merkwürdigsten Kriegsgeschichten dieser Art waren die Dörfer, die sich zerstreut, nordöstlich von der k. k. Bergstadt Przibram, vom Dubnaberge aus über den Homolawald hinunter bis ins Tal der Litawka, und östlich längs der Prager Straße hinziehen.

An dem eben genannten Flüßchen, das während des Sommers unscheinbar und nur mit Mühe durchs Gestein sickert, im Frühling aber und mit anbrechendem Winter gewaltig aufbraust und Felder und Wiesen verheert, liegt das zerrissene, arme Dorf Duschnik. Ein kleines Schlößchen mit einer unbedeutenden Turmuhr und ein mit Mauern umgebener Kohlgarten, der sich Schloßgarten nennt, bilden seinen ganzen Schmuck. Sonst Strohdächer, teilweise noch mit Rasen bedeckt, aus denen wilde Pflanzen auswuchern, einzelne Bäume, zerbrochene Holzhecken, tiefe Lehmgruben mitten zwischen den Häusern, ein heiliger Johann von Nepomuk in der Mitte, einzelne rot angestrichene Fensterläden an den wohlhabendsten Häusern – in der Ferne das dumpfe Klopfen der Eisenhämmer und der ewig aufsteigende Rauch der Silberschmelzhütte – das ist das ganze Dorf, das ist Duschnik, dessen Geschichte zur Zeit des österreichischen Sezessionskrieges wir hier erzählen wollen.

Eines Abends, es war im Frühling des Jahres 1744, saß, wie gewöhnlich, der größte Teil der männlichen Bevölkerung des Dorfes Duschnik in der Stube des alten Matthei Stroß versammelt, den man schlechtweg, in Erinnerung an seine ehemaligen Amtsverrichtungen als Dorfrichter, nur den »alten Richter« nannte, und horchte den weisen und erfahrenen Worten dieses Greises. Der alte Richter genoß von jeher in dem Dorfe und der ganzen Umgegend des größten Ansehens, das er nicht allein seinem Richteramte verdankte, welches er nunmehr, sei es wegen seines vorgerückten Alters niedergelegt oder in den stürmischen Zeiten verloren hatte, sondern es war noch in ganz andern Umständen begründet.

Allgemein raunte man sich in die Ohren und glaubte, obwohl man es nie öffentlich zu behaupten wagte, der alte Richter, der so viel Geheimes wußte, von uralten Dingen so klar erzählte, als ob sie gestern oder heute geschehen wären, der so weise sprach und alles, was er sprach, mit Bibelsprüchen zu belegen verstand – allgemein glaubte man, der alte Richter sei ein Hussit, habe eine böhmische Bibel, in der er allsonntäglich lese, wobei er sich selbst die heiligen Sakramente in Brot und Wein erteile, und habe neben der Bibel und anderen geheimnisvollen Büchern tief unter der Diele seiner Stube einen Kelch, ein Schwert und andere Zeichen der Hussiten vergraben.

Obwohl gut katholisch, achtete das Volk das Geheimnisvolle, das den Alten umgab, und hatte instinktmäßig eine heilige Scheu vor seiner eigenen Vergangenheit, die trotz aller Pfaffenerziehung im Gedächtnis des Volkes überhaupt und vor den Augen der Duschniker Bauern leibhaftig in der Gestalt des alten Richters fortlebte. – Sie glaubten, daß in dem Stamme, in welchem ein vor Jahrhunderten blühender Glaube fortwuchs, alles Wissen der langen Zeit, die zwischen damals und heute lag, vereinigt war. Doch wagte man nur selten oder nie davon zu sprechen oder darauf anzuspielen. Nur wenn der alte Richter etwas sagte, was den Bauern besonders weise erschien und was sie einem höheren Wissen zuschrieben, sahen sie einander einverständig an und gaben andeutungsvolle Zeichen. Immer aber glaubten und gehorchten sie seinen Worten. Auch heute.

Die Bauern sprachen über die Zeitläufte und ließen sich vom alten Richter erzählen, was er in der Stadt beim Amte über die neuesten Schlachten, über Krieg und Frieden, über die Kaiserin, ihre Generale und Minister gehört hatte. Martin Kinnich, ein kleines, mageres Männlein, mit funkelnden Augen und struppigem Haar, dem man bei seiner starken Beweglichkeit das vorgerückte Alter nicht ansah, klatschte mit der Hand auf den roten Tisch und meinte, während er den Hut von einem Ohre auf das andere warf: Es wird noch lange nicht besser! Was haben wir von der Kaiserin zu erwarten? Als sie vor kurzem in Prag war, schickte sie sechsundvierzig schwangere Weiber, die um die Freigebung und das Leben ihrer gefangenen Männer baten, mit harter Antwort von sich. Ist das ein weibliches Herz? – Sechsundvierzig schwangere Weiber! sechsundvierzig ungeborne Kindlein! um Steine zu bewegen! Und was haben die sechsundvierzig Männer getan? Kein Mensch weiß es. Man beschuldigt sie des Einverständnis mit Bayern, weil sie die Brandschatzung eintrieben, ohne welche alles mit Feuer und Schwert wäre vernichtet worden. Bei Gott, brave Männer sind's und recht haben sie getan. Und Bayern! das ist auch so eine Geschichte. Nach alten Briefen und Urkunden soll Bayern ebenso großes Recht auf Böhmen haben und größeres als Maria Theresia, unsere allergnädigste Kaiserin. Es wird nicht besser, sage ich, es wird nicht besser!

Der einzelne macht die Dinge nicht gut und macht die Dinge nicht schlecht, sagte darauf der alte Richter Matthei Stroß, – am Volke liegt's. Wie das Volk ist, so werden die Dinge; am Geiste, der im Volke lebt, liegt es. Wäre das Volk so, daß es sich erhoben hätte, als eine Anzahl unschuldiger Männer in die Gefängnisse geführt wurden, dann hätte die Kaiserin keine solche Antwort zu geben gebraucht, ja wäre es gar nicht dahin gekommen. Der Geist, der im Volke steckt, steht ewig hinter den Fürsten und raunt ihnen zu: so und so tuet, das wird es ertragen, euer Volk – das wird es nicht ertragen.

– Sie ist die Tochter ihres Vaters und der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, fügte ein dritter hinzu, und Martin Kinnich rief etwas ärgerlich darein: Wenn der einzelne die Dinge nicht gut und nicht schlecht macht, warum sollen wir uns nicht helfen? Warum sollen wir warten, bis der Richter nach Jahr und Tag uns unser gutes Recht auf den Wald zuspricht? Warum gehen wir nicht hin und schlagen die Diebe, die Obtschover, tot, die ihn ausreuten, daß er eher wie ein Kirchhof als wie ein Wald aussehen wird, wenn es endlich dem Richter belieben wird, sein Urteil zu sprechen?

Kinnich hatte einen Gegenstand zur Sprache gebracht, der augenscheinlich die Gemüter aller Anwesenden schnell ergriff und, wie an ihrer Augen Blitzen, an den vorgebogenen Leibern, die horchen wollten, was der alte Richter antworten werde, zu sehen war, sie sehr lebhaft bewegte. Es war auch eine Lebensfrage. Das Dorf Duschnik war arm, so arm wie nur wenige Dörfer der ganzen Umgegend. Die Überschwemmungen der Litawka spotteten des Fleißes seiner Bewohner. Ringsum war alles ausgeschwemmtes Gestein, verwaschenes Erdreich, zerrissener sandbedeckter Wiesengrund. Was an Feld und Wiese höher hinauf an den Hügeln lag und vor der alljährlich wiederkehrenden Kalamität gesichert war, hatte sich seit Jahrhunderten die Gutsherrschaft zugeeignet. Dem Dorfe selbst blieb nichts übrig als der Wald, der, die »Homola« genannt, sich den Bergrücken entlang erstreckte und das Taldorf Duschnik von dem Bergdorf Obtschov trennte. Der Wald, der allein die Duschniker ernährte, indem sie jährlich eine Anzahl Stämme fällten, die sie nach Prag verkauften und deren Ertrag sie gleichmäßig unter sich verteilten, der Wald war von ihnen gehütet und geliebt wie ihr Augapfel, wie ihr Kind – denn er war ihr Nährer, ihr einziges Besitztum – daher auch ihr Trost und ihr Stolz. Die Obtschover, obwohl glücklicher als ihre Talnachbarn, da sie, reich an Feld- und Wiesengrund, Früchte und Herden in vollem Maße besaßen, gönnten gleichwohl den Duschnikern nicht den vollen Genuß des Waldes, und da er sich in der Tat eine Stunde über ihre Gemarkung hinauszog, erhoben sie unter Anführung ihres Dorfrichters, Mika, nur der Bauernadvokat genannt, Ansprüche, welche beide Dörfer in einen langen Prozeß verwickelten. Sein Fortgang wurde durch die Flucht der Gutsherren und aller Beamten beim Herannahen der Bayern und Franzosen unterbrochen, und da auch der Magistrat der Stadt Przibram das Schiedsrichteramt von sich wies, benützten die Obtschover, vielleicht ahnend, daß ihnen das Recht auf den Wald werde abgesprochen werden, die gesetzlose Zeit, um ihn soviel als möglich auszubeuten und das Holz um einen Spottpreis an alle Welt zu verkaufen. Ihr Richter, Mika, der in der ganzen Umgegend für einen feinen Kopf galt, mit dem sich kein Advokat messen dürfe, der mehrere alte Gesetzbücher besaß, woraus er den Bauern, bei denen sich dann und wann das Gewissen regte, ihr Recht auf den Wald vordemonstrierte, suchte die Absatzquellen auf und leitete den Holzhandel, wobei ihm größere Einkünfte als den anderen Bauern abfielen, was ihn auch bewog, mit seinen Rechtsbefohlenen auf dem eingeschlagenen Wege zu beharren und den Wald in der Zeit, die ihm die Verwirrung des Krieges noch ließ, soviel als möglich auszubeuten. – Es hatte sich infolge dieses Streites ein Geist des Hasses und der Erbitterung zwischen den Bewohnern der beiden Dörfer ausgebildet, der schon oft zu Tätlichkeiten geführt, nächstens aber in blutige Händel auszuarten drohte. Daher die Bewegung unter den Bauern, als Kinnich das Gespräch auf diesen Gegenstand brachte, und ihre Aufmerksamkeit auf die Worte des alten Richters, der ihm also antwortete:

Es steht wohl geschrieben: Glied um Glied und Aug' um Aug' und Zahn um Zahn. Es ist aber nicht gesagt; wenn dein Nachbar Gewaltsames begeht, so tu wieder Gewaltsames, und wenn er dich bestiehlt, so stiehl wieder. Das Auge, das er euch verwundet, wird er euch heilen müssen nach dem Spruche des Richters, der der Arzt des Verfolgten ist, und mit den Arzneien, wie er ihm befiehlt. Unser Recht ist verbürgt in alten Urkunden und keinem Menschen ist es gegeben, dasselbe zu beugen. So müssen wir glauben, solange es der Richter nicht gebeugt hat. Er muß zum reichen Manne sagen: gib dem Armen sein Schaf wieder. Der Krieg wird bald beendigt sein, die Richter werden sich wieder um das Recht der kleinen Leute kümmern müssen – bis dahin müssen wir dulden.

Die Bauern schienen wenig zufrieden mit dieser friedlichen Rede des alten Richters, murmelten vor sich hin und mehrere wollten ihm antworten, als ein junger Bauer, ohne Hut, mit zerzaustem Haar, blutigem Gesicht und zerrissenen Kleidern, in die Stube stürzte.

So haben mich die Obtschover zugerichtet, rief er aus, indem er sich vor die Bauern hinstellte und eine laute Lache aufschlug – es geschieht euch aber recht. Während ihr hier sitzet und plaudert, fahren sie Wagen auf Wagen nach Prag, und wenn sich einer von euch untersteht zu mucksen, werden sie ihn so zurichten, wie sie mich zugerichtet haben.

Die Bauern sprangen auf, ballten die Fäuste, warfen die Hüte auf den Boden, fluchten und polterten. »Was ist's, was ist geschehen? Erzähl, Pepik, erzähle!«

Nun, was soll's sein? – sagte der Bauernjunge Pepik Picard, indem er sich das Blut vom Gesicht wischte, ich komme von Oborschicht, wohin ich das letzte Huhn und die letzten Eier meiner Großmutter brachte, um sie im Kloster der ehrwürdigen Brüder Jesuiten, weil sie meiner Alten die Rose aus dem Gesicht gebetet haben, zu opfern, gehe ganz lustig mit dem Segen des Paters Guardian davon, singe und bin guter Dinge, biege ums Holz hinter Obtschov – wer kommt mir entgegen? Der alte Lump, der Bauernadvokat, der Mika aus Obtschov, mit einer Schreibtafel in der Hand und rechnet und rechnet, und hinter ihm ein langer, langer Zug von Pferden – und was zogen die Pferde? prächtige Tannen, liebliche Fichten, goldne Birken. Kreuztausend Bataillon, rief ich, du Dieb, du Schelmenvater, führst uns wieder unser schönstes Gehölz fort! – und wie ich's sage, treibe ich ihm die Mütze über die Ohren, schlage ihm die Schreibtafel aus der Hand und laufe was ich laufen kann – querfeldein. Aber prost die Mahlzeit – die Bursche haben's gesehen, lassen die Pferde stehen und den jungen Mika an der Spitze laufen mir nach und richten mich so zu, wir ihr mich da seht.

Die Diebe, die Räuber! riefen die Bauern untereinander – sie sollen büßen – wir wollen's ihnen zeigen!

Halt, es ist noch nicht aus! rief ihnen Pepik nach, da sie zornig und fluchend hinauseilen wollten, 's ist noch nicht aus. Auf dem Heimwege habe ich vom Obtschover Juden erfahren, daß der Mika mit einem kaiserlichen Lieferanten einen Kontrakt abgeschlossen hat und ihm so viel Holz liefert, als er nur braucht, um zweihundert Elbboote für die Armee zu bauen und Brennholz für die Militärbackhäuser. 's ist ein schön Geschäft – in vier Wochen wird unser Wald so durchsichtig sein, wie des armen Mannes Korn.

Das soll er nicht, beim heiligen Johann von Nepomuk, beim heiligen Wenzel und tausend andern Heiligen! schrie Kinnich, das soll er nicht, die Obtschover sind Räuber, wir müssen uns unserer Haut wehren, und wer auf Raub ausgeht, der geht auch auf Mord aus, sagt ein altes Sprichwort – und wer mich morden will, den schlag' ich tot und damit Punktum, und morgen gehen wir in den Wald und wenn wir da einen Obtschover Blutstropfen finden, so soll er fließen – das schwör' ich beim Teufel!

Ja, wir gehen morgen in den Wald und schlagen tot, was uns unter die Hände kommt! riefen die Bauern alle und liefen fluchend hinaus; kaum daß sie dem alten Richter noch gute Nacht sagten und er Zeit genug hatte ihnen nachzurufen: Vergeßt mich nicht, ich gehe mit euch in den Wald!

Plötzlich war es stille geworden in der Stube. »Es geht schlimm!« murmelte der alte Richter, der zurückgeblieben war, indem er mit dem großen hölzernen Kamm, der nach alter Art in seinen langen grauen Locken steckte, sich die Haare zurückstrich, ein altes dickes Buch aus einem Verstecke in der Holzwand hervorzog und hinausging.

Während er draußen die Treppe hinaufstieg, um in die Schlafstube unter dem Dache zu gelangen, fing es in der Stube, tief im dunkeln Winkel hinter dem Ofen leise zu schluchzen an und das Schluchzen wurde immer stärker, bis es sich in ein langes, inniges Weinen verwandelte.

Liduschka, die Schwiegertochter des alten Richters, die junge Strohwitwe, wie man sie im Dorfe nannte, weil ihr die Kaiserlichen ihren Mann kurze Zeit nach der Hochzeit als Soldaten weggeführt hatten, Liduschka hatte hinter dem Ofen alles gesehen und gehört, was in der Stube vorging. Sie weinte, weil sie eine Obtschoverin war, und es tat ihr weh, so von ihren Landsleuten sprechen zu hören, wie man sie Diebe, Schelme, Räuber nannte. Besonders weh aber tat es ihr, daß man von ihrem Vater, dem Bauernadvokaten, wie von dem Herbergsvater der Diebe sprach, er, der zu Hause in ihrem Dorfe so hoch geachtet war als Wunder der Weisheit und Gelehrsamkeit unter den Bauern. – Wie sie so weinend aus ihrem Verstecke hervorkam und durch die Stube ging, schluchzend, gebeugten Hauptes und sich ans Fenster setzte, wo sie vom Monde beschienen, ihre langen blonden Haarflechten unter tiefem Seufzen auflöste und die aufgelösten Haare wie einen Kranz um die Stirne wand, war sie schön und traurig anzusehen. Nicht allein die schlimmen Worte, die über ihren Vater und ihre Landsleute gefallen waren, waren es, die sie so betrübt machten – traurige Ahnungen stiegen in ihr auf. Es war ihr, als ob die Männer, die heute so erzürnt von dannen stürzten, sich nicht sobald zur Ruhe begeben würden – als ob der heutige Abend der Anfang einer bösen Zeit sein sollte. – Diese Ahnungen ließen sie nicht schlafen, selbst als sie längst schon vor dem hellen Mondschein ihren schönen schlanken Leib im Bette barg. Sie bildete sich ein, daß alles besser werden müßte, wenn nur ihr Mann daheim wäre, der gute sanfte Nikolai, und zum Frieden sprechen könnte, anstatt daß er sich eben im fernen Schlesien oder Sachsenlande als wilder Soldat herumtreiben mußte. Böse Träume ließen sie nicht schlafen, bis sie endlich in einem Augenblicke zwischen Wachen und Schlafen einen Ausweg aus ihrem Kummer fand und dazu lächelte wie zu einem guten Gedanken. Mit dem ersten Morgenstrahle wollte sie hinunter zum Alten vom Hammer und sich seinen Rat erbitten und ihn, den Propheten, über die nächste Zukunft befragen.

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