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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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In einem der abgelegensten Stadtviertel steht am Ende einer langen öden Straße ein großes, düsteres Gebäude. Die einförmigen Fenster sind aus mattem Glase, und das Haus ist von einer hohen Mauer umringt. Was hinter jener Mauer vor sich geht, das wissen die Nachbarn nicht, nur hin und wieder hören sie seltsame Geräusche, lautes Singen, Schreien, unheimliches Lachen und eintöniges Murmeln dahinter emporsteigen.

Vor dem Hause standen Johannes und Marion schweigend und mit ernster Miene. Marion trug ein einfaches dunkles Kleidchen; sie hatte Keesje auf dem Arm.

Die Tür wurde von einem Pförtner geöffnet, der eine Uniformmütze trug. Der Mann blickte sie zweifelnd und bedenklich an, besonders den Affen.

»Das geht aber nicht«, sagte er kurz. »Die Kleinen müßt ihr zu Hause lassen, wenn ihr hierher zu Besuch kommt.«

»Ach, bitte«, sagte Marion, ohne über seinen Scherz zu lachen. »Fragen Sie nur mal den Direktor. Mein Bruder hat ihn so furchtbar gern, und ich wage ihn nicht zu Hause zu lassen.«

Eine Zeitlang mußten sie im Vorflur warten. Sie verhielten sich totenstill, auch Keesje.

»Kees ist mager geworden«, sagte Johannes leise, während er dem Äffchen über den Kopf streichelte.

»Er hustet«, sagte Marion.

Endlich kam der Pförtner in Begleitung des Direktors zurück.

Sogleich erkannte Johannes den großen, hageren Herrn mit dem schlecht sitzenden Anzug, der goldenen Brille und den langen weißen Haaren. Es war Dr. Ziffer, sein alter Freund.

»Zu wem wollen sie?« fragte er.

»Zu dem Neuen, der gestern eingeliefert ist. Vierte Klasse, Männerabteilung.«

»Unruhig?« fragte der Doktor.

»Nein, ruhig, Herr Doktor. Aber sie wollen ihren Affen mitnehmen.«

»Was soll denn das bedeuten?« fragte Dr. Ziffer, während er mit bedenklich gerunzelten Brauen über seine Brille hinweg auf den Affen blickte, so daß Keesje schon ganz unruhig zu werden begann.

»Kennen Sie mich denn nicht mehr, Doktor Ziffer?« fragte Johannes.

»Halt mal,« sagte der Doktor, wahrend er ihn scharf ansah. »Bist du nicht der Junge, der mir mal eine Zeitlang assistiert hat, und der dann davongelaufen ist? Du hießest ja wohl Johannes, wenn ich nicht irre.«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Ja, ja«, sagte der Doktor nachdenklich, »ein bißchen eigentümlich warst du ja allerdings; aber zweifellos begabt. Und jetzt ist ein Bruder von dir hier? Ja, ja, ich habe es mir immer gedacht, daß in deiner Familie erbliche Momente sein müßten. Ein eigentümlicher Junge warst du.«

»Es kann doch nicht schaden, wenn unser kleiner Affe mitgeht, nicht wahr, Herr Doktor?« fugte Marion. »Er ist ganz still und gehorsam.«

Der Doktor ließ kopfschüttelnd und mit geschlossenen Lippen ein gedehntes Brummen ertönen, um dadurch zu verstehen zu geben, daß er es auch nicht allzu gefährlich fände.

»Ich habe den Patienten noch nicht gesehen. Wir wollen erst mal den zweiten Arzt fragen, ob er Besuch haben darf. Aber nicht länger als zehn Minuten, hört ihr wohl!«

Dr. Ziffer verschwand mit dem Pförtner; und wieder warteten die drei eine geraume Zeit.

Darauf kam der Pförtner in Begleitung eines Wärters zurück, der mit weißer Joppe und Schürze bekleidet war. Der ging ihnen voran durch lange Gänge, und dreimal mußte er mit dem Schlüssel, den er in der Hand trug, Türen und Gitter aufschließen, so daß es Johannes erschien, als drängen sie stets tiefer und tiefer in das Gebiet des Wahns und der Unfreiheit ein.

Aber es war still dort, traurig still. Kein wüster Lärm von Rasenden, so wie Johannes es sich vorgestellt hatte. Hin und wieder begegneten sie einem Kranken in seiner dunkelblauen Tracht, der einen Korb oder einen Eimer trug; der sah sie einen Augenblick argwöhnisch an und ging dann leise murmelnd weiter.

Endlich ein düsteres Sprechzimmer ohne Ausblick, mit spärlichem Oberlicht, einem hölzernen Tischchen und vier Rohrstühlen. Dort wurden sie allein gelassen in qualvoller Spannung.

Noch eine sehr lang erscheinende Wartezeit, und dann wurde in demselben kleinen Raum durch einen anderen Wärter eine andere Tür aufgeschlossen, und dann endlich, endlich! durfte der kleine Johannes wieder an der Brust seines geliebten Bruders ruhen.

Aber schneller noch als Johannes war ihm Keesje an die Schulter gesprungen, und so wurde er denn auch als Erster begrüßt.

»Aber Markus, sagst du Kees denn eher guten Tag als uns?« fragte Marion während sie durch Tränen lachte.

»Bist du eifersüchtig?« fragte Markus. »Er ist mir solch ein guter, treuer Kamerad gewesen.«

Er setzte sich und nahm Keesje zu sich, während Johannes und Marion zu seinen beiden Seiten niederknieten. Lange Zeit blickten die beiden jungen Menschen ihn an, ohne ein Wort zu sprechen. Das tat wohl.

»Nur zehn Minuten!« sagte Johannes seufzend, »und ich habe so viel zu sagen und zu fragen.«

»Beunruhige dich nicht, Johannes«, sagte Markus, »ich werde hier nicht lange bleiben.«

»Ist es hier nicht grauenhaft?« fragte Marion.

»Dies sind die traurigsten Plätze auf Erden. Aber hier gibt es keinen Betrug. Und ich fühle mich hier glücklich, denn ich kann viel trösten.«

»Aber es ist doch ein entsetzliches Unrecht, daß man dich hier mit den Irren zusammensperrt«, sagte Marion. »Die Elenden!« – Und dabei ballte sie ihr kleines Händchen.

»Das ist nur ein kleiner Teil des großen Unrechts. Und sie handeln nach bestem Wissen.«

»Markus«, sagte Johannes, »dies wollte ich dich fragen: Ich habe die arme Helene im Reich des Bösen gesehen. Weißt du, wen ich meine? Ja? Was bedeutet das? Und wird sie daraus erlöst werden?«

»Ich weiß, wen du meinst, Johannes, aber vergiß nicht, daß wir alle im Reich des Bösen sind. Nur am Herzen des Vaters sind wir frei. Der Vater läßt den Wahn Macht haben über alle die, welche ihn für einen Augenblick aus den Augen verloren haben. Über alle – auch über mich.«

»Aber doch nicht für immer, Markus?«

»Nein, wie sollte das wohl möglich sein? Die Schwermütigen sind wie Auserkorene, sie tragen kostbares Leid. Aber nur, wenn sie wissen, daß es um des Vaters willen ist, dann heiligt es; sonst aber vernichtet es. Manche lernen das erst durch den Tod. So war auch Helene.«

»Markus«, sagte Marion darauf, »wir haben beide so häßliche Dinge im Kopf gehabt. Wird uns das jemals verziehen werden?«

»Erzähle«, sagte Markus. »Ich weiß es schon. Aber du sollst es mir dennoch erzählen.«

»Wir haben morden wollen, aus Mißgunst, aus Eifersucht. Er und ... und ich auch.«

»Also tun Hirsche und Büffel und Hähne«, sagte Markus, »die morden sich gegenseitig um ihres Liebchens willen. Der Stärkste bleibt am Leben und verspürt nicht die mindeste Reue, und es wird ihm verziehen.«

»Aber wir sind Menschen, Markus«, sagte Johannes.

»Das ist schön, mein lieber Johannes, daß du das jetzt selber sagst. Und du hast auch nicht gemordet, nicht wahr?«

»Nein, aber gewollt habe ich es.«

»So recht gewollt, und von Herzen?«

»Das nicht«, sagte Johannes.

»Nein, denn sonst würdest du dich jetzt nicht nach der Verzeihung sehnen. Die Verzeihung ist schon da, denn die Einsicht ist die Verzeihung.«

Die beiden jungen Menschen schwiegen und blickten ihn an, nachdenklich und mit halbgeschlossenen Augen. Dann endlich sagte Marion:

»Aber wenn wir es nun wirklich getan hätten, dann würde uns noch früher verziehen sein, denn dann hätten wir noch früher eingesehen, daß es schlecht war.«

»Dann hättet ihr die Lust und die Befriedigung der Tat genossen und die Scheu davor verloren. Dann wäret ihr bereits von neuem mit zwei Fesseln gebunden, und die Kraft zum Verstehen würde geschwächt sein.«

»Aber es gibt doch Dinge, die wir tun müssen, um einzusehen, daß sie schlecht sind«, sagte Johannes.

»Gibt es solche Dinge?« fragte Markus. »Nun, so tue sie doch, aber beklage dich dann nicht, wenn die Lektion hart ist. Es gibt auch Kinder, die Vater und Mutter nicht glauben wollen, wenn sie ihnen sagen, daß Feuer brennt und daß Brennen weh tut. Aber solche Kinder weinen trotzdem, wenn sie sich verbrennen.«

»Warum ist es doch so unerträglich, zu denken, daß ein anderer das bekommen wird, was wir lieb haben? Ist das schlecht?« fragte Marion.

»Es ist nicht schlecht, nach Liebe und Ehre und Macht zu verlangen. Aber nur dann, wenn diese Dinge uns zukommen, weil wir gut sind und weise. Aber was er begehrt, das kommt dem Eifersüchtigen nicht zu, auch nicht dem Herrschsüchtigen oder dem Ehrgeizigen. Das Verlangte wird ihnen schlecht bekommen, durch ihren Wahn. Auch Essen und Trinken ist nicht schlecht, aber nur für die, welche es benötigen.«

Da wurde die verschlossene Türe wiederum von außen geöffnet, und der Wärter kam, um zu sagen, daß es Zeit sei. »Vielleicht dürft ihr morgen wiederkommen«, fügte er hinzu.

»Ob er wohl hier wird bleiben müssen?« fragte Marion, während sie wieder die lange Reise durch die Gänge antraten.

»Na«, sagte der Wärter, »dann könnten sie ruhig eine ganze Menge mehr einsperren. Er kann mit den Tobenden besser fertig werden als der Professor. Einer war hier, mit dem wußten wir alle nichts anzufangen, weil er absolut nicht essen wollte. Mir hat er seinen Teller ins Gesicht geschmissen – seht nur, was für ein Schnitt! – aber euer Bruder hat ihn dazu gebracht, daß er aß – innerhalb zehn Minuten.«

»Ob er wohl bald freigelassen wird?« fragte Johannes.

»Sie sollten ihn nur zum Professor machen – morgen wollen sie ihn untersuchen, so viel ich gehört habe.«

Johannes und Marion sprachen wenig, während er sie nach dem Hause zurückbegleitete, in dem sie jetzt wohnte.

Es war bei einem von Markus' Freunden, einem Arbeiter aus der Eisenfabrik. Der Mann hieß Jan van Tyn und war Vormann bei dem Hammerwerk. Er verdiente wöchentlich sechzehn Gulden und hatte neun Kinder. Seine Wohnung bestand aus drei kleinen Stuben und einer Küche, und darin mußten also jetzt zwölf Personen schlafen: Vater, Mutter, neun Kinder und der Kostgänger. Aber Tyns Frau war noch jung. Sie hatte ein frisches, blühendes Gesicht und ein paar kräftige Arme, und sie sah darin weiter keine Schwierigkeit.

»Wenn jetzt noch mehr rein sollen«, sagte Jan, »dann fangen wir bei der zweiten Schicht an.«

Jan hatte einen langen blonden Schnurrbart und ein paar lustige Augen, und er sprach entsetzlich platt. Marion schlief in der kleinen Küche, und da Jans ältestes Töchterchen noch nicht sechzehn Jahre alt war, konnte Marion der Frau tüchtig zur Hand gehen.

»Habt ihr ihn losbekommen?« fragte Jan, der ihnen, eben aus der Fabrik heimkehrend, begegnete. Und als sie kopfschüttelnd verneinten, begann er entsetzlich zu fluchen.

»Donner und Doria, hat man jemals solche Schweinehunde gesehen? Man möchte sie wahrhaftig mal feste durchhauen. Kann so 'n Perfesser das denn nicht riechen, daß Markus mehr Grips unter seiner Mütze hat, als all die Drüsen von der Akkedemie zusammen? Weil er mal 'nem Pater die Leviten gelesen hat und 'nen Heiligen für 'n paar Groschen kaput geschmissen, muß er darum ins Narrenhaus? Verflucht noch mal!«

Jan wurde entsetzlich wütend und schlug vor, man solle den gelehrten Herren unverzüglich klar machen, daß sie zweifellos Unrecht hatten.

»Morgen wird er untersucht«, sagte Johannes, um ihn ein wenig zu beruhigen. Aber Jan rief höhnisch: »Untersucht! untersucht! – ich will ihnen lieber ihren Hirnkasten mal untersuchen mit einer dreidaumendicken Drillbohre. Wenn was anderes herauskommt als Kleie, dann will ich hier auf der Stelle tot bleiben.«

Er sagte noch viel mehr, was ich hier nur lieber nicht wiederholen will.

Johannes kehrte den ganzen Tag nicht wieder in die Villa Dolores zurück, weil er sich dort gar zu unbehaglich fühlte. Und er hielt sich jetzt auch viel lieber bei der armen Familie mit den vielen Kindern auf und sah dort zu, wie die junge Mutter unter ihrem unruhigen Häuflein Ordnung hielt und wie sie wohlgemut und unverzagt den ganzen Tag über bei der Arbeit war, Schwierigkeiten ertragend und überwindend, die andere sicherlich völlig mutlos und verzweifelt gestimmt hätten.

Johannes aß mit, und es schmeckte ihm, trotzdem er infolge der Erregung keinen großen Hunger hatte. Und als in den Nachmittagsstunden Kaffee getrunken wurde und die kleinsten Kinder schon zu Bett waren und van Tyn von seiner Arbeit heimkehrte und sich mit einer gewissen Andacht seine Pfeife stopfte und sie schweigend rauchte, da überkam den Johannes ein wunderliches Gefühl des Friedens, so wie er es seit langen Zeiten nicht mehr gekannt.

Es wurde wenig gesprochen. Draußen begann es zu dämmern, während drinnen nur das kleine Lichtchen unter der Kaffeekanne brannte. Die Frauen ruhten sich, gleichfalls von ihrer Arbeit ermüdet, ein wenig aus und horchten auf das Lärmen und Treiben da draußen. Und Johannes wußte, daß sie alle des Freundes gedachten, der im Irrenhause war.

Als er am Abend in die schöne vornehme Villa kam, war ihm alles fremd und zuwider.

Van Lieverlee saß mit einer unleidlich-hochmütigen Hausherrnmiene in dem von vielen buntfarbig umhüllten Lämpchen erleuchteten Salon, ganz nahe bei der Frau des Hauses, und plauderte leise mit ihr. Johannes wollte nur einen flüchtigen Gutenachtgruß entbieten.

»Hast du deinen armen Freund gefunden?« fragte van Lieverlee in liebenswürdigstem Ton.

»Jawohl«, sagte Johannes, und dann nach kurzem Zögern: »Sollte es nicht möglich sein, daß er bald freigelassen wird?«

»Mein bester Junge«, antwortete van Lieverlee, »das wäre nicht zu wünschen, weder für die Gesellschaft, noch für ihn selber. Ich bin kein Arzt, aber daß er dort hingehört, das sehe ich auf den ersten Blick, und das kann jeder vernünftige Laie sehen. Was meinst du, Liebste?«

Dolores sah ihn an und sagte:

»Es ging mir ans Herz, denn der Mann hatte ein hübsches Gesicht. Und hast du wohl gemerkt, Walter, was für einen wundervollen Baritonklang er in der Stimme hat?«

»Ja, es ist wirklich ein Jammer, daß er verrückt ist«, sagte van Lieverlee. »Was für ein glänzender Wagnersänger könnte sonst aus ihm werden! Ein ausgezeichneter Parsifal. Was meinst du, Dolores?«

»Ja, ein herrlicher Parsifal. Vielleicht kann er doch noch geheilt werden«, sagte die Gräfin.

»O nein«, meinte van Lieverlee, »diese Art von Prophetenwahnsinn ist unheilbar. Soviel verstehe ich auch davon.«

Einen Augenblick blieb Johannes zögernd stehen. Sollte er das aussprechen, was ihm in der Brust kochte?

Aber er war jetzt nicht gar so jung mehr, und er beherrschte sich. Doch während er schlafen ging, beschloß er im Stillen: »Dies ist meine letzte Nacht hier.«

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