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Bjørnstjerne Bjørnson: Der König - Kapitel 7
Quellenangabe
typedrama
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAbsalons Haar ? Der König ? Ein Fallissement
titleDer König
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson Ausgewählte Werke
volumeZweiter Band
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid124bb4d1
created20070422
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Vierter Akt.

Zimmer wie im zweiten Teil des ersten Aktes. Grans Arbeitszimmer.

Erste Szene.

Gran steht rechts bei einem Schreibpult, Flink tritt mit einer Kassette unter dem Arm ein, die er vor sich auf den Tisch stellt.

Gran Bist du es?

Flink Wie du siehst. (Geht auf und nieder. Schweigen.)

Gran Ich habe dich nicht gesehen, seitdem du das letztemal hier bei mir warst.

Flink Nein. Du hast dir Weihnachtsferien gemacht?

Gran Ja. – Oder vielleicht bekomme ich auch für immer Ferien. Die Wahlergebnisse sind für uns ungünstig.

Flink (auf und ab schreitend.) Ich höre es. – Die Pfaffen, die Reaktion siegt.

Gran Das wäre anders gekommen, wenn nicht ihr unglückseliger Tod – – – (Er stockt; seufzt.)

Flink Ein Gottesurteil, sagen die Priester, sagen die Weiber, die Reaktion – –

Gran – und das Volk. Sie glauben es wirklich.

Flink (stehen bleibend.) Ja, glaubst du es nicht?

Gran (nach einigem Zögern.) Ich lege es jedenfalls anders aus – – –

Flink – – als die Pfaffen. Natürlich. Aber daß das Fatum der Geschichte hier gewirkt hat, wer kann das bezweifeln?

Gran Das Fatum – nahm die Gestalt ihres Vaters an? Flink. Ob ihr Vater ihr in ihrer Todesstunde erschienen – – –? Gleichgültig! Ich glaube nicht an solche Sachen. Aber an ihr gequältes Gewissen glaube ich. An dessen Angstbilder glaube ich.

Gran Ich habe zu ihrem Umgangskreis gehört und ich kann dafür einstehen, daß sie kein schlechtes Gewissen hatte. Sie ging mit Begeisterung an ihre Aufgabe. Das sagen alle, die sie kannten. Vor allem der König.

Flink Woran starb sie also? An der Begeisterung?

Gran An der allzugroßen Spannung. Die Aufgabe war zu schwer. Die Zeit ist noch nicht gekommen. (Wehmütig.) Unser Versuch mußte sterben.

Flink Da ist der Urteilsspruch! Er mußte sterben! Aber sie rief in ihrer Todesstunde: »Mein Vater!« Und ein halbes hundert Meilen entfernt starb er im selben Augenblick. Entweder sah sie ihn oder sie dachte sich ihn, ihr entgegentretend. Seine blutende, mißhandelte Krüppelgestalt, die ihr den Weg versperrte auf ihrem verbrecherischen Gange zum Thron – ist das nicht ein Bild der mißhandelten Menschheit? Sie erhebt sich gegen das Königtum, wenn es sühnen will – gerade dann. Seine Verbrechen durch Tausende von Jahren sind zu groß. Das Fatum ist unerbittlich.

Gran Also: sind wir jetzt des Königtums ledig?

Flink Wir sind des verräterischen Versuches ledig, es mit der modernen Gesellschaft aussöhnen zu wollen. Gott sei Dank! Im Bunde mit der Geistlichkeit und der Reaktion wird es jetzt wieder ungestört für seinen Untergang sorgen.

Gran Dann ist ja alles gut.

Flink So weit, ja. Aber es war eine republikanische Partei da, die aller Achtung genoß und die außerordentliche Fortschritte machte. Wo ist sie jetzt?

Gran Ich wußte, daß du deshalb kommst.

Flink Ich bin gekommen, um Rechenschaft zu fordern.

Gran Ich würde an deiner Stelle nicht so kommen – – zu einem besiegten, verwundeten Freund.

Flink Die republikanische Partei hat oft Niederlagen erlitten – niemals noch war sie der Verachtung preisgegeben. Wer hat es dazu gebracht?

Gran (der bis jetzt mit einem Federmesser gespielt hat.) Keiner von uns glaubt Verachtung zu verdienen.

Flink Wer verrät, verdient sie immer.

Gran Von hier bis zur Republik ist doch noch ein Stück Weges. Auch das muß gegangen werden.

Flink Man kann es wohl auch gehen ohne Verrat zu üben.

Gran Es ist meine feste Überzeugung, daß das, was wir getan haben, recht getan war. Es kann das erstemal mißlingen, auch das zweite und drittemal, aber es ist das einzige Richtige, was getan werden muß.

Flink Damit sprichst du dir dein Urteil!

Gran (aufmerksam.) Was meinst du damit?

Flink Da muß dafür gesorgt werden, daß solche Versuche nicht weiter gemacht werden.

Gran So. – – Jetzt beginne ich dich zu verstehen.

Flink Die republikanische Partei ist gesprengt. Für ein Menschenalter ist sie unwiderruflich der Verachtung verfallen. Aber eine Gesellschaft ohne republikanische Partei ist eine Gesellschaft ohne Idealität, ohne Wahrheitsdrang in ihrer Politik und nicht in der allein. Dafür trägst du die Verantwortung.

Gran Du erweisest mir zu große Ehre.

Flink Durchaus nicht. Dein Ansehen, deine persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten haben sie verführt.

Gran Höre jetzt ein Wort! Du überschätztest mich in der Hoffnung, die du in mich gesetzt hattest, du überschätzt mich jetzt in deinem Tadel. Du überschätzt die Wirkungen unseres Sturzes – – du kannst überhaupt nie anders, als über das Ziel hinausschießen. Darum bist du eine Gefahr für deine Freunde. Du verführst sie – im Glück ihre Tatkraft zum Übermut, im Unglück ihren Mißmut zur Verzweiflung. Deine grenzenlose Leidenschaftlichkeit verdunkelt deine kluge Einsicht. Du bist nicht berufen, über jemand zu richten, denn die Wahrheiten, die klar in deiner Seele liegen, wirbelst du im Kampfe in blinder Raserei durcheinander und dann verlierst du sie. Sie sind dann so wenig Wahrheiten mehr, daß sie in deiner Hand Verbrechen werden können.

Flink Ach, spare deine Künste der Logik. Denn die du kennst, habe ich dich gelehrt. Mein Sündenregister verkleinert das deine nicht – das ist meine ganze Antwort. – Ich stehe hier nicht im Namen der Wahrheit vor dir, ich spreche gar nicht solch große Worte. Nein, gerade als der leidenschaftlich Liebende, der leidenschaftlich Erzürnte frage ich dich auf dein Gewissen. Was hast du aus unserer Liebe gemacht? Wo ist die heilige Sache, die wir gemeinsam gefördert haben? Wo ist unsere Ehre, wo sind unsere Freunde, unsere Zukunft?

Gran Ich bringe deinem Schmerz Ehrfurcht entgegen. Aber solltest du sie nicht auch dem meinen entgegenbringen? Oder glaubst du nicht, daß ich jetzt leide?

Flink Man handelt nicht wie du gehandelt hast, ohne dabei unglücklich zu werden. Aber wir sind viele und haben Rechenschaft zu fordern. Antworte mir!

Gran Du – du, mein alter Freund, bist es, der das übernehmen will?

Flink Gott weiß, daß ich lieber einen andern an meiner Stelle sähe. Aber keiner hat so sehr das Recht sie zu fordern als ich – keiner hat dich geliebt wie ich. Meine Hoffnung war zu groß, sagst du. Ich wollte nur, nur, daß du treu sein solltest. Ich war so oft betrogen worden, aber in dir, in deinem steten Willen glaubte ich einen festen Bürgen dafür zu haben, daß so lange du lebst die Sache sich rein und edel erhalten würde. Mit deinem Ansehen war sie gestiegen, auf deinen Besitz war sie gestützt – sie bedurfte nicht allzuvieler Märtyrer. Du warst das Glück in meinem Leben; durch dich erhielt meine Seele ihre Kraft zurück.

Gran Mein Freund!

Flink Ich der Alte – du der Junge. Du warst eine einheitliche, harmonische Natur – – ich, ich sehnte mich danach, mich auf eine solche zu stützen.

Gran Flink – alter Kamerad.

Flink Jetzt stehst du da – gebrochen und alles in uns und um uns hast du zerbrochen, das ganze Leben hast du zerbrochen – für mich wenigstens.

Gran Sage das nicht!

Flink Du hast meinen Glauben an die Menschheit verraten, ja meinen Glauben an mich selbst. Denn ich ging ja fehl, auch das letztemal. Die Pulsader meines Lebens – – – ja, jetzt habe ich nur noch Rechenschaft zu fordern.

Gran Was willst du? Sage es!

Flink Du sollst vor meinem Angesicht mit der Waffe in der Hand stehen – du sollst sterben. (Schweigen.)

Gran (ohne eigentlich überrascht zu sein.) Dadurch machst du dich selbst am unglücklichsten, alter Freund.

Flink Du meinst, du wirst sicherer schießen? (Geht zur Kassette)

Gran Daran dachte ich nicht. Aber an dein Leben nachher. Ich kenne dich.

Flink (öffnet den Kasten.) Spare deine Sorge! Mein Leben nachher wird nicht lange währen. Du hast dafür gesorgt, daß ich im nächsten Menschenalter nichts habe, wofür ich leben könnte und eine spätere Zeit erreiche ich nicht mehr. Darum soll vorbei sein, was vorbei ist. (Er nimmt die Pistolen heraus.)

Gran Willst du hier – – –?

Flink Warum nicht? Hier sind wir ungestört.

Gran Der König schläft dort im Nebenzimmer. (Er zeigt auf die Tür neben dem Schreibpult.)

Flink (steht auf.) Ist der König hier?

Gran Er kam heute nacht.

Flink Nun, es wird ihn wecken; aber er wird ja so wie so geweckt werden.

Gran Das wäre schrecklich für ihn.

Flink So? – Um seinetwillen hast du mich verraten, in der ersten Stunde, in der du wieder mit ihm zusammentrafst Er hat Zaubermacht über dich. – So lasse ihn sehen und hören, was er getan hat. Hier! (Er bietet ihm die Pistolen.)

Gran Warte. Was du da sagst, macht mich schwanken Im Grunde genommen ist es also eine Rache? Nein, mißverstehe mich nicht! Ich suche keine Ausflüchte. Könnte ich wählen – nun, da wählte ich nichts lieber als den Tod. Das weiß auch der König. Aber ich frage, weil alles, was geschieht, eine vernünftige Ursache haben muß. Um eines so schlecht begründeten Rachedurstes willen stelle ich mich dir nicht gegenüber.

Flink (der die Pistolen auf den Tisch gelegt hat.) Ich hasse den Mann, der dich verführt hat, das ist wahr. Als ich die Gründe nannte, warum ich mich berechtigt fühlte, Rechenschaft von dir zu fordern, vergaß ich diesen vielleicht. Ich hasse ihn. Aber eines ist der Vollstrecker des Urteils, ein anderes das Urteil selbst. Und verurteilt bist du, weil du unsere Sache verraten hast – weil du sagst, es sei recht, so zu handeln. Der Nächste soll wissen, was das kostet. Es kostet das Leben.

Gran Gut.

Flink Die Pistolen sind geladen. Ich habe es selbst getan. Ich denke, du hast wohl noch etwas Vertrauen in meine Ehrlichkeit.

Gran (lächelnd.) Das habe ich auch.

Flink Eine ist geladen – die andere nicht. Wähle!

Gran Wie? – Nimm an, daß ich – – –

Flink Fürchte nichts! Gottesurteil – noch einmal. Du wirst nicht die scharfgeladene wählen. – – Wir wollen uns Brust an Brust gegenüberstehen!

Gran Du fällst das Urteil, besorgst die Herausforderung, die Wahl der Waffen, der Kampfbedingungen – – –

Flink Bist du unzufrieden mit ihnen?

Gran Keineswegs! Es ist mir alles höchst willkommen. Ohne Sekundanten. Gut. Aber der Platz?

Flink Der Platz? Hier.

Gran Schrecklich! Flink. Warum das? (Er hält beide Pistolen vor sich hin.)

(Eine Tür links öffnet sich leise, das stumme Mädchen erscheint, sieht was vorgeht und stürzt mit einem sonderbaren Versuch zu schreien auf Gran zu. deckt ihn mit ihrem Körper, umarmt ihn, liebkost ihn mit allen Anzeichen des größten Schreckens.)

Gran (beugt sich herab und küßt sie.) Du hast recht. Warum für graue Theorien sterben, wenn ich das Leben umfangen kann wie jetzt. Wer geliebt wird, hat doch noch etwas in der Welt. Ich will nicht sterben!

Flink Würdest du nicht geliebt, mein Freund, so könntest du ruhig weiter leben. Ein Aufschrei wird durch das Land gehen vom Königsschloß bis zur Hütte, wenn du erschossen bist. Aber gerade darum! Je lauter der Schrei, desto größer die Stille nachher. Und in dieser Stille spricht man dann das große Warum aus. – Das Volk soll nicht mehr betrogen werden.

Gran Schrecklich! Ich will nicht! (er hebt die Stumme wie ein Kind zu sich empor.)

Flink (tritt auf ihn zu). Du stehst nicht nur Theorien gegenüber – sieh mich an!

Gran Alter – – muß es sein?

Flink Es muß sein. Ich habe nichts anderes mehr.

Gran Aber nicht hier.

Flink Wenn es denn nicht hier geschehen kann, so komm' hinaus in den Park. (Er packt die Pistolen ein.) Du bist es mir schuldig!

Gran (zu dem Mädchen.) Du mußt jetzt gehen, meine Freundin.

Flink (mit der Kassette unter dem Arm.) Nein, lasse sie hier und komm' du mit mir.

(Alle gehen zur Tür, das Mädchen will nicht bleiben, es entsteht ein Kampf, bis Gran, nachdem er von ihr Abschied genommen, sie halb durch Bitten, halb durch Befehl bestimmt zu bleiben. Die Tür schließt sich hinter den beiden Männern. Sie wirft sich dagegen, die Tür ist schon von außen verschlossen. Sie fällt zu Boden, springt wieder auf, scheint sich zu besinnen, stürzt durch die Tür rechts, kommt sofort zurück, den König hinter sich herziehend; er ist unvollkommen und nachlässig gekleidet.)

Zweite Szene

Der König. Das Mädchen.

König Was ist geschehen? (Man hört einen Schuß.) Was ist das?

(Sie zieht ihn zur Haupttür. Er versucht vergeblich, sie zu öffnen. Sie stürzt zu einem Fenster, der König folgt ihr. Plötzlich wird die Tür von außen aufgerissen. Halbe tritt mit verstörtem Gesicht ein.)

König Was ist geschehen, Halbe? (Das Mädchen läuft hinaus)

Halbe Seine Excellenz der Minister des Innern – – – – –

König Was ist's mit ihm?

Halbe – ist getötet.

König Der Minister des Innern – Gran?

Halbe Ja.

König Gran getötet? Was sagst du da?

Halbe Daß er getötet ist.

König Gran? Unmöglich. Wo? Auf welche Weise? Ich hörte ihn ja sprechen. Jetzt – hier.

Halbe Getötet von diesem Graubart – diesem Weißhaarigen – dem Republikaner –

König Flink? Ich hörte auch seine Stimme –

Halbe Im Park. Ich sah es selbst.

König Du sahst es selbst? Feigling! (Er stürzt hinaus.)

Halbe Wer kann gegen einen Rasenden ankämpfen – (folgt ihm.)

(Die Tür steht offen. Man sieht einen Mann vorbeieilen. »Wo?« Einige folgen ihm. Dann kommt eine ältere Frau vorbei: »Herr Jesus!« Mehrere andere: »Gott, o Gott!« »Im Park, sagst du?« Von draußen hört man rufen: »Den Doktor! Holt den Doktor!« Man hört Türen öffnen und zuschlagen, Schritte auf den Treppen und Gängen, Rufe von verschiedenen Seiten und Entfernungen: »Im Park? Wer hat es getan? Er, der dort zum Wasser läuft. Ihm nach! Ihm nach!« Viele schreien: »Ihm nach!« Viele laufen vorüber. Draußen: »Holt eine Tragbahre aus der Fabrik!« )

König (allein, verstört, sprachlos. Endlich bricht er aus.) Welches glückliche Lächeln er hatte. Ganz so wie sie. Ja, es mag ein Glück sein! (Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen.) Auch er starb für mich. Die beiden Einzigen – (Er verhüllt sein Gesicht von neuem.) Das kostet es also, mich zu lieben? – Schnell, schnell. – Ja. schnell! Natürlich! Natürlich!

(Man hört die Schritte von vielen Menschen, »Hierhin.« »In das blaue Zimmer.« Weiber und Kinder kommen vom Gange herein, gehen durch die offene Tür links in das Nebenzimmer; mitten unter ihnen wird Gran auf einer Bahre getragen. Eine alte Frau geht weinend voran.

»Warum mußte er sterben?« hört man fragen. Das stumme Mädchen geht neben der Leiche. Allgemeines Wehklagen. »Er war so gut.« »Was hat er denn getan?« »Er war der beste Mann der Welt.«

König »Er war der beste Mann der Welt.« Und er starb um meinetwillen. Das ist der beste Triumph meines Lebens, der größte. – – Seid ihr jetzt beisammen? Wo seid ihr? – Gebt mir ein Zeichen! Oder ist das zu viel gefordert?

(Die meisten kommen wieder aus dem Nebenzimmer heraus und gehen wieder schluchzend vorüber, man hört Worte: »Er liegt schön und ruhig da.« »Ich kann es noch gar nicht glauben.« Als sie den König bemerken, schweigen sie, machen auch die nächsten aufmerksam und alle gehen so leise als möglich hinaus. Als die letzten vorbei sind, hört man die Stimme des Vogtes. »Liegt er hier?« Man antwortet: »Nein, oben in dem blauen Zimmer – dort.« Stimme des Generals: »Der Täter ist entkommen.« »Sie suchen im Wasser nach ihm.« General: »Im Wasser, hat er sich ins Wasser gestürzt?« Pastor: »Gräßlich.«)

Dritte Szene.

General. Großhändler Bang. Vogt. Pastor.

Alle in Winterkleidern tauchen im Gang auf, treten ein und gehen auf das blaue Zimmer zu. Der General stutzt, als er den König sieht, der bei dem Pult steht und Ihnen den Rücken zuwendet. Er hält die andern zurück und flüstert)

General Meine Teuren, ist das nicht Seine Majestät?

Alle Der König?

Vogt Sollte der König gekommen sein? Das müßte heute nacht gewesen sein.

Großhändler Laßt mich sehen – ich kenne ihn persönlich.

General (hält ihn zurück.) Das ist gewiß der König.

Vogt Wirklich?

Großhändler An dieser Bewegung erkenne ich ihn. Er ist es.

General Still! Gehen wir wieder leise hinaus. (Er geht in den Gang zurück.)

Vogt (ebenso.) Er ist tief bekümmert. Natürlich. (Sie stehen im Gang nebeneinander.)

Großhändler (folgend.) Erst jener Schlag, jetzt dieser.

Pastor (nachkommend, leise.) Gottesurteil.

König (auffahrend.) Wer? Was? (Sich umwendend.) Wer sagt das?

Alle (bleiben stehen, nehmen die Hüte ab und verbeugen sich.)

König Hier herein! (Sie kommen eiligst.) Wer sagte: Gottes Urteil?

General Verzeihen Eure Majestät, aber wir machten gerade einen Morgenspaziergang, ich bin zu Weihnachten hier bei meinem Freund, Großhändler Bang zu Besuch, der hier eine Fabrik hat, eine Filiale – – und da trafen wir den Vogt und den Pastor und gingen miteinander weiter, als ein Schuß fiel – hier. Ein Schuß. Wir dachten uns nichts besonderes dabei. Aber als wir näher kamen, sahen wir das Volk laufen und hörten Geschrei und Jammer. Jammer, ja. Wir stutzten natürlich und wir gingen näher. Natürlich gingen wir näher. Da erzählte man uns, daß Seine Exzellenz der Minister des Innern – –

König Was soll mir diese ganze Rederei? (General verbeugt sich.) Wer sagt: Gottes Urteil? – – (Schweigen.) So antwortet doch!

Vogt Der Herr Pastor – – glaube ich – –

König Und du hast nicht einmal den Mut, es mir selbst zu sagen?

General Seine Ehrwürden ist es vielleicht nicht gewohnt, vor einer erlauchten Persönlichkeit zu stehen.

Pastor Es ist das erstemal, daß ich die Ehre habe, mit Euer Majestät zu sprechen. Ich hatte nicht sogleich die genügende Fassung, um – –

König Aber zu solch' großen Worten hast du gleich genügende Fassung. Was meinst du damit: Gottesurteil? Ich frage dich: was meinst du damit?

Pastor Ich weiß wahrhaftig selbst nicht recht – das kam so – –

König Jetzt lügst du. Hier sagte jemand: Erst jener Schlag, jetzt dieser. Und darauf: Gottes Urteil.

Vogt So war es, Euer Majestät.

König Erst jener Schlag? Damit war wohl der Tod meiner Braut gemeint. Nicht wahr?

Großhändler. Pastor Ja, Euer Majestät.

König Und mit diesem Schlag, mein Freund, mein treuer Freund. (Bewegt.) Warum verurteilte Gott diese beiden zum Tod? (Stillschweigen.)

General Es ist sehr zu bedauern, daß wir gerade jetzt Euer Majestät unfreiwillig gestört haben, deren Gemüt natürlich tief erschüttert ist – –

König (unterbrechend). Ich frage: Warum verurteilte Gott diese beiden zum Tode? Bist du Priester, so stehe auch für deine Gedanken ein.

Pastor Ja, Euer Majestät, ich dachte, – ich meinte, daß Gott auf eine wunderbare Weise Euer Majestät aufhielt – –

General – gewünscht hätte aufzuhalten, meinen Sie wohl?

Pastor – auf dem Weg, den viele einen so unglücklichen, ich wollte sagen, so bedeutsamen für das Volk nannten – daß er Euer Majestät aufhielt – –

General (leise). Aufzuhalten wünschte – – –

Pastor – indem er Euer Majestät jene beiden nahm, welche – – jene beiden – – erst sie, die –

König Sie, die?

Pastor Die eine – –

König Eine. – – Eine Metze war, die auf den Thron wollte?

Pastor Das sind Ihre Worte, nicht die meinen. (Er trocknet sich die Stirn.)

König Gestehe, daß es sonst auch die Deinen sind!

Pastor Ich gestehe, daß ich gehört habe – daß man gesagt hat.

König Bitte Gott, daß du ein einziges Mal so rein sein mögest, wie sie in ihren täglichen Gedanken war. (Er bricht in Tränen aus. Heftig.) Wie lange bist du schon Priester?

Pastor Fünfzehn Jahre.

König Du warst also damals schon Priester, als ich ein unwürdiges Leben führte. Warum hast du damals nicht zu mir gesprochen?

Pastor Allergnädigster König ...

König Gott allein ist dein allergnädigster König. Keine Gotteslästerung!

Pastor Es ist nicht meines Amtes ...

General Der Herr Pastor ist nicht Hofprediger; er ist hier in der Gemeinde Priester ...

Vogt ... insbesondere für die Fabrikarbeiter.

König Und da ist es nicht deines Amtes, mir die Wahrheit zu sagen? Aber meine teuren Toten mit Gottesurteil und niedrigen Lügen zu überfallen, das ist deines Amtes?

Vogt Ich hatte die Ehre, einen der Dahingeschiedenen zu kennen. Der König zeichnete ihn durch seine Freundschaft aus – die größte Ehre, die einem Untertan widerfahren kann. Ich darf wohl sagen, daß ein edleres Herz, ein höherer Sinn, eine festere Treue kaum gefunden werden kann.

General Da sei es auch mir erlaubt, die Gelegenheit zu ergreifen, da mich der Zufall – ich glaube so unbescheiden sein zu dürfen, es auszusprechen – dazu zwingt, mich in die Trauer meines Fürsten zu drängen – für die das ganze Volk, insbesondere aber jene, die durch ihre hohe Stellung berufen sind, die Stützen des Fürsten und des Thrones zu bilden, eine tiefe Ehrerbietung fühlen – so sei es mir gestattet, diese Gelegenheit zu ergreifen und – ich darf wohl sagen, im Namen von Tausenden und Abertausenden – der Teilnahme Ausdruck zu verleihen, – dem ungeheuchelten Schmerz, der sich mit der Botschaft von diesem neuen Schlag, der Euer Majestät Herz getroffen hat, verbreiten wird. Sie wird aufs neue im Lande einen Schrecken erwecken, der es notwendig machen wird, mit der äußersten Strenge gegen jene Parteien vorzugehen, denen nichts heilig ist, nicht die Anwesenheit des Königs, nicht das höchste Ehrenamt des Landes, nicht der Frieden des Hauses – Parteien, deren bloße Existenz schon Aufruhr ist und die nicht länger geduldet werden sollten, sondern – als Feinde des Thrones und der Gesellschaft verfolgt werden sollten, bis ...

König Vergißt du nicht die Teilnahme, mein Bester?

General Die Teilnahme?

König Nicht für die Republikaner – aber für mich.

General Gerade die Teilnahme für Euer Majestät, die das ganze Volk fühlen wird, zwingt mich, jetzt die Gerechtigkeit anzurufen. Der Schrecken ...

König Kann benutzt werden?

General Ja. Kann man sich einen schlagenderen Beweis denken für die Sorge, die das Volk für seinen Herrscher nährt, als daß es von Angst ergriffen in dieser feierlichen Stunde aufschreit: Nieder mit den Feinden des Thrones!

König (abgewendet). Nein, für diese Lüge setze ich meine Nerven- und Muskelkraft nicht ein.

Vogt Ich muß mich ganz dem General anschließen. Das Gefühl der Liebe, der Dankbarkeit, der Hochachtung – –

General – das Erbe der Ergebenheit an Euer Majestät höchstselige Vorfahren – –

König Pastor, was will das besagen, daß meine Vorfahren höchstselig sind?

Pastor (nachdem er sich bedacht). Das ist eine ehrwürdige Redensart, Euer Majestät.

König Eine ehrwürdige Lüge, willst du sagen. (Stille.) (Das stumme Mädchen stürzt aus dem Zimmer links auf den König zu, dessen Knie sie in verzweifeltem Schmerz umfaßt.)

König Da kommt die Wahrheit! Und du kommst zu mir, weil du weißt, daß wir beide zusammen trauern – Aber ich weine nicht, wie du. Denn ich weiß, er ging lange mit dieser heimlichen Sehnsucht umher; er ist jetzt also glücklich. – – – Darum mußt du nicht so bitter weinen. Du mußt doch wollen, was er wollte. – O, der Schmerz in diesem Antlitz! (Er schluchzt laut.)

General (gibt den anderen ein Zeichen, sich leise zurückzuziehen. Sie tun es langsam. Der König sieht auf)

General In Ehrfurcht vor dem Schmerz des Königs wollten wir – –

König Still! Mit der Hand auf diesem Haupte, das wunschlos und hingebend an seinem Herzen ruhte, will ich Euch eines zur Erinnerung an meinen Freund sagen. (Das Mädchen schmiegt sich traurig an ihn.) Gran war der reichste Mann des Landes. Warum hatte er keine Furcht vor dem Volke? Warum glaubte er, es würde alles am Besen gehen, wenn es sich selbst regierte?

Großhändler Herr Gran war bei allen seinen großartigen Eigenschaften ein Phantast.

König Er hat nicht sein ganzes großes Vermögen geerbt. Einen großen Teil hat er selbst erworben.

Großhändler O, als Geschäftsmann war Herr Gran mit gutem Recht über alle Maßen berühmt.

König Und doch ein Phantast? Das ist unbedingt ein Widerspruch. – Du nanntest mich einmal den Schlüssel zu deiner Kasse?

Großhändler Ich erlaubte mir in aller Untertänigkeit diesen Scherz, der mir doch ernst war, vollkommen ernst.

König Warum erwartete er, der Tote, die Sicherheit für seine Kasse von unten – und nicht von oben? Weil er seine Zeit verstand. Die Selbstsucht hinderte ihn nicht daran. Das ist meine Leichenrede. – Stehe auf! Hast du verstanden, was ich gesagt habe? (Sie schmiegt sich schluchzend an ihn.)

Pastor Er war ein außerordentlicher Mann. Jetzt, wo Eure Majestät es aussprechen, erkenne ich es. Aber erlauben mir Eure Majestät darauf hinzuweisen, daß, wenn wir auch nicht das Glück haben so weit, so vorurteilslos zu sehen, wenn unser Gesichtskreis auch beschränkt ist, wir Eurer Majestät darum nicht minder treu sind! Nicht minder ergeben! Es ist meine Pflicht als Untertan, das jetzt zu sagen, da Eure Majestät es zu vergessen scheinen und auch zu vergessen scheinen, daß auch wir alles von Eurer Majestät Weisheit und Gerechtigkeit erwarten. (Er trocknet sich den Schweiß)

König Sonderbar. Er, der starb, sagte mir dergleichen niemals. Er hatte das größte Unternehmen des Landes. Als ich kam und ihn bat, es im Stich zu lassen, tat er das sofort. Und zuletzt starb er für mich. So war er. Geh, meine Freundin, zu ihm hinein. Du bist der Treue wahrstes, stummes Bild! Ich verdiene eine solche Wache nicht, aber um des Toten willen wird sie mir dennoch zuteil werden, wenn ich jetzt – (Er hält inne.) Ja, gehe jetzt nur dort hinein. Ob ich komme? Hörst du? – ich komme! So! (Er winkt ihr jedesmal, wenn sie sich auf dem Wege umwendet und wiederholt.) Gleich! So! Nur eine kleine Weile! Gehe jetzt!

Großhändler Verzeihen Eure Majestät, aber es ist hier fürchterlich heiß und dieser Druck in der Herzgegend macht mich ganz ängstlich. Würden Eure Majestät nicht erlauben, daß ich mich zurückziehe?

Vogt Eine Bitte, der ich mich in aller Untertänigkeit anzuschließen erlaube. Eure Majestät scheinen sich in heftiger Gemütsbewegung zu befinden und ich glaube, daß wir alle, wenn auch unfreiwillig, einen Schmerz vergrößern, der so natürlich ist bei dem edlen Herzen Eurer Majestät und dem großen Gefühl der Dankbarkeit gegen einen Freund, der – – –

König (unterbrechend). Still! Ein wenig Respekt vor der Wahrheit, die den Tod begleitet. Versteht mich recht: ich glaube von keinem von euch, daß er lügen will. Aber die Luft um den König infiziert. Darüber – ein paar Worte. Ich habe wenig Zeit. Aber ein Testament – –

Pastor Testament?

König Weder das alte noch das neue. Grüße, was sich hier im Lande das Christentum nennt, grüße es von mir. Ich habe viel an die Christenheit gedacht in letzter Zeit.

Pastor Das freut mich.

König Dieser Ton – – – geht mir durch Mark und Bein. – – Grüße, was sich hierzulande Christentum nennt, nein, strecke nicht deinen Hals vor und krümme nicht deinen Rücken, als käme jetzt die Quintessenz der Weltweisheit. (Für sich.) Kann es denn etwas nützen, ernst zu sprechen? (Laut.) Ihr seid doch Christen?

General Gott beschütze – – der Glaube ist ja außerordentlich wichtig – –

König Für die Disziplin. (Zum Vogt.) Und du?

Vogt Ich bin von meinen seligen Eltern – –

König So sind auch die selig? Nun, was ist's mit ihnen?

Vogt Sie hielten mich streng dazu an, Gott zu fürchten, den König zu ehren –

König – und deine Brüder zu lieben. Du bist ein Staatsbürger, Vogt. Das ist ja der Christ heutzutage. Aber du? (Zu Bang.)

Großhändler Ich habe in der letzten Zeit durch meinen Husten sehr wenig in die Kirche gehen können. In der ungesunden Luft –

König – schläfst du ein. Aber du bist Christ?

Großhändler Versteht sich.

König Und du bist es doch natürlich?

Pastor Mit Jesu Gnaden hoffe ich es zu sein.

König (mit den Fingern knipsend). Das ist die Formel, meine Jungen! So muß man antworten! – Also ihr seid ein Verband von Christen und es ist nicht meine Schuld, wenn ein solcher nicht ernsthaft nimmt, was das Christentum betrifft. Grüßt es also von mir und es soll jetzt ein Auge auf das Königtum haben.

Pastor Damit befaßt sich das Christentum nicht. Es prüft den inneren Menschen.

König Dieser Ton! – ich weiß, – sie untersuchen nicht die Luft, in der der Kranke lebt, sondern die Lumpen. Vortrefflich! Gleichviel – das Christentum möge ein Auge auf das Königtum haben. Es möge ihm die Lügen ausrupfen. Es möge ihm nicht zur Krönung in die Kirche folgen, wie der Affe einem Pfau folgt. Ich weiß, was ich in dieser Situation empfand. Ich hatte tags vorher eine Probe dazu abgehalten. Hahaha! – Frage das Christentum des Landes, ob es nicht an der Zeit wäre, sich des Königtums anzunehmen. Es dürfte doch kaum, so scheint mir, das Königtum als alles verführende Metze dulden, die die Gedanken aller Bürger auf den Krieg lenkt – der sehr gegen die Lehren des Christentums verstößt – und auf Kastenunterschiede, auf Luxus, auf äußeren Schein und Eitelkeiten. Das Königtum ist doch jetzt eine so große Lüge, daß es selbst den Rechtschaffensten zwingt, sich ihm mit Lügen zu nähern.

Vogt Aber das verstehe ich nicht, Eure Majestät.

König Nicht? – Du bist selbst ein rechtschaffener, ein braver Mann, Vogt.

Vogt Ich weiß nicht, ob es Eurer Majestät wieder beliebt, zu scherzen?

König Es ist mein voller Ernst, daß du ein außerordentlich rechtschaffener Mann bist.

Vogt Es macht mich sehr glücklich, diese Worte von Euer Majestät zu hören.

König Hast du einen Orden?

Vogt Eurer Majestät Regierung hat mich noch nicht für würdig befunden, ihr Augenmerk auf mich zu richten.

König Das soll gut gemacht werden. Verlaß dich darauf.

General Diese Worte aus Seiner Majestät eigenem Mund sind ja schon so viel wie die Ernennung selbst. Ich bin wirklich glücklich der erste zu sein, der gratulieren darf.

Großhändler Ich gratuliere gleichfalls.

Pastor Gestatten Sie es auch mir. – Ich hatte die Ehre, viele Jahre neben dem Vogt zu wirken, ich weiß, wie wohlverdient eine solche Auszeichnung ist.

Vogt Tiefgerührt bitte ich um die Erlaubnis, meinen Dank Eurer Majestät zu Füßen legen zu dürfen. Die Auszeichnung soll keinem Unwürdigen zuteil werden. – Man gibt das nicht gerne zu, aber ich bin ein aufrichtiger Mann und gestehe, daß es eines der höchsten Ziele meines Lebens gewesen ist, teilhaben zu können – –

König – an diesen Lügen. Gerade so meinte ich es. Solange selbst die Gedanken eines rechtschaffenen Mannes an solchem Tand hängen, hat das Christentum keine lebendige Kraft im Lande. Was den Orden betrifft, so bekommst du ihn gewiß von meinem Nachfolger. Also: Das Christentum möge sich mit dem Königtum auf einen Kampf einlassen. Und kann man ihm die Lügen nicht austreiben, ohne es zu töten, dann, tötet es.

General Eure Majestät!

König (wendet sich rasch zu ihm) Dasselbe gilt von dem stehenden Heer, der Schöpfung des Königtums. Ich glaube nicht, daß eine Einrichtung mit diesen großen Versuchungen – für den Ehrgeiz, mit all diesen unvermeidlichen Lastern und Unsitten geduldet würde, wenn das Christentum lebendig wäre. Weg damit!

Pastor Aber Eure Majestät!

König (wendet sich rasch zu ihm) Dasselbe gilt von der Staatskirche – gleichfalls eine Schöpfung des Königtums. Wäre hier im Lande ein starkes Christentum, dann stiege diese Seligkeitsverrechnung gen Himmel wie ein übler Geruch. Weg damit!

Vogt (vorwurfsvoll) Majestät!

König (zu ihm) Dasselbe gilt von den künstlichen Kastenunterschieden, von denen du mit Tränen im Auge sprichst. Ich hörte dich hier einmal. Diese Kastenunterschiede stützen sich auf das Königtum.

Großhändler Aber Gleichheit? – Das ist eine Unmöglichkeit.

König Mache du mir erst möglich, was möglich gemacht werden kann, dann schweigen selbst die Sozialisten vom übrigen. Ich sage Euch: Das Christentum hat Ideale zur Grundlage. Das Christentum lebt von Dogmen und Formeln statt von Idealen.

Pastor Seine Ideale führen von hier fort gen Himmel.

König Aber nicht im Luftballon! und wäre er selbst aus allen Blättern der Bibel zusammengeklebt. Die Ideale des Christentums leiten gen Himmel, wenn sie hier vorher verwirklicht worden sind. Niemals früher.

Pastor Darf ich es aussprechen? Das Ideal des Christentums ist ein frommer Lebenswandel.

König Ja. Aber vermag das Christentum nicht mehr oder will es niemals mehr als einige einzelne Gläubige schaffen?

Pastor Es steht geschrieben: Wenige sind auserwählt.

König Also sie haben es von vornherein aufgegeben?

Vogt Ich glaube, der Herr Pastor hat damit recht, daß sich das Christentum niemals mit dem befaßt hat, was Seine Majestät hier von ihm fordert.

König Aber ich meine: könnte es nicht beginnen, sich damit zu befassen?

Pastor Es würde dabei seiner inneren Mission verlustig gehen. Das Muster der Christenheit ist die höchste Obrigkeit.

König (wendet sich von ihm ab). So nehmt euch ein Muster wo ihr wollt, es führt ja doch zu nichts!

General Ich muß sagen, ich bewundere den Scharfblick, mit dem Eure Majestät selbst die tiefsten Probleme durchschaut.

Großhändler Ja, ich habe niemals etwas Ähnliches gehört. Nur bin ich nicht akademisch gebildet und verstehe es daher nicht ganz.

König Und ich, der ich dachte, in der Christenheit einmal meine Verbündeten, meine Nachfolger zu finden. Man will ja so ungern alle Hoffnung fahren lassen. Ich dachte, die Christen würden einmal den großen Lügenbehälter der modernen, sogenannten christlichen Gesellschaft stürmen, ihn stürmen und einnehmen. Und mit dem Königtum beginnen, weil dazu am meisten Mut gehört, weil dessen Lügen am tiefsten und weitesten gedrungen sind. Ich dachte, daß das Christentum einmal versuchen würde, das Salz der Gesellschaft zu sein. Grüßt es nicht von mir. Ich habe nichts gesagt und will es nicht. Ich bin das, was man einen verratenen Mann nennt, verraten von den idealsten Mächten des Lebens. Ja, so bin ich also fertig!

General Aber was meinen Eure Majestät nur? Verraten? von wem? Wo ist der Verräter? Wahrhaftig –!

König Vorwärts, fasse ihn! Eigentlich bin nur ich dumm gewesen.

Großhändler Eure Majestät, die soeben noch so hoch oben schwebten – – ?

König Staune nicht zu sehr darüber, mein Bester. Ich bin eine Mischung von Begeisterung und Blasiertheit – Sprößlinge aus alten, verlebten Geschlechtern kommen nicht höher hinauf, weißt du. Zu Königen taugen sie jetzt kaum mehr. Und zu Reformatoren – hahaha! Ja, ich danke euch, daß ihr mir so geduldig zugehört habt. Das Ganze hatte gar keinen Sinn, aber auch die Austern tun sich auf, ehe sie sterben. Lebt wohl.

General Aber ich kann es nicht übers Herz bringen, den König in so mißmutiger Stimmung zu verlassen.

König Du wirst es doch endlich versuchen müssen, mein tapferer Freund. – Nicht so verstimmt, Vogt. Denke nur daran, daß einmal ernste Männer ebenso beschämt darüber sein werden, daß es solche Lügen gibt, wie du es jetzt bist, weil du an ihnen nicht teil haben kannst. Dann könnte ich vielleicht auch König sein. Jetzt habe ich nicht genügend starke Nerven und Muskeln dazu. Es scheint mir, als würde ich von der Stelle verdrängt, auf der ich stehe. So endet meine Reformation.

Vogt Es sei mir gestattet zu bemerken, daß meine Beobachtungen, zum Teil schmerzlicher Art, sich in dem Haupteindruck sammeln, daß Euer Majestät überreizt sind.

König Verrückt, meinst du?

Vogt Gott bewahre mich davor, solche Worte auf meinen Herrscher anzuwenden.

König Nur immer die richtige Form! Nun – danach zu urteilen, daß die anderen sich für vernünftig halten, muß ich zweifellos verrückt sein. Das ist ein altes Rechenexempel. – Und wirklich, ist es nicht alles in allem genommen ein Wahnsinn, sich ein paar Kleinigkeiten so nahe gehen zu lassen? Einige überlebte, armselige Formen, die nichts, aber auch gar nichts bedeuten, einige ehrwürdige, unschädliche Vorurteile, einige alberne, gesellschaftliche Gewohnheiten und andere derartige Kleinigkeiten.

(Gleichzeitig:)

General So ist es.

Vogt Vollkommen richtig!

Großhändler Mir ganz aus der Seele gesprochen!

Pastor Just dasselbe habe ich mir die ganze Zeit schon gedacht.

König Wozu noch einige überspannte Ideen kommen vielleicht auch einige gefährliche wie die vom Christentum.

Pastor (eifrig und eindringlich) Eure Majestät fassen die Aufgabe des Christentums falsch auf.

Vogt (ebenso) Das Christentum ist eine reine private Angelegenheit, Eure Majestät.

General (ebenso) Eure Majestät verlangen zu viel von ihm. Ein Trost für Sterbende – –

König Und wichtig für die Disziplin!

General (lächelnd.) Weiß Gott!

Großhändler Das Christentum ist heutzutage nicht mehr so wichtig, außer für die kleinen Leute – (Er schielt auf den Pastor)

König Nach dieser Probe auf mein Rechenexempel sage ich so: in einer so oberflächlichen Gesellschaft, in der kein sonderlicher Unterschied ist zwischen Lüge und Wahrheit, wie auch das meiste in ihr nur Formeln sind ohne tieferen Sinn, in der Ideale für überspanntes, gefährliches Zeug gehalten werden – ist es nicht sehr angenehm zu leben.

General Ach – wie, Eure Majestät? – Es geht! Hahaha!

König Glaubst du? Ja, wenn man kämpfen könnte. Aber dazu müßten unserer mehr sein und besser gerüstet, als ich es bin.

General Als Eure Majestät ? Eure Majestät hat die reichste Begabung in Eurer Majestät ganzen Reichen und Landen.

Alle Ja.

General Verzeihen Sie – das kam unwillkürlich.

Vogt Es liegt ein Ton in Eurer Majestät Reden, als dächten Eure Majestät daran – – – – (Stockt)

König Fort zu reisen. Ja.

Alle Fort zu reisen?

General Also die Regierung niederzulegen? Um Gottes willen!

Großhändler (ebenso erschrocken.) Uns alle dem Prinzen überlassen, dem Pietisten!

Pastor (unwillkürlich freudig.) – Und seiner Mutter?

König Du freust dich, Pastor. Das wird auch ein Anblick werden, sie und den Sohn vorantanzen zu sehen und alle Kuttenträger hinter ihnen! Hurra!

General Hahaha, hahaha.

Großhändler (gleichzeitig.) Hahaha. Ich muß so sehr husten, wenn ich lache.

König (ernst.) Es war nicht meine Absicht, Lachen zu wecken im Hause des Todes. Das hallt ja durch die offenen Türen und Gänge.

Vogt Bei allem Respekt vor der Kirche, dazu, zu einem Thronwechsel im pietistischen Geiste will die große Mehrheit doch nicht, daß es kommen soll. Ja, gewiß, Eure Majestät, bei der Thronentsagung fielen wir Ihnen alle zu Füßen.

General (mit Kraft). Ein Thronwechsel jetzt würde allgemein als ein Volksunglück angesehen werden, dafür kann ich mit meinem Kopf einstehen.

Großhändler (ebenso). Ich gleichfalls.

König Hochgeehrte! Ihr müßt die Folgen eurer eigenen Handlungen auf euch nehmen.

Vogt (verzweifelt). Aber das! Wer hätte sich das gedacht!

General, Großhändler Niemand, Eure Majestät.

König Um so schlimmer! – Was bietet ihr mir denn? Aufsteigen, um einen anderen niederzuhalten! Ist das eine Aufgabe für einen Mann? Jämmerlich!

Vogt (bekümmert). Wir bieten mehr. Eure Majestät befinden sich in einem verhängnisvollen Mißverständnis. Die ganze Mißstimmung Eurer Majestät rührt daher, daß Sie sich von Ihrem Volke verlassen glauben, weil die Wahlen gegen Eurer Majestät Pläne ausfallen. Nichts weniger als das! Das Volk fürchtet die Umwälzungen, aber seinen König liebt es!

Großhändler Seinen König liebt es!

König Du Weiße Taube, die du dich vertrauensvoll auf meine Hand niederließest – du hast diese Liebe kennen gelernt!

Vogt Die Personen, die den König umgeben, können unbeliebt sein, aber die Liebe zum König besteht.

Alle (gleichzeitig). Sie besteht!

König Hört doch auf!

General (warm). Eure Majestät kann uns alles befehlen, aber den Ausdruck der freiwilligen Unterwerfung eines freien Volkes, den Ausdruck seiner Hingebung, seiner Treue, seiner ererbten Fürstenliebe zu unterdrücken, das können Sie uns nicht befehlen!

Vogt Es ist keiner unter uns, der nicht sein Leben opfern würde für Eure Majestät.

Großhändler. General. Pastor Keiner!

General Stellen Sie uns auf die Probe! (Die anderen treten zu ihm.)

König Topp. Seit gestern trage ich dieses kleine Ding bei mir. (Er zieht einen Revolver hervor. Alle erschrecken.)

Pastor Gott im Himmel!

König Will du für mich sterben? (Er reicht dem Pastor den Revolver hin.) Dann lasse ich es sein.

Pastor Ich? Was meinen Eure Majestät? Das wäre eine große Sünde.

König Ihr liebt mich ja doch?

Alle (verzweifelt). Ja, Eure Majestät.

König Die Liebe glaubt! So glaubet mir, wenn ich euch sage; gibt es hier einen einzigen, der ohne Bedenken für seinen König in den Tod geht, jetzt, hier, sofort, so ist das für mich die Botschaft, die mich zum Leben und zur Tat zurückruft.

Vogt (flüstert entsetzt). Er ist wahnsinnig!

General (ebenso) Ja.

König Ich höre. – Aber ihr liebt ja den König, selbst wenn er wahnsinnig ist?

Alle (bewegt). Ja, Eure Majestät.

König Majestät, Majestät! Nur einer ist Majestät. Ein Wahnsinniger aber doch gewiß nicht. – –Bin ich aber wahnsinnig geworden durch die Lügen um mich herum, dann wäre es doch eine Pflicht, das wieder gut zu machen. Löst euer Wort ein, daß ihr für mich sterben wollt! Ich werde dadurch wieder gesund werden, du, General?

General Teuerster König! Das wäre, wie der Herr Pastor sehr treffend sagte, eine außerordentlich große Sünde.

König Du hast eine schöne Gelegenheit versäumt, deinen Heldenmut zu zeigen. Du hättest doch sehen müssen, daß ich nur Generalprobe hielt. Lebt Wohl! (Geht nach links ab in das blaue Zimmer.)

General Vollständig von Sinnen!

Alle anderen Vollständig!

Vogt So große Gaben! Was hätte nicht aus ihm werden können!

Großhändler O, es ist sehr schade!

Pastor Ich bin so sehr erschrocken.

Großhändler Ich auch. (Ein sehr lauter Schuß fällt.)

Pastor Wieder ein Schuß? (Man hört den gellenden Aufschrei einer Frau im blauen Zimmer.)

Vogt Was mag das sein?

Großhändler Ich wage es nicht auszudenken.

Pastor Ich auch nicht.

(Aus dem blauen Zimmer stürzt eine ältere Frau: »Hilfe, Hilfe, der König!« Sie läuft über den Gang und die Treppen hinab. »Hilfe, Hilfe, der König!« Der General eilt hinein. Ebenso der Vogt. Man antwortet von oben und von unten. »Der König? Was ist's mit dem König?« Dann auch von außen. Lärm auf den Treppen und Gängen, Fragen und Befehle. Unterdessen kommt das stumme Mädchen mit erhobenen Armen aus dem blauen Zimmer, taumelnd, als wüßte es nicht, wohin sich wenden. Dann läuft auch sie über den Gang und die Treppen hinab. Der Lärm kommt immer näher, man sieht von beiden Seiten Leute herbeilaufen, während der Vorhang fällt, Musik)

Nachspiel.

Auf nachtschwarzem Grund sieht man eine leuchtende Gestalt von links nach rechts schweben, langsam steigend; ein wenig später eine ebensolche auf demselben Weg. Hierauf naht unter lebhafter Musikbegleitung ein stärker leuchtendes Wesen, höher schwebend, von links, wie wenn es den andern folgen wollte; aber es wird von den drei Genien aufgehalten.

Es kniet nieder und fleht; die drei antworten:

Die drei Genien Nicht beendet, Nicht vollendet. – Warte!
(Von links hört man:)
Chor Den Weg zur Wahrheit, – Weiter, weiter!
Einzelne Stimme Den Marterweg?
Chor Ja, diesen!
Einzelne Stimme Ohne Ende?
Chor Ja, du schlichest
Feig' hinweg dich,
Schreit drum tausend
Male schwerer.
Schreit drum tausend
Längen länger.
(Aus der Ferne, von unten hört man:)
Eine Stimme Sohn, mein Sohn!
(Ein Seufzer geht durch die Nacht, verhallt aber ohne Antwort.)
Einzelne Stimme (rechts). Meine Schwingen tragen nicht,
Ach ich sinke, – sinke!
Chor Sollst zu höhrer
Wahrheit schweben!
Einzelne Stimme Hilfe! Helft mir!
Chor Hilfe ruft
Dein Wunsch herbei! –
Sieh dich um und
Schau die Scharen,
Die umstrahlt dich,
Wenn von Wahrheit
Zeugt dein Sinnen, –
Deine Tat. –

Der von den drei Genien zurückgehaltene, der den Stimmen voll Angst gelauscht hat, wird von Freude ergriffen. Sie werden sogleich von einer bunten Heerschar umringt, und über ihnen steht die Sonne, die alle und alles mit Licht überstrahlt. Eine Hymne rauscht dahin. Ihr Text ist:

Wahrheit.

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