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Der Krieg des Pontius Pilatus

Theodor Wolff: Der Krieg des Pontius Pilatus - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleDer Krieg des Pontius Pilatus
authorTheodor Wolff
year1934
firstpub1934
publisherOprecht & Helbling
addressZrich
titleDer Krieg des Pontius Pilatus
pages454
created20140110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Absturz

IX

Ich habe Herrn von Bethmann-Hollweg erst im vierten Jahre seiner Kanzlerschaft, im Anfang des Jahres 1913, kennengelernt. Bis dahin hatte ich nur aus der Ferne seine hohe Erscheinung gesehen, die besonders steif und schwer wirkte, wenn er weltmännische Leichtigkeit zeigen wollte, und dann und wann hatte ich ihn auf der Rednertribüne im Reichstag dozieren gehört. Vielen von uns bleibt aus der Schulzeit her die Erinnerung an Oberlehrer, die sogar einen Scherz so erzählten, wie man mit Kreide eine arithmetische Aufgabe auf die Tafel malt. Herr von Bethmann-Hollweg hatte immer die Kreide in der Hand. Seine, das Bestehende mild umleuchtende Philosophie, seine Ethik, die er allzu praktisch den Erfordernissen der Gegenwart anpasste, reizten mitunter zur Ironie. Der Verlockung, diese Eigenschaften und Taten so zu beleuchten, vermochte ich nicht genügend zu widerstehen. Es ist sehr möglich, dass in dem Spott einige Ungerechtigkeit lag. Wie uns Hammann gewiss wahrheitsgetreu berichtet hat, sehnte sich Herr von Bethmann-Hollweg auch damals schon ganz ehrlich danach, die Liebe des deutschen Volkes zu erringen, aber er war kein glücklicher Anbeter und wurde missverstanden, wenn er um Verständnis warb. Es drängen sich immer so viele auf die Sonnenbahn eines Reichskanzlers, und wer dort nichts zu erstreben hat, braucht sich nicht mitzudrängen. Und ebenso wie in der Aera Bülow blieb ich in den Friedensjahren des Herrn von Bethmann-Hollweg auch dem Auswärtigen Amte fern. Als Herr von Jagow, den ich in früherer Zeit als einen kultivierten Reaktionär gekannt hatte, zum Staatssekretär gemacht wurde, schrieb mir der ehemalige Botschafter Graf Monts: »Gehen Sie mir fein säuberlich mit dem Knaben Jagow um!« Dieser Wunsch des sonst weniger wohlwollenden Grafen war beinahe so rührend wie die väterliche Bitte des Königs David, aber zwischen Herrn von Jagow und mir lagen einige unfreundliche Erinnerungen und auf keiner Seite wurde ein Wiedersehen ungeduldig herbeigesehnt.

Abseits von den amtlichen Räumen, auf privaten Wegen, begegnete ich in den letzten Jahren vor dem Kriege bisweilen dem Dirigenten der Politischen Abteilung Wilhelm von Stumm. Ich war schon viele Jahre vorher, als er noch Fähnrich und dann Leutnant bei den Ersten Gardedragonern war, mit ihm in Berührung gekommen, und eine gemeinsame Beziehung, der Zufall einer Nachbarschaft, führte uns wieder zusammen. Da Wilhelm von Stumm, der auch mit diplomatischer Mission in England geweilt hatte, von der Ernennung des Fürsten Lichnowsky zum Botschafter sehr wenig erbaut gewesen war, litt der amtliche Verkehr zwischen den beiden unter einer nicht immer unterdrückten Gereiztheit und einem sichtbaren Mangel an Sympathie. Fürst Lichnowsky, 256 von Natur misstrauisch und empfindlich, sah in dem Dirigenten der Politischen Abteilung den eifersüchtigen Nebenbuhler und war überzeugt, der Rivale verzögere in böser Absicht die Bekanntgabe des Kolonialabkommens und gönne ihm die Lorbeerernte nicht. Diese persönlichen Reibereien waren für das politische Geschäft gewiss nicht vorteilhaft. Indessen, an diese Zustände musste man gewöhnt sein, von Holstein bis zu Kiderlen und bis zu Stumm und Jagow hatte sich darin nicht viel geändert, und wenn nicht offener Zank ausbrach, fehlte doch meistens ein wirkliches Vertrauensverhältnis, ein erspriesslicher Zusammenhang. Wilhelm von Stumm besass politisches Talent, das sich freilich nicht immer auf der festen Basis ausgereifter Erkenntnis zu bewegen schien. Das Barometer seines Urteils funktionierte im allgemeinen richtig, solange nicht schwere atmosphärische Störungen eintraten und die Logik aus ihrer Bahn geriet. Er hatte nur, wie andere Stumms, etwas Sonderlingshaftes, Unausgeglichenes geerbt. Er hatte davon immerhin eine geringere Dosis empfangen als andere Mitglieder der Familie, und nur in einem Wechsel der Stimmungen, einem Schwanken zwischen Härte und Weichheit, Scheinenergie und inneren Zweifeln wollten Kundige den Verwandtschaftszug erkennen.

Das aber war zugleich der gemeinsame Zug im Geiste und im Charakter all der Personen, in deren Händen die Leitung der politischen Angelegenheiten lag. Bethmann, Jagow und Stumm, zwiespältige Naturen, fühlten das Bedürfnis, sich selbst und andern das Schauspiel ihres festen Willens zu geben – immer wieder nach dem Beispiel des Neurasthenikers, der das Matterhorn besteigt. Sie waren, um über den Riss, den Knick in ihrem innern Wesen hinwegzukommen, ungeheuer zielbewusst. Sind es nicht gewöhnlich die Schwankenden, die plötzlich, ohne dass sie sich selbst klar über ihr Handeln werden, den grossen Sprung, den Sprung ins Dunkle, tun? Der Reichskanzler war ein entlaubter Stamm. Keine Partei glaubte noch etwas von ihm erwarten zu können. Je schwächer die Autorität gegenüber der öffentlichen Meinung war, desto mehr konnte die Neigung wachsen, unsicheres Denken und bängliches Schwanken hinter einer Pose zu verbergen, die als Ausdruck der Willenskraft erschien. Das merkwürdige Hoheitsbewusstsein, das sogar den nervösesten Zweiflern auf einem Amtsstuhl noch gestattet, sich für weit klüger und klarsehender als die übrige Menschheit zu halten, erleichtert den Uebergang von der Furcht zum Wagnis und gibt hinterher denjenigen, die es besitzen, die glückliche Ueberzeugung, dass alle ihre Schritte notwendig und richtig gewesen sind.

Der Gedanke, dass ich Herrn von Bethmann-Hollweg in seinen Kanzlertagen nicht begegnen würde, erwies sich als voreilig und falsch. Im Januar 1913 lud der Graf von Hutten-Chapski meine Frau und mich ein, mit dem Reichskanzler bei ihm zu dinieren, und gerade weil ich Herrn von Bethmann-Hollweg keinen Grund gegeben hatte, mir freundlich gesinnt zu sein, konnte ich eine Einladung nicht ablehnen, von der 257 er natürlich unterrichtet war. Graf Hutten-Chapski, Kammerherr des Kaisers, in jungen Jahren Günstling der Kaiserin Augusta, hatte besonders unter dem Fürsten Hohenlohe, dann auch unter Bethmann eine stille, aber wichtige Rolle gespielt. Er war in vielen Fragen der Vermittler zwischen Berlin und dem Vatikan, auch zwischen der preussischen Regierung und den Polen – ein sehr gewandter, vielwissender Mann. An jenem Abend hatte er ausser Bethmann-Hollweg und uns den Staatssekretär der Post, Herrn Kraetke, und noch einige Damen und Herren geladen, und die Tischunterhaltung war so aus höflichen Belanglosigkeiten zusammengestoppelt, wie sie es wohl sein muss, wenn ein Fremdling, ein Andersgläubiger, zwischen den Gralsrittern sitzt. Eine stille Fahrt über den See, bei der man vorsichtig jede Klippe umschifft. Nach der Tafel aber zog mich der Gastgeber in eine Zimmerecke, in der Herr von Bethmann-Hollweg mit der Kaffeetasse in der Hand gesprächsbereit stand. Der Reichskanzler leitete die Unterhaltung mit der Bemerkung ein, ich hätte ja oft seine Ansichten nicht geteilt, aber die Lage Deutschlands sei nun doch sehr ernst geworden und deshalb sei es notwendig, Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen. »Wir müssen zusammenhalten«, mahnte er väterlich und mit der umwölbten Stirn eines Teiresias, der das Unheil heraufziehen sieht. Dann sprach er von Russland, von den Wirkungen und Folgen der Balkankriege, und mir fiel auf, dass er immer nur von der russischen Bedrohung sprach und eigentlich alles andere beiseite liess. Ich erlaubte mir, ihm zu sagen, dass ich an meinen oft ausgesprochenen Meinungen festhalten müsste, die deutsche Politik leider auch grosse Fehler begangen habe und man, wenn die russische Bedrohung so nahe gerückt sei, doch gut täte, auf einige Schiffsbauten zu verzichten und mit England ins reine zu kommen. Er erwiderte, die Beziehungen zu England hätten sich erfreulicherweise gebessert, und ging auf alles übrige nicht ein. Zwei- oder dreimal wiederholte er sein »wir müssen zusammenhalten«, wie einen Refrain, in den ein Sänger seine ganze Seele legt, und dann kehrten wir wieder zu der gemächlich rauschenden Gesellschaft zurück. Natürlich wusste ich, dass es ihm vor allem darauf ankam, eine möglichst einmütige und nicht durch kritische Betrachtungen verunzierte Zustimmung zu der grossen Militärvorlage zu erhalten, die gerade dem Reichstag zugegangen war. Aber er war wirklich von Sorgen bedrückt. Er sah nach schlechten Träumen aus und spielte nicht nur das Spiel jener Komödienväter, die sich mit tragischer Miene für bankerott ausgeben, um einen leichtfertigen Sprössling zur Vernunft zu bringen. Auch hier aber musste sich wieder die Beobachtung aufdrängen, dass die mit der Führung eines Volksschicksals betrauten Menschen zwar viele Zweifel hegten, aber eigentlich am wenigsten den Zweifel an ihren eigenen Fähigkeiten, und dass ihnen der Gedanke, ein anderer könnte es vielleicht besser machen, offenbar niemals kam. Der Riese Atlas, der – immerhin ein Riese – die 258 ehrenvolle Aufgabe, den Himmel zu tragen, für seine Schultern zu schwer fand, war wohl eine Ausnahmeerscheinung, und jedenfalls wurde von den Stützen der wilhelminischen Politik sein Beispiel nicht nachgeahmt.

 

Kurz darauf begegnete ich Herrn von Bethmann-Hollweg abermals. Es war am Abend vor dem Tage, an dem der Reichskanzler dem Reichstag die grosse Wehrvorlage zugehen liess. Bernhard Dernburg hatte für diesen Abend eine Gesellschaft in seine Villa im Grunewald geladen, nach vorheriger Verständigung mit Herrn von Bethmann-Hollweg, dem Ehrengast. Unter den Anwesenden bemerkte man, wie es in den Festberichten heisst, zahlreiche Abgeordnete der Fortschrittlichen Volkspartei und auch andere Parlamentarier sowie die hervorragenden Vertreter der Grossindustrie und der Hochfinanz. Nach dem Diner hatte Herr von Bethmann-Hollweg eine Unterhaltung mit denen, die gerade in seiner Nähe standen, und aus dem Austausch von Worten wuchs, gewissermassen als Improvisation, eine Ansprache hervor. Er sprach über die Heeresvorlage, über die Notwendigkeit, Opfer zu bringen, und auch hier war die russische Gefahr Ausgangspunkt, Mittelpunkt, Endpunkt seiner Darlegungen, der Ton ernst, dunkel, sorgenvoll. Einige der Zuhörer empfanden unter dem Eindruck dieser Offenbarungen jenes beklemmende Furchtgefühl, das Schiffspassagiere verspüren, wenn im Nebel die Sirene heult. Aber es gibt da auch immer Leute, die mit der Miene der Ueberlegenheit die Seekranken anlächeln, achselzuckend die Furchtsamen verspotten und zeigen wollen, dass sie selber alte Seefahrer und schon weit schlimmeren Gefahren entronnen sind.

Die Sorge, mit der Herr von Bethmann-Hollweg nach Russland blickte, wurde täglich durch das Walten eines unterirdischen Geistes genährt. Der Unterirdische war der schon erwähnte Herr von Siebert in London, kaiserlich russischer Botschaftssekretär. Er lieferte dem Auswärtigen Amt Kopien der Korrespondenz, der Briefe und Telegramme, der diplomatischen Akten, die das Ministerium des Aeussern in Petersburg dem russischen Botschafter in London übersandte, und ebenso die Antworten und Berichte, die der Botschafter nach Petersburg gehen liess. Herr von Siebert kopierte das alles mit Fleiss und Gewissenhaftigkeit für den fremden Kunden, das Auswärtige Amt in Berlin. Da, wie es üblich ist, das Petersburger Aussenministerium seinen Botschaftern im Ausland auch die wichtigsten Berichte der andern russischen Diplomaten zur Kenntnisnahme mitteilte, der Botschafter in London, Herr von Beneckendorff, also die Depeschen und Berichte seines Pariser Kollegen Iswolski und seiner Kollegen in Berlin, Rom, Wien, Konstantinopel und Belgrad empfing, so schrieb Herr von Siebert natürlich auch diese Dokumente ab. Die Herren von Bethmann-Hollweg, Jagow, Stumm und Zimmermann gewannen auf diese Weise einen Ueberblick über die Tätigkeit und den Verkehr der russischen Diplomaten und erfuhren, so scheint es, alles, was sich hinter den Kulissen begab. Man hat in Deutschland nach dem Kriege 259 die von Herrn von Siebert »herausgegebenen« russischen Aktenstücke zunächst in einem Bande veröffentlicht, der nicht weniger als 827 Seiten umfasst. Es ist eines der gewaltigsten Schöpffässer für die historische Forschung und einer der grössten Kollidiebstähle in Vergangenheit und Gegenwart.

Der Fall Siebert ist mir, seit die Geschichtsschreibung sich auf die 827 Seiten gestützt hat, immer sehr interessant erschienen, und es war gewiss nicht ganz überflüssig, einiges über die Person dieses Vertrauensmannes festzustellen. Herr von Siebert war einer der vielen im russischen Staatsdienst verwendeten Balten, war Beamter im russischen Aussenministerium in Petersburg gewesen und wurde, wohl im Jahre 1908, an die Botschaft in London versetzt. Diejenigen, die ihn kannten, schildern ihn als einen magern Mann von unscheinbarem Aeussern – Natur der bürokratischen Ameise, nützlicher und unermüdlicher Arbeiter in der von leichtblütigeren Angestellten bei Schluss der Geschäftsstunden verlassenen Kanzlei. Er verheiratete sich mit einer jungen Dame und starb in Deutschland, nachdem der dicke Band veröffentlicht worden war, in dem er als Herausgeber auftritt und, im Vorwort, als Quellenforscher, Förderer der Wissenschaft und Verteidiger der geschichtlichen Wahrheit erscheint. Es ist ziemlich gleichgültig, wie die Verbindung zwischen ihm und seinen Abnehmern zustande kam. Ein Geheimrat des Auswärtigen Amtes, der später Gesandter in einem Lande jenseits des Ozeans wurde, scheint nach London gereist zu sein, um mit Herrn von Siebert die Details zu regeln und der deutschen Botschaft die nötigen Weisungen zu überbringen. Die deutsche Botschaft, deren leitende und massgebende Persönlichkeiten von solchen Informationsquellen nichts hielten, wurde nicht näher eingeweiht. Sie wurde nur beauftragt, Pakete, die ihr zugehen würden, schnell und auf sicherem Wege an das Auswärtige Amt gelangen zu lassen, und beschränkte sich gern, ohne Neugierde, auf diese rein postalische Tätigkeit. Herr von Siebert handelte offenbar aus idealen Motiven und verriet als »Deutschrusse« das Vaterland, dem er als Beamter diente, an das Vaterland seiner Wahl. Wie die Auskunftsbüros sagen: etwas Nachteiliges ist nicht bekannt. Die Skeptiker, die von der Benutzung der geheimen Agenten abraten, pflegen die Ansicht zu äussern, dass Nutzen und Schaden, Motive und Gegenmotive oft ineinander verwickelt seien, wie die Garne in einem Tau. Solcher Verkehr ist nur bei grösster Vorsicht erlaubt. Aber das ist eine Zwischenbemerkung, die sich nicht auf den Fall Siebert bezieht. Sie entspringt nicht einem Argwohn, für den Gründe fehlen, sondern nur der Abneigung gegen einen solchen Aktenvertrieb. In jedem Falle konnten die von Herrn von Siebert gelieferten Abschriften nützlich sein, wenn man sie nur als ein Element zur Beurteilung der politischen Situation, und nur als ein Element neben vielen andern Elementen, verwertete, und nicht ganz in den Bann dieser Geheimkunde geriet. Dies geschah bedauerlicherweise, denn einige der Eingeweihten neigten 260 allzusehr dazu, sich ihr Weltbild mit Hilfe dieser Dokumente zurechtzumachen, und erhielten ein schiefes oder ein getrübtes oder ein zu enges Bild. Es soll Gelehrte gegeben haben, die in ihrer Freude über die Aufdeckung und Enträtselung einer alten assyrischen Inschrift die Geschichte in Verwirrung brachten, weil sie sich nicht ihren Hieroglyphen anpassen liess. Mancher im Auswärtigen Amt empfand zu sehr das Entdeckerglück.

Man durfte annehmen, Leute in der Gemütsverfassung, die offenbar Herrn von Bethmann-Hollweg beherrschte, wichen allem, was ihre Befürchtungen vermehren könnte, behutsam aus. Nur törichte Menschen necken einen bissigen Hund. Es ist denn auch versichert worden, Herr von Bethmann-Hollweg und das Auswärtige Amt hätten von den Verhandlungen, die zur Entsendung des Generalleutnants Liman von Sanders nach Konstantinopel – und zu einer neuen langen Spannung mit Russland – führten, nichts gewusst und die deutschen und die türkischen Militärs hätten das alles untereinander ausgemacht. Thimme nimmt das Auswärtige Amt in Schutz, während Liman von Sanders offenbar der Ansicht war, die hohe Zivilstelle habe Vorschläge und Abmachungen ziemlich genau gekannt. Aus den Akten ergibt sich, dass im April 1913, zwei Monate nach dem Sturz des sehr an Frankreich und England hängenden Grossvesirs Kiamil Pascha, der Nachfolger, der energische Jungtürke Mahmud Schewket, durch den Militärattaché Major von Strempel – und vermutlich ein wenig inspiriert von diesem Mittelsmann – in Berlin nachfragen liess, ob man bereit wäre, einen deutschen Offizier für die Befestigung Konstantinopels zur Verfügung zu stellen. Der Kaiser wünschte die Meinung des Auswärtigen Amtes zu hören und Herr von Jagow antwortete, dass »diesseits nichts einzuwenden« sei. Am 26. April meldete der deutsche Botschafter in Konstantinopel, Freiherr von Wangenheim, Mahmud Schewket habe den Wunsch ausgesprochen, bei der Wiederaufrichtung der Türkei auf Deutschland und England zählen zu können. Hierzu bemerkte Wilhelm II. am Rande: »Geht nicht an! Entweder – oder!«, während er die Aeusserung des Grossvesirs, die Stellung des Sultans müsse erhöht und die Bedeutung der Kammer vermindert werden, zustimmender kommentierte: »Richtig! Bei uns auch!« Am 22. Mai liess Mahmud Schewket durch Herrn von Wangenheim dem Kaiser Grösseres unterbreiten: er bat »um einen leitenden General für die türkische Armee«. Der Botschafter unterstützte das Gesuch, weil »die Berufung eines deutschen Generals alle Stimmen, welche die deutschen Reformer für die türkische Niederlage verantwortlich machen, zum Schweigen bringen würde«, und weil man so die Möglichkeit gewänne, den Einfluss der aus England importierten Verwaltungsbeamten zurückzudrängen. Am 30. Juni teilte der Chef des Militärkabinetts, Freiherr von Lynker, dem Reichskanzler mit, der Kaiser habe zum Chef der Militärmission in der Türkei den Generalleutnant Liman von Sanders, Kommandeur der 261 22. Division in Kassel, »eine elegante militärische Erscheinung, von gewandten Formen«, ausersehen und der Erwählte habe den Antrag angenommen. Nach langwierigen Verhandlungen wurde in Konstantinopel das Vertragsdokument fertig, welches die sehr weitgehenden Aufgaben und Rechte des deutschen Organisators festsetzte, und Freiherr von Wangenheim übermittelte es dem Staatssekretär von Jagow, der es an den in Rominten weilenden Kaiser weitergab. Bis dahin waren jedenfalls der Reichskanzler und das Auswärtige Amt lückenlos informiert. Wann ihnen die bald darauf getroffene Vereinbarung, dass Herr Liman von Sanders in Konstantinopel residieren und mit seiner Reformtätigkeit das Kommando über das dort stehende Armeekorps vereinigen sollte, bekannt wurde, ersieht man aus den diplomatischen Akten nicht. Diese neue Tatsache erfährt man erst aus einer vom 7. November datierten telegraphischen Mitteilung des deutschen Geschäftsträgers in Petersburg, des Freiherrn von Lucius: der Ministergehilfe Neratow habe sehr beunruhigt erklärt, Russland würde eine solche Massnahme »nicht anders als gegen sich gerichtet auffassen können«. Dass der deutsche Reichskanzler und das Auswärtige Amt die letzten und politisch wichtigsten Entscheidungen gleichfalls erst auf dem Wege über Petersburg erfuhren, ist – die Verhältnisse in Deutschland waren so eigentümlich – immerhin möglich, und Herr von Bethmann-Hollweg hat dann auch Herrn Kokovzow erklärt, die Angelegenheit sei in diesem Stadium »lediglich von den militärischen Stellen bearbeitet worden« und ihm habe sie »gar nicht mehr vorgeschwebt«. Muss man nicht eine gewisse Verwunderung darüber empfinden, dass der Reichskanzler und seine Hilfsorgane, trotz der Besorgnis vor der russischen Gefahr, sich um diese Dinge nicht mehr kümmerten und im Vertrauen auf die Militärs sogar vergassen, dann und wann eine Erkundigung einzuziehen? Es bestand doch einige Wahrscheinlichkeit dafür, dass man in Petersburg sich aufregen und die russische Kriegspartei den Fall kräftig ausbeuten werde, wenn ein deutscher General zugleich mit der Reformermission den Oberbefehl in Konstantinopel, der Stadt der russischen Sehnsucht, erhielt.

In der Tat, man wurde in Petersburg sehr erregt. Sasonow, in dem der aufgespeicherte Aerger sich ersichtlich zur Wut gesteigert hatte, erklärte dem Freiherrn von Lucius, dass die Frage eines Oberkommandos in Konstantinopel »keine militärische, sondern eine politische Frage von hoher Bedeutung für Russland« sei. Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob es richtig war, den türkischen Wunsch nach der Entsendung eines deutschen Generals zu erfüllen. Mancherlei Gründe sprachen dafür. Nachdem die ganze deutschfeindliche Presse mit so lautem Triumphgeschrei gehöhnt hatte, der deutsche Instruktionsoffizier habe die türkischen Schlachten verloren, musste es reizvoll sein, der Welt zu zeigen, dass die Türkei selbst anderer Meinung sei. Und wenn infolge einer deutschen Weigerung der ehrende Auftrag den Franzosen 262 oder einer andern Macht übertragen worden wäre, hätten die wohlwollenden Zuschauer Deutschland ausgelacht. Einen üblen Geruch hat nur das Argument, das gleichfalls in den Akten auftaucht: ein deutscher Oberbefehlshaber könne den deutschen Rüstungsfabriken Aufträge bringen. Diese Verquickung mit den Interessen der privaten Kriegsindustrie, der Fabrikanten von Kanonen und Panzerplatten, war ein sehr unsympathischer Zug der wilhelminischen Aussenpolitik. Es bedurfte nicht des Hinweises auf den Vorteil begünstigter Fabriken, um die Annahme der türkischen Einladung zu begründen, denn dass sie nicht abgelehnt werden konnte, war ziemlich klar. Niemals aber, unter gar keinen Umständen, hätte man der Umwandlung des ersten Antrages zustimmen und den spätern türkischen Vorschlag akzeptieren dürfen, der, indem er den deutschen General zum Höchstkommandierenden in Konstantinopel machte, der Mission ein völlig anderes und politisch ungemein bedenkliches Aussehen gab. Wenn die Jungtürken den General Liman von Sanders in Konstantinopel haben wollten, so verfolgten sie dabei keine grossen politischen Absichten – sie betrachteten die Truppen unter dem Kommando des Generals als eine Schutzgarde, als eine Garantie für ihre persönliche Sicherheit. Die deutschen Staatslenker aber mussten an die politische Wirkung denken und vor allem nicht die Führung der Angelegenheit Militärs überlassen, die nach dem grossen Happen griffen, ohne zu fragen, ob er verdaulich sei. Es war zu vermeiden, dass nun wieder eine zornige Bewegung in Russland entstand. Sasonow behauptete, noch einen besondern Grund für seine Entrüstung zu haben: als er gegen Ende des Monats Oktober in Berlin gewesen war, hatten ihm der Reichskanzler und die leitenden Persönlichkeiten des Auswärtigen Amtes in den Unterredungen, die alle zwischen Deutschland und Russland schwebenden Fragen berühren sollten, von dem türkischen Projekt nichts gesagt. Er beklagte sich heftig über den Mangel an Aufrichtigkeit und Loyalität. Herr von Bethmann-Hollweg entschuldigte sich, wie erwähnt, mit der Bemerkung, ihm habe die Sache »nicht vorgeschwebt«. Wilhelm II. kam zu Hilfe und erklärte, er habe bei der Hochzeit seiner Tochter dem Zaren »von der Bitte der Türkei um eine deutsche Offiziersmission in Gegenwart S. M. des Königs von England Mitteilung gemacht«. Die beiden Monarchen seien völlig einverstanden gewesen und der König habe den türkischen Wunsch »ganz natürlich« genannt. Sicherlich schilderte Wilhelm II. den Vorgang richtig, ohne zu übertreiben, aber es hatte sich damals noch nicht um Konstantinopel gehandelt, sondern eben nur um eine neue Militärmission. Im übrigen bewies auch dieser Fall nur wieder, wie bedeutungslos Monarchengespräche und dynastische Beziehungen waren, und wie unrichtig es war, politische Fragen zwischen Hofdiner und Gala-Oper erledigen zu wollen.

Während Herr Sasonow in Petersburg mit finsterer Miene schalt und aus der »Nowoje Wremja« der Racheschrei aufstieg, weilte der 263 Ministerpräsident Kokovzow in Paris. Er war dorthin gereist, um wegen der Unterbringung russischer Eisenbahnobligationen zu verhandeln, und musste beim Abschluss dieses Geschäftes sich verpflichten, die strategischen Bahnbauten Russlands zu beschleunigen und so den Hauptwunsch Poincarés, Delcassés und des französischen Generalstabes zu erfüllen. Mit Iswolski verkehrte er ohne Herzlichkeit und die Intimität beschränkte sich auf ein möglichst geringes Mass. Er betrachtete diesen abenteuerlichen Ehrgeizling und sein Treiben mit Antipathie und Misstrauen und war sich klar darüber, dass die ganze Iswolski-Klique in ihm selber ein Hindernis für ihre Pläne sah. Bald nach seiner Ankunft besuchte ihn im Hotel Meurice ein angesehener Pariser Finanzmann, Direktor einer Grossbank, und sagte ihm: »Sie haben hier einen eigentümlichen Botschafter – er spielt an der Börse und ist immer in Geldverlegenheit.« Damals liess Iswolski seine Börsengeschäfte durch den Neffen eines bekannten Financiers machen, einen noch ganz jungen Mann. Kokovzow, der schon im Jahre 1912 gegenüber Poincaré die Börsengewohnheiten Iswolskis erwähnt hatte, wurde durch die Mitteilung nicht allzusehr überrascht. Er war vielleicht bereit, sie zu verwerten – aber würde er, ohne wirklich zuverlässige Stützen, etwas gegen den Botschafter ausrichten können, der in den obern Sphären einen so starken Anhang besass? Als er seine geschäftlichen Verhandlungen in Paris zu Ende geführt hatte, wollte er nach Berlin fahren und dort Herrn von Bethmann und, wenn möglich, den Kaiser sehen. Er hoffte, in mündlicher Aussprache eine Verständigung über die türkische Streitfrage herbeizuführen und den Spalt, dem gefährliches Gift entströmte, schliessen zu können. Iswolski war tief bewegt bei dem Gedanken, dass Kokovzow sich so dem Kaiser nähern werde, und arbeitete oberirdisch und unterirdisch gegen den Reiseplan. Vermutlich von ihm veranlasst, telegraphierte sein Berliner Kollege und Freund Swerbejew zweimal nach Paris, Wilhelm II. sei verreist, befinde sich in Kiel und könne den russischen Ministerpräsidenten leider nicht empfangen. Kokovzow, der das Spiel durchschaute, erhielt auf eine Anfrage in Berlin vom Auswärtigen Amt die Mitteilung, der Kaiser würde nur am Busstag verhindert sein, werde zurückkommen und sei über die Ankündigung des Besuches sehr erfreut. Am 17. November traf Kokovzow ein. Der Botschafter Swerbejew hatte sich nicht auf den Bahnhof bemüht. Er hatte auch kein Mitglied der Botschaft zur Begrüssung delegiert. Nachdem Kokovzow lange Unterhaltungen mit dem Reichskanzler und eine Audienz bei Wilhelm II. gehabt hatte, fand ihm zu Ehren ein Diner im Schloss zu Potsdam statt. Da man die mangelhaften Beziehungen zwischen Herrn Swerbejew und dem Ehrengast kannte, wurde der Botschafter nicht eingeladen, was eine Abweichung von der bei solchen Anlässen geltenden Regel war. Herr Swerbejew, zu seinem Bedauern genötigt, gleichfalls ein Essen für den unwillkommenen Gast zu geben, wollte möglichst deutlich machen, dass in seinen Augen Kokovzow nur 264 ein Sachverständiger in Finanzdingen und kein entscheidender Faktor in der Politik Russlands sei. Darum bat er, mit feiner Unterscheidung, nur den preussischen Finanzminister Lentze um sein Erscheinen, und weder der Reichskanzler noch ein Vertreter des Auswärtigen Amtes nahmen an diesem Freundschaftsmahl teil.

Die Intrigen eines aufsässigen Botschafters waren nicht das einzige, was dem russischen Ministerpräsidenten die Freude an dem Berliner Besuch verdarb. Herr von Bethmann-Hollweg streckte ihm mit frischer Herzlichkeit die Freundschaftshand entgegen, aber eine leere Freundschaftshand. Er konnte dem Gast nichts geben und nichts versprechen, denn der deutsche Reichskanzler hatte bei Beratungen über Fragen, die zwar hochpolitisch, aber auch militärisch waren, nur einen Sitz an der Tür. Darum beschränkte er sich auf beruhigende Worte und auf eine Aufzählung all der Gründe, aus denen man genötigt gewesen sei, die türkischen Wünsche zu erfüllen. Der Gedanke, dass Russland daran Anstoss nehmen könnte, sei ihm nie gekommen. Da die türkische Flotte unter der Leitung eines englischen Admirals in Konstantinopel und die Gendarmerie unter dem Befehl eines französischen Generals stehe, in Griechenland die Engländer die Marine und die Franzosen die Armee beherrschten, vermöge er in dem deutschen Entschluss »keine ganz abnorme Sache« zu sehen. In der Unterredung mit Wilhelm II. fragte Kokovzow, ob man nichts an der Kommandogewalt ändern wolle, und regte, falls das nicht ginge, die Verlegung des Postens von Konstantinopel nach Adrianopel an. Der Kaiser erwiderte, er werde es sich überlegen, schrieb aber gleich hinterher unter einen Bericht des Herrn von Jagow: »Gingen wir auf Russ(ische) Wünsche ein, wäre es mit unserem Prestige in der mohammed(anischen) Welt einfach aus.« Nach seinem ersten Gespräch mit dem russischen Ministerpräsidenten notierte Bethmann: »Herr von Kokovzow hörte mir aufmerksam zu und erklärte, dass ihm meine Ausführungen in jeder Weise verständlich seien.« Eine banale Höflichkeitsphrase hielt er für einen Ausdruck der Zufriedenheit. Kokovzow stellte klar die Alternative: keine Kommandogewalt, und dann Sitz in Konstantinopel, oder Adrianopel und Kommandogewalt. Wilhelm II., der gesagt hatte, dass er es sich überlegen werde, lehnte vier Tage später in Randbemerkungen sowohl den einen wie den andern Vorschlag, und besonders Adrianopel, wo man mit den Bulgaren aneinandergeraten könnte, unwirsch ab. Herr Swerbejew schilderte in einem vertraulichen Bericht an Sasonow die vergeblichen Bemühungen Kokovzows, fügte hinzu, dass auch er dem Ministerpräsidenten die Wahl von Adrianopel, die eine grosse Erregung in Bulgarien hervorrufen würde, als ungeeignet bezeichnet habe, und legte ersichtlich Wert darauf, die Aufrichtigkeit des Kaisers anzuerkennen. Er urteilte über diejenigen, die den Echec Kokovzows verursacht hatten, milde und gerecht.

Am 19. November besuchte ich Kokovzow im Hotel Continental. Ich hatte nicht die Absicht gehabt, zu ihm zu gehen, aber man hatte mir 265 gesagt, mein Besuch wäre ihm willkommen. Unwillkürlich musste ich, als ich den Salon betrat und zum ersten Male Kokovzow sah, an Witte denken, dem ich oft begegnet war. Der Vergleich drängte sich auf – wenn man die Zusammenstellung der krassesten Verschiedenheiten einen Vergleich nennen kann. Witte, schwer, mächtig, starkknochig, zyklopisch, mit breit gewölbtem Rücken, tatzenhaften Händen, verblüffend derber Knotennase, trug mit sich die russische Erde, die Urzeichen des Slawentums, und man konnte sich denken, er sei der mythische Wanderer, der weit ausschreitend, von einem Ende des grossen Russland zum andern zieht. Kokovzows gepflegte Erscheinung daneben, kaum anderswo einzureihen als in die hohe Bürokratie oder die hohe Finanz, in schwarzem Gehrock vom besten Schneider, mit sorgsam geschnittenem, noch dunkelblondem Bart, jünger aussehend, als ich ihn mir vorgestellt hatte, obwohl offenbar überarbeitet und jetzt in einer nervösen Verstimmung, die sich in jedem Wort, in jeder Handbewegung verriet. Musste er seiner schlechten Laune Luft machen, ein Ventil öffnen, und schüttete er deshalb vor mir, den er erst seit einigen Minuten kannte, Beschwerden und Anklagen aus? Er sprach mit einer überraschenden Offenheit, wünschte nur diejenigen seiner Aeusserungen, die sich auf die auswärtige Politik bezogen, nicht veröffentlicht zu sehen und hielt es nicht für nötig, dass die gleiche Diskretion bei dem Teil seiner Erklärungen gewahrt würde, der die Verhältnisse in Russland betraf. Was er über Armenien, die Konstantinopeler Kommando-Affäre und andere Angelegenheiten vorbrachte, liess keinen Zweifel darüber, dass er Berlin enttäuscht und verärgert verliess. Er sagte: »Mit Ihrer Regierung ist nichts zu machen«, und hatte noch ein paar abfällige Worte für den Reichskanzler, der keinen Entschluss fasste und mit dem man nicht vorwärts kam. Dann, von Russland sprechend, äusserte er sich sehr bitter über die Parteien und meinte, die Politik der Duma-Presse würde höchstens von der Bevölkerung der Grossstädte verstanden und beifällig aufgenommen. Dreissig Kilometer abseits von einer Provinzstadt wisse man nichts mehr davon. Der Wohlstand nehme zu, nirgends bestehe der Wunsch nach einer Revolution, »für die auch alle Gründe fehlen und die nicht kommen wird«. Wichtiger als die grossen Reformen, nach denen man schreie und für die Russland noch nicht reif sei, schien ihm ein guter Verwaltungsapparat. Als ich ihm erwiderte, dass die Unterdrückungspolitik, die Verfolgung aller nach Erneuerung strebenden Geister dem heutigen Regime doch die Intelligenz entfremden müsse, erklärte er, von Unterdrückung und besonders von Massenverschickung könne nicht die Rede sein. Die Intelligenz habe einfach keine Lust zu arbeiten und verberge hinter der revolutionären Phrase ihren Hang zur Trägheit und Bequemlichkeit. Er sagte das alles ohne Pathos, nur missmutig – der Mann einer mittleren Linie, kühler Verstandesmensch, ohne Wohlwollen für die hinausstürmende Phantasie. Ich hatte die Empfindung, dass die Wiedergabe seiner 266 Philippika ihm in Russland schaden müsse, aber das war ihm gleichgültig oder er teilte meine Befürchtungen nicht. Sofort nach der Veröffentlichung fielen die russischen Blätter von rechts und links, die reaktionäre »Nowoje Wremja« ebenso wie das Kadettenorgan »Rjetsch«, über ihn her und der Oktobrist Chomjakow, früher Präsident der Duma, sagte in einer Rede: »Wenn Kokovzow in dieser Unterredung versichert hat, dass jedes Interesse für Politik bei uns ausserhalb der grossen und kleinen Städte schwindet, so behaupte ich, dass es bei uns nirgends ein Interesse für Politik gibt, weil keiner sich für Politik interessieren darf.« Die einen fanden in Kokovzows Worten eine herausfordernde Selbstüberhebung, die andern spotteten, er habe Russland dem Ausland als ein Kanaan anpreisen wollen, in dem Milch und Honig flössen, und wenn er auch nicht wegen dieser Hotelunterhaltung fiel, so wurde doch die momentane, gewiss angenehme Seelenerleichterung ziemlich teuer bezahlt.

Nach der Rückkehr in die Heimat sagte Kokovzow dem deutschen Botschafter Graf Pourtalès, dass in dem Verhältnis zwischen Deutschland und Russland eine »bedauerliche Trübung« eingetreten sei. Er war, wie Pourtalès bemerkte und wie man auch schon in Berlin hatte konstatieren können, sehr deprimiert und hatte einen »elegischen Ton«. Pourtalès meldete wiederholt, die massgebenden Kreise seien ausserordentlich verstimmt. Auch die öffentliche Meinung erhitzte sich. Wilhelm II., nicht wankend und nicht weichend, schrieb auf den Rand dieses Berichtes: »Es handelt sich um unser Ansehen in der Welt! Also Nacken steif und Hand ans Schwert!« Und unter Londoner Meldungen, die zu besagen schienen, dass auch Grey sich dem russischen Protest anschliessen wolle: »Wendet er sich gegen uns, dann ist es aus! – Das dulde ich nicht!« Dagegen erklärte er: »Der Grossvesir muss eine Dekoration kriegen«, als ihm mitgeteilt wurde, der türkische Würdenträger habe auf die Vorstellungen des russischen Botschafters Giers eine schroffe Antwort erteilt.

Am 31. Dezember fand in Petersburg eine geheime »Sonderkonferenz« statt. Es war die dritte der Konferenzen, deren Protokolle M. Pokrowski veröffentlicht hat. Kokovzow führte den Vorsitz, Sasonow, Suchomlinow, der Marineminister, der Generalstabschef und zwei andere Generale nahmen an der Beratung teil. Sasonow überreichte den Mitgliedern eine Denkschrift, in der gefragt oder dargelegt wurde, welche Massnahmen ergriffen werden könnten, falls Deutschland und die Türkei nicht durch friedliches Verhandeln von ihrer Hartnäckigkeit abzubringen seien. Verständigung mit Frankreich und besonders mit England erschien als erstes Gebot. »Ein konsequent durchgeführter Finanzboykott der Türkei« und Abberufung der drei Botschafter würden dann zunächst als Zwangsmassregeln in Frage kommen. Sollte das wirkungslos bleiben, so müsste der militärische Druck beginnen. Man empfahl, im Verlauf der Debatte, die Besetzung von Trapezunt, Sinoja 267 und Bajasid. Suchomlinow und der Generalstabschef zeigten soldatische Energie und Zuversicht, erklärten, wie es im Protokoll hiess, »kategorisch die volle Bereitschaft Russlands zum Zweikampf mit Deutschland, von einem Zweikampf mit Oesterreich schon gar nicht zu reden«, und waren nicht sparsam mit strategischen Ideen. Sasonow konnte mitteilen, dass ihm Delcassé versichert habe, Frankreich würde »so weit gehen, wie Russland es wünsche«, war aber der Ansicht, ohne England dürfe man Deutschland nicht durch solche Strategie provozieren, denn Russland und Frankreich allein würden Deutschland »wohl kaum einen tödlichen Schlag versetzen« können. Kokovzow dämpfte und beschwichtigte sehr geschickt. Er fragte, wer den Krieg mit Deutschland – den er »das grösste Unglück für Russland« nannte – wünschenswert finde, und auch Sasonow musste antworten, der Krieg wäre »im Prinzip unerwünscht«. Um das Risiko militärischer Komplikationen zu vermeiden, war Kokovzow mit dem finanziellen Boykott einverstanden, obgleich er, in seiner Kenntnis aller Finanzschliche, eine solche Aushungerung für unwirksam hielt. Schliesslich verfasste die Konferenz ein Gutachten, in dem gesagt wurde, dass man die Verhandlungen mit Berlin fortsetzen müsse, »bis deren Erfolglosigkeit vollkommen zutage liegt«. Dann, wenn in Berlin nichts erreicht worden sei, müsse man »zu den geplanten Einwirkungsmassnahmen ausserhalb Berlins im Einvernehmen mit Frankreich und England übergehen«. Wenn aber die aktive Beteiligung Frankreichs und Englands nicht erlangt werde, würde die Anwendung von Druckmitteln, die einen Krieg mit Deutschland zur Folge haben könnten, nicht möglich sein. Nun, dass England eine Besetzung türkischer Städte nicht mitmachen würde, war klar, und auch Frankreich hätte den Schwur Delcassés nicht eingelöst. Die Konferenz hatte sich, unter Leitung des gewandten Aufsichtsratsvorsitzenden, auf eine Formel geeinigt, die scharf und spitz war, wie ein in der Scheide festgebundenes Schwert.

Inzwischen aber war in Berlin, im Auswärtigen Amt, der Wunsch, aus dem Engpass herauszukommen, doch schon ziemlich stark. Herr von Jagow war diesmal der Klügste – jedenfalls auch klüger als Bethmann, der in einem Brief an Kokovzow sich auf die »schwerwiegenden Gründe, insbesondere technischer Natur« berufen hatte und ganz in das militärische Denken hineingeglitten war. Es gelang Jagow, den Botschafter in Konstantinopel umzustimmen. Der Freiherr von Wangenheim, ein als Persönlichkeit interessanter Diplomat, ein Mann von lebhaftem Geist und künstlerischen Talenten, dem bei der Abfassung seiner Berichte mitunter hübsche feuilletonistische Wendungen entschlüpften, war, wie Marschall und die meisten Botschafter am Bosporus, geneigt, in Konstantinopel den Nabel der Weltpolitik zu sehen. Statt die Stellung Deutschlands in der Türkei als ein verwertbares Tauschobjekt aufzufassen, hielten diese Muselmänner der deutschen Politik sie für einen Ewigkeitswert, den man um seiner selbst willen lieben musste und an dem das Glück 268 Deutschlands hing. Es verstärkte wahrscheinlich den Eifer des Herrn von Wangenheim, dass er, wie er selbst schrieb, sich im »Kriegszustand« mit dem russischen Botschafter von Giers befand. Aber er verlor in diesem Kampf der diplomatischen Rivalitäten doch nicht ganz die Sehfähigkeit, begriff dann doch die grössern Forderungen und unterstützte, nach einigem Schwanken, Jagow bei der Suche nach einem alles heilenden Kompromiss. Es kam jetzt nur noch, wie gewöhnlich in solchen Fällen, darauf an, das Prestige zu wahren und durch eine schöne Inszenierung des Rückzuges auch Wilhelm II. für diese Lösung zu gewinnen. Wer das Zaubermittel fand, ist nicht genau festzustellen. Jedenfalls war es im Januar entdeckt. Am 15. Januar 1914 verlieh der Kaiser dem Generalleutnant Liman von Sanders den »Charakter eines Generals der Kavallerie«. Infolgedessen musste die Türkei ihn zum Marschall befördern und er konnte nicht mehr der Kommandierende eines Armeekorps sein. Das Buch der Weisheit, das sybillinische Buch, das den richtigen Weg gezeigt hatte, war die Rangliste der Armee. In Petersburg äusserte Kokovzow dem Grafen Pourtalès herzlich und warm seine Freude über die Erledigung des Streites, aber Sasonow blieb kühl, sagte kein Wort der Anerkennung, denn Siege von diesem Format genügten ihm nicht mehr.

Kaum einen Monat nach diesen Ereignissen war Kokovzow gestürzt. Am 11. Februar wurde bekanntgegeben, dass er, natürlich aus Gesundheitsrücksichten, zurückgetreten sei. Seine Gesundheit schien durchaus nicht geschwächt. Seine Stellung gegenüber dem Zarenhofe um so mehr. Die Grossfürstenpartei, mit den beiden von Iswolski geleiteten Montenegrinerinnen, arbeitete seit langem gegen ihn. Zwar hatte er im stillen einigen dieser Personen zur Bezahlung ihrer Schulden verholfen und auch sonst mancherlei Gefälligkeiten erwiesen, aber er stand dem ehrgeizigen Tatendrang des Grossfürsten Nikolai Nikolajewitsch, dem Spiel der montenegrinischen Agentinnen, dem Ruhmbedürfnis der Militärs und der Zivilnationalisten, den realeren Bedürfnissen der Lieferanten im Wege, und was war ein gelegentliches Taschengeld, verglichen mit dem erhofften Gewinn? Die wahrhaft staatsmännischen Geister sahen achselzuckend auf ihn herab. Und Rasputin, vermutlich vorgeschickt von den Kliquen und Konsorten, die sich von dem grossen Kriegsgeschäft mehr versprachen als von dem kleinen täglichen Betrug in ruhigen Zeiten, hetzte die Zarin auf, bis die Ahnungslose dem ebenso blinden Ehemann die Entlassung des letzten Friedensministers entrang. Rasputin hatte gegen Kokovzow einen alten Hass. Eines Tages hatte er den Ministerpräsidenten aufgesucht und hatte ihm vorwurfsvoll gesagt: »Ich weiss, dass Sie gegen mich arbeiten«, und hatte ihm seine »Augen« gemacht. Kokovzow hatte ihm bemerkt, er könne sich das sparen, bei ihm wirke dieser Zauber nicht, und hatte ihn ohne Zeremoniell hinausgesetzt. Seitdem war der an bessere Behandlung gewöhnte Magier sein Feind. Kokovzow war mit der Absicht nach Petersburg gekommen, sich Iswolskis 269 und Swerbejews zu entledigen, aber als er bei der kurzen Audienz, die Nikolaus II. ihm nach der Heimkehr gewährte, über die Börsengeschäfte des Pariser Botschafters sprechen wollte, winkte der Monarch mit einem »Später!« ab. Immerhin wurde er gnädig empfangen. Noch am Tage vor seinem Sturz ging er zum Zaren, um ihn zu fragen, ob die Gerüchte über die Erschütterung seiner Stellung begründet seien. Nikolaus, wie immer in diesen Fällen unaufrichtig, antwortete, davon sei keine Rede und er gedenke nicht, sich von einem Manne, der ihm so lange vorzüglich gedient habe, zu trennen. Am nächsten Morgen hatte Kokovzow den Abschiedsbrief. Der Gestürzte wurde »in den Grafenstand erhoben«, ein Geschenk von dreimalhunderttausend Rubeln, mit dem Nikolaus sich bei ihm entschuldigen wollte, wies er zurück. Man erklärte, er habe gehen müssen, weil seine Handhabung des Branntweinmonopols die Trunksucht im Lande gesteigert habe und die Debatte über eine Gesetzesvorlage, die dieses Laster bekämpfen sollte, ungünstig für ihn verlaufen sei. Alles das war Vorwand, Versteckspiel, Spiegelfechterei. Nicht wegen der Trunkenheit der andern, sondern wegen der eigenen Nüchternheit musste er gehen. Sein dünner Liberalismus, der nichts und niemanden umwerfen konnte, schien den reaktionären Sippen bereits als ein berauschendes, zu gefährliches Getränk. Dem Zaren konnte leicht bewiesen werden, dass es ganz unbedenklich sei, einen Mann zu beseitigen, der trotz seiner Geschicklichkeit keine zuverlässige Freundschaft, keine anhängliche Gefolgschaft und keine Popularität erworben hatte, von den meisten respektiert wurde, aber nicht geliebt. War es ihm nicht, mit seinen Berliner Offenherzigkeiten und andern Aergernissen, eben noch gelungen, die Linke wie die Rechte gegen sich aufzubringen? Der alte Goremykine wurde auf den Stuhl gesetzt. Dieser Greis, der seit Jahren in Ruhe seine Pension genoss und seine Altersschwäche pflegte, wurde Ministerpräsident. Er allerdings war für niemanden ein Hindernis. Als Witte, der in Paris weilte, erfuhr, dass Kokovzow gestürzt worden sei, sagte er zu seinen Bekannten: »Das ist der Krieg.«

 

Ein starkes Unbehagen blieb nach der Beilegung der Affäre Liman Sanders bestehen. Es äusserte sich in einer sehr heftigen Zeitungsdebatte, die im Februar begann und bis in den März hinein weiterging. Zunächst gab ein Gerücht, wonach Russland wieder eine Probemobilmachung vornehmen wolle, den Anlass dazu. Diese Nachricht wurde dann dementiert, aber nicht mit gleicher Bestimmtheit konnte bestritten werden, dass die russische Regierung der Presse verboten hatte, Mitteilungen über militärische Massnahmen, über die Rüstungstätigkeit im Heer und in der Flotte zu bringen. Artikel in einigen deutschen Blättern stellten die Situation pessimistisch dar. Am 24. Februar wurde in einer von der »Post« veröffentlichten Zuschrift Stimmung für die Eventualität eines Präventivkrieges gemacht. Diese Ausführungen wurden nicht sehr beachtet – sie kamen von einer Seite, auf der man immer mit 270 den grössten Kalibern schoss. Aber am 2. März erregte ein aus Petersburg datierter Artikel der »Kölnischen Zeitung« Sensation. Er war überschrieben »Russland und Deutschland« und enthielt in der Einleitung die Bemerkung, dass Russland politische Drohungen noch nicht mit Waffengewalt unterstützen könne, das Werkzeug noch nicht fertig geschmiedet, eine unmittelbare Kriegsgefahr also nicht vorhanden sei. Ganz anders aber würde die russische Heeresmacht in drei oder vier Jahren dastehen, es werde tüchtig gearbeitet und ganz falsch sei die Auffassung, Russland wäre durch die Gefahr innerer Erschütterungen für jeden Fall paralysiert. Für die russische Intelligenz sei Deutschland der Hort der Reaktion und der »bestgehasste Feind«. Dass Russland zum Kriege gegen Deutschland rüste, gebe man sogar in amtlichen militärischen Zeitschriften offen zu. Die Legende von der geschichtlichen deutsch-russischen Freundschaft müsse endlich einmal zerstört werden, solche sentimentalen Schlagwörter seien in der Politik Unsinn und hätten vielleicht früher einmal eine Berechtigung gehabt. Damals, als noch die Stimme des Zaren die allein entscheidende in Russland war . . .

Dieser keineswegs unvernünftige, im Tone ernster Sachlichkeit abgefasste Artikel verursachte an den Börsen eine erhebliche Baisse und rührte wie ein Steinwurf den Teich der diplomatischen und politischen Kreise auf. Er stand in der »Kölnischen Zeitung«, die nichts ohne Befragung des Auswärtigen Amtes, nichts ohne die Zustimmung des Geheimrats Hammann zu tun pflegte, und dass ganz einfach der Petersburger Korrespondent des Blattes ihn geschrieben und niemand in der Wilhelmstrasse ihn vor der Veröffentlichung gekannt habe, wurde zuerst nur von den wenigsten geglaubt. Indessen, der Urheber des Schreckens war wirklich der Korrespondent Dr. Ulrich, und niemals war das Auswärtige Amt an einer Tat so unbeteiligt, wie an dieser hier. In einem materialreichen Buche »Der Kriegsschrecken des Frühjahres 1914 in der europäischen Presse« hat Dr. Anton Lux alles Wissenswerte über die Entstehung des Artikels und die Folgen berichtet und man erfährt dort, dass Ulrich in der Beurteilung der Dinge mit dem Generalkonsul in Petersburg und dem Militärattaché übereinstimmte, dagegen den Botschafter Graf Pourtalès vergeblich für seine Auffassung zu gewinnen versuchte und schliesslich auf verschlossene Botschaftstüren stiess. Als der Artikel, vom Chefredakteur gebilligt, erschienen war, rief Hammann, peinlich überrascht, all seine Getreuen zusammen. In allen Organen, die es erreichen konnte, liess das Auswärtige Amt erklären, es habe mit dieser journalistischen Privatleistung nichts zu schaffen, und »der Pessimismus des Verfassers werde in unterrichteten deutschen Kreisen nicht durchweg geteilt«. Graf Pourtalès teilte im Petersburger »Herold« mit, seine Ansichten seien wesentlich verschieden von denen des Artikelschreibers, und brach seine Beziehungen zu Ulrich ab. Er beeilte sich, Herrn Sasonow zu sagen, er missbillige den Artikel und 271 gedenke, den Autor nicht mehr in der Botschaft zu empfangen. Mit besonderem Eifer, und nicht ohne ein bemerkbares Bemühen, sich nach Petersburg und nach Paris hin bestens zu empfehlen, liess die Wiener Regierung durch die offiziöse »Politische Korrespondenz« erklären, zu dem »übertriebenen Pessimismus« der »Kölnischen Zeitung« lägen nach österreichischer Auffassung keinerlei Gründe vor. In der Pariser Presse wurde das wohlwollend, mit einer guten Zensur für Wien, aufgenommen.

 

Im Frühjahr 1914 kam das Gerücht auf, Nikita wolle seine Krone verkaufen und die Vereinigung Montenegros mit Serbien stehe bevor. Die Auseinandersetzungen über diese Frage blieben geheim, die Völker erfuhren nichts davon. Besonders in Wien, aber auch in Petersburg, beschäftigte man sich seit langem mit diesem unvermeidlichen Zusammenschluss. Verdrossen und beklommen in Wien, erwartungsvoll in Petersburg. Berchtold und die Seinigen hatten schon ihr Programm bereit. Der Zusammenschluss musste, wenn möglich, verhindert werden, in keinem Fall durfte das vereinigte Königreich sich bis an das Meer erstrecken, der montenegrinische Küstenstrich musste dann an Albanien fallen, Serbien musste einige in den Balkankriegen eroberte Landstriche herausgeben und Oesterreich den Küstenberg Lovcen erhalten, dessen Besitz, wenn man den Strategen glauben wollte, eine Bürgschaft des Sieges war. Der deutsche Gesandte in Cetinje, Herr von Eckardt, meldete zwar im Februar, Nikita denke an keine Fusion. Aber in Wien, in Petersburg und vor allem in Belgrad sagte man, Nikitas ältere Söhne seien als Thronerben unmöglich – die Gesandtschaftsberichte lauten sehr herbe – und der dritte sei ein »unreifer Junge«, und nach dem Tode des Papas werde das montenegrinische Volk die Vereinigung verlangen. Anfang April ging dann das Fusionsgerücht um. Richtig daran war, dass Nikita in einem Handschreiben an den König Peter ein Abkommen über gemeinsame Behandlung finanzieller, handelspolitischer und diplomatischer Interessen vorgeschlagen hatte – aber unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass die beiden Dynastien unabhängig erhalten blieben, von Verschmelzung keine Rede sein dürfe – und obgleich sofort dementiert wurde, galt von nun ab die Frage der Vereinigung für »akut«. Bewegung und Unruhe entstanden, und nicht nur zwischen Oesterreich und Russland, sondern auch innerhalb des Dreibundes herrschte hochlodernde Uneinigkeit. Italien wünschte, wie aus den Depeschen des deutschen Botschafters von Flotow hervorging, keine weitere Vergrösserung Albaniens, wollte Oesterreich noch weniger als Serbien in wichtiger Küstenstellung sehen und war überzeugt, die Serben würden, wenn man ihnen abermals den Weg zur Küste verbieten wollte, den Krieg nicht scheuen. Wilhelm II. und seine Regierung verurteilten die Wiener Staatsweisheit nicht weniger scharf. Auf den Rand eines Berichtes vom 11. März 1914, in dem es hiess, Oesterreich-Ungarn habe das Prinzip aufgestellt, »dass Serbien nicht territorial an die Adria dürfe«, auch nicht auf dem Wege über 272 Montenegro, entlud der Kaiser mit den Worten: »Blödsinn!« . . . »Unglaublich!« seinen diesmal gerechten Zorn. Mit der Schlussbemerkung: »Wenn Wien das versuchen sollte, so macht es eine grosse Dummheit und beschwört die Gefahr eines Krieges herauf mit den Slawen, der uns ganz kalt lassen würde«, stellte er dem österreichischen das deutsche Prinzip entgegen – den Grundsatz, den man während des Balkankrieges ein paarmal vergessen hatte und von dem man nie, nie um Haaresbreite hätte abweichen dürfen, niemals, was auch immer geschehen konnte und geschah. Manche von Wilhelms Randbemerkungen sind Kugeln am Bein, die er mit herumschleppt, diese hier, im März 1914 geschrieben, zeugen für ihn, sind Beweise für die Sinnlosigkeit des Vorwurfes, er, der fortwährend Uniformen und Gedanken wechselte, habe gemeinsam mit Oesterreich den Krieg geplant.

Seltsamerweise billigte Wilhelm II. ungefähr in dem gleichen Augenblick, in dem er seine Randbemerkungen hinwarf, den Standpunkt des Grafen Tisza, der zwar die Vereinigung Serbiens mit Montenegro nicht verhindern, aber doch auch den Serben verbieten wollte, durch Einverleibung des montenegrinischen Küstenlandes an das Meer zu kommen. Das war eine neue Inkonsequenz, einer der schnell aufeinanderfolgenden Widersprüche in seiner Gedankenweberei, aber sein Widerstreben gegen die Gelüste der Wiener Kliquen, seine Missbilligung der ganzen österreichischen Balkanpolitik, sein dringender Wunsch, sich nicht durch diesen elenden Dilettantismus in einen Weltkrieg hineinziehen, die Spekulation auf das Blutopfer des deutschen Volkes nicht gelingen zu lassen, und sogar seine alte Sympathie für die nationalen Aspirationen des Serbenvolkes traten in diesem Frühling 1914 doch noch einmal deutlich hervor. Am 21. April 1914 telegraphierte der Reichskanzler aus Korfu, wohin er Wilhelm II. begleitet hatte, an das Auswärtige Amt, der Kaiser sei »über Stellung Berchtolds gegenüber Eventualität einer Verständigung oder Verschmelzung Serbiens und Montenegros so erregt«, dass er dringend wünsche, er, Bethmann, solle nach Wien fahren und dort – da Franz Joseph erkrankt war – dem Thronfolger Franz Ferdinand die deutschen Vorhaltungen überbringen. Und Herr von Bethmann-Hollweg, nach Berlin zurückgekehrt, liess am 8. Mai 1914 dem Staatssekretär von Jagow die Mitteilung zugehen: »Ich halte eine klare Aussprache in Wien für dringend erforderlich« . . . »Wien beginnt sich in seiner gesamten Politik etwas stark von uns zu emanzipieren und muss meo voto rechtzeitig am Zügel gehalten werden«, fügte er hinzu. Allerdings, Herrn von Bethmann trieb vor allem die längst überflüssige Sorge, dass Italien untreu werden könnte, und er sah – Halbheit und Illusion – die Zuweisung des montenegrinischen Küstengebietes an Albanien als eine mögliche Lösung an. Indessen, man wollte Wien »rechtzeitig am Zügel halten«, sich nicht mitschleifen lassen, widerstandsstark und wachsam sein. Vortreffliche Vorsätze im schönen Monat Mai.

273 Am 1. April kamen der König und die Königin von England nach Paris. Sir Edward Grey begleitete sie. Beim Festmahl im Elysée trugen nach hergebrachter Weise Poincaré und der König Georg die offiziellen Trinksprüche vor. Der Präsident der Republik sagte, dass England und Frankreich nach langer Nebenbuhlerschaft gelernt hätten, einander zu lieben, und der König sprach von dem gemeinsamen Werke des Friedens und der Zivilisation. Den königlichen Gästen wurden drei Tage lang mancherlei Feste geboten, Militär, Sport und Kunst brachten ihre Huldigungen dar. Dazwischen fanden politische Unterhaltungen zwischen Grey und den französischen Ministern statt. Die französische Presse war enthusiastisch, die englische hielt sich etwas mehr zurück. Baron Guillaume, der belgische Gesandte in Paris, betonte in den Berichten, die er nach Brüssel schickte, dass die Sympathiekundgebungen »eine besondere Nahrung in dem Nationalismus, um nicht zu sagen Chauvinismus, fanden, den die Leiter der Nation entfacht haben«, und zitierte die Aeusserung eines hochstehenden Diplomaten: »Wenn sich jetzt plötzlich ein ernster Zwischenfall zwischen Frankreich und Deutschland ereignet, werden die Staatsmänner der beiden Länder sich bemühen müssen, ihm innerhalb der nächsten drei Tage eine friedliche Lösung zu geben, oder es gibt Krieg.« Am 24. April reisten der König und die Königin wieder heim. Allgemein wurde konstatiert, dass die französisch-englische Freundschaft schöne Tage erlebt habe, aber etwas Besonderes schien nicht vorgefallen zu sein.

Ungefähr einen Monat später, am 21. Mai, besuchte mich Wilhelm von Stumm und teilte mir mit, Iswolski habe in Paris durch die französischen Vermittler dem englischen Aussenminister eine russisch-englische Flotten-Entente anbieten lassen und Grey habe die Idee nicht abgelehnt. Verhandlungen über das Zusammenwirken der beiden Flotten im Kriegsfall seien eingeleitet und natürlich sei für die Iswolski, Sasonow und Delcassé auch das nur ein Mittel, um England immer fester mit den russischen und französischen Interessen zu verstricken, ihm die Freiheit der Entschliessungen zu nehmen und jeden Ausweg zu versperren. Stumm fragte mich, ob ich bereit wäre, die Intrige zu enthüllen. So würde es vielleicht möglich sein, das für den Frieden gefährliche Manöver zum Scheitern zu bringen. Ich war immer der Ansicht gewesen, dass England, wenn der Wahnwitz der deutschen Schiffsbauerei weitertoben dürfe und kein Einvernehmen über die Flottenziffern zustande komme, in einem Kriege mit Frankreich und Russland gehen werde – und in gar keinem Falle, und auch nicht nach einer Einigung über die Schiffe, würde es eine Zerschlagung, eine absolute Schwächung Frankreichs ruhig hinnehmen und zusehen, wie ihm gegenüber ein flottenstarkes Deutschland die Alleinherrschaft auf dem Kontinent gewann. Ein englisch-russisches Flottenabkommen schuf also meiner Meinung nach keine neue Situation, sondern regelte nur eine kriegerische Mitwirkung, die ohnehin zu erwarten war. Indessen, es war ein 274 neuer Ansporn, eine neue Ermutigung für alle Chauvinisten dieses Lagers, denn es verstärkte in diesen Kreisen das Sicherheitsgefühl. Gleichzeitig musste es eine überaus willkommene Gabe für die deutschen Flottenfanatiker sein, die nicht zögern würden, nach immer weiterer Vermehrung der Abwehrmassregeln zu rufen, wieder Schlachtschiffe zu bauen, den schon überheissen Kessel weiter zum Glühen zu bringen. In dieser Stärkung derjenigen, die, auf beiden Seiten, mit oder ohne Absicht, Europa für die grosse Schlächterei reif machten, lag in der Tat eine ungeheure Gefahr. Noch eine Lunte am Pulverfass.

 

An der Richtigkeit der Information, die der Dirigent der Politischen Abteilung mir brachte, zweifelte ich nicht. Aus verschiedenen Gründen konnte ich überzeugt sein, dass das Auswärtige Amt genau unterrichtet war. Als Professor Schiemann nach dem Kriege, unmittelbar nach dem Waffenstillstand, ausplauderte, dass die deutsche Diplomatie eine geheime Verbindung mit dem Sekretär der russischen Botschaft in London, Herrn von Siebert, gehabt hatte, erzählte er auch, die Nachrichten über das Projekt der russisch-englischen Marinekonvention seien aus dieser Quelle gekommen. Sie kamen aus dieser Quelle, die in der Zeit vor und nach der Pariser Entrevue reichlich und ohne Unterbrechung floss. Die wenigen Eingeweihten im Auswärtigen Amt kannten aus den Abschriften der russischen diplomatischen Depeschen und Briefe, die Herr von Siebert lieferte, das Pariser Ereignis und die Entwicklung der Angelegenheit. Am 5. Mai schrieb der russische Botschafter, Asquith habe den Plan gebilligt, andere Mitglieder der Regierung würden wahrscheinlich Widerstand leisten, aber »der feste Entschluss der wirklichen Führer des Kabinetts« würde die Opposition zum Schweigen bringen. Aus einem Brief Sasonows an Benckendorff vom 15. Mai: »Die Bereitwilligkeit der englischen Regierung, ohne Aufschub die Verhandlungen über den Abschluss eines Abkommens zwischen Russland und England zu beginnen, welches die gemeinsamen Operationen unserer Seestreitkräfte im Falle einer gemeinsamen militärischen Aktion betrifft«, werde auf russischer Seite »mit dem Gefühl grösster Befriedigung entgegengenommen.« Es sei »ein wichtiger Schritt, um England dem frankorussischen Bündnis anzuschliessen«, und sowohl das Marineministerium wie der russische Marineagent in London seien darauf aufmerksam gemacht worden, »wie gross die politische Bedeutung der bevorstehenden Verhandlungen ist«. Der gewissenhafte Herr von Siebert hatte auch ein Memorandum kopiert, das in einer Konferenz beim russischen Admiralstabschef aufgesetzt worden war, um den Marineattaché in London, Kapitän Wolkow, zu instruieren, und auch diese Kopie war, durch seine Fürsorge, an das Auswärtige Amt gelangt. Alles das und vieles andere lag vor, als Wilhelm von Stumm mir am 21. Mai das Geheimnis – mit dem Wunsch, dass ich es nicht wahren möchte – vertrauensvoll übergab.

275 Es war nötig, für die Veröffentlichung eine Form zu wählen, die den Ursprung verdeckte, und ich liess am 29. Mai im »Berliner Tageblatt« die Mitteilungen als »Brief aus Paris« hinausgehen, als den Brief einer mir bekannten »Pariser Persönlichkeit«. Am Schlusse hiess es: »Man wird diese Nachricht vielleicht dementieren, aber der Vorschlag existiert, und wenn er auch noch weit von der Verwirklichung sein mag, so scheint er doch bisher nicht in definitiver Weise zurückgewiesen worden zu sein.« Es wurde also schonend verschwiegen, dass Grey und seine Freunde den Vorschlag, Verhandlungen einzuleiten, schon angenommen hatten und dass diese Verhandlungen bereits begannen. Ueberhaupt wurde, wie es auch der Tendenz des Auswärtigen Amtes entsprach, in dem »Pariser Brief« gegen Grey kein Vorwurf erhoben und für das ganze Unternehmen nur Iswolski verantwortlich gemacht. Es musste auch dem Einwande begegnet werden, dass wir uns eine Einmischung in die Angelegenheiten eines andern Landes gestatteten, und darum schrieb ich in dem Artikel, mit dem ich den »Pariser Brief« umrahmte: »In dieser Frage zu entscheiden, ist in erster Linie Sache der Engländer, niemand in Deutschland, der die Dinge vernünftig ansieht, wird meinen, dass die Entente cordiale unter allen Umständen ein Hindernis für eine bessere Gestaltung der deutsch-englischen Beziehungen bleiben müsse, und am wenigsten wird man vergessen dürfen, dass jedes Land sich nach Gutdünken seinen Freund wählen kann. Aber gerade weil englische Staatsmänner und ein sehr grosser Teil des englischen Volkes in den letzten Monaten mit unverkennbarer Aufrichtigkeit gezeigt haben, wie wertvoll auch ihnen ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zwischen dem englischen und dem deutschen Volke erscheint, müssen diejenigen, die in Deutschland gleiche Wünsche hegen und gleichen Bestrebungen dienen, ihre Befürchtungen äussern, wenn von dritter Seite mit klug ersonnenen Mitteln und Vorschlägen diesen friedlichen Wünschen und Bestrebungen entgegengearbeitet wird.« Dann weiter: »Ob ein solches Flottenabkommen eine sehr erhebliche praktische Bedeutung hätte, müssen die Sachverständigen sagen, und ihre Antwort würde vermutlich verneinend sein. Aber die Erfinder des Projekts wollten ihr Ziel, das Bündnis, zu dem sie nicht mit einem Sprung gelangen konnten, langsam und schrittweise erreichen und zugleich allen, die für die Besserung der deutsch-englischen Beziehungen arbeiten, einen dicken Stein vor die Füsse rollen. Den Flottenfanatikern, den unermüdlichen Rüstungsrufern in Deutschland würde durch solche Abmachungen der erwünschte Vorwand für die verstärkte Fortsetzung ihres Treibens in die Hände gespielt. Alle lärmenden Chauvinisten würden sich beeilen, Vorteil daraus zu ziehen.«

Als dieser Artikel mit den aus Paris datierten Mitteilungen erschienen war und das Büro Reuter einen Auszug daraus verbreitet hatte, begnügten sich sogar die liberalen »Daily News« mit der Bemerkung, das Ganze sei ein »curios statement«, eine etwas sonderbare Behauptung, 276 und die »Times« redeten ein wenig um die Sache herum. In England forderte nur der »Manchester Guardian« die notwendige Aufklärung. Der »Figaro« sagte, es handle sich um »eine Plauderei, nicht um ein Arrangement«. Die russischen Blätter »Russkoje Slowo« und »Nowoje Wremja« erklärten, es sei keine Konvention unterzeichnet und nichts abgeschlossen worden, und befolgten so das alte Rezept, etwas als unwahr zu bezeichnen, was niemals behauptet worden war. Um die Mauer, mit der sich die Alchimisten der Konvention umgaben, ein wenig zu erschüttern, war ein neuer Anstoss erforderlich. Am 2. Juni veröffentlichte ich einen Artikel, in dem ich versuchte, die Aufmerksamkeit der englischen Liberalen auf die Gefahr hinzulenken, die, ihnen unsichtbar, über dem Völkerfrieden hing: »Wollen die englischen Liberalen nicht bemerken, wie sehr in dieser Stunde die Ergebnisse einer geduldigen Annäherungspolitik gefährdet sind? Wollen sie, die einsichtigen Vorkämpfer dieser Politik, sich der klaren Erkenntnis verschliessen, dass der russische Vorschlag, den Sir Edward Grey und die andern Minister erwägen, das ganze Versöhnungswerk – ihr Werk – über den Haufen werfen soll? . . . Deutlich sichtbar zeigt sich der von Iswolski und andern ausgeheckte, gar nicht ungeschickte Plan: erst will man, durch den Abschluss der Flotten-Entente, Deutschland und England abermals entzweien, der unliebsamen Annäherung ein Ende machen und dafür sorgen, dass in Deutschland die rechte Temperatur für eine Flottenagitation entsteht. Und wenn, mit der üblichen Wechselwirkung, die Verstimmung von einem Volke sich auf das andere überträgt, dann wird, so hofft man, England mürbe und für ein Bündnis auf der ganzen Linie zu gewinnen sein . . . Wir andern haben, wie die ›Morning Post‹ sehr zutreffend konstatiert, kein Recht, uns in ein Spiel einzumischen, an dem wir nicht beteiligt sind. Nicht mehr beteiligt, als ein Zuschauer, dem der Fussball auf den Schädel fliegt.«

Diesmal blieb der Appell nicht ganz wirkungslos. Am 11. Juni befragte im Unterhause der liberale Abgeordnete King den Minister des Aeussern, ob England und Frankreich ein Marineabkommen abgeschlossen hätten, oder ob irgendwelche Verhandlungen dieser Art in der Schwebe seien. Auch der Abgeordnete Sir William Byles interpellierte Sir Edward Grey. Existiere das Abkommen und würde es die Beziehungen zu Deutschland berühren können? Grey antwortete, er habe bereits früher erklärt, dass es keine unveröffentlichten Abmachungen gebe, die bei einem Kriege der europäischen Mächte die Entschlussfähigkeit der britischen Regierung oder des englischen Parlamentes in der Frage, ob England am Kriege teilnehmen solle oder nicht, einschränken oder behindern könnten, und diese Erklärung sei »heute so wahr, wie sie es damals gewesen ist«. Keine Vereinbarungen, die im Widerspruch zu dieser Erklärung ständen, seien seither mit irgendeiner Macht getroffen worden, keine derartigen Verhandlungen seien im Gange, keine würden, soweit er das beurteilen könne, eingeleitet werden, und wenn doch ein 277 Abkommen geschaffen werden sollte, aus dem sich eine Aenderung des frühern Standpunktes ergäbe, so würde die Regierung seiner Meinung nach nicht unterlassen, die neuen Vereinbarungen vor das Parlament zu bringen. In seinem Buche »Fünfundzwanzig Jahre Politik« behandelt Sir Edward Grey diesen Vorgang sehr viel eingehender, als er an diesem 11. Juni im Unterhause die Anfragen der beiden Abgeordneten erledigt hat. Nach dem Ausbruch des Krieges haben ihn begreifliche und berechtigte Zweifel an der Korrektheit seiner damaligen Antwort geplagt. »Die Antwort, die ich gab, entsprach der Wahrheit«, schreibt er, ersichtlich um die Beruhigung seiner Seele bemüht. Man könne einwenden, dass er nicht auf die ihm gestellte Frage geantwortet habe, und das leugne er nicht. »Das Parlament hat unbedingt ein Recht, von jedem Bündnis oder jeder Verantwortung zu erfahren, die das Land zu einer Handlung verpflichtet oder seine Handlungsfähigkeit beschränkt. Das kann aber nicht von militärischen oder maritimen Massnahmen gesagt werden, die getroffen werden, um möglichen Ereignissen begegnen zu können.« Die beiden Abgeordneten forschten nicht weiter und nahmen die rhetorische Seitenschwenkung Sir Edward Greys widerspruchslos hin. Am nächsten Tage versicherten die »Daily News«, die Worte des Ministers seien »bündig genug gewesen, um alle Bedenken zu beseitigen«, und die »Westminster Gazette« wies die skeptische Bemerkung des »Manchester Guardian«, Greys Antwort lasse noch allerlei Möglichkeiten bestehen, als eine unziemliche Anmassung zurück. Da die »Westminster Gazette« auch unvorsichtig erklärte, dass keine Verhandlungen über ein Flottenabkommen geführt würden, brachte ich einige nähere Angaben an die Oeffentlichkeit. Die Verhandlungen, schrieb ich, gingen ohne Unterbrechung weiter, Iswolski habe sich sehr befriedigt über den Stand der Dinge geäussert, der Kapitän Wolkow, der russische Marineattaché in London, sei zur Berichterstattung nach Petersburg gereist. Der deutsche Forscher Wilhelm Dibelius hat mit Recht den »unter puritanischem Einfluss« entstandenen Begriff der kaufmännischen »Fairness« gelobt, mit dem England der Welt ein glänzendes Beispiel gegeben habe, und dann gesagt, dort, »wo im Kampf die starken Willensimpulse aufeinanderplatzen«, wäre in den Augen des Engländers das Eingestehen der wahren Tatsache »direkt ungentlemanlike« und unstatthaft. Grey handelte nach dieser Vorschrift, aber man würde das Weltbild verwischen und entstellen, wenn man nicht zugeben wollte, dass es auch ausserhalb Englands Puritaner gab.

Sasonow erklärte dem Grafen Pourtalès, eine russische Marinekonvention existiere »nur in der Idee des ›Berliner Tageblattes‹ und im Mond«. Sie existierte ja auch noch nicht, nicht einmal im Mond, aber auf dem Planeten, auf dem wir leben, bereitete man sie vor. Wilhelm von Stumm telegraphierte mir nach der Erklärung Sir Edward Greys: »Lassen Sie sich nicht beirren.« Herr von Jagow hielt den Augenblick für günstig 278 zu einer Warnung auf diplomatische Manier. Wie man einem Telegramm des Sir Edward Goschen an Grey entnehmen kann, besuchte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes am 15. Juni den englischen Botschafter und sagte ihm, er habe sich über die Erklärung im Unterhause sehr gefreut. Obwohl er immer geneigt gewesen sei, den Gerüchten über Marineverhandlungen zu misstrauen, müsse er gestehen, dass die wiederholten und kategorischen Behauptungen des »Berliner Tageblattes« ihn wankend gemacht hätten, und nun fühle er sich wirklich von einer Last befreit. Das »Berliner Tageblatt« habe immer gesagt, ein offizielles Dementi, eine Ableugnung würde nicht ernst genommen werden dürfen, aber er hege solche Gedanken nicht, sondern habe Vertrauen zu Greys Loyalität und Aufrichtigkeit. Hätte das Gerücht auf Wahrheit beruht, so hätten die Konsequenzen sehr ernst sein können, die englisch-deutschen Beziehungen würden ihre Herzlichkeit verloren haben und ein noch viel böseres Resultat würde das sofortige Wiederauftauchen des Rüstungsfiebers in Deutschland gewesen sein. Im Falle eines Krieges würde Deutschland dem gewaltigen Russland und Frankreich »praktisch allein« gegenüberstehen. Sollte Deutschland auch noch mit der Gegnerschaft der britischen Flotte rechnen müssen, so würden die Marinefachleute vollkommen berechtigt sein, von dem Lande jedes Opfer zu fordern, um einer solchen schwierigen Lage begegnen zu können . . . Grey, der in seinem Buche den telegraphischen Bericht Goschens mitteilt, f ragt sich: Ist Jagow durch meine Erklärungen wirklich irregeführt worden, oder hat er »uns vor den Folgen einer solchen Handlung warnen oder sie verhindern« wollen? Natürlich war der Staatssekretär im Auswärtigen Amt nicht irregeführt worden, da ihm, von dem treuen Siebert der russischen Kuriermappe entnommen, täglich die Wahrheit auf den Schreibtisch flog.

Inzwischen wurde der neue albanische Staat, dem Haupte des Grafen Berchtold entsprungen wie Athene dem Haupte des Zeus, eröffnet und eingeweiht. Die letzte Wiener Operette, bevor die Tragödie begann. Man hatte für den jungen Staat einen König gesucht, einige bereits existierende Dynastien bewiesen ein lebhaftes Interesse, freuten sich, die monarchische Idee ausbreiten und wieder einmal einen Thron errichten zu können, und hielten Kandidaten zur Auswahl bereit. In andern Ländern begnügte man sich mit der Rolle des Zuschauers, und vielleicht eines lächelnden Zuschauers, und als die Wahl auf den Prinzen Wilhelm von Wied, Offizier in der deutschen Armee, fiel, erregte das nirgends besondere Unzufriedenheit. Wilhelm von Wied, ein gut aussehender, schlanker und höflicher Prinz, und seine mutige Gattin nahmen das Angebot an. Kronen sind nicht zahlreich und man nimmt, was man bekommen kann. Auch Cäsar wollte lieber in einem Dorfe der Erste, als in Rom der Zweite sein. Nachdem der neue Fürst eine Rundreise zu den europäischen Höfen gemacht hatte, zog er mit seiner Fürstin am 7. März feierlich in die Hauptstadt Durazzo ein. Der mächtigste Mann 279 seines Volkes, Essad Pascha, der ihm als Führer einer albanischen Deputation in Neuwied gehuldigt und erklärt hatte, dass »die Albanier ohne Ausnahme stets treue Untertanen Eurer Durchlaucht sein würden«, wurde zum Minister des Innern und des Krieges ernannt. Am 17. April wurde der Fürst von Deutschland, Oesterreich und Italien als »König« anerkannt. Aber schon am 19. Mai brach ein Aufstand los. Essad Pascha, der in Neuwied die Treue jedes Untertanen beschworen hatte, rief jetzt jeden Untertanen zur Revolte auf. Er hatte kein Glück, wurde festgenommen und auf einem italienischen Kriegsschiff interniert. Da indessen die Empörung wuchs, die Verhängung des Belagerungszustandes nichts half, auch Durazzo bedroht wurde, mussten der König und die Königin am 24. Mai an Bord eines andern italienischen Kriegsschiffes fliehen. Nach kurzem Aufenthalt in diesem Asyl konnten sie an Land zurückkehren, wo ein neues Kabinett, das dritte bereits, die Wiederherstellung der Ordnung übernahm. Es stellte sie nicht wieder her, Mirediten und Malissoren marschierten abermals gegen Durazzo, überall loderte der Aufstand, überall wurde die Abdankung des Königs gefordert, jedes Haus war eine Festung, jeder Busch ein Hinterhalt. Das Vergnügen, in Albanien König und Königin zu sein, war entschieden nicht gross. Man tanzte nicht gerade auf einem Vulkan, aber man sass auf einem Häuflein Dynamit, man war König mit immer gepackten Koffern, mit immer bereitliegendem Rettungsboot am Quai, und das war eine peinliche und für die Dauer unhaltbare Situation. Graf Berchtold und die andern Erfinder des albanischen Staates nahmen im noch behaglichen Wien an diesen Verdriesslichkeiten teil. Darauf hatten sie ihre Hoffnung gesetzt, dafür während der Balkankriege und nachher unablässig ihre ganze Intelligenz, gewaltige Tatkraft und gutes Geld verausgabt, Truppen mobil gemacht, Noten verfasst, Ultimaten hinausgeschickt! Eine Mauer hatten sie aufrichten wollen, um die Serben vom Meer zu trennen, und alles war bereits Schutt. Was man in kindlicher Selbsttäuschung gemeint hatte, fest in der Hand halten zu können, rann zwischen den Fingern davon. Die Trabanten Napoleons III. hatten die unglückliche Expedition nach Mexiko »la plus grande pensée du règne« genannt. Wilhelm von Wied brauchte nicht wie Maximilian zu sterben, keine Tragik umgab seinen Fall. Aber »der grösste Gedanke des Reiches«, das die Habsburger regierten, scheiterte an seiner Unsinnigkeit, wie das Unternehmen des dritten Napoleon. Albanien war Oesterreichs Mexiko.

Dieser Bauunfall, der so pünktlich eintraf, erschütterte selbstverständlich nicht das schöne Selbstbewusstsein, mit dem Graf Berchtold und die andern Grafen und Barone der Wiener Diplomatie sich im Spiegel besahen. Im Aerger über die selbstverschuldete Enttäuschung wuchs noch ihr Tatendrang. Auch die albanische »Kombination« stellte sich als ein Fehlschlag heraus? Dann musste man eben bei der ersten Gelegenheit andere Schläge führen, dann musste man eben den »Gordischen Knoten 280 zerhauen«. Gustav Freytag sagt in seiner »Technik des Dramas«, dem Eintritt der Katastrophe habe »das Moment der letzten Spannung« voranzugehen. Es war da, dieses letzte Spannungsmoment.

Im Oktober 1913 hatte Wilhelm II. den Erzherzog Franz Ferdinand in Konopischt besucht. Am 23. März 1914 war er bei Franz Josef in Wien. In der Unterredung mit dem alten Kaiser und dem Grafen Berchtold trat er der Ansicht entgegen, dass Rumänien für den Dreibund schon so gut wie verloren sei. Im Gegenteil, der rumänische König habe ihm neulich erst erklärt, Rumänien werde durch seine Interessen »gebieterisch an die Seite des Dreibundes gewiesen« und würde eine Suprematie Russlands mit Serbien im Rücken nicht ertragen können. An kriegerische Absichten Russlands gegen Oesterreich oder Deutschland glaubte Wilhelm II. nicht. Die russischen Rüstungen würden vorgenommen, um die französischen Geldgeber zufrieden zu stimmen. Auch rechne Russland mit der weitern Auflösung der Türkei und bereite sich darauf vor. Graf Berchtold erschien dem Kaiser »Russland gegenüber übertrieben nervös«. Wilhelm II. sprach auch lange mit dem Grafen Tisza und fand, er sei »ein hervorragender Mann mit festem Willen und klaren Ideen«. Der diplomatische Reisebegleiter, der Gesandte von Treutler, wurde beauftragt, dem Auswärtigen Amt zu melden, Seine Majestät habe von Tisza zum ersten Male »in Wien statt Klagen und Resignation ein positives Programm gehört«. Dass nach diesem Gespräch Wilhelm II. sich so ausserordentlich rühmend über Tisza äusserte, rief allerlei peinliche Empfindungen hervor. Die deutschen Oesterreicher hatten weniger Sympathie für diesen Stockmagyaren, die andern Nationalitäten hassten ihn, die heftigste Feindschaft tobte in seinem eigenen Lande, in der Hauptstadt Budapest gegen den Mann mit den Diktatormanieren, und Tschirschky berichtete: »Besonders die Damen der tonangebenden Familien bekämpfen ihn fanatisch, die Ansammlung jahrelangen Hasses gegen ihn ist enorm.«

Sehr verstimmt über die Annäherung zwischen Wilhelm II. und Tisza war Franz Ferdinand. Er sah in Tisza den starren Junker, der jede Reform vereitelte und jeden Versuch, die nichtmagyarischen Volksstämme zu versöhnen, hochmütig hintertrieb. Da Wilhelm II. am 11. Juni abermals nach Konopischt kommen wollte, hielt Tschirschky es für ratsam, ihn vorher etwas genauer über den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Franz Ferdinand und Tisza zu informieren, und er tat das in Briefen an das Auswärtige Amt, von denen mit seiner Zustimmung der Kaiser Kenntnis erhielt. Es hiess darin, dass Franz Ferdinand erklärt habe, er werde nach der Thronbesteigung Tisza nicht vierundzwanzig Stunden lang an der Spitze des Ministeriums lassen und befürchte seit der Unterredung Wilhelms mit Tisza, man werde ihn von Berlin aus verhindern wollen, das schwere Werk der innern Sanierung zu beginnen. »Es sei«, schrieb Tschirschky, »ja gewiss nicht sicher, ob die vom Erzherzog beabsichtigten Massnahmen das alte 281 Gebäude des Habsburgischen Staates wirklich wieder befestigen werden«, sicher jedoch sei, »dass es bei der jetzigen innern Politik mehr und mehr und in raschem Tempo verfällt«. Und in einem Brief vom 22. Mai warf der manchmal doch recht einsichtige Tschirschky die Frage auf, »ob es wirklich noch lohnt, uns so fest an dieses in allen Fugen krachende Staatengebilde anzuschliessen«, und er meinte nur, ein Ersatz sei nicht vorhanden, die Zeit für die dann notwendige Aufteilung der Monarchie noch nicht reif. Vielleicht – Herr von Tschirschky war nicht sehr optimistisch – werde der Versuch, die geeinigten Nationalitäten zusammenzufassen, gelingen. Sollte er misslingen, so müsse Deutschland seine Politik danach einrichten, da »dann sicherlich die Dekomposition sehr schnell vor sich gehen wird«.

Ehe Wilhelm II. nach Konopischt fuhr, konstatierte er noch mit Befriedigung in Venedig, dass der König Viktor Emanuel die Haltung Frankreichs gegenüber Italien als »feindlich oder doch wenigstens unbequem« empfand. Dagegen bezeichnete der König das Verhältnis mit Oesterreich als »durchaus zufriedenstellend und normal«. Leider ergab sich gleich darauf, als Graf Berchtold und der Marquis de San Giuliano eine Begegnung in Abbazia hatten, einiges, was nüchternen Betrachtern, bei einem Höflichkeitsaustausch zwischen Bundesgenossen, nicht unbedingt normal erschien. In der ganzen italienischen Presse wurde »die diplomatische Tennispartie in Abbazia« spöttisch, absprechend, feindselig kommentiert. Nach Konopischt brachte der Kaiser Herrn von Tirpitz mit. Der Erzherzog-Thronfolger hatte das gewünscht. Zwischen Wilhelm und Franz Ferdinand fanden, wie aus einer dem Amte von Herrn von Treutler überreichten kaiserlichen Aufzeichnung hervorgeht, zwei politische Gespräche statt. Der Hausherr und der Gast waren einig in der Auffassung, dass gemeinsam mit dem König von Rumänien eine Revision des Bukarester Friedens verhindert werden müsse, und einig in ihrer persönlichen Abneigung gegen den König von Bulgarien, den andern Ferdinand. Ueber Italien sprach sich der Erzherzog sehr missbilligend aus. Dann äusserte er sich ungemein schroff und deutlich über Ungarn, nannte die ungarischen Zustände »völlig anachronistisch und mittelalterlich« und sagte ziemlich unverhohlen, Tisza habe Wilhelm irregeführt. Wilhelm II. riet beschwichtigend, »einen so tatkräftigen, seltenen Mann nicht über Bord zu werfen, sondern ihn unter eiserner Faust zu halten«, worauf der Erzherzog betonte, gerade Tisza sei schuld an der Schädigung des Bündnisses mit Rumänien, denn durch ihn würden die in Ungarn lebenden Rumänen drangsaliert. Die Furcht vor Russland hielt Franz Ferdinand ganz wie Wilhelm II. für übertrieben – die innern Schwierigkeiten gestatteten diesem Lande keine aggressive Aussenpolitik. Der Kaiser und Herr von Tirpitz blieben bis zum 14. Juni in Konopischt, es gab dort viel zu bewundern, in den Kunstsammlungen und in den grossartigen Gärten, und gerade jetzt leuchtete und glühte vor dem exotischen Dickicht die 282 entfaltete Blütenpracht. Seltsamerweise hat weder Wilhelm II. in seinen »Erinnerungen« noch Herr von Tirpitz in seinen dicken Büchern dieses letzten Besuches im Schlosse Franz Ferdinands auch nur mit einer Silbe gedacht. Ein Künstler der Darstellung, wie Paléologue, interessiert für jede Einzelheit, mit den in alter Kulturtradition verfeinerten Sinnen eine Atmosphäre einschlürfend und mit literarischer Neugierde, wie einst Saint-Simon, die Mienen studierend, hätte da vieles erzählt . . . Obgleich es uns niemand mitgeteilt hat, dürfen wir immerhin für sicher halten, dass am 14. Juni der Erzherzog und sein kaiserlicher Gast, mit dem blinden Vertrauen aller Sterblichen, beim Abschied die rituellen Worte sprachen: Auf Wiedersehen!

Hier, an diesem letzten Haltepunkt der Geschichte, muss man zwei Berichte miteinander konfrontieren, die Tatsachen einander gegenüberstellen. Am 6. November 1913 soll Wilhelm zu dem König von Belgien gesagt haben, dass seiner Meinung nach der Krieg »unvermeidbar und nahe« sei, aber am 23. März 1914 sagte er zu Franz Joseph – und ebenso zwei Tage später zu Viktor Emanuel –, dass er an den Krieg nicht glaube, und den Grafen Berchtold fand er »übertrieben nervös«. Wilhelm II. hat sehr oft aufgeregt gerufen: »Der Feind steht vor den Toren«, und hat selber, solange er nicht fürchten musste, beim Wort genommen zu werden, kriegerische Reden geschwungen. Er hat in Anfällen, die der Gerichtspsychologe für eine gewisse Einschränkung der Verantwortlichkeit heranziehen könnte, Weisungen erteilt, aus denen, wenn man sie ausgeführt hätte, unbestreitbar eine Kriegsgefahr entstanden wäre, und er hat am nächsten Morgen, wenn er ausgeschlafen hatte und, wie Faust, des Lebens Pulse frisch lebendig schlagen fühlte, von allem nichts mehr gewusst. Aber wenn man ihn beschuldigt, dass er den Krieg gewollt und geplant habe, so genügen doch wohl schon die Unterredungen in Wien und Venedig zum Beweise dafür, wie falsch diese Anklage ist. Nein, er hat, im Juni 1914, nicht einmal an einen Krieg geglaubt, und gerade in dieser Zeit wies er das Geraune derjenigen, die den Krieg teils fürchteten und teils erhofften, mit beruhigender Geste zurück. Man könnte es sogar seltsam finden, dass er, während die von Herrn von Siebert gelieferten Dokumente den Reichskanzler und seine Umgebung bis in den Traum hinein beschäftigten, so gelassen und ruhig war. Er verspürte nicht diesen Stachel, da man vor ihm, um Aufregungen und Indiskretionen zu vermeiden, in berechtigter Vorsicht die Schatzkiste verbarg.

Der »Kieler Woche« ging alljährlich, unter Beteiligung des Kaisers, die Regatta auf der Unterelbe voran. Albert Ballin lud dazu seine Freunde und eine Anzahl bekannter Persönlichkeiten ein. Am 21. Juni fuhr ich nach Hamburg, zusammen mit dem Grafen Hutten-Czapski und mit Artur von Gwinner, für den ich, seines feinen Geistes und seines vielseitigen Wissens wegen, eine besondere Zuneigung empfand. Ballins Gäste wohnten an Bord des Hapag-Dampfers »Viktoria Luise«, wo man 283 besser und pünktlicher als in irgendeinem Musterhotel bedient und von dem ganzen Behagen einer umsichtigen Gastfreundschaft umgeben war. Auf dem kleinen Dampfer »Auguste Viktoria«, der dann, als erstes Schiffsopfer, beim Kriegsbeginn vor der Themsemündung endete, fuhren wir am nächsten Morgen zur Regatta hinaus. Die Elbe war bewegt, es gab ungewöhnliche Zwischenfälle und man strich ein paarmal dicht am Unglück vorbei. Von der Segelyacht des Herrn Krupp von Bohlen glitt der liebenswürdige Felix von Eckardt in die Fluten und wurde, nachdem er schon verschwunden war, nur durch seine Geistesgegenwart und durch den Zufall gerettet, dass er sich in den nachschleifenden Tauen verfing. Auch die »Auguste Viktoria« hatte ihr kleines Missgeschick. Sie stiess in die grössere, mit Zuschauern vollbeladene »Cobra« hinein, die quer über die breite Elbe von einem Ufer zum andern wollte, brachte ihr ein grosses Loch bei und erlitt am Bug selber eine schwere, entstellende Blessur. Schlimmeres Unheil unterblieb, die aufgeschlitzte »Cobra« erreichte mit ihren Passagieren glücklich das Land. Ein wenig später kam auf seiner weissen Yacht der Kaiser an uns vorbei und liess, als er die elend zugerichtete »Auguste Viktoria« sah, seine Matrosen durch Flaggensignal herüberfragen: »Was ist denn bei euch geschehen?« Er war in heiterster Laune, stand im Regattadress breitbeinig neben den flaggenschwingenden Leuten und amüsierte sich sehr. Am Abend war Diner auf der »Viktoria Luise«, Wilhelm II sass in der Mitte der Hufeisen-Tafel neben Ballin. Ich traf zum erster Male den Grafen Brockdorff-Rantzau, damals Gesandter in Kopenhagen, der mir zu der hamburgisch reichlichen Mahlzeit den Pfeffer seines Witzes servierte und sich, geistreich und ungeniert, wie ein Baron de Besenval oder ein anderer aus dem Kreise des Petit Trianon, in meist saftigen Betrachtungen über die Gegenwart und die Gegenwärtigen erging. Der gut gerundete Direktor von Holtzendorff, Ballins Oberhofmarschall, erzählte während des Diners dem Kaiser, hinter ihm stehend, von dem Abenteuer Eckardts, und der Gerettete wurde herbeigeholt. Als er in der schlicht und bescheiden vorgetragenen Schilderung seines Erlebnisses ein Tau unseemännisch einen Strick nannte, schlug sich Wilhelm II. vor Vergnügen auf die Knie und lachte so dröhnend, als hatte er die lustigste aller Anekdoten vernommen. Nachher stand er auf Deck mit den Hamburger Honoratioren und plauderte mit allen, und alle waren von seiner Leutseligkeit, seiner Unterhaltungsgabe und der Mannigfaltigkeit seiner freigebig gespendeten Kenntnisse entzückt. Dies war der Abend des 22. Juni, Wilhelm II. war niemals freier von bösen Sorgen, kein Komet zog, Katastrophen ankündigend, über den nächtlichen Himmel, die Elbe plätscherte friedlich, die Gäste auf der »Viktoria Luise« fühlten die Annehmlichkeit des Lebens bei vielen guten Getränken und auch Deutschland war ein glückhaftes Schiff. 284

 

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