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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Der König und die Königin waren noch immer nicht getraut. Das geht in solch hohen Kreisen nicht so schnell. Sie mußten noch vielen Gastmählern beiwohnen, noch viele Ansprachen anhören und sich noch unzählig viele Male verneigen. Sie mochten meiner Schätzung nach ungefähr auf halbem Wege sein.

Und während die meisten Menschen so taten, als ob sie das gut und angenehm fänden und die Feste mitfeierten, gab es doch auch solche, die zusammenkamen, um zu sagen, daß ihnen das nicht recht sei. Solche Zusammenkünfte nennt man Protestversammlungen. Dort protestieren sie dann nicht etwa gegen die Heirat dieser beiden Menschen, denn dagegen haben sie nichts einzuwenden, wohl aber gegen den Prunk, der dabei entfaltet wird, gegen all die Leckereien, die verzehrt werden, gegen die schönen Kleider, das Weintrinken und das Festefeiern. Das alles finden sie unnötig und zu teuer. Sie finden auch das Halten eines Königs und einer Königin teuer und unnötig.

Dies ist nun allerdings eine sehr außergewöhnliche und unerhörte Meinung, denn wie ihr wißt, fanden sogar die Tiere in dem Teich, in den Johannes mit Windekind untergetaucht war, es nötig, einen König zu haben, der recht viel essen konnte.

Nun, und als dann Jan van Tyn mit seiner Frau zu einer dieser Protestversammlungen ging, wollte Johannes sie gern begleiten, denn er war neugierig, was es dort wohl zu hören geben mochte.

Johannes war jetzt gleichfalls Kostgänger geworden, wie Marion, und zwar bei Freunden von Jan, einem kinderlosen Ehepaar, das ein kleines Abstinenzlercafé betrieb. Der Mann hieß Roodhuis und war groß und kräftig gebaut, mit einem frischen Gesicht, hellen Augen und einem kleinen blonden Schnurrbärtchen. Er sprach nur wenig und empfand gegen Alkohol und Soldaten eine unüberwindliche Abneigung.

Seine Frau sprach auch nicht viel, war aber sehr freundlich und fleißig. Sie hatten durch das kleine Café gerade ihr Auskommen, waren überall da zu sehen, wo es die Arbeiterbewegung galt und empfingen in ihrer kleinen Gaststube deren sämtliche Vorkämpfer und Redner. Auch wurden in jenem kleinen Saal Gesangschöre eingeübt und Theaterstücke aufgeführt, soviel wie möglich mit der Tendenz gegen den Alkohol und Soldaten und für das Nahen der feurig herbeigesehnten Freiheit und Verbrüderung.

Dort also gab sich Johannes in die Kost und brauchte die nicht einmal zu bezahlen, wenn er dafür im Geschäft ein wenig mithelfen wollte.

Einen schweren Gang hatte er hinter sich. Er hatte seinen Kindern Lebewohl gesagt. Zwar waren sie inzwischen größer und weniger zart geworden, und es waren nicht mehr seine allerliebsten Kinder, so wie sie ihn anfangs bezaubert hatten und ihm ans Herz gewachsen waren, aber dennoch war das Scheiden traurig.

»Warum gehst du fort, Jonny? und wo wirst du jetzt wohnen?« fragten sie.

»Ich bin arm und ich muß arbeiten, um mir mein Brot zu verdienen.«

»O, aber Mammi wird dir schon Geld geben, nicht wahr, Mammi? Und du kannst hier immer bei uns essen und wohnen, dann brauchst du nicht zu arbeiten,« sagte Olga.

»Du darfst auch jeden Tag meine halbe Portion Hafergrütze essen, ich bekomme doch immer mehr als ich mag,« fügte Frieda hinzu.

»Nein, Kinder,« sagte ihre Mutter, »es ist nicht schön und gut von dem zu leben, was uns ein anderer gibt, ohne daß wir selbst arbeiten. Das ist ein Wucherleben und eine Sünde vor Gott. Das weiß Johannes auch wohl, und darum hat er ganz recht, wenn er arbeiten will, weil er arm ist.«

»Na also, lieber Jonny,« sagte Olga, »dann werde ich für dich beten, daß der liebe Gott dich bald reich macht, genau so reich wie wir sind: dann brauchst du nicht mehr zu arbeiten, und dann kommst du wieder zurück.«

»Ich finde es gar nicht nett vom lieben Gott, daß er Jonny arm gemacht hat und uns reich,« sagte Frieda.

»Pfui, Frieda, so darfst du aber nicht sprechen,« sagte die Gräfin ermahnend.

Und dann ging Johannes rasch und tapfer fort, bevor die Tränen kamen.

Später hörte er, daß Herr van Lieverlee, von dem er sich nicht verabschiedet hatte, überall erzählte, Johannes sei von ihm wegen seiner weitgehenden Eitelkeit des öfteren gerügt worden und habe sich daher aus lauter Anstellerei bei Proletariern ein Unterkommen gesucht.

In der Gaststube des Abstinenzler-Cafés »Die Zukunft« hatte sich ein großer Kreis von Geistesverwandten versammelt. Jan van Tyn war da mit seiner Frau, die einen Säugling auf dem Arm trug, und dem ältesten Töchterchen. Auch Marion war da. Eine Nachbarin hatte sich erboten, die van Tynschen Kinder während dessen zu warten. Ferner saßen da noch ungefähr zwanzig Männer und Frauen in dem kleinen Saal mit der schmutzig-grauen Tapete. Sie hatten alle Tee und Schokolade auf kleinen Tischen vor sich stehen. Viele Mütter hatten ihre Säuglinge bei sich. Es wurde wenig gesprochen und viel geraucht. Denn daß man den Tabak ebenso wie den Alkohol verbannte, war fürs erste noch allzuviel verlangt.

»Na, und was haben sie bei ihrer Untersuchung gefunden?« fragte Jan van Tyn, sobald er Johannes das kleine verräucherte Café betreten sah.

»Er ist noch nicht frei,« sagte Johannes, »aber sie werden ihn wohl loslassen müssen. Er hat sie schließlich beide zum Schweigen gebracht.«

»Famos,« sagte Jan.

»Komm du nur immer rein, dann sollst du auch 'ne gute Tasse Kaffee haben, willst du?« sagte Frau Roodhuis zu Johannes.

»Nanu,« sagte darauf ein Mann mit gelbem Gesicht und schwarzem Bart, der einen braunen Manchesteranzug, ein Sporthemd mit lose geschlungener Krawatte und ein paar Sandalen an nackten Füßen trug. »Ihr braucht euch nicht einzubilden, daß der frei kommt. Wenn man sich mal unterstanden hat, gegen diese Gottespest zu wettern, dann hat man die ganze Bande auf dem Hals. Das Pack kennt sich, alle, ob sie nun Pfarrer oder Pastor oder General oder Professor heißen. Alles dasselbe Pack. Und wenn sie einen einmal in den Klauen haben, dann kommt man nicht mehr raus.

Ins Loch oder ins Irrenhaus oder ins Hospital, genau so lange, bis sie einen ins Jenseits befördert haben.«

»Sollten sie ihn wirklich vergiften?« fragte eine Frau entsetzt. »Womit denn?«

»Natürlich vergiften sie ihn,« antwortete der braune Mann, »oder sie quälen ihn tot oder sie hungern ihn aus. Sie haben genug Mittel und Künste, die Schweinehunde!«

Es war erst halb acht und die Protestversammlung sollte um neun Uhr beginnen. Daher wurde der Vorschlag gemacht, man wolle sich inzwischen die Zeit mit Vorträgen und Gesang kürzen. Und so geschah es.

Erst sang einer allein ein Lied von dem armen Konskribierten, der in den Kampf hinausziehen sollte und dagegen allerhand moralische Bedenken hegte.

Darauf sangen sie alle zusammen ein Freiheitslied.

Dann trug ein junger Typograph mit viel Begeisterung ein Gedicht vor, in dem beschrieben wurde, wie sich die Juden ein Vergnügen daraus machten, Jesus auf Golgatha sterben zu sehen. Wie sie sogar ihre Kinder mitnahmen und hofften, daß die Qualen recht lange dauern möchten.

Die Vorstellung dieser Grausamkeit, die mit lauter Stimme hinausgeschrieen wurde, machte tiefen Eindruck, und die Anwesenden lauschten alle mit größter Aufmerksamkeit, trotzdem sie das Gedicht bereits oft gehört hatten. Und als es aus war, begannen sie alle wie wild zu trampeln.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle des kleinen Saales stand Markus.

»Hurrah!« rief Johannes und die andern, die soeben »Hurra für Golgatha!« geschrieen hatten, schrieen jetzt »Hurra für Markus!« weil sie sich in einer sehr erregten Stimmung befanden, und sich aufrichtig darüber freuten, daß er frei war.

»Guten Abend,« sagte Markus, ohne selbst eine besondere Freude zur Schau zu tragen. Er hatte seinen gewöhnlichen Arbeiteranzug wieder an. Von allen Seiten wurden ihm Hände entgegengestreckt.

»Das hätten wir nicht gedacht,« sagte Jan, »daß sie dich noch mal aus ihren Klauen lassen würden. Wie hast du's angestellt?«

»Laß ihn nun erst mal was essen,« sagte Frau Roodhuis. »Bist du nicht hungrig, Mann? Es wird da wohl keine Fetttöpfe für dich gegeben haben.«

»Ich könnte da überhaupt keinen Bissen essen, bei all den Verrückten,« sagte eine andere Frau, »und wenn sie einen dann noch vergiften wollen obendrein.«

»Ja, ich habe Hunger,« sagte Markus. Und er bekam Brot und Milch.

»Wie bist du doch eigentlich wieder hierher gekommen?« fragte Marion.

»Ich hatte noch etwas zu sagen.« Das war alles, was Markus antwortete.

Als er gegessen hatte, fragte er: »Findet heute abend eine Versammlung statt? und wer hat sie einberufen?«

»Die Politiker,« antwortete der junge Typograph.

»Felbeck will Präsident der Republik werden,« sagte der braune Mann.

»Gibt's Diskussion?« fragte Markus.

»Na, und ob. Hakkema kommt auch. 's wird hoch hergehen,« sagte Jan.

»Du mußt auch sprechen, Markus,« meinte Roodhuis. »Du mußt den verdammten Raufbolden auch mal was auf den Kopf geben, genau so wie den Gottesdienern.«

»Gottesdienern habe ich niemals etwas auf den Kopf gegeben,« sagte Markus.

»Das ist schade genug, Gott verdamm mich!« sagte der Sandalenmann. »Die Gottespest ist an allem Übel schuld.«

»Nein, der Militarismus,« sagte Roodhuis.

»Nein, der Alkohol,« rief der junge Typograph.

»Auch nicht – das Fleischessen ist dran schuld,« sagte eine blasse zarte Frau, die kaum zwanzig Jahre zählen mochte. »Erst werden Tiere geschlachtet, dann wird Fleisch gegessen, dann wird getrunken und dann gestohlen und gemordet. Das eine entsteht aus dem andern.«

»Und ich sage, solange sich das Volk ducken und aussaugen läßt von Königen und Priestern, und solange sie noch vor einem Herrn katzbuckeln, ob der nun Prinzipal heißt oder Gott, das kommt auf eins raus, solange bleiben wir im Elend.«

»Na, Markus,« sagte Jan, »sag' du jetzt auch mal was. Du verstehst es besser als die alle zusammen, sollte ich meinen.«

»Ich will euch wohl eine kleine Geschichte erzählen,« sagte Markus, »wenn ihr mir versprechen wollt, sie gut zu behalten und keine Erklärung dafür zu verlangen.«

»Warum keine Erklärung?« fragte der Braune, »was hat das nun wieder zu bedeuten? Ist's am Ende ein Rätsel?«

»Ich will auch ebenso gerne schweigen,« sagte Markus.

»Vorwärts, schieß los, Markus! Wir werden auch kein Wort mehr fragen als das, was du uns sagen willst.«

»So hört denn,« sagte Markus, und er begann mit einer Stimme, die alle zum Zuhören zwang:

»Es lebten einst arme Feldarbeiter, die waren sehr arm, so arm, daß sie, wenn man sie fragte, wie sie doch eigentlich mit all ihren Kindern ihr Auskommen hätten, zur Antwort gaben: Der Kirchhof hilft auch mit.

»Sie hatten einen reichen Gutsherrn und es gab Überfluß an Land. Aber sie mußten tagein tagaus so lange und so schwer arbeiten, daß sie nichts lernen konnten, auch nicht, wie man am besten säet, pflügt und erntet. Sie verrichteten einzig und allein die Arbeit, die ihnen aufgetragen wurde. So blieben sie dumm, weil sie arm waren und arm, weil sie dumm waren. Und es schien, als ob das so bleiben sollte bis in alle Ewigkeit.

»Der Gutsherr aber wurde durch die Arbeit seiner vielen Arbeiter reicher und reicher. Und je reicher er wurde, desto habsüchtiger und liederlicher und träger wurde er... Und er verlangte, daß seine Arbeiter noch schwerer arbeiten sollten, weil er immer mehr und mehr verbrauchte.

»Allein das konnten sie nicht, und der Kirchhof half so sehr schon mit, daß sie das Entsetzen packte.

»Da fiel infolge der großen Not ein Fünklein Licht in einen unter ihnen, und der sagte zu den andern: »Brüder, dies ist nicht gut, denn wenn das so weiter geht, werden wir alsbald gestorben sein. Wir haben jetzt lange genug gehungert. Laßt uns ihn totschlagen und uns die Schätze zu eigen machen, die wir für ihn aufgehäuft haben.«

»Der Plan erschien den andern gut, und sie wunderten sich, daß sie darauf nicht schon früher gekommen waren. Darauf erschlugen sie den reichen Gutsherrn und verteilten seinen Reichtum. Aber da dieser verschwenderisch gelebt hatte, und da sie selber nicht wußten, wie sie wohl am besten säen und pflügen und ernten könnten, waren sie nach Verlauf von kurzer Zeit noch ärmer als zuvor.

»Da kehrte der Sohn des Gutsherrn zurück, der geflohen war, und er sprach also zu ihnen:

»Seht, es war dumm von euch, euren Herrn zu erschlagen, denn jetzt werdet ihr sterben müssen, weil ihr euch nicht selbst zu helfen wißt.«

»Da antworteten sie: »So sei du uns ein besserer Herr und wir werden dich am Leben lassen.«

»Und der Sohn des Gutsherrn, der die Kenntnisse seines Vaters besaß, ließ sie arbeiten mit kluger Umsicht. Und er wurde reich und sie blieben arm, so arm, daß noch immer der Kirchhof helfen mußte, wenn auch nicht mehr so bis zum äußersten wie zuvor. Dennoch gab es Land im Überfluß. »Allein das Fünklein des Wissens, das in jener äußersten Not aufgeleuchtet war, glomm weiter, und jener eine Arbeiter sprach wiederum zu den andern: »Brüder, es ist doch noch nicht gut. Denn wenngleich wir noch nicht Hungers sterben, so sterben doch unsere Kinder. Und wenn es nicht gut ist, seinen Herrn zu erschlagen, warum sollte es dann wohl gut sein, ihn so reich zu machen, daß er faul und liederlich und übermütig wird? Wir arbeiten hart und er sammelt Reichtümer durch unsere Arbeit. Aber er behält ihn nicht, denn als wir seinen Vater totschlugen, fanden wir nicht einmal so viel, daß wir uns eine Woche davon hatten ernähren können. Wir dürfen das nicht dulden, denn unsere Frauen und Kinder könnten von dem leben, was er vergeudet.«

»Da sagte ein anderer: »Den Gutsherr brauchen wir nicht, wohl aber seinen Verstand. Denn als wir unsern Herrn erschlagen hatten, da fanden wir den Reichtum nicht mehr, den wir erarbeitet, und auch nicht den Verstand, um neuen Reichtum zu schaffen. Daher sind wir jetzt ebenso elend wie zuvor.«

»Darauf sagte ein Dritter: »Ohne unsere Arbeit muß er sterben, aber ohne seine Kenntnisse müssen wir sterben. Lasset uns zu ihm gehen und ihm sagen, daß wir ihm unsere Arbeit nicht geben wollen, wenn er uns seine Kenntnisse nicht gibt. Weigert er sich, dann werden wir mit ihm sterben, stimmt er ein, dann werden wir mit ihm leben.«

»Also taten die Arbeiter. Und der junge Gutsherr, der den Tod fürchtete, lehrte einen jeden, der ihn danach fragte, wie er säen und wie er das Land düngen und bewässern solle, und die Geheimnisse des Betriebes lehrte er sie, auf daß sie leben könnten. Und er gab auch einem jeden, der ihn darum bat, ein Stück Land zum Bebauen und eine Handvoll Getreide. »Denn mit so wenigem haben auch meine Vorfahren begonnen,« sagte er.

»Da nahmen einige die Handvoll Saatkorn und aßen sie auf, weil sie so arm und so gierig waren, und das Stückchen Land verschacherten sie und um die Kenntnis des Betriebes kümmerten sie sich nicht.

»Und andere eigneten sich die Kenntnisse an und bebauten ihr Stückchen Land mit dem bißchen Korn. Und den Ertrag der Ernte verjubelten sie, weil sie so lange schon Not und Entbehrung gelitten hatten. Und jene ersten, die wiederum arm geworden waren, nahmen sie zu sich in Dienst. Und so wurde aus einem jeden von ihnen ein Gutsherr, und dem ersten Gutsherrn gaben sie ein Teil des Ihrigen. Und so wurde der erste Gutsherr sehr reich, und auch andere bereicherten sich, und nur die Allerärmsten blieben elend wie zuvor. Und alles, was bisher geschehen war, das Faulenzen und das Vergeuden und das Erschlagen, begann von neuem. Und der Kirchhof mußte auch fürderhin helfen.

»Allein der Funke des Wissens, der einmal aufgelodert war, leuchtete weiter. Und einer der Arbeiter sagte zu den anderen: »Brüder, noch ist es nicht gut. Denn wir bleiben Unglückliche, die Reichen sind unglücklich durch ihren Überfluß, und die Armen durch ihre Armut. Wie soll das wohl jemals anders werden?«

»Darauf sagte ein anderer: »Brüder, wir haben unserm Gutsherrn seine Macht genommen und wir haben ihm seine Kenntnis genommen. Wir brauchen ihn nicht mehr. Aber welcher Herr ist es denn, den wir brauchen? denn sind wir nicht ebenso elend wie zuvor?«

»Da sagte ein anderer: »Brüder, wir brauchen dennoch einen Herrn, aber einen, der uns Weisheit lehrt und Liebe. Denn ist es nicht Torheit, die manche dazu gebracht hat, ihr Saatkorn aufzuessen? und ist es nicht Lieblosigkeit, die viele dazu bringt, ihre ganze Ernte zu vergeuden und sich die Ärmsten dienstbar zu machen?«

»Da wählten sie sich einen Herrn, der sie die Weisheit lehrte und die Liebe, und dieser sagte: »Ihr werdet kein Land in volles Eigentum geben, denn es ist alles ein Lehen, und von eurer Ernte sollt ihr nicht mehr verzehren, als euch und den eurigen nötig ist, um gesund zu leben, und alles übrige sollt ihr von neuem säen, denn es gibt Land genug. Und niemand soll für einen andern arbeiten, der ebenfalls arbeiten kann, aber es nicht tut.«

»Und sie handelten nach diesem Befehl. Und unter diesem Herrn gründeten sie ein Reich des Überflusses, das Freiheit hieß.«

Markus schwieg, und mit ihm alle Anwesenden während einer ganzen Weile. Endlich sagte der Mann in dem braunen Anzug:

»Na, das hätten sie aber doch auch ohne Herrn und ohne Befehl tun können.«

»Sag mal, Markus!« rief Jan van Tyn, »wenn du etwa solchen Herrn weißt, dann schreib mich nur mit auf die Bewerberliste. Mein Wort drauf, daß ich bei dem nicht in Streik gehen würde.« »Jesus Christus noch mal, bist du Anarchist?« sagte der andere. »Du schmeißt ja alle deine Prinzipien über Bord.«

Jan blickte ihn flüchtig an. »Ich hör' noch nichts fallen,« sagte er trocken. Und dann links und rechts auf seine Nachbarn schauend: »Hört ihr was?«

Die Gesellschaft lachte, und Markus sagte, während er ihn ernsthaft anschaute:

»In den Dienst kannst du sofort eintreten, Jan, ebenso gut wie jeder andere.«

»Was für'n dummer Kerl,« sagte der mit dem braunen Anzug.

Auf dem Wege zum Versammlungslokal kamen sie an dem königlichen Palast vorüber. Dort waren alle Fenster erleuchtet, denn es hatte soeben ein Festmahl stattgefunden, und die Heirat war somit wiederum ein wenig näher gerückt. Die Lakaien blickten mit geringschätzigem Lächeln aus dem Fenster auf die dichtzusammengedrängte Menge. Die Husaren saßen hoch aufgerichtet zu Pferde, den Karabiner auf der Hüfte. Die Menge rief. Man wollte das Brautpaar sich wiederum verneigen sehen.

Und nach einer Weile wurden die Balkontüren geöffnet und genau so wie der Kuckuck in der Kuckucksuhr beim Schlag der Stunde, traten der König und die Königin auf den Balkon hinaus und begannen sich zu verneigen – aber viel, viel mehr Male, als die Uhr Stunden schlug. Da hatte die Menge ihren Willen und jauchzte befriedigt. Und Johannes empfand auch ganz deutlich etwas wie Begeisterung, aber gleichzeitig auch Mitleid, denn es wollte ihm fast scheinen, als habe die Menge ihren Spaß daran, diese beiden armen Menschen sich immerfort verneigen zu lassen, ohne sich zu fragen, ob sie dazu auch wohl Lust verspürten, sogleich nach dem Essen und nach einem so unruhigen Tage.

In dem Versammlungslokal war es sehr voll und warm. Die Menge staute sich vor dem Eingang. Dort drinnen sah man über einer dicken Wolke von Tabaksqualm Dr. Felbeck an einem mit grünem Tuch bezogenen Tisch sitzen. Vor ihm stand ein schwarzer Hammer und eine Wasserflasche mit ein paar Gläsern. Der Tisch stand auf einer kleinen Bühne zwischen Kulissen, die einen Wald im Mondenschein darstellten.

Im Saal ging es sehr lebhaft zu. Überall schrien die Kolporteure mit marktschreierischem Ruf ihre Wochenblätter und Broschüren aus: »Der Bahnbrecher, zehn Pfennige die Nummer.« »Thron, Börse und Altar oder das Diebskomplott entlarvt! neueste Nummer fünf Pfennige!« »Lest die Gottespest oder der Ursprung alles Übels!« »Wer sind die Mörder? interessante Enthüllungen!«

Dr. Felbeck sah sich mit seinen dunklen stechenden Augen im Saale um wie ein Feldherr, der das Schlachtfeld überschaut. Hin und wieder sprach er ein paar Worte mit dem Vorsitzenden, der gleichfalls Parteigenosse war, allem Anschein nach über diesen oder jenen Förderer oder Widersacher, den er im Publikum bemerkte. Ab und zu nickte er lächelnd in den Saal.

Die Türen wurden geschlossen; der Saal war überfüllt. Ein paar behelmte Schutzleute stellten sich an der Tür auf.

Der Vorsitzende, ein sympathisch aussehendes junges Herrchen, rückte an seinem Kneifer, ergriff den Präsidentenhammer mit der linken Hand, klopfte auf den Tisch und sprach ein paar Worte. Allmählich begann es still zu werden. Da erhob sich Dr. Felbeck, die beiden Hände auf die Tischplatte gestützt, den Kopf zurückgeworfen wie eine sprungbereite Katze. Dann richtete er sich in seiner ganzen Länge auf, musterte die Reihen der Zuschauer herausfordernd und anscheinend sehr siegessicher und begann dann:

»Genossen!«

Die Rede dauerte anderthalb Stunden. Was er sagte, deckte sich so ungefähr mit dem, was Johannes bei der ersten Begegnung aus seinem Munde gehört hatte. Das mißhandelte Proletariat solle sich endlich zum Kampf gegen seine Unterdrücker rüsten, zum Kampf gegen die verrottete bürgerliche Gesellschaft, gegen die Besitzer der Geldschränke, die von Soldaten und Geistlichen gestützt und von der Krone vertreten würden. Das Volk müsse sich seiner Macht bewußt werden, denn das Volk sei der Ursprung alles Reichtums, und dem Volke gehöre die Zukunft. Wenn die Arbeiter sich nur zusammentun wollten, so würden sie bald in der Lage sein, ihre Gesetze zu diktieren. Sie seien doch weitaus in der Mehrheit. Sie müßten das Parlament bilden, die Soldaten befehligen, von den aufgespeicherten Reichtümern Besitz ergreifen, und dann würden sie bessere Gesetze machen und den Herren ihre unverdienten Vorrechte entreißen, und es würde die Zeit der Freiheit und der Verbrüderung anbrechen.

Dabei rechnete Dr. Felbeck aus, wieviel Gulden der König in jeder Minute zu verzehren habe, und wie ganze Arbeiterfamilien eine Woche lang von demselben Betrage leben müßten. Er wies nach, wie viele Menschen unaufhörlich hart arbeiten müssen, damit all diese Pracht und Herrlichkeit bezahlt werden könne. Er schilderte ausführlich, wie die Reichen leben und wieviel Köstliches sie besitzen, und wie doch ein jeder Mensch auf all das Schöne und Gute sein Anrecht habe. Und mit Tränen in der Stimme schilderte er dann, wie der arme Tagelöhner mit seinem kärglichen Lohn auskommen müsse.

Und er sagte, die Arbeiter müßten lernen ihre Feinde zu hassen, und sie dürften sich um keinen Preis von bestechlichen Friedensaposteln ködern lassen, denn auf solche Weise würden sie ewig im Elend bleiben. Und sie müßten doch auch endlich mal ihre Freude am Leben haben, sie, die bisher stets am kürzesten Ende gezogen.

Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung Dr. Felbecks Ausführungen. Die Zuhörer wurden immer aufmerksamer und der Redner immer erregter. Hin und wieder brach in der Menschenmenge ein lautes Gelächter aus, und der Saal dröhnte vom Klatschen und Trampeln: ab und zu wurde auch laut gejubelt. Und als der Redner mit einem feurigen Satz schloß, und begeistert zum Anschluß an das große Arbeitsheer, die Internationale sozialdemokratische Arbeiterpartei, aufforderte, da entstand ein Lärmen, bei dem Johannes Hören und Sehen verging.

Der Redner setzte sich wieder, sehr befriedigt; aber dennoch erwartete er voller Spannung, was die nun folgenden Redner wohl zu sagen haben mochten.

Wiederum Hammerklopfen. »Bittet noch jemand um das Wort?«

Drei, vier Hände streckten sich gleichzeitig empor.

»Hakkema hat das Wort.«

»Ach so,« sagte Jan van Tyn, »jetzt geht's los.«

Hakkema war ein kleiner vierschrötiger Mann mit langem Haar, das er gerade nach hinten gekämmt trug und das ihm bis in den Nacken fiel. Seine Stimme klang rauh und heiser von allzu vielem Sprechen, und während er redete, legte er den Kopf zurück, so daß sein struppiger Bart weit vorragte. Er begann leise, beinahe zaghaft, sich dem vorigen Redner scheinbar anschließend. Aber alsbald merkte das Publikum, daß er ihn tüchtig zum besten hielt. Und seine grobe Stimme klang stets lauter und rauher, und seine Scherze wurden stets beißender und höhnischer. Und das Publikum, das sich mit fortreißen ließ, brach gleichfalls zum großen Teil in lautes und höhnisches Gelächter aus, während einige versuchten, diesem Skandal durch Zischen und Pfeifen ein Ende zu bereiten.

Der Spott richtete sich vornehmlich dagegen, daß der Vorredner sich zwar Proletarier nenne, daß er aber nichtsdestoweniger eine Villa in Driebergen besäße und seinen Sohn Jura studieren ließe und sehr selbstlos die Interessen des Volkes vertreten wolle, wenn das Volk dann nur so freundlich wäre, ihn mit vierzig Gulden wöchentlicher Diät in die Zweite Kammer zu schicken. Daß, wenn der König Dr. Felbeck morgen zum Minister ernenne, mit einem Gehalt von achttausend Gulden, daß Dr. Felbeck das dann annehmen würde aus lauter Liebe zum Arbeiterstande. Und dann könne der Arbeiter zum Minister Felbeck in Audienz gehen und ihn fragen, warum denn die Portionen an den Arbeitertischen noch immer so klein blieben, und wann denn eigentlich die allgemeine Alimentation von Staatswegen beginnen würde.

Und nachdem er etwa eine halbe Stunde in dieser Weise gesprochen, endete der Redner mit der Ermunterung zu einem reineren Klassenstreit, der unter den Proletariern keine »Herren« dulden, und der die Wölfe im Schafsfell – dabei wies er auf Dr. Felbeck, der höhnisch lächelnd seinen Bleistift spitzte – ein für allemal ausschließen würde. Zu einem Klassenstreit, der jeder Herrschaft, jedem Zwang und auch der Tyrannei einzelner Parteien den Krieg erklären würde. Und so lange solle das währen, bis man eine freie Gemeinschaft erreicht habe, in der sich ein jeder das aneigne, was ihm zusage, ohne Herren, ohne Prinzipale, ohne Geldschränke, ohne Götter und ohne Gesetze.

Der Applaus für diesen Redner war nicht weniger donnernd, aber doch von schrillem Pfeifen und Rufen wie »So'n Hund!« und »Schmeißt ihn raus!« unterbrochen.

Allein Felbeck stand seinen Mann. Und mit grimmigen Gebärden und derben Faustschlägen auf den grün bekleideten Tisch erklärte er seinen Widersacher für einen Volksverräter, einen Mann ohne Verstand und Gewissen, einen Feind des Arbeiters, einen Zwietrachtssäer, der niemals etwas anderes würde zuwege bringen können, als Unordnung und Verwirrung.

Das Publikum wurde immer unruhiger. Zehn, zwanzig Redner erhoben sich gleichzeitig von ihren Sitzen. Scharfe Worte flogen hin und her. Ein jeder glaubte, daß es nun auch für ihn an der Zeit sei, etwas zu sagen. Die Frauen begannen ängstlich zu werden, und die Polizisten blickten ihre Vorgesetzten an, gleich als erwarteten sie das Zeichen, daß sie der Sache ein Ende machen sollten.

Während all der Zeit hatte Markus zwischen Marion und Johannes gesessen, ohne auch nur im allergeringsten Zustimmung oder Mißbilligung zu äußern.

»Hast du zugehört. Markus?« fragte Marion, da es ihr schien, als sei er mit seinen Gedanken ganz wo anders.

Er nickte bejahend.

»Dann sprich du doch jetzt mal,« sagte Marion.

»Ach ja, tu das doch,« bat Johannes, »sage du ihnen, wer recht hat.«

»Vorwärts, Markus, wer's weiß, der muß es jetzt sagen,« rief van Tyn.

»Das ist nicht leicht,« sagte Markus, während er sich erhob.

Seine Gestalt zog, wie immer, so auch jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und der geschickte Leiter einer unruhigen Versammlung fühlt sofort, wem er das Wort erteilen muß, um die Ruhe wieder herzustellen.

So erklangen Markus' erste Worte durch die allmählich entstehende Stille wie durch einen Sturm, der sich legt, und während er sprach, ward es endlich ganz still. Aber es wurden keinerlei Zeichen des Beifalls oder der Mißbilligung hörbar.

»Es sind hier Väter und Mütter,« begann Markus, »die wissen, was verdorbene Kinder sind. Das verdorbene Kind, das stets verzogen und mit Süßigkeiten gefüttert wurde, sobald es weinte, wird launisch, bösartig und krank.

»Aber sollen wir denn miteinander tun, was wir mit unsern Kindern nicht tun dürfen? Dem Volke wird geschmeichelt mit Lobhudeleien auf seine Macht und Kraft, es wird mit der Süßigkeit schöner Worte über sein allzu lang erduldetes Unrecht und sein Anrecht auf Besitz und Lebensfreude gefüttert. Das hört ihr alle gern, nicht wahr?

»Aber was man gern hört, das ist darum noch nicht das Beste, was gesagt werden kann. Es gibt auch harte Dinge, die gesagt und angehört werden müssen.

»Ich weiß, daß ihr mir nicht zujubeln werdet wie jenen beiden andern, und dennoch bin ich euch ein besserer Freund als sie.

»Ihr erduldet Unrecht. Aber darauf solltet ihr euch nichts zugute tun, sondern ihr müßtet euch dessen schämen. Denn wer dauernd Unrecht erduldet, der ist entweder zu schwach oder zu dumm und zu gleichgültig, um es abzuwerfen.

»Ihr solltet nicht fragen: »Warum wird es uns angetan? sondern: warum können wir es nicht abwerfen?« Und die Antwort auf diese Frage lautet: »Schwachheit, Dummheit, Gleichgültigkeit.«

»Ich mache euch keinen Vorwurf, aber ich sage euch: Macht nicht andern einen Vorwurf statt euch selber, das allein ist der Weg zur Besserung.

»Ist hier einer unter euch, ein einziger nur, der mir feierlich zu versichern wagt, daß er, wenn ihm von seinem Prinzipal ein ehrenvolles Amt angetragen würde, um seiner guten Arbeit und seines tüchtigen Verstandes willen, ein ehrenvolles Amt, das besser bezahlt wird als das seiner Kameraden – der dann antworten würde: »Nein, Prinzipal, das nehme ich nicht an, denn dann würde ich meine Kameraden verraten und zu der andern Partei übergehen.« Ist hier ein solcher? dann soll er sich erheben.«

Aber niemand rührte sich; und es blieb sehr still.

»Nun wohl,« fuhr Markus fort, »dann ist hier auch kein einziger, der das Recht hätte, die Reichen zu schmähen, die er würde hassen und zertreten müssen. Denn ein jeder unter euch würde tun, so wie jene Reichen, wenn er an ihrer Stelle wäre. Und es würde in der Welt nicht besser aussehen, wenn Ihr dort ständet, wo sie jetzt stehen.

»Warum laßt ihr euch schmeicheln und ködern? Ihr hört immerfort, daß ihr die unterdrückte Unschuld seid, die so furchtbar leiden müsse, die so viel besseres verdiene, die so gut und so mächtig sei, die die Welt so trefflich regieren würde, und die es jetzt endlich auch einmal gut und schön haben müsse.

»Und wenn dem auch wirklich so wäre, ihr Männer! Ist es dann wohl gut, euch das immer und immerfort zu wiederholen? Wird man auf diese Weise nicht eingebildete Toren aus euch machen? Wird die Wirklichkeit sich nicht furchtbar rächen an euch und an jenen Schmeichlern?

»Denn es ist Lüge und Einbildung.

»Ihr würdet die Welt nicht besser regieren, ihr habt dazu noch nicht die Weisheit, auch nicht die Liebe. Ihr seid nicht bedauernswerter als eure Unterdrücker, denn mögen sie auch eurem Körper schaden, so schaden sie doch auch ihrer eigenen Seele, und der Reiche wandelt auf gefährlicheren Wegen als der Arme, und es ist immer noch besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun.

»Und das Gute der Welt kommt euch noch nicht zu, denn ihr würdet ebensolchen Mißbrauch damit treiben wie sie, gegen die man euch in den Kampf hetzt.

»Führet den Kampf und höret nicht auf zu kämpfen bis zu eurem Tode. Aber es muß der Kampf sein von Gerechten gegen Ungerechte, von Klugen und Liebevollen gegen Dumme und Rohe. Und fragt nicht, woher eure Kampfgenossen kommen, denn ihr seid nicht die einzigen Unglücklichen, ihr seid nicht allein menschlich unter den Menschen, und guter Wille und Aufrichtigkeit sind nicht im ausschließlichen Besitz der Armen.«

Obgleich es Johannes scheinen wollte, daß Markus' Stimme nicht so wunderbar ergreifend klang wie sonst, hatten die Menschen ihm doch sehr aufmerksam zugehört. Und als er abbrach und sich niedersetzte, ohne einen besonders oratorischen oder packenden Schluß gemacht zu haben, waren sie doch alle während vieler Augenblicke totenstill. Und keine Hand rührte sich.

Aber gerade diese Stille reizte Dr. Felbeck.

»Wir brauchen nicht zu fragen, Genossen«, begann er in seinem höhnischsten Ton, »aus welchem Loch hier der Wind weht. Das ist noch einer von jener altmodischen Gruppe bürgerlicher Idealisten, die die Welt mit Traktätchen und Predigten reformieren und die Arbeiter durch Unterwürfigkeit artig und geduldig halten wollen. Ich frage euch, ihr Arbeiter, seid ihr nicht lange genug geduldig gewesen? Habt ihr nicht ein Anrecht an die Lebensfreude? sollt ihr etwa den Bauch eurer armen hungernden Kleinen mit Schwätzereien über Weisheit und Liebe füllen?«

»Nein, nein,« brüllte darauf die Menge, sogleich wieder aus dem Bann der Ehrfurcht befreit, der sie einen Augenblick gefangen gehalten hatte.

»Laßt euch durch dieses Geschwätz, das den Klassenstreit aus der Welt schaffen will, nicht irre machen. Ach, so was hören die Herren vom Geldschrank nur allzu gern, denn vor dem Klassenstreit fürchten sie sich nicht schlecht. Aber wenn sie diesen Herrn hier sprechen hörten, dann würden sie jubeln. Paßt mal auf, der wird's noch weit bringen. Es wird auch eines Tages wohl noch ein Orden für ihn abfallen.«

»Und eine kleine Pension«, meinte Hakkema, während das Publikum lachte.

»Er ist ein verkappter Pastor«, sagte der Mann mit dem Manchesteranzug.

»Und du willst, Gott verflucht! ein Arbeiter sein?« rief eine Stimme ganz hinten im Saal, »und willst mir weismachen, daß es meine Schuld ist, wenn meine Kinder vor Hunger verrecken, und nicht die Schuld dieser verfluchten Aussauger? Ein ganz verdammter Pestkopf bist du, aber kein Arbeiter!«

Markus saß ganz still und blickte gerade vor sich hin in die Flamme eines Gaslichtes. Aber Johannes sah, daß er totenbleich war und daß seine Augen immer tiefer in ihre Höhlen zu sinken schienen. Schweißtropfen perlten an seinen Schläfen.

Hakkema erhob sich.

»Ich weiß zufällig, Genossen, daß dieser Mann soeben aus dem Irrenhause entsprungen ist. Das ist ein mildernder Umstand, sonst ...« fuhr Hakkema fort, während er seine geballte Rechte aus der Tasche holte und sie vor sich hinstreckte, »sonst möchte ich ihm wohl gern mal die Faust vor die Schnauze halten und ihn fragen, ob er denn gar kein Gefühl im Leibe hat, daß er dem Arbeiter nicht mal ein kleines bißchen Freude in der Welt gönnt – nach all dem Vergnügen, nicht wahr, nach all dem köstlichen Vergnügen, das wir uns schon haben leisten können, von zweihundert Cents pro Tag.« »Hanswurst!« rief da der junge Typograph zu Markus hinüber, derselbe, der das Gedicht über Golgatha vorgetragen hatte.

»Ich werde dich mal zu mir einladen – dann sollst du sehen, wie's bei mir zu Hause aussieht mit meinen sechs Kindern und dem siebenten in Sicht, und die Kleider im Pfandhaus und seit drei Tagen kein warmes Essen – dann kannst du mal sehen, wie gut ein Arbeiter es hat.«

»Scheußlicher, ekelhafter Sodomiter – Brotsozialist – die Gurgel werde ich dir abbeißen – dein Blut will ich saufen, du Scheusal«, so erklang es von allen Seiten; und die Menge wurde immer erregter.

Der Mann in dem braunen Anzug schrie unaufhörlich Scheltwörter wie: Dieb, Schurke, Luder! und das Allerschlimmste, was er sich nur ausdenken konnte, und war so erregt, daß ihm die Tränen über die blassen verzerrten Wangen rannen.

Der Lärm wurde betäubend.

Johannes ballte die Fäuste und starrte in die bleichen zornigen Gesichter mit den bösartig funkelnden Blicken, die ihn von allen Seiten bedrohten. Neben ihm saß Marion mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen. Markus verharrte unbeweglich. Die Schweißtropfen auf seiner Stirn und an seinen Schläfen wurden so zahlreich, daß Johannes sein Taschentuch zum Vorschein holte und sie ihm abwischte.

Jan van Tyn erhob sich, fühlte aber sogleich, daß er diesem Sturm nicht gewachsen war. Er begann: »Sagt mal, seid ihr denn ganz und gar ...« allein man überschrie ihn, und drohte, daß man ihm die Hirnschale einschlagen würde. Und bereits sah man hocherhobene Fäuste und Stühle durch die Luft schwirren. Da gab der Inspektor endlich den Wink, auf den die Schutzleute schon längst gewartet hatten, und erklärte mit einer harten, gleichmäßigen Stimme, daß das Lakai geräumt werden solle. Und diese Arbeit wurde in kurzer Zeit verrichtet, mit der ruhigen Selbstzufriedenheit der Beamten, die wohl gehofft hatten, daß es wieder so ablaufen würde wie gewöhnlich.

Die Familie Roodhuis und van Tyns blieben mit Marion und Johannes ein wenig zurück. Roodhuis und van Tyn würden Markus schon beschützen, wenn Not am Mann wäre, sagten sie. Markus aber antwortete darauf nur: »Keine Gefahr.«

»Glaube du jetzt nur ja nicht, Markus,« sagte Jan van Tyn, »daß das so viel zu bedeuten hat – ich kenne die Arbeiter, es steigt ihnen immer alles rasch zu Kopf. Aber morgen schreien sie wieder anders. Sie sind so übel nicht, nur ein wenig roh, weißt du, noch so'n bißchen wie halbe Wilde. Willst du mir glauben, Markus, und sie deshalb doch nicht verachten?«

»Nein, Jan, ganz gewiß nicht, wenn ich nur genug Kräfte habe«, sagte Markus, und seine Stimme klang heiser und unsicher.

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