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Der Knabe Ganymed

Franz Blei: Der Knabe Ganymed - Kapitel 5
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Knabe Ganymed
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Tantalos

Mit ihrem Zunamen heißt, wie man seit Schiller weiß, die Amme des Menschengeschlechtes die Gewohnheit. Nur beim Vornamen wird sie verschieden gerufen. Seit Jahrtausenden wohnen die Menschen an den Abhängen des Vesuv. Und noch viel länger bewohnen sie die Erde. Es dürfte sich kaum eine leidlich vernünftige Person, die an die Hölle glaubt, vor der Hölle fürchten. Deshalb wird immer wieder auf der Kanzel versucht, den Menschen diesen abgründigen Ort in schreckliche Präsenz zu bringen, unmittelbar bevorstehend für alle Sünder. Aber auch an diese Erinnerung an den Ort der größten weil ewigen Peinen hat sich der Mensch gewöhnt. Nun ist mir aber noch viel erstaunlichere Kunde durch einen Bekannten geworden, der, es ist noch nicht lange her, den Tartaros besucht hat. Sie wissen, daß ihn die Cook-Gesellschaft in das Programm ihrer Gesellschaftsreisen aufgenommen hat, aber die Tour erfreute sich nicht der geringsten Beliebtheit. Den meisten Reisenden erscheinen die Qualen der Tartarosbewohner etwas veraltet, gemessen an neueren Ausdenkungen dieser Art, und dann kam ihnen die Aufmachung allzu kindisch vor und die Mühe des Abstechers nicht lohnend. Ich aber glaube, Hauptgrund des Desinteressements an der antiken Hölle bei den Cookreisenden war und ist ihre mangelnde klassische Bildung: sie kennen nicht einmal dem Namen nach die Herrschaften, deren Qualen sie sich anschauen sollen. Von einem nur geht das Gerücht, daß er in nicht zu stillendem Wissensdurst den düstern Ort aufsuchte, um, ganz begeistert davon, überhaupt nicht mehr zurückzukehren: ein deutscher Gymnasiallehrer des Griechischen. Seine Frau soll allein imstande sein, diese skurrile Ausnahme zu erklären. Aber ich will erzählen, was mir mein Freund berichtete.

Er hatte mit Tantalos und andern Verdammten kleine Unterhaltungen gehabt und von allen das einmütige Geständnis bekommen, die Strafen seien die ersten zehn zwölf Monate recht unangenehm gewesen, aber nachher hätten sie die Entdeckung gemacht, daß sie gar nicht mehr an das dachten, was sie machten, sondern zumeist an ganz was anderes. Jedenfalls nie mehr daran, daß es furchtbar sei, was sie da tun müßten. Es hatte ein völliger Automatismus eingesetzt, der den Gedanken, daß sie, was sie täten, als Strafe täten und sich selber zur Qual, vollkommen verdrängte. Ja, es trieben die Danaiden ihre vergebliche Wasserschöpferei mit einer Ausgelassenheit wie Kinder, die am Strande Burgen bauen, welche die Flut immer wieder wegschwemmt, oder wie junge Damen, welche Foxtrott tanzen, wobei man auch nicht ans Tanzen denke. Diese an so krassem Exempel erfahrene Tatsache beweist, wenn es noch nötig ist, wie recht Rathenau auch in diesem Sinne mit der Automatisierung hat: sind wir einmal so weit, daß wir nicht merken, was wir machen, so danken wir das dem Umstand, daß wir an etwas anderes denken. Man kann den Satz auch so fassen: daß wir überhaupt denken, verdanken wir dem Umstand, daß wir nicht merken, was wir tun. Und eine dritte Fassung wäre noch formulierbar: sie aber konfrontierte uns mit einer zu grauenvollen Erkenntnis. Zudem dürfte mehr interessieren, was mein Freund sonst noch aus dem Tartaros berichtete.

Tantalos, der dürstend im immer zurückweichenden Wasser steht, und vor dessen hungerndem Munde immer der apfelbehangene Zweig zurückfliegt, er bekam von Zeit zu Zeit doch eine Handvoll Wasser, das ihm an den Brusthaaren hängen geblieben war; auch einen Apfel schmiß ihm der Wind zuweilen zu. Er hatte sich mit der kargen Diät abgefunden. Seine Leiden waren weit erträglicher als die eines Verwandten, der einen reichen Onkel beerben will, welcher Onkel jeden Winter eine schwere Bronchitis übersteht und achtundneunzig Jahre alt wird. Sisyphus hatte Mordsspaß mit seinem Felsblock, wenn er den Berg hinunterrollte, wobei er immer versuchte, ihn gegen einen unten wandelnden Schatten zu dirigieren, gegen den Archimedes zumal, auf den er wütend war, und der da immer Experimente anstellte, den rollenden Block als motorische Kraft zu benutzen, um im Hades elektrisches Licht einzuführen. Tantalos war ein gewichtiger Herr und immer in Angst, daß sich die andern über ihn lustig machen. Was den zwanzig Quadratmeter großen Tityus betrifft, so fand er die Vögel, die ihm jeden Tag die Leber etwas heraushackten, sehr bekömmlich für seine Verdauung. Bei den Danaiden war oft der alte, sonst Damen nicht geneigte Newton zu sehen, der da hygrometrische Studien anstellte. Eine der Frauen sagte zu meinem Freunde: »Bitte erzählen Sie nicht weiter, daß wir uns amüsieren. Wir müßten dann was anderes tun, was neues lernen, und wir haben uns an den Scherz schon so gewöhnt. Denn schließlich, ich bitt' Sie, was liegt schon daran, ob das blöde Faß voll wird oder nicht, he?«

Nur ein Wissen, das sie zu ihrem Glücke nicht besitzen, wäre imstande, die Gepeinigten des Tartarus wieder vom Automatismus ihres Tuns zu befreien und dieses in gefühlte Strafe zurückzuverwandeln. Das Wissen, daß die Götter, die sie einst verurteilt haben, längst gestorben sind. Wie das kam?

Herakles war der erste, der fand, daß die Hebe eine schrecklich dumme Gans sei, und daß er sie nie von seinen Knien herunterbekomme, wo sie immer Hutschi-Hutschi machen wolle, dieses Kalb. Und wie er sich nach dem Stall eines andern Augias sehne, erzählte er gähnend jedem, der es hören wollte. Und Ganymed, des Allvaters Lustknabe – aber dies ist nicht wiedererzählbar wegen des bekannten sittlichen Anstoßes. Wie dem Herakles und dem Ganymed erging es allen andern Göttern des Olymp. Und Jupiter wurde nachdenklich. »Es kommt mir vor,« sagte er, »als ob sowohl der Hades wie der Olymp ein Mißgriff waren.« Er berief einen großen Rat, die Sache wurde diskutiert und endete mit der Auflösung des olympischen Etablissements. Die Bewohner des Tartarus in Freiheit zu setzen, davon sah man ab; die Göttlichen wußten ja längst, daß diese grausam Bestraften ihre Strafarbeit nicht mehr als solche wahrnahmen, und auf die Erde gelassen, hätten diese Verbrecher nur den ohnedies auf ihr vorhandenen Unfug vermehrt. Die Götter selber aber kamen auf die Erde herunter und erwarben hier das Bürgerrecht der Sterblichkeit. Sie führten einige Jahre eine lustige Bohemeexistenz als wandernde Schauspielergesellschaft mit Musik von Offenbach. Danach starben sie auf ganz gewöhnliche Weise und mit der Erkenntnis, daß Glück und Unglück, Lust und Schmerz keine absoluten Werte sind, sondern nur in einer Tendenz zu besser und schlechter bestehen, und daß Lust wie Leid, und alles, was wächst, seine höchste Vollendung nur für einen ganz kurzen Augenblick behauptet.

Die Leser dieser Mitteilung dringen in zwei Gruppen geteilt auf mich ein, – die eine Gruppe will durchaus über Ganymeds Ermüdung etwas erfahren, die andere, ernster gerichtet, will den dritten Satz wissen, der einen so grauenvollen Aspekt eröffne. Was nun den Lustknaben betrifft, möchte ich den Drängenden versichern, daß sie ihre Phantasie schrankenlos ausschweifen lassen mögen, um das simple Faktum zu variieren, daß selbst für einen Lustknaben und seinen Freund die Zeit kommt, wo dieser den Knaben, jener die Lust satt hat. Was aber die Frage der zweiten Gruppe betrifft: Das Denken ist, was immer es auch zum Inhalte habe, nach vorne, nach vorwärts gerichtet. Wir denken von uns weg in der Richtung auf einen mehr oder weniger weit vor uns liegenden Punkt. Den nahen Raum rund um uns brauchen wir zum Leben, zum Tun. Wir können nicht denken, wenn wir handeln, wir können nicht handeln, wenn wir denken: eins hebt das andere auf, schließt es aus. Undenkend zu sein: das allein gelingt nicht. Was stellt sich ein, daß wir tuend doch denken? Wir denken was anderes als was wir tun. Das um so leichter, je automatisierter das Tun wird. Wir beeilen uns, diesen Moment des automatischen Tuns zu erreichen, um frei zu werden, was andres zu denken. Das endliche Resultat ist: daß der Mensch nicht nur nicht mehr das und dazu denkt, was er tut, sondern ohne Bindung an sein Tun irgendwas denkt, aus dem Denken und dessen Gebilden, den Ideologien heraus denkt. Davon findet er keinen Weg zu dem, was er tut. Denn er denkt immer anders und anderes als er tut. Er tut immer anders und anderes als er denkt. Es tritt in der Geschichte des Menschen der Moment völliger Unvereinbarkeit dieser Diskrepanzen ein. Nicht einmal in einem witzigen Mißverständnis kann er mehr zu seinem Tun denken. Er steht vor einer entscheidenden Gabelung seines Weges und sinkt schaudernd zurück in die erbarmenden, erlösenden Arme des Gottes.

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