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Der Knabe Ganymed

Franz Blei: Der Knabe Ganymed - Kapitel 8
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Knabe Ganymed
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Die große Theodora

In diesem Jahre des Absterbens der Theodora, der großen Kaiserin, da sie zählte vierzig Jahre, und man schrieb das Jahr 548 nach des Erlösers Geburt, des Gedächtnisses ihres irdischen Daseins, wie es war und wie es erzählt wird, voll, schreibe ich, Theophoros von Mythilene, das Leben dieser sehr ungewöhnlichen Frau auf, wie ich es selber aus großer Nähe wahrgenommen, wie es mir zu anderen Teilen von verläßlichen Zeugen erzählt und endlich auch, wie es in gemein umlaufenden Erzählungen, Berichten und Gerüchten angesehn wurde. Ich überlasse es dem späteren Leser, daraus Nutzen zu ziehen, wie es ihm gefallen möge. Wahres für falsch, Falsches für wahr zu befinden, nach Neigung und Vorliebe oder hellerer Kenntnis, –: meines geringen Verstandes Aufgabe ist solches Unterscheiden mit nichten. Also beginne ich.

Es lebte damals in Byzanz ein gewisser Akakios, beamtet mit der Aufsicht über die wilden Tiere der Arena, und er hatte davon den Titel, wie er eingeführt ist, des Arktotrophos, obwohl er auch anderes zu tun hatte als bloß den Bären das Futter zu geben. Dieser Akakios starb an einer Krankheit unter der Regierung des Autokrator Anastasios und ließ drei noch unmündige Kinder zurück, drei Mädchen des Namens Komito, Theodora und Anastasia, diese älteste zählte noch nicht sieben Jahre. Die Witwe, die aus Cypern stammt, wollte ihrem Liebhaber die Stelle ihres Mannes verschaffen und stellte sich dafür bittend mit ihren drei Kindern vor das Volk des Hippodrom, denn der Direktor wollte einem andern die Stelle geben. Aber das Volk entschied für den Bettgenossen von Akakios' Witwe. Theodora war fünf Jahre alt, als sie derart zuerst im Zirkus auftrat.

Als die Anastasia in das mannbare Alter gekommen war, brachte sie ihre Mutter auf das Theater der Pantomimen und gab ihr zur Begleiterin die jüngere Theodora, angezogen wie eine kleine Sklavin in einem Hemde mit Ärmeln. Anastasia wurde alsbald eine gesuchte Kurtisane und hatte immer die Theodora bei sich. Da diese aber noch unreif war, so gab sie sich den Männern nicht hin, wie eine Frau es tut, sondern diente als ein Knabe. Solches trieb sie mit den Sklaven, welche ihre Herren in das Theater begleiteten und auf den Gängen warteten. Eine geraume Zeit verbrachte sie in diesem Mastropeion. Mannbar geworden, betrat sie die Bühne und wurde rasch eine Kurtisane, aber eine von denen, die man damals Läuferinnen nannte. Sie verstand weder die Flöte noch den Psalter zu spielen, auch tanzen konnte sie nicht. Sie gab sich einem jeden und diente jedem mit jedem Teile ihres Leibes. Sie hatte zumal Umgang mit den Mimen und teilte die Art ihres Lebens, half ihnen in ihren Schwänken und Pantomimen, und machte sich auf der Szene, da sie voll Witz und behenden Geistes war, immer bemerklich. Sie hat niemals irgend Scham vor einem Manne empfunden, noch sich irgend geweigert, zu tun, was man von ihr verlangte. Sie ließ sich peitschen und Ohrfeigen geben, brach in Gelächter aus, hob ihre Röcke und zeigte den Anwesenden nackend von hinten und von vorne das, was für die Männer verborgen und unsichtbar bleiben soll. Niemals hatte man bei ihr irgend ein Schamgefühl bemerkt.

Theodora erlangte derart eine große Herrschaft über die lasterhaften Männer, die sie zu immer neuen Erfindungen reizte, durch nichts sonst als durch ihr zähnezeigendes Lächeln und die Biegsamkeit ihres geilen Leibes. Aber nicht nur die Lasterhaften erlagen ihren Künsten, sondern alle, die ihr in den Weg kamen bis auf die noch nicht mannbaren Knaben und Kinder.

Es hat wohl wahrhaft nie ein Weib gelebt seit Lilith, das mehr dem Dämon der Lust ergeben gewesen wäre als Theodora. Zuweilen kam sie zu einem Freundesgelage mit einer Schar kräftiger junger Leute, wohlerfahren und ausdauernd in der Liebesarbeit. Sie lag mit ihnen die ganze Nacht und gab sich ihnen allen. Und waren dann diese hinweggegangen, so begab sie sich zu deren Sklaven und wären es dreißig gewesen, und paarte sich mit einem jeden von ihnen. Und auch solche Ausschweifung sättigte sie noch nicht.

Eines Tages begab sie sich zum Mahle eines hohen Beamten. Während des Festes konnten alle, die anwesend waren, sie nach Belieben beschauen, denn sie hatte sich auf ein Bett geworfen, vor ihnen ihre Kleider hochgezogen und mit dem Finger auf ihre Dinge gezeigt, ohne sich im geringsten zu zieren.

Welche all so die drei Orifizien ihres Leibes arbeiten ließ, fluchte der Natur, daß sie den Spitzen ihrer Brüste nicht Öffnungen gegeben habe, damit man hier neuartige Verbindungen erfinden könne.

Theodora war zu wiederholten Malen guter Hoffnung, hat sich aber damals immer mit künstlichen Mitteln die Frucht abgetrieben. Oft warf sie im Theater alle Kleider ab und schritt all so auf der Bühne vor alles Volk, mit nichts bekleidet als einer kleinen Hose, welche das Geschlecht bedeckte. Auch diese hätte sie gerne abgelegt und das darunter Verborgene dem Volke gezeigt, aber es ist den Frauen auf dem Theater verboten, sich ganz zu zeigen, es sei denn mit dem kleinen Höschen. So bekleidet warf sie ihren Leib nach rückwärts und reckte sich auf dem Boden. Theaterjungen waren damit betraut, auf ihre hochgereckte Scham Weizenkörner zu streuen und für diesen Dienst dressierte Gänse kamen hinzu und pickten eins ums andere die Körner von ihrem Leibe. Weit davon, sich solcher Schaustellung zu schämen, liebte Theodora sie so sehr, daß sie sie oft wiederholte.

Es hatte damals an ihr ein Tyrier des Namens Hekebolos solchen Geschmack gefunden, daß er sie nach Pentapolis mitnahm, als er zum Statthalter der Provinz ernannt wurde. Man sagte, daß sie sich bei ihm den übelsten Diensten hingab, die er von ihr forderte. Aber er schickte sie nach einem Streite weg, und sie ging nach Alexandria, wo sie als eine Gassenhure ihr Leben gewann. Sie wanderte von Stadt zu Stadt und übte überall ihre Talente, die beim Namen zu nennen ein Mensch nicht wagen kann, ohne Gott zu beleidigen. Es gab im ganzen Orient kein Dorf, wo man nicht die Hure Theodora gekannt hätte. Und überall erging es ihr nach kurzer Weile, wie es ihr in Byzanz gegangen war, wo alle frommen Menschen sie mieden und es als ein schlimmes Vorzeichen ansahen, wenn sie ihr auf der Straße begegneten. Sie stand vor dem äußersten Abgrunde, bereit, darin sich völlig zu vernichten, als sich ihr Gottes Gnade offenbarte. Denn nur Einer ist gut, welcher frei sich durch den Sohn offenbart. Durch Ihn allein kann das Herz rein werden. Er allein kann alle bösen Geister aus dem Herzen vertreiben. Es ergeht dem Herzen wie einer Herberge. Denn auch eine solche wird zertreten und zerstoßen und mit Unrat gefüllt durch schlimme Menschen, welche darin weilen und auf den Ort keine Rücksicht nehmen, da sie ihn als einen fremden betrachten. Ebenso geht es dem Herzen, solange niemand für es sorgt. Es ist unrein, aller Dämonen Wohnsitz. Wenn aber der allein gute Vater es heimsucht, wird es geheiligt und glänzt voll Licht, und wer ein solches Herz hat wird heilig gepriesen, weil er Gott schauen wird.

Im frechen Übermute ihrer bösen Lüste wollte Theodora einem Heiligen in der Wüste die Falle des Satans legen. Aber sie fing sich selber darin und sah den Bösen nun voll Grauen, daß es ihr das Herz umwandte. Es lebte der Patriarch Severus von Antiochia, der zumal den gefallenen Frauen predigte, und Theodora wurde eine der reumütigsten unter ihnen. Als sie darauf nach Byzanz zurückkehrte, war keiner von ihren früheren Genossen, der sie wieder erkannt hätte aus ihrem Wandel, all so keusch und zurückgezogen lebte sie in einem kleinen Hause, wo sie Linnen wob, wie es zur Zeit der römischen Kaiser die Matronen getan haben. Hier traf sie Justinian.

Daß Justinian eine große Zuneigung zu Theodora faßte, hat manche veranlaßt, von zauberischen Künsten zu sprechen, welche sie dem Manne gegenüber angewandt habe, der damals gegen die vierzig alt war. Es dürfte aber wohl die natürliche Magie des Weibes gewesen sein, die sich hier zeigte und große Unterstützung erfuhr durch einen lebhaften Geist, hohe Vernunft und ein Geschick, dieses beides zur Geltung zu bringen. Zu dem kam, daß Justinian bei allen seinen Gaben ein etwas schwacher und lenkbarer Mann gewesen ist, wie sich dieses bis zu seinem Tode in hohem Alter zeigte. Er erlag völlig der Überlegenheit Theodoras, deren keinen Wunsch er ihr versagte. Da sie gierig nach Reichtümern war, überschüttete er sie damit. Da sie nach Titeln und Ehren aus war, machte er seinen Einfluß auf den kaiserlichen Onkel geltend, und Theodora ward die Ehre zuteil, daß sie Patrizierin wurde. Sie wollte Einfluß haben, und er begab sich völlig in ihre Sympathien und Intrigen. Der gute Kaiser Justin machte keine Schwierigkeiten, als Justinian die ehemalige Tänzerin und Kurtisane niedersten Ranges zur Gemahlin begehrte. Nur die Kaiserin Euphemia, wie man weiß bäuerlichen Blutes wie ihr makedonischer Mann, fand es ungehörig, daß Theodora ihre Nachfolgerin werden sollte. Aber sie starb zu guter Stunde, da man zählte das Jahr 523. Justin änderte darauf seinem geliebten Neffen zu Liebe ein Gesetz, und das Hippodrom, das Theodora der Hure Anfänge gesehen hatte, jubelte der Frau des Justinian zu, nachdem sie in Santa Sophia feierlich zur Basilissa gekrönt worden war.

Nur um weniges später war es, daß ich in die Dienste der also Gekrönten trat und darin mit kleinen Unterbrechungen verblieb bis an ihr Ende. Habe ich, was ich aus dem früheren Leben der Tänzerin und Hure erzählte, aus dem Munde von guten Zeugen, so bin ich aus dem Folgenden bis zum Ende der großen Frau Zeuge dieses Lebens mit eigenem Sehen und Hören. Die Augusta war dreißig Jahre alt, und ich ihr wohl an Jahren, doch nicht an Alter gleich, denn in früherer Jugend um das Männliche verstümmelt, schien ich dem Aussehen nach eher greisenhaft. Dem Umstande verdanke ich auch das Vertrauen der Augusta, die mich beauftragte, über der Erziehung ihrer damals zehnjährigen Tochter zu wachen, einem Kinde von einem unbekannten Vater. Es war mir in meinem Amte erlaubt, ohne Rücksicht auf das Zeremoniell, das die Augusta bis in das einzelne sehr streng übte, zu jeder irgend passenden Zeit in ihre inneren Gemächer zu treten, und weis ich aus solcher Nähe, daß, was immer man von Liebschaften der Augusta redete, nichts weiter war als Verleumdung. Denn sie hat in der Zeit ihrer Ehe mit Justinian weder mit einem Manne noch mit einem Weibe, noch mit einem Kinde Unzucht gepflogen, und war es, als ob der Teufel der Geilheit überfüttert geplatzt und gänzlich aus ihr ausgefahren wäre. Das Los der Frauen, die als Huren und Tänzerinnen von der Unzucht der Männer leben, zu bessern, tat sie, die solches Leben kannte, vieles in der Folge, und es mochte wie Strafe und Rache scheinen, daß sie hart und grausam gegen die Männer war, wo immer sie in ihre königliche Gewalt kamen, sei es durch Verfehlungen, sei es als Bittsteller, sei es auch nur als Würdenträger. Denn es stand keiner zu hoch, der sich nicht in genauem Befolg des Zeremoniells vor ihr auf die Erde werfen mußte, all so, daß sein Mund den Boden berührte. Es waren welche, die sagten, daß solche Härte zu den Männern ihr reichlich die Lust ersetze, die sie früher von ihnen gehabt habe, da sie ihnen sich anbot. Denn sie tat wie eh, ihren Leib mit größter Sorgfalt zu pflegen auf das kostbarste und bettete ihn zur Ruhe, wann immer sie es danach verlangte, und hatte sie immer silberne, mit heißem Wasser gefüllte Gefäße zu Füßen ihres Lagers, Winter wie Sommer. Und war ihre Tafel bedient von Köchen aus allen Ländern, ihr das Mahl von seltensten Leckereien zu bereiten, wie man solche vor ihr an dem Hofe nicht kannte. Justinian, der als ein einfacher Mann nur Gemüse aß, sich mit jedermann aus dem Volke unterhielt wie mit seinesgleichen, sah den Aufwand seines Weibes mit Erstaunen wohl, doch gab er sich ihm doch wie einer fremden Seltsamkeit ganz gefangen und diente ihr darin mit allem, was er vermochte. Denn stets hatte der über alle Maßen eifrige und gelehrte Kaiser die geistigen Kräfte der Kaiserin zu bewundern Anlaß und ihren mächtigen Willen in großen Dingen, nicht nur in den kleinen. Es konnte so aussehen, als ob Justinian nur im Kreise seiner Frau seine kaiserliche Würde erlebte, die ihm sonst bei all seinen vielen gelehrten, diplomatischen, bauherrlichen Betätigungen nicht gegenwärtig sein konnte, da sie ihn hier vielleicht behindert hätte, das zu tun, wozu ihn sein Herz wie seine Neigung zogen. Also leuchtete die Sonne seiner kaiserlichen Würde dann, wenn die ihn überstrahlende Nebensonne der Augusta Theodora neben ihm stand. Und daß er von ihr nicht nur das Licht, sondern auch die Wärme bekam, dessen ist Zeuge der große Aufstand, der in Byzanz wegen der ungeheuren erpreßten Steuern ausbrach und der die halbe Stadt in Flammen setzte und bereits dazu geführt hatte, daß ein anderer zum Kaiser ausgerufen wurde. Justinian war schon bereit, mit seinen Schätzen auf einem Boote über den Bosporus zu fliehen, schon rief man den Honorios, der ein Neffe des Kaisers Anastasios war, in den Straßen aus, und vergeblich war Justinian mit den aufgeschlagenen Evangelien in den Armen in dem Hippodrom erschienen, mit keinem andern Erfolge, als daß ihn die Menge mit Pferdeäpfeln und anderem Unrat bewarf. Wir waren um ihn als die letzten in den Gärten, die zum Meere führten, versammelt, bereit zur Flucht, als Theodora sprach: »Welche die Krone getragen haben, dürfen nie ihren Verlust überleben. Nie werde ich den Tag erblicken, an dem man aufhören wird, mich mit dem Namen der Basilissa zu grüßen. Willst du fliehen, Cäsar, so tu es. Du hast Gold, die Schiffe sind bereit, das Meer ist offen. Ich bleibe. Ich liebe das alte gute Wort, daß der Pupur ein schönes Leichentuch sei.« An diesem 18. Januarius des Jahres 532 stand wahrhaft das Reich am Vorabend seines Falles, und der männliche Mut Theodoras allein hat es gerettet. Dankte sie bis zu dieser Stunde ihren Platz im Staatsrate nur der Schwäche Justinians, von nun ab dankte sie ihn ihrer eigenen Stärke allein, und sie behielt ihn und der Kaiser widerstritt ihn ihr nicht, ja er stellte neben den seinen auch ihren Namen in allen jenen Inschriften sogar, welche die Siege über unsere Feinde verherrlichen. Wie dem Kaiser so schwor man ihr die Treue, und in wichtigsten Entschlüssen holte sich Justinian Rat von der höchst verehrten Gattin, die Gott ihm gegeben, wie er sagte. Und die er auch nannte »seinen allersüßesten Zauber«. Von jenem Tage an gab es in Byzanz in Wahrheit nur einen Augustus, und er hieß Theodora. Sie brachte in die Staatsverwaltung ihr ergebene Leute, ebenso in den Geheimdienst, in die Politik, in die Kirche. Nach ihrer Laune machte sie zu Patriarchen und Päpsten, wen sie wollte, aber auch Minister und Generäle. Es war nicht selten, daß sie eine Anordnung ihres Gatten durch eine gegenteilige aufhob. Es steht mir wohl zu, zu sagen, daß die Kaiserin einen weiteren Blick besaß als Justinian, der zu sehr nach rückwärts in die Zeit gekehrt davon träumte, das alte Reich der Cäsaren wieder zu errichten, was auch der Grund war, daß er das Reichsgesetz aus den Alten sammelte. Mit nichten so Theodora. Ihr Auge sah feiner und schärfer; sie hatte es auf den Osten gerichtet und empfing die syrischen Mönche und die ägyptischen, den Zooras und den Jakobos Baradeos, so abstoßend diese auch in ihren Lumpen waren und so roh in ihren Worten und Sitten. Denn so fromm sie wie jede Frau in dieser Stadt war, begriff sie doch, wie wichtig es für das christliche Staatswesen sei, den religiösen Dingen größte Aufmerksamkeit zu schenken, und daß wer darin nachließe, es auf eigene große Gefahr täte. Die Basilissa wußte, daß die wahrhaften Kräfte dieses Reiches nicht im Westen, sondern in den blühenden Provinzen Asiens und Ägyptens lagen, und daß Gefahr für das Reich in den religiösen Meinungsverschiedenheiten brüteten, die sich in diesen Provinzen und ihren Völkern immer deutlicher zeigten, die Gefahr des Abfalles vom Reiche. Danach richtete die Augusta klug ihre Politik, ganz anders als Justinian, der aus Geschmack an Streit und Widerspruch sich für die religiösen Verschiedenheiten interessierte und wie in seinen Strebungen das Recht betreffend darauf aus war, subtile Formeln zu finden mit den Theologen. Es war dieses wie ein Spiel. Während Theodora entschlossen die Partei der Häretiker gegen Rom und den Papst ergriff. So aber gelang ihr, für das häretische Ägypten lange Jahre der Duldung durchzusetzen. Und es gelang ihr, daß das häretische Syrien seine verfolgte eigentümliche Kirche wieder errichten konnte. Sie erreichte es, daß den Widergläubigen gestattet war, ihre Predigt aufzunehmen, später sogar, daß sie der Exkommunikation Widerstand leisten und sich dem säkularen Gericht entziehen konnten. Ihr haben es die Anhänger der Lehre von der einen göttlichen Personenschaft Christi zu danken, daß sie, was sie lehrten, bis ins schwarze Nubien bringen konnten und zu den braunen Söhnen der arabischen Wüste. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, welche ihren Glauben an die nichts als göttliche Natur des Erlösers davon wollten ableiten, daß sie aus ihrem früheren lasterhaften Hurenleben nicht rechtgeben wollte, es sei der Erlöser auch wahrhaft Mensch und Mann gewesen. Denn solcher Glaube an Christi Menschhaftigkeit hätte ihr sein Göttliches in häßliche Bilder verzerrt, wie sie solche in der Erinnerung trug. Und es kann solche Annahme wohl begründet sein zu einem Teile in Betracht des Umstandes, daß Theodora in all ihrem großen staatsmännischen Wesen niemals aufhörte, ein Weib zu sein, je nach Umständen voll Schlauheit oder Gewalttätigkeit sich freute, diesen Papst einsperren und absetzen zu lassen, jenen aber ganz unter ihren Willen zu beugen, daß er ihr nachlief wie ein Hündchen. Es mag die Kirche immer ihren Namen verfluchen ob ihrer Begünstigung der Irrlehren und der üblen Behandlung, welche Päpste wie Silverius und Vigilius von ihr erfuhren. Es ist nicht meines Amtes, sie als Christ zu richten, denn ich hing ihrem Glauben an die eine Natur Christi an, weil es der ihre war, und begab mich ganz in ihre Gründe dafür, ohne sie für mich zu prüfen, aber es ist mit meiner Einsicht und meiner Stellung an ihrem Hofe verträglich, zu sagen, daß sie als die Augusta dieses großen Reiches so wie sie gehandelt recht gehandelt hat. Wäre sie nichts als fromm gewesen, dann wäre sie nicht die Augusta geblieben, so aber ward ihr die Aufgabe gestellt, ein Reich zu wahren.

Ich würde das gleich zu erzählende als von an sich geringer Bedeutung nicht berichten, zeigte es die Augusta nicht ganz auch in diesem kleinen Zuge. Es war ihr von geschäftigen Zwischenträgern eine Erfindung als wahr berichtet worden, die sich auf die eheliche Treue des Kaisers bezog. Er besäße, so sagten sie, eine ehrgeizige Geliebte, deren Sinn höher stünde, als Bettgenoß zu nächtlicher Kurzweil des Gatten zu bleiben. Es war dies ein nordisches Weib, Edita geheißen, sehr von eigentümlicher Schönheit. Denn es zeichneten sie bei tiefschwarzem Haar Augen aus, groß und von bernsteingelber Farbe. Zudem überragte sie um ein kleines Stück die Kaiserin an Leibeslänge und war um zehn Jahre jünger. Die Augusta gab ihr Zutritt in ihr Schlafgemach und brachte sie leicht dahin, daß ihr diese Edita eine Nacht durch diene mit allen Künsten ihres Leibes. Denn sie wollte wissen, was sie könne. Und ob diese so eigentümlich sei, daß es des Kaisers wert wäre. Es war am frühen Morgen nach dieser Nacht, daß mich die Augusta in den Vorraum ihres Schlafgemaches rufen ließ. Sie zeigte mir durch den etwas gehobenen Vorhang das aus Erschöpfung schlafende Mädchen: sie sei eine Magd wie irgend eine, sprach sie, und nicht wert, den Herrn zu vergnügen. Es stünde mir frei, sie mir als Sklavin zu nehmen oder sie in den Bosporus werfen zu lassen. Jene aber, die sie dem Augustus zuführen wollten und ihr geschäftig schon berichtet hätten, sie sei des Kaisers Geliebte, die ließe sie mir nicht zu solcher Wahl. Und darauf gab sie dem Henker, es war Andronikos, das Blatt, auf dem die Namen jener standen. Es waren zwei Männer und eine Frau. Und hatten die drei eine Stunde später keine Hände mehr, um Gnade zu bitten, und keine Augen mehr, ihr schlimmes Los zu beweinen.

Die Basilissa hatte in diesem wenig besonderen Falle zwei Urteile gesprochen, die man nicht anders als gerecht nennen konnte, wenn es auch schwer würde, sie auf ein Recht zu gründen, es richtete wahrhaft diese Frau aus einem wohlerwogenen Haße heraus, nicht hingerissen von einem Gefühle bloß. Das bekam Germanos, des Kaisers Neffe zu spüren, ebenso wie der Sekretär Priskos. Und wie sie nie verlegen war, die guten Gründe für ihren Haß und die Mittel zu finden, ihn ins Werk zu setzen, das konnte man daran sehen, wie sie den Präfekten Joannes von Kappadozien erledigte, den zu fürchten sie einmal Grund hatte. Nur gegen einen, welcher der treueste, uneigennützigste und verdienstvollste Diener seines Herrn war, fand sie den Weg nicht, ihn in ihre Abhängigkeit zu bringen, und fand ihn doch auf einem Umwege. Dieser eine war Belisar, des Kaisers großer Feldherr. Über ihn zu herrschen gelang der Basilissa nur durch des Feldherrn Gattin Antonina. Diese machte sich die Kaiserin zur nächsten Freundin, ergetzt und in Grauen gebracht von der Schamlosigkeit dieser Frau, die das Leben der Theodora dort fortzusetzen schien, wie diese es aufgegeben hatte. Und die Basilissa schützte sie in diesem ihrem Leben vor dem Zorne des Gatten nicht nur, sondern auch vor dem manches Liebhabers. Dadurch aber wurde Antonina ihr ganz unterworfen wie eine Freigelassene, und um dieses Schutzes willen verriet sie ihren Gatten Belisar, gab ihn der Basilissa in die Hand, so daß nichts um den Feldherrn geschah, wovon die Augusta nicht genaue Kenntnis hatte. Es gab keinen Mann, dessen Schwäche sie nicht gekannt und genützt hätte, ihn zu beugen. Nur diesen Mann Belisar, dieser unbeugbare, etwas schwerfällige und nicht im geringsten ehrgeizige, doch kluge und tatkräftige Soldat, erlaubte sich, ohne ihre Mittlerschaft seinem Herrn zu dienen und nicht in ihr seinen Herrn zu erkennen. Belisar liebte seine Frau, die klug, geschickt und fähig war, das Unmögliche möglich zu machen. Ihrer bediente sich also die Basilissa und öfters brachte sie es dazu, daß sich Belisar wieder mit seinem Weibe versöhnte und ihr verzieh. Dadurch wurde er von Theodora abhängig als der letzte Mann im Reiche, der sich ihr noch nicht unterworfen hatte. Es war kurz vor seinem Tode, daß ihn für so langen Widerstand Theodora traf. War auch die Zeit seiner Verbannung und Einziehung seiner Güter nur kurz, und erfolgte auch bald seine Rückberufung, – er zog den Dolch nicht aus der Wunde und starb daran.

Aber es ward ihr von allen doch kein anderer Name gegeben als »die treue Kaiserin«, und war kein Titel, den sie besser verdiente als diesen. Tut der nun alte einsame Kaiser ein feierliches Versprechen, so beim Namen Theodoras, die, es sind nun vier Lustren her, von uns genommen wurde in noch jungen Jahren, da sie zählte vierzig Jahr. Die immer den Kaiser rühren wollen, erinnern ihn und sprechen von der vortrefflichen, schönen und weisen Herrscherin, die nun für ihn im Paradiese bete.

Ich bin hierher in diese kaiserliche Pfalz Ravenna geschickt worden, auf daß ich in der Basilika des Heiligen Apollinaris das Bildnis des Kaisers und der Kaiserin auf die Wand bringe, so gut ich es treffe, und man hat in solchem Werke wie sonst auch meinem schwachem Vermögen mehr vertraut als ich ihm selber. Denn völlig gelingt ein Unternehmen nur jenem, der reinen Herzens ist, und solches bin ich, Gott möge mir verzeihen, mit nichten. Aber ich mußte gehorchen und brach also hierher auf mit diesen meinen dreien Gesellen, welche des Handwerkes kundig sind, zu Farbe zu bringen, was ich mit der roten Erde auf den Plan reiße. Da ich nun in der späten Nachmittagsstunde des zweiten Tages auf dem Gerüste vor der Wand saß und die rechten Maße überdachte, da kam ein Mensch seltsamen Aussehens und Gehabens die Leiter herauf und sah schweigend erst mein Blatt an, auf dem ich das Bildnis in kleinem Verhältnis entworfen hatte. Es war ein hagerer, gelber Mensch mit hohlen Wangen, straffem schwarzem Haar, das ihm auf den Nacken fiel, gar armselig gekleidet nach ägyptischer Art der Mönche, und hatte große gerötete Augen mit einem mächtigen Feuer darinnen brennend. Mein schwaches Bildnis der Theodora im Paradiese, ihre dahin abgeschiedene, vom Irdischen befreite Seele – denn also hatte ich sie vor meinem Auge – hielt der fremde Mann in der Hand und verzog den Mund voll Zorn und schrie: »Solche, meinst du, seien im Paradiese? Wahrlich, ich sage dir, solche brennen in den schwarzen Feuern Gehennas bis zum jüngsten Tage und werden an diesem Gerichtstage in noch tiefere Höllen gestoßen werden.« Mein Mund war wie versiegelt von dem Reden des heftigen Mannes, das nun anhub wie eine Flut sich über die Kaiserin zu stürzen, die er die große babylonische Hure nannte und den Pfuhl aller Laster dieser Welt und der andern, denn sie habe den süßesten Herrn Jesus Christus in ihre Sünden gemenget damit, daß sie ihm zu dienen vorgab mit dem Sündhaften, das sie tat. Es schauderte mich vor diesem Manne bis ins innerste Gebein. Es war ganz dunkel in dem Raume, als mit den Worten: »Verdammt ist sie und dreimal verdammt im Namen des Heiligen Geistes, des Sohnes und des Vaters!« der Fremde verschwunden war und wie weggeschluckt von der Nacht, die mich umgab wie ein schwarzes Tuch. Es kamen dann meine Gesellen mit Lichtern und brachten mich in die Herberge. Ich sprach zu ihnen kein Wort.

Aber andern Morgens sah ich mit Staunen und Schrecken das Bildnis der Theodora, unserer Kaiserin, auf die vorher noch kahle Wand gezeichnet, denn meine Hand hatte darauf noch nicht einen Strich getan. Es mußte dieses der Fremde in der Nacht gewerkt haben, zumal das Bildnis auch ganz nach seinen wilden Reden geformt war. Nackt bis auf das kleine Höschen der Tänzerinnen stand sie aufrecht, die Arme, wie sie bei Lebzeiten zu tun liebte, nach rückwärts gelegt, mit leicht geknickten Knien die Scham nach vorne drängend, die wie ein lüsternes Auge sichtbar wurde in dem Spalt des weißen Stoffes. Die kleinen mädchenhaften Brüste starrten steil, und wie ein harter Stachel waren die Warzen rechts und links. Der linke Fuß war leicht auf die Zehenspitzen gehoben, und die unsichtbaren Hände verrieten ein schändliches Tun auf dem Körperteile, auf dem sie lagen. Über die leicht schielenden Augen senkte sich halb das Lid. Höllisches Getier und Geranke war rings um dieses in der heidnischen Weise der Alten mit großer Lebendigkeit gezeichnete schändliche Bildwerk. Ich brauchte Stunden mühevoller Arbeit, es aus der Wand zu kratzen, und bis auf die letzten Spuren gelang es mir nicht. Und immer wieder verirrten sich meine Gesellen, als sie die farbigen Täfelchen legten, in die undeutlichen Umrisse jenes teuflischen Bildnisses, und nun, da es fertig ist, seh ich mit Schaudern, daß aus der Reinheit meines Werkes die Hölle jenes andern brennt. Ich bin nur ein
alter armer Mensch und weiß nichts. So weiß ich
nicht, war es Gott oder war es der Böse, der
mich damals besuchte und der in meinen frommen
Wunsch für die Verblichene das Urteil seiner
ewigen Verdammnis unauslöschlich hineinschrieb.
Es gibt welche, die sagen, es sei das
Weib immer und in jeder Gestalt die
Gehilfin des Bösen. Möge sich
der allmächtige Herr, der
Christus, des Weibes
erbarmen.
Amen
.

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