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Der Königsgaukler

Manfred Kyber: Der Königsgaukler - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
booktitleDer Königsgaukler
authorManfred Kyber
year1921
firstpub1921
publisherDatterer & Cie.
addressFreising-München
titleDer Königsgaukler
pages63
created20100310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Stadt der erloschenen Lampen.

Mantao, der Königsgaukler, ging seinen Pfad weiter und je näher er der Stadt der erloschenen Lampen kam, um so mehr Menschen gingen mit ihm den gleichen Weg. Es waren stille traurige Menschen und in ihren Händen hielten sie erloschene Lampen.

»Wohin führt dieser Weg, den ihr alle so still und traurig geht?« fragte Mantao seine stummen Begleiter, aber niemand antwortete ihm.

Endlich gesellte sich ein kleines Mädchen zu ihm, das eine zerbrochene Puppe trug und leise weinte. Es deutete mit der Hand auf graue Tore und Mauern, die in dickem Nebel lagen, und sagte: »Das ist die Stadt der erloschenen Lampen.«

Da wußte Mantao, der Königsgaukler, daß er den richtigen Weg ging, wohin die feinen Fäden seiner Lotosblume ihn zogen.

Als sie nun in der Stadt der erloschenen Lampen angekommen waren, suchte Mantao eine Herberge für sich und seinen Affen. Eine solche war leicht zu finden, denn es war viel Raum in der Stadt der erloschenen Lampen, verfallene Paläste und Tempel, morsche Häuser und Hütten und tiefe, leere Kellergewölbe, in denen einstmals reiche Schätze gelagert haben mochten.

Mantao brachte sich und den kleinen Affen in einer alten Tempelhalle unter, deren Säulen morsch und geneigt dastanden, als trügen sie eine schwere 50 Schuld vergangener Tage, und in deren dunkler Nische ein Bildnis Brahmas stand. Es war ein schönes vergoldetes Bildnis, aber das Gold war matt und verblichen und die Spinnen spannen ihre Netze um den Gott Indiens. Mantao störte die Spinnen nicht, denn Brahma selbst erlaubte es ihnen ja, ihre Silberfäden um das erloschene Gold seines Hauptes zu weben.

Keine Lampe brannte in der Stadt der erloschenen Lampen, still und traurig gingen die Menschen ihrer Arbeit nach und bedrückt suchten die Tiere ihre wenige Nahrung. Auch sie waren ja mit ihren menschlichen Brüdern verbunden mit feinen Fäden, denn es ist alles verkettet in der großen Kette der Dinge und alles miteinander versponnen im Teppich des Lebens.

Mantao aber ging durch die erstorbenen Gassen und tröstete die stillen und traurigen Menschen und redete mit ihnen von ihren erloschenen Lampen und wie man sie einmal wieder zum Brennen bringen könne. Er redete auch mit den Tieren, er half ihnen ihre Nahrung suchen und erzählte ihnen von einem schönen Garten, in den sie einmal wieder kommen würden. Den Kindern aber fertigte er Spielzeug aus Scherben und kleinen Steinen und lehrte sie damit zu bauen.

Seit der Zeit wurde weniger geweint in der Stadt der erloschenen Lampen. Der kleine Affe aber wanderte getreulich mit Mantao und redete auch in seiner Weise mit den Menschen und Tieren, eifrig und mit erläuternden Bewegungen seiner 51 Arme, seiner Beine und seines Schwanzes. Da geschah es, daß zum ersten Male wieder ein Kind lachte in der Stadt der erloschenen Lampen. Der Erhabene aber segnete Mantao, den Königsgaukler, um die verminderten Tränen und den kleinen Affen um ein wiedererwecktes Lachen. Denn es war beides eine göttliche Aufgabe.

Die Häscher der Prinzessin Amaranth aber durchzogen häufig die Straßen, quälten und peinigten die Menschen und drohten ihnen, daß sie ja nichts verlauten lassen sollten von ihrer Stadt und ihren erloschenen Lampen, daß ja keine Klagen und keine Tränen in die Stadt der bunten Lampen hinüberdrängen und zum Palast der Prinzessin Amaranth. Wenn sie aber jemand fanden, von dem sie glaubten, daß er die Stadt der erloschenen Lampen verraten und die Kunde von ihr hinaustragen könne, dann banden sie ihn und warfen ihn ins tiefste Verließ, aus dem keine Tränen und keine Klagen mehr den Weg finden konnten. Denn es war ein Geheimnis um die Stadt der erloschenen Lampen und niemand sollte darüber reden.

Eines Tages aber geschah es, daß die Häscher wieder jagten und sie hatten eine junge Frau ergriffen, die mit ihrer erloschenen Lampe durch die Gassen irrte, und wollten sie fesseln vor der alten Tempelhalle, in der Mantao mit seinem Affen lebte. Mantao trat herzu und hielt seinen Schild über sie und die Häscher flohen.

Da schaute die Frau mit der erloschenen Lampe Mantao ins Gesicht und der Königsgaukler erkannte sie.

52 »Nun ist deine Lampe auch erloschen, Myramar, meine kleine Tänzerin,« sagte er.

»Meine Lampe ist erloschen, als du aus der Stadt der bunten Lampen hinweggingst,« sagte die Tänzerin und neigte sich vor ihm.

Der kleine Affe aber rieb sich die Hände und freute sich sehr, denn er hatte es nicht vergessen, daß er vom Tische der Tänzerin gegessen und auf ihren seidenen Kissen geschlafen hatte.

»Sagte ich dir nicht, daß du weinen lernen würdest und daß deine Lampe erlöschen würde?« fragte Mantao. »Nun komm zu mir in meine Herberge, wie ich einmal zu dir in deine Herberge kam.«

»Ich will dir dienen,« sagte die Tänzerin Myramar und ihre Augen leuchteten.

»Mir kann keiner und keine dienen,« sagte Mantao, »siehe, ich bin ein Schildträger Brahmas und ich darf keinem und keiner gehören. Diene nicht mir, aber diene mit mir meiner Aufgabe in der Stadt der erloschenen Lampen.«

Da reichte ihm die Tänzerin Myramar beide Hände.

Mantao, der Königsgaukler aber küßte sie auf die Stirne und führte sie über die Schwelle seines verfallenen Tempels.

Seit jener Stunde kamen die Häscher der Prinzessin Amaranth nicht mehr in die Stadt der erloschenen Lampen.


53 Myramar, die Tänzerin, folgte von nun an Mantao, dem Königsgaukler auf allen seinen Wegen zu Menschen und Tieren und abends, wenn die Schatten der Dämmerung die Halle des verfallenen Tempels füllten, kauerte sie zu seinen Füßen und hielt den kleinen Affen auf ihrem Schoß. Sie redeten im Dunkel miteinander, denn es brannte kein Licht in der Stadt der erloschenen Lampen.

»Mantao, mein Liebster, Mantao, mein Königsgaukler,« sagte die Tänzerin, »werden wir immer im Dunkeln miteinander reden? Werden die Lampen niemals wieder brennen in dieser Stadt der erloschenen Lampen?«

»Siehe, Myramar, meine kleine Tänzerin,« sagte Mantao, »dies ist eine Frage, die du nicht mich, sondern deinen Gott fragen mußt. Brahmas Bildnis steht vor dir. Frage es.«

»Darf eine Tänzerin einen Gott fragen?« erwiderte Myramar.

»Es ist gleich, ob du eine Tänzerin oder eine Heilige bist, wenn du deinen Gott fragen willst,« sagte Mantao. »Jeder darf ihn fragen, dessen Lampe erloschen ist. Ich aber will gehen und dich allein lassen in dieser Nacht, in der du deinen Gott fragen willst.«

Und Mantao, der Königsgaukler, nahm den kleinen Affen auf den Arm und ging von ihr und ließ sie allein.

Die Tänzerin aber kniete nieder vor Brahmas Bildnis und fragte ihren Gott. Stunde um Stunde verrann, doch es kam keine Antwort. Die Nacht 54 wurde dunkler und immer dunkler und ihre grauenhafte Schwärze verschlang das verblichene Gold auf dem göttlichen Bild und die Tänzerin Myramar sah nichts als Finsternis um sich herum. Stunde um Stunde verrann in Nacht und Dunkel. Endlich aber fiel das Mondlicht in die verfallene Tempelhalle und enthüllte der Tänzerin ihren Gott.

Da schaute sie auf und sah, daß die Augen in Brahmas Bildnis zu leben begannen und daß seine Lippen lächelten.


Viele Jahre waren vergangen und Mantao war alt und müde geworden. Auch der kleine Affe spielte nicht mehr wie sonst, durch sein braunes Fell zog sich das Silber des Alters und seine Augen hatten einen matten Schein.

Da raschelte es in der Luft und vor ihnen stand der Kleine mit den Elefantenohren.

»Der Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und Kindeskinder,« sagte der Kleine, »Mantao, mein Königsgaukler, du bist alt und müde geworden und der Affe neben dir sehnt sich nach dem Paradies der Affen in Brahmas Schoß. Siehe, ich klappte meine gewaltigen Elefantenohren auf und ich hörte, wie die Fäden deiner Lotosblume sich sanft und leise zurückspannen von dieser Erde. Der Teppich deines Lebens ist ausgewirkt, gehe nun heimwärts auf deinen heiligen Berg, von dem du gekommen bist.«

Da atmete Mantao tief auf und dankte dem Kleinen mit den Elefantenohren für seine Botschaft.

55 »Ich will noch eine Nacht in der Stadt der erloschenen Lampen bleiben und Brahma für sie bitten,« sagte Mantao, »morgen aber will ich mich aufmachen und meinen heiligen Berg suchen.«

»Siehe, ich hörte mit meinen Elefantenohren,« sagte der Kleine, »daß du durch eine Wüste hindurchschreiten mußt, ehe du zu deinem heiligen Berge gelangst. Häßliche Dämonen hausen darin, höchst unangenehme und unerfreuliche Leute, und ich möchte nicht mit ihnen zu tun haben. Aber du bist ja stark, Mantao, mein Königsgaukler. Brahma sei mit dir und mit deinem Affen, wenn du die letzten Fäden am Teppich deines Lebens wirkst. Ich aber will mich in meine Elefantenohren hüllen und schlafen. Weich und warm sind diese Ohren – der Erhabene segne Mammamutra und seine Kinder und Kindeskinder, seine entferntesten Verwandten und die kleinsten Säuglinge seiner ganzen Elefantensippe!«

Mit diesen Worten verschwand der Kleine mit den Elefantenohren raschelnd in der Luft.

Am anderen Morgen aber nahm Mantao, der Königsgaukler, Abschied von der Tänzerin Myramar.

»Siehe, ich muß Abschied von dir nehmen,« sagte er, »und es ist ein Abschied für dieses Leben. Denn ich muß auf meinen heiligen Berg wandern und die letzten Fäden am Teppich meines Lebens wirken.«

»Darf ich nicht mit dir gehen?« fragte die Tänzerin.

»Deine Zeit ist noch nicht gekommen,« sagte Mantao, »siehe, du mußt warten, bis deine Lampe 56 wieder brennt und mußt den vielen anderen in dieser Stadt von der Flamme deiner Lampe geben. Mich aber und meinen kleinen Affen wirst du einmal wiedersehen im Königreich der Ferne. Der Erhabene segne dich, Myramar, meine kleine Tänzerin und meine große Heilige.«

Das war das erste Mal, daß Mantao sie so genannt hatte, und er neigte sich zu ihr und küßte sie viele Male zum Abschied.

Dann nahm er Schild und Schwert, hob den Affen auf die Arme und verließ die Stadt der erloschenen Lampen.

Von einem hohen Hügel vor der Stadt hielt er noch einmal seinen Schild über sie. Dann wandte er sich und verließ Indien, das Land der wirren Wunder, so wie er es einstmals betreten hatte: mit einem Schild und einem Schwert, mit einer unsichtbaren Krone und mit einem kleinen Affen auf dem Arm – und ging in die Wüste.


Die Tänzerin aber lag auf den Knieen vor Brahmas Bildnis in namenloser Sehnsucht und weinte jammervoll.

Da lohte eine kleine, klare Flamme auf in der erloschenen Lampe der Tänzerin Myramar. 58

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