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Der König der Bernina

Jacob Christoph Heer: Der König der Bernina - Kapitel 1
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typefiction
authorJakob Christoph Heer
titleDer König der Bernina
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun96.?99. Auflage
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I.

Ein Adler kreist am blassen Frühhimmel, er schwimmt über dem dreizackigen sammetgrünen Thalstern des Engadins.

»Pülüf – pülüf,« dringt sein hungriges Pfeifen aus der Bläue; die Gabel fächerartig ausgebreitet, steigt er etwas in die Tiefe und späht, dann hebt er sich ungeduldig in die oberen Lüfte, der Sonne entgegen, ja höher als die Bernina, die sanft und doch kühn in das Thal herniederschaut und den ersten Strahl des Taggestirns mit ihrem Silberschild auffängt.

Der Reif funkelt auf den Auen, die den jungen Inn säumen.

Ueberall Licht, reines Licht der Höhe, und die Berge wachsen in seiner schwellenden Flut.

Voll andächtiger Ruhe zieht der Adler seine Runde und rührt die gespannten Flügel nur dann und wann in zwei oder drei leichten Schlägen. Er überfliegt die weißen Spitzen, er schwebt über den Dörfern Pontresina, St. Moritz, Samaden und über lichtglänzenden Seen. Wenn er in die Tiefe steigt, so spielen seine Schwung- und Ruderfedern in der Sonne, meistens aber hängt er, ein Punkt nur, den das Licht vergoldet, an der Himmelsglocke.

Es muß wonnig sein, als Adler, als Herr und König, vor dem die Kreatur erbebt, über dem Gebirgsland zu schweben.

Durch die schweigende Frühe geht von Samaden her, den Krümmungen des Inns entlang, ein hochgewachsener, breitschultriger junger Mann gegen die paar Häuser von Celerina empor, das in der Mitte des Thaldreiecks liegt. Er hat das Gewehr quer über den Rücken gehängt, seine Blicke folgen mit Spannung den Ringen und Flugfiguren des Vogels in leuchtender Höhe.

Ob sich der Jüngling vermißt, den König des Gebirges aus seinem lichten Reich zu stürzen? – – Doch wohl nicht.

Lange, lange liegt das Thal im Morgenfrieden, der Ruf des Adlers und das Rauschen des Inns sind die einzigen Laute in der tiefen Stille.

Da erheben die Glocken von Samaden ihre Stimme, andere helle Klänge schweben aus den drei Thälern heran und rinnen über der Ebene in einen einzigen Ton zusammen.

Die Straßen, die sich in Samaden treffen, beleben sich, das Völklein des Oberengadins zieht zur Landsgemeinde.

In losen Gruppen wallen die Bergleute dem gemeinsamen Ziele zu. Die Wohlhabenderen, Vornehmeren reiten oder sie fahren auf leichten Gebirgswägelchen und Scharabanken, die ausgedörrten Schuldenbäuerlein, die Weger, die Säumerknechte, die Gemsjäger und Fischer, die weder Pferd noch Wagen haben, gehen zu Fuß; zwischen allen aber, die reiten, fahren oder wandern, ertönt der weiche, romanische Gruß Dieus allegra Gott erfreue dich! und eine gemessene, ruhige Freundlichkeit waltet, wie sie einem kernhaften Volk am Ehrentag der Heimat wohl ansteht.

Von Pontresina herab wandert ein Schärchen schlichter Leute, ein Dutzend Männer, Frauen, Mädchen und Buben.

»Die Hütte wird verkauft – der Bub' schlägt sich schon durch. Er geht über Basel in die Welt,« sagt der wetterbraune Säumer Tuons, der immer sein Birkenzweiglein im Munde hält.

»Solange man weiß, ist Auswanderung im Engadin gewesen,« versetzt der Mesner, ein bedächtiges, eisgraues Männchen, dessen Rede man es wohl anspürt, daß er auch eine Art Schulmeister des Dörfchens ist. »Aber jetzt ist ein Rausch im jungen Volk, daß wir bald nur noch alte Kracher und überzähliges Weibervolk in unseren Dörfern haben. Wo man hinkommt, in Pontresina, Samaden, St. Moritz, hört man den gleichen Trumpf ›Fort in die Fremde – fort!‹, und unsere kleinen Dörfer werden viel zu groß.«

»Ha, die Felsen können wir halt nicht fressen,« erwidert Tuons mit derber Grobheit und verzwicktem Lachen. »Das ist die Weltgeschichte: ein Großer macht einen Federstrich, und tausend Kleine verderben dran!«

Den verhängnisvollen Federstrich, von dem der Säumer spricht, hat für das Bündnerland, für das Engadin General Napoleon Bonaparte durch den »Veltliner Raub« gethan.

Vor bald dreihundert Jahren hatte der Herzog Maximilian Sforza den Bündnern das Veltlin mit den Städten Chiavenna und Bormio geschenkt und man hatte das jenseits der Bernina gelegene Land durch Vögte als Unterthanenschaft verwaltet. Namentlich die Engadiner hatten in dem gesegneten Thal ihre Landhäuser, ihre großen Güter, Obstgärten und Weinberge besessen und sie durch Pächter bewirtschaften lassen, um je und je im Herbst voll Fröhlichkeit zur Ernte hinüber zu ziehen und den Herrenanteil des Ertrags einzuheimsen. Da waren aber vor einiger Zeit im Veltlin Unruhen entstanden und die Bewohner des Thales hatten Bonaparte, der just als siegreicher Feldherr in der Lombardei stand, zum Helfer angerufen. Mit seinem Machtspruch riß er den Garten Rhätiens vom Bergland los, verschenkte die bisherigen Privatgüter der Bündner an seine Günstlinge, und alle Proteste und alle Mühen um ihre Wiedererwerbung sind umsonst.

Das ist der »Veltliner Raub«.

Wie sich nun abfinden mit dem Verlust eines Gartens, wenn um das eigene Haus hin nur etwas Wald und Gras wachsen? Denn das Engadin ist wohl ein wunderschönes Thal, die silbernen Firnen leuchten wie ein Gruß Gottes darüber hin, seine Seen sind krystallene Märchen, in seinen Felsen blühen die herrlichsten Blumen, aber fragt man in St. Moritz: »Was gedeiht bei euch?« so antworten die Leute: »Weiße Rüben«, in Pontresina: »Weiße Rüben«, in Samaden: »Weiße Rüben«, und erst weit unten in Zuoz sagen die Dörfler: »Wir wohnen in einer köstlichen Gegend, denn bei uns wächst, so Gott will, auch ein Mundvoll Gerstenbrot.«

Davon und von dem Kriegselend, das nach dem Veltliner Raub ins Thal hinaufgestiegen ist, sprechen die Männer.

»Beim Eid, es kommt noch dazu, daß die Alten wie die Jungen in die Fremde gehen müssen. Die Rosse stehen vor der leeren Krippe im Stall und wir können uns auf die Hände stellen und zwischen ihnen hindurch nach einem Taglohn auslugen. Es ist kein Glück mehr auf unseren Pässen.« So redet Tuons, die Arme reckend.

Da überholt ein Reiterpaar die wandernde Gruppe, die Fußgänger weichen aus und ziehen die flachen, dunklen Filzhüte.

Der Reiter und die Reiterin grüßen mit freundlichem Zuruf.

Es sind der leutselige Pfarrer Jakob Taß von Pontresina, ein stattlicher Fünfziger in halb geistlichem, halb weltlichem Anzug, und ein Fräulein in blumigem Sommerkleid. Unter dem gelben Florentinerhut, der ihr feines Gesicht überschattet, glänzen goldbraune, freudige, große Augen, ihre Haltung ist stolz und frei, ihre Bewegungen sind leicht und kräftig und ihr Wuchs ebenmäßig.

Ihre Erscheinung sprüht vor Leben, bewundernde Blicke folgen ihr, und sie ist mit dem Pfarrer kaum aus Hörweite geritten, so fragt Tuons: »Wer ist sie? – die hat ja Augen wie zwei Sonnen!«

»Das wißt Ihr nun nicht,« lächelt der Mesner. »Es ist Cilgia Sprich »Zilschja« mit sehr weichem »Z« und »sch«. Premont, die Nichte des Pfarrers, und erst etliche Tage da. Sie war in der Erziehungsanstalt des Dekans a Porta zu Fetan.«

»Verbessert denn a Porta, der Menschenfreund, auch das Weibervolk?« spottet der derbe Tuons.

»Ueber die braucht Ihr Euch nicht lustig zu machen,« versetzt der Mesner und schüttelt mißbilligend den halbkahlen Kopf. »Die ist so gescheit, daß sie eine Gelehrte werden könnte. Denkt nur, sie treibt mit dem Pfarrer Latein!«

»Premont – Premont?« fragt jetzt Tuons. »Ist ihr Vater der verstorbene Podesta von Puschlav, der das schöne Haus links an der Straße gebaut hat?«

»So ist's,« bestätigt der Mesner. »Er hat vor etwas mehr als zwanzig Jahren die Regina Taß, die jüngere Schwester des Pfarrers, als Frau nach Triest geholt und Bündner Kaffeewirte gibt es zu Paris, London und Petersburg, in allen Haupt- und Meerstädten, aber keinen, der angesehener gewesen wäre als seiner Zeit Premont in Triest. Als er verwitwet heimkam, wurde er gleich Podesta.«

»Woher also das Fräulein die Gescheitheit hat, muß man nicht fragen,« meint Tuons.

»Der Podesta,« erklärt das alte Männchen, »wollte aus Puschlav eine Mustergemeinde machen; er richtete zuerst im ganzen Land eine Schule ein und hielt sich dabei an die Ratschläge a Portas. So kam's, daß der Philanthrop das Mädchen nach dem Tod ihres Vaters aus Freundschaft in sein Institut zu Fetan aufnahm, obgleich er es sonst nur Jünglingen öffnet.«

»Fetan,« versetzt Tuons lebhaft, »wenn Ihr von Fetan sprecht, so kann ich Euch etwas Funkelnagelneues berichten! Im Wirtshaus zum Weißen Stein am Albula habe ich es gestern gehört.«

»Was ist's denn?« drängten die anderen.

Allein erst nach einer Kunstpause erwidert Tuons: »Am gleichen Abend, wo Lecourbe nach der Schlacht von Finstermünz in Fetan einzog, hat man dort einen Tiroler Spion gerettet und heimlich über die Grenze geführt.«

»Das glaubt der stärkste Mann nicht!« fährt ein Ziegenhändler heraus, und der Mesner winkt dem Säumer mit heftigem Erschrecken Schweigen zu.

Allein der fährt prahlerisch fort: »Der nächste Schluck Veltliner soll mich töten, wenn die Geschichte nicht wahr ist!«

»Tuons, jetzt haltet das Maul!« unterbricht ihn der Mesner scharf. »Wollt Ihr Häuser, Dörfer anzünden? In Chur steht immer noch der Gesandte Frankreichs. Gotts Tannenbaum, Tuons, wenn das wahr wäre, käme ja das ganze Engadin in Kontribution! Habt Ihr denn die Geschichte des Junkers Rudolf von Flugi schon vergessen?«

Tuons blickt bei der scharfen Zurechtweisung verlegen in die Weite, wo sich das Reiterpaar bewegt, und lacht plötzlich gezwungen auf:

»Ich habe nichts sagen wollen, als die Podestatochter von Puschlav habe Augen wie zwei Sonnen.«

Die anderen schweigen, denn Kriegsfurcht steckt noch allen in den Gliedern.

Den Frühling hindurch, ja bis vor wenigen Tagen hatte das Engadin vom Maloja bis nach Martinsbruck zu unter dem Durchzug fremder Heere gedröhnt. In der einen Stunde tränkten die Reiter Lecourbes, des französischen Generals, in der anderen die Loudons, des österreichischen, an den großen Dorfbrunnen ihre Pferde. Mit dem Ruf »Vive la république!« errichtete man vor der Ankunft der französischen Standarten Freiheitsbäume, mit Jubel warf man sie ins Feuer, wenn die österreichischen Lanzenfähnchen von fern im Winde flatterten. Man litt und duldete, und kam mit der Losung »Den Mund halten!« leidlich durch die Not der Zeit.

Einem aber – darauf spielte der Mesner an – war das Herz übergelaufen. Dem Junker Rudolf von Flugi, dem Gemeindevorsteher von St. Moritz. Als der französische Oberst Diriviliez in dem schon ausgehungerten Dorf seine Reiter auf Requisition ausschickte, trat der alte Edelmann vor ihn: »Bürger Oberst, Ihr vergeßt, daß General Bonaparte den Bewohnern des Bündnerlands gegen die Zusage unserer Neutralität nicht nur die Sicherheit des Lebens, sondern auch des Eigentums verbürgt hat. Ich berufe mich gegen die Requisition auf die französische Ehre. Ein Schelm, wer ein Brot nimmt!« Am anderen Tag führten zwei Reiter den Junker gefesselt nach Chur ins Gefängnis, und unter der Bevölkerung wurde ausgestreut, ein angesehener St. Moritzer Bürger habe den Junker als heimlichen Freund Österreichs verraten.

Bald nach diesem Ereignis indessen hatte sich das Blatt gewandt.

In den schauerlichen Felsenklüften von Martinsbruck und Finstermünz, über denen die letzten Berge Bündens und die ersten Tirols hellsonnig ragen, erwartete der Tiroler Landsturm den Feind. Und siehe da: die Tiroler Bauernschützen, die zu beiden Seiten der Schlucht todesmutig an den Felsen hingen, warfen die Franzosen in entsetzlicher Entscheidungsschlacht ins Engadin zurück, und General Lecourbe zog mit seinem geschwächten Heer über die Pässe ab. Bei der Rast in Chur schenkte er dem Junker von Flugi, dessen ältester Sohn in französischen diplomatischen Diensten stand, die Freiheit, und man war im Engadin nicht wenig überrascht, als der schon verloren Gegebene über die Höhen des Julier herniederstieg und zu den Seinen zurückkehrte.

Der eben zusammentretende Thalrat schlug ihn zum Landammann des Hochgerichts Oberengadin vor, und heute ist die Landsgemeinde, an der das Volk den Magistraten wählt, ihm huldigt und er es zu Gast empfängt. –

Aus schwerer Not, aus bitterer Demütigung heben die Engadiner ihre Köpfe und schöpfen wieder Atem.

Frühling in den Lüften – Frieden im Thal.

Das sprießende Grün auf den Matten entsündigt die Erde von dem Blut, das sie getrunken hat, und um die verrosteten Waffen, das zerbrochene Sattelzeug, die bleichen Knochen, die noch da und dort am Wege liegen, blühen die goldenen Primeln.

Ein Frühlingskind, reitet Cilgia Premont neben dem schon leicht ergrauten Pfarrer und ihr silbernes Lachen läutet in den innig schönen Tag.

Sie hat den Adler erspäht, dessen Schrei eben wieder aus unergründlicher Höhe dringt.

»Dort steht er über dem Piz Rosatsch und leuchtet wie eine Ampel, als thue er es nur dem schönen Tag und der Landsgemeinde zulieb.«

Der Pfarrer lacht herzlich: »Thörin du – der dort oben sinnt gewiß auf nichts als auf Raub, Verderben und Teufelei. Es ist der Rosegadler, der alte, fast zwanzigjährige Räuber.«

»Onkel, Ihr seid gewiß auch ein großer Nimrod!«

Um Cilgias Lippen zuckt der Schalk und vergnüglich geht der Pfarrer auf ihren Ton ein.

»Was hat man im Bergdorf anderes zur Kurzweil als Bücher und die Jagd!«

»Ja, aber Pfarrer und Jäger, das stimmt doch nicht so recht zusammen?« Die blühende Neunzehnjährige sieht ihn von der Seite übermütig und erwartungsvoll an.

»Du bist ein Schelm, Cilgia!«

»Und dann habe ich noch fragen wollen, Onkel, warum Ihr als protestantischer Geistlicher nicht geheiratet habt.«

Sie sprühte vor Schalkheit.

»Ich habe halt,« sagte er mit einem Lächeln, in dem sich die Wehmut nicht ganz verbarg, »in meinem Leben die Liebe nicht so zum Zusammenstimmen gebracht wie Pfarramt und Jagd. – Was hast du gegen die Jagd? Ich habe mich schon gefreut, du würdest im Herbst mit mir in die Gemsreviere gehen – vielleicht selbst einmal ein Tier schießen. Du wärst nicht die erste im Engadin!«

»Nein – die Jagd ist abscheulich,« sagte Cilgia fest. »Ihr wißt, mein Vater hatte sie nicht gern, weil sein einziger hoffnungsvoller Bruder als Jüngling beim Jagen verunglückt ist – und seine Abneigung ist mir ins Blut übergegangen. Auch weiß ich von der Mutter her zu viele schreckliche Gemsjägersagen, aber Onkel,« fuhr sie fort und blickte dabei unternehmungslustig in den Kreis der Berge, »a Porta hat erzählt, es sei eine neue Sitte im Werden: aus Deutschland und Frankreich kommen jetzt zuweilen gelehrte Männer ins Gebirg, die es nur aufsuchen, weil sie seine Schönheit und Größe bewundern. Mit denen möchte ich es halten! Wir wollen einmal zusammen recht hoch ins Gebirge steigen.«

Und die goldbraunen Augen blitzen in Unternehmungslust.

»Also dir gefällt's bei uns im Oberengadin?« scherzte der Pfarrer wohlgelaunt. »Das freut mich! Du bist ja auch rasch als Engadinerin anerkannt und unter die Ehrenjungfrauen der Landsgemeinde geladen worden.«

»Das verdanke ich Konradin von Flugi. Ich freue mich, in Samaden den Jüngling wiederzusehen. Auf der Reise von Fetan verging er fast vor Elend darüber, daß sein Vater gefangen war.«

In diesem Augenblick fliegt vor ihr und dem Pfarrer ein kleiner dunkler Schatten pfeilschnell über die weiße Straße und die Pferde stutzen.

»Nur die Wildtaube dort in der Luft,« lacht der Pfarrer.

Sie haben aber den hochfliegenden Vogel, der wie ein hellleuchtender Blitz vom Schafberg über das Thal nach dem Waldhügel St. Gian bei Celerina hinüberfliegt, kaum erspäht und die unruhigen Pferde wieder angetrieben, so erleben sie ein größeres Schauspiel.

Aus der blauen Luft hernieder rauscht mächtig wachsend der Aar, stößt wie ein Ungewitter schief hin auf die Taube, und indem er sie in einem der Fänge hält, hebt er sich schon wieder.

»Die freche Bestie!« eifert der Pfarrer.

Da kracht ein Schuß, über dem Wald bei Celerina zerrinnen ein paar Ringe bläulichen Rauches, die Taube gleitet aus den Krallen des Adlers zur Erde. Der Räuber steigt noch, sein Flug wird aber schwankend, er flattert, er überschlägt sich, er sinkt, und schnell und machtlos fällt der König des Gebirges zwischen dem Weg und dem Wald auf die grüne Matte.

»Schau – schau, Cilgia! Ich möchte nur wissen, wer den Schuß gethan hat!« ruft der Pfarrer voll Spannung.

Ein junger hochgewachsener Mann eilt aus dem Gehölze auf den im Todeskampf ringenden Vogel zu.

»Wenn das nicht Markus Paltram ist – er ist's!« ruft Cilgia. »Ich muß ihn grüßen.«

Sie schwenkt ihr Tüchlein seltsam erregt, ihre Bewegungen sind hastig.

»Markus Paltram?« sagt der Pfarrer verwundert. »Ich kenne ihn nicht.«

Eine feine Röte steigt auf in Cilgias Gesicht.

»Es ist der Bote, der Konradin von Flugi den Brief seiner Mutter mit der Nachricht nach Fetan gebracht hat, daß sein Vater von den Franzosen verhaftet und fortgeführt worden sei.«

»Weswegen denn diese Unruhe, Kind? Die Zügel zittern dir ja in der Hand?«

Cilgia wechselt die Farbe, sie schlägt die Augen schuldvoll zu Boden – und nun zuckt es ihr doch wieder schelmisch um die Unterlippe. Sie schaut den Pfarrer frei an.

»Fragt jetzt nicht so viel, Onkel,« bettelt sie schlicht, »ich habe mit Paltram – ein Geheimnis – auf der Straße kann ich es Euch nicht verraten – aber am Abend in der Stube will ich es Euch gern beichten – bis jetzt habe ich schweigen müssen.«

Als sie seinen großen, überraschten Blicken begegnet, erglüht sie wieder wie ein sich schämendes Kind.

»Denkt nichts Böses von mir – nein, das könnte ich nicht leiden!«

Da lächelt der Pfarrer: »Das thue ich nicht – hinter deiner Stirn hat ja gewiß kein böser Gedanke Raum. Es wird übrigens so ein Geheimnis sein, wie wenn zwei Buben gemeinsam ein Vogelnest im Hag kennen!«

Der junge Schütze hat sich unterdessen des Adlers bemächtigt und kommt näher. Da erkennt er die Reiterin, tritt sichtlich erfreut herzu und grüßt mit dem Anstand eines Mannes, der die Welt gesehen hat, ja mit verbindlicher Höflichkeit.

»Ein Meisterschuß,« lobt der Pfarrer eifrig, »ein Schuß, wie er nicht alle Jahre im Engadin fällt.«

Der Schütze aber wendet sich an Cilgia:

»Darf ich Euch ein paar der schönsten Federn geben, Fräulein?«

Er hebt den Adler, aus dessen Brust das hellrote Blut über die Wellen des Gefieders rieselt, an einer Flügelspitze so hoch, als sein Arm reicht, und die prächtigen Schwingen des Vogels öffnen sich rauschend, so daß das Ende des anderen Flügels den Boden berührt und sich die großen stolzen Schwungfedern in zwei mächtigen Fächern spreizen.

»Laßt das schöne Tier, wie es ist,« sagt Cilgia und wendet das Auge von dem blutenden Vogel.

»Ihr seht, meine Nichte ist keine Freundin der Jagd,« scherzt der Pfarrer und plaudert lebhaft mit Paltram, der seine Neugier erregt.

Ein eigenartig schönes, ein merkwürdiges Gesicht. Dunkles Haar, zwei blauschwarze Augen voll blitzenden Feuers, eine leichtgebogene, kaum merkbar nach links abgedrehte Nase, ein starker Mund voll der herrlichsten Zähne, in allen Zügen das Gepräge großer Kühnheit und eines eisernen Willens, aber auch – in diesem Augenblick wenigstens – etwas Sanftes. Und dann allerdings noch etwas, worüber sich der Pfarrer keine Rechenschaft geben kann, etwas Gedrücktes, Leidenschaftliches, Gewaltsames!

Wie der junge Mann, so fesselt auch das Gewehr, das er trägt, den Pfarrer. Er läßt sich den doppelläufigen Feuersteinstutzen auf das Pferd reichen und prüft ihn sorgfältig. Unterdessen tätschelt Paltram den Braunen Cilgias am Hals, und das ist nicht bloß ein Spiel der augenblicklichen Laune, denn Cilgia neigt sich lebhaft zu flüsterndem Zwiegespräch gegen ihn. Zuerst leuchten seine, dann ihre Augen auf – ja, einen Augenblick hätte man meinen können, es wäre eine Herzensgemeinschaft zwischen ihnen.

»Auf Ehrenwort, er ist daheim bei Vater und Mutter,« versetzt der junge Mann leise.

»Daheim! Gott sei Dank, daß ich es weiß,« antwortet Cilgia halblaut.

Markus Paltram aber wendet seine Augen zögernd von ihrem seinen, glückstrahlenden Gesicht, zum Pfarrer zurück. Dieser blickt auf und sagt: »Der Stutzen ist wohl französische Arbeit? Es ist ein vorzügliches Stück!«

»Der Stutzen ist Engadiner Arbeit, aber freilich in Frankreich verfertigt. Es ist mein Gesellenstück von St. Etienne.«

Ein leises, selbstbewußtes Lächeln läuft über Paltrams Gesicht.

»Ihr seid ja ein merkwürdiger Mann. Ein Engadiner, der Büchsenmacher ist, das hat man nicht so bald gehört. – Und dazu noch solch ein Schütze! – Wie lang' seid Ihr schon zurück?«

»Unmittelbar vor dem Kriege kam ich heim nach Madulein.«

»Habt Ihr Euch dort eingerichtet?«

»Nein, ich habe die Zeit im Lager Lecourbes als Dolmetscher zugebracht. Wohl möchte ich mich gern einrichten – es geht indessen nicht. In Madulein sitzt mein Bruder Rosius unter dem väterlichen Dach, und so viele Häuser im Engadin auch leer stehen, so vermietet mir doch niemand einen Raum zu einer Werkstatt. Es ist nicht unsere Sitte.«

Ueber sein ausdrucksvolles Gesicht fliegt eine Wolke, und die glänzenden blauschwarzen Augen verschleiern sich. Dann sagt er leichthin: »Ich gehe wieder nach Frankreich zurück – nach Paris!«

Cilgia heftet ihre sonnigen Blicke auf den Pfarrer.

»Es ist nicht unsere Sitte,« wiederholt dieser wohlwollend, »aber wir wollen doch sehen, junger Mann! Für uns wäre es ganz geschickt, wenn wir die Gewehre nicht wegen jedes Mangels nach Chur oder Cleven schicken müßten.«

Jetzt haben der Mesner und Tuons mit ihrer Begleitschaft das Reiterpaar wieder erreicht, und sie betrachten den Adler, den Paltram an den Wegrand hingelegt hat.

»Gelt, dich hat's, du verdammter Schafdieb!« höhnen sie.

Und die Buben ballen die Fäuste gegen das tote Raubtier.

Tuons hat inzwischen den Schützen erkannt, grüßt ihn und sie tauschen kühl freundlich ein paar Worte des Wiedersehens.

Der Pfarrer spricht eifrig mit dem Mesner und wendet sich dann zu Paltram: »Kommt morgen bei mir vorbei! Ich weiß Euch eine Werkstatt zu Pontresina, die Hütte des verunglückten Fischers Colani, für die kein Liebhaber da ist.«

Paltram dankt und schlägt mit seiner Beute einen Feldweg ein. Cilgia reitet, über den Ausgang des Gesprächs beglückt, mit dem Pfarrer in schärferer Gangart gegen das im Vorblick schimmernde Samaden, und die Fußgänger sind wieder unter sich.

Da sagt Tuons: »Wohl, der Pfarrer brockt sich und uns eine gute Tunke ein, wenn er den nach Pontresina nimmt.«

»Was habt Ihr gegen Paltram? Er ist ja ein anständiger Bursche,« knurrt der Mesner mißbilligend, »und ein Büchsenschmied steht dem Dorfe gut an.«

»Ich sah ihn zu St. Moritz,« wirft der Ziegenhändler zwischen hinein. »Er diente der Junkerin von Flugi als Bote nach Fetan, und man zeigte mir ihn, weil er der einzige sei, der durch die französischen Posten zu Zernetz komme.«

»Der war in Fetan?« ruft Tuons. »Dann ist die Geschichte von dem Tiroler Spion, den man vor der Nase der Franzosen in Sicherheit gebracht hat, beim Eid wahr!«

»Tuons, denkt an das, was ich Euch gesagt habe,« mahnt der Mesner zürnend.

»Ich kenne ihn von Madulein her – habt Ihr ihm in die Augen geschaut?« erwidert der Säumer.

»Wozu das?«

»Dann hättet Ihr gesehen, daß er ein Camogasker ist.«

»Ein Camogasker?« rufen die Wandernden erschrocken und wie aus einem Munde.

»Ja, er ist ein Camogasker,« erklärt Tuons. »Im Torf Madulein weiß es jedes Kind. Man braucht nicht zu staunen, daß er durch die französischen Posten gekommen ist. Er ist ein Camogasker, und die können mehr als Brot essen! Sie dürfen alles wagen, wagen alles und alles gerät ihnen. Ist es nicht so, Mesner?«

»Das sagt das Volk, aber es sagt noch mehr,« erwidert das alte eisgraue Männchen, indem es den erhobenen Zeigefinger schwenkt, mit geheimnisvoller Miene, »die Camogasker dürfen alles wagen, sie wagen alles – – aber sie müssen die schlagen, die ihnen die Liebsten sind. – –«

Das Schweigen des Schreckens herrscht unter der Gruppe und sie erreicht Samaden.

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