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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Solch ein Schlummer ist kein rechter Schlaf und vermag auch nicht zu erquicken.

Als Johannes nach einer Viertelstunde wieder erwachte, war seine Kehle trocken, und er hatte das Gefühl, als sei ihm das Herz in der Brust zusammengeschrumpft. Behutsam versuchte er über das nachzudenken, was vorgefallen war. Aber es war gar zu bitter und abscheulich, und müde blickte er auf den weichen Sand, auf dem er soeben gelegen, gleich als wolle er von neuem schlafen. Aber jetzt konnte er das nicht mehr, sondern er mußte wach bleiben.

Er richtete sich halb auf und starrte auf das Meer und dann auf die Dünen. Was war ihm doch nur widerfahren? Sehr lange, wie lange, das wußte er selber nicht, blieb er also schauend dasitzen. Dann stand er auf, und seine Glieder waren steif und schwer, wie nach langer, ermüdender Wanderung. Träge und ziellos schlenderte er durch die Dünen und versuchte auf die Käfer und die Blumen zu schauen. Hin und wieder glückte ihm das für einen Augenblick, aus Gewohnheit gleichsam. Aber dann kam sofort wieder jenes große Unheimliche, das ihm den betäubenden Schlag versetzt hatte.

Niemals war es ihm in den Kopf gekommen, daß er etwa selber seine Freundin heiraten könne. Wie kam es denn, daß ihm jetzt so zumute war, als habe man ihn weggeworfen und mit Füßen getreten, nun, da ein anderer den Platz ihres Mannes einnehmen würde?

»Es kann nicht sein! Es kann nicht sein! Es kann nicht sein!« rief er immer wieder und wieder.

Zwar wußte er recht gut, daß die Welt sich nicht immer um seine Gedanken kümmerte, und daß es im täglichen Leben nicht so zuging, wie in seinen nächtlichen Träumen, in denen alles nach seinem Wunsch und Willen sich regelte. Dieses aber war seinen Wünschen und Gedanken so durchaus zuwider, daß es ihm schien, als müsse sich die Welt darum kümmern. Natürlich aber fiel das der Welt gar nicht ein, denn der Weltgedanke ist viel größer und mächtiger, als der des kleinen Johannes.

Und wenn er jetzt verständig gewesen wäre, dann würde er dies bescheidentlich anerkannt haben, weil es wahr ist. Und dann hätte diese Wahrheit ihn höchstens traurig gemacht.

Aber so verständig war er noch nicht. Und er wollte es nicht einsehen, daß sein Willen und sein Gedanke im Vergleich zu dem großen Weltgedanken ganz erbärmlich klein und schwach waren. Und daher wurde er nicht nur traurig, sondern auch zornig.

Urteilt jetzt nicht zu hart über ihn, denn er war noch viel mehr Knabe als Mann. Und wie wenig Männer gibt es nur mit solch einem starken und ungetrübten Verstande, daß sie es ihrer eigenen Schwäche und Dummheit zum Vorwurf machen und nicht zornig und verbittert oder mutlos werden, wenn die Welt etwas anderes will als sie!

Johannes also wurde zornig, furchtbar zornig sogar. Das war sicherlich nicht vernünftig, aber es bewies doch immerhin, daß er mehr Knochen im Leibe hatte, als Memme und Weichherz.

Und seine ganze Wut galt dem, der ihn von dem Platz verdrängt hatte, an dem er so lange schon gesessen zu haben schien, ohne daß er selber es wußte. Van Lieverlee erschien ihm jetzt nicht nur wie ein langweiliger Patron, sondern auch wie ein abscheuliches, schreckliches Ungeheuer, das von der Welt vertilgt werden müsse.

Und wenn er dann seine Gedankenbilder noch weiter ausmalte und an jenes andere, ihm so bitter verhaßte Wesen, Marions Schwester, dachte, und dann wieder an van Lieverlee und seine liebe, schöne, vornehme Freundin, dann geriet er in eine stets drückendere und schrecklichere Verwicklung unleidlicher Vorstellungen, wie in einer Feuerstadt, deren Straßen und Gassen stets enger und glühender und sengender werden.

Weinen konnte er nicht. Sonst flossen seine Tränen doch rasch genug, das habt ihr sicherlich schon gemerkt, aber jetzt schienen auch seine Augen versengt zu sein. Seine Augen, sein Herz, sein Hirn und seine Gedanken, das alles war heiß und starr und trocken und schmerzend.

Des Abends kehrte er heim, ohne von Zeit oder Stunde auch nur die geringste Ahnung zu haben. – Er hatte nicht gegessen und war nicht hungrig, wohl aber durstig. Wo er so lange gewesen war, hätte er nicht zu sagen vermocht. Er ging in sein Stübchen und kramte ein wenig in seinen Zeichengerätschaften, seinen Büchern und seinen Sammlungen umher. Denn er war ein Sammler.

Die Gräfin kam und klopfte an die Tür und fragte ihn, was ihm fehle und wo er gewesen sei, und warum er am Nachmittag seine Stunden versäumt habe.

Johannes aber ließ sie nicht eintreten, sondern sagte ihr, daß er allein sein wolle. Und sie, die Wahrheit halb erratend und darob verlegen, drang nicht weiter in ihn.

Da fand Johannes unter seinen Zeichenutensilien einen großen Zirkel, dessen einen Schenkel man herausnehmen konnte, um statt dessen eine Reißfeder darin zu befestigen. Und dieser losgemachte Zirkelschenkel bestand aus einem blitzenden dreieckigen haarscharfen Stückchen Stahl, das etwa einen Finger lang war.

An das Stückchen Stahl befestigte er einen Griff, den er aus Holz und Leder zusammengebastelt; und nun hatte er einen Dolch. Einen echten, bösen, gefährlichen Dolch.

Er tat das nur so zum Zeitvertreib. Aber als er fertig war, dachte er darüber nach, was er mit solchem Dolch wohl alles tun könne. Und dann, was er wohl damit tun möchte. Und endlich, wie er es tun würde, wenn er es einmal täte.

So war er schon recht weit geraten.

Der Octopus, dem er so tapfer die Stirne geboten, legte ihm einen Fallstrick, dessen er sich nicht versehen hatte, denn er besitzt viel mehr als acht Arme, und es gibt noch viel mehr gefährliche Dinge, als die, welche Johannes bereits kennen gelernt hatte. Er würde van Lieverlee entgegentreten und ihm sagen: »Sie oder ich!« Und wenn van Lieverlee ihn dann auslachen würde, was er für das Wahrscheinlichste hielt, dann würde er ihn totstechen.

Wirklich, solcherlei Gedanken gingen in dem Kopf des kleinen Johannes um. Denn ich sagte euch ja bereits, daß man mit der Verliebtheit keinen Spott treiben soll. Gott sei Dank liegt nun wohl stets eine große Kluft zwischen Gedanken und Tat; sonst würde auf dieser Welt noch weit mehr Unglück geschehen.

Als es bereits nach Mitternacht war und er noch immer dasaß und bastelte und putzte und schliff, da hörte er wieder das Knarren der Treppe, das er nun sogleich erkannte; und dann Marions Schritt draußen im Flur. Sie öffnete die Türe, und Johannes blickte in ihr bleiches Gesichtchen und die weit geöffneten angstvollen Augen. Ihr blondes Haar hing ihr lose um die Schultern, und ihr langes weißes Nachtkleidchen reichte bis auf ihre nackten Füße.

»Was machst du doch eigentlich, Hanni?« fragte sie. »Ich bin so in Unruhe über dich. Was ist denn geschehen heute? Wo hast du den ganzen Tag gesteckt? Warum ißt du nichts? Und warum sitzest du hier noch mit Licht bis nach Mitternacht?«

Johannes schwieg verlegen und erschreckt. Den Dolch hielt er noch in der Hand, allein er versuchte ihn unbemerkt fortzulegen oder in seiner Tasche zu bergen.

Aber Marion sah es und fragte mit gepreßter Stimme:

»Was hast du da?«

»Nichts«, sagte Johannes, beschämt und verwirrt, wie ein ertapptes Kind.

Eilends entfernte Marion das Taschentuch und blickte von dem blitzenden kleinen Ding auf Johannes mit einem trüben Ausdruck des Kummers und des Entsetzens.

Lange blickten sie einander in die Augen. Marion forschend, ängstlich und flehentlich, bis Johannes den Blick abwandte und den Kopf tief herabsenkte.

»Für wen?« fragte sie flüsternd, »für dich selbst?«

Johannes schüttelte den Kopf, ohne zu sprechen oder aufzublicken. Marion stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus.

»Für wen denn?« fragte sie weiter, »für ihn

Johannes nickte. Darauf sagte sie:

»Armer Hanni!«

Das erklang ihm seltsam; denn in der Verbitterung kennt man kein Mitleid, nicht einmal mit sich selber. Auch glaubte er durch seinen blutdürstigen Plan viel eher Abscheu zu erwecken. Aber sie sagte es so innig und so aufrichtig, daß es ihm weicher ums Herz ward, wenngleich er dem Weinen noch nicht nahe.

»Wirst du es nicht tun? Es hilft dir ja doch nichts. Und du würdest... du würdest mich so furchtbar unglücklich machen.«

»Ich kann es nicht ertragen, Marion, ich kann es nicht.«

Marion kniete vor dem Tisch nieder und legte ihr Kinn auf die Hände. Ihre klaren offenen Augen richtete sie jetzt fest auf Johannes und ihr Blick wurde ruhiger, während sie zu sprechen begann.

Johannes schaute sie unverwandt an, unschlüssig wie ein Verzweifelter, der nicht weiß, ob er an eine Rettung noch glauben soll.

»Armer Hanni«, sagte Marion dann nochmals, und darauf langsam und in größeren Zwischenpausen: »Weißt du, warum ich das so sagen kann? Ich weiß ganz genau, was du fühlst. Ich habe es auch gefühlt. Ich glaubte nicht, daß alles so gehen würde, wie es jetzt gegangen ist. Ich dachte nur: Sie bekommt ihn und ich bekomme ihn nicht. Und da sagte ich ebenfalls: das kann nicht, das kann nicht sein – aber es hätte doch ganz gut sein können – und jetzt sagst du: es kann nicht sein – aber es kann ebenso gut.«

Hier machte sie eine längere Pause und Johannes blickte sie aufmerksamer und schon weniger zweifelnd an.

»Und hör' jetzt mal gut zu, Hanni – du wolltest den Narren da tot stechen, nicht wahr? und du weißt wohl, daß ich ihm nie so recht getraut habe. Aber denk jetzt doch nur daran, daß ich tage- und wochenlang auch so etwas gewollt habe.«

»Was?« fragte Johannes erstaunt.

Marion barg ihr Gesicht in den Händen und sagte: »Es ist wahrhaftig wahr, Hanni, nicht ihn... Aber sie...«

»Das kann ja nicht dein Ernst sein, Marion«, sagte Johannes mit ehrlicher Entrüstung.

»Aber natürlich war es mein Ernst. Ich weiß sogar nicht einmal mehr genau, ob ich deshalb zu ihr in Dienst gegangen bin, oder aus irgend einem besseren Grunde.«

»Gott, wie furchtbar!« sagte Johannes entsetzt und tief bewegt.

»Ja, darüber bist du nun außer dir und vielleicht sogar böse. Natürlich, du findest sie reizend und du hast sie lieb. Und jetzt schäme ich mich auch. Ja, tüchtig sogar.«

Wiederum schwieg sie. Und in den beiden jungen Köpfen gingen vielerlei und leidenschaftliche Gedanken um.

»Und weißt du, was mir am meisten dazu verholfen hat, daß ich es ließ? Nicht Angst vor der Strafe oder vor dem Gericht, denn vor nichts fürchtete ich mich so sehr, wie vor dem Allerschlimmsten: daß sie dich bekommen würde. Aber es half mir, als ich daran dachte, daß du sie so reizend fändest und daß du so weinen würdest und so traurig sein, wenn du sie tot würdest liegen sehen.«

Wieder senkten sich ihrer beider Blicke tief ineinander und beider Augen waren von Tränen umflort. Da sagte Marion:

»Und jetzt, Hanni, jetzt denk mal: Ich mache mir nicht viel aus dem Kerl und du auch nicht. Und vielleicht wäre auch wohl nicht viel an ihm verloren. – Aber sie macht sich wohl etwas aus ihm. – Und wenn du ihn jetzt erstächest, dann würdest du ja machen, daß sie ihn tot liegen sähe und weinen müßte. Willst du das denn?«

Johannes' Augen öffneten sich weit, und er starrte schweigend in das Licht.

»Ja, aber ...« sagte er langsam... »sie betrügt sich und er betrügt sie... Er ist ganz anders als sie glaubt.«

Da nahm Marion ihre beiden Hände vom Tisch und legte sie auf Johannes' Arm und rief beinahe laut: »Aber Hanni! aber Hanni! es ist ja alles anders als wir glauben. Wer sieht denn so recht, wie die Dinge wirklich sind? Ich fand die Frau abscheulich und du fandest sie reizend, du findest den Kerl abscheulich und sie findet ihn reizend. Glaube mir, Hanni, nur Vater weiß, wie die Dinge sind. Nur Vater allein. Glaube mir das. Wir sind nur arme Menschen, wir wissen nichts, nichts.«

Und bei diesen Worten legte sie auch ihr Köpfchen mit dem seinen Blondhaar auf seinen Arm und schluchzte zum Herzzerbrechen, und Johannes, jetzt auch gänzlich gebrochen und weich geworden, weinte mit ihr.

Da hörten sie, wie draußen auf dem Flur eine Tür geöffnet ward. Sollten sie in ihrer Erregung am Ende wohl zu laut gesprochen haben?

Marion entfloh eiligst. In einem ruhigeren Augenblick wäre sie dazu viel zu schlau gewesen. Und Johannes löschte sein Licht aus. Aber da sah er durch die Türritze, daß jemand draußen im Korridor war, und es fand eine Begegnung statt, und Johannes hörte ein kurzes heftiges Zwiegespräch, das in halbgedämpftem zornigem Ton geführt wurde. Das letzte, was er hörte war: »Morgen fortgehen«.

In den Tagen, da sich dies alles ereignete, fand auch ein anderes Geschehnis statt, dessen sich die meisten unter euch gewiß noch recht gut werden entsinnen können. Es geschah nämlich zu jener Zeit, da der König heiratete, und zwar, wie das gebräuchlich ist, mit der Königin. Das war die Zeit, zu der allerorten Ehrenpforten errichtet und Umzüge veranstaltet wurden, und es allenthalben nach Tannenzweigen und Fettnäpfchen duftete.

Und der König und die Königin führten ein ganz anderes Leben als der kleine Johannes.

Sie mußten sich immer wieder und wieder anziehen lassen, und dann wieder ausziehen und paradieren, und in Staatskleidern dasitzen und langweilige Ansprachen anhören und endlosen Gastmählern beiwohnen und sich immerfort verneigen und verneigen und liebenswürdig mit der Hand winken.

Für Johannes bildete all das geschäftige Lärmen und das lustige Festgepränge nur einen bunten Hintergrund, von dem sich sein eigener Kummer um so düsterer abhob. Wenngleich sich ein jeder um den König und die Königin und niemand um den kleinen Johannes kümmerte, so fand er sich selber und seinen eigenen Verdruß darum doch nicht minder gewichtig.

Ihr wißt, daß diese Feste mehrere Wochen dauerten und in sämtlichen Städten des Landes gefeiert wurden. Und am Abend, der dem Tage folgte, von dem ich euch zuletzt erzählt, gab es am Strande ein großes Feuerwerk, und Johannes sah es sich an im Kreise der ganzen Familie.

Und dort, mitten in dem Lärmen und Treiben, konnte er zum erstenmal wieder ein paar Worte mit seiner lieben Freundin wechseln, die ihm so großen Kummer bereitet. Marion hatte er nicht gesehen und so wußte er nicht, ob sie bereits fortgegangen. Aber die Gräfin schien ihm ebenso freundlich und aufgeräumt wie sonst, und sie hatte ihn nach nichts gefragt.

Auf der Terrasse, von wo sie die goldenen Feuerpfeile zischend emporsteigen sahen und die Funkensonnen knistern und knallen hörten, während aus der dunklen unruhig wogenden Menge immer wieder ein ah! ah! ah! aufstieg, wagte er es endlich sie leise anzusprechen.

»Was haben Sie gestern wohl von mir gedacht, Frau Gräfin?«

»Nun«, antwortete die Gräfin ziemlich kühl, während sie sich das Feuerwerk aufmerksam ansah. »Ich kann nicht gerade behaupten, daß du mich angenehm enttäuscht hättest, Johannes.«

»Wie meinen Sie das? Warum nicht?« fragte Johannes.

»Nun, das wirst du dir doch wohl denken können. Ich wußte zwar wohl, daß du bürgerliche Beziehungen hast und daß du von nicht allzu vornehmer Herkunft bist, aber ich hoffte, das alles durch meinen Einfluß einigermaßen wett machen zu können. Aber für so ordinär hätte ich dich denn doch nicht gehalten.«

»Aber was meinen Sie doch nur?«

Die Gräfin blickte ihn verächtlich an.

»Soll ich dir das nochmals Wort für Wort wiederholen? – Liaisons mit Untergebenen! und das in deinem Alter, fi donc! –«

Das war für Johannes eine Erleichterung.

»Aber Frau Gräfin, Sie irren sich ganz und gar. Ich bin durchaus nicht verliebt in jenes Mädchen, aber sie ist mein einstiger kleiner Kamerad und hängt sehr an mir, und als sie gestern sah, daß ich unglücklich war, kam sie, um mich zu trösten –«

»Trösten?« wiederholte die Gräfin ein wenig zögernd und nicht ohne Ironie, was Johannes indessen nicht bemerkte.

»Jawohl, Frau Gräfin, ohne sie würde ich verzweifelte Dinge getan haben. Sie hat mich davon zurückgehalten –sie ist ein braves Mädchen.«

Darauf berichtete er noch mehr von ihr.

Gräfin Dolores glaubte ihm und wurde allmählich ein wenig freundlicher gestimmt. Sie sagte mit jener einschmeichelnden Stimme, die Johannes so unglücklich gemacht hatte und die ihn auch jetzt wieder völlig bezauberte:

»Warum warst du denn so unglücklich, mein Junge?«

»Begreifen Sie das denn nicht, Frau Gräfin? Sie wissen doch, was Sie mir gestern erzählt haben.«

Sie begriff ihn recht gut. Und Johannes war glückselig darüber, daß sie ihn so freundlich anhören wollte.

Sie aber gab vor, noch immer nicht zu verstehen, gleich als schiene ihr so etwas undenkbar, obwohl sie sich im Grunde genommen recht geschmeichelt fühlte.

»Aber wie kannst du denn darüber verzweifelt sein, mein Junge? Ich habe ja nicht gesagt, daß du deswegen mein Haus verlassen müßtest.«

»Frau Gräfin, glaubten Sie wirklich, daß ich bei Ihnen bleiben könnte, wenn das geschieht? Glaubten Sie, daß ich das ertragen könnte? Aber es wird nicht geschehen, nicht wahr? Es war nur ein Scherz. Sie wollten mich nur ein wenig necken. Bitte, bitte, sagen Sie mir, daß Sie mich nur necken wollten.«

Jetzt wurde es ihr allzu klar und deutlich gesagt, als daß sie sich noch länger hätte verstellen können. Sie schüttelte den Kops, halb freundlich, halb mitleidig.

»Aber mein Junge, mein Junge«, sagte sie, »was setzest du dir doch für Sachen in den Kopf?«

Johannes legte seine beiden Hände auf ihren Arm und sagte flehentlich: »Es war doch nicht Ihr Ernst, nicht wahr?«

Sie aber machte sanft seinen Arm los und sagte:

»Doch, Johannes, es war mein Ernst.«

Jetzt erst merkte sie, daß er noch immer gehofft hatte.

»Habe ich nicht die allergeringste Hoffnung?«

Die Gräfin lächelte kopfschüttelnd.

»Nein, mein bester Junge, wirklich nicht, schlage dir das nur aus dem Sinn, und für immer.«

Die letzten Raketen stiegen mit entsetzlichem Gezische empor und platzten hoch oben unter dem dunklen Himmel mit leicht knisterndem und hellem Funkensprühen auseinander. Dann war es aus: die Musik spielte »Wilhelmus von Nassaue« und in die dunkle Menge kam mehr Bewegung, während die Straßenjungen sich allenthalben mit schrillem Pfeifen oder langgereckten Zurufen wie »Jaaaaan!« und »Gerreeet!« verständigten.

Dumpfen Sinnes ging Johannes durch all dies Lärmen, völlig betäubt von diesem neuen Schmerz.

Die Gräfin sagte, jetzt sehr mitleidig:

»Weißt du wohl, Johannes, was mir Pater Canisius versprochen hatte? Er wollte dich lehren, wer Jesus ist. Willst du nun morgen mit mir zur Kirche gehen? Das wird gewiß dein bester Trost sein.«

Ein böser Gedanke zuckte Johannes durch den Kopf. Er wollte eine Frage stellen; jedoch den verhaßten Namen vermochte er nicht auszusprechen.

»Geht sonst noch jemand mit?«

»Ja, mein zukünftiger Gatte geht mit. Er ist jetzt auch vollkommen davon überzeugt, daß man nur in der heiligen Kirche Ruhe zu finden vermag. Er wird katholisch, ebenso wie ich und meine Kinder.«

Danach sprach Johannes den ganzen Abend kein Wort mehr. Aber er schlief ruhiger als in der verflossenen Nacht.

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