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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Nachdem sie endlich genug gelächelt, getafelt und gefeiert hatten, sollten der König und die Königin in der großen Kirche getraut werden, am Vormittag um elf Uhr. Und der Tag würde ein großer Festtag sein, und für den Abend war in sämtlichen Städten des guten niederländischen Reiches eine glänzende Illumination geplant.

Es war nicht wahr, was Hakkema von Markus gesagt hatte, nämlich, daß er aus der Anstalt entsprungen sei. Man hatte ihn ganz einfach freigelassen, weil man ihn für ungefährlich hielt und weil man in den Irrenanstalten heutzutage um Gäste gerade nicht verlegen ist, besonders nicht in der vierten Klasse.

Aber man hatte ihm aufs strengste angesagt, daß man ihn auch fernerhin scharf beobachten und bei der geringsten Ruhestörung wieder einsperren würde.

Nach jener Protestversammlung war die Polizei denn auch schon mehrmals bei Roodhuis gewesen, um sich nach Markus zu erkundigen. Es wurde hinzugefügt, daß man ihm anrate, nicht mehr öffentlich zu sprechen, weil das leicht seine unmittelbare Verhaftung zur Folge haben könne.

Und so hatte Markus denn nicht mehr öffentlich gesprochen, sondern war auf die Arbeitssuche gegangen. Er wanderte zu Fuß in die benachbarten Städte, oft stundenweit. Allein es war alles vergebens. Nicht immer übernachtete er bei Roodhuis, sondern hin und wieder auch wohl in irgend einem andern Ort, bei einem gutherzigen und vertrauten Freunde. Und Johannes bemerkte, daß Markus sehr arm wurde, denn er mußte von dem leben, was ihm die Freunde gaben, und die konnten auch nicht allzuviel entbehren.

»Warum gehen wir denn nicht alle drei auf Reisen?« fragte Johannes, »so wie früher? Wir werden uns schon wieder unser Brot verdienen.«

»Ja, das war eine schöne Zeit,« sagte Marion, »und wenn Markus jetzt mitgeht, dann wird es noch viel schöner. Er macht noch viel bessere Musik als wir. Wir werden viel Geld verdienen.«

Allein Markus schüttelte den Kopf.

»Nein, meine lieben Kinder, die gute Zeit kommt für uns drei nicht wieder. Für mich ist die Zeit des Singens vorüber und ich muß hier noch bleiben, denn meine Aufgabe ist noch nicht erfüllt. Aber doch binnen kurzem.«

»Und gehen wir dann zusammen?« fragte Marion.

»Nein, dann gehe ich allein,« sagte Markus, »binnen kurzem.«

»Und wir?«

Marion und Johannes sprachen diese beiden Worte beinahe gleichzeitig aus und in traurigem Ton. Dann war es eine Weile still.

Darauf sagte Markus: »Ihr werdet getreu sein und meiner Worte gedenken, und genau so handeln, als wäre ich bei euch. Ist's nicht so?« Sie seufzten, und während jener Zeit waren ihre Gespräche meist kurz und traurig, und sie sangen gar nicht mehr.

Aber an dem Morgen jenes Festtages, als in ganz Holland die Glocken von allen Kirchen läuteten, betrat Markus die kleine Gaststube mit einem Gesicht, so freudig, wie Johannes es noch niemals an ihm gesehen hatte. Seine Augen strahlten, und in seinen Blicken leuchtete ein Lächeln.

»Hörst du die Glocken, Johannes?« fragte er. »Es ist ein Festtag.«

Johannes hatte noch gar nicht an den Festtag gedacht.

»Wie schön Markus, daß du so froh bist. Gibt's was Gutes?«

»Hast du was gefunden?« fragte Frau Roodhuis. »Gott sei Dank, Mann.«

»Das Schlimmste ist überstanden,« sagte Markus. »Jawohl, Frau Roodhuis, ich werde heute an die Arbeit gehen.«

Und nachdem er sein Brot verzehrt, sagte er: »Johannes, geh' du mal zu van Tyn und frage, ob Marion mitkommen darf. Wir wollen gehen und uns den König und die Königin ansehen, wenn ihr wollt.«

»Wohin gehen wir denn?« fragte Johannes.

»In die Kirche, Johannes. Der Küster ist ein guter Freund von mir und hat mir ein Plätzchen für euch versprochen, oben im Chor, bei den Sängern.«

Über den feierlichen Akt will ich euch hier nur lieber nicht ausführlich berichten, denn ihr habt das alles ja ganz genau in den Zeitungen lesen können. Wie das Gotteshaus dicht gefüllt war mit den vornehmsten und reichsten Bewohnern Hollands, und wie einer noch schöner gekleidet war als der andere. Daß die Firma so und so den Blumenschmuck geliefert habe, daß die Menschen am Abend zuvor schon vor den Türen gestanden, um des Morgens als erste Einlaß zu erhalten: daß das Brautpaar unter den Klängen das Mendelssohnschen Hochzeitsmarsches eintrat, und wie bezaubernd die Braut ausgesehen, nur sei sie ein wenig blaß gewesen. Wie ein imposanter Zug von goldstrotzenden Militärpersonen und Staatsbeamten dem Paar gefolgt und ringsum Platz genommen, so daß die Kirche einen wundervollen Anblick geboten. Wie ehrfurchtsvoll die Menschen sich alle erhoben, und wie bewegt sie alle waren. Wie der Pfarrer eine kurze aber gefühlvolle Ansprache hielt, die tiefen Eindruck machte. Wie würdevoll sich der König und wie anmutig sich die Königin während der gebräuchlichen Formalitäten benahm. Wie die Königin das »Ja« gesprochen, mit einer Stimme, die alle Anwesenden durchzitterte und tief bewegte. Wie der König darauf ein paar Worte gesprochen und wie er gelobt, daß er all seine Kräfte seinem teuren Volke widmen wolle. Wie er Gottes Segen für seine schwere, erhabene Aufgabe herabgefleht, und wie endlich ein donnerndes »Es lebe der König« und »Es lebe die Königin« erklungen sei, daß das ganze große Gebäude davon dröhnte.

Das alles haben euch die Zeitungen ausführlich berichtet.

Aber vielleicht entsinnt ihr euch, daß einzelne Blätter noch etwas hinzufügten, eine kleine Störung betreffend, die verursacht wurde durch das Auftreten eines Menschen, der allem Anschein nach nicht ganz bei Verstand war. Dem Vorfall sei indessen, wie die Blätter hinzufügten, nicht die allergeringste Bedeutung beigemessen, und er sei sofort wieder vergessen worden. Solche Dinge ereignen sich ja so häufig bei dergleichen Feierlichkeiten, denen eine große Menge beiwohnt.

Der Ruhestörer sei, den Zeitungsberichten zufolge, ein Mann, der seines absonderlichen Betragens wegen schon längere Zeit polizeilicherseits scharf beobachtet werde. Alsbald sei er denn auch in sicheren Gewahrsam genommen worden, und die Polizei habe nicht wenig Mühe gehabt, ihn gegen die Volkswut zu schützen. Das hohe Paar habe diesem kleinen Zwischenfall nicht die geringste Bedeutung beigemessen und sei, freundlich lächelnd und grüßend, durch die begeisternd jubelnde Menge nach seinem Heime gefahren.

So wurde es in einzelnen Blättern berichtet, nicht einmal in allen. Doch, jetzt werde ich euch einmal erzählen, wie sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen hat. Ich weiß es ganz genau von Johannes und Marion, die durch Vermittlung des Küsters im Chorgestühl der Kirche einen sehr guten Platz erhalten und alles gesehen haben. Und von ihnen habe ich es gehört. Durch das Mittelschiff der Kathedrale zieht sich über den Bogen der Seitenschiffe und unter jedem der hohen Fenster eine ganz schmale Galerie mit einer steinernen Balustrade hin. Auf jene Galerie kann man nur durch ganz kleine Türen gelangen, die Mönchslöcher genannt werden, weil die Klosterbrüder in alten Zeiten von dort aus den kirchlichen Feierlichkeiten beizuwohnen pflegten.

Nachdem nun der König seine kurze Ansprache gehalten hatte und alle Anwesenden augenscheinlich tief bewegt und ehrfurchtsvoll schwiegen, erschien plötzlich dort oben auf der schmalen Galerie ein Mann, der einen weiten, aschgrauen Mantelkragen und um den Hals ein weißes Tuch trug. Und plötzlich rief jener Mann, mit einer Stimme, die viel voller und mächtiger klang als die des Königs, so daß es durch die tiefe Stille bis in den fernsten Winkel des großen Tempels hallte, die Worte:

»König der Menschen!«

Alle blickten ihn an, auch der König und die Königin, die ihm gerade gegenüber standen.

Er aber schien sie nicht zu sehen. Den Kopf hatte er leicht zurückgeworfen, so daß das dunkle Haar sich über dem weißen Tuch lockte; seine Augen starrten, mit halb geschlossenen Lidern, in das Licht, das durch die Bogenfenster fiel, gleich als wolle er die innere Sehkraft vor allzu scharfem Lichte schützen. Seine Gestalt trug er hochaufgerichtet, während er die eine Hand auf die weiße Balustrade stützte und die andere mit majestätischer Gebärde emporhob.

Noch einmal erklang es:

»Heil dem König der Menschen!«

Der Zeremonienmeister mit seinem weißen Stabe und die goldstrotzenden Generäle und Diplomaten blickten alle verwundert, abwechselnd erst den Redner, dann einander, und endlich auch das königliche Paar an, nicht recht wissend, ob dies am Ende eine besondere Programmnummer sei, von der man offiziell nichts berichtet hatte. Aber da es großen Eindruck machte und der Stimmung der Anwesenden völlig angepaßt zu sein schien, lauschten alle mit gespannter Aufmerksamkeit. Und der Dirigent des Kinderchores, der gerade hatte einsetzen sollen, lauschte gleichfalls und wartete. Und unbekümmert sprach Markus das folgende:

»Heil ihm, der der Menschenkönig genannt werden darf. Gesegnet, wer jenen Namen verdient.

»Denn ihn krönet die Gnade Gottes, die die Weisheit ist. Sein Szepter heißt Liebe und sein Thron Gerechtigkeit.

»Unter den Millionen, die klagend umher irren, ist er der Starke und Weise, der ihnen freudig voranschreitet und ihren Weg erleuchtet.

»Gesegnet ist sein Gang, denn er zieht mühelos Hunderttausende mit sich.

»Gesegnet sind seine Gedanken, denn weiter als alle anderen schaut er vor sich in die Wunder des Vaters.

»Gesegnet ist sein Wort, denn er ist der Dichter, der Welten schafft nach des Vaters Vorbild, er ist Gottes Dolmetscher.

»Er ist freudig in aller Betrübnis, glücklich in allem Mißgeschick, denn wo er geht, da geht er im Schatten des Ewigen und höret über sich seine Flügel rauschen.

»Unter den zahllosen Krüppeln und Mißgestalteten, unter der Menge der Schwachen und Gebrechlichen ist er der einzig Vollkommene, der dartut, was der Mensch zu werden vermag.

»Stark ist er und schön gebaut und stolz und bescheiden, wagemutig und geduldig, klug im Großen und verständig im Kleinen, streng in seinen Handlungen, weichen Gemütes, voll unbegrenzter Liebe, sanft und dennoch nimmer weich.

»Denn er ist die einzige unversehrte reinfarbige Blume in dem Felde voller Bleichen und Mißformten. Ehre sei ihm! Erwählet ihn und umringet ihn mit Huld und Sorgfalt. Denn in ihm lebt die Zukunft und das ganze Geschlecht.

»Er ist der Richter über der Menschen Wege, er trägt die Last ihres Leidens und ihrer Verwirrung, unentwegt, denn er weiß um das Ende und die Rettung.

»Er ist es, der Ordnung in der Menschen Zusammenhang schafft und sie handhabt. Weil er weiß und begreift, und ihre Wünsche und Regungen vor seinem Geiste sieht wie eine sorgfältig gezeichnete Landkarte.

»Er wirkt nicht durch Drohungen oder Gewalt, sondern durch die Überlegenheit seines Geistes, die ein jeder empfinden muß.

»Er ist der Regler der menschlichen Arbeit, sie lehrend wie sie produzieren und verteilen sollen, ohne daß der eine in Überfluß schwelgt, während der andere in Mangel und Entbehrungen sein Dasein fristet, ohne daß der eine faulenzt, während sich der andere überarbeitet. Er entwirft und befestigt den Verband, der einem jeden seinen Platz in dem großen Haushalt sichert. So daß das Leben schön wird und leicht und geordnet, wie die Figuren eines wohlgeübten Tanzes.

»So ist der König der Menschen. Seine Macht ist ihm verliehen, nicht durch den törichten Wahn Unmündiger, die Sklaven der Gewohnheit und eitler eingeprägter Furcht sind – sondern vermöge der vernünftigen Einsicht der Millionen, die in ihm ihrem besseren Ich folgen und es verehren.

»Nicht schreitet er im Glanz äußerlichen Prunkes einher, noch trägt er eine goldene Krone, aber um sein Haupt strahlt, einem jeden erkennbar, die Gnade Gottes, die da ist die Weisheit, die Liebe und die Schönheit.«

Nachdem Markus dies gesagt hatte, begann man hier und dort unruhig zu werden. Der Zeremonienmeister winkte, daß es genug sei, und schickte einen Lakaien zu dem Kapellmeister, um fragen zu lassen, warum denn noch nicht gesungen würde, so wie es vorgesehen sei – und einen andern an die Tür, um nachzusehen, ob die Equipagen bereits vorgefahren seien.

Allem die Equipagen waren noch nicht da, und die Kinder, die den Chor singen sollten, blieben gänzlich betroffen und mit offenem Munde dastehen und starrten auf die fremde Gestalt, die mit solch wunderbarer Stimme sprach, gleich als käme sie aus dem Himmel – so daß der Kapellmeister nicht dazu imstande war, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, und allmählich einzusehen begann, daß es mit seinem so mühevoll einstudierten Gesang sicherlich wohl nichts mehr werden würde.

Markus beachtete weder die zunehmende Erregung noch die wütenden Gebärden des Zeremonienmeisters, der ihm das Schweigen aufzuerlegen versuchte, sondern erhob seine Stimme jetzt so laut, daß sie donnernd durch das hohe Gewölbe widerhallte:

»Wo ist ein König der Menschen?

»Wo ist der Menschen König? Wo ist der Menschen Königin? Seinesgleichen, die ihn stützt und ihm ebenbürtig ist.

»Suche sie, du unglückliches Menschtum! denn nimmer hast du ihrer so sehr bedurft, denn jetzt.

»Sucht sie in allen Landen, ihr Unglücklichen, denn der Jammer und die Häßlichkeit und die Dürre und die Verwirrung lassen sich so nicht lange mehr ertragen.

»Sucht sie in den Städten und auf dem Lande, sucht sie auch in den Armenvierteln und in den Spelunken, ja, sucht sie sogar in den Gefängnissen und Zuchthäusern. Denn so groß ist eure Wirrsal.«

Und dann rief Markus, den Kopf leicht herabneigend, während er den funkelnden Blick auf das gekrönte Paar richtete und dann auf die Schar der geputzten und vornehmen Menschen ringsumher, mit gewaltiger Stimme:

»Aber, sucht ihn nicht hier! Hat das Licht von Gottes Gnade hierher gewiesen?

»Ist die Gnade Gottes hier allen erkennbar geworden, wie eine strahlende Aureole... die Weisheit, die Liebe, die Schönheit?

»Was seid ihr für Kinder, ihr dort in euren Prunkgewändern und mit den Abzeichen eurer Würde, daß ihr glaubt, Einen zum König machen zu können, auch wenn Gott seine Gnade nicht offenbaret hat?

»Werdet ihr, indem ihr euch auf einen eitlen Klang, auf einen Namen verlaßt, in eurer Vermessenheit verkünden: hier ist ein König, und hier muß sich auch die Gnade Gottes offenbaren, weil wir es also wünschen?

»Werdet ihr wie Kinder und Eitle eurem Gott befehlen und Ihm sagen, wo Er seine Gnade zu gewähren hat?

»Wer hat die Weisheit, die Schönheit, die Liebe und die Kraft dieses armseligen Menschenpaares gesehen, die doch die sichtbaren Zeichen von Gottes Gnade sind?

»Zittert ihr denn nicht unter der entsetzlichen Verantwortung, die ihr auf euch ladet, auf euch und auf jene beiden Bedauernswerten, bei diesem gotteslästerlichen Puppenspiel?«

Jetzt begann die Unruhe sich zu steigern. Wenn König und Königin, Grafen und Barone, Generäle und Hofmarschalle, Staatsräte und Minister kindisch und eitel genannt werden, so zeitigt das Aufruhr.

Der König wurde rot, hustete vernehmlich hinter seinem weißen Handschuh und warf dem Zeremonienmeister einen zornigen Blick zu.

Die Königin hingegen erbleichte und zupfte nervös an den Falten ihrer kostbaren Robe aus weißem Atlas, während sie sich halb umwandte. Ein gefaßter Höfling winkte dem Organisten zu und rief »Musik!« – Ein General – Johannes erkannte ihn von den Plejaden her – wollte versuchen, seinen Gebieter zu beschirmen, und rief mit der ganzen dramatischen Wucht und dem barschen Kommandoton seiner Stimme: »Schweige, du Bösewicht!«

Allein ein jeder mußte einsehen, daß dies vielmehr possierlich als imposant wirkte, und keiner unter den Höflingen, Militärpersonen und Beamten traute sich selber genug persönliche Macht zu, um mit Stimme und Gebärde gegen diesen gewaltigen Redner aufzutreten. Jeder fühlte, daß er theatralisch wirken würde, während jener graugekleidete Mann dort oben nicht theatralisch war. Und das Publikum bot keinerlei Hilfe; das saß da, gänzlich bestürzt, und befand sich, wie jede große Menschenmenge, völlig unter dem Bann der mächtigen Persönlichkeit, und sei es auch nur vorübergehend.

Endlich begriff der Organist, was man von ihm in dieser verzweifelten Situation erwartete, und er zog sämtliche Register und setzte mit einem schweren, dröhnenden Choral ein.

Mittlerweile wurden eiligst zwei Polizisten hinaufgeschickt, um den unerwünschten Redner zum Schweigen zu bringen.

Allein die ernste Musik klang wie eine feierliche Bestätigung der Worte, die Markus gesprochen. So wenigstens wollte es Johannes und sehr vielen unter den Anwesenden erscheinen.

Markus schwieg, in Gedanken versunken.

Die Polizisten kamen unverrichteter Sache zurück. Die Galerie war nur über einen dicken Balken zu erreichen, dessen Lehne morsch und zerbrochen, und der drei Meter oberhalb des Bodens angebracht war. Dort hatte die Schutzleute ein Schwindel befallen, so daß sie sich weigerten, nochmals hinaufzugehen. So mußten denn Feuerwehrleute herbeigeholt werden.

Die Musik verstummte, und noch immer nahm die Zeremonie keinen Fortgang. Und noch immer stand Markus dort oben und blickte mit seinen, Johannes so wohlbekannten, traurigen Augen auf die Menge herab.

Und nochmals fing er an, leiser jetzt, aber scharf und qualvoll durchdringend:

»O, ihr Armen und Ärmsten, o, ihr Sklaven des Teufels, mit Namen Gewohnheit.

»Ihr wißt es nicht besser und ihr könnt nicht anders. Ihr glaubt, das zu tun, was eure Pflicht, und das zu fühlen, was gut und heilig ist.

»Wie würde es euch wohl möglich sein, einen König zu suchen? Und wie würdet ihr die Ordnung, die heilige Ordnung, ohne diese beiden Leutchen handhaben? Ohne sie, die ihr jetzt auf gut Glück König nennt, ebensogut wie ihr irgend einen Findling zum König hättet ernennen können.

»Aber dennoch habt ihr alle es gefühlt, daß ich die Wahrheit sprach soeben. Und daß ihr diese glitzernde Lüge trotzdem handhaben werdet, weil ihr es nicht anders wagt, und nicht anders könnt.

»Aber bedenkt, ihr Unglücklichen, daß Feigheit und Schwäche euer Tun nicht entschuldigen werden, wenn ihr wissend der Lüge anhängt und, die Wahrheit schauend, sie dennoch verlasset.

»Was ihr traget, ist entsetzlich. Noch bedauernswerter erscheint ihr mir als das verwahrloste Volk, aus dessen Elend ihr euren Prunk gesogen habt.

»Dies arme Menschenpaar beladet ihr mit dem Königsnamen, der doch nur dem allerstärksten, dem allerklügsten Menschen gebühret.

»So Zerschmettert ihr ihre schwachen Seelen mit dieser Last, die nur der Stärksten einer zu tragen vermag. Ihr entheiligt den Königsnamen, ihr lästert Gott, der seine Gnade nicht auf euren Wunsch gewährt.

»Euer verwahrlostes Volk blendet ihr mit dem leuchtenden Schein, daß ihnen ist, als hätten sie wahrlich einen König. Aber das alles ist eitles Spiel im Dienste eines ungesunden Friedens, einer mangelhaften Ordnung. Denn es ist niemand unter euch, der die Weisheit und die Kraft besitzt, dieses Volk der Gerechtigkeit entgegen zu führen. Und dennoch tragt ihr alle die Verantwortung für ihre Verwahrlosung, ihre Unwissenheit, ihre Roheit und ihr Elend.

»Und sie sind am wenigsten schuldig, denn um eures Überflusses willen mangelt ihnen die Gelegenheit zum Lernen.

»Ihr aber pocht auf euer Wissen und eure Bildung. Ihr wißt, wie der Arme hungert und der Reiche auf Müßiggang ein Anrecht hat. Ihr wißt, daß ihr euren Überfluß der Not der Verwahrlosten zu danken habt. Ihr wißt um das Unrecht, und ihr laßt es geschehen. Und diese beiden Unglücklichen beladet ihr mit der Verantwortlichkeit und der Lüge.

»Aber ihr wißt! – und euch soll nicht verziehen werden.

»Und ihr beiden armen Menschen, die ihr begraben seid unter der Last eurer Scheingröße – du armer Mann! und du, armes, armes Weib! die übermenschliche Kraft, der es bedarf, um die Lüge rings um euch her zu zerbrechen, werdet ihr nicht besitzen. Möge euch der gute Vater, der euch Seine Gnade nicht schenkte, mit verzeihendem Erbarmen umhüllen.«

Da zog ein äußerst erregter junger Adjutant einen Revolver zum Vorschein und rief: »Er beleidigt die Königin!«

Ein etwas gesetzterer Diplomat hielt, eine Panik befürchtend, seine Hand zurück.

Allein der Ruf »er beleidigt die Königin!« wurde bis an den Eingang der Kirche wiederholt, und dort draußen hörte man wüstes Lärmen, denn bei der Ankunft der Feuerwehrleute hatte die aufgeregte Menge etwas aufgefangen, das klang wie von einem Mörder oder einem Wahnsinnigen, der dort oben in der Kirche saß.

Da erschienen die behelmten Männer auf der schmalen Galerie und rissen Markus beiseite. Unverzüglich fesselten sie ihn mit starken Stricken, da sie fürchteten, daß er sie sonst in die Tiefe hinabstoßen könnte. Darauf schritt erst der eine über den dicken Balken und ließ Markus erst folgen, als er selbst schon drüben angelangt war. Dann kam der andere, so behutsam wie möglich.

Das Publikum konnte dies alles nicht sehen, da es sich in dem dunkeln First des Seitenschiffes abspielte. Aber es atmete erleichtert auf, als die mächtige Stimme dort oben schwieg, die Orgel wieder einsetzte und das Königspaar, dem der Zeremonienmeister voranschritt, sich endlich dem Ausgang näherte. Denn jetzt waren die Wagen vorgefahren. Der Kinderchor ließ sich nicht mehr hören. Im übrigen aber hat es sich alles so zugetragen, wie es die Tageszeitungen berichteten.

Markus aber wurde, scharf gefesselt, durch eine Seitentür hinausgeführt. Aber doch nicht ganz so heimlich, daß die Menge, die noch immer draußen harrte, es nicht bemerkt hätte.

Und alsbald sammelte sich ein lärmender Auflauf um die beiden Feuerwehrleute und ihren Gefangenen. »Er hat die Königin beleidigt!« schrien sie. »Schlagt ihn tot!« – »Hoch lebe das Haus Oranien!« – und dabei drangen sie auf ihn ein.

Als Johannes und Marion sich atemlos durch die dichtgedrängte Menge gewunden hatten, sahen sie in der Ferne die blitzenden Helme über dem Menschenknäuel sich ganz langsam fortbewegen. Hände, Hüte, Spazierstöcke und Regenschirme sah man darüber aufragen und dann wieder langsam herabsinken.

In furchtbarer Erregung versuchten die beiden dorthin zu gelangen, aber es war ihnen nicht möglich. Sie sahen die roten, wütenden Gesichter der Frauen und Männer und hörten Schreie, wie »Totschlagen« und »Hoch lebe das Haus Oranien« – und endlich sahen sie zu ihrer großen Erleichterung eine ganze Kolonne von Schutzleuten näher kommen, die sich mit dem Stockdegen den Weg bis zu dem Menschenknäuel bahnten.

Jetzt drängte sich die Gruppe vor den Eingang einer ganz schmalen Gasse, in der ein Polizeirevier gelegen war, und Johannes sah, wie ein Mann einen großen eisernen Aschenkübel ergriff, der an der Ecke der Gasse vor einem Hause stand, und ihn mitten in den Menschenknäuel schleuderte, gerade dorthin, wo Markus gehen mußte.

Das wirbelte eine große Wolke weißlich-gelben Aschenstaubes auf – Gelächter und Jauchzen – die Polizisten sperrten die Gasse ab, und langsam zerstreute sich die Menge mit dem Triumphschrei »Hoch lebe das Haus Oranien!«

Und als Johannes in das schmale Gäßchen starrte, durch die Reihe der Schutzleute hindurch, die ihn nicht passieren lassen wollten, sah er Markus nicht gehen, wohl aber gewahrte er, wie die Feuerwehrleute mühsam einen schweren Körper weiterschleppten.

Marion und Johannes warteten geduldig, wohl eine Viertelstunde, die ihnen wie eine Stunde erschien. Dann endlich bekamen sie die Erlaubnis, sich auf das Polizeirevier zu ihrem Bruder zu begeben.

Ein Polizist, der am Eingang saß, verwies sie, mit dem Mundstück seiner Pfeife über die Achsel deutend, nach einem düstern Winkel der Wachtstube. Dort lag Markus bewußtlos auf dem Fußboden, seine Kleider waren in Fetzen gerissen, sein Haar, sein Bart, seine Augenlider gänzlich weiß von Asche, und darüber schwärzlich-rote Streifen geronnenen Blutes. Sein Atem ging schwer, niemand war bei ihm, und er lag da, unversorgt und ungewaschen, die Hände noch immer gefesselt.

Johannes und Marion baten um Wasser, durften indessen nichts tun, sondern mußten warten, bis der Bezirksarzt kam.

Fest hielten sie einander bei der Hand und warteten, den Blick starr auf ihren Freund gerichtet.

Endlich kam der Doktor und schnitt die Stricke entzwei. Zum Sterben würde es wohl noch nicht kommen, meinte er.

Sie sahen die weißüberdeckte Tragbahre kommen, auf die Markus gelegt wurde. Hand in Hand schritten sie neben ihr einher, bis an die Tür des Hospitals, und sprachen kein Wort.

An jenem Abend gab es in allen Städten und Dörfern des guten Holland große Feste und glänzende Illuminationen. Allüberall brannten die Fetttöpfchen, knallten die Raketen, und aus tausend und abertausend Kehlen erklang es immer wieder: »Hoch lebe das Haus Oranien!«

Der König und die Königin waren froh, daß sie diesen Tag endlich hinter sich hatten.

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