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Der Königsgaukler

Manfred Kyber: Der Königsgaukler - Kapitel 2
Quellenangabe
typefairy
booktitleDer Königsgaukler
authorManfred Kyber
year1921
firstpub1921
publisherDatterer & Cie.
addressFreising-München
titleDer Königsgaukler
pages63
created20100310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Königin der Ferne.

Nun müßt ihr euch denken, ihr habet viele Jahre mit Mantao und dem alten Manne zusammen gelebt, oben auf der Hochebene von Tibet, die nur selten eines Menschen Fuß betritt. Es ist ein rauhes einsames Land, Eis und Schnee kommen und gehen auf ihm und die wilden Winde singen ihre Klagelieder in seinen Klüften. In die kleine Hütte der beiden Menschen aber schauten keine Augen als die Augen der Sonne, des Mondes und der Sterne und keine anderen Gäste sahen sie um sich, als die Tiere der Wildnis, die Mantaos Jugendgespielen waren. Die Bergziegen schenkten ihnen ihre Milch und die Waldbienen ihren Honig, aus Brüderlichkeit und um den Segen Brahmas. Keine Menschen hatte Mantao kennen gelernt, aber in alle Tiefen der Natur hatte ihn der alte Mann aus Tibet eingeführt, er kannte den mühsamen Gang der pilgernden Käfer, deren schwachen Beinen ein Sandkorn groß und erhaben schien, und er kannte den Flug der Adler, die im gleitenden Schlag ihrer Schwingen die Berge umkreisten, so hoch, daß ihre Gipfel ihnen klein und gering vorkamen.

»Brahma ist in beiden,« sagte der alte Mann aus Tibet und nahm seine sonderbare spitze Mütze ab vor den Käfern im Staube und vor den Adlern im Äther, »siehe, beider Wege mußt du kennen und lieben und beider Wege wirst du wandern auf 18 dem Pfad deines Lebens: den Weg der Mühsamen und den Weg der Großen, die über den Bergesgipfeln kreisen. Denn du bist Mantao, der Königsgaukler, und wirst wandern den Weg des Erhabenen.«

Mantao schaute auf die Käfer und auf die Adler und er sah, wie die Sandkörner klein waren und groß erschienen und wie die Berge groß waren und klein erschienen und er lernte erkennen, wie die Dinge ineinander übergehen dem, der auf Großes und Kleines schaut mit den gleichen Augen der Andacht.

Als nun Mantao ein schöner Jüngling geworden war, ohne noch zu wissen, was Schönheit ist, und ohne noch zu ahnen, was es heißt, anders als ein Kind zu sein, da rief ihn der alte Mann zu sich und sagte zu ihm:

»Siehe, du bist nun groß und schön geworden, ich aber bin sehr alt und sehr müde. Es ist nun an der Zeit, daß du deinen Weg wanderst und daß ich von dir gehe.«

Da erschrak Mantao, denn er liebte den alten Mann über alles.

»Laß mich mit dir gehen,« bat er und zum ersten Male überkam ihn das Gefühl, was es heißt, kein Kind mehr zu sein. »Nimm mich mit dir dahin, wo du hingehst.«

»Dahin, wo ich hingehe, kann ich dich nicht mitnehmen,« sagte der alte Mann, »denn siehst du, ich gehe fort von dieser Erde.«

»Soll das heißen, daß du sterben mußt?« fragte Mantao.

»Nein, ich muß nicht sterben,« sagte der alte 19 Mann und lächelte, »Sterben ist ein Wort der Täler, ich aber gehe in die Berge. Siehe, alle Namen der Berge um dich herum habe ich dich gelehrt in den Jahren deiner Kindheit – Brahma segne deine Kindheit, sie war ein Gnadengeschenk für mich alten Mann – alle Berge haben wir miteinander gekannt und geliebt, wir haben die Stunden gewußt, wann die Sonne über ihren Riesenleibern aufging und wann sie sie im Sinken vergoldete. Wir haben die seltsamen Gestalten beobachtet, die das Mondlicht um ihre weißen Firnen wob, wir haben sie gekannt, wie wir die Käfer und die Adler kannten. Von allen Bergen aber kannte und liebte ich am meisten den Lischanna – nicht weil sein Gipfel einer Krone gleicht, nicht weil seine massigen Glieder schön sind wie ein Tempelgebäude, auch nicht weil er groß und gewaltig ist, denn andere sind größer und gewaltiger als er. Ich habe ihn gekannt und geliebt vor allen, weil ich wußte, daß ich einmal auf ihm den großen Heimweg antreten würde zum Erhabenen, von dem ich kam. Ich werde oben nicht sterben, sage das ja nicht, du, der auch nie sterben darf. Ich werde meinen alten müden Körper ablegen, wie ich es jede Nacht tat, wie ich es oft im Wachen getan habe, wenn mein Geist sich von seinen Fesseln lösen durfte und ich mit inneren Augen über Berge und Täler schaute und auf die wirren Wunder dieser Erde. Nun laß uns auf den Lischanna steigen, daß ich meinen Körper für immer ablege wie ein altes Gewand und den Erhabenen schaue von Angesicht zu Angesicht.«

20 Mantao schwieg. Der alte Mann aber streckte noch einmal seine Hände über die Halde aus, auf der seine Hütte stand, und segnete die Käfer und die Adler und die Bergziegen und Waldbienen, die ihn genährt hatten, mit dem Segen Brahmas. Dann ging er mit leuchtenden Augen seinen letzten Gang und Mantao folgte ihm.

Auf halber Höhe des Berges blieb der alte Mann stehen und wandte sich zu Mantao.

»Siehe,« sagte er, »unter dir die Täler im Abendsonnenschein, dahin mußt du nun gehen, denn jetzt ist dein Weg der Weg zu den Tälern der Menschen, bis du einst wieder zurückfindest auf deinen heiligen Berg. Diese Täler sind das heilige Land von Indien, das voll wirrer Wunder ist. Bunte Lampen brennen sie in den Tälern, aber es sind Lampen, die bald erlöschen. Du wirst ihnen fremd sein, den Menschen in den Tälern, sie werden dich vielleicht für einen Bettler halten, für einen Gaukler, du aber vergiß nicht, daß du ein König der Berge bist. Nun laß uns Abschied nehmen, Mantao, mein Königsgaukler, laß uns Abschied nehmen für dieses Leben – und ich danke dir für deine Kinderjahre, die meine Seele durchsonnt haben. Mir danke nicht, diesen Dank statte ab allem was atmet, statte ihn denen ab, deren Lampen erlöschen. Der Erhabene segne dich, der du nicht mein Kind warst und doch mein Kind warst, das Kind meiner Seele und meines Geistes für eine Zeit, die nun zu Ende ist.«

Mit diesen Worten nahm der alte Mann seine 22 Mütze ab, jene sonderbare spitze Mütze, die immer noch dieselbe war seit dem lange vergangenen Tag, da der alte Mann das kleine Kind auf der Landstraße in seine Arme genommen hatte. Die Mütze war um vieles schmutziger und unscheinbarer geworden in den vielen Jahren, aber Mantao erschien es, als wäre es eine Krone, die der alte Mann abnahm, um sein Haupt zum Abschied zu entblößen vor dem, den er als ein kleines Kind in seine Berge getragen hatte.

Da fiel Mantao, der Königsgaukler, in die Kniee und weinte bitterlich.

Der alte Mann aber ging mit festen und geraden Schritten weiter auf seinen geliebten Berg Lischanna hinauf und sein weißes Haar flatterte im Abendwind.

Mantao sah ihm nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Da sank die Sonne über den Gipfeln der Berge von Tibet.


Nun schlief Mantao die letzte Nacht in der Hütte seiner Kindheit. Ihm war sie ein königlicher Palast gewesen, geschmückt mit den bunten Bildern seiner Kinderseele und der Seele des alten Mannes, der auch eine Kinderseele hatte und der nun von ihm gegangen war. Zum ersten Male sah Mantao, daß der königliche Palast seiner Kindheit eine ärmliche Hütte war, und er schlief einsam und traurig ein. Am anderen Morgen aber wollte er, wie es ihm der alte Mann zum Abschied gesagt hatte, von den Bergen in die Täler niedersteigen zu den wirren 23 Wundern Indiens, zu denen seine Seele ihn zog, ohne daß er es wußte.

Um Mitternacht erwachte er und da erschien es ihm, als seien die Wände seiner Hütte seltsam verändert, als seien sie feingliedrige Blütenblätter einer Lotosblume geworden, in deren Kelch die Sterne schauten. Von der Lotosblume aber spannen sich lauter feine, feste Fäden weit, weit hinaus und hinunter in die Täler Indiens – und ihm war, als müsse er diesen feinen Fäden folgen, mit denen er sich verkettet fühlte, er wußte nicht, wie.

»Das ist die Kette der Dinge,« sagte eine leise Stimme, »ich will auf deine Kette der Dinge achten, wie ich es dir versprochen habe, Mantao, mein Königsgaukler.«

Es war die Stimme seines Engels, der zu seinen Häupten stand und auf ihn niederschaute. Mantao aber sah ihn nicht.

Mantao sah in die Sterne. Und ihm war, als formte sich vor seinen Augen aus dem blauen golddurchwirkten Schimmer der Nacht die Gestalt einer Frau von unsagbarer Schönheit – so unerreichbar göttlich und erhaben und doch so seltsam vertraut mit allem, was in ihm war, als sei alle Liebe, die er je empfunden für die mühseligen Käfer und die kreisenden Adler, für den alten Mann mit der spitzen Mütze und für die Bergziegen und Waldbienen, eins geworden in dieser Frauengestalt über den Sternen.

»Ich bin du, wenn ich auch jetzt von dir getrennt bin,« sagte die Frau über den Sternen und 24 lächelte. »Siehe, meine weißen Glieder werden gebaut von deinen Gedanken, mein Gewand wird gewirkt von deinen guten Werken und alle Liebe und alle Sehnsucht, die in dir atmen, sind mein Diadem. Ich bin du und einmal wirst du ganz mit mir vereinigt sein. Baue meine Glieder, wirke mein Gewand und durchleuchte mein Diadem mit den Edelsteinen deiner Liebe. Je mehr du mich schmückst, um so mehr werde ich dich lieben, Mantao, mein Liebster, mein Königsgaukler.«

»Wann werde ich mit dir vereinigt sein?« rief Mantao und ihm war, als stünde sein ganzes Wesen in Flammen, die er noch nie gekannt.

»Wenn du ganz du sein wirst, Mantao, mein Liebster. Wenn du durch die Täler Indiens gegangen bist und durch ihre wirren Wunder, wenn du die Stadt der bunten Lampen kennst und die Stadt der erloschenen Lampen, wenn du wieder heimkehrst über den heiligen Berg in Tibet in das Königreich der Ferne. Denn siehe, ich bin die Königin der Ferne, die Königin deiner Ferne, die du suchen wirst auf allen deinen Wegen, bis du sie gefunden.«

»Wie aber soll ich das Königreich meiner Ferne finden und dich in ihm, Königin der Ferne?« fragte Mantao.

»Du mußt einen Schild, ein Schwert und eine Krone tragen und die will ich dir geben. Dies Schwert soll dich schützen und die, für die du deinen Weg wanderst. Diesen Schild sollst du halten über allem, was atmet und dich um Hilfe ruft. Deine 25 Krone aber wirst du unsichtbar tragen und niemand wird sie sehen auf dieser Erde. Deine Krone wirst du selbst erst sehen im Königreich der Ferne. Ein König wirst du sein mit einer unsichtbaren Krone und sie werden dich für einen Gaukler halten. Der Erhabene segne dich, Mantao, mein Liebster, mein Königsgaukler. Denke an deine Königin der Ferne.«

Mantao schlief wieder ein und als er am Morgen erwachte, lagen ein Schild und ein Schwert von einfacher Arbeit und ärmlichem Aussehen neben ihm. Eine Krone aber konnte er nicht an sich entdecken.

Da nahm er den Schild und das Schwert auf, segnete die Käfer und die Adler, die Bergziegen und die Waldbienen, nahm Abschied von der Hütte seiner Kindheit und stieg langsam die Berge hinunter zu den Tälern Indiens. 26

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