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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Wieder standen sie vor dem düsteren Gebäude, zu dritt, Marion, Johannes und Keesje. Es war ein kalter Tag, und Keesjes schwarzes, mageres Gesichtchen blickte traurig aus einem dicken Umschlagetuch hervor.

»Wollt ihr einen Augenblick in Herrn Doktors Zimmer gehen?« sagte der Pförtner, »der Herr Doktor möchte euch sprechen. Der Herr Professor ist auch da,« fügte er gewichtig hinzu. Und als Marion sich anschickte mitzugehen, streckte er den Arm aus, um sie zurückzuhalten, und sagte: »Nein – die Dame und der Kleine sind nicht mit eingeladen.«

Marion wandte sich um, ohne ein Wort zu erwidern, und sagte zu Johannes:

»Dann warte ich eben zu Hause auf dich. Kommst du bald?«

In dem öden, unfreundlichen Arbeitszimmer mit den grünverhängten Bücherregalen und den Gipsbüsten von Galenus und Hippokrates und anderen alten Heilkünstlern saßen zwei dunkel gekleidete Herren. Sie saßen einander gegenüber, jeder in einem Bureaustuhl, und waren in eifrigem Gespräch begriffen.

Auf dem großen Schreibtisch lagen mehrere aufgeschlagene Bücher und blitzende Metallinstrumente, die zur Messung und Untersuchung dienten.

»Setz dich, Freundchen,« sagte Professor Bommeldoos mit seiner harten Stimme, »wir kennen einander schon, nicht wahr? Es ist nicht das erste Mal, daß wir zusammen eine Untersuchung leiten.«

Johannes nahm schweigend Platz.

»Ich möchte dich gern ein wenig orientieren,« sagte Dr. Ziffer leiser und freundlicher. »Wir, Professor Bommeldoos und ich – sind gerichtlicherseits beauftragt worden, den Geisteszustand deines Bruders ärztlich zu untersuchen. Er hat ein Verbrechen begangen; zwar ist es kein schweres, aber dennoch nicht ganz ohne Bedeutung. Und ohne Zweifel müßte es mit Gefängnis bestraft werden. Allein der Geistliche hielt ihn für unzurechnungsfähig und ließ einen Arzt aus der Anstalt kommen. Diesem wollte dein Bruder durchaus nicht Rede stehen. Er schwieg hartnäckig.«

Johannes nickte. Er wußte das bereits.

»Das veranlaßte uns, ihn vorläufig hier abzusondern. Jetzt habe ich selbst den Patienten auch gesehen, aber ich bedaure, sagen zu müssen, daß ich nicht weiter komme als mein Kollege. Wenn ich ihn etwas frage, sieht er mich gar sonderbar an und schweigt hartnäckig.«

»Ich begreife nicht, Kollege,« sagte Bommeldoos, »daß Sie das nicht sofort als ein megalo-maniakalisches Symptom diagnostiziert haben.«

»Ja aber verehrter Kollege,« antwortete Dr. Ziffer, »zu den Wärtern und den anderen Patienten spricht er wohl. Er ist diensteifrig und hilfsbereit; sie mögen ihn alle gern leiden, sehr gern sogar.«

»Das stimmt genau mit meiner Diagnose überein,« sagte Bommeldoos.

»Hat er öfters solche Launen, Johannes?« fragte Dr. Ziffer, »daß er nicht sprechen will?«

»Launen hat er überhaupt nicht,« antwortete Johannes kurz.

»Warum will er denn nicht antworten?«

»Ich glaube,« sagte Johannes, »daß Sie mir auch nicht antworten würden, wenn ich Sie fragte, ob Sie verrückt sind.«

Die beiden Gelehrten lächelten einander zu.

»Das Verhältnis ist doch auch wohl einigermaßen anders,« sagte Bommeldoos von oben herab.

»Solche plumpen Fragen sind nicht an ihn gerichtet worden,« sagte Dr. Ziffer. »Ich fragte ihn nach seiner Abstammung, seinem Alter, dem Gesundheitszustand seiner Eltern, nach seiner eigenen Jugend und so weiter, kurzum die gewöhnliche Anamnese. Willst du uns jetzt diesbezüglich etwas näher informieren? Denke stets daran, daß es im Interesse deines Bruders geschieht.«

»Herr Doktor,« sagte Johannes, »von alledem weiß ich ebensowenig wie Sie selbst. Und wenn ich es auch wüßte, so würde ich Ihnen doch nicht sagen, was er Ihnen selbst nicht sagen will.«

»Aber, mein Junge,« sagte der Professor, »du wirst uns doch hier nicht zum Narren halten. Weißt du denn nicht, woher du stammst? weißt du nichts über deine Eltern und deine Jugendzeit?«

Johannes zögerte und überlegte im Stillen, ob es nicht am besten sei, so zu tun wie Markus und allen Fragen ein beharrliches Schweigen entgegenzusetzen. Aber was ihn selber betraf, darauf durfte er wohl antworten.

»Ich weiß das alles wohl von mir selber, aber nicht von ihm,« sagte er.

»Seid ihr denn nicht Brüder?« fragte der Doktor.

»Nein, wenigstens nicht so, wie Sie es meinen.«

Doktor Ziffer blickte Bommeldoos fragend an, gleichsam um festzustellen, was der wohl von dieser Antwort halten mochte. Dann drückte er auf einen Klingelknopf und sagte:

»Es scheint mir wohl am besten, Kollege, daß wir die beiden konfrontieren. Möglich, daß wir dann weiter kommen als mit jedem einzeln.«

Bommeldoos nickte feierlich und fuhr sich mit der Hand über die mächtige Stirn. Ein Wärter trat ein.

»Bringen Sie mir den Patienten Vis aus der ruhigen Männerabteilung 4. Klasse her.«

»Jawohl, Herr Doktor.«

Der Mann verschwand, und in dem Studierzimmer blieb es jetzt minutenlang totenstill. Die Gelehrten blickten starr vor sich hin, gänzlich in Gedanken versunken, und ohne Unruhe wartend, so wie vieldenkende Menschen das zu tun pflegen. Johannes hörte die Uhr auf dem Kaminsims ticken und draußen den schwachen Klang eines Musikkorps, das einen fröhlichen Marsch spielte, und Hurrarufe und dröhnende Hufschläge. Die königlichen Hochzeitsfeierlichkeiten waren noch immer im Gange, und Johannes dachte daran, wie wohl die beiden Menschen in diesem Augenblick winkend und sich verneigend in ihrem Wagen sitzen mochten. Da wurde geklopft. Der Wärter trat ein und sagte: »Hier ist der Patient.« Darauf ließ er Markus eintreten und blieb noch einen Augenblick stehen.

»Ich werde klingeln, wenn es so weit ist,« sagte Dr. Ziffer, während er ihm durch einen Wink zu verstehen gab, daß er gehen solle.

Markus war mit dem dunkelblauen Leinenanzug bekleidet, den sämtliche Patienten der vierten Klasse trugen. Er stand hochaufgerichtet da, und seine Züge waren weniger bleich und traurig als sonst, meinte Johannes. Das Blau kleidete ihn gut zu seinem dunklen lockigen Haar, und Johannes fühlte Ruhe und Freude, während er ihn dort stehen sah, so stolz und schön und ruhig anzusehen.

»Setzen Sie sich,« sagte Dr. Ziffer.

Markus aber tat, als höre er das nicht, und blieb stehen, während er Johannes freundlich und vertraulich zunickte.

»Beachten Sie vor allen Dingen den Hochmut,« sagte Professor Bommeldoos auf Lateinisch zu Dr. Ziffer.

»Die Hochmütigen finden Hochmut und die Traurigen Traurigkeit – die Freudigen aber finden Freudigkeit und die Bescheidenen Demut,« sagte Markus.

Dr. Ziffer erhob sich, nahm seine Messungsinstrumente vom Tisch und sagte verbindlich:

»Wollen Sie uns gestatten, Ihre Schädelmaße zu nehmen? Es ist zu einem wissenschaftlichen Zweck.«

»Es tut nicht weh,« fügte Bommeldoos hinzu.

»Nicht physisch,« sagte Markus.

»Es liegt auch nichts Verletzendes darin,« sagte Dr. Ziffer, »ich habe es sogar mehrmals an mir selber machen lassen.«

»Es gibt einen Wahn und eine Dummheit, die verletzen.«

Bommeldoos wurde feuerrot: »Wahn und Dummheit! bei mir etwa? Man höre doch bloß einen solchen Ignoranten an! Wahn und Dummheit!«

»Herr Kollege,« warf Dr. Ziffer mit leicht ermahnender Stimme ein. Darauf gab er die Vermessungszahlen an, indem er Markus' Kopf mit dem blitzenden Schädelzirkel umspannte. Es verlief eine geraume Zeit, während der man nichts anderes hörte als die leise Stimme des Doktors, der dem Professor Zahlen diktierte.

Dann glaubte der schlaue Arzt, so beiläufig während der Arbeit, von einer »gefügigen Laune« seines Patienten – wie er das zu nennen pflegte – Gebrauch machen und die günstige Chance ausnützen zu müssen, indem er fragte:

»Ihre Eltern haben gewiß im Auslande gelebt, nicht wahr? in einem südlicheren gebirgigen Lande?«

Markus aber entfernte des Doktors Hand von seinem Kopf und blickte ihn durchdringend an.

»Warum sind Sie nicht aufrichtig?« fragte er darauf leise, aber mit starkem Nachdruck. »Wie kann man durch Unwahrheit die Wahrheit ergründen?«

Dr. Ziffer war verwirrt und tat, ebenso wie Pater Canisius, etwas, das er späterhin bereute: er antwortete:

»Aber wenn Sie mir nicht unumwunden antworten wollen, dann muß ich schon versuchen, auf Umwegen zu der Wahrheit zu gelangen.«

Markus aber sprach: »Ein krummes Schwert geht nicht tief in eine grade Scheide.«

Professor Bommeldoos wurde ungeduldig und raunte dem Doktor leise zu: »Nicht argumentieren, Kollege, nicht argumentieren. Megalomanen sind gefaßter und besitzen oftmals subtilere dialektische Fähigkeiten als Sie. Lassen Sie mich die Untersuchung lieber leiten.«

Und darauf begann er nach einem lauten »hm! hm!« zu Markus zu sprechen.

»Schön, mein Freund, ich werde also ganz offen und unumwunden mit Ihnen sprechen. Ist das besser? Werden Sie mir dann auch ganz offen antworten?«

Markus sah ihn einen Augenblick scharf an und fügte darauf: »Sie können es nicht.«

»Was kann ich nicht?« fragte Bommeldoos, »was kann ich nicht?«

»Sprechen,« sagte Markus.

»So, kann ich nicht sprechen? – kann ich nicht sprechen? Kollege, wollen Sie das bitte mal notieren. – Ich könne nicht sprechen, meinen Sie. So, und was tue ich denn jetzt?« »Stammeln,« sagte Markus.

»Natürlich! natürlich! alle Menschen stammeln. Der Doktor stammelt und ich stammle und Hegel stammelte und Kant stammelte...«

»So ist es,« sagte Markus.

»Nur Herr Vis kann sprechen, so ist es doch, nicht wahr?«

»Mit Ihnen nicht,« sagte Markus. »Um sprechen zu können, muß man einen Zuhörer haben, der einen versteht.«

Dr. Ziffer flüsterte Professor Bommeldoos lächelnd und halb spöttisch zu: »Nehmen Sie sich in acht, Herr Kollege, Sie scheitern ebenfalls an der Dialektik.«

Aber Bommeldoos schüttelte zornig seinen runden Kopf mit den dicken Backen und fuhr fort:

»Sie wollen also damit sagen, daß Sie sich selber für klüger halten als alle anderen Menschen, nicht wahr? Notieren Sie seine Antwort, Kollege.«

»Ich halte mich für klüger als Sie,« sagte Markus. »Nun müssen Sie nur selbst entscheiden, ob das auch klüger als alle Menschen bedeutet.«

»Ich habe die Antwort notiert,« sagte Dr. Ziffer, während er schmunzelnd etwas vor sich hinbrummte.

Der Professor aber nahm von dieser ironischen Bemerkung keine Notiz und fuhr fort:

»Sagen Sie mir jetzt mal ganz offen und ehrlich, mein Freund, sind Sie ein Prophet? ein Abgesandter Gottes? sind Sie am Ende der König? oder Gott selber?«

Markus schwieg.

»Warum antworten Sie mir nicht?«

»Weil ich nicht gefragt werde.«

»So, Sie werden nicht gefragt? und was tue ich denn jetzt?«

»Toben.« sagte Markus.

Bommeldoos wurde wiederum feuerrot. Er begann seine Ruhe zu verlieren. »Hören Sie mal, Freundchen, Sie dürfen mir aber nicht frech werden. Bedenken Sie wohl, daß wir hier über Ihr Schicksal zu entscheiden haben ...«

Markus richtete den Kopf auf mit einer fragenden Gebärde, und so ernsthaft, daß der Professor einen Augenblick innehielt.

»Bei wem steht die Entscheidung über unser Schicksal?« sagte Markus, und dann mit dem Finger auf ihn weisend: »Glaubten Sie etwa bei Ihnen

Die beiden Gelehrten schwiegen, für einen Augenblick aus der Fassung gebracht. Markus fuhr fort:

»Warum antworten Sie denn jetzt nicht? Und würden Sie vielleicht anders entscheiden, wenn ich nicht frech wäre?«

Dr. Ziffer ergriff das Wort.

»Nein, nein, so ist das nicht gemeint, aber es steht Ihnen nicht an, daß Sie einen Gelehrten wie den Professor derartig beleidigen. Wir widmen uns hier einer ernsten wissenschaftlichen Aufgabe. Sie machen den Eindruck eines durchaus gebildeten Menschen, ob Sie krank sind oder nicht, Sie sollten doch Ehrfurcht vor der Wissenschaft hegen und vor all denjenigen Menschen, die ihre ganze Kraft und ihr ganzes Leben in deren Dienst stellen.«

»Wissen Sie wohl,« sagte Bommeldoos, und seine Stimme klang jetzt beinahe bewegt. »Wissen Sie wohl, was der Mann, den Sie einen dummen und eingebildeten Schwätzer nennen, was der Mann schon alles gearbeitet und geschrieben hat?«

Da breitete sich über Markus' Züge ein sanfterer vertraulicherer Ausdruck, und er nahm einen Stuhl und setzte sich neben seine beiden Untersucher:

»Seht,« sagte er, während er ihnen die flache ausgestreckte Hand hinhielt, »seht, eure nackten Empfindlichkeiten schauen an allen Seiten unter dem Gewand eurer Weisheit hervor. Wie hätte ich euch sonst wohl verletzen können?«

»Ihre um so viel größere Weisheit machte Sie doch auch nicht unempfindlich gegen unsern Wahn und unsere Dummheit,« sagte Professor Bommeldoos, zwar noch immer scharf. aber doch schon ein wenig höflicher.

»Gottes allerhöchste Weisheit macht ihn nicht unempfindlich gegen unser Leid und unser Übel,« sagte Markus. »Die Weisheit ist ein Gewand, das gegen kein Leid unempfindlich ist, das aber jedes Leid erträglich macht.«

»Immer diese Bilder,« sagte Bommeldoos, »Bilder beweisen nichts. Ein schwacher kindlicher Verstand arbeitet stets mit Bildern. Die Wissenschaft verlangt reine Vernunft und logische Beweisführung.«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie nun wiederum verletze,« sagte Markus leise und freundlich, während er dem Professor seine Hand auf den Arm legte. »Aber das ist ja gerade Ihre Schwäche, daß Sie nicht fragen können. Wissenschaft ist das Licht des Vaters, wie sollte ich davor wohl keine Ehrfurcht hegen? Und ich weiß auch, was Sie gelehrt und geschrieben haben. Aber die meiste Arbeit, die Sie getan, besteht aus mangelhaften Fragen, die sich für vollkommene Antworten ausgeben. Es wundert Sie, daß man Ihre Antworten so schwer und so unbefriedigend findet, weil Sie die Unvollkommenheit Ihrer Fragen nicht erkennen. Aber die herrlichsten und klarsten, einen jeden befriedigenden und einem jeden begreiflichen Antworten warten, bis man besser fragen gelernt hat. Wenn ich mich für klüger halte als Sie, so ist das nur, weil ich weiß, daß wir nichts anderes haben als Bilder, und daß wir versuchen müssen, all diese Bilder zu deuten, geduldig und bescheiden, wie einen Bericht des Vaters, während Sie glauben, daß man durch Ihre Worte und Beweisführungen seine lebendige Gegenwart begreifen könne.«

»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis,« fiel ihm hier der Professor ins Wort, »Sie scheinen doch nicht gelesen zu haben, was ich über die logische Notwendigkeit einer unbegreiflichen Basis der wahren Wirklichkeit geschrieben habe. Hielten Sie mich für einen solchen Stümper, daß ich das nicht einmal begriffe?«

»Davon sprechen heißt noch nicht es verstehen,« sagte Markus. »Und wenn man so davon spricht, ist es ein Beweis, daß man es nicht versteht.«

»Ich weiß sehr wohl, was der menschliche Verstand erfassen kann und was nicht. Und in meinem letzten Werk »Über das Wesen der Materie« glaube ich das Äußerste gegeben zu haben, was menschliche Vernunft zu erfassen imstande ist,« sagte Professor Bommeldoos.

»So zogen die Ägypter die äußersten Grenzen der Welt an dem ersten Nilfall, dessen Fluten aus den Himmeln stürzten, wie man glaubte. Und tausende und abertausende von Jahren vergingen, bevor sie es unternahmen, jene Grenze zu überschreiten. Und nun, da die Welt anfängt sich zu verbrüdern, nun sind die Grenzpfähle der Welt in unendliche Fernen gerückt. Wer vermöchte da wohl das äußerste zu nennen von dem, was menschliche Vernunft erfassen kann?«

»Es bleibt eine Grenze, die durch unsere materielle Beschaffenheit gezogen wird ebensogut wie unserer Anwesenheit auf dieser Erdkugel, die wir nicht verlassen können, eine Grenze gezogen ist,« sagte Professor Bommeldoos laut und gewichtig, während er sein Kinn fest mit der Hand umschloß, wie er das während wissenschaftlicher Diskussionen stets zu tun pflegte. Er schien völlig vergessen zu haben, daß er einen Patienten zur Untersuchung vor sich hatte.

»Ihr lest das Buch des Lebens von rückwärts,« sagte Markus, »und seht die Welt verkehrt. Was faselt Ihr von einer toten Materie, die dem Leben des Geistes die Grenzen ziehen sollte? Aber alle Materie ist ein Machwerk des lebendigen Gedankens und nichts ist leblos oder ohne Leben geformt. Berge und Seen sind die Gedanken der Erde und die Planeten und Sonnen, und alles was da lebt, sind Gedanken Gottes. Der Stein zu euren Füßen scheint euch tot, aber die Ameise, die euch über die Hände kriecht, gewahrt auch darin das Leben nicht. Ihr habt euren Körper aufgebaut ...«

»Aus vorhandenem Material,« rief der Professor aus.

»Es war nichts vorhanden außer den Wirkungen eines anderen Lebens, das ihr nicht zu ergründen vermögt. Und eure Lebenswirkung stößt allüberall auf die Wechselwirkungen anderen Lebens. Aber es ist alles Geist und Leben. Wird denn ein Bauherr sagen, daß das Haus, das er gebaut hat, die Grenzen bestimmt, die zu überschreiten er nicht vermag?«

»Aber eine Rasse, wie die Menschenrasse, behält ihre ganz bestimmten Merkmale bei,« warf Dr. Ziffer ein.

»Was nennen wir bestimmt, wir Wesen von einem Tage? Nichts ist bestimmt, und es gibt keine bleibenden Rassen. Das Leben ist strömendes Wasser und flammendes Feuer, niemals in der nächsten Sekunde wie in der vorangegangenen. Ihr aber schafft diese bestimmten Scheidungen in eurem Unverstand mit toten Worten und glaubt damit das Leben umfassen zu können.«

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann sagte Markus noch:

»Ihr selber macht den Tod und zieht die Grenzen. Eure Worte sind krank und faulend. Und mit jenen Worten wollt ihr das Leben zergliedern. Würdet ihr denn eine Operation ausführen mit unsauberen Messern? Mit euren toten Worten aber schneidet ihr ins Leben ein und verbreitet den Tod –«

Wiederum Stille. Und darauf:

»Reiniget Eure Gedanken und Eure Worte. Werfet das Schmutzige von euch, denn das ist das Überflüssige. Macht eine Wissenschaft des Wortes, so wie ihr eine Wissenschaft der Sterne gemacht habt, so genau und so sorgfältig.

»Ihr habt durch das Zusammenwirken und die Verbrüderung unter den Weisen eine Lehre der Verhältnisse geschaffen, die sich Mathematik nennt. Schafft so eine Lehre der Bedeutungen, denn ihr werft mit euren Worten planlos nach dem schönsten und zartesten Leben, sowie Kinder mit Mützen und Netzen Schmetterlinge einzufangen versuchen. Und kraft der Verbrüderung und des Zusammenwirkens werdet ihr dann Fragen stellen, deren Antworten euch erklingen werden wie eine Offenbarung und wie ein Evangelium: klar, freudebringend, wunderbar – – –«

Markus schwieg und schien in weite Fernen zu blicken. Eine Weile warteten sie alle, ob er wohl noch weitersprechen würde, voller Ehrfurcht; denn sie hatten ihm gern zugehört.

Darauf sagte Dr. Ziffer mit leiser Stimme: »Ihre Betrachtungen sind es sicherlich wert, daß über sie nachgedacht wird. Ich habe mich also nicht getäuscht, indem ich Sie für einen gebildeten und hochstehenden Menschen hielt. Aber ich möchte Sie doch daran erinnern, daß wir uns hier im Interesse einer ärztlichen Untersuchung aufhalten. Zweifellos werden Sie uns jetzt wohl die einfachen Fragen beantworten wollen, die ich an Sie richten werde.«

Markus hob flüchtig den Kopf und blickte Johannes, der in atemloser Andacht totenstill gelauscht hatte, lächelnd an.

Darauf sagte er zu dem Gelehrten:

»Ich habe nicht für Sie gesprochen, denn das würde fruchtlos sein. Ich sprach für ihn.« Darauf sagte er kein Wort mehr.

Doktor Ziffer fragte mit sanfter Beharrlichkeit, Professor Bommeldoos mit energischem Nachdruck. Allein Markus schwieg und schien nicht einmal mehr zu bemerken, daß sich noch andere in dem Zimmer aufhielten.

»Ich bleibe bei meiner Diagnose, Kollege«, sagte Professor Bommeldoos.

Dr. Ziffer klingelte und ließ den Wärter kommen.

»Bringen Sie den Patienten wieder nach seiner Abteilung. Er bleibt vorläufig unter Beobachtung.«

Und Markus ging, nachdem er Johannes kurz aber vertraulich zugenickt.

»Willst du uns denn jetzt nicht erzählen, was du von dieser Persönlichkeit weißt?« fragte Dr. Ziffer.

»Herr Doktor«, sagte Johannes, »ich weiß von Markus fast nicht mehr als Sie selber. Ich bin ihm vor zwei Jahren begegnet und er ist mein liebster Freund. Aber ich sah ihn wenig und nach seinem Leben und seiner Herkunft habe ich ihn niemals gefragt.«

»Merkwürdig«, sagte Dr. Ziffer.

»Ich wiederhole Ihnen, Kollege, ich bleibe bei meiner Diagnose: Initielle Paranoia mit megalo-maniakalischen Symptomen auf der Basis hereditärer Minderwertigkeit mit Genialität gepaart.«

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