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Der Knabe Ganymed

Franz Blei: Der Knabe Ganymed - Kapitel 2
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Knabe Ganymed
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Des Odysseus letzte Ausfahrt

Die alten Schriftsteller haben sich mit dem homerischen Berichte über Schicksal und Ende jener griechischen Helden und Fürsten nicht zufrieden und von deren weiterem Leben und Tun manche Kunde gegeben. Zumal den Erdenspuren des Odysseus, des Menelaos und der Helena sind sie nachgegangen, nichts versäumend, folgende Geschlechter zu Lust und Gewinn zu unterrichten davon, was sich alsdann begab, da ein jeder dieser Helden wieder an seiner Stätte sitzend das ihm zugeteilte Tagewerk aufnahm.

Daß Penelope in der langen Zeit des kummervollen Wartens wohl für viele Freier des ithazensischen Thrones willen begehrenswert, doch nicht jünger und schöner geworden war, solches wird niemand dem guten Wesen zum Vorwurf machen, und auch Odysseus wäre mit diesem Umstande zurecht gekommen, wenn anders Penelope nicht selber ohne es zu wissen darauf aufmerksam gemacht hätte, daß sie, was sie an jugendlicher Schönheit verloren, durch andere Verdienste um Odysseus wettzumachen glaubte. Kaum war die Walstatt von den toten Freiern gesäubert und Sturm ersten Wiedersehens und Umarmens verrauscht, hub sie an, ein großes Wesen aus ihrer Treue zu machen, um, also von sich redend, zu erfahren, wie es Odysseus mit dieser Tugend gehalten habe, und ob sie nicht ein Opfer gebracht, das der nicht verdiente, dem sie es brachte. Und es war ja in der Tat dieses Opfer, dieser Aufwand einer Tugend so ungeheuer, daß Odysseus es nicht über sich gewinnen konnte, einzugestehn, daß er mit nichten treu gewesen, zumal immer häufiger das Bild der Kalypso vor seinen Sinnen stand und er es nicht verraten wollte mit dem falschen Geständnis seiner Untreue, die er aber nur mit leichtfertigen Geschöpfen und so obenhin begangen, – wie es in solchen kritischen Fällen Ehegatten zumeist tun. Er gewann die Kraft über sich, die bei der geliebten Nymphe verbrachten Jahre der Gattin zu verschweigen, die es wunderte, was er nun all die lange Zeit nach dem Falle Ilions getrieben hätte. Und damit begann eine arge Leidenszeit für den Dulder Odysseus. Denn es oblag ihm nun, diese Zeit mit Abenteuern zu füllen, die er völlig erfinden mußte. »Als welch ein Lügenbeutel werde ich auf die Nachwelt kommen, verdunkelnd all so all mein Heldentum!« – so dachte er aufseufzend oft, wenn er vom wiederkehrenden »Und dann?« Penelopens zu neuen Erfindungen angespornt den vom flackernden Kaminfeuer beleuchteten Sauhirten und die herbeigeeilten Nachbarn lauschend mit offnem Maule an der Tür erblickte, wissend um die Schwatzhaftigkeit seiner Landsleute, die alle die Lügengeschichten weitererzählen und über ganz Griechenland verbreiten würden. Er hieß ja nicht umsonst der listenreiche Odysseus und verstand sich aufs Geschichtenerfinden, aber er mußte sich doch erschreckt auf Wiederholungen und Doubletten ertappen, worauf ihn zudem Telemachos aufmerksam machte. Mit einem trüben Lächeln blickte da Odysseus auf den Jüngling, der unter der Obhut seiner Gattin und des andern Weibervolkes im Hause sich zu einem abscheulichen Musterknaben entwickelt hatte, der keine Geschichte des Vaters passieren ließ, ohne eine moralische Nutzanwendung daraus abzuleiten und mit Wichtigkeit vorzutragen. Was ich zu viel habe, der hat's zu wenig, dachte Odysseus und erhob sich, denn es ward ihm übel, und trat vor das Haus unter den Himmel voller Sterne.

Herd und Lager waren ihm verleidet. Er mied beides, so oft er nur konnte, trieb sich in Wald und Feld herum oder an den Klippen des Strandes, saß da auf einer Höhe und blickte übers Meer in die Ferne. An einem solchen Abend war es, daß er ein Segel erspähte und den Bug eines Fahrzeuges, das seiner Insel zustrebte. Sein Lenker war Menelaos, der, von Delphi kommend, ihn bat, ihm Gefährte zu sein auf der Suche nach Helena. Memphis hätte das Orakel ihm angegeben als den Ort, wo die angebetete Frau weile, ohne die er nicht leben könne. Übrigens werde man in Delphi teurer von Tag zu Tag. Tausend Talente Goldes hätte er lassen müssen, aber fände er Helena wieder und zur Heimkehr bereit, so sei ihm dies ein Pappenstiel. Man weiß, daß Helena es vorzog, als Hohepriesterin des Anubis lieber in Memphis zu bleiben, als sich von den tugendhaften spartanischen Gattinnen schief ansehen zu lassen. Und es ist auch nicht diese traurige Geschichte, welche hier erzählt werden soll, sondern die andere, die sich mit Odysseus begab.

Er zauderte keinen Augenblick, die Einladung des guten Sparterfürsten anzunehmen, deutete den landwärts umschlagenden Wind als gutes, ihm von Pallas Athene gesandtes Zeichen, stellte das Segel und trat ans Steuer. Keinen Blick warf er zurück auf die heimatliche Küste, bot ihr vielmehr luftgeschüttelt seinen breiten Rücken. Es war frohe Fahrt. Wäre der von Verliebtheit ganz erweichte Menelaos nicht gewesen, dem, schlief er nicht, die Zunge nicht stillstand zum Lobpreise Helenas, deren Reize so viele und so große seien, daß einer genügte, ihr alle Abenteuer und Liebhaber zu verzeihen.

»Wie zaubervoll«, sagte Menelaos, »ist nicht die Geste ihrer Hand, wenn sie sie auf das allzu heftig schlagende Herz drückt ...«

Das nicht da ist, dachte Odysseus.

»Und wie versteht sie es, das Augenlid halb zu senken und den erhitzenden Blick über einen gleiten zu lassen ...«

Kurzsichtig verträgt sie das Licht nicht, dachte Odysseus.

»Dann wieder, wie entzückend, wenn sie ihren kleinen Finger hebt und ansieht wie eine Kostbarkeit ...«

Wenn ihr nichts sonst einfällt, dachte Odysseus.

»Und wie träge und beunruhigend ist ihr Gang einer Frau, die zu viel geliebt wird ...«

Oder zu enge Schuhe trägt, dachte Odysseus.

»Und wenn sie bloß sagt: es regnet, sagt sie es, als ob es Liebesgötter regnete ...«

Der arme Menelaos! dachte Odysseus, und deutete mit einem Gähnen dem Sparter an, daß es Zeit zu schlafen sei.

Doch allein nun bedachte er dieses alles und fand, daß also übelwollend sich seine Wünsche gegen Helena nur um dessentwillen richteten, weil ihm Penelope Galle ins Blut gegossen hatte mit ihrer Treue, die sie ihm Tag um Tag als ihre Schönheit gewiesen hatte, weil andere Schönheit nicht mehr an ihr war. Und diese andere, diese Helena, hatte sicher ihre Untreue schön belassen wie eh. Weit schöner, als es der in Liebe verwirrte Narr Menelaos aufzähle nach dem springenden Diktat seiner Sinne.

Aber was galt ihm dieses fremde Weib eines anderen? Ihm, dem Geliebten der unsterblichen Nymphe! Und Düfte wie aus einem Zaubergarten trug der östliche Wind herüber zu ihm, der die Arme streckte und die Nüstern blähte und aufstöhnte aus der bedrängten Brust. Stärker wehten Gerüche, wie duftendes Frauenhaar strich es um ihn ... Und er stieß den Mann am Steuer beiseit, griff selber den Balken, warf ihn herum. Immer noch kämen sie nach Ägypten, und Menelaos wäre morgen zu sagen, widriger Wind hätte sie abgetrieben zu dieser Insel, die seine selige Insel war und wieder sein sollte für eines kurzen Tages Stunden.

Als die rosenfingrige Eos erwachte, sichtete Odysseus das grüne Eiland und mit dem heraufrollenden Sonnenwagen sprang er an den Strand. An dieser Stelle hatte er sein Floß gebaut. Da war Kalypso gestanden, gab weinend den Mägden Befehl, die Fracht zu häufen. Dort durch das Wäldchen, aus dem sich dampfend der Frühnebel in die Sonne hob, ging der Pfad zum zierlichen Lusthäuschen, dem rosenumrankten. Dem Schlafe wird sie noch in den Armen liegen. Sie zu wecken wird köstlich sein.

Odysseus schritt durch das Gehölz, langsam, weilend, denn er mußte es hinzögern im kurzen Stück Weg, das Wiedersehen, das brausend gespannte Blut genießen, das ihm durchs Eingeweide bebte. Und voller Gesichte aus seinem Blute war der Weg: bog sich ein schlanker Rücken hinter der Buche, sprang weißer Knie ein Paar über das rieselnde Wasser, lag ein heller Leib im Moos, leuchtend wie ein silberner Schild. Aber da stand gekrümmt ein braunes im Wege, ein altes Weiblein, ganz gering und huzelig, und mühte sich vergeblich, ein Bündel Reisig über den verbogenen Rücken zu bekommen. Trat Odysseus zu der Alten und half. Die blickte sich um, sah auf zu ihm, ein Paar strahlende junge, blaue Augen blickten auf zu ihm, daß er wankte.

»Ja, Geliebter, ich bin es. Da du bei mir warst, hielt deine Liebe die Jahre auf, und ich war in deiner Liebe die ewig junge Kalypso. Aber an dem Tage, da du gingst, da kamen die verdrängten, an der Türe wartenden Jahre alle auf einmal über mich, und in einem Lidschlag wurde ich alt, nun uralt, an die neunzig wohl. Aber ich danke dir, daß du kamst. Und nun – dort liegt wartend dein Boot. Leb' wohl, Odysseus! Ich danke dir, daß du kamst.«

Das große Leuchten dieser jungen Augen umfaßte ihn noch einmal. Dann stürzte Odysseus zum Strand. Blickte zurück. Kalypso winkte mit einer armen, kleinen, schwachen Geste der Hand Abschied.

Die alten Schriftsteller erzählen, unter welchen Umständen die beiden Helden in Memphis Helena trafen, wie Menelaos mit Worten und Tränen und Füßeumklammern die geliebte Frau gebeten habe, mit ihm heimzukehren, wie sie sich mit klugen Worten dessen geweigert und Menelaos weggeschickt habe. Und wie dann eine schweigsame Heimfahrt der beiden Helden gewesen sei. Die Autoren sind hier hinsichtlich des Odysseus sehr zurückhaltend, und man muß es aus ihrer Versicherung, daß er glücklich mit Penelope bis zu seinem späten Tode lebte, zu lesen verstehen, daß er bei der alten Kalypso das Geheimnis der Liebe erfahren hatte. Nicht mehr mit dem beschauenden Auge sah nun er die alternde Penelope und lockte damit ihre hilflose Wehr hervor. Sondern überströmte sie mit dem großen Gefühle, verzauberte sie damit also, daß nichts sonst in ihr blieb als Schönheit, Jugend und liebende Magd des guten und starken Herrn.

Denn was, nicht wahr? was denn soll bleiben, was denn leben an dem armen, eh geliebten Weibe, nimmt ihr der Mann den guten Mantel seiner Liebe von den Schultern, sie in ihrer alleinigen Blöße kühlen Auges zu sehen? Er muß die Arme in seine mächtigste Flamme hüllen, damit sie erglühe.

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