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Der König aller Sünder

Laurids Bruun: Der König aller Sünder - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleDer König aller Sünder
publisherAxel Juncker Verlag
printrun3.-5. Tausend
year1920
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150609
projectid7c7938d7
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Zweites Buch.

IX. Der Gnadenstoß

»Was sollte dann aus Vater werden?« fragt Karen und schaut aufmerksam nach dem Torturm, wo die Sonne auf den roten Mönchsteinen brennt.

»Ihr könntet alle Tage für seine Seele beten«, sagt Meister Fulbert, und sein Blick gleitet über den runden Hals mit der weichen Haut bis unter das Lockengekräusel am Nacken.

Karen beobachtet den Rundlauf des Pferdes dort unten. Der »Schloßfalke«, wie ihr Vater genannt wird, hat eine junge, helle Stute in der Reitschule.

Nun zieht er die lange Halfter an.

»Hallo!« Und das Pferd wirft den Kopf zurück.

Er berührt dessen Vorderbein mit der Reitgerte, gibt ihm dann einen leichten Schlag, und die Stute geht in Galopp über.

Die Tür zum Brauhaus ist offen. Da drinnen steht Inger über den Kessel gebeugt, so daß ihr der Dampf um das von der Hitze aufgedunsene rote Gesicht wogt.

Der Schloßfalke nickt ihr zu. Sie trocknet ihre Arme an ihrer Schürze und tritt mit einem Becher Bier heraus. Es ist der vierte seit dem Frühstück.

Fulbert folgt der Richtung von Karens Blick.

»Glaubt Ihr nicht, daß Euer Vater der Fürbitte bedarf?«

»Meint Ihr, weil er mehr trinkt, als ihm gut ist?«

»Darum und wegen anderer Dinge.«

Nun denkt er gewiß an das Gerücht, daß Inger nachts bei ihrem Vater liege. Aber die Mutter starb ja schon zu König Eriks Zeiten, als die Eltern noch in Vordingborg wohnten. Und ein Mann könne sich nicht länger als ein gutes halbes Jahr vom Weibe enthalten, sagt Maren. Fulbert ist wohl auch nicht besser. Wenn er dürfte, würde er mich gewiß in seine Arme nehmen, der sauertöpfische Weißschopf, der!

Sein Blick brennt sie auf der Brust unter dem Halstuch, das sie der starken Hitze wegen aufgebunden hat. Wie sie sich so ans Fenster lehnt und hinausschaut, kann er gewiß ein gutes Stück hineinsehen.

Sie errötet, dehnt die Brust und legt ihre weiche, schlaffe Hand darüber, deren runde Finger an Elfenbein erinnern.

Das sollte er nur wissen – Meister Fulbert, den er so schlecht leiden konnte.

»So seid Ihr also des seligen Lebens gewiß, wenn Ihr tot seid? Ihr werdet also mit den strahlenden Engeln Gottes auf den großen grünen Gefilden Reigen tanzen?«

»Heiratet man im Himmel?«

»Nein, das tut man nicht. Im Himmel ist kein irdisches Begehren mehr in Eurem Herzen. Aber goldgestickte Kleider bekommt Ihr – himmelblaue, wie die der Mutter Gottes auf dem Gemälde in der Kapelle drüben – und einen goldenen Strahlenkranz um Euer schönes Haupt. Trompeten klingen, und Geigen und Flöten tönen sanft durch die Luft.«

So – dort steht die Hühnermagd Ane und schäkert mit dem Gärtner Jokum – er hält sie in der Ecke des Schuppens fest, und einstweilen läßt sie das Tor offenstehen – nun trippeln alle Hühner im Garten umher. Sieh, das kleine braune Huhn, wie es nach der vollen Erbsenschote hüpft!

Karen beugt sich zum Fenster hinaus.

»Ane, treibst du Possen am hellen Tag? – Mach, daß du die Hühner aus den Erbsen jagst!«

Karen lacht über Anes schwerfällige Sprünge in den großen Holzschuhen. Und Jokum schaut erschrocken nach oben, als sei die Stimme vom Himmel gekommen.

Ja, die sind vergnügt – die beiden zusammen – und Vater und Inger – und Jesper und Maren – und alle.

Nur ich – ich allein – ich stehe hier am Fenster bei dem sauertöpfischen Domherrn.

Sieh, wie er seine schweißigen, mageren Finger mit den abgebissenen Nägeln um sein Brevier preßt, als habe er allerlei im Sinn.

Wenn er mich küßt, schlage ich ihm mit der Hand ins Gesicht, daß ihm die Lust schon vergehen soll.

Ach ja – nun bin ich volle sechzehn Jahre alt – aber was nützt es mir, wenn sich nirgends ein Vergnügen für mich findet. Maren sagt auch: ›Nun seid Ihr sechzehn, Jungfer Karen, nun seid Ihr eine erwachsene Jungfrau, ja, ja –‹

Ach, wie müde ich bin! – Sie streicht ihr krauses Haar, das warm und feucht ist, an den Schläfen zurück, und schaut weit über den Garten, über die Linden und über den Graben weg – bis hin zum blauen Sund mit den weißen Wolken, die dort draußen spielen.

Kehrt er denn nie wieder zurück?

»Hallo, Inger!«

Das ist sein fünfter Becher! Vor Mittag ist er betrunken.

Und alles ruht auf mir. Dann kommt Maren: »Jungfer, der Teig will nicht gehen!« Dann kommt Jesper: »Die Jungfer soll befehlen, daß jemand für die scheckige Prachtstute, die ein Geschwür bekommen hat, Breiumschläge kocht.« Und dann der und der. Dann flucht der Vater über das schlechte Wetter und wird wieder gut und küßt und streichelt mich und nennt mich seine kleine Schloßtaube. Wenn er mich nicht hätte, würde er aus diesem verfluchten Schloß ausziehen und den Tod im Kriege suchen, sagt er. Denn das Leben sei es nicht wert, daß man es lebe.

Nie – nie kehrt er zurück. Er hat die kleine Cara vergessen. Hätte das Belials-Pferd ihn, den jungen König Erik, nicht abgeworfen, so daß er nach einem Monat starb, dann hätte er den Königsnamen nicht erhalten, um hochmütig darauf zu werden. Und nun, seit er aus des Glatzköpfigen Gefängnis ausgelöst ist, liegt er in Nyborg und führt Krieg mit Knud Porses Witwe auf Kalundborg, so sagt Vater – und schenkt mir nicht einen Gedanken.

Seinetwegen könnte ich gut in ein Kloster gehen. Wäre es nicht darum, daß ich ihm nicht gerne nachgebe, dem blondköpfigen Rutenmeister, dann – Und so hat er überdies einen übelriechenden Atem – pfui – ich glaube fast, er ist bis an den Hals voll giftiger Säfte.

»Woran denkt Ihr, Jungfer Karen?«

Sie antwortet nicht, schlägt nur nach einer Fliege, die sie am Ohr kitzelt.

»Wißt Ihr, daß Ihr seit einem ganzen Monat nicht gebeichtet habt?«

»Was könnte so ein junges Ding wie ich zu beichten haben? Meint Ihr, ich hätte Gelegenheit zum Sündigen? Kommt vielleicht irgendein junger Geselle hierher aufs Schloß, mit dem ich schäkern könnte?«

Herausfordernd sieht ihn Karen durch die dunklen Wimpern unter den halbgesenkten Lidern von der Seite an.

»Ihr sündigt in Gedanken«, sagt Fulbert zornig, und seine blassen Augen werden groß und lüstern, während sie in ihre vollen grauen schauen, die wie mit hundert sehnsüchtigen Stimmen zu locken scheinen.

»Meint Ihr?« reizt sie ihn auf. »Würde es Euch gefallen, meine sündigen Gedanken zu wissen?«

»Für die Sünden, die Ihr nicht beichtet, könnt Ihr durchaus keine Absolution erlangen, das wißt Ihr doch wohl?«

»Ach ja, ja – ich bin eine große Sünderin. Heute morgen zerriß ich mein neues Strumpfband – und nun stehe ich hier und verschwatze mit Euch die Zeit. Und seht – da guckt der alte Ole mit seinen halb erblindeten Augen zum Turm heraus und gackert um sein Vesperbrot.«

»Ihr neckt und verspottet Euren Beichtvater. Das schon ist eine Sünde, wißt Ihr wohl? Aber ich vergebe Euch, weil ich sehe, daß Ihr gegenwärtig nicht ganz wohl seid. Ihr habt dunkle Ringe um die Augen und Euer Blut –«

Karen errötet bis unter die Haare. Sie schlägt die Augen nieder und preßt die Lippen zusammen.

»Sorgt für Euch selbst. Für mein Blut will ich schon sorgen.«

»Aber seid Ihr denn besessen? – Darf ich nun nicht mehr für Euren Körper Sorge tragen? – Bin ich nicht der Arzt hier im Schloß?«

»Jungfer, nun ist der Teig gegangen – nun müßt Ihr kommen!«

Maren ist es, die drunten steht, den Unterleib vorgestreckt und ihre mehlbestaubten Hände in die Seiten gestemmt.

Ohne ein Wort zu sagen, geht Karen an ihm vorüber. Sie verbeugt sich vor ihm mit niedergeschlagenem Blick wie eine vornehme Jungfrau. Und Fulbert schielt mit seinen hellen Augen nach dem Liebreiz ihrer samtweichen Haut.

Lange schaut er ihr nach, während sie, die jungen Hüften hin- und herwiegend, dahinschreitet; und er preßt das Brevier in seinen Händen wie in leidenschaftlichem Gebet.

*

Karen steht in der Backstube, die Arme bis zu den Ellenbogen im Mehl, und formt kleine Kuchen.

Durchs offene Fenster von der andern Seite des Grabens her ertönen laute Hufschläge bis zu ihr herein.

»Hallo! – Ole, im Turm! – die Brücke herunter für den König!«

Es ist eine grobe, lustige Stimme, die Karen nicht kennt. Der König! – das ist gewiß nur ein Gefasel!

»Wollt Ihr einen alten Mann für Narren haben?« sagt Ole, indem er seinen weißen Kopf zum Loch herausstreckt und, die halb erblindeten Augen mit der Hand beschattend, den Reitern, die drüben halten, zuwinkt.

»Ihr seid ja nur drei oder vier Stück, soviel ich sehe. Der König – er reitet mit adligem Gefolge!«

»Wie, alter Ole – kennst du mich nicht mehr?«

»Herr Jesus Christus – seid Ihr es wirklich?«

Nun rasseln die verrosteten Ketten. Die Brücke senkt sich. Es dröhnt hohl unter den Hufschlägen. Nun klappert es auf dem Pflaster unter dem Torturm. Da reiten die Reiter in den Hof herein.

Ist das wirklich der König – der alte Mann mit den schiefen Schultern dort auf dem braunen Pferd? Sieh – wie er im Sattel schwankt mit seinen spitzigen Knien in den faltigen Strümpfen. Die Lippe hängt herab, und das lange graue Gesicht, mit dem dünnen Bart über den kurzen Hals herunter, ist voller Falten und Runzeln.

Heilige Jungfrau – ist das sein Vater?

Er läßt den Blick von Flügel zu Flügel gleiten. Nun denkt er gewiß an frühere Tage. Das eine Auge ist beinahe geschlossen. Ob er das Lid nicht heben kann? Das andere ist groß und ausdruckslos. Drei Reiter machen seine Begleitung aus. Ein großer schwarzer Mann – der mit der groben, lustigen Stimme, die Hand an die Seite gestemmt, als gehöre ihm der König und das Schloß dazu – und ein vom Bier aufgedunsener, blondhaariger Reitersmann mit großen, schläfrigen Augen, und noch einer in einem grünen Wams; das ist gewiß des Königs Jäger.

Und sieh den langhaarigen Jagdhund mit dem gesenkten Kopf dicht hinter dem Pferd des Königs! Er gleicht dem König – gerupft und grau.

Nun kommt Jesper vom Stall hergelaufen und nimmt Vater das junge Pferd ab, das er an der Halfter hält, während er mit rotem Gesicht und mit gespreizten Beinen, die Peitsche in der Hand, ganz verblüfft drein schaut.

»Willkommen, Herr König!« sagt er endlich und läuft zu dem Pferd hin.

Er hat eine Bierstimme. Nun merken sie gleich, daß er schon vormittags betrunken ist. Welche Schande!

»Hier kommen wir mit dem König von Dänemark, Bo Falk – der Graf von Aalholm schickt Gruß und Botschaft, daß Ihr ihn gut bewachen sollt, den hohen Gast.«

Er lacht so sonderbar in seinen schwarzen Bart hinter dem Rücken des Königs, der schlanke, hohe Reiter.

»Hier komme ich in Begleitung dieser guten Männer,« sagt der König und richtet seinen armen Rücken auf, »mit meinem Knappen und meinem Hund und meinem Pferd.«

Seine Stimme klingt wie ein zersprungenes Gefäß.

Nun reicht er Vater die Hand zum Kuß. Man muß ihm aus dem Sattel helfen – dem armen König!

So, nun steht er auf dem Boden. Sieh, wie er mit seiner großen, steifen Hand der Stute das Maul streichelt.

»Der Gaul muß mit einem wollenen Tuch abgerieben werden«, sagt der König, indem er über den nassen Hals des Tieres streicht. »Und Haber soll er bekommen, hört Ihr es, Bo Falk!«

»Jawohl, Herr König.«

»Marschall – hierher!«

Der Hund ist es, den der König ruft. Er schnüffelt im Burghof umher, als erkenne er die alten Orte wieder. Ha ha – sein Hund heißt Marschall!

»Nun wollen wir hinaufgehen. Ihr habt doch wohl etwas Gutes zu essen und zu trinken?«

Er legt den Arm um Vaters Schulter.

Lieber Gott – er schleppt ja das eine Bein wie eine lendenlahme Mähre!

Und das ist sein Vater – der alte König!

»Maren, schnell! – Es muß gebacken und gebraten werden! Der König ist da!«

*

Es ist Nacht. Längst hat Karen die übriggebliebenen Speisen aus dem Saal weggetragen. Sie ist, dem König und seinen Begleitern zu Ehren, in ihrem Sonntagsstaat.

Rostocker Bier und die Kannen mit Rheinwein hat sie aufgestellt und nun geht sie ab und zu und tut den Herren um den viereckigen Tisch Bescheid. Die Lichter stecken in hohen Leuchtern. Jeder hat seinen Becher und seine Kanne; und sie sind schon betrunken.

Hennike Breide – der hohe, schlanke Reiter mit dem schwarzen gestutzten Bart – zur Rechten des Königs – schlägt auf den Tisch und brüstet sich mit seinen Heldentaten vor Rendsborg, als er im Gefolge des Grafen war.

Zur Linken des Königs sitzt Bo Falk und lehnt sich gegen den hohen Stuhlrücken zurück. Die Beine hat er unter dem Tisch lang ausgestreckt, und seine beiden Hände hält er um den Becher. Weit offen und starr sind seine Augen nach der Decke gerichtet. Das trunkene Elend hat ihn schon übermannt.

»Birthe,« seufzt er zu dem Balkenwerk hinauf, »du warst mir eine gute Frau – ein herrliches Weib warst du – bete für mich, liebe Birthe!«

Er schüttelt seinen viereckigen Kopf und schluchzt.

»Ein recht erbärmlicher Kerl bin ich geworden – betrunken bin ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Aber das schwöre ich hier am Tisch: Morgen gebe ich Inger eine ordentliche Tracht Prügel. Dies Mensch ist es nicht wert, deinen Platz im Bett einzunehmen. Ach Herr Jesus – und du, heilige Mutter Gottes – schließet auf für mich, damit ich wieder mit dir, mit meiner kleinen Birthe, in den hohen Sälen« – er schluchzt – »des Himmelreichs den Reigen tanzen kann.«

Große Tränen rollen ihm über die dicken Wangen in den Bart.

Der König sitzt zusammengesunken in seinem Stuhl, den Kopf auf die Brust gesenkt. Sein langer Arm reicht bis auf den Tisch, und die Hand mit den aufgelaufenen Adern umklammert den Becher. Aber die Rechte hängt auf den alten Hund hinab, der sie mit seiner roten Zunge leckt und erwärmt. Der König starrt vor sich hin und flüstert:

»Ich will zu Bett! Nun will ich zu Bett!«

Bo Falk verbeugt sich ehrerbietig vor dem König.

»Jawohl, Herr König!« sagt er.

Aber er erhebt sich nicht, sondern richtet seinen nassen Blick wieder zu den Deckenbalken empor.

Dem König gerade gegenüber, auf der andern Seite des Tisches, preßt Johann Ellemose – der mit dem blonden Bart und den schläfrigen Augen – seinen Hängebauch gegen den Tisch. Unaufhörlich führt er den Becher zum Mund. Mit seligen Augen grunzt er allem, was am Tisch gesprochen wird, Beifall zu; er selbst aber spricht nichts.

Hennike Breide zieht Würfel aus seiner tiefen Tasche.

»Nun wollen wir würfeln!« ruft er.

»Ich will zu Bett!« flüstert der König; aber es blitzt doch in seinen großen unstäten Augen auf, und er streckt sein langes, bartloses Gesicht über den Tisch vor.

»Habt Ihr etwas, um darum zu würfeln?« fragt Hennike und sieht ihn höhnisch an.

»Ja freilich! Ihr habt ja das schöne Schwert, das Ihr kürzlich von Eurem Sohn bekamet; um dieses wollen wir würfeln.«

»Ich will zu Bett!« flüstert der König mit herunterhängender Lippe, während seine Augen die weißen Würfel auf dem Tisch verlangend ansehen.

»Zuerst Ihr, Herr König, wie es sich gehört.«

Der König nimmt die Würfel in seine Hand. Er schüttelt sie lange und wirft. Er wirft nieder.

»Ich will zu Bett!« sagt der König.

Hennike wirft.

»Zweimal sechs! Bei meinem Heiligen – das Schwert ist mein!«

»Die Würfel sind falsch!« sagt der König.

»Was sagt Ihr?«

Nun steht er auf, der hohe, schlanke Reiter, so daß der Stuhl hinter ihm wackelt.

»Hast du es gehört, Johann Ellemose – und Ihr, Bo Falk? Der König von Dänemark beschuldigt mich falschen Spiels.«

Dann deutet er auf den König, der den dicken Ritter mit seinen großen unstäten Augen anblitzt.

»König von Dänemark! – ha ha ha! hi hi hi!«

Ein gewaltiges Gelächter dröhnt gegen die Wände. Bo Falk zieht den Blick von der Zimmerdecke ab und schaut verwundert von dem einen zum andern.

Aber der König zittert am ganzen Körper.

»In den Turm mit ihm, Bo Falk!« ruft er, und die Stimme hat etwas von dem gellenden Klang der alten Tage.

Falk verbeugt sich ehrerbietig vor dem König.

»Jawohl, Herr König!« sagt er, aber er steht nicht auf.

» Mich in den Turm! ha ha ha! Hörst du es, Johann Ellemose?« ruft der hohe, schlanke Ritter. »Mich in den Turm!«

Aber plötzlich steigt ihm der Zorn ins Gesicht und in die schwarzen Augen. Er neigt sich vor gegen den König und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Wißt Ihr, wer hier befiehlt?«

»Wartet nur«, sagt der König, und zwei rote Flecken zeigen sich auf seinen langen Wangen. »Wartet nur! – ich habe Botschaft geschickt – morgen schon reitet er mit Rittern und Knappen auf den Hof – wartet nur!«

»Von wem faselt Ihr da? – Meint Ihr den Grafen?«

Der König schüttelt den Kopf und starrt vor sich hin, als flehe er sie an, doch jetzt zu kommen – sie, denen er Botschaft geschickt hat.

»Das Schwert gehört mir!« – Er schlägt sich auf die Brust, daß es dröhnt. – »Ich, Hennike Breide, der Sieger von Rendsborg – ich verlange mein Schwert. Werdet Ihr mir mein Schwert geben?«

»Nein!« schreit der König und zieht die Arme vom Tisch.

»Wißt Ihr, wer ich bin? Wißt Ihr, daß der Graf Euch in meine Gewalt gegeben hat?«

Nun ist er so betrunken, daß er aus der Schule schwatzt. Er fühlt nicht, daß Johann Ellemose ihn unter dem Tisch ans Bein stößt.

»Ich kann Euch in den Turm werfen, wenn ich will!«

Der König sieht ihn verwundert an. Dann wird ihm klar, was Hennike sagt. Er wendet sich an Bo Falk, der wieder in selige Träume versunken ist.

»Ist das wahr, Bo Falk?«

Falk verbeugt sich ehrerbietig vor dem König.

»Jawohl, Herr König.«

Nun sieht Hennike Breide ein, welche Dummheit er begangen hat. Er tut einen langen Zug in seinem Ärger, und um ihn zu verbergen, sagt er:

»Pfui Teufel, das Bier ist sauer!«

Bo Falk fühlt sich in seinem Innersten gekränkt. Er steht auf, legt die Hand aufs Herz und sagt:

»Das Bier, das in Nykjöbing bei Bo Falk getrunken wird, ist das beste Porschbier im ganzen dänischen Land.«

»Ich aber sage, es ist sauer! – Marschall – hierher!«

Des Königs Hund kommt herbei, als er laut mit Namen gerufen wird. Hennike bückt sich schnell, greift dessen Schnauze, drückt ihm die Kinnladen auseinander und spuckt ihm das Bier aus seinem Mund in den Schlund.

Der Hund reißt sich los und speit das Bier weit auf den Boden hin.

»Da seht Ihr, nicht einmal der Hund schluckt es.«

Aber Marschall steht mit gestelltem Kopf da und knurrt Hennikes Beine dumpf an.

»Knurrst du mich an, du gemeines Vieh!«

Er stößt mit dem Fuß nach dessen Schnauze, und der alte Hund fällt rückwärts auf den Boden: er schüttelt sich und sieht seinen Herrn an, als wolle er ihn um seinen Schutz bitten.

Der König steht auf. Er zittert und preßt die Knöchel auf den Tisch. Es wird ihm schwer, die Worte herauszubringen.

»Legt Ihr Hand an meinen Hund?«

»Nein, es war nur der Fuß, den ich an ihn gelegt habe, Herr König«, reizt Hennike ihn auf und streicht hochmütig seinen gestutzten Bart.

Wenn Ihr meinem Marschall in den Schlund zu spucken wagt, dann darf der König es wohl auch wagen, einem elenden Bauern ins Gesicht zu spucken.«

Und der König spuckt ihm ins Gesicht, so daß es ihm von der Nase in den Bart läuft.

Hennike springt auf, er will sich auf den König stürzen. Aber Bo Falk und Johann Ellemose halten ihn von hinten fest.

»Er soll mir den Speichel vom Gesicht lecken!« brüllt er – »der – auf den Knien soll er sein Leben aus meiner Hand betteln – der – zum Teufel, laßt mich los! – In den Turm soll er – der Bettelkönig! In Graf Johanns Namen befehle ich Euch, Bo Falk, den König von Dänemark in den Turm zu werfen! Das Reich hat er zerstückelt. Altes Erblehen hat er einem Geächteten gegeben. Land und Volk hat er verpfändet. Nun soll er in den Turm! – Seht, wie der Hund ihn leckt, den Lazarus!«

Nun bekommen Bo Falk und Ellemose die Oberhand. Sie zwingen ihn auf den Stuhl nieder und setzen ihm den Becher an den Mund; und er trinkt, während der Zorn das Bier in seiner Kehle gurgeln läßt.

Des Königs langes Gesicht ist kreideweiß.

»Marschall!« ruft er leise und zärtlich, als sei der Hund sein einziger Freund. »Mein alter Hund!«

Er zieht dessen Kopf an sich und läßt sich die Nase lecken.

Dann nimmt er den Krug vom Tisch. Mit der linken Hand faßt er den Hund um die Ohren und hält dessen Kopf von sich weg, während des Hundes Vorderpfoten auf der Kante seines Stuhls stehen.

Lange schaut er in die dunklen Augen mit dem wehmütigen Ausdruck. Dann läßt er plötzlich den Krug in seiner Rechten mit aller Kraft auf den Schädel des Hundes niedersausen. Man hört Knochen brechen.

»Nun wird dich keiner mehr um deines Herrn willen verhöhnen.«

Der Hund wälzt sich am Boden. Dann streckt er alle Viere von sich. Noch einmal hebt er den Kopf nach seinem Herrn in fragendem Schmerz. Dann fällt er zurück; der Hund ist tot.

Da faßt sich der König mit beiden Händen an den Kopf. Er fällt im Stuhl zurück, und seine Arme greifen in die Luft.

Alle eilen herbei. Der König ist dunkelrot: das große Auge, das nicht geschlossen ist, starrt blutunterlaufen geradeaus, und nun fällt der Kopf schräg auf die Brust herab.

Da fassen alle mit an und tragen ihn in das Bett, das vollständig gerichtet nebenan auf ihn wartet.

Bo Falk ist jetzt ganz nüchtern, und die beiden andern sind schweigsam.

Karen steht auf dem Altan mit großen angstvollen Augen, als Bo Falk aus des Königs Schlafkammer tritt, um zum Arzt – Meister Fulbert – zu gehen und ihn zu wecken.

Die Kerze in der Hand bleibt er stehen; er schämt sich vor seiner Tochter.

»Karen – meine Taube – ich konnte nichts dafür. Rate mir, was ich tun soll.«

»Schick Jesper noch heute nacht zu Pferd nach Nyborg und laß Prinz Otto holen.«

Bewundernd schaut Bo Falk auf und überlegt.

»Das ist ein guter Rat, Karen, ich werde ihn befolgen.«

Aber Karen wacht mit Fulbert in der ersten Nacht an des Königs Lager.

Er atmet schwer und röchelnd. Mit der linken Hand greift er beständig in die Luft, die rechte hängt, vom Schlag getroffen, schlaff und kraftlos herab. Das Auge starrt hilflos und ohne Bewußtsein geradeaus.

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