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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Die Kirche war schon voll, als Johannes im Kreise der gesamten Familie eintrat. Er sowie auch die andern waren festlich gekleidet und van Lieverlee trug einen sehr langen schwarzen Rock und einen Zylinder. Den nahm er bei Eintreten ehrfurchtsvoll ab und sein bleiches Gesicht, das jetzt ganz glatt rasiert war, zeigte einen ernsten, beinahe starren Ausdruck.

Kühl und dunkel und feierlich war es dort drinnen. Die Sonnenstrahlen waren durch die Fensterscheiben gelb und blau gefärbt und warfen seltsame Flecken auf die Gesichter und die Körper der Menge, die bereits wartend da saß oder sich flüsternd unterhielt. Weihrauchdüfte hingen rings um den Altar und die Orgel spielte. Die Kirche war zwar nicht alt, aber mit ihren Malereien und ihrem Blumenschmuck immerhin schön genug, um Johannes' Herz zu rühren, und er war so traurig und mutlos gestimmt, daß es ihn Mühe kostete, angesichts dieses farbigen Schimmers und beim Ertönen der feierlichen Klänge sein Schluchzen zu unterdrücken.

Pater Canisius, der sich gerade in die Sakristei begab, und der, obwohl er noch nicht im Ornat, auf seinen Zügen und in seinem Schritt doch schon den priesterlichen Ernst zur Schau trug, machte einen Augenblick Halt, um sie anzusprechen, und lächelte freundlich.

Flüchtig fühlte Johannes seinen scharfen Blick, der hinter den Brillengläsern leuchtete.

»Sehen Sie wohl, Pater,« sagte die Gräfin, »jetzt kommen wir dennoch, um Jesus zu suchen. Auch Johannes.«

»Er wartet Ihrer,« sagte der Pater feierlich, während er auf das große Kreuzbild wies, das über dem Altar hing. Darauf verschwand er in der Sakristei.

Johannes richtete seine Augen unverzüglich auf jenes Bildnis und schaute es andächtig und unverwandt an.

In der dämmerig-dunklen Kirche hing es im schärfsten Licht. Es war allem Anschein nach aus Holz, mattrosafarben bemalt, und wies seltsame braune und blaue Schatten auf: die Wunden in der Seite und unter den Dornen in der Stirn waren übertrieben kraß dargestellt, rötlich-violett und dick angeschwollen, mit Blutströmen wie aus dunkelrotem Lack. Das Gesicht mit den geschlossenen Augen sah weinerlich und verängstigt aus, und ein possierlich großer Ring aus Gold und Edelsteinen prangte auf den rotbraunen korkzieherförmigen, gleichmäßigen Locken. Das Kreuz selber war glitzernd vergoldet, mit Ornamenten an den vier Ecken und auf einem fein säuberlich gekräuselten Zettel über dem Kopf waren die Buchstaben I. N. R. I. zu lesen. Man konnte sehen, daß das Ganze funkelnagelneu vergoldet und bemalt war. Guirlanden und Sträuße aus Papier zierten den Altar.

Lange Zeit, vielleicht wohl eine Viertelstunde, hielt Johannes den Blick auf jenes Bildnis geheftet.

»Das also ist Jesus,« murmelte er vor sich hin. »Wie oft habe ich den Namen schon gehört! Ihn werde ich jetzt kennen lernen, und Er wird mich trösten. Der also hat die Welt erlöst.«

Und wie oft er es auch wiederholte, und sich selbst zu überzeugen versuchte, weil er gar zu gerne überzeugt und erlöst werden wollte: dennoch vermochte er nichts anderes zu sehen als eine abstoßende, blutigrote grellfarbige Holzpuppe. Und das stimmte ihn noch viel, viel trauriger und mutloser. Lange Zeit hatte er so dagesessen und gegrübelt, und rings um sich her hörte er die Menschen reden über den Preis, den sie für ihren Platz bezahlt hatten und über das Aufbehalten und Abnehmen der Hüte und über die reservierten Bänke für die vornehmen Familien – da wurde die Tür der Sakristei geöffnet und heraus traten die Chorknaben mit ihren Weihrauchfässern und der Meßner und die Geistlichen in ihren bunten reichgestickten Gewändern. Und während die Menge niederkniete, tat Johannes desgleichen.

Und seht, als Johannes, ebenso wie alle andern, auf den eintretenden Zug geblickt hatte und die Augen dann wieder auf den großen Altar richtete, da sah er zu seinem Erstaunen, daß vor dem weißen Altar eine dunkle Gestalt kniete. In dem dämmerigen Licht war es deutlich zu sehen, wie sie dalag, die Arme auf den Altar gestützt und das Gesicht hinter den Armen verborgen. Es war ein Mann in einem gewöhnlichen dunklen Arbeiteranzug. Niemand, weder Johannes noch irgend ein anderer in der Kirche hatte ihn dort hingehen sehen. Aber jetzt wurde er plötzlich von allen entdeckt, und man hörte, wie ein leises Flüstern durch die Reihen ging, wie ein Windstoß über ein Kornfeld.

Als der Zug der Chorknaben und Geistlichen in die Nahe des Altars gekommen war, trat der Meßner hastig aus der Reihe und eilte auf den Altar zu, um dem Fremden zu bedeuten, daß er sich aus übertriebener Devotion, vielleicht auch weil er mit den kirchlichen Gebräuchen nicht vertraut, einer unstatthaften Übertretung schuldig mache.

Er klopfte dem Mann auf die Schulter; der aber rührte sich nicht.

In der atemlosen Stille, die jetzt folgte, hörte man deutlich ein tiefes, herzzerbrechendes Schluchzen.

»Ein Büßer! – ein Betrunkener! – ein Bekehrter!« hörte man die Menge flüstern.

Der Meßner wandte sich in seiner Verlegenheit um und winkte dem Pater Canisius, der gewichtigen Schrittes in vollem Ornat näher kam, imposant wie eine Fregatte mit weißen, golddurchwobenen Segeln.

»Dieser Platz gebührt Ihnen nicht,« sagte der Priester mit seiner schweren Stimme, aber freundlich und nicht besonders laut. »Gehen Sie nach hinten in das Schiff der Kirche.«

Es kam keine Antwort, und der Mensch rührte sich nicht.

Aber durch die jetzt noch tödlicher werdende Stille klang sein Weinen so verzweifelt, daß viele der Anwesenden erschauerten.

»Hören Sie mich nicht?« sagte der Priester jetzt mit etwas lauterer zorniger Stimme. »Daß Sie bereuen, ist gut. hierher aber gehören nur Geweihte, nicht Büßer.«

Also sprechend faßte er den Fremden mit seiner großen breiten Hand bei der Schulter.

Darauf hob dieser langsam, ganz langsam den Kopf von den Armen auf und wandte sein Angesicht dem Priester zu.

Und was alsdann geschah, das wird euch von jedem der hunderte von Zeugen sicherlich anders geschildert werden. Und von denen, die es später hörten, verstand ein jeder es anders und ein jeder glaubte nur das, was er glauben wollte. Aber ich will euch erzählen, was Johannes sah und hörte, ebenso klar und deutlich wie ihr heutigen Tages noch eure Hausgenossen und eure Freunde seht und hört.

Er sah seines Bruders Antlitz bleich und leuchtend, gleich als trüge er ein strahlend Bündel klaren Sonnenlichtes um die Stirn. Und die Betrübnis, die aus seinem Angesicht sprach, war so tief und unaussprechlich, so bitter und dennoch so zart, daß Johannes vor Schmerz seine beiden Hände aufs Herz preßte und die Zähne zusammenbiß, während er ihn mit weitgeöffneten tränenumflorten Augen starr anblickte, alles vergessend, außer diesem leuchtenden Antlitz voller Trübsal.

Eine Zeitlang war es still, totenstill; und der Mensch und der Priester sahen sich an. Bis endlich der erstere sprach und fragte:

»Wer seid Ihr? und in wessen Namen kommt Ihr?«

Wenn zwei Menschen einander so gegenüberstehen und so zueinander sprechen, jeder mit der ganzen Kraft seines Ernstes und vor einer Menge, die sie anhört, dann ist da stets Einer, der unmittelbar von allen als der Stärkere erkannt wird, auch ohne daß man die Kraft ihrer Worte mißt. Ein jeder fühlt sich im Bann dieser Überlegenheit, wenngleich viele sie späterhin wieder vergessen und leugnen werden. Ist das Übergewicht nicht sehr stark, dann erweckt es Zorn und Verstimmung. Indessen, wenn es sehr stark ist, dann hinterläßt es vorübergehend Ruhe und Gefügigkeit.

Hier nun war das Übergewicht so stark, daß der Priester sogar die sichere Haltung verlor, mit der er aufgetreten war, und das tat, was er sich selber später als eine Schwäche zum Vorwurf machte: nämlich, daß er Rechenschaft ablegte, indem er sagte:

»Ich bin ein geweihter Priester des dreieinigen Gottes und spreche im Namen unseres Herrn Jesu Christi, unseres Heilandes und Erlösers.«

Es folgte eine lange Stille, während der Johannes nichts anderes sah als das leuchtende Menschenangesicht und die Augen, die den prunkhaft gekleideten Priester mit bitterem Lächeln und voller Mitleid und Betrübnis unverwandt anblickten.

Der letztere rührte sich nicht, sondern stand mit schlaff herabhängenden Händen und weitgeöffneten Augen da, gleich als wisse er nicht recht, was er nun tun oder sagen solle, um seine Würde zu wahren.

Aber er schwieg und wartete, was nun wohl kommen würde, gleich wie Johannes und alle in der Kirche atemlos warteten, wie in einen übermächtigen Bann geschlagen.

Die folgenden Worte kamen, und während sie erklangen, kannte niemand etwas anderem seine Aufmerksamkeit schenken, weder der ärmlichen Kleidung dessen, der da sprach, noch der unfaßlichen Unterwürfigkeit des prunkvoll Gekleideten, der ihm zuhörte.

»Aber ihr seid noch kein Mensch und ihr wollt ein Priester des Allerhöchsten sein?

»Ihr seid noch nicht erlöst und niemand unter euch ist erlöst. Wagt ihr es denn, im Namen eines Erlösers zu sprechen?

»Ging euer Heiland auf Erden in gold- und silbergestickten Gewändern umher?

Da ist noch keine Erlösung, weder für euch noch für einen der euren. Es ist noch nicht an der Zeit, goldgestickte Gewänder zu tragen.

»Spottet nicht und lästert nicht. Euer Prunk ist eine Verspottung des Allerhöchsten und eine Lästerung eures Heilandes.

»Seht ihr das Gottesreich als einen Fetzen, ein Nichts an, daß ihr prunkt und jubelt, während die Welt noch in Wahn und Fesseln liegt?

»So spielt das kleine Mädchen mit der Puppe und nennt sich Mütterchen. Es liebkost ihr Kindchen und putzt es auf. Aber es besteht aus Holz und Farbe. Und die echte Mutter, die die Schmerzen und die Freuden kennt, lächelt darob.

»Ihr aber verleugnet das nackte lebendige Kindchen um der aufgeputzten Puppe willen. Und die Mutter weint blutige Tränen.

»Wie Pfauen schreitet ihr einher in euren marmornen Kirchen, glitzernd in Vergoldung, aber das Königreich Gottes laßt ihr wie einen verwahrlosten Wicht nackt und ausgezehrt auf ungewaschenen Tüchern liegen.

»Und der Teufel hat seine Freude an euren Kirchen und Messen und Gebeten und Psalmen und Schätzen und Gewändern, denn das Kindlein liegt nackend vor eurer Tür, bei den Hunden, und schreit nach der Mutter.

»Weinet wie ich, weinet bittere Tränen, denn zweitausend Jahre ist das Kindlein alt und liegt noch immer da, ohne gereinigt und geliebkost zu sein.

»Was protzt ihr mit eurer Weihe, was sprecht ihr von eurem Erlöser? Noch seufzt euer Heiland unter dem harten Kreuz, und all eure Kirchenpaläste habt ihr noch auf das schwere Kreuz hinaufgebaut.

»Ihr tragt die Mitra der Perser und Ägypter und den Tabbert der Juden und ihr führet auch die Geißel, mit der die Juden ihn gegeißelt haben.

»Sie haben ihn gebunden, angespieen, gekreuziget und gestochen: ihr aber habt ihn zweitausend Jahre lang vor einem langsamen Feuer geröstet.

»Vor dem Feuer eurer Lügen und eurer Verdrehungen, eurer Falschheit und eures Hochmutes, eurer Grausamkeiten und eures Wahns, eurer Pracht und eurer Opfergaben, eurer Schändungen und eurer Angriffe des Gottes, der die Wahrheit ist.

»Euch ist geheißen, eurem Vater zu dienen im Geist und in der Wahrheit, und ihr habt ihm gedient in der Lüge und nach dem Buchstaben.

»Seine Propheten, die die Wahrheit mehr liebten als ihr Leben, habt ihr verbrannt und zu Märtyrern gemacht.

»Aber vor der Welt, die zu verachten ihr vorgebt, habt ihr den stolzen Nacken gebeugt. Weise habt ihr verbrannt und eingekerkert im Namen des Vaters, aber eure Weisheit habt ihr wieder verschlingen müssen, als die Welt euch das Messer der Schande an die Kehle gesetzt.

»Denn die Welt, die ihr verachtet und verleugnet habt, ist klüger als ihr und schöner als ihr und heiliger als ihr.

»Schwarz wie die Raben, schwarz wie die Käfer, wie die Maulwürfe, wie die Tiere, die im Schlamm leben, schmutzigschwarz sucht ihr euren heimlichen Weg durch die lichte Welt. Aber in euren Kirchen thront ihr und prunkt wie Könige in Violett und Gelb und Purpur und Goldbrokat.

»Aber man hat euch nicht geheißen, ein Königreich zu gründen für euch Wenige, ein Königreich der Geweihten und Auserkorenen in einer Welt voller Unheiliger und Unmündiger.

»Man hat euch geheißen, das Königreich Gottes über die ganze Welt zu verbreiten und es zu allen denen zu tragen, die da trauern und unterdrückt sind.

»Man hat euch nicht geheißen, die Welt zu verachten und zu verleugnen, sondern die Welt zu heiligen.

»Was zerreißt und zerspaltet ihr die Welt, indem ihr von Geweihten und von Ungeweihten sprecht? Euer Heiland lebte zwischen Verbrechern und starb zwischen Mördern – dennoch hat er ihnen das Paradies verheißen.

»Nicht bevor ein jeder Mensch geweiht ist und jeder Tag ein heiliger Tag und jedes Haus ein Gotteshaus, dürft ihr von Erlösung sprechen und euch mit weißen und goldgestickten Gewändern schmücken.

»Weh euch, ihr Weltverleugner! Ist die Welt euch nicht vom Vater gegeben? Ist sie nicht das Herrlichste und Kostbarste der Geschenke von dem allerteuersten Freund?

»Wie wagt ihr es, sie zu verachten?

»Einen Groschen eures Feindes werdet ihr sorgsam verwahren, aber das herrlichste Geschenk des Allerhöchsten beachtet ihr nicht.

»Sprecht ihr im Namen des dreieinigen Gottes? Aber den Vater habt ihr ins Angesicht geschlagen, den Sohn habt ihr gefoltert und dem heiligen Geist habt ihr Gewalt angetan.

»Man hat euch gelehrt, daß Gott die Wahrheit ist. Ihr aber habt euch der Wahrheit widersetzt mit der Gewalt von Folterzangen und Kerkern und Scheiterhaufen.

»Den Menschensohn habt ihr zu einem Spottbilde gemacht, zu einem Schild für Lüge und Gewalt, zu einem Vorwand für Krieg und Blutvergießen, zu einem Götzen der Unnatur.

»Und aller Sünden ärgste, das Vergehen wider den heiligen Geist, das ist das Brot, das ihr esset, und das Wasser, darinnen ihr schwimmt.

»Ihr schlaget den Geist in Fesseln und duldet seine Freiheit nicht. Dies ist der Sünden ärgste, ihr wißt es.

»Wo Gott allein das freie Menschenherz regieren darf, dorthin stellt ihr euch selbst mit euren Gesetzen und Theorien und Schriften und Dogmen.

»Meint ihr denn, ihr Unsinnigen, daß die Weisheit des Ewigen in einem Kerker von geschriebenem und gedrucktem Papier sich festhalten lassen kann.

»Nicht mehr als Schmutz und Spinngewebe bedeuten ihm eure heiligen Bücher. Denn Er lebt und bewegt sich lediglich und kann weder durch ein Buch, noch durch ein Hirn verstanden werden. Wie fließendes Wasser ist Gottes Weisheit, das ist euch gesagt worden. Ewig wechselnd, ewig die gleiche, vermag kein festes Wort Seine allzeit sich wandelnde Weisheit zu bildnern.

»In dem schüchtern gestammelten Wörtchen eines armen Heidenkindes wird mehr von des Vaters Weisheit sein, als in all euren Dekreten und Bullen und Konzilien.

»Wollt ihr dem Vater Sprachrohre an den Mund setzen, auf daß er spreche, wo es euch beliebt? Er aber wird sprechen, wo es Ihm beliebt.

»Wollt ihr Ihn mit dem Finger anweisen und sagen: »Hier, dieser wird in deinem Namen sprechen, und diesem sollst du Weisheit geben, und diesem Verstand einblasen und diesen sollst du retten und Jenen verdammen.

»Er aber wird eurer Weisung achten, wie die Lava aus einem Vulkan der Wegweiser und Kreuze achtet, die auf den Hügeln aufgepflanzt sind.

»Aber euer Wahn und euer Hochmut ist schon gerächt, denn die Welt befiehlt euch wie der Jäger seinem Hunde, wie der Kirmesgeselle seinem Affen. Ihr zieht den Wagen von Fürsten und Geldmännern, und vor den Mächtigen schneidet ihr Grimassen.

»Sie bauen euch Kirchen, und ihr lest ihnen Messe, und wenn sie der Satan selber wären.

»Die Welt heiligt sich ohne euch, und ihr heiliget euch um der Welt willen.

»So eure Päpste nicht mehr liederlich sind und eure Prälaten nicht mehr verschwenderisch und eure Mönche nicht mehr faul, so ist es, weil die Welt euch gezwungen hat. Ihr aber habt die Welt zu nichts gezwungen.

»Gegen Wucher habt ihr euch aufgelehnt, aber die Welt wollte wuchern, und ihr wuchert mit der Welt. So seid ihr die Affen und die Knechte der Welt.

»Und wo ihr Nebenbuhler habt, da zeigt ihr euch sittsam. Aber wo ihr ohne Nebenbuhler seid, da verpestet ihr die Lande wie ehedem.

»So fahret ihr hinter der Welt her, wie ein gefangener Haifisch hinter einem segelnden Schiff. Ihr zappelt und wälzt euch, aber die Welt weist den Weg, nicht ihr.

»Wie ein Kessel, von Straßenjungen an den Schwanz eines Hundes gebunden, so rasselt ihr hinter der Fahrt der Welt einher mit hohlen Drohungen. Ihr erschreckt, aber ihr leitet nicht.

»Ja, der Heiligung der Welt widersetzt ihr euch, denn das göttliche Feuer der Erkenntnis wollt ihr vor den Blicken der Menge mit euren Händen bedecken. Allein die Flamme schlägt durch eure Finger und verzehrt sie.

»Was habt ihr getan für die Schafe, die euch anvertraut waren? Für die Armen und Beraubten? Für die Unterdrückten und Enterbten?

»Unterwürfig zu sein, habt ihr sie gelehrt, jawohl, unterwürfig dem Mammon. Ihr habt sie gelehrt, sich demütiglich vor Satan zu verneigen.

»Gottes Licht, das Licht der Erkenntnis, habt ihr ihnen vorenthalten. Weh euch!

»Betteln habt ihr sie gelehrt und die Rute küssen, die sie schlug. Die Schande des Almosen habt ihr bemäntelt, und die Unehre der Sklaverei habt ihr beschönigt.

»So habt ihr den Menschen erniedrigt und die Menschenseele entstellt.

»Und von den Früchten ihrer Hände habt ihr eure Kirchen geschmückt und eure nichtswürdigen Körper aufgeputzt.

»Den Teufel habt ihr aufgerufen in den Herzen, den Teufel der Furcht vor Hölle und Verdammnis. Und das zu Gott-Streben des freien Herzens habt ihr getötet, das brennende Gewissen habt ihr eingelullt mit Beichte und Ablaß.

»Aus der Liebe zum Vater habt ihr einen Handel gemacht, einen schmutzigen Handel. Nicht aus Liebe, sondern um des süßen Lohnes willen lehret ihr sie das Rechte tun. Denen, die nach eurem Rat handeln, versprecht ihr Seligkeiten. Allein ebensogut könnt ihr Mond und Sterne verschenken.

»Ist euch nicht gesagt worden, daß ihr Böses mit Gutem vergelten sollt? Und ist Gott weniger als ein Mensch, daß Er anders tun sollte?

»Ein Glück für euch ist es, daß Er nicht anders tut, denn wo wäre eure Rettung?

»Denn ihr, und ihr allein seid noch die Natternbrut, gegen die Jener gewütet hat, der selbst für Ehebrecher und Mörder Milde walten ließ.«

Während er sprach, hatte sich der Mensch in voller Länge aufgerichtet und erschien jetzt sehr groß in aller Augen.

Und nachdem er dies gesprochen, streckte er die rechte Hand nach rückwärts und packte das große vergoldete Kreuzbild am Fuß. Es zerbrach wie Glas, und er warf es auf die marmornen Fliesen, dem Priester vor die Füße. Das Bild brach in viele Stücke, denn es war nicht aus Holz, sondern nur aus Gips.

»Sacrilegium!« rief die Stimme des Priesters, die sich ihm nur mühsam aus der Kehle rang. Sein breites Gesicht war purpurrot und seine Augen traten aus ihren Höhlen.

Der Mensch antwortete ruhig:

»Nein! Nur mein Recht. Denn du bist der Gotteslästerer und Heiligschänder, der aus dem Menschensohn ein abstoßendes Spottbild macht.«

Da trat der Priester vor und faßte Markus um den Puls. Dieser wehrte sich nicht, sondern rief mit sehr lauter Stimme, daß es durch die ganze Kirche schallte:

»Tue dein Werk, Kaiphas!«

Darauf ließ er sich wegführen in die Sakristei.

Und während die Menschen noch wie betäubt und regungslos auf ihren Sitzen blieben, bahnte Johannes sich eilends einen Weg durch die Bänke und die erregte Menge.

Pater Canisius kam zurück, viel ruhiger jetzt und weniger rot. Und während der Meßner mit einem großen Besen die Stücke des zerbrochenen Kreuzbildes zusammenfegte und in einen Korb warf, wandte sich der Pater mit den folgenden Worten an die Anwesenden:

»Habt Mitleid mit einem armen Wahnsinnigen. Wir wollen für ihn beten.«

Darauf wurde der Gottesdienst ohne weitere Störung zu Ende geführt.

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