Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Meinrad Lienert >

Der König von Euland

Meinrad Lienert: Der König von Euland - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer König von Euland
authorMeinrad Lienert
year1928
firstpub1928
publisherVerlag von Huber & Co.
addressFrauenfeld und Leipzig
titleDer König von Euland
pages208
created20100828
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

I.

Über die verschneiten Grattannen des Heitligeers ob dem Euthal kam ein roter Schein. Wohl das Widerspiel der Abendsonne, die hinter der wilden Schrähhöhe und dem Stäubrig eben unterging.

Aber der rote Hauch verlor sich in die Stube des schöngelegenen Sonnhaldenhauses und machte sie also hell und freundlich, als würde es Morgen statt Abend.

Die grünglänzenden Kacheln des gewaltigen Ofens, der zwei breitvortretende Umgänge, wie eine starke Wehr, um sich hatte, zeigten deutlich all die Leute, die um den kuhbeinigen Tisch hockten und zu Nacht aßen. Den schon etwas angegrauten, rauhborstigen Kopf des Sonnenhaldenbauers, des Sennen Sebimaria Ruhstallers, die Flachsschöpfe seiner zwei kleinen Buben Sebeli und Bäneli und die ernsten Augen Marielis, des nur wenig ältern Töchterleins; das emsig tätige Kauwerk der Lunn, der breitschulterigen, grobknochigen Magd und ihre wulstigen, aufgestützten Arme; den freiwilligen Knecht aus dem St. Galler Tiefland, den Vitus Wiler. Aber ganz besonders spiegellauter gaben all die grünen Ofenkacheln das lachende Gesicht Bethlis, der erwachsenen Haustochter, die nicht ruhig sitzen konnte, wieder.

2 Eben ging ihr Kichern, wie das Raunen, Quirrlen und Schluchzen eines unter Waldfarn und Blumen verborgenen Bergwässerleins, um den Tisch und ihre Augen sahen schalkig, verstohlen zum Ofen auf, von dem jetzt eine Stimme kam: »Madame, ma reine, wie säumt ihr doch so lange!«

»Jetzt redet der Großvater wieder welsch«, raunte der Sebeli dem Bäneli zu.

»Aber ich werde euch wieder entgegengehen. Bald kommt der Frühling. Da will ich euch, wie schon lange, auf dem Luginsland, auf der Hagelfluh, mit meinem Gefolge erwarten, Frau Königin.«

Bethlis Lachen wollte aufspringen. Doch ihres Vaters strenger Blick und Marielis Kinderaugen schauten sie verweisend an. So hielt sie an sich, so gut sie's vermochte. Es war als lauerte nun all ihr Lachen sprungfertig hinter den tiefblauen Fensterlein ihrer Augen, denn die schauten wahrhaft jubelnd zum Ofen auf.

Auf dessen obern Umgang saß, die bloßen Füße auf den Kacheln des untern Umlaufes, ein schneeweißer Alter, der gar wunderlich aussah. Auf dem Kopfe trug er eine Krone aus vergoldetem Pergament. Um die Schultern eine samtene, weinrote, stark abgenutzte Altardecke und in der furchigen, sommersprossigen Rechten einen langen Hirtenstab, dessen Griff ebenfalls etwas wie Vergoldung zeigte. Unter seinem breiten weißen Bart hervor baumelte ein einfaches, nußbaumhölzernes Kreuz. Stumm thronte er auf 3 dem Ofenumgang und sinnend schien er ins Weite zu schauen.

»Marieli«, kam nun wieder seine zitterige Stimme vom Ofen.

»Ja, Großvater?«

»Bring mir ein Schälchen Milch!«

»Gleich, Großvater.«

Das Marieli, ein noch nichtsiges, aber schon recht umtunliches, wehrhaftes Kind, sprang auf. Alsdann nahm es das hölzerne Näpflein, das ihm sein Vater mit warmer Milch vollgeschenkt hatte und trug es gar sorglich, fast den Atem anhaltend, auf den Ofen zu.

Und als es nun auf dem untern Ofenumgang kniete und sein Näpflein, dem ob ihm sitzenden Greise schier andächtig hinhielt, sagte der: »Sei bedankt, Marieli.« Und mit unsichern Händen die Schale ergreifend, redete er weiter: »Hör Kind, bist du denn nicht eines Königs kleine Enkelin. Da ist's mir, du solltest doch wissen, wer dein Ahne ist.«

»Wohl, wohl, Großvater, ihr seid der König von Euland, Herr König.«

»Jawohl bin ich's. Und schau, Marieli, obschon's mich freut, wenn du mir Großvater sagst, so sollt ihr doch auch nie vergessen, daß ich ein mächtiger Herr bin. Und obwohl ihr euch alle nur für Bergbauern haltet, da ihr verhext seid, so wird das alles offenbar werden, sobald sie endlich kommt. Alsdann wird der Zauber gebrochen. 4 Qui est-ce que j'attends? Auf wen denn warte ich, Marieli, sag?«

»Halt auf die Frau Königin Katharina.«

»Und weißt du aber auch, weshalb ich auf sie so sehnsüchtig warte?«

»Heja, Groß – Herr König, weil sie halt euer Schatz ist«, rief das Kind mit ernsten, gläubigen Augen aus, zündrot über und über.

Jetzt jauchzte und tollte des Behtlis Auflachen in der Stube herum. Und obwohl der Bauer Sebimaria sie anherrschte: »Sei still und zäpf dich, du Spottdrossel!« und wie auch Marielis große Augen anklagend, schier böse, nach der ältern Schwester schauten, wollte sich doch deren überlaute Fröhlichkeit nicht völlig verlaufen. Erst als der fremde Knecht, der Vitus, mißbilligend die Nase rümpfte, begann sie ihre Lachsame allmählich wieder zu stauen.

Der Alte auf dem Ofen schien das alles kaum bemerkt zu haben. Wohl zitterten ein wenig die kleinen goldenen Kugeln, die an spinnwebfeinen Goldfädchen aus seinen kurzen Ohrenringen herabhingen. Er tat nur einen raschen, fast verwunderten Blick nach seiner vollerblühten großen Enkelin, aber gleich wandte er sich wieder vom nebenanstehenden Tisch weg und staunte in den eindämmernden Abend hinaus. Seine Augen schienen sich in Träume zu verlieren. Ab und zu schüttelte er den weißen Bart und redete vor sich hin: »Katharina, erhabenste Herrin, meine liebe Braut, ich weiß, daß ihr kommt, 5 sobald mir das Marieli die ersten Schneeglöcklein auf den Ofen stellt. Dann will ich euch wieder entgegenziehen. O meine Königin, o Katharina! O viens, ma douce amie!«

Frommäugig und immer wieder, schaute das Marieli vom Tisch zum stillgewordenen Großvater auf.

Die andern jedoch vergaßen ihn rasch. Sie waren ihn ja gewohnt. Der Bauer sprach mit seinem Knecht, der bei ihm seit Winteranfang eingestanden war, um hier als ein hablicher Bauernsohn aus dem Tiefland, auch die Alpenwirtschaft kennen zu lernen, über eine nicht guttuende Kuh. Die andern vergnügten sich um den Tisch in ihrer Weise. Die kleinen Knaben, der Sebeli und der Bäneli, kratzten mit ihren runden Holzlöffeln die Krusten aus der Habermusgelte und die Magd, die schwerfällige, über und über wellige Lunn, hockte, den pausbackigen Kopf auf die umfänglichen Arme gestützt, nur so da und glotzte mit langsamen Augen, wie eine Kuh über den Hag, von einem zum andern. Die Tochter jedoch, das Lachbethli, wie man sie berglandum hieß, machte sich von der Bank. Im Aufstehen kneipte sie den Knecht, mit dem sie so gut wie verlobt war, in den Arm. Er stöhnte auf vor Schmerz und Freude. Flink schlüpfte sie die paar Tritte, die hinterm Ofen in die Stubenkammer führten, hinauf. Dort nahm sie ein paar große Winterschuhe unterm Umhänglein, das von der Decke um den Ofen hing, hervor. Im Hui war sie auch schon unten und versteckte die Schuhe 6 in einer wurmstichigen Truhe, die an dem rohen, fast schwarzgewordenen Gebälk einer Stubenwand stand.

Da saß sie wieder am Tisch und pickte den kleinen Brüdern ein paar der anmächeligsten Haberkrusten aus der Musgelte. Sie heulten auf. Und gleich riß sie auch der plumpen, derben Dienstmagd unversehens die aufgestützten Arme unterm Kopf weg, also daß er ihr vor Schreck fast abfiel. Und jetzt jauchzte ihr Lachen wieder durch die Stube. Als nun Vitus, der Knecht sich nach ihr umsehen wollte, fuhr sie ihm mit der grauen Katze, die sie unter dem Tisch aufgegriffen hatte, ins Gesicht, daß er wahrhaftig einen kurzen Aufschrei tat.

»Bist doch eine Donnershexe!« fuhr's ihm heraus. »Keinen Augenblick ist man vor dir sicher; immer spielst du einem irgend etwas.«

Aber Sebimaria, der Sonnenhaldenbauer, sagte zu seiner Tochter ziemlich bestimmt: »Gib doch einmal Ruh! Hast du denn wirklich nichts anderes zu tun, als alleweil den Hollediho und den Narren zu machen.«

»Ach, Vater«, lachte sie hinaus, »es ist so kurzweilig auf der Welt.«

»Ja, ja«, machte der Bauer, »streckenweise wohl und ich mag's gern leiden, wenn man hellmütig ist und guter Laune für und für. Aber, Maitli, du lachst mir zu viel und gar zu hoch über alle Dächer und Berge hinaus. Da ist's mir denn zuweilen«, er tat einen scheuen Blick nach dem in tiefem Schweigen auf dem Ofen thronenden 7 Alten, »es seien irgendwo Schatten verborgen, die heimlicherweise und immer wachsen, bis sie auf einmal, wie Drachen, aufgehen und unser Lachen und deinen Übermut mit ihren schwarzen erdenweiten Flügeln zudecken. Übertreib's nicht, Lachbethli, übertreib's nicht!«

Aber Vitus Wiler, ihr junger Hausgenosse, sah sie mit verliebten Augen an. Und als sie nun neben ihm saß, suchte er ihre Hand unterm Tisch und nur halbwegs war er bei dem Gespräch, das der Bauer mit ihm über sein Vieh führte.

Das Bethli zog ihn an der Hand hin und her. Sie versuchte gar, ihm Guckeguckelöffelein auf den Knien zu spielen. Er mußte die Zähne zusammenbeißen, um nicht laut aufzulachen. So verliebt und übermütig tat sie, daß auch die Magd, die doch bisan am Tisch lagerte, wie eine niedergegangene Lawine, die aufs Schmelzen wartet, unruhig zu werden anfing. Sie zog die beiden Knäblein, die sich schläfrig an sie hingelegt hatten, völlig an sich und streichelte die graue Katze, die in ihrem Schoße spann, also wider die Haare, daß sie zu fauchen begann und im zudunkelnden Abend Feuer gab.

»Marieli!«

»Ja, Groß – ja Herr König?«

»Der Tag ist um. Die guten Leute, meine Untertanen, wollen schlafen. So will auch ich vom Thron herabsteigen und zu Bett gehen. Bring mir also meine Schuhe!«

»Ja, Herr König, gleich!«

8 Das Marieli sprang dienstbeflissen vom Tisch auf und machte sich hinterm Ofen hinauf, um des Großvaters Winterschuhe hinterm Umhänglein hervorzuholen. Nein, auf dem Ofen gab's keinerlei Schuhzeug. Und als es nun mit geschwinden Füßen die Tritte herunterhüpfte und unterm Ofen suchte, ließen sich auch dort keine Winterschuhe finden, obwohl es sich bäuchlings auf den ausgetretenen Stubenboden hingeworfen hatte. Flugs war's wieder auf den Beinen: »Wo sind denn nur heute des Großvaters Schuhe?«

»Ach, was, schau nur recht nach«, meinte das Bethli, »irgendwo in der Stube müssen sie sein. Die Mäuse werden sie nicht verschleppt haben.«

Nein, das Marieli konnte, trotz allem Suchen, des Großvaters Schuhwerk nicht hervortun.

»Morbleu, was ist denn heut los?« kam's brummig, recht ungehalten, vom Ofen. »Wann, 's Donners, bekomme ich denn einmal meine Schuhe?«

Mit großen, völlig erstaunten Augen schaute sich das Marieli in der Stube um, mitten drin stehend. Wo, ums Himmelswillen mochten denn heut diese Wintergünschen hingekommen sein? »Buben, Sebeli, Bäneli!« rief es aus, »habt ihr Großvaters Schuhe etwa verschleppt?«

Aber die Buben wollten nichts davon wissen.

»Marieli, meine Leute, wollt ihr mich, den König von Euland, den Auserwählten der schönen Katharina, denn heut barfuß vom Thron herabsteigen und zu Bett gehenlassen?«

9 »Herr König«, rief weinerlich das Marieli, »wir können die Winterschuhe einfach nicht finden.«

»Wohl«, machte es auf dem Ofen, »ich scheue mich ja sonst keineswegs so barfüßig zu sein, wie mein Volk, aber vom Throne könnte ich so niemals hinuntersteigen.«

Jetzt wurde der Sonnenhaldenbauer aufmerksam. Verlegen sah er zu seinem weißen Vater auf. Aber da war irgendwo ein Kichern und obwohl's gleich wieder verging, erhaschten seine wachbar gewordenen Augen noch einen lustigen Blick Bethlis, das bei ihrem Vitus noch allein am Tische, der stumpf, giltmirgleich vor sich hinglotzenden Magd gegenüber, saß.

»Aha«, machte der Bauer, die Stirne krausziehend, »du bist's wieder einmal, Bethli.« Und leiser fügte er bei: »Schäme dich, deinen Großvater so zu necken! Hast du denn keinen Respekt vor seinen weißen Haaren? Mach nicht, daß dich Gott straft! Du plagst ihn mir auch gar zu viel. Es ist schon mehr als genug, daß du dich über ihn lustig machst. Es steht uns, es steht dir nicht an. Er ist unser Stamm, unser Haupt. Ist dieser Sinn getrübt, wer weiß, wie's mit uns noch endet. – Nimm dich in acht, sag ich! Und nun, wo hast du seine Winterschuhe versteckt?«

»Ach, ihr macht doch eine Geschichte dieser Schuhe wegen«, sagte lachend, sich von der Bank erhebend, das Mädchen. »Das wäre jetzt, denk' ich, kein so schreckliches Unglück gewesen, wenn der Großvater, selbst vom Thron 10 herab, einmal barfuß zu Bett hätte gehen müssen. Auf dem Laubsack kann er ja die Schuhe sowieso nicht tragen. Es wäre denn, er wolle sie gleich deswegen anbehalten, daß er sie, wenn er im Traume seiner Königin entgegengeht, nicht mehr anzuziehen braucht.«

Hellauf ging ihr Lachen in der düster gewordenen Stube um.

»Marieli, que diable, wollt ihr mir denn die Schuhe immer noch nicht bringen?! Was ist das heute für eine Ordnung an meinem Hof?«

Der Alte schien allmählich aufgeregt zu werden und das Marieli fing zu weinen an.

Aber da hatte das Lachbethli schon in die Truhe unterm Weihwassertröglein gegriffen und die gesuchten Winterschuhe heraushebend, sagte sie gegen den Tisch: »Da sind sie. Tut doch nicht so dumm! Ich hab ja bloß ein Späßlein machen wollen. Das wird etwa der König von Euland, ja, wenn er ein König sein will, noch zu ertragen vermögen.«

Sebimaria, der Bauer, ließ sich, recht unzufrieden, wieder am Tisch nieder. Das Marieli aber hatte die Wintergünschen seiner Schwester schon entrissen und sie zum Großvater auf den Ofen hinaufgetragen. Gar sorgsam legte es sie ihm an, indem es dessen Füße aufhob und in die Schuhe hineinzubringen trachtete, was ihm nach und nach auch gelang. Still, mit guten Augen, sein Blondköpfchen streichelnd, sah ihm der Greis zu.

11 Und als er die Schuhe nun anhatte, erhob er sich und sagte: »Es beginnt einzunachten. So wollen wir denn, in Gottesnamen, auf unser Lager gehen und einschlafen, im Troste der sieben Schmerzen Mariä. Morgen ist wieder ein Tag. Und bald, ja bald kommt der Frühling und mit ihm Katharina, meine liebe Herrin. Gute Nacht!«

Also stieg der Alte vom Ofen und schritt, begleitet von Marieli, das in heiligem Eifer die Schleppe seines Mantels trug, gemessenen Ganges, durch die Stube.

Alle schauten ihm nach bis er mit seiner Enkelin hinterm Ofen verschwunden war. Und sie horchten auf die Schritte, die über das krachende Stieglein hinaufgingen, bis sie sich oben, in der Stubenkammer, nur noch wenig, hören ließen.

Das Bethli aber schaute mit lachendem, fast etwas spöttischem Gesicht, offenen Mundes, nach dem düstern Ofenwinkel und sagte dann halblaut: »Es ist doch ein närrisches Zeug mit unserm Großvater, daß er sich alleweil noch für den König unseres armseligen Berglandes hält.«

»Immer noch hundertmal besser ist das«, gab ihr Vater zurück, »als wenn er sich für einen Lumpen und Landstreicher halten würde, oder etwa nicht?«

»Und gar, daß das Marieli, sonst ein so vorwitziges Näschen, ihn für einen wirklichen König nimmt, daß es das Zeug, das er erzählt, alles glaubt, ist einfach 12 hintervür, verrückt ist's. Ich kann's nicht verstehen, Vater, daß ihr so etwas zulaßt.«

»Maitli, schau für dich!« machte, recht unwirsch, der Bauer. »Es ist für den alten, schwerhergenommenen Mann ein Trost, daß er jemand hat, der heilig an ihn glaubt und dem Kind schadet es nichts. Das Vornehmsein schadet niemand und etwas Ungutes lehrt es vom Großvater nicht, im Gegenteil. Du dürftest von ihm auch manches annehmen. Jaha, froh wäre ich, du hättest einen so gutgläubigen Kopf wie das Marieli. Aber du lachst über alles. Sowieso haben wir unter diesem eingebildeten Königtum nicht zu leiden. So alt der Vater ist und gestört, was das Leben angeht, ja die Wirtschaft, gilt mir sein Wort und sein Rat immer noch viel.«

Das Bethli blieb still. Ihr Schwesterlein, das Marieli, war wieder hinterm Ofen herabgestiegen. Geschäftig begann es jetzt das wenige Geschirr auf dem Tisch zusammenzustellen, wobei ihm die schwerfällige Magd, die Lunn, ruhig zusah, als verstände sich das von selbst. Vitus Wiler, der St. Galler aber, der seiner Geliebten ernsthaft, fast mißmutig, zugehört hatte, ward jetzt wieder heiterer, als er sah, wie das Bethli mit seinen kleinen Brüdern Ringelreihen zu spielen begann und wie sie dazu so herzlich herauslachte. Nein, wie die doch lachen konnte! Wahrhaftig, die Wolken hätte sie vom Himmel weglachen, den Bergen ihre Schatten nehmen und das Tal in einen Tanzboden verwandeln können.

13 Da gebot der Bauer Ruhe. Er fing an, den Englischen Gruß zu beten, in den alle einstimmten.

Wie das Nachtgebet zu Ende war und die Magd ein dünnfädiges Öllämpchen auf die Kommode gestellt hatte, denn es war mittlerweile völlig Nacht geworden, hob das Marieli wieder in den Löffeln zu klirren an. Wie es aber mit der Lunn alles in die Küche hinausgetragen hatte und wieder hereinkam, rief das Bethli aus: »Heda, heijo, ihr Kleinen, macht euch gleitig auf den Laubsack, so mögt ihr morgen wieder auf! Die Hühner sind schon lange schlafen gegangen.«

Sie trieb die munter gewordenen Buben, die vor ihr herhüpften wie Zicklein, durch Stube und Küche in ihre Schlafkammer hinauf. Mit stillen, klaren Augen, sich auf die Zehen stellend und also das Weihwasser aus dem Tröglein neben der Türe nehmend, folgte ihr danach das Marieli, gute Nacht wünschend.

Als nun Sebimaria, der Sonnenhaldenbauer, mit Vitus, seinem freiwilligen Knecht, allein in der Stube war und sie einander eine Weile in tiefem, nachdenklichem Schweigen gegenüber hockten, räusperte sich der Bursche und sagte: »Hört, Sebimaria, ich bin jetzt fast einen Winter lang bei euch und habe dem merkwürdigen Tudichum eueres Vaters immer zugeschaut, ohne eigentlich zu wissen, was ich davon denken soll. Aber jetzt, nehmt's mir nicht für ungut! Ihr wißt ja wie nahe ich euch durch das Bethli gerückt bin, – täte ich doch nicht ungern 14 vernehmen, wie's denn gekommen ist, daß der Alte so wunderlich geworden ist, wie sich's angelassen hat, daß er sich für einen König hält. Ich habe schon manches Seltsame und Närrische erlebt, aber das ist mir noch nie, nicht einmal vom Hörensagen, vorgekommen. Und wenn ihr mir nun, aber ihr dürft mir nicht zürnen, berichten . . .«

»Vitus«, unterbrach ihn der Senn, »schau, ich habe dir schon lange erzählen wollen, wie's mit meinem Vater so eigen gekommen ist, aber ich hab's, ich will dir's offen sagen, immer wieder unterdrückt, denn, habe ich gedacht, der Bursche geht eines Tages wieder seinen Weg heimzu und dann mag er meinetwegen von dem allem halten, was er will. Am Ende geht's ihn ja nichts an. Hingegen jetzt, wo du's mit dem Bethli hast, wo du mit dem Übermut völlig einig zu sein scheinst, bin ich's schuldig, dir's zu wissen zu tun.«

»Ja, Meister, wenn ihr's etwa gar so ungern berichtet . . .«

»Nein, du mußt es wissen, und ich darf dir's wohl erzählen, obwohl's mir keine Freude macht.«

Der Bauer staunte eine Weile vor sich hin in den Tisch, alsdann begann er: »Ich berichte es dir genau so, wie es uns der Morschacher, der Kriegsgefährte meines Vaters, erzählt hat, als er ihn eines Tages ins Euthal und da auf die Sonnenhalde gebracht hat. Ich war damals noch ein blutjunger Bursche und mein Oheim, meiner Mutter Bruder, ist unserm Heimwesen vorgestanden, da 15 die Mutter schon bald nach meiner Geburt gestorben war. Du kannst dir's wohl denken, wie ich die Ohren gesträußt und die wachbaren Augen aufgetan habe, als man den Vater so unversehens und derart ins Haus gebracht hat. Völlig zerzaust, gar bunt hat er in seinem Kriegergewand ausgesehen, jedoch in seinen Ohren sind die kleinen Goldkugeln gehangen, die du ja wohl kennst und von denen er sich nie trennt. Aber als nun sein Waffengenosse, der Morschacher allein vor dem Ofen gehockt ist und mein Oheim und ich bei ihm am Tisch, da hat er dann zu berichten angefangen.

›Ihr wißt ja‹, hat er erzählt, ›wie euer Vater und Vetter, der Zachris Ruhstaller, getrieben von der damaligen teuren Zeit und angelockt von der Sucht nach Gold und Ruhm, beim Obersten Pfyffer Handgeld nahm und in den Dienst der fränkischen Krone trat. Er stand, wie ich heute noch, unter dem Schwyzer Hauptmann Pfyl. So kamen wir nach Paris und waren bald da und dort im Frankenland, um gegen die Ketzer, die Hugenotten, aber auch gegen die Umtriebe des spanischen Königs, zu streiten. Unser Zachris machte seine Sache allweg gut, denn der Oberst Inderhalden von Schwyz klopfte ihm einmal vor dem ganzen Haufen der Eidgenossen auf die Achsel und sagte zu ihm: »Bursch, du bist, beim Strahl, ein Mordshagel. Hätte ich noch ein paar tausend deinesgleichen zur Hand, wollte ich den abtrünnigen Prinzen Condé ins Meer hineinsprengen und dem König die Krone 16 vom Kopf reißen und sie mir selber auflegen.« Es war aber der König, dem wir dienten, erst ein zehnjähriges Büblein und er ist heute noch fast der gleiche kleine Frosch. Dennoch, seine Krone hätte ihm der Landammann Inderhalden nicht vom Kopf gebracht. Sie ward nämlich, müßt ihr wissen, von einer heillos schönen, großen Frau, von seiner Mutter, von der Katharina von Medici, des zweiten Heinrichs Wittfrau, bewacht, der ich ja heute noch Kriegsdienste leiste. Wenn wir Schwyzer aber geschliffener sind als frischgedengelte Sensen, so ist uns doch diese Königin noch zehnmal über. Ein schönes Weib, aber eine gewixtere, abgefeimtere Hexe ist in der Welt noch nicht dreimal erlebt worden. Die nun verstand es gar wohl, die Krone ihres Söhnchens festzuhalten. Und da sie selbst ihren eigengläubigen Leuten gar nicht traute, hielt sie sich immer einen gewaltigen Haufen Eidgenossen, wohl an die sechstausend. Und wir nun mußten ihr die Krone bewachen helfen und ihr in allem zu Willen sein. Wir waren es auch und sind's immer noch und schlagen für sie tot, was sie nicht lebendig haben will. Dabei hat sie eine offene Hand und macht uns, wenn's ihr paßt, gar schöne Augen und einen anmächeligen, zuckersüßen Mund.‹

Gut. Eines Tags aber, hat uns der Morschacher weitererzählt, kam die Königin mit ihrem Söhnchen und dem ganzen Hof in Meaux, einer kleinen Stadt vor Paris, bös in die Klemme. Der Feldherr Condé, der gefährliche Anführer der Hugenotten, begann sie mit seinem 17 Heer einzuschließen und es hieß, es sei noch ein anderer Kriegerhaufen im Anzug. Da ließ die Königin, in großer Furcht um die Krone, uns Schweizer rufen. In Eilmärschen zogen wir ihr zu. Bevor das Städtlein Meaux völlig versperrt war, kamen wir bei ihr an. Obwohl nun die Herren und Höflinge nicht ausziehen wollten, da sie fürchteten, von der Übermacht samt dem Königlein und seiner Mutter gefangen zu werden, vertraute die Königin doch auf die Eidgenossen, deren Hauptleute ihr versprachen, sie durch Hölle und Fegfeuer nach Paris zu bringen. So rückten wir in der Nacht aus, die hohen Herrschaften und ihr Weibervolk in unserer Mitte.

Wohl bestürmten uns die Hugenotten von allen Seiten, aber wir stellten unsere Hellebarden und machten uns zum Igel und schlugen sie immer wieder zurück. Oft jedoch, wenn die Siebenketzer gar hündisch auf uns losfuhren, wurden die Rosse, auf denen der Hof ritt, verrückt. Da mußten wir wohl acht haben, daß nicht irgendein Reiter von einem aufgeklöpften Roß in den Feind vertragen ward. Zweimal mußten wir ein paar wildgewordene Hengste also aus den Hugenotten heraushauen. Und auf einmal stieg auch das Roß der Königin Katharina. Es schoß in unsern Ring hinein, im ersten Schreck gab's eine Gasse und den Hugenotten wäre die Königin geworden, wenn nicht im letzten Augenblick unser Zachris Ruhstaller ihrem Hengst an den Hals gesprungen wäre. Und obwohl der tat, wie der Teufel und schnob und 18 Feuer gab, ließ er ihn doch nicht los, er bezwang ihn. Rasch bekam er Hilfe und also konnte er die Königin auf dem gebändigten Tier wieder unter den Hofstaat zurückführen. Und nun wollte sie sich von keinem Edeling mehr geleiten lassen. Sie behielt den Zachris Ruhstaller, obwohl ihm der rote Schaum vom Munde ging.

Wie dann alles in der Stadt Paris wohlbehalten angekommen war, nannte der kleine König uns Schweizer seine lieben Gevattersleute. Und nicht lange darnach, nachdem unsere Anführer große Geschenke, schwere goldene Ketten und gewichtige Säckel voll Sonnenkronen, erhalten hatten, brachte unser Hauptmann, der Pfyl, der Königin Katharina unsern Zachris ins Schloß. Sie hatte ihn unter ihre sorgsam ausgewählten Türhüter berufen.

Ich sehe ihn noch, wie er strahlend vor Freude und Hochmut, von uns wegging, um den Dienst vor den Kammern der Frau Königin anzutreten.

Wir bekamen ihn nicht wieder vor Augen und selten auch die Herrin, außer wenn sie mit ihren Edeln einen Ausritt machte, was sie gern und mannskräftig tat. Wir vergaßen unsern gutmütigen, freilich auch etwas eigenköpfigen Kriegsgespanen ganz.

Da ließ mich eines Tages der Hauptmann Pfyl, mit noch ein paar Mannen kommen. Als wir nun bei ihm standen, erblickten wir, zu unserm Schrecken, den Zachris Ruhstaller völlig gefesselt im Vorhof des alten königlichen Schlosses. Finster, starr staunte er in den Boden hinein. 19 Er war totenerdenfahl und beinmager. Es war ein trauriges Wiedersehen. Jubelnd hatten wir ihn an den Hof der Königin abziehen sehen und nun fanden wir ihn so.

Jetzt erzählte uns der Hauptmann, der Euthaler Zachris Ruchstaller sei völlig verrückt geworden. Offenbar sei er sowieso nicht ganz bei Trost gewesen, sonst hätte er sich nicht so wahnwitzig in die Königin vergaffen und verlieben und sich einbilden können, ihre Augen, die ihn wohl, wie etwa andere auch, ein wenig eigenfreundlich angesehen haben mochten, meinten ihn. So ein Narr! fluchte der Pfyl. Nun müssen wir ihm gar noch heimhelfen. Die Königin will's durchaus haben, obschon er sich zweimal auf sie stürzte und sie hat erwürgen wollen. Unsereiner wäre dafür schon lang in der Seine verschwunden. Aber aus den Weibern kommt ja niemand. Der verrückte Hund! lärmte er uns nach, als wir dann mit unserm Zachris abzogen, wie konnte er denn, ums Himmelherrgottenwillen, draufkommen, sich in eine Königin zu verlieben, wo er doch willige Mägdlein die ganze Stadt voll, zahlreicher und wohlmundiger als die Erdbeeren am abgeholzten Hochrain, hätte haben können.«

Sebimaria, der Sonnhaldenbauer, hielt einen Augenblick inne, alsdann sagte er, sich nachdenklich, schier düster über seinen angegrauten Kopf streichend: »So also hat uns der Morschacher, der Kriegsgenosse meines Vaters, die Geschichte einst erzählt. Es ist lange seither, aber ich habe kein Wörtlein davon vergessen. Wir hatten darnach 20 den Vater gleich zu Bett gebracht. Und da blieb er denn fast ein Jahr lang auf dem Laubsack liegen, völlig gleichgültig gegen alles. Mit traurigen, unheimlichen Augen staunte er vor sich hin auf die Bettdecke und immer hingen die kleinen goldenen Kugeln seiner Ohrringe in seinen Fingern mit denen er unablässig spielte. Aber dann begann er von Zeit zu Zeit schrecklich zu wüten. Der Oheim und ich hatten die liebe Not, ihn zu bändigen. Er lärmte verzweifelt nach seiner Königin Katharina und verfluchte alle, die ihn von ihrer Kammertüre weggewiesen hatten. Ach, schrie er oft, Frau Königin, laßt mich doch, der Tausendgottswillen, wieder an eurer Türe stehen! Nur noch eine Stunde laßt mich dort! Nachher mag mich euer Hengst zerstampfen und der verfluchte Knäuel eurer Höflinge zerreißen. O kommt doch zu mir, meine Geliebte, mein Herzensschatz über alles in der Welt! – Es war ein böses Zuhören, obschon wir nicht immer alles verstanden, denn oft redete er welsch. Aber endlich stand er eines Tags vom Laubsack auf und kam in die Stube herunter. Dort blieb er sitzen bis wir ihn wieder zu Bett brachten. So machte er's nun alle Tage und ins Toben geriet er nicht wieder. Ja, nach und nach begann er gar mit uns zu reden. Und als der Oheim, meiner Mutter Bruder, gestorben war und als ich schon ein Weiblein hatte, trat er gar etwa zu uns vors Haus und sah uns bei der Feldarbeit zu, nicht ohne uns seinen guten Rat zu geben. Wir meinten, es könnte mit ihm noch völlig bessern. Aber eines 21 Morgens fanden wir ihn so, wie du ihn nun fast alle Tage siehst, auf dem obern Ofenumgang sitzen, nur daß er keine Krone aufhatte. Den Mantel, die abgeschossene Altardecke, hatte ihm auf seine Bitte eine alte Base aus der nahen Waldstatt Mariä Einsiedlen gebracht. Nun gab er keine Ruhe, bis wir ihm auch eine Krone machen und unseres Schäfers alten Stab etwas vergolden ließen. Von da an wurden seine Augen immer heiterer. Aber im Geiste blieb er gestört, ja es ward sogar noch ärger, denn nun hält er sich schon lange für den König unseres abseitigen Bergländchens. Und jeden Sonnabend im Sommer macht er seinen langwierigen Umgang durchs Euthal auf den davorne ins Land vorspringenden Felsen, auf die Hagelfluh. Dort will er auf die Königin Katharina von Frankreich warten, die er für seine Braut hält, um sie eines Tages feierlich zu empfangen und da in die Sonnenhalde heraufzuführen. Und jedesmal wartet er dort bis es zudunkelt. Alsdann kehrt er, enttäuscht und traurig heimzu. Hat man schon so etwas gehört? Aber was will man machen? Wir wollen zufrieden sein und Gott danken, wenn er ruhig bleibt. Möge ihn Gott gesund erhalten und uns, ja, mit ihm! Und nun weißt du's Vitus, wie das alles mit dem Großvater gekommen ist. Jetzt schlaf wohl! Geht nicht zu spät auf den Laubsack, du und das Maitli. Müßt ja morgen auch wieder dran. Und laß mir das Bethli, das Lachbethli, Vitus«, er sagte es gedämpft, fast leise, »nicht zu übermütig werden. So geweckt sie ist, 22 ich weiß nicht, immer muß ich denken, es komme noch nicht recht aus sich, es sei noch wie Welle und Wind.«

Der Bauer nahm das Weihwasser, spritzte den armen Seelen und trampte alsdann, ernsten Angesichts, aus der Stube, um noch in den Stall hinüber zu gehen.

Sinnend schaute der junge Knecht vor sich hin, ab und zu, wie in schweren Gedanken, den Kopf schüttelnd. Aber nach und nach ließ er wieder aufheitern und endlich schaute er ungeduldig nach der Küchentüre: »Bethli«, rief er halblaut. Und als es still blieb, rief er stärker: »Bethli, Lachbethli, wo bleibst du denn?«

Die Küchentüre ging ein wenig auf. Bethlis Kopf guckte in die Stube. »Ja, hast denn wirklich du gerufen?« fragte sie mit schalkhaften Augen. »Ich habe gemeint, du seiest eingeschlafen. So wollte ich denn warten, bis mir wachbareres Jungvolk hinterm Haus auf die Scheiterbeigen klettert, Burschen, die nicht so schlafsüchtig sind.«

»Ja«, sagte er, »dein Vater hat mir noch die Geschichte deines Ahnen erzählt und da hab ich warten wollen . . .«

»Da hast du wohl auch warten wollen, bis dir die Braut von selber kommt und dich abholt, gelt, wie der Großvater?«

»Nein, so lange möchte ich denn doch nicht warten.«

»Das mußt du auch nicht!« schrie sie aufjauchzend.

Da hatte sie ihn schon mit beiden Armen um den Hals und herzte und küßte ihn, daß es ihm rot ward vor 23 den Augen. Und flugs höckte sie sich ihm auf den Schoß und brach in ein tolles Gelächter aus.

»Hast du mich wirklich so gern?« fragte er, langaufatmend.

»So gern?« ahmte sie ihn neckisch nach.

»Hast du mich denn wahrhaft lieb?«

»Hast du mich denn wahrhaft lieb?« machte sie, stotternd und mit zitterigem Kopf, einen alten Mann spielend. Aber gleich schrie sie auf: »Im Namen Gottes, Echo, zeige dich! – Da bin ich!«

Wieder packte sie ihn beim Schopf, riß ihn zurück und küßte ihn gar sänftiglich erst auf die Augen und alsdann aber auf den Mund, daß es schnalzte.

»Ja«, machte er glücklich, nachdem er ihr den Kuß doppelt zurückgegeben hatte, »ich muß es dir doch fast glauben, daß du mich wohlleiden magst, denn du lassest mich nicht erkalten. Aber ob's dir so recht ernst ist, Bethli, und ob deine Liebe andauert? Mußt mich nicht wieder so wunderlich, als sähest du mich zum erstenmal, anschauen. Ich meine es ja gewiß nicht böse und wie gerne wollte ich dir glauben! Schau, man sagt dir, landab und auf, das Lachbethli, weil du über alles und über alle gar zu leicht lachst und nichts so recht ernsthaft zu nehmen scheinst«.

»Meinst du?« machte sie langgezogen, ihn aus hellscheinigen, traumverlorenen und verworrenen Augen ansehend.

Es wurde ihm ganz unheimlich.

24 »Ja, siehst du, Schatz, ich kann es einfach nicht begreifen und mitansehen, wie du dich gar über deinen alten Großvater lustig machen und ihm immer wieder irgend einen Schabernack spielen magst. Obwohl ich weiß, daß es nicht schlimm gemeint sein kann, so ist's mir doch zuwider. Mehr als einmal hab ich's wohlbeachtet, wie sich der Greis, der dir besonders zugetan ist, ob deinen Streichen gekränkt hat. Und schau, Liebste, das kleine, kaum flügge Marieli, gibt dir doch ein so gutes Beispiel. Immer ist's so lieb, so herzig mit dem armen Alten.«

»Arm, du hältst ihn für arm?« Sie betrachtete ihn fast verwundert. Dann ließ sie den Kopf ein wenig sinken und redete seufzend vor sich hin: »Ach, es ist oft so langweilig, so trostlos herbstnebellangweilig auf der Welt! Ja, beigott, totgähnen möchte man sich zuweilen, wenn man all die haargleichen Nasen und das haargleiche Tudichum aller den ganzen Tag um sich hat. Der Großvater ist noch der einzige, der ein eigenes Gesicht hat. Und«, schrie sie auflachend, »und du heiliger Vitus, du bist wahrlich auch nicht der kurzweiligste und einfälligste. Es gibt unterhaltlichere Nachtbuben als du einer bist.«

Er sah sie betrübt an. »Bin ich dir also doch nicht recht? Du lassest vielleicht bald wieder andere Burschen, wie vordem, hinein.«

Sie schaute ihn mit ihren blauen Augen an, so nahe, daß ihre Haare seine Stirne wie feine Falterfüßchen betasteten. Und sie schaute also in ihn hinein, daß er wie 25 gebannt auf seiner Stabelle kauerte und meinte, die Sinne verlieren zu müssen.

Plötzlich riß sie ihn auf und gleich warf sie ihn wieder auf die Stabelle zurück, unbändig auflachend und aber gleich wieder in seine Augen hineinstaunend.

Mit bebenden Händen umfaßte er jetzt ihren Kopf und, ihn zu sich herabziehend, sagte er leise: »Wie bist du doch heute wieder! Schatz, nichts für ungut! aber es ist mir oft, ich sehe es in deinen Augen gespenstern.«

»Ja«, flüsterte sie zurück, »der Großvater, unser König von Euland«, einen Augenblick schalkte es um ihren Mund, »der hat mir letzthin auch einmal geheimnistuerisch ins Ohr geraunt, er sehe ein weinendes Kind in meinen Augen nachtwandeln, wenn sie lachen.« Sie schaute den Burschen traumhaft, mitternächtig an. Aber gleich wieder rief sie hellauflachend aus, ihn bei den Schultern packend und rüttelnd und schüttelnd: »Und sag, red, was bist denn eigentlich du für einer?! Hältst du dich etwa auch für einen Königssohn?«

»Ach du, Spottdrossel!« machte er.

»Bursche, Bursche, ich wollt aber du wärst einer!«

Sie sah ihn wieder wunderlich, dunkel an, also, daß er völlig unruhig ward. »Da war denn einmal in grauen Zeiten ein Lachvogel«, redete sie kaum hörbar in ihn hinein. »Der ganze weite Wald jauchzte von ihm tagaus, tagein, aber niemand bekam ihn jemals so recht zu Gesicht. Da wollte ihn denn eines Tages ein Bub, dem sein Lachen 26 ins Blut gegangen war, einfangen. So lief er nach ihm in den Wald. Und also zängelte und narrte ihn der lachende Vogel herum, daß er sich völlig verirrte. Aber als es Abend ward, fuhr's jählings aus den Stauden auf ihn los: Puhuu, puhuu!« Sie fauchte den Burschen so wild, gespenstig an, daß er fast erschrack, »und da war«, machte sie aufatmend, mit komischem Ernst, »aus dem Lachvogel ein Nachtvogel geworden.«

»Schalk!« rief er aus, sie inbrünstig umfassend.

Aber sie riß sich los, hastete aus der Stube und schon überflutete ihr Gelächter das Treppenhaus. Ja, er hörte es noch in ihrem hochgelegenen Guckauskämmerlein umgehen.

Eine Weile blieb er noch im Finstern sitzen, denn das Öllämpchen war mit ihr verschwunden.

Er horchte und horchte. Sie schien nicht mehr heruntersteigen zu wollen. Da schaute er sinnend, immer nachdenklicher werdend, ins Dunkle. Aber endlich raffte er sich auf, trat zum Weihwassertröglein. Und nachdem er sich bekreuzt und den armen Seelen gespritzt hatte, verließ er die Stube, um sich ebenfalls auf den Laubsack zu machen.

Ein heftiger Stoß ließ das alte, große Holzhaus erbeben.

Draußen, in der Winternacht, tat der Föhn seinen ersten, lenzverkündenden Umgang. 27

 

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.