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Der König aller Sünder

Laurids Bruun: Der König aller Sünder - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer König aller Sünder
publisherAxel Juncker Verlag
printrun3.-5. Tausend
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150609
projectid7c7938d7
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V. Die endlose Treppe

Die Kirche ist gedrückt voll.

Das Mittelschiff füllen die Professoren und Scholaren.

Kranke und Gichtbrüchige haben sich auch herbeigeschleppt und haben mit den Kirchendienern um jeden Schritt, den sie vorgedrungen sind, kämpfen müssen.

Es wäre ja möglich, daß ein Strahl aus den Augen des großen Mannes, der in die goldene Flut geschaut hat, auf die seit Jahren fließende Wunde fiele und sie zum Stehen brächte!

An den Eckpfeiler lehnt Otto seinen braunen Kopf mit dem blassen Gesicht. Dort vorne am Fuß des Altars sieht er die Kutte des Mönchs hinter dem breiten Rücken des Erzbischofs. Weihrauchwolken wogen wie lange, schwebende Schleier über die Häupter der Knienden.

Nun spricht der Abt den Segen, und der Chor antwortet mit den tiefen Tönen der vielen singenden Stimmen.

Zu zwei und zwei ziehen die Mönche vom Altar durch den Chorgang in die Kirche hinab. Und hinter dem Abt folgen der Bischof und die Prälaten und das ganze Kapitel der Kirche.

Da – da ist er selbst, der große Mönch in seinem demütigen Gewand – zwischen dem alten Petrus und dem neuen Rektor ragt seine knorrige Gestalt auf!

An der Seitentür gegen den Clodwigsturm kämpfen die Kirchendiener mit den Kranken. Umsonst! Die Tür wird von Hunderten von Armen versperrt, die sich wie blinkende Schwerter dem Mönch entgegenstrecken.

»Segne uns!« ertönt es mit drohenden, flehenden Stimmen.

Da breitet der Mönch beide Arme über sie aus und sagt in der plötzlich eingetretenen Stille:

»Ich segne euch – Hohe und Niedere – Kranke und Gesunde – ich segne euch!«

Und dann sagt er nichts mehr.

Der Mönch und der Abt, der Rektor und der Bischof, sowie Peter de Dacia gehen in den Turm; der Kastellan schlägt die Tür hinter ihnen zu und versperrt sie mit seinem runden Körper. Aber Otto und Galfred zeigt er mit einem hastigen Blick den Weg nach der Wendeltreppe des Turms durch seine Zelle.

Hier ist die Luft feucht und modrig. Otto fühlt sich wie in einem Gefängnis. Galfred reicht ihm die Hand, und sie ersteigen die hohen, durch die Fußtritte in Jahrhunderten ausgehöhlten Sandsteinstufen, die sich im Schneckengang um den Säulenkern des Turms herumziehen. Otto tastet sich an der Turmmauer entlang.

Höher geht es – Stufe um Stufe, die endlose Treppe hinauf.

Hier schimmert ein schmales viereckiges Guckloch in der Mauer. Ein Stern funkelt hoch am Himmel. Es schwirrt etwas in der Dämmerung lautlos um Ottos Kopf. Er greift hastig danach, um sich zu wehren; und etwas Warmes, Haariges gleitet eilig durch seine Finger.

Otto fühlt, wie Entsetzen sich seiner bemächtigt. Wo ist hier der Ausgang – wo ist ein Ruhepunkt auf dieser höllischen endlosen Treppe?

Galfred faßt nach seiner Hand.

»Habt keine Furcht, domicelle! Dies ist die Zelle des Fledermausmönchs – hier hat er achtzehn Jahre lang gelebt, ohne die Zelle je zu verlassen. Ehe er Mönch wurde, war er des Königs Henker in der Stadt Melun. Durch seine Zelle bläst der Wind Tag und Nacht – die Scheiben hat er hinausgeschlagen – und die Fledermäuse fliegen aus und ein. – In der Dämmerung schwirren sie zu dem einen Fenster herein und um sein langes weißes Haar und fliegen dann zum andern Fenster wieder hinaus um die Ecke – immer aus und ein. Er glaubt, es seien die abgeschiedenen Geister – die Geister derer, die er in seinem bösen Beruf an den Galgen gehenkt hat. Nun fleht er sie an, ihm zu vergeben. Er weiß, wie viele es sind, und erst, wenn alle gekommen sind, legt er sich auf seine Pritsche zur Ruhe nieder.«

Nun hält Galfred vor der letzten Tür.

»Hier müssen wir hinein.«

Galfred hebt vorsichtig den Riegel; unter dem Türbogen müssen sie sich bücken. Sie bleiben innen an der Tür stehen, die Galfred leise hinter sich zumacht. Otto drückt sich tief in die Ecke zwischen der Wand der Zelle und der Rundung der Turmmauer.

Dort drüben im Halbdunkel des Winkels leuchtet ein glühendes Auge mitten in einer schwarzen, dunklen Masse. Nun sieht Otto, daß es ein Kamin ist, und darüber ein gemauerter Rauchfang, der sich gegen oben verengt und in der in tiefem Schatten liegenden Wölbung verschwindet.

An der Mauer dort flackern breite, ruhelose Schatten gleich friedlose Seelen und strecken ihre Köpfe hinauf in die Spinnenweben unter der Decke.

Nun erkennt Otto Raimund und Petrus und die andern.

Petrus spricht. Sein zahnloser Mund flüstert die Worte klanglos – als sei die Stimme längst erstorben, – und seine alten blauen Augen schauen unablässig in das eine brennende Auge Raimunds.

Der Mönch wendet sich um und läßt seinen Blick prüfend durch die Zelle schweifen. Er erkennt alle die alten Sachen wieder, die er als junger Mensch gesehen hat.

»Meister,« sagt der alte Petrus, »laßt mich Euch Meister nennen, Raimund, Ihr, der einst mein Adept war, laßt mich Eurer Lehre lauschen – lehrt mich die höchste Weisheit, ehe ich sterbe! Sprecht mit mir von dem großen Mann – von Arnold von Villanova, der nach mir Euer Lehrer gewesen, als Ihr in Neapel wäret. War er es, der Euch gelehrt hat, den Stein zu finden – oder fandet Ihr ihn selbst?«

Nun beginnt der Mönch zu erzählen. Er streckt die Arme aus, als er von seinem Meister spricht, und es ist, als umarme sein großer Schatten an der Wand den Schatten des alten Petrus und hebe ihn zu sich empor.

Von Villanova erzählt er, von ihm, dem Meister der Meister, der über Leben und Tod gebietet. Er hat den tiefen Grund des Seins gefunden – die große Welt, die sich in der kleinen spiegelt und die kleine Welt, in der großen. Und vor kurzem hat er die vier Elemente verdichtet und sie über dem magischen Feuer vermischt, und siehe da – auf dem Boden der Retorte bildete sich ein kleiner Mensch. Und er nahm Feuerflammen und blies ihm den Lebensgeist durch die Nasenlöcher ein.

Alle schauen mit weit aufgerissenen starren Augen auf das eine Auge des Mönchs.

Aber der alte Petrus greift plötzlich mit beiden Armen in die Luft, als wolle er fallen.

»Habt Ihr es selbst gesehen?« fragt er. »Raimund Lullius, habt Ihr es selbst gesehen?«

»Ich habe es nicht gesehen, aber er erzählte mir davon und gab mir eine Flasche aqua vitae. aqua vitae: Das Wasser des Lebens. Denn aus dem Lebenswasser wird der novum lumen novum lumen: Das neue Licht. geboren – das, was der erste Schritt auf dem Weg zum flos florum flos florum: Der Duft der Blumen. – dem Stein der Weisen ist.

Petrus kniet auf die Steinfliesen nieder, streckt seine Arme nach dem goldenen Strick des Mönchs aus und fleht mit Tränen in den Augen:

»Raimund Lullius – du, den ich meinen Adepten nannte – teile mir die höchste Weisheit mit, ehe ich sterbe!«

Der Mönch mit dem goldenen Strick neigt sich zu ihm und sagt:

»Als der Meister mir die Flasche mit dem köstlichen Naß gegeben hatte, reuete es ihn am nächsten Tag wieder. Er fürchtete, ich könnte den Weg zu dem neuen Licht finden, indem ich jedem seiner Schritte folgte. Erzürnt schaute er mich an, und ich fürchtete für mein Leben. Was ist dem ein Menschenleben, der selbst erschaffen kann – wenn es sich um das höchste Wissen handelt? – Da floh ich aus der Stadt. Ich zog nach Norden und fand keine Ruhe, bis ich Mailands Boden unter meinen Füßen hatte. Drei volle Jahre – Tag und Nacht – habe ich gegrübelt und mit der Retorte gearbeitet. Alles versuchte ich, aber alles war vergebens. Schließlich hatte ich nur noch drei Tropfen übrig. Da machte ich mich an den Versuch, von dem ich wußte, daß er der letzte sein würde.

Volle drei Tage bereitete ich mich mit Beten und Fasten darauf vor. Um Mitternacht goß ich dann den letzten Rest des aqua vitae auf die Kupfermischung. Die schwarze Haut bildete sich sogleich, wie sie sollte. Ich destillierte die Feuchtigkeit ab, und auf die weiße Erde legte ich das Goldferment. Soweit war ich auch schon früher gelangt. Aber nun war das Feuer unter der Retorte am Ausgehen. Ich erschrak, denn das Feuer sollte so stark als möglich um die Retorte herumlodern.

Ich warf mich auf die Knie und versuchte mit dem Blasebalg die Glut wieder anzufachen. Wie ich nun, Verzweiflung im Herzen, so dalag und aus Leibeskräften blies – da hörte ich einen schwachen Laut neben mir. Ich schaute auf und siehe da – mein Schatten an der Wand war lebendig geworden; in seinem Kopf erblickte ich das böse Gesicht des Fürsten der Finsternis. Er lachte mich aus aus meinem eigenen Schatten.

Und nun begann der Versucher mir zuzuflüstern. Er deutete auf mein linkes Auge und sagte:

»Gib mir dein Auge, dann will ich dir das neue Licht geben.«

Da warf ich mich platt auf den Boden in meiner großen Seelennot und betete.

Und die Stimme des Heilands erklang in meinem Herzen und sprach:

»Wenn du dein Wissen und dein Gold zu meiner Ehre gebrauchen willst – wenn du das Schwert des Evangeliums nach Jerusalem tragen willst und die Erde befreien, auf der mein Fuß gewandelt hat, dann darfst du den Pakt abschließen und ihm dein Auge geben, und ich werde deine Seele erretten.«

Ich hob den Kopf, schaute dem Fürsten des Bösen in die flammenden Augen und sagte:

»Ich schließe den Pakt.«

Sofort verschwand er wie ein Licht, das erlischt, und mein Schatten blieb zurück, grau und ruhig wie zuvor.

Nun stand ich auf und starrte in die Retorte. Weiße Dämpfe stiegen an den Seiten des Kolbens empor. Es begann darin zu sieden und zu treiben, stärker und immer stärker. Dann ertönte ein gewaltiger Knall. Ich empfand einen heftigen Schlag gegen mein linkes Auge, so daß ich zu Boden stürzte und das Bewußtsein verlor. Aber als ich wieder zu mir kam und mich aufrichtete, lag in der Asche vor dem Kamin mein Augapfel mit langen blutigen Fasern daran, als habe eine gewaltsame Hand ihn mitsamt den Nervensträngen herausgerissen.

Aber ich achtete des Schmerzes nicht; ich beugte mich über die Retorte, deren Hals abgebrochen war. Da leuchtete es auf ihrem Boden wie rote Feuersglut.

Und siehe da – das neue Licht – das neue Licht war angezündet!

»Und nun«, sagt der Mönch und wendet sich nach dem Kamin um. »Ich sehe, ihr habt das Feuer angezündet – nun will ich euch zeigen – Euch, Petrus, meinem alten Lehrer – und euch, ihr edlen Männer der Wissenschaft und der Kirche – nun will ich euch die Macht zeigen, die in dem Duft der Blumen – im lapis philosophorum ist.«

Die Neugierde siegt über die Furcht; alle drängen sich um ihn.

In seinem dunklen Winkel berechnet Otto die Entfernung bis zum Kamin, aber er wagt es nicht. Denn der große Mann weiß ja nicht, daß er hier ist, daß er hier steht und alles mit anhört. Es ist ihm, als habe er sich seinen Platz erschlichen in dem Allerheiligsten der höchsten Weisheit. Und doch zieht es ihn hin, so daß er kaum ruhig stehen bleiben kann. Aber Bruder Galfred hebt die Hand und macht das Zeichen des Kreuzes über seinem Kopf und seiner Brust.

Der alte Petrus ergreift die Hand des Mönchs und sagt:

»Laßt mich nur Euer Adept sein, wie Ihr der meinige waret. Laßt mich den Blasebalg für Euch handhaben und Euch zur Hand gehen.«

Raimund lächelt; ruhig legt er dem Alten die Hand auf die Schulter:

»Ihr waret mir ein guter Lehrer.«

Nun beginnt er mit dem Experiment. Der Alte läßt sich, den Blasebalg in den Händen, auf die Knie nieder, und bald lecken hohe rote Feuerzungen unter der Essenhaube hervor. Ein Schmelztiegel wird aufgesetzt, Petrus legt einen Bleiklumpen hinein, und nachdem dieser geschmolzen ist, schöpft Petrus auf einen Wink des alten Mönchs mit einem Löffel das geschmolzene Blei in eine Schale auf einen Dreifuß über das Feuer. Nun beugt der Mönch sich vor, bläst die Flammen auseinander und betrachtet prüfend das geschmolzene Blei. Dann zieht er die Flasche mit dem neuen Licht aus seiner Kutte und zählt ein paar Tropfen in einen kleinen Becher.

Nun hält er den Becher über die eine Schale, und im Namen der heiligen Dreieinigkeit gießt er dessen Inhalt hinein.

Nun wirft er sich auf die Knie nieder. Petrus und die andern folgen seinem Beispiel und knieen im Kreise um ihn. Die Hände vor dem Gesicht betet er, und alle andern verdecken ihre Augen und beten. Mittlerweile beginnt es in der Schale zu kochen und Blasen zu treiben.

Der Mönch steht auf und die andern mit ihm, alle treten näher. Die Neugier treibt sie bis zu der Schale vor.

So stehen sie eine endlos erscheinende Minute unbeweglich da.

Otto weiß nichts mehr von sich selbst. Gegen seinen Willen hat es ihn hingezogen, das große Wunder, das nun vollbracht werden soll. Die Mauer entlang ist er zum Kamin hingeglitten. Aber niemand hat ihn beachtet.

Da erhebt Petrus die Arme in großer Erregung.

»Herr Jesus Christus!«

Goldene Adern ziehen sich wie Schlangen über das Blei hin.

Entzückt beugt Otto den Kopf über die Flammen.

»Seht – seht – das goldne Haar!«

Wer sprach da! – Kam es vom Himmel herab!

Alle haben sich erhoben.

Vor ihren von den Flammen geblendeten Augen ist es, als schwebe Ottos Antlitz frei über dem Feuer ohne Hals und ohne Körper, aus dem neugeborenen Gold herausgestiegen und von den Flammen getragen, wie eine spielende Kugel von den Wassern eines Springbrunnens getragen wird.

Otto wird sich der stummen Bestürzung um sich her bewußt. Hastig richtet er sich auf und weicht gegen die Mauer zurück.

Aber Raimund tritt zu ihm und ergreift schnell seinen Arm. Sein eines glühendes Auge ruht auf ihm, als wolle es durch Fleisch und Blut hindurchdringen. Otto fühlt diesen Blick, als treffe er eine brennende Wunde in seinem Gesicht.

»Wer seid Ihr?«

»Ich bin Otto.«

Seine Lippen beben vor Erregung, und als Raimund die großen blauen Augen aus dem mageren Gesicht angstvoll und bittend auf sich gerichtet sieht, wird er ganz ruhig. Er betrachtet den feinen Bogen der Schläfe, der unter dem braunen lockigen Haar hervortritt, sieht die schmale Nasenwurzel und die langen, geraden Brauen unter der gewölbten Stirne – die feinen Nasenflügel, die sich bewegen, wie die eines edlen Pferdes, das sich vor einer Gefahr entsetzt bäumt.

»Kommt Ihr, um Euch Weisheit zu erstehlen?« fragt der Mönch.

Gegen diesen entehrenden Verdacht streckt Otto beschwörend beide Hände aus.

»Ich kam, um den mächtigsten Mann der Welt zu sehen.«

Raimund zögert mit der Antwort. In diesen großen, seltsam funkelnden Augen ist etwas, das ihn anzieht.

»Dann seid Ihr nicht zu dem Rechten gekommen, ich bin nur sein Adept. Und was wolltet Ihr denn von dem mächtigsten Mann der Welt?«

»Um mein Schicksal bitten.«

»Wie sollte ich Euch das geben können?«

»Ihr leset in den Sternen, wie andere in den Büchern lesen.«

Nun überwältigt ihn die Spannung und Erregung vollständig. Er beugt sich vor und faßt die Hand des Mönchs mit seinen beiden, dann schaut er zu ihm auf mit einem Blick, der auf dem Punkt ist, in Tränen auszubrechen.

»Ich bitte Euch – sagt mir mein Schicksal!«

Langsam zieht Raimund seine Hand zurück. Noch einmal gleitet sein Blick forschend von Kopf zu Fuß. Dann legt er seine Hand auf Ottos Schulter und sagt:

»Kommt!«

Er geht nach dem Turm hin, Otto folgt ihm.

Die Wendeltreppe hinauf gehen sie, bis sie auf der flachen Zinne des Turmes stehen, wo sich der Himmel in dem stillen Abend hoch und dunkel und sternenklar über ihnen wölbt.

In der Mitte der Turmzinne bleiben sie stehen, denn es ist kein Geländer da.

Otto zittert am ganzen Körper. Es ist ihm, als schwebe er frei in der Luft, als werde er an der Seite des Fürsten des Goldes hinaufgetragen zu dem dunklen Himmelsgewölbe. Tiefe Andacht überkommt ihn, und er fühlt den Drang, niederzusinken und zu beten; aber er tut es nicht.

Raimund schaut zu den Sternen auf; lange bleibt er stumm.

»Wann seid Ihr geboren?« fragt er mit gedämpfter Stimme, als stehe er in einer Kirche.

»Am elften Februar.«

Der Mönch wirft einen hastigen Blick auf Ottos weißes Gesicht mit den großen Augen, die hier in der Dunkelheit wie zwei glänzende Perlen leuchten.

Otto errät seinen Gedanken.

»Ist dies ein böser Tag?« fragt er leise.

Der Mönch bewegt den Kopf, aber Otto kann nicht unterscheiden, ob er bejaht oder verneint.

»In welchem Jahr und zu welcher Stunde?«

»Vor einundzwanzig Jahren – eine Stunde vor der Frühmesse.«

Otto ahnt, warum Raimund zögert.

»Sagt es mir,« bittet er leise, »sagt es mir nur! Ich kann es ertragen.«

»Ihr wißt wohl, daß nicht die Sterne es sind, die Euer Schicksal bestimmen?«

Otto weiß nichts, aber er nickt doch.

»Sie beeinflussen nur, bestimmen nichts mit Notwendigkeit. Das Schicksal liegt tief in dem eigenen Herzen des Menschen. Er selbst kann es bilden, wenn er will

»Sagt es mir nur!« bittet Otto noch einmal und tastet nach der Hand des Mönchs, die auf dem goldenen Strick ruht.

»Genau kann ich dir dein Schicksal nicht sagen. Dazu müßte ich die Stunde deiner Empfängnis wissen.

Als deine Mutter dich empfing, wo war da ihr Gedanke – wonach stand das Begehren deines Vaters? – Denn der Stern, der in jenem ewigen Augenblick deiner Mutter Gebet beeinflußte, und der Stern, der deines Vaters Begehren beherrschte – sie sind es, die deinem Stern in demselben Augenblick, wo er angezündet wurde, seinen Platz anwiesen.

Aber ich will dir sagen, was ich in deiner Geburtsstunde sehe.

Du bist im Zeichen der Jungfrau geboren. Die Sonne und der Kopf des Drachen standen beisammen in dem vierten Zeichen des Tierkreises. Das bedeutet, daß du aus einem Königsgeschlecht stammst.

Du bist bei Vollmond geboren. Der weibliche Mondschein leuchtete über deinem Land und über deinem Scheitel. Aber der Mond trägt die tote Falschheit des Weibes in seinem Gesicht, und schwere Anfechtungen hängen über deinem Haupt.«

(»Das ist Sara!«)

»Hüte dich vor dem Montag – das ist der Tag des Mondes – und hüte dich vor der Zahl sieben! Wenn diese dich in ihren Kreis bannt, dann sinkst du von dem Hohen zum Niederen herab.

Saturn, der Unglücksbringer, ging in der Stunde deiner Geburt im Zeichen der Zwillinge auf. Schadenfroh starrte das fahle, mürrische Auge auf deinen soeben angezündeten Stern. Wache über deinen Händen – über beiden! Es hängt ein Unglück über ihnen, das ich nicht entziffern kann – nicht jetzt, aber in der Ferne, da hängt es. Es sind Wunden an deinen Händen. Und doch –

Der gewalttätige Mars mit seinem heißen, verdorrenden Hauch hat ein Kreuz auf deinen Weg gelegt. Er droht dir mit Feuer und Schwert in deiner Todesstunde.

Und doch ist da –

Jupiter verbarg sein mildes Lächeln unter dem Horizont, als graute ihm vor deinem Schicksal.

Und doch – aber was es ist – das kann ich nicht sehen.

Nur Venus mit ihrer ruhigen Schönheit umhüllte dein Herz mit ihrem stillen Glück. Aber hüte dich vor der Hülle! Der Schleier ist so zart wie Spinnengewebe; unsichtbar ist er, aber fest wie Venus selbst auf ihrer Bahn. Ein Spinngewebe, in dem deine Seele die Fliege ist. Sie fühlt sich angezogen, getragen, will sie aber wieder hinaus auf ihre eigenen Wege, dann ziehen sich die Fäden zusammen, ihre Sinne verwirren sich. Im Krampfe zieht sie die Bande fester um sich zusammen.

Hüte dich vor dem Weibe!«

(»Das ist Sara.«)

Es ist, als stocke sich das Blut in seinem Herzen. Und doch kann er nicht aufhören. Er muß wissen – will wissen –

»Sagt mir, was ist mein Schicksal in diesem Augenblick – in dieser Nacht!« fleht er.

Aber Raimund hört ihn nicht. Er starrt hinauf an den Himmel, als schwebte seine Seele an den Strahlensaiten, die zwischen den Sternen und seinem Auge gespannt sind, auf und ab.

»Am schlimmsten ist der Saturn. Er ist dir gram. Einer aus deinem Geschlecht hat ihn erzürnt – oder der, der mächtiger ist, als er, und dem er gehorchen muß.

Er lauert dir auf, und er hat die bösen Geister der Nacht in seinem Sold. Sie wimmeln in Gestalt kriechender Tiere um deinen Fuß und deinen Körper. Noch nie habe ich solches gesehen. Es ist, als griffest du blindlings nach ihnen, um dich zu wehren.

Hüte dich vor den schwarzen, schnellen Tieren mit den langen Schwänzen. Und wenn du sie fassest, dann halte sie fest – laß sie nicht los! Der Tod sitzt ihnen in den Augen – greife sie und übergib sie der reinigenden Glut des Feuers, damit sie nicht Wohnung fassen in den Seelen deines ganzen Landes.

Und doch – nun sehe ich es –

Ein wunderbares Glück – ein ewiges Glück.

Jupiter hebt sich über den Horizont in der elften Stunde deines Lebens. Er erbarmt sich über dich, von einem Größeren gerufen. Er kämpft mit Saturn um deine Seele – und siehe, er wird siegen. Er entzündet das ewige Licht seines großen Glücks über deinem Tod.

Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Einer war auserwählt, und er rettete alle.«

Plötzlich wendet sich der große Mann ganz zu Otto. Er legt ihm die Hände auf die Schultern, neigt sein Gesicht dicht zu ihm und heftet sein eines glühendes Auge in die seinigen, als wolle er dessen Blick in Ottos Seele stempeln, daß er ihn nie vergessen könne.

»Otto – Prinz Otto – wenn du an Hoheit zunimmst, wenn du in deinem großen Glück sitzest, dann denk an mich! Rufe mich zu dir, zu deinem Land, wenn du König bist. Nun ziehe ich weg von hier, aber wie ferne ich auch sei, ich werde kommen. Gold werde ich dir schaffen, das mächtig ist, wie der Ton in deinem Boden. Zusammen wollen wir es benützen gegen die Feinde Christi. Das Land seiner Geburt und seines Lebens wollen wir ihrer Gewalt entreißen. Ich habe ja meine Seele dafür verpfändet, Otto – hörst du mich – dies soll der Lohn für meine Mühe sein. Denn das Kreuz an deinem Himmel steht dort zur Rettung vieler und zu dem Preis dessen, der größer ist als du und ich.«

Den Arm um Ottos Schulter gelegt, steigt der große Mann – der Mönch mit dem goldnen Strick um den Leib – von der Zinne des Turms herab. Zusammen gehen sie das kurze Stück der endlosen Treppe hinab – der Mönch zu seinem Gold und Otto zum Fuß der Treppe.

Jeder seinem Schicksal entgegen.

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