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Der Korsetten-Fritz

Oskar Panizza: Der Korsetten-Fritz - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleEin skandalöser Fall
authorOskar Panizza
year1997
publisherMartus Verlag
addressMünchen
isbn3-928606-21-2
titleDer Korsetten-Fritz
pages112-143
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Oskar Panizza

Der Korsetten-Fritz

Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland.
Heine.

Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. Jedes kannte das andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf leitete mein Vater selbst meine Erziehung; ich mußte Lateinisch lernen, wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte.

Die sicherste und intensivste Erinnerung aus dieser Zeit ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel hatte er eine plärrende, heulende Redeweise, zu Hause war er knapp, bestimmt, koramisierend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rockgeräusch sich auf die Bänke niedergelassen, kaum erfüllte das geistliche Geheul meines Vaters widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gotteshaus, so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung und wollte überall eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was! Das Schluß-»A-män!« - und meine Seele kehrte wie der Geier zurück! Ich erwachte, vor mir lag das Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern. Am Altar waren die Kerzen tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der roten Stirn, die Leute rutschten feierlich und ergriffen und auf dem Chor begann die Orgel ein leises Smorzandospiel. - Dies ist die intensivste Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, nach etwas Aufzustöberndem und dieses Nichts-nach-Hause-Bringen.

Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich in ein kleines Provinzstädtchen. Zu Leuten, die mich ebenso streng vor allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater, und die mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines Daseins sei, Doktor der Theologie zu werden, und sonntags Leute in Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappierendem geistlichen Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses Programm war mir vollkommen geläufig, ich hatte mich auch vollständig mit ihm ausgesöhnt. Aber was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wandertier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Klausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich nicht.

Ich heiße Fritz. Als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolviert war, mußte man mich irgendwohin bringen, wo ein Gymnasium war. Dies tat mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche Luxus in reichster Blüte stand. Und vor dieser irdischen Blüte der Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen wie mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines eingehenden Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter strengster Überwachung, sozusagen unter Klausur, das nahgelegene Gymnasium zu besuchen.

Die Häuser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge, die geheimnisvollen Telegraphendrähte hoch quer in der Luft, die Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern mit ihren Behauptungen an den Straßenecken, und was ich sonst auf der Reise und bei der Ankunft an großstädtischem Leben erwischte, machte auf mich einen fast lähmenden Eindruck. Ich schluckte alles hinunter, und wartete, wie es wirkte, und sagte gar nichts. Ich sah, man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Zigarrenrauch in die Nasenlöcher geblasen. Ich wußte aber auch, ich ahnte, daß in dieser Stadt ein kolossales Geheimnis für mich verborgen lag.

Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig zufriedenstellend. Man schob es auf den plötzlichen Wechsel von Lehrer und System. Täglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter den höhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit niemandem durfte ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon mein Inneres durchschaute, mit jener instinktiven Sicherheit, die den Männern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgängen und Kommissionen mit. - Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich genau fünfzehn Jahre alt, als mich eines Abends meine Tante im Flüsterton fortschickte, ihr ein Paket zu holen, welches sie in einem Hause hatte liegen lassen, und das sie noch für den gleichen Abend zu einer Einladung benötigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal zum erstenmal standen ich und jenes Ding in mir, welches quasi ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene Verantwortung, in mir fungierte, miteinander im Einklang. Wir eilten auf Windesfüßen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im Besitz des Pakets, merkte ich erst, daß ich unbewußt so geeilt war, um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschloß, ihn so gut wie möglich auszunutzen. Ich wollte etwas von der fürchterlich tosenden Welt sehen. In der Ferne lag ein großer, dampfender, hellerleuchteter, mit Menschenlärm und Wagengemurmel erfüllter Platz. Dort beschloß ich hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinkt ganz allein und souverän in der Welt. Ich konnte hin und zurück, ohne mich in der Zeit auffällig zu verspäten. Ich hatte ja noch Zeit genug. Bereits war ich auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der Straßen den großen Platz zu gewinnen, als ich plötzlich, gerade knapp vor der Ecke, vor einem großen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen, stehenblieb, und fassungs- und willenlos, wie ein angeschossenes Tier, dort hineinstarrte, und mich, mein Paket, meine Umgebung, meinen Auftrag vollständig vergaß.

Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben, wie ich es sah, und wie ich es empfand. Hinter dem riesengroßen, spiegelblanken, aus einem Stück bestehenden Glasfenster saßen, oder schwebten, oder staken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heißt Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschälte Rümpfe nur darangelassener Hüfte, aber blutlos, sogar höchst säuberlich, glänzend, seidig, furchtbar graziös und elegant, und wie zum Umarmen und Küssen eingerichtet. Also keine Menschenschlächterei, sondern - wie soll ich sagen! - leichenartig konservierte Hüften mit vorgequellter Brust, Menschenmumien, aber unter Berücksichtigung und Konservierung des kostbarsten Mittelstücks; alle in verschiedenen Farben, vom schneeigsten Weiß bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht angestrichen, sondern das natürliche Produkt ihres Inhalts; also herausgeschwitzt und erhärtet; die Ränder prachtvoll wieder mit anderen Farben eingefaßt. Besonders ein orangegelber Leib nahm meine ganzen Sinne gefangen, er war schwarz gerändert, die Hüftenschwingung zart. Die dünnste Stelle konnte man fast mit Knabenhänden umspannen, die Ausladung der Brust war kühn und gewaltig; das Ganze eine hoheitsvolle Figur, ein Idealwesen. »Magst du herkommen, wo du willst«, rief ich innerlich mit einem überquellenden Impuls, »und wenn du auch nur ein Stück bist, so bist du doch prachtvoll, du gleitendes Orangewesen! Wenn ich dich besäße, dann wäre wohl mein Glück gemacht!« - So sprechend beugte ich mich ganz über die querlaufende Eisenstange, welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, um mein süßes Orangewesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam mir doch ein Stück Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, woher diese Bruchstücke von Individuen wohl kämen. Sollte irgendwo eine so kostbare Menschenrasse leben, begann ich zu grübeln, von der ich noch nichts weiß, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige, glitzernde Menschenrasse, ähnlich der Art, die man unter den Vögeln Kakadus und Kolibris nennt? Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schönste sind. Es sind eben Menschenbälge! Aber nicht federartig, wie die Vögel, sondern seidenartig glänzend, Menschenhülsen von einem eigenartigen Geschlecht! Könnte man da nicht hinkommen, wo die leben? Und glücklich sein? - Ich schaute jetzt genauer hin. In der Tat, der Inhalt dieser Leiber, obwohl blühend weiß und flockig wie frische Schlagsahne, war doch künstlich, war angefüllt! - Oh, ich lasse mich nicht so leicht täuschen! - Es sind also veritable Menschenhülsen - gewiß! Man kann doch das Blut und die Eingeweide nicht darinlassen! Und man füllt es mit Weiß aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind? fuhr ich weiter für mich zu fragen fort. Und wo die sich aufhalten mögen? In einem fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mag sie wohl in der Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe! Und wird dort von Schurkenhand eingefangen und abgehäutet! - Einerlei, fuhr ich nach einigem Bedenken fort, jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu erwerben. Denn offenbar, darüber war ich mir klar, ist das, was hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen? Aber wer kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein König! Mein Gott, rief ich, was wird dieser orangene Menschenvogel kosten? Gewiß einige zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im Leben nie glücklich sein!

In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem Orangemenschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien plötzlich ein schwarzbärtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem ausgestopft-süßlichen Lächeln angrinste, und unversehens von hinten mit zwei Armen mein Orangebild faßte und es liebkosend nach hinten trug. Ich war außer mir vor Wut. Und eben wollte ich mit geballter Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der Glasscheibe mit schrillem Geräusch niederging, und mich mit einem Ruck vor die Felsenwand »Sesam öffne dich!« brachte.

Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten schnellen Schritts vorüber. Der große Platz war leer, wie ausgestorben. Mein Paket? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natürlich kam ich zu spät. Aber dieses Zuspätkommen, welches unter anderen Umständen mich tief beunruhigt hätte, ließ mich fast teilnahmslos. So hatte das vorausgehende Ereignis auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo ich gewesen. Man inquirierte mich. Onkel und Tante waren außer sich, daß ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmählich mißbraucht hatte. Ich erklärte mit großen Augen, ich hätte eine seltsame Begegnung gehabt, die mich festgehalten hätte. Man schüttelte den Kopf und wollte Näheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Näheres sagen. Ich bat nur, zu Bett gehen zu dürfen. Ich hätte keinen Appetit. Dies wurde endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer und hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.

In der Nacht träumte mir. Es erschien jener Rumpfkörper, in goldenorangenes Licht getaucht, am Fußende meines Bettes. Wie ein strahlendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich weiß nicht ob träumend oder wachend, ich erhob mich von der Lagerstatt und starrte das entzückende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor und streckte die Hände mit vibrierendem Verlangen dem Bilde entgegen. In diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf mit einem höhnischen, wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rückwärts leis und lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.

Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt plötzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagierte nun nicht mehr herum. Wenn sie sich überlassen war, wußte sie, an wen sich zu halten. Sie entfloh in jene dämmerige Gasse, vor das glänzende Schaufenster, und plauderte mit jenem Orangewesen, dem fabelhaften Menschenrumpf, dem entzückenden Überbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen Geschlecht. Leider war meine Seele mit dieser phantastischen Arbeit so übermächtig, so exklusiv tätig, daß meine Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, meine Geisteskräfte anders zu konzentrieren, immer schwächer wurde und zuletzt ganz unterlag. Nicht nur in der Klasse, beim Übersetzen des Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste Aufsätze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen war ich schweigsam, die Äußerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt. So kam ich in den Geruch - zumal auch meine Noten in der Klasse immer ungenügender wurden - eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.

Darüber verging etwa ein Vierteljahr. Mein Orangeideal hatte ich nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch auch ein anderes seines Geschlechts.

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