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Der König aller Sünder

Laurids Bruun: Der König aller Sünder - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer König aller Sünder
publisherAxel Juncker Verlag
printrun3.-5. Tausend
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150609
projectid7c7938d7
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XVI. Das Kreuz

Nun ging die Sonne unter. Die Dunkelheit brach an, und still wurde es ringsum auf den steinigen Pfaden.

Die Ratten kommen aus ihren Löchern; sie richten die zurückgebogenen Bartborsten wieder auf und schnuppern mit der spitzigen Schnauze nach den tausenderlei Duftwogen der Abendluft. Dann zieht jede ihres Wegs. Die eine hat unter der Mauer ein Loch fertig zu nagen. Eine weiß eine halbverfaulte Apfelsine unter Blättern versteckt, die die Betenden neulich in dem öden Garten mit den alten Bäumen verloren.

Dort läuft eine die Mauer entlang. Sie läuft langsamer als die andern; denn sie ist trächtig. Ihr Bauch berührt den steinigen Boden, und wo es steil aufwärts geht, muß sie ausschnaufen. Nun erreicht sie die Stelle, wo sie gestern war; aber das Aas ist verschwunden.

Da hat wohl der verdammte Schakal, der vom Gebirge herabkommt und um Mitternacht hier vor der Mauer heult, eine Gelegenheit gefunden, hereinzukommen – ja, man hat vergessen, das Gitter dort drüben zu schließen; er hat das Aas geraubt. Sie ist hungrig; der ungeborene Wurf plagt sie in den Gedärmen. Sie nagt an der Rinde eines Ölbaums: doch das ist nur schlechte Kost für so viele Leben.

Still! – Hufschläge ertönen auf dem Bergpfad da unten. Sie kommen näher und näher – den steilen Pfad langsam herauf.

Nun bewegt sich das Tor. Die Ratten rasen davon, jede in ihr Loch; aber der trächtigen gelingt es nur, sich zu verstecken.

*

In Joppe liegt ein Kauffahrteischiff, das Otto von Amalfi mitnahm, so daß er doch schließlich die heiligen Stätten erreichen konnte.

Niemand wollte ihn begleiten auf dem kühnen Ritt – jetzt, wo die Muselmänner jeden Fleck des alten Kreuzfahrerlandes besitzen. Selbst in Joppe, im Hafen, vor den Felsen draußen ist es nicht sicher für ein Kauffahrteischiff, und wenn sie erst die Fracht an Bord haben, dann warten sie nicht auf ihn, sie hissen die Segel bei günstigem Wind und stoßen in die See.

Morgen vor Mittag muß er zurück sein, denn da ist die Ladung an Bord, und sie sind fertig.

Sechs Stunden lang ist er geritten – zuerst über die Ebene Saron, dann über die harten, steinigen Felsen. Die Hufe des Pferdes sind wund von den scharfen Steinen, er selbst aber spürt keine Müdigkeit.

Als er die Türme von Jerusalem im Abendschein in der Ferne erblickte, da verschwand seine Müdigkeit, seine Furcht – da sahen seine Augen nur das wunderbare Bild, die blutenden Wunden der Zinnen; und seine Hände begannen zu zittern. Und als die Sonne hinter seinem Rücken ins Meer sank und sein und des Pferdes Schatten so lang wurden, daß er deren Köpfe zwischen den felsigen Hügeln nicht mehr wahrnehmen konnte, da wurden die Zinnen dunkel, und ein seltsamer Schauder überlief ihn bei dem eiskalten Hauch der Nacht.

Dann ritt er Jerusalems Mauern entlang gegen Norden über die verbrannten, harten Felsen.

Da drin, hinter diesen Toren liegt in der Gewalt der Heiden das heilige Grab und der Leidensweg. Lang und düster stehen die Mauern da und versperren den Weg. Vor dem alten Tor im Nordosten hielt er das Pferd an und versuchte über die Mauer zu schauen an einer Stelle, wo sie geborsten war. Aber gleich ertönten die schweren Tritte der Wache innen – auf und ab vor der schwachen Stelle in der starken Mauer – und er ritt weiter.

Nun ging der Mond über dem Gebirge auf und warf sein gedämpftes, schwaches Licht durchs ganze Tal Josaphat zu seinen Füßen. Seine schmale Sichel leuchtete auf den gemauerten Gräbern da unten. Dann ritt Otto Schritt für Schritt auf dem gewundenen Pfad ins Tal hinunter – an den Gräben vorbei, die in den Felsen gehauen neben und übereinander liegen.

Nun ragt vor seinen Augen der Ölberg auf, den seine Hand berühren kann, auf den der Huf seines Pferdes tritt.

Hier auf diesem Pfad hat er gewandelt. Hier hat er sich umgewandt und den Töchtern Jerusalems zugerufen, daß sie doch die Zeit ihrer Heimsuchung erkennen sollten. Aber sie erkannten sie nicht.

Otto stieg vom Pferd, damit sein Fuß denselben Fleck Erde berühre, auf den Jesus getreten hat.

Den Kopf auf den mondhellen Weg gebeugt, führte er das Pferd am Zügel. Er hatte das Gefühl, als steige bei jedem Tritt eine Weihrauchwolke auf, es war ihm, als woge bei jedem Tritt der Pfad unter ihm von ewigen Strömen des Wohlgeruchs.

Da oben – die hohe Mauer um die alten Ölbäume her, die ihre Zweige trauernd auf die nackte Erde herunterneigen – sicherlich – ist da der Garten jener Nachtwache – Gethsemane.

Nein – dieselben Bäume sind es nicht – ihre Väter waren es; aber vielleicht ist es dieselbe Mauer, die den Wanderer nun stumm begrüßt, sie, die ihn geschaut hat in jener späten Stunde, wo er den schweren Kampf mit dem Tode kämpfte, er, der die Auferstehung und das Leben ist.

Otto bindet das Pferd an einen überhängenden Baum neben der Mauer. Seine Hände zittern, so daß er die Zügel kaum in einen Knoten schlingen kann.

Langsam öffnet er die Pforte, die angelehnt ist; und als sein Fuß die nackte Erde unter den alten, trauernden Bäumen betritt, deren Schatten im Mondlicht beben, da zittert er am ganzen Körper, daß er sich kaum aufrecht halten kann.

Hier – in diesem Erdloch, hat auch sein Fuß gestrauchelt. Hier an diesen Baum hat auch er sein glühendes, von der Nähe des Todes beschwertes Haupt gelehnt. Hier auf dem runden Platz vor den drei alten Bäumen – hier hat auch er gekniet, sich Gott zugewandt und sein Antlitz in den Händen vergraben.

Nun wirft er sich nieder und schlägt die Hände flach auf die Erde, als wolle er sie umarmen, und seine Lippen küssen den kalten, harten, stummen Mund, der die Tränen des Heilands getrunken hat, als er, den Tod im Herzen, betete.

Schweißtropfen perlen auf seiner Stirne. Es ist ihm, als schwebe er frei in der Luft, und er streckt die Hände nach den drei trauernden Bäumen aus und fleht mit geschlossenen Augen:

»Herr Jesus! – Sieh, ich bin gekommen, die Erde zu küssen, auf der dein Fuß gewandelt hat – mit Lebensgefahr habe ich den weiten Weg zurückgelegt, daß du dich über mich erbarmest und mir gnädig seiest für alle meine Sünden.

Lieber Heiland, ich bitte für meines Vaters Seele – erlöse ihn aus dem Feuer um deiner großen Barmherzigkeit willen! Rechne ihm das nicht zu, was er gegen dich gesündigt hat! Sieh – ich habe ihm, als er von hinnen fuhr, das heilige Gelübde abgelegt, daß ich das ewige Pfand seiner Seele lösen wolle, obgleich ich es nicht kannte.

Herr! mach mich nicht meineidig an deinen blutigen Wunden! – Herr, höre mein schmerzliches Gebet! Befreie ihn von der Schuld und gib ihm den ewigen Frieden.

Du Gottes Sohn – hörst du mich nicht? – Bin ich zu gering, um zu deinen Füßen zu knien?

Ja – ich weiß es – ich sagte mich los von dir in jener Nacht in der Kapelle; aber du, der alles sieht, du weißt auch, daß ein böser Geist über meinem Leben schwebt, und bisweilen fährt er in mich, und ich muß seinen Willen tun.

Herr, habe Barmherzigkeit! – hilf mir, du geliebter Heiland, um deiner Mutter willen – auch ich hatte eine Mutter, die mich mit Schmerzen gebar. Befreie mich von dem bösen Geist! – Treibe ihn aus aus meiner Seele – weit hinaus in die Finsternis, wohin seine Seele gehört!

Und dann bitte ich noch, du Herr und Gott, der du der eingeborene Sohn Gottes bist, sowohl der älteste als der jüngste – ich bitte für Cara, die kleine Cara – für sie, die ich von Jugend auf geliebt habe, obgleich ich es nicht wußte, bis es zu spät war. Ja, ich führte sie in Versuchung. Ja – ich weiß es – ich habe deinen heiligen Altar geschändet. Und doch, du ewiger Gott, warum willst du ein irdisches Vergehen anrechnen? – Du, der du in die Zukunft, die Gegenwart und in die Vergangenheit schaust – warum willst du nur den einen schuldigen Augenblick rechnen? – Du, der in den Herzen liest – lies die vielen Gebete, die ich gebetet habe – lies die guten Gedanken, die ich gedacht habe – lies die edlen Vorsätze, die ich in meinem Leben gefaßt habe, und wirf mir in der Ewigkeit nicht die kurze zeitliche Sünde vor!

Herr, gib mir ein Zeichen, daß du mich erhörst.«

Lange betet er. Der Mond erhebt sich langsam über die Mauer, über die Wipfel der Bäume – und noch immer betet er. Der Mond erreicht den Gürtel des Orion, er leuchtet im Zeichen der Jungfrau – und noch immer betet er. Er verschlingt den sauren, fahlen Saturn, der auf Böses lauert – verschlingt ihn in seinem Licht, aber noch immer liegt Otto am Boden und betet.

Er fühlt nicht, daß ihn die Knie schmerzen auf dem harten Boden; er fühlt nicht, daß er keine Speise genossen hat, seit er am Mittag ausritt – daß seine Kehle vor Durst zusammengeschnürt ist. Er weiß selbst nicht, was für Worte er betet. Diese Worte leben ihr eigenes Leben; sie empfangen in der Stille und bringen neue Worte hervor, neue Gebete, die aus seinem Munde aufsteigen, ohne daß er deren Wege kennt.

Da wird es hell über den alten Bäumen: ein schwaches, dämmerndes, bläuliches Licht flimmert zwischen ihnen. Wie lebendige Geister wogt es um die herabhängenden Blätterbüschel. Die Bäume erheben ihre trauernden Wipfel und recken ihre Zweige nach oben und nach der Seite. Es sind keine Bäume, es sind drei große Kreuze.

Und sieh! – auf dem mittleren Kreuz – da taucht nun das auf die Seite geneigte Haupt unter der Dornenkrone auf und die braunen Locken, die über den mageren Hals hängen.

Der schmerzlich verzogene Mund öffnet sich langsam. Und siehe – nun schlägt er die Augen auf – welch ein voller, ein herrlicher Blick!

Dann löst er die Arme vom Kreuz. Die Hände zieht er aus den Nägeln, er streckt sie Otto entgegen und zeigt ihm seine Wunden.

»Sieh« – sagt er, »diese schlug mir dein Vater.«

Dann wendet er den Kopf dem linken Kreuze zu.

Da hängt der Räuber mit gesenktem Kopf, die Unterlippe vor Schmerz herabgesunken, große Falten in der rauhen Haut des Halses – und das Haar dünn und zerzaust um die eingesunkenen Schläfen. Es ist sein Vater; und der Schmerz, der durch dessen Körper zittert, ist so groß, daß keine Worte es auszusprechen vermögen. Aber das Kreuz zur Rechten ist leer; denn Christus sagte: »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.«

»Herr, erlöse ihn um deiner ewigen Liebe willen!«

Aber der Heiland schaut lange auf ihn herab. Er kann die Deutung dieses Blicks nicht lesen – so wundervoll ist er in seiner Fülle, mächtig und streng und liebevoll zugleich.

»Herr, sag mir, was ich tun soll, um sein ewiges Pfand zu lösen und sein Feuer zu löschen?«

»Wenn du die Seele deines Vaters lösen willst, was willst du dann tun für die Seelen, die um der Sünden willen brennen, die aus seinen Sünden gezeugt sind?«

»Herr, ich verstehe dich nicht.«

»Was willst du tun für die, die bei meinem Namen falsch geschworen haben, und die, wenn sie vor meinem Angesicht stehen, sagen: ›Herr, ich gehorchte nur dem, den du auf Erden über mich gesetzt hattest?‹ – was tun für die, die ihrem Bruder nach dem Leben trachteten, weil dies der König vorher getan hatte? – was für die, die unrecht taten um Gold und Geschenke und auf den König deuten und sagen: ›Er, den du mir zum König gabst, hat mich das gelehrt?‹ – Denn so zeugen die Sünden eines Königs wieder Sünden in den Seelen des Volkes, und mein Vater war barmherzig gegen dich, daß du nicht König wurdest.«

»Herr, wenn es möglich ist, will ich alle einlösen. Sage mir, was ich tun soll!«

»Dann mußt du mein Kreuz nehmen, und es auf deinem Rücken durchs Land tragen.«

»Herr, wenn es möglich ist – ja – ja!«

»Dann mußt du dir Nägelmale in deine Hände schlagen lassen.«

»Ja – ja!«

»Dir mit dem Speer in die Seite stechen lassen.«

»Ja, ja – es geschehe also!«

Nun leuchten die mächtigen Augen; wie funkelndes Feuer strahlen sie ihm entgegen.

»Ja, dann will ich die Seele deines Vaters aus der ewigen Glut erlösen. Um deiner Liebe willen will ich gegen dein Volk barmherzig sein. Seuche und Krankheit will ich ihm durch dich senden. Ich will sie auf Erden schlagen, um sie in dem ewigen Reich zu verschonen.«

Nun zieht er die mageren Füße aus den Nägeln, und siehe – nun steht er hoch aufgerichtet im Mondschein auf dem weißen Boden. Dann winkt er den Engeln des Himmels. Leise schweben sie herab, ohne Flügelrauschen. Und sie lösen den Strick um den Räuber am Kreuz, der Ottos Vater ist; sie ziehen die Nägel aus seinen Händen und Füßen.

Nun schlägt der Räuber die schweren Augenlider auf und sieht Otto an – unaussprechlich friedevoll ist dieser Blick; und seine Lippen bewegen sich, aber die Worte haben keinen Ton. Dann schwebt er in den Armen lichter Engel zum Himmel empor.

Aber Christus hebt das Kreuz – das mittlere – mit der Wurzel heraus und legt es auf die Erde. Dann nimmt er Otto bei der Hand; aber Otto beugt sich auf das Nägelmal und bedeckt die wunde Hand mit Küssen und mit Tränen.

Da legt Christus ihm seine Hand auf den Scheitel und sagt: »Nun treibe ich den Bösen aus deinem Körper aus und gebe dir mein Kreuz zu tragen. Ich will dich zum König aller der Sünder machen, die du auf deinem Wege treffen wirst, aber in deiner letzten Stunde will ich dir die Krone des Lebens geben. Denn die Weisheit der Welt ist eine Torheit bei mir, und die Weisheit des Fleisches ist der Tod.«

Dann legt er Otto auf das Kreuz, hebt den Arm mit dem Hammer, setzt den Nagel auf dessen linke Hand und sagt:

»Du böser Geist, fahre aus für immer!«

Und er schlägt den Nagel durchs lebendige Fleisch.

Otto greift in bittrem Schmerz mit seiner rechten nach der linken Hand.

Da erfassen seine Finger etwas Haariges und Geschwollenes – etwas Lebendiges.

Ein häßlicher Schrei –

Er fährt auf.

Sieh – er hält den bösen Geist in der Hand. Er fing ihn, als er aus dem Nägelmal herausfuhr.

So war es also kein Traum. Christus schlug ihm die Wunde in die Hand, aus der das Blut träufelt und aus der das Tier ausgefahren ist.

Es sieht böse aus mit der schwarzen Haut und dem geschwollenen Bauch, die glänzenden Augen starren ihn teuflisch und doch ängstlich an – und höre, wie es schreit. Noch nie hat Otto solch ein böses Tier gesehen.

Er will die hungrige, trächtige Ratte, die ihn in die Hand gebissen hat, während er leblos auf dem weißen Boden lag, wegwerfen.

Aber in diesem Augenblick erinnert er sich an die Worte des Bischofs Raimund.

»Wenn du das schwarze Tier Die schwarzen Tiere. Die Ratten, die schwarzen und die braunen, sind erst in dem späteren Mittelalter, durch Einwanderung und auf Schiffen, nach Nordeuropa gekommen, wo sie bis dahin unbekannt gewesen waren. fängst, dann wirf es ins Feuer, damit es nicht in andern Seelen Wohnung nehmen kann.«

Was soll er tun? – Christus ist verschwunden. Kahl liegt der Garten mit der Mauer hinter den alten, trauernden Bäumen im Mondschein da –

Und sieh, nun graut der Tag über den Bergen! Schnell muß er von dannen, sonst erreicht er das Schiff nicht zu rechter Zeit. – Das Pferd schüttelt den Kopf in der Kälte der Nacht.

Was soll er tun? – Woher Feuer nehmen, um das draufzuwerfen, was sich in seiner Hand windet? – Er muß es mit sich nehmen bis aufs Schiff. Dort kann er ein Feuer anzünden und es verbrennen. Im Futtersack des Pferdes hinter dem Sattel – ja, da will er das böse Tier aufbewahren, das ihm nichts mehr tun kann.

Nun steht er auf.

Ach – wie es drückt, das Kreuz!

Den ganzen Rücken hinab, ja bis in die Knie schmerzt es – in den Knien besonders; sie sind steif und tun ihm bitter weh!

Er schleppt sich zu seinem Pferd hin. Dann greift er zurück auf seinen Rücken, um zu fühlen, ob es noch da ist.

Unsichtbar für menschliche Augen, unfühlbar für seine menschliche Hand hat er es gemacht, der Erlöser, damit niemand außer mir und ihm wissen soll, was ich auf dem Rücken trage.

Leise lächelt er vor sich hin, und als er sich wieder in den Sattel setzt, sinkt das Pferd in die Knie. Das arme Tier, das nun auch noch das Kreuz tragen muß!

Er reitet den Weg zurück, den er gekommen ist, und erreicht das Schiff vor Mittag. An Bord angekommen, sinkt er um vor Müdigkeit und Hunger.

Das Schiff lichtet den Anker und steuert ins Meer hinaus.

Aber zwei Tage nach dem langen Ritt ergreift Otto das Fieber.

Das Nägelmal in seiner linken Hand schwillt an, und unter der linken Achselhöhle zeigt sich eine häßliche Beule, die ihm über alle Maßen weh tut. Und an seinem ganzen Körper zeigen sich schwarze Beulen.

In hohem Fieber liegt er an Bord des Schiffes; im Fieberwahn schlägt er um sich und spricht von dem Kreuz, das ihn niederdrücke, so daß er sich nie mehr erheben könne. Aber am achten Tag, als die Schiffsleute ihn schon für tot halten, brechen die Beulen auf und fließen von Eiter und Gift, so daß ihn niemand anzurühren wagt.

Als er wieder gesund ist, sucht er den Futtersack seines Pferds hervor. Da sieht er, daß das böse Tier sich durchgebissen hat und entflohen ist. Lange sucht er nach ihm auf dem Schiff; aber er kann es nicht finden.

Manchmal fährt er nachts vom Schlaf auf, weil es ihm ist, als höre er die schrecklichen Schreie, aber wenn er umherspäht, ist das Tier nirgends zu sehen.

Dann wird einer von der Schiffsmannschaft krank; auch er bekommt die häßlichen Beulen. Otto erschrickt; denn sicherlich ist es der böse Geist, der dies von seinem Versteck aus bewirkt hat. Aber wie er auch sucht und beschwört – es hilft alles nichts.

Der Mann stirbt. Er ist schwarz im Gesicht, als der Tod eintritt, und riecht entsetzlich von den giftigen Beulen. Die Mannschaft wirft ihn über Bord.

Aber nach ihm wird noch ein Mann krank. Auch er stirbt und wird über Bord geworfen.

Lange kreuzt das Schiff bei Gegenwind. Und als es endlich den Süden von Italien erreicht und den Hafen von Amalfi aufsucht, der fünf Jahre vorher von der See zerstört worden war, da erhebt sich ein Sturm, der es wild ins Meer zurücktreibt, und wieder schwankt es bei Wind und Wetter auf der offenen See.

Das Fahrzeug ist der Gnade des Sturms preisgegeben.

Als es die Küste von Spanien erreicht, jagt es der Wind durch die Straße von Gibraltar. Es wagt nicht, dem Ufer nahe zu kommen, denn die Seeleute fürchten, es möchte an den scharfen Felsenriffen zerschellen.

Portugals Land sehen sie im Abendschein leuchten; aber bei dem heftigen Sturm, der noch tobt, wagen sie nicht darauf zu steuern.

Nach Norden kreuzt das Schiff, und der Kapitän sucht Frankreich zu erreichen; aber der Wind vom Ufer her jagt es beständig wieder ins Meer hinaus.

Von der ganzen Mannschaft hat die böse Seuche außer Otto jetzt nur noch drei Mann übrig gelassen.

Da, eines Tags, erblickt Otto die Leiche des bösen Tiers, auf das er vergeblich Jagd gemacht hat, um es ins Feuer zu werfen. Er liegt auf dem Verdeck, die Beine sind alle ausgestreckt, der häßliche Körper wund und schwarz, wie die der kranken Männer. Er spießt es auf seine Klinge und wirft es ins Meer.

Gott sei Dank! Nun ist das Schiff endlich von dem Fluch befreit.

Aber eines Nachts, als er sich in seiner Koje aufrichtet, sieht er in dem flackernden Schein der Schiffslaterne unter dem Brett ein glänzendes Auge hervorstarren, das gerade auf ihn gerichtet ist. Und in der Nacht, wenn er erwacht, hört er ringsum ein Nagen und Beißen. Da versteht er, daß das Tier, ehe es verendet ist, eine böse Brut geworfen hat.

Wie die Sünde in dem Herzen eines Königs, so hat es seine Brut über das ganze Schiff verbreitet.

Da wird es Otto bitter Angst, und er betet, daß es ihm doch gelingen möge, die bösen Tiere schließlich zu fangen.

Zwei der Männer, die noch zurück sind – es sind kleine starke Seeleute von dem reichen Amalfi – werden nun krank. Schwarz im Gesicht liegen sie eines Tags tot auf dem Verdeck. Da werden auch sie von Otto und dem dritten, der noch übrig ist, über Bord geworfen. Dieser dritte ist ein Spanier.

Die beiden letzten müssen sich nun selbst auf die schmalste Kost setzen. Denn nirgends ist eine Küste zu entdecken, nach welcher Richtung sie sich auch wenden. An der Kälte und an der Luft merken sie, daß sie sehr weit nach Norden geraten sind. Der Nebel über dem Meer und der kalte Regen kommen Otto heimatlich vor, und er vermutet, daß das Schiff in der Nordsee umhertreibt.

Dann erkrankt auch der letzte Mann und stirbt an denselben bösen Beulen, die zuerst Otto selbst und dann die andern ergriffen haben.

Nun ist Otto allein an Bord. Von den südländischen Früchten und dem köstlichen Wein, den das Schiff geladen hatte, ist nichts mehr da. Nur zwei Laibe Brot befinden sich noch in der Schiffslade.

Die Leiche des letzten Verstorbenen liegt noch auf dem Verdeck. Otto kann sich nicht überwinden, sie über Bord zu werfen, denn der Mann, mit dem er so lange allein war, ist ihm lieb geworden wie ein Freund, obgleich einer des andern Sprache nicht verstand.

Da sieht er eines Morgens drei von den bösen Tieren auf der Leiche sitzen; das eine nagt an der schwarzen Wange, das zweite hat sich durch das Wams hindurch in die Weiche gebohrt, und das dritte frißt von der Hand.

Er fährt auf die Tiere los, um sie mit seinem Schwert aufzuspießen, aber sie entwischen ihm, und er sticht nur in den toten Körper hinein. Da nimmt er die Leiche auf zwei Ruder, spricht ein Gebet über ihr und versenkt sie ins Meer. Wie lange es noch dauern wird, das weiß nur Er, der nach seinem Willen mit ihm verfahren ist, Er, der ihm das schwere Kreuz aufgelegt hat, das ihn nie verläßt und das ihm schon den Rücken gebeugt hat.

Wieder bricht ein Sturm los. Die Wogen sind so hoch wie die Häuser in Vordingborg und werfen das Schiff umher wie einen leichten Ball. Otto muß sich an die Reling und an den Mast anklammern, um über das Verdeck zu gelangen, und beständig hört er, wie sie nagen, die bösen Tiere; aber nie kann er eins erwischen.

Ein langer, grauer Streifen taucht gerade vor seinem Auge auf. Starr ruht sein Blick darauf, durch Wogenschaum und Regennebel hindurch.

Ja, Land ist es, was dort vor ihm auftaucht.

Nun reibt das Boot an einem Felsen und fährt in die Brandung hinein. Und wieder reibt das Schiff gegen etwas Hartes, daß es in allen Planken zittert.

Dann wird es aufgehoben; eine mächtige Woge nimmt es in die Arme und wirft es mit Gewalt gegen ein hohes Riff unter dem Wasser.

Es sitzt fest; das Wasser schlägt über den Schiffrand und ganz hinauf bis zur Spitze des Mastbaums.

Es wogt und es schwankt – es ächzt und kracht, und nun schlägt das Meer die Seitenwand hinein.

Das graue Wasser dringt brausend durch das Loch, es füllt das Deck und den Schiffsraum. – Otto steht bis an die Knie im Wasser.

Und dort vor ihm – ganz nahe – liegt das Land mit offenen Armen. Wenn er es doch erreichen könnte!

Wieder stürzt eine Woge am Hintersteven daher. Er sieht, wie sie näher kommt. Nun greift sie zu, hebt das ganze Schiff auf und wirft es so auf die Seite, daß sich alle Planken lösen.

Otto wird von dem Wogenschwall ergriffen; hastig klammert er sich an eine Planke an, die neben ihm schwimmt. Die Woge trägt die Planke in ihren Armen davon.

Aber wie er mitgerissen wird, sieht er, daß der Schiffsmast in dem brausenden Schlund umsinkt und wie eine Lanze in einer offenen Wunde – hört er plötzlich den häßlichen Schrei, den er so gut kennt, –

Und siehe! – da auf der Planke, beinahe im Bereich seines Armes, sitzen drei von den bösen Tieren, festgeklammert mit ihren spitzigen Krallen, und schreien laut in die Luft hinaus.

Herr Jesus – nun werden sie ans Ufer getragen! Wenn sie nun auf der Planke gerettet werden, dann jagen sie weit ins Land hinein, werfen ihre böse Brut unter die Menschen, machen Wohnung in deren Seelen und schlagen ihre Körper mit giftigen Beulen.

Er läßt sie nicht aus den Augen, während sie da auf der Planke sitzen.

Diese wirft ihn im Bogen aufs flache, sandige Ufer, ganz hinein auf die weiße Düne. –

Er bohrt seine Hände in das scharfe Dünengras und klammert sich mit aller Kraft an. Und die Planke schwimmt auf der Woge ohne ihn zurück; aber sein Ordensmantel, der ihm lose über die Schulter hing, hatte sich an einem Nagel im Balken festgehakt und wird nun mit hinausgerissen.

Er ist gerettet, aber da, neben sich, sieht er, wie sich die schwarzen Tiere an die Düne anklammern. Zwei von ihnen reißt die Woge mit sich zurück, aber das dritte hat sich im Gras festgebissen und entgeht den Fangarmen der Wellen.

Rasch steht Otto auf. Noch kann sein Auge dem schwarzen Körper auf dem weißen Sand folgen.

Er läuft ihm nach, so schnell er kann, um es zu ergreifen, aber plötzlich entschwindet es seinem Blick.

Nicht verlassen wird er diesen Ort, ehe er sie gefunden und getötet hat!

Er irrt auf der Düne umher, der Richtung seines Laufs und seinen Spuren nach. Unter einem Hügel entschwand es seinen Augen, aber auf der andern Seite des Hügels findet er die Spur seiner Krallen und kann sie da unten, wohin kein Wind kommt, eine Strecke weit verfolgen.

Da ertönen Stimmen in seiner Nähe.

Es sind Mönche in grauen Kutten. Sie sind in den Dünen mit etwas Schwerem beschäftigt, das sie drehen und wenden.

Nun versteht er einzelne Worte. Es ist dänisch. Also ist es Jütlands Küste, die er mit Gottes Willen erreicht hat.

Er nähert sich den Mönchen. Er will sie um Hilfe und Auskunft über den Weg bitten. Da sieht er, daß das, womit sie sich beschäftigen, Leichen von Seeleuten sind, von einem andern Schiff, das im Sturm zerschellte, die ans Ufer geschwemmt worden sind. Die Mönche plündern die Leichen.

Einer der Schiffbrüchigen lebt noch. Er richtet den Kopf auf und schaut sie aus angstvollen Augen flehend an.

Da ertönt plötzlich die Vesperglocke ganz in der Nähe.

Der Mönch hält inne in seiner Arbeit, beugt sich tief hinunter und verrichtet sein Angelusgebet. Dann macht er da weiter, wo er aufgehört hat. Er hebt seinen schweren Spaten und schlägt dem Schiffbrüchigen damit auf den Kopf, daß er zerschmettert wird. So ernten die Mönche die Saat, die das Meer vor die Pforten des Klosters schwemmt. Der Zehnte, den das Meer gibt, ist mehr wert als der des Bauern auf der sandigen Küste. Und manchen kostbaren Schatz aus den fränkischen Landen hat das Kloster in Verwahrung.

Entsetzt entflieht Otto dem bösen Schicksal, das seiner wartet, wenn die Mönche ihn sehen. Und er hält nicht an, ehe er so weit ins jütische Land hineingelaufen ist, daß das Brausen des Meeres nur noch wie das Rollen eines schweren Wagens in der Ferne tönt.

Dann geht er vor die Häuser der Armen, bittet um Brot und fragt nach dem Weg. Und sein Rücken beugt sich unter dem schweren Kreuz, das er trägt.

Seine Füße sind wund vom Wandern. Die Zunge klebt ihm am Gaumen vor Durst von dem Geschmack des salzigen Wassers, der ihm noch im Gaumen sitzt. Da sieht er in der Ferne die weißen Mauern eines Klosters.

Er kennt dieses Kloster nicht. Aber er will sich hinschleppen und ans Tor klopfen. Als der arme, elende Pilger, zu dem Gott ihn gemacht hat, will er mit dem schweren Kreuz auf dem Rücken niederknien und um Fußwaschung und Pflege bitten, was kein Kloster dem Elenden, der darum bittet, verweigern darf.

Die Pförtnerin schaut zum Guckloch heraus und fragt, was er wolle.

Er bringt sein Anliegen vor. Verdrießlich betrachtet sie mit ihren schlaftrunkenen Augen seine nassen, zerrissenen Kleider und seine gebeugte Gestalt.

Dann schließt sie auf und führt ihn in die Torstube.

Da wartet er auf der Pritsche, während sie die Schwester ruft, die die Aufgabe hat, den barmherzigen Samariter zu machen.

Diese tritt in die Stube. Sie hat ein blasses Gesicht, aber ihre Augen leuchten mild in großer Liebe.

Und als sie, das Wassergefäß neben sich, niederkniet, und den wunden Fuß entblößt, da erkennt er die weiche, schlaffe Hand, die langen Wimpern an den gesenkten Lidern und die zarte Farbe der samtweichen Wange.

»Cara«, sagt er leise und beugt seinen Kopf auf das schwarze Tuch über ihrem Haar!

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