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Bjørnstjerne Bjørnson: Der König - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAbsalons Haar ? Der König ? Ein Fallissement
titleDer König
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson Ausgewählte Werke
volumeZweiter Band
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid124bb4d1
created20070422
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Dritter Akt.

Erste Szene.

Offener Platz in einer großen Stadt. Abend, der Platz ist spärlich erleuchtet. Rechts ein großes, frei dastehendes Gebäude, hell erleuchtet; eine Treppe führt auf den Platz hinab. Über dem Tor und der Treppe ein großer Balkon. Der Platz ist voll mit Menschen. Im Hintergrund, auf dem Untersatz einer Ritterstatue, steht ein Mann und singt, begleitet sich selbst auf bei Gitarre, einige andere Instrumente. Man hört das Lied schon, bevor der Vorhang aufgeht. Zigarren, Apfelsinen und dergl. werden herumgeboten.

(Der Refrain der ersten Verse wird von dem Sänger allein gesungen, Gelächter folgt darauf. Aber nach und nach singen immer mehr Stimmen mit. Die Beteiligung der Zuhörer steigert sich, je mehr die Vorgänge im Liede wiedererkannt werden.)

Der junge Prinz gar innig fleht
Und bat und bat und bat,
Die Jungfer aber listig sprach:
»Ich glaub' nicht deinem Rat!«
(Zwischenspiel)
Sie wußte wohl, der Liebe Macht
Hält fest wie eine Kette,
Und selbst der Thron in seiner Pracht
Neigt sich vor einem Bette.
 
Der junge Prinz zur Antwort sprach:
»Uns eint der Ehe Band!«
Die Jungfer spöttisch darauf spricht:
»Vielleicht zur linken Hand?«
(Zwischenspiel, Refrain.)
»Nein, nein, zur Rechten! Süße Maid!
Sei meine Königin!«
Die Jungfer spöttisch spricht: »Verdammt!
Das war' nach meinem Sinn!«
(Zwischenspiel usw.)
Dann kam sie, seufzte: »Edler Fürst,
In jedem Königssaal
Sitzen viel schöne Prinzessinnen
Und harrn des Herrn Gemahl!«
(Zwischenspiel usw.)
Er darauf: »Bah!« – »Versucher doch,
Die dich gelenkt so keck?« –
»Wen meinst du denn?« – »Minister doch!«
– »die jag' ich schimpflich weg!«
 
Doch denk' der Generale bloß,
An Adel, Kirche, denk.
Es gibt Empörung riesengroß,
Man scheut uns wie die Pest!«
 
»Sei ohne Furcht! Ich schaffe dir
Elf Dutzend neue ein,
Die bücken sich und beugen sich
In neuer Gnade Schein.« –
 
»Der Radikale drohend steht!
Mein Vater selbst! – O weh – !«
»Der Hahn, der dann am höchsten kräht,
Der soll Minister werden.«
 
»Gesetzt das Volk, in Tat und Wort
Weigert' die Huldigung?« – »Bah
Ein Orden hier, ein Titel dort
Und alle schrein hurra!« –
 
»So bin ich dein!« – Der Jubel groß,
Er kommt mit froher Eile. – –
»Nein, wart', mein trauter Königssproß,
Bis nach der Hochzeit, stopp!«
(Zwischenspiel.)
Sie wußte wohl, der Liebe Macht
Hält fest wie eine Kette,
Und selbst der Thron in seiner Pracht
Neigt sich vor einem Bette.

(Nachdem einige Strophen gesungen sind, beginnt folgendes Gespräch, das durch den Refrain unterbrochen, dann aber wieder aufgenommen wird.)

Ein älterer Herr zu einem anderen Was geht hier vor?

Der zweite ältere Herr Ich weiß nicht. Ich kam soeben.

Ein Handwerker Der König kommt hier mit ihr vorbei.

Erster älterer Herr Er kommt hier vorbei mit ihr? Zur Cour aufs Schloß?

Handwerker Ja.

Zweiter älterer Herr (eine Prise nehmend). Und nun wollen die vom Adelsklub da drüben wahrscheinlich demonstrieren? Pfeifen – nicht wahr?

Handwerker Man sagt so.

Erster älterer Herr Der ganze Adel will ja der Cour fernbleiben?

Ein feiner Herr Einstimmiger Beschluß!

Eine Frau Pfui Teufel!

Der feine Herr Was sagen Sie?

Frau Ich sage, die da drinnen lassen sich gnädigst herab, bürgerliche Mädchen zu verführen. Aber sie zu heiraten, lassen sie sich nicht herab. Der König tut's.

Handwerker Zum Teufel, es wäre besser, wenn er sich auch nicht dazu herabließe, wie die anderen.

Frau Ich kenne Leute, die sagen, sie soll ein wirklich achtbares Mädchen sein.

Feiner Herr Sie haben wohl keine Zeitungen gelesen?

Erster älterer Herr Hm; – man muß etwas vorsichtig damit sein, den Zeitungen zu glauben.

Zweiter älterer Herr (nimmt eine Prise). Es freut mich, das zu hören! – Hier wird so viel zusammengeschwatzt. – Wie eben jetzt dieses liederliche Lied!

Frau Ja, das kommt von da drinnen, das weiß ich.

Feiner Herr Nehmen Sie sich in acht, was Sie sprechen, Sie!

Frau Ich sage nur, was ich weiß.

Flink (tritt neben dem Sänger hervor). Schweig' mit diesem häßlichen Lied! Ich will zu denen hier sprechen!

Aus der Menge. Wer ist das?

Flink Ihr kennt mich nicht. Ich habe niemals öffentlich gesprochen. Am allerwenigsten bei einem Straßentumult.

Aus der Menge Wozu tust du es denn jetzt?

Flink Weil ich beauftragt bin, es zu tun!

(Balkon, Treppen, Fenster des Adelsklubs füllen sich. Lärm.)

Aus der Menge Pst! Hören wir zu!

Flink Hört mich an, gute Leute! Mich kennt Ihr nicht! Aber Ihr kanntet einst einen hochgewachsenen Mann mit langem, weißen Haar und Kalabreser, der oftmals zu euch sprach, und das war Professor Ernst.

Aus der Menge Es lebe Professor Ernst! (Ruhe.)

Flink Er wurde, wie ihr wißt, wegen Majestätsbeleidigung zu Zuchthausstrafe verurteilt; entwich, aber brach dabei beide Beine. Nun lebt er als Landesflüchtiger, ein siecher Krüppel.

Aus der Menge Er wurde begnadigt.

Ein anderer aus der Menge Niemand weiß, wo er ist.

Flink Ich weiß, wo er ist. Er ist es, der mich beauftragt hat, heute zu euch zu sprechen.

Aus dem Adelsklub Bravo!

Aus der Menge Er war es! Hoch Professor Ernst!

Vom Adelsklub Stille da unten!

Flink Er hat mich beauftragt an dem Tag, da seine Tochter als Braut des Königs im Schlosse einziehen soll, an dem Tag hinzutreten vor das Volk und zu sagen: – sie tut das gegen ihres Vaters Willen, gegen seine inständigen Bitten und Befehle.

(Vom Adelsklub laut »Bravo!« Auch aus der Menge Rufe: »Das läßt sich begreifen!«)

Flink Ich bin beauftragt, öffentlich zu erklären, daß er darum seine Tochter verachtet und verflucht!

(Neue Bravorufe vom Adelsklub. Aus der Menge: »Du mein Gott!« und »Das ist entsetzlich!« – »Nein, es ist gerecht!« Lärm.)

Flink Stille, gute Leute!

Ein junger Mann aus der Menge Darf ich eine Frage stellen?

Aus der Menge Nein! – Ja! (Es wiederholt sich: Gelächter.)

Flink Bitte!

Junger Mann Professor Ernst ist jener Mann, der dem Königtum diesen Weg gewiesen.

Einige aus der Menge Hört! Hört!

Flink Und zum Dank dafür ins Zuchthaus geworfen wurde, und nun ein totkranker Krüppel ist. Keinem ist übler mitgespielt worden als ihm von den Söldnern des Königtums. Und nun geht seine Tochter hin und will Königin werden!

Graf Platen (vom Balkon des Adelsklubs). Es gehört kein großer Mut dazu, sie zu tadeln. Nein, ich sage, das alles ist die Schuld des leichtfertigen Königs!

(Gewaltiger Lärm. »Weg mit ihm!« hört man vom Adelsklub.)

Flink Ich wollte auch über ihn sprechen, der ....... Aber schafft erst Ruhe da drüben im Adelsklub!

Aus der Menge Sie hauen sich drinnen!

(Gelächter, Lärm. Man hört deutlich den Grafen Platen rufen: »Laßt mich in Ruhe! Laßt mich los!« Und andere: »Laßt ihn nicht hinaus!« »Er ist betrunken!«)

Graf Platen (kommt die Treppe herab, ohne Hut und Überrock). Ich will zu euch sprechen! Ihr seid besser als das Pack da drinnen! (Bravorufe.) Ich sage, der König wird jetzt bald mit einem Frauenzimmer hier vorbeikommen. (Bravorufe. Gelächter; alles drängt herbei; Polizei will eingreifen; Schlägerei.)Pfeift, wenn er kommt! – (»Nieder mit ihm!« und »Bravo!« und »Hurra!« hört man nebeneinander.) – Ich, Graf Platen, sage: Kreischt, heult, macht Katzenmusik, wenn er kommt! Er besudelt den Thron! Ich, Graf Platen, sage das! – (»Es lebe Graf Platen!« – »Es lebe der König!« hört man zugleich. Schlägerei. Der Graf wird ein paarmal hin und her gezerrt und spricht jedesmal, wenn er sich freigemacht hat.) – Er besudelt den Thron! Er will die Tochter eines Majestätsverbrechers heiraten! Pfui! – Ich, Graf Platen, sage das! Hier stehe ich! usw.

(Hornsignale. Rufe: »Der König kommt!« »Nein, die Kavallerie! Kavallerie! Der Platz soll geräumt werden!« Ein Schuß fällt. Schreie, Flucht, Hornsignale. – Der Vorhang fällt.)

Szenenwechsel

Bei der Baronin: dürftig eingerichtet.

Zweite Szene.

Baronin Marc. Eine Dienerin. Dann Gran.

Eine Dienerin (reicht der Baronin eine Karte).

Baronin (liest). Der Minister des Innern! – Laß ihn eintreten. (Eilt ihm entgegen.)

Gran (tritt ein).

Baronin Willkommen daheim, Eure Exzellenz! – Haben Sie ihn also gefunden?

Gran Ja, jetzt ist er entdeckt.

Baronin Und Sie haben mit ihm gesprochen?

Gran Ja.

Baronin So werde ich die Tochter rufen!

Gran Um Gottes willen –

Baronin Was soll das?

Gran Er liegt im Sterben!

Baronin Was sagen Sie?

Gran Ich soll Ihnen vom König melden, daß er für zehn Uhr einen Extrazug bestellt hat, – von der Cour soll sie gleich zu ihrem Vater. Der König selbst wird sie begleiten.

Baronin Das war edel vom König.

Gran Dann – ob Sie so freundlich wären alles zu einer Nachtreise instandzusetzen.

Baronin Gewiß.

Gran Und ohne daß das Fräulein es merkt. Der König will nicht, daß sie vor der Cour etwas von dem Zustand ihres Vaters wisse.

Baronin Die Cour soll also stattfinden?

Gran Soll stattfinden. Nach der Cour will Seine Majestät selbst ihr davon Mitteilung machen.

Baronin Dafür bin ich ihm dankbar. – Aber was sagte Professor Ernst? – Warum hat er die Briefe seiner Tochter nicht beantwortet? – Warum hat er sich vor ihr verborgen? – Ist er wirklich unversöhnlich?

Gran Unversöhnlich? Er haßt sie!

Baronin Großer Gott!

Gran Und nicht nur sie, sondern alle, die gemeinsame Sache mit dem König gemacht haben. Alle!

Baronin Man hätte sich das denken können. – Wollen Sie nicht Platz nehmen! –

Gran (verneigt sich, aber setzt sich nicht). Ich sprach zuerst mit seinem Arzte. Er hatte Bedenken, mich hineinzulassen. Seit vierzehn Tagen konnte Professor Ernst sich nicht mehr bewegen. Aber als ich von meinem Auftrag sprach, und daß ich vom Könige komme, ließ er mich ein.

Baronin Wie sah er aus? Er ist einmal eine prächtige Erscheinung gewesen.

Gran Er saß in einem großen Stuhl, lahm, zusammengesunken. Aber als er mich erblickte und begriff, wer ich war, wahrscheinlich auch, was ich wollte, – konnte er einen Augenblick sich nicht bewegen: dann aber ergriff er seine beiden Krücken und erhob sich auf ihnen! .. Das magere, aschfahle Antlitz, die fieberflammenden Augen, tief in den Höhlen ... Das buschige Haar und der Bart –

Baronin Er muß entsetzlich gewesen sein –

Gran Wie ein flammender Blitz, der aus der Wolke niederfährt! Es war gar nichts Menschliches mehr an ihm ...... wie der verkörperte Haß stand er da!

Baronin Jesus!

Gran Als ich endlich sprechen konnte, brachte ich ihm die Grüße seiner Tochter und fragte, ob sie ihn sehen dürfe. – Da schoß etwas Dunkles in sein Auge, sein Gesicht bekam für einen Augenblick Farbe: »Sie soll .... »weiter kam er nicht; er ließ die Krücken fallen und schlug zu Boden; Blut überströmte ihn; der Arzt eilte herbei; lange glaubten wir, daß er tot sei.

Baronin Aber er kam wieder zu sich?

Gran (der sich abgewandt hat, kommt zurück). Ich wartete ein paar Stunden mit meiner Abreise. Endlich meldete der Arzt, daß er wieder erwacht sei, aber daß die Katastrophe gewiß nicht lange auf sich warten lassen würde – kaum einen Tag.

Baronin Es hat ihn so sehr ergriffen?

Gran Ja.

Baronin Aber was wollte er sagen? »Sie soll .... ?«

Gran Ich habe darüber gegrübelt.

Baronin Er kann ihr doch nichts Böses tun?

Gran Er kann sie so empfangen, wie er mich empfangen hat, wenn sie es wagt, zu ihm zu gehen.

Baronin Wenn der König sie begleitet?

Gran Gerade dann!

Baronin Das wird ja entsetzlich werden! – aber sie wird sich dadurch nicht umstimmen lassen!

Gran Das wollen wir hoffen!

Baronin Ich bin dessen sicher. Sie besitzt eine ungeheure Charakterstärke. – Darin ist sie ihres Vaters Kind.

Gran Ja, das ist auch mein einziger Trost.

Baronin Was meinen Sie damit? – Sie sprechen so niedergeschlagen.

Gran Ich meine, daß von ihrer Charakterstärke alles abhängt.

Baronin Daß der König also ... ?

Gran Hierüber wäre manches zu sagen, Frau Baronin; aber entschuldigen Sie, ich habe jetzt keine Zeit. (Verneigt sich)

Baronin Wie stehen die Wahlen?

Gran (bleibt stehen) Gut; – wenn es nur keinen Zwischenfall gibt!

Baronin Was könnte geschehen?

Gran Es liegt Elektrizität in der Luft; – man kann auf alles gefaßt sein.

Baronin Sie sind besorgt, Exzellenz?

Gran Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.

Dienerin (kommt) Der Polizeiadjutant, der Seine Exzellenz begleitete, bittet, Sie sprechen zu dürfen.

Gran Ich komme. (Zur Baronin.) Es ist eine Art Straßenauflauf in Szene gesetzt, hier ganz nahe, – der Adelsclub an der Spitze.

Baronin (erschreckt) Was sagen Sie? – Wird nicht der König hier vorbeikommen?

Gran Seien Sie unbesorgt! Auch wir haben unsere Verhaltungsmaßregeln getroffen. – Frau Baronin! (Geht)

Dritte Szene

Baronin. Dann Klara.

Baronin Er hat mir angst gemacht. – Alles kommt auf einmal! Sie hat eine Ahnung davon gehabt, daß ihr Vater krank ist! ich habe es wohl gemerkt! aber sie wollte nicht davon sprechen.

Klara (kommt festlich gekleidet).

Baronin Bist du es, mein Kind? Und schon fertig?

Klara Ja!

Baronin (sie betrachtend). Nun – eine elegantere Königsbraut haben gewiß alle schon gesehen, eine reizendere – (sie küßt sie) keiner!

Klara Fährt da nicht ein Wagen vor?

Baronin Das wird der König sein.

Klara Das ist ja zu zeitlich, aber dennoch – Gott gebe, daß er es sei.

Baronin Fürchtest du dich?

Klara Nein, nein, es ist etwas anderes, was du nicht – – etwas – – es ist, als verfolge mich jemand, und ich weiß, wer es ist. Nur wenn der König bei mir ist, habe ich Frieden. Gott gebe, daß er es sei. (Sie will gehen, um nachzusehen.)

Dienstmädchen (kommt.) Eine Dame wünscht mit dem Fräulein zu sprechen.

Baronin Eine Dame?

Klara Nannte sie ihren Namen nicht?

Dienstmädchen Sie ist verschleiert und sehr elegant.

Klara (bestimmt.) Nein, ich empfange niemand.

Baronin Niemand, den wir nicht kennen. Du weißt das doch!

Dienstmädchen (zögernd.) Aber ich glaube, es ist – – (die Tür wird geöffnet, eine verschleierte, sehr elegante Dame tritt ein.)

Baronin (ihr entgegentretend, bestimmt.) Was soll das heißen? – Klara, geh!

Dame (schlägt den Schleier zurück.) Kennen Sie mich?

Klara und Baronin Die Prinzessin.

Prinzessin Sie sind Klara Ernst?

Klara Ja.

Prinzessin (geht stolz an bei Baronin vorbei.) Lassen Sie uns allein. (Baronin ab.) Bevor ich mich aufs Schloß begab, wollte ich hierher fahren – selbst auf die Gefahr hin, hier dem König zu begegnen.

Klara Er ist noch nicht gekommen. (Langes Schweigen.)

Prinzessin Haben Sie gut überlegt, was Sie jetzt tun?

Klara Ich glaube es.

Prinzessin Aber ich glaube es nicht. Haben Sie gelesen, was die Zeitungen darüber sagen? Welches Tageblatt immer Sie in die Hand nehmen?

Klara Nein, der König hat mir das erspart.

Prinzessin Aber die Briefe, die Ihnen zugeschickt wurden? Denn ich weiß, daß man Ihnen geschrieben hat.

Klara Der König hat mir auch das erspart. Er nimmt meine Briefe entgegen.

Prinzessin Wissen Sie, daß hier, ganz in der Nähe, ein Volksauflauf entstanden ist?

Klara (erschreckt.) Nein.

Prinzessin Man will Sie mit Pfeifen, Johlen und Steinwürfen empfangen. (Da sie sieht, daß ihre Worte wirken.) Sie haben das wohl nicht erwartet?

Klara Nein.

Prinzessin Was werden Sie tun.

Klara (Nach einer kleinen Pause leise.) Ich folge dem König.

Prinzessin Ja, das ist ein ehrenvoller Weg, auf den Sie den König geleitet haben! Und ich sage Ihnen: es wird immer schlimmer werden, je weiter Sie vorwärts schreiten. Sie können sich unmöglich auf alles vorbereitet haben, was Sie durchzumachen haben werden.

Klara Ich glaube doch.

Prinzessin (überrascht.) Wie meinen Sie das? – Auf welche Weise?

Klara (mit gesenktem Kopf.) Ich habe zu Gott gebetet.

Prinzessin Bah! – Ich glaube, Sie haben nicht recht erwogen, in welches Unglück Sie den König stürzen? In welche Schmach und Unruhe das ganze Volk? (Klara schweigt.) Sie sind ja noch so jung. Sie können noch nicht ganz verhärtet sein, welche Vergangenheit Sie auch gehabt haben mögen.

Klara (hoch aufgerichtet.) Ich habe keine befleckte Vergangenheit hinter mir.

Prinzessin So –o? Wie war denn also Ihre Vergangenheit?

Klara Leidvoll, Prinzessin, arbeitsreich. (Schweigen.)

Prinzessin Kennen Sie die Vergangenheit des Königs?

Klara (mit gesenktem Kopf.) O – ja!

Prinzessin Die Ihre wird nach der seinen beurteilt, wie immer sie gewesen sein mag.

Klara Das wußte ich. Und er sagte es mir auch.

Prinzessin Sieh, sieh. Wenn man es genau betrachtet, so bringen Sie also dem König ein Opfer. – Lieben Sie den König?

Klara (leise). Ja.

Prinzessin Nun, hören Sie, liebten Sie den König wirklich, dann brächten Sie ihm auch wirklich ein Opfer. Wir sind Frauen und müssen einander nicht mehr darüber sagen. Aber wahrhaftig, darin, Königin werden zu wollen, besteht es nicht,

Klara Nicht ich habe das gewollt!

Prinzessin Sie haben sich überreden lassen?! Entweder betrügen Sie sich selbst, mein Kind, oder Sie betrügen ihn. Vielleicht hat es mit dem einen begonnen und endet mit dem andern. Denn jetzt kann es Ihnen doch nicht mehr verborgen sein, wer hier ein Opfer bringt. Es wird ihm ja um Ihretwillen mit Verachtung begegnet.

Klara (bricht in Tränen aus).

Prinzessin Bereuen Sie, so beweisen Sie es, beweisen Sie es durch die Tat!

Klara Ich bereue es nicht!

Prinzessin (verwundert). Wie denken Sie also darüber?

Klara Es ist schrecklich gewesen. Aber ich bitte Gott um Kraft zu dulden.

Prinzessin Lassen Sie das doch beiseite! Das ist eine häßliche Unklarheit, halb Reue und halb Heuchelei. Die eine ist so in die andere hinübergeflossen, daß man sie nicht mehr trennen kann. Aber Sie können mir glauben, wir anderen wissen sehr gut, daß Heiligkeit und – das andere – ich will es nicht nennen – schlecht zueinander passen? Lassen Sie diese Künste beiseite! Sie irritieren mich!

Klara Prinzessin, seien Sie nicht böse. Meine Lage ist ohnehin schlimm genug.

Prinzessin Warum, in aller Welt, dann in derselben Weise fortfahren? Wenn das nur Unklarheit ist, so lassen Sie sich belehren! Auch Ihren Vater haben Sie gegen sich?

Klara Ja. (Sie läßt sich in einen Stuhl fallen.)

Prinzessin Er hält sich vor Ihnen verborgen. Sie wissen nicht, wo er ist, wie es ihm geht – ihm, dem Krüppel und Kranken. Und Sie stehen unterdessen hier im Ballkleid, mit Rosen im Haar, auf dem Weg zur Cour ins Schloß. Durch den Volksauflauf und seine Verachtung, über Ihren kranken Vater hinweg schreiten Sie vorwärts, zum Königsthron. Welcher rücksichtslose Leichtsinn! Welche vermessene Vermengung von dem, was Sie für Ihre Liebe halten, für Opfer, Pflicht, Prüfung, mit falschem Ehrgeiz. Der König? Sie berufen sich auf den König? Der König ist ein Dichter. Er liebt das Ungewöhnliche, das Aufsehenerregende. Der Widerstand reizt ihn. Gerade das bringt ihn dazu, seine Liebe für unendlich zu halten. Eine Woche nach der Hochzeit ist das zu Ende. Wäre er nicht auf Widerstand gestoßen, es wäre schon früher zu Ende gewesen. Ich kenne den König besser als Sie; denn ich kenne seine Treulosigkeit. Die ist wie seine Liebe – unendlich. Sie sind bewegt? Ja. es schmerzt, in die Sonne zu schauen. Ich kann darüber mitsprechen. Ich bin nur gekommen, um zu sagen, was ich weiß. Jetzt, nachdem ich Sie gesehen habe, will ich noch etwas aussprechen: Wenn Sie es zulassen, daß die reiche Natur des Königs sich so verirrt, daß seine ganze Zukunft zerstört wird, dann wird sich seine Tat nach Ablauf einiger Zeit so schrecklich gegen Sie selbst kehren, daß Sie daran sterben werden. Denn Sie haben, ich sehe es, eine Natur, die Treulosigkeit, Reue und Verachtung töten können. – Sie sehen mich so bittend an. Nein, ich kann auch nicht ein Wort zurücknehmen. Aber den Beschluß, den ich gefaßt habe, ehe ich hierher kam, will ich Ihnen mitteilen: Für Ihre Zukunft werde ich sorgen. Ich bin nicht reich, aber so wahr ich vor Ihnen stehe: Sie sollen sorgenlos leben können bis zu Ihrem Tod ; und, mehr als das: im Überfluß. Keinen Dank! Ich tue es um des Königs willen und um des Volkes willen, dem ich angehöre. Es ist meine Pflicht! – Sie müssen nur jetzt aufstehen und mir zu meinem Wagen folgen. (Sie bietet ihr die Hand.)

Klara (die vom Stuhl herabgeglitten ist.) Wäre das so leicht, dann wäre es längst, längst geschehen.

Prinzessin (wendet sich ab, kommt wieder zurück.) Stehen Sie auf! (Sie reicht Ihr die Hand, um zu helfen.) Lieben Sie den König?

Klara Ob ich ihn liebe? Ich bin ein mutterloses Kind. Ich lebte einsam mit einem politisch verfolgten Vater; ich teilte seit meiner frühesten Kindheit seine Ideale und habe mich nicht von ihnen losgemacht. Diese Ideale traten mir eines Tages greifbar vor die Augen und riefen mir zu: Wenn du willst, so werden wir leben. Darin liegt etwas Großes, etwas Übermächtiges – ein Ruf von Gott selbst. Dessen bin ich sicher!

Prinzessin Es ist ein Gedicht, das der König für Sie gedichtet hat.

Klara Dann will ich das Gedicht loben! Ich habe ihm meine Seele geweiht und habe dadurch neue Kraft gewonnen. Ich habe seit meiner Kindheit keine anderen Gedanken gehabt.

Prinzessin Und Sie glauben, daß alles so bleiben wird?

Klara Ja.

Prinzessin Ja, das müssen Sie auch glauben, Fräulein – bis er sein Ziel erreicht hat.

Klara Wenn Sie damit die Heirat meinen, so will ich Ihnen bemerken, daß das nicht unser letztes Ziel ist.

Prinzessin (verwundert.) Was sagen Sie da?

Klara Unser Ziel ist, zusammen ein Werk zu vollbringen und unsere Liebe soll sich darauf gründen und ihm die Weihe geben. Ja, sehen Sie mich nur an. Es sind seine eigenen Worte.

Prinzessin Diese Antwort – –? Dieser Gedanke – –? Aber welche Sicherheit haben Sie?

Klara Wofür?

Prinzessin Dafür, daß ihm das nicht nur von Ihnen eingegeben ist? Dafür – daß er nicht fortflattert?

Klara Wenn ich einer bedürfte – er hat um meinetwillen seine ganze Vergangenheit verleugnet: er wartete über ein Jahr. Hat er das vorher jemals getan? Er hatte es wohl auch niemals nötig, das zu tun!

Prinzessin (macht eine Bewegung).

Klara Denn ich erhebe Klage gegen jene, welche diese »weiche Natur,« wie Sie sich ausdrückten, verführt haben. Gegen mich kann sie nicht erhoben werden, Prinzessin. (Schweigen.) Ich wies ihn zurück so gut ich konnte, als er zu mir kam – wie zu den andern. (Schweigen,) Es ist gewiß kein Opfer, seine Gattin zu werden. Wer liebt, kann nicht von »Opfer« sprechen. Aber in der Stellung, in die ich jetzt trete, werde ich mehr mißachtet werden, als die Ärmsten des Reiches, mehr gehöhnt, als wäre ich seine Maitresse. Wie haben doch Sie selbst heute mit mir gesprochen, Prinzessin. (Schweigen.) Das kann man aber für den kein Opfer nennen, der liebt. Ich habe auch das Wort nicht ausgesprochen und welches Opfer Sie meinten, das ich bringen sollte, das will ich nicht verstehen, obwohl auch ich ein Weib bin. Aber wüßten Sie, Prinzessin, welche schmerzlichen Kämpfe es mich gekostet hat, ehe ich die Kraft fand ihm gegen den Vater und gegen alle zu folgen – da sprächen Sie nicht zu mir von der Pflicht, ein Opfer zu bringen. Da sprächen Sie überhaupt nicht zu mir wie Sie heute gesprochen haben. Denn Sie sind ja nicht böse, Sie meinen es ja im Grunde gut mir. (Längeres Stillschweigen.)

Prinzessin Das geht tiefer als ich dachte. Armes Kind. Um so tiefer wird auch die Enttäuschung sein.

Klara Ich werde an ihm keine erleben!

Prinzessin (nachdenklich). Sollte er sich so verändert haben? Konnte man ihn auf diese Weise fesseln? – Kommt er selbst Sie abzuholen?

Klara Ja.

Prinzessin Was soll diese Cour? Wozu die Würdenträger des Reiches herausfordern? Wenn er doch ein einfaches bürgerliches Leben führen will?

Klara Er wollte es.

Prinzessin Eine spannende Episode in seinem Gedicht. Warum brachten Sie ihn nicht davon ab?

Klara Weil ich seine Meinung teile.

Prinzessin Sie wissen wahrscheinlich nicht, was das zu bedeuten hat Welche Demütigungen der König vielleicht ertragen muß.

Klara Ich weiß nur, daß damit alles an die Öffentlichkeit tritt und daß es mich freut, wenn er sich mutig zeigt.

Prinzessin Das ist Trotz! (Klara schweigt.) Sie wollen in diesem Kleid zur Cour erscheinen? (Klara schweigt.) Ich wiederhole: Das ist Trotz.

Klara Ich habe kein besseres.

Prinzessin Was soll das heißen? – Der König kann doch – –? Spielen Sie Komödie?

Klara (verschämt.) Der König darf mir nichts schenken – nicht ehe – – (sie stockt.)

Prinzessin Sorgt er denn für Ihren Unterhalt hier? (Sie sieht sich um.)

Klara Nein.

Prinzessin Also die Baronin – –?

Klara – – und ich. Wir sind beide gleich arm.

Prinzessin Sie hat ja ihre Stellung verloren?

Klara Um meinetwillen. Ja. Und Sie, Prinzessin, die sie gekannt haben, denn sie war ja auch einmal Ihre Lehrerin – könnten Sie wirklich von der Baronin glauben, daß sie sich zu meinem Schutze hergeben würde, wenn sie nicht festes Vertrauen in mich setzen würde, wenn sie nicht wüßte, ich tue nichts Unrechtes? Sie begegneten ihr so höhnisch, als Sie eintraten.

Prinzessin Ich bin hier in den allerunbegreiflichsten Roman geraten – –. Also Sie lieben den König?

Klara (senkt den Kopf.)

Prinzessin (sie beständig betrachtend, leise.) Er kann lieben – – er kann glücklich machen – – – Jetzt werden wir sehen, ob Sie nicht für das leiden müssen, was er verschuldet hat – – Sie sind nicht die Erste, die er geliebt hat.

Klara Prinzessin.

Prinzessin Ja, bedenken Sie das. Es haften Tränen an Ihrem Glück.

Klara Es ist hart, mir das vorzuwerfen!

Prinzessin Verzeihen Sie! Ich meinte das nicht so. – – – Es ist noch Zeit, eine andere Toilette anzulegen. Wenn Sie vom König nichts annehmen dürfen, so doch von – – jemand anderem. Eine Königsbraut ist ja doch eine Königsbraut.

Klara Er sagte mir, ich brauche nicht mehr.

Prinzessin In seinen Augen wohl nicht. Aber wir Damen verstehen das besser. Wenn es auch nur eine Halskette wäre? Darf ich Ihnen diese anbieten? (Sie will ihre Kette lösen.)

Klara Ich wußte, daß Sie gut sind! – Aber ich darf nicht.

Prinzessin Warum nicht?

Klara Weil – weil man glauben würde – – (Sie bricht in Tränen aus. Schweigen.)

Prinzessin Hören Sie, mein Kind, das Ganze ist heller Wahnsinn. Aber da ich es nicht ändern kann – wenn die Cour beginnt, so will ich mich an Ihre Seite stellen und Sie nicht verlassen. Sagen Sie das dem König. Leben Sie wohl!

Klara (streckt ihr die Arme entgegen). Prinzessin!

Prinzessin (umarmt und küßt sie flüsternd). Darf er dich auch nicht küssen?

Klara (gleichfalls flüsternd). O ja!

Prinzessin (küßt sie nochmals). Liebe ihn! (Man hört einen Wagen einfahren.)

Baronin (kommt). Ich höre den Wagen des Königs.

Prinzessin Ich möchte ihm nicht begegnen, Baronin! (Sie reicht Ihr die Hand.) Kann ich hier hinausgehen? (Sie zeigt auf die Tür, durch die die Baronin eingetreten ist.)

Baronin Ja. (Sie gehen ab.)

Vierte Szene.

Klara. Der König.

Dienstmädchen (meldet). Der König!

König (in Zivil, ohne Orden). Klara!

Klara Mein Freund! (Sie umarmen einander.)

König Was hat das zu bedeuten?

Klara Was – –?

König Der Wagen der Prinzessin hier?

Klara Ich soll dich von ihr grüßen. Sie ging soeben –

König Und sie – –

Klara Sie sagte, daß sie sich sogleich nach Eröffnung der Cour an meine Seite stellen und bei mir bleiben wolle, bis wir das Schloß verlassen.

König Ist es möglich?

Klara Es ist wahr!

König Du hast sie erobert! Denn sie kann erobert werden! Sie hat Herz und Geist. – – Ein gutes Omen! Was wird der Adel dazu sagen?

Klara Der hält sich ja fern,

König Du weißt das?

Klara Ich weiß auch, daß vor dem Adelsklub ein Auflauf entstanden ist.

König Auch das? Und bist nicht bange?

Klara Ich wäre es vielleicht, – aber da ist etwas anderes wovor ich mich mehr fürchte. (Sie schmiegt sich an den König.)

König Und das ist?

Klara Du weißt es ja. (Schweigen.)

König Hast du auch heute diese Unruhe um seinetwillen gefühlt?

Klara Den ganzen Tag – unablässig. Es muß etwas geschehen sein.

König Ich kann dir jetzt sagen, wo er ist.

Klara (heftig). Endlich! Hast du ihn gefunden?

König Gran war bei ihm.

Klara (wie früher). Gott sei Dank! Ist es weit von hier?

König Heute abend fahren wir beide gleich nach der Cour mit einem Extrazug hin. Morgen früh sind wir dort.

Klara (wirft sich an seine Brust). Dank! Dank! Du bist gut. O, du bist so gut. Ich danke dir. – Wie geht es ihm? Ist er krank?

König Ja.

Klara Ich wußte es. Und unversöhnlich?

König Ja.

Klara Ich fühlte es. (Sie verbirgt Ihr Gesicht an seiner Brust)

König Hast du Angst?

Klara (leidenschaftlich). Ja!

König Liebe Klara, wenn du ihn sehen wirst, wird das vielleicht vorübergehen.

Klara Ja, laß mich ihn sehen! Was immer er sagen wird, laß mich ihn nur sehen!

König In zwölf Stunden von jetzt. Und ich werde bei dir sein.

Klara Das Schönste von dir ist deine Güte. O, wie gut, daß du wieder hier bist! Diese Angst war nicht mehr zu ertragen.

König Dir steht ein Kampf bevor.

Klara O! (Sie vebirgt sich aufs neue an seiner Brust.)

König Tröste dich! Er ist bald zu Ende.

Klara Das glaube ich selbst. Ja, ich weiß es. – Gehen wir ein wenig auf und ab.

König Und versuchen wir die Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Weißt du, woher ich komme.

Klara Nun?

König Von unserem kleinen Hause im Park.

Klara Wir fuhren gestern noch daran vorbei.

König Dort wird nur einer aus allem, was dich umgibt, zu dir sprechen. Wo du gehst, begegnest du Gedanken, die ich dir gewidmet habe. Wenn du aus den Fenstern blickst, wenn du auf den Altan willst – in jedem Felsenumriß, in jeder Flußwindung, in den Feldern, Wäldern, Büschen, o überall und tausend Gedanken an dich versteckt. Rufe ihnen zu: »Hier bin ich«, und sie werden dich in ihren Zauberring einlassen, – Setzen wir uns.

Klara Das ist wie ein Märchen.

König Ich bin auch der letzte Prinz aus dem Märchenland, sage ich dir. (Sie haben sich niedergelassen; sie sitzt auf seinen Knieen.) Und du bist das kleine Mädchen, das, von guten Geistern geleitet, zu dem verzauberten Schloß kommt und ihn weckt. Er hat im Zauberschlaf gelegen, viele, viele Jahre.

Klara Viele, viele Jahre.

König Eigentlich bin ich gar nicht ich und du nicht du. Seit langer Zeit liegt das Königtum im Banne eines Zaubers. In den Gestalten wilder Tiere hat es bei Nacht Taten der Leidenschaft vollführt und bei Tage hat es geschlafen. Jetzt kommt die Volkesbraut, die hold erblüht ist, und erlöst es.

Klara Wirklich! – Du findest so viel, um mich über meine Angst hinwegzutäuschen. Und es gelingt dir immer. Aber du mußt ja wohl schon glauben, ich habe weder Kraft noch Mut, weil ich diese Schwäche zeige.

König Du besitzest mehr Stärke als ich. Mehr als alle, die ich je gekannt habe.

Klara Das ist zu viel. Aber fühlte ich nicht, daß ich ein wenig davon habe, dann – sei dessen sicher – würde ich nicht versuchen, dir zu folgen.

König Ich will dir erklären, wie dein Wesen ist. Manche Menschen sind viel vergeistigter, viel feiner organisiert als andere; ihre Haut ist tausendmal empfindlicher. Aber gerade diese ziehen ihre Kraft mit tausend feinen Wurzelfasern aus tieferen Schichten. Sie stehen oft mit frischer Krone da, wenn die andern vertrocknet sind. Sie beugen sich mit geschmeidiger Kraft, wenn die andern brechen. – So bist du!

Klara Du findest außerordentlich sinnreiche Bilder, wenn es gilt mein Wesen zu erklären – –

König Nein, höre nur weiter! In jener Zeit, da ich mich so häßlich gegen dich benahm, da war dein Schrecken jedesmal so heftig, daß vor meinen Augen und Ohren gleichsam Millionen von zitternden Bewegungen und Angstrufen entstanden. Ja, wahrhaftig! Ich wurde selbst ängstlich. Ist das ein Kennzeichen von Schwäche, so stark zu fühlen, daß ein anderer sich wider seinen Willen dem Eindruck unterwerfen muß?

Klara Nein.

König Und als ich dich wieder sah – – die Art, in der du mir zuhörtest – –

Klara Darüber wollen wir jetzt nicht reden. (Sie küßt ihn.)

König Worüber denn? Es ist noch etwas zu früh zum Aufbruch. – O, ich habe es! Wir wollen von dem Eindruck sprechen, den du heute abend machen wirst, wenn du in den hellen Sälen aus dem Dunkel der Verleumdungen emportauchst. War das nicht hübsch gesagt? – Das ist sie? werden sie denken. Und dann wird ihnen etwas in die Augen kommen, das sie äffen wird und glauben machen, Perlen und Gold sind über dein Kleid gestreut, über dein Haar, über deine – – –

Klara Nein, nein, nein! (Sie legt ihm die Hand auf den Mund.) Jetzt will ich dir eine kleine Geschichte erzählen.

König Erzähle!

Klara Ich sah als Kind einmal einen Ballon füllen. Ein schwerer, widerlicher Geruch kam zu mir herüber. Als dann der Ballon fröhlich aufstieg, dachte, ich: Aha, das Häßliche ist verbrannt worden. Erst wenn das verbrannt ist, kann er sich in die Lüfte heben. – Später schien es mir jedesmal, wenn ich häßliche Dinge über meinen Vater hörte, es verbrenne etwas und ich dachte an den Ballon und fühlte beinahe den widerlichen Geruch. Aber dann war es immer, als verflüchtige er sich: das Widerliche war verbrannt, der Ballon stieg. Ich kann wohl sagen, er ist leuchtend über meinem Leben dahingezogen. Später, als ich selbst verleumdet wurde, und auch du um meinetwillen, da war es ja ganz ebenso. Jedes Wort brannte, aber sogleich war ich auch hoch über ihm. Niemals ist die Luft, in der ich lebe, so rein, als unmittelbar nach einem häßlichen Wort.

König Da will ich mich gleich daran machen, dich zu verleumden, wenn das so herrliche Folgen hat. Ich benutze eine Blütenlese aus den Tagesblättern: Du Aspasia, du Messalina, du Pompadour du, du Dubarry. du Phylloxera, die die moralischen Weinberge des Landes zerstört, du blauäugiges Landesunglück, das die Kurse aus purem Schrecken zum Sinken bringt, die Minister zu Fall und die Wähler zu Zweifeln und Schwankungen, du ruhestörender Kobold, der du die Zeitungen mit Galle erfüllst, die Kaffeehäuser mit Sprengstoff und alle Tantengehirne mit Brummfliegen, des Königs höchsteigenes Haupt aber mit Millionen Liebestorheiten. Weißt du, daß du außer dem Unheil, das du heute anrichtest, noch auf zehn Jahre hinaus alles revolutionierst? Jawohl, so ist es! Und niemand kann wissen, ob du nicht auch hundert Jahre zurückwirkst oder auch noch weiter! Die fürstlichen und adligen Stammväter wenden sich um deinetwillen im Grabe um. Und da auch die dahingeschiedenen Königinnen ...

Klara Die Baronin!

Fünfte Szene.

Die Vorigen. Baronin.

Baronin (in Hoftoilette unter dem Mantel, mit Klaras Mantel über dem Arm.) Ich erlaube mir, Sie zu stören. Die Zeit ist schon um.

König (der sich ebenso wie Klara erhoben hat.) Wir haben sie mit Dummheiten ausgefüllt.

Baronin Und sind dadurch in gute Laune gekommen?

König (seinen Hut nehmend.) In die allervortrefflichste. Hier, meine Teure (er nimmt Klaras Mantel), hülle ich dich in die letzte Verleumdung. Wenn wir sie wieder abnehmen, stehst du in deinem strahlenden Lichte da! Komm! (Er bietet ihr den Arm und sie gehen halb tanzend dem Hintergrund zu, wo eine abgezehrte Gestalt auf zwei Krücken steht und sie anstarrt. Bart und Haar sind verwildert, ein Blutstrom bricht aus seinem Munde.)

Klara (stößt einen Schrei des Entsetzens aus.)

König Was ist geschehen? Um Himmels willen!

Klara Mein Vater!

König Wo ist er? – Sehen Sie nach.

Baronin (hat sich rasch im Zimmer umgesehen, öffnet die Tür.) Ich sehe nichts.

König Sehen Sie hinaus auf den Gang!

Baronin Nein – auch niemand.

Klara (ist in die Arme des Königs gesunken. Nach einigen krampfhaften Atemzügen fallen ihre Hände herab und ihr Kopf sinkt nach rückwärts)

König (sieht die Veränderung.) Helfen Sie mir!

Baronin (eilt hin, aufschreiend.) Klara!

Der Vorhang fällt.

Viertes Zwischenspiel.

Der Vorhang fällt nach dem dritten Akt unter schmerzlichem Klagen der Musik. Bald aber wird die Musik überirdischer; die Melodie zarter, wie in reineren Höhen, in leichterer Luft. Tiefer Friede herrscht. Der Vorhang geht auf. Wir sehen ein tiefblaues Luftmeer; weit im Hintergrund leuchtende Lichtwellen, auf denen sich die Umrisse weißer Gruppen abzeichnen. Von dorther tönt der Gesang, während demselben gleiten hinter dem Lichtmeer im Halbdunkel Berge und Flüsse, Wiesen und Wälder, Städte, Wüsten und große Meere vorbei.

Chor der Frauen und Männer
        In der Freiheit Reich
        Willkommen, willkommen,
        Ihr, die gelitten.
        Ihr, die des Sieges Lorbeer erstritten!
        Hier fließen still
        Ströme zusammen,
    Die einst sich flohen in wildem Lauf,
        Willkommen, willkommen!

Chor der Männer
        Hier, wo von tausend Kräften der Freiheit
        Sonne der Wahrheit erstrahlet in Glut,
        Fachet die Flammen,
        Der Wille Zertretner, Geopferter Blut.
        Sie, die Enterbten
        Strahlen hier hell.
        Irdisches Ringen
        Sänftigt sich schnell.
    Der Gläub'gen und der Ungläub'gen Schar
        (Ist ihr Bekenntnis nur echt und wahr.
        Glüht nur ihr Herz in Freiheit und Mut
)
        Reinigt die gleiche
        Heilige, bleiche
        Ewige Flamme.
        Der Menschheit Glauben
        Seit jenem ersten, flehenden Stammeln
        Zu rohen Steinen,
        Bis zu der flammenden
        Huld'gung des einen
        Gottes der Welt, –
        Hier kann er schwellen zu vollem Klang.
            Kraftvoll und reich.
        Frei von der Kirche drückendem Zwang
        Groß ist und herrlich unser Reich!

Chor der Frauen Willkommen, willkommen
    Ihr, die gelitten
    Mutig im Glauben und sonder Bangen,
    Ihr, die gestritten
    Trotzend der Eigenliebe Verlangen!
        Wenn auch der Streit,
    Ohn' blutige Spur,
    Das Schlachtfeld nicht weit,
    Ein Herze nur.
    Nirgends ein Feind,
    Nur du allein, –
    Der Freiheit Schein
    Umglänzt dich hell
    Führet dich aufwärts zu leuchtendem Tag, –
    Willkommen, willkommen!

Ferner Chor Wissest du einen, der unterlag – ?
    Nicht der Gläubigen Hochmut ist hier.
    Nicht der Seligen Selbstlust ist hier.

Naher Chor Hier sind Geopferte, hier sind die Leidenden:
    Hier sind die ruhmlos mutig Streitenden.

Chor der Frauen Der Freiheit Chor
    Von allen Sternen
    Aus weiten Fernen
    Dringt er ans Ohr.
    In allen Zungen
    Ist er erklungen
    Vom fernsten Pol.
    Von hier
    Klingt er wieder
    In tausend Weisen,
    In himmlischen leisen.
    Und weckt das Sehnen
    Und zündet, entzündet
    Mächtigen Brand.
    Millionen verbündet
    Sind nicht imstand.
    Die Flamme zu löschen.
    Die wir entfacht. –

Naher Chor Seht euch um, die ihr jetzt kämet,

Männerstimme Ich kann nicht ... kann nicht ... steh' mir bei!

Frauenstimme Grenzenloses wecket Graun,
    Lieber will ich
    Nichts, als alles schau«!

Naher Chor Entdeckers Gedanke
    Hat hier keine Schranke;
    Frei, frei, frei.
    In endlos großer Harmonie
    Schwebest du ...

Männerstimme Furcht erfaßt mich
    Hier allein
    Ein Unwürdiger zu sein.

Naher Chor Große Verwandlung
    Nahet nun.
    Erheb' dich, beginn' deine Wandrung!

(Die Wolken beginnen noch heller zu leuchten. Erhabene, ferne Harmonien.)

Frauenstimme Was ist das? Sang oder Licht? –
    Ach, ich ertrag' es nicht.

Chor der Frauen Er, der dich kennt, durch Wolken bricht er!

Frauenstimme Mein Richter?

Chor der Frauen Sei nur nicht bang!
    Im Strahlengesang,
    Dem göttlichen, linden,
    Wird die Furcht dir schwinden.

Männerstimme Ist sein Blick nicht versengend?

Chor der Männer Mild ist er, gnadespendend.
    In seiner Strahlen Umarmung
    Findst du Erbarmung.

Frauenstimme Doch dieses Drängen, dieses Brausen ...
    Ist das auf seinem Weg?

Chor der Frauen Nein.
    Es kommen tausend
    Zusammen mit dir
    Und neue Wellen
    Stetig schwellen.

Chor der Männer Er selber schwebt
    Viel tausend Meilen von da,
    Der Klang, vor dem du erbebt
    War ein Echo nur des Halleluja.
    Doch in diesem Sang, dem linden,
    Soll dir Furcht und Zweifel schwinden,
    Und was du ahntest
    Mit tastendem Geist,
    Nun auf gebahnte
    Wege dich weist.
    Doch was du siehst
    Ist von dem All
    Ein Tropfen bloß
    In Wolkenbruchs Schwall
    Doch riesenhaft groß
    Für dein schwaches Verstehn.
    Nun schreite hinan
    Die leuchtende Bahn!

Frauenstimme Was seh' ich? Wer ist das?

Chor der Männer Weiße Äonen
    Im Aufgang der Sonne.

Frau Millionen!
    Endlose Scharen erschauet mein Blick.

Mann Weiße Höhen, so weit als ich blick'.

Frau Was ist das? Wer ist das?

Chor der Männer Opfer sind es der irdischen Macht.
    Sie sind der Preis der fürstlichen Pracht.
    Die Kirche und Thron
    Psalter und Kron'
    Erheischet zur Stützung
    Von Glauben und Reich.
        Die Brücke
    Zu Ehren und hoher Macht
    Von ihren Händen
    Ward sie gemacht.
    Von ihnen, von ihnen.
    Dem höchsten Glück,
    Der gewaltigsten Macht
    Sind sie ruhmlos zum Opfer gemacht.

Mann und Frau Geopferte sind sie?

Chor der Männer Opfer der Kriege und Scheiterhaufen,
    Opfer der mördrischen Feuertaufen;
    Solche, die elend starben
    An tausend brandigen Narben, –
    Kochendes Blei
    In Ohren und Mund,
    Am Feuer röstend manche Stund';
    Aufs Rad gebunden,
    Lebendig geschunden,
    Ohn' Augenlid der Sonne zugewendet,
    Entmannt und geblendet,
    Die Gedärme herausgerissen
    Mit Stangen und Spießen.

Mann und Frau Geopferte sind es?

Chor der Frauen Geopferte sind es, – alle die seufzten
    Verzehrende Klagen
    In wachen Nächten und bleichen Tagen, –
    Die, die zertreten
    Im Glauben an Wahrheit
    Und lebten ein Dasein, voll Jammer und Leid.

Mann Entsetzlich!

Chor der Frauen Alle die Verstoßenen, hier sind sie. –

Frau – Hier sind sie? –

Chor der Männer – Sie, die ausgestoßen,
    Als von Kön'gen und Priestern
    Gesetze beschlossen.

Chor der Frauen Blick über alle Berge und Höhen
    Die schärfste Sehkraft kann sie nicht zählen.

Chor der Männer Ihre Schreie, die ewig hallenden,
    Düster wie Geisterspuk der Nacht,
    Sind der Schmerz, der die Welt erbeben macht.
    Ihre Schreie, die ewig hallenden,
    Sind des Gewissens zehrendes Bangen,
    Das alle, alle hält befangen, –
    Ewig ihr zitterndes Fürchten macht.

Mann Mich haben sie erweckt,
    Aus eitlem Frieden aufgeschreckt.

Frau Mir schrien sie ins Ohr ihr Leid,
    Daß ich zu allem ward bereit.

Mann Meine Tochter!

Frau Werd' ich auch hier
    nicht Vergessen finden?
    Find' ich auch hier nicht den süßen, linden
    Frohhauch des Glücks?

Chor der Frauen Ja.
    Doch was ihr littet
    Sehet ihr da.
    Die Ahnen verzeihen nicht.
    Das ganze Gewicht
    Von Sünde und Unrecht
    Seit ältesten Tagen
    Müssen sie tragen.
    Verfloßnes erstehet aufs neu
    Und hemmet die Enkel wie Zentnerlast,
    Trotz Sorge und Reu',
    In ihrer Hast
    Nach Freiheit und Licht.

Chor der Männer Selbst muß er sich erheben,
    Muß sehnend erbeben,
    Der große Stammes-Leviathan
    In der Zeiten ewigem Ozean, –
    Sein Haupt erheben
    In den leuchtenden Äther!
    Wir stehen ihm bei,
    Wir wollen ihn frei;
    Doch von der andern Küste
    Facht Selbstsucht jäh die Lüste
    In heißem Jünglingsherzen
    Voll töricht süßer Schmerzen.

Chor der Frauen Die Ströme zweier Welten
    Zusammenstießen, –
    Und seid doch einer bloß
    Denn der Eigenliebe Kampf
    Macht den groß,
    Der glaubt,
    Und den klar,
    Der Zweifler war;
    Darum zum Schluß
    Beim letzten, schwelgenden Genuß,
    Müde vom Streite
    Wird er zur Beute
    Tief innerem Sehnen:
    Geliebt sich zu wähnen,
    In Gottes Schoß zu rasten
    Von all dem wüsten Hasten.
    Nun ist es ihm klar,
    Daß eines nur wahr,
    Daß sein qualvolles Ringen
    Nur Umweg war,
    Bloß eine Verhüllung
    Des ureinzigen Geist's. – –
            Jetzt kommt die Erfüllung!

(Das Leuchten verstärkt sich, die Musik wird lauter.)

Mann und Frau Mein Gott!

Chor der Frauen Nicht er; sein Bote,
    Ein Strahl der Offenbarung.

Männer und Frauen Er ist nah! ...
    Fühle dieses Glanzes Reinheit! ...

Chor der Frauen Er ist da!
    Nun ist alles Einheit

Chor Aller (unter unermeßlicher Lichtfülle, auch im Vordergrunde).
    Luzifer ist hier, der ewige, wahre
    In seines Hauptes leuchtendem Strahle
    Erglänzt die Welt in schaudernder Wonne.
    Er kennt die Wege! wohin er geht,
    Da höret
    ihr auch, was der Blick erspäht;
    Sonne ist denken, und denken ist Sonne;
    Kräfte und Dinge verschmolzen zur Einheit;
    Ein einziges Wort ist Wahrheit und Freiheit

(Der Vorhang fällt.)

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