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Jean Paul Richter: Der Komet - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 6
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDer Komet
pages565-1036
created19990104
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lasse mich nebenbei, nämlich bei Gelegenheit der Rührung, die Reflexion machen, daß es im ganzen erbärmlich ist, auf wie vielen Subsubsubdivisionen von gemeinen Mitteln man endlich zum Edeln gelangt, z. B. ich in der Kirche zum Gefühl der Rührung: wie ich mich anziehen mußte, Stiefel, Weste und alles, Treppen hinab- und hinaufzusteigen, in den Kirchenempor zu treten, hinauszusehen und vieles Körperliche anzuhören hatte, bis ich endlich das Geistige in die Seele bekam, was man eine Rührung nennt. Ja wieder dieser rein geistige Gedanke selber, auf wie vielen körperlichen Umwegen erst kann er bei dir, meine Gute, ankommen! Muß ich nicht leider eintunken, Sand streuen, siegeln, auf die Post schicken (Zwischen-Kleinigkeiten lass' ich zu Hunderten weg) und du deinerseits wieder Porto zahlen, Siegel aufbrechen, am Papier hinablesen bis zum gedachten Punkte? –

Ich komme auf den schönen rührenden Jubeltag zurück, wo nachmittags sich der böse Feind schon in einige Bewegung zu setzen schien. Anfangs gelang vieles, und von dem Schneidermeister wurde mir – weil ich am nächsten Morgen dem ehrwürdigen Jubelgreis einen Besuch und Handdruck und Glückwunsch zudachte – ein neues schwarzes Kleid, ohne das ich unmöglich auf Reisen länger mit Anstand erscheinen kann, zum Anversuchen gebracht. Da du weißt, wie selten meiner Dicke etwas sitzen will: so mußte der Meister mir den Rock bloß mit kursorisch-gehefteten Lappen-Hälften anprobieren, und so auch einen bloß mit weiten schlechten Stichen zusammengenähten Ärmel. In der Tat sah ich mich in einem ganz richtigen und, nach künftigem Zunähen, wie angegossenen Gewande dastehen – als eben höchst unerwartet der Hofkaplan Hasert mit Seidenmantel und Seidenstrumpf eintrat, um mich noch spät einzuladen für morgen auf sein Landhäuschen, nahe an der Stadt, zu einer freundschaftlichen Eß-Nachfeier des Jubelgreises, wo er mich am schönsten und längsten vorzustellen hoffte. – –

O Gott! liebe Gattin, ich stand denn in meinem lächerlichen einarmigen Anprobierrock und mit dem Ärmel, den ein vorklaffendes Hemd noch von der Achsel absonderte, dem großstädtischen, zierlichen, zartlächelnden Hofmann vor Augen. – Aus- und Ankleiden in seiner Gegenwart wäre schrecklich gewesen, wurde von ihm auch sehr verbindlich verbeten – vielmehr mußt' ich Skandals und Symmetrie halber sogar den linken Schau-Ärmel auf dem Tisch anziehen, zum Verstecke des Hemdärmels. – Und so spaziert' ich denn in meinem grobnähtigen Marterkittel und mit den beiden Ärmeln, die wie zwei abgehauene Arme von den Achseln abstanden (innerlich lacht' ich selber über mich), an Haserts Seite auf und ab, wozu später noch vollends Herr Worble stieß. Dieser nannte später mich den eignen Gliedermann meiner Bekleidung, die malerische Selber-Akademie, den aufrechten Probierwaagbalken meines Rocks: vielleicht ungesalzene Einfälle!

Sonst zieh' ich – getreu meinem Namen Frohauf – eben nicht das Kleinsauer des Lebens sonderlich ans Licht; aber das Tragen des lächerlichen Probier-Ornats machte mich aufmerksam auf die lästige Mühe, im Auf- und Ablaufen mit dem beweglichen Hasert mich mit meiner Dicke, der Schicklichkeit gemäß, bei dem Umkehren so zu schwenken, daß ich wieder links zu stehen kam, was mir das Sprechen und Gehen, zumal da der Kaplan auch anfing, höflich zu wetteifern und links zu springen, unbeschreiblich erschwerte; – bis endlich Herr Worble als der dritte Mann ins Spiel eintrat, welcher samt mir den Kaplan so in die Mitte nahm, daß wechselnd einer von uns, da Hasert doch nicht zwei linke Seiten hat, ihm mit aller Höflichkeit ohne Grobheit zur rechten gehen konnte und mußte.

Ich durchschauete ganz gut, daß der Hofkaplan als Hofspion der marggrafischen Verhältnisse und Verschwendungen, worüber jeder staunte und fragte, mich besuchte und einlud; indes er spielte den feinsten Mann.

Endlich komm' ich auf den künftigen Tag, auf gestern, wovor ich, schon weil ein herzvoller Vorgesternvormittag vorausging, und weil zweitens ein wahres Fest versprochen wurde, mich wohl etwas hätte ängstigen sollen; denn bei dem Genusse der Freuden ist der Mensch, wie bei dem Kirschkuchen, mitten im frohesten Einbeißen ins Mürbe hinein keine Minute lang vor einem übersehenen Kirschsteine gesichert, den er zwischen die vordern Schneidezähne bekommt.

Ich führ' es nicht eigentlich als Unglück des Festes – ob die Sache gleich mich verspäten half –, sondern als bloße Folge meines ungewohnten Reflektierens an, daß ich später aus dem Bette herauskam, weil ich darin bei meinem Hemde, das ich tausendmal ganz mechanisch ohne Nachdenken angezogen, auf einmal achtgeben wollte, wie ichs bisher dabei gemacht; – aber ich bracht' es zu nichts, nicht einmal das alte herab unter dem Achtgeben und wußte nicht einmal, welchen Arm ich sonst zuerst in den Ärmel gesteckt, bis ich endlich nach vielem Abarbeiten mich blindlings dem alten Mechanismus überlieferte und ohne alles Reflektieren das frische Hemd anzog – da gings, und die Kunst des Instinkts wies sich mir wieder.

Glücklicherweise hatte Herr Worble diesmal, wenn nicht außer Hause, doch außer seinem Bett geschlafen; inzwischen kam ich dabei auf einer andern Seite zu Schaden. Da ich mich nämlich abends mit einem heisern Halse niedergelegt hatte: so macht' ich, um zu erfahren, ob er noch da sei, einige Versuche mit recht lautem Anreden ohne allen Sinn und Bezug: »Komme Sie doch her! He! wer ist Sie denn?« Da brach Herr Worble, der alles gehört, zur Türe herein und suchte seine Lust darin, mich über die Person listig auszufragen und sich schadenfroh-ungläubig über das bloße Probieren des heiseren Halses zu gebärden, indes stellte mich freilich auch schon das Hals-Probieren in das lächerliche Licht, das ich so unendlich scheue.

Es müssen viele Hemmräder ineinandergreifen, wie du, Liebe, weißt, bis ich irgendwo zu spät als Gast ankomme, zumal da ich schon, aller Hemmungen gewärtig, eine halbe Stunde vorher fertig dastehe; – aber ich langte doch später als die Suppe bei Hasert an. Frischgewaschene knappe Strümpfe, leinene – dann seidene – vollends beide zugleich über- und untereinander anzulegen, war schon zu Hause von jeher meine wahre Sabbat-Arbeit; aber gar außer Hause, ohne allen Beistand, mit zehn elenden dicken Fingern, das Ziehen – Zerren – Zupfen – Glätten – Dehnen – Bücken, nein, meine Gute, dazu bot ich diesesmal meine Hand nicht. Auch hatte der zuvorkommende Hofkaplan mir, da sein Landhäuschen etwas weit außer der Stadt lag, Stiefel fast aufgedrungen. Aber der Satan weiß mich auch ohne Strümpfe, an die er sich fest, wie eine Stechfliege am liebsten an Beine, setzt, zu finden in Stiefeln. Nachdem ich den rechten glücklich-mühsam angebracht: so sucht' ich, indem ich die leider fußlange Ferse in den linken eingetrieben, etwas auszuruhen, und die beiden Ziehleder des Stiefels (Strupfen nennens die Hiesigen) in den Fingern haltend, dacht' ich bloß darüber nach, wie lang' ich etwan in dieser ruhigen Lage fortdenken könnte, und auf welche Weise endlich damit nur aufzuhören wäre. Himmel! da saß ich und dacht' ich und sah kein Enden ab, bis ich allem ein plötzliches Ende machte durch einen raschen Entschluß und derben Zug am Stiefel und – diesem eine Strupfe abriß. Aber – teuere Gattin! wie ich jetzo an einem einzigen Ziehleder zog, das auch abfahren konnte – wie die andere Hand den glatten Stiefelschaft selber festpackte und zerrte – wie ich als lebendiger Stiefelknecht, obwohl bloß zum Anziehen, mich wegen voriger Zeit-Einbuße abnutzte, wie an einem Pumpenstiefel – Wasser zog er mir wohl genug heraus auf die Stirn –, diese Martern sind wenigstens einige Dornen aus der Krone, welche ich einmal ganz in einer der vertraulichen ehefrohen Stunden vor dir sozusagen aufsetzen will, damit du nur siehst, was ich ertragen.

Desto mehr hatt' ich nachher zu eilen. Von fünfzehn weißen Pfefferkörnern, welche ich gewöhnlich als Mitarbeiter am Verdauen eines Gastmahls zu mir nehme, spuckte ich lieber sieben wieder heraus, weil ich sie mit Wasser, ungeachtet alles Schluckens – letztes war aber eben zu eilig und wie das Hemdanziehen zu absichtlich –, immer nach verschlungenem Flüssigen, wie Muscheln nach einer Ebbe, im Munde sitzen behielt und ich mich auf zeitspielige Versuche, mit Einwickelung in Gekäutes, nicht einlassen konnte. Endlich trat ich, spät genug, auf die Gasse hinaus. Aber schon wieder Spuk, wenn auch leichter. In meiner so zeitgemäßen Eilfertigkeit hatt' ich meine Halsbinde hinten im Nacken nicht straff genug geknüpft, und sie fing unterwegs an, sich allmählich immer weiter aufzumachen. Da ich nur noch fünf Gassen ins Freie hinaus hatte: wollt' ich draußen im Gehen knüpfen und knöpfen; aber mit jedem Schritte wickelte sich der elende Halsstrang mehr auf zum Langrund, und das Fruchtgehänge um den nackten Hals – das erbärmliche Gefühl eines sachten Losgehens und Abgleitens schlag' ich gar nicht an – drohte bei stärkerem Laufen gar abzufallen, so daß ich noch vor dem Tore hinter eine Haustüre mit dem vergrößerten Narrenkragen treten mußte, um ihn fest zu schließen.

Außerhalb der Stadt wurd' ich durch nichts aufgehalten, ausgenommen kurze Zeit weit draußen an der Kirchhofkirche (ein fehlerhafter Name) von einer Sonnenuhr, auf der ich meinen Zeitverlust ersehen wollte; ich mußte einige Minuten warten, bis eine auf der Scheibe ruhende Wolke dem Schatten wieder Platz gemacht. Nur hatt' ich unter dem Hinaufschauen das Unglück, daß ich einem vorbeigehenden Bürger, der guten Tag zu mir sagte, aus Vertiefung ins Zifferblatt mit dem Gegengruß: gute Nacht, mein Freund! antwortete, worauf dieser mit Recht etwas zurückzumurmeln schien. Ich überlegte ein wenig hin und her, aber mein Abscheu, irgendeinem unschuldigen Wesen auch nur im Kleinsten, sogar zufällig, Kränkung zuzufügen, zwang mich, dem Mann nachzulaufen und nachzurufen: »Wahrlich, ich wollte sagen: guten Morgen, guter Freund; nimm Ers nicht übel.« – »Suchen Sie sich künftig einen andern Narren«, brummte er mit viertel umgedrehtem Kopfe zurück und schritt hastig vorwärts.

Im Freien lachte mir Haserts gleißendes Landhaus von weitem entgegen, und man konnte mich später in jedem Falle schon unterwegs erblicken. Wahrscheinlich kam dies dem Teufel nicht gelegen, und er suchte etwas dagegen hervor. Der unterste Knopf an meiner zu engen Weste hatte sich (davon erleichtert, spürt' ichs nicht sogleich) von allen seinen Faden losgemacht, bis auf einen, so daß er daran wie ein Vorhängschloß vor dem fernen Knopfloch lag. Annähen – da alle Gäste mich sehen konnten – durft' ich auf offener Straße nicht, gesetzt auch, ich hätte (Nadel und Zwirn fehlen mir nie) mich zum Anheften umgedreht, oder es auch hinter einem Baum gemacht; denn ich wäre vom Landhause aus sehr falsch ausgelegt worden. Sitzen bleiben durfte der Knopf auch nicht wie ein hängendes Siegel, da unten die Weste – wie bei den Landleuten aufgeknöpft zur Zier – mit einem lächerlichen Triangelausschnitt klaffte. – Folglich trug ich meinen schon wie eine Spinne am Faden gaukelnden Knopf in das Landhaus hinein und machte ihn unten an der Treppe wieder fest; aber freilich nicht nur mühsam genug mit der dünnen Nadel zwischen den fetten Fingern, sondern auch in der größten Besorgnis, daß der Hausherr die Treppe herabfliege, um mich noch unter meiner Schneiderarbeit höflich zu empfangen. Zum Glück aber wurd' ich von niemand bemerkt als von einem der oben rennenden Bedienten, der über das Geländer schauete und einem andern leise sagte: »Blitz! drunten steht ja der Dicke und flickt.«

Ich begab mich hinauf und traf noch zeitig genug hinter der rauchenden Suppenschüssel, gleichsam meiner vorausziehenden Wolkensäule, ein. – Mit größter Artigkeit von so vielen Seelsorgern bewillkommt, war ich um so eifriger darauf bedacht, den majestätischen Jubelgreis Herzog auffallend und würdig zu bewillkommnen in seiner seltnen Würde, zumal da die so freundlichen Mienen seines alten, von Arbeiten und Sorgen durchschnittenen Gesichts mein Gemüt ungewöhnlich bewegten und von mir ordentlich bittend erwarteten, daß ich, als ein Fremder und als ein Mann von einigem philosophischen Ruf, des gestrigen Jubelgreises Fest durch eine überraschende Anrede, da er keine mehr zu erleben hatte, verlängern und verdoppeln möchte.

– Ach meine geliebteste, werteste Gattin! wäre dir doch ein Gatte beschert, der zehnmal weniger dächte! – Aber es sieht nicht in meiner Macht, sondern ich denke viel. – So durchdacht' ich denn auch, bevor ich den Jubilarius anredete, schleunigst, was es heißt: reden (anreden vollends), und ich erstaunte über die dabei zusammenarbeitenden Tätigkeiten des Menschen: erstlich, daß man die bloße reine Gedankenreihe des Menschen Gott weiß wie weit in die Länge vorausspinnen und dann das Gespinst mit Bewußtsein anschauen muß – zweitens, daß man jedes Glied der Kette in sein Wort umsetzen – drittens wieder diese Worte durch eine grammatische Syntaxis in eine Sprachkette zusammenhaken muß (unter allen diesen Funktionen setzt das Selbstbewußtsein unaufhörlich sein vielfaches Anschauen fort) – und viertens, daß der Redner, nachdem alles dies bloß innerlich gemacht worden, nun die gedachte innere Kette in eine hörbare umzuarbeiten und aus dem Munde Silbe nach Silbe zu holen hat – und fünftens, daß er unter dem Aussprechen eines Komma oder Semikolon oder Kolon gar nicht auf dieses horchen oder sehen darf, weil er jetzo schon das nächste Komma innen zu bearbeiten und fertig zu machen hat, um es sofort außen an das herausgerollte anzusetzen, so daß man freilich eigentlich nicht weiß, was man sagt, sondern bloß, was man sagen wollte. – – Wahrlich, ich begreife bei solchen Umständen kaum, wie ein Mensch nur halb vernünftig spricht.

– – Genau entsinn' ich mich nicht mehr, in welcher Gestalt, wenn nicht Mißgestalt, nach einem so langen Philosophieren und Gebären meine Anrede an den Jubelgreis abging; – aber mich erfrischt es, daß ich nachher manchen innigsten geglückten Glückwunsch dem Jubilarius im Vorbeigehen darbrachte. – Über die reiche Eß- und Jubeltafel geh' ich hier nur kurz weg, weil zu viele bedeutende Personen daran saßen, als daß ich meine Urteile über sie einem Briefe anvertrauen möchte, den ich ja wieder der Post und tausend Zufällen anvertrauen muß. Wenn ich aber bloß über einige Gäste und etwa über den kleinen Unfall noch weghüpfe, daß ich mit einem Munde voll Wein ganz unbegreiflich in ein plötzliches Niesen ausbrach – ich traf glücklicherweise nur mich –, so versaß ich, darf ich sagen, den ganzen Nachmittag an einem herrlichen Göttertisch ..... Doch das selige Abschildern behalt' ich mir für übermorgen vor. Denn jetzo schau' ich eben meiner dicken Hand im Schreiben zu und höre die Feder; dies aber stört mich zu sehr in der Freude der Malerei. – So lebe denn froh, ja froher als dein

ewiger
Frohauf S.

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