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Gutenberg > Frederik van Eeden >

Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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»Spring heraus!« rief Wistik, sehr erregt, während er mit seinem roten Mützchen schwenkte, »spring heraus, aber schnell!«

Johannes sah dazu keine Möglichkeit. Das Fenster war hoch und viel zu klein. Dann nur lieber noch ein wenig höher klettern, vielleicht, daß dort ein Ausweg war. Eine Treppe hinauf, dann wiederum ein Bodenraum, ein enger, kleiner Gang, und noch eine Treppe hinauf. Da sah er Wistik wieder, rittlings auf dem großen Adler.

»Schnell, Johannes!« rief er, »du mußt nur Mut haben, dann passiert nichts.«

Johannes wollte wohl gerne Mut haben, aber er konnte es nicht. Das kleine Fenster war wiederum unerreichbar. Nochmals zurück. Leere Bodenräume, steile Treppen ohne Ende, ohne Ende.

Und dort drinnen war der Octopus, das wußte er. Immer wieder sah er einen von den langen Fangarmen mit den Hunderten von Saugnäpfen auf sich gerichtet. Hier und dort lag einer am Boden, so daß er über ihn hinwegsteigen mußte, dann wieder wand sich einer die Treppe hinauf, die Johannes kreuzen mußte. Das ganze Haus war davon erfüllt.

Und dort draußen schien die Sonne, winkte der freie blaue Himmel. Dort schwebte Wistik um das Haus herum, auf dem großen Adler sitzend, demselben, dem sie einst in Phrygien begegnet waren.

Und dort draußen erklang auch Marions Stimme. Horch! sie sang; auch sie war draußen in der frischen, freien Luft. Sie schien ganz allein ein Liedchen gemacht zu haben, sowohl die Worte wie auch die Melodie, denn beides war dem Johannes fremd.

»Sonnenlicht hoch und rein,
»friedlich und weich!
»Mich trugen Flügelein
»hin in dein Reich.

»Flüg'lein, gar leichte Zier,
»weiß wie der Mond,
»wuchsen der Schulter mir
»nächtlicher Stund.

»Kann nun der Möwe gleich
»flattern und schweben,
»fühl' mich von Wolken weich
»schützend umgeben.«

Ach! das konnte Johannes noch nicht. Er hatte keine Flügel. Wohl sah er hier und dort Lichtstrahlen hineindringen und auch ab und zu ein Stückchen blauen Himmels; aber er konnte nicht hinaus. Es war unmöglich. Und wieder ging es treppauf, treppab, durch weite Portale und über große Bodenräume, um den Ausgang zu finden. Und überall lagen die Fangarme. Da sang Marion wieder:

»Wunderblau Himmelszelt,
»schwing mich zu dir,
»nebelgrau schwand die Welt
»tief unter mir.

»Welten entschwinden hier
»gleich Wunderland.
»Neue erstehen mir
»zahllos wie Sand.

»Bläue der Höhen!
»Bläue der Tiefen!
»Werd' nun verstehen,
»wie sie mich riefen.«

Johannes hörte auch, daß ihn die Bläue rief, aber das Wunderwort konnte er noch nicht verstehen. Er lag jetzt auf den Knien vor einem kleinen Bodenfenster, durch das er nur die Arme herauszustrecken vermochte. Hinter sich hörte er etwas rascheln und scharren. Das war auch schon wieder einer von den Fangarmen.

»Es ist ein Skandal«, sagte Wistik, während sich sein Gesichtchen vor Zorn heftig rötete, »wie man mich verlästert hat. Ich sei ein Handlanger des Bösen, behauptet man, weil ich dich nicht in Frieden ließe. Willst du mich los sein, Johannes?«

»Nein, Wistik, ich glaube, daß du gut bist, trotzdem du mich gar oft enttäuscht hast und mich sehr unruhig machst. Du hast mir so viel Schönes gezeigt. Aber warum hilfst du mir denn jetzt nicht? Wenn du mich rufst, dann mußt du mir auch helfen.«

»Nein«, sagte Wistik, »du mußt dir selber helfen. Du sollst tapfer sein, tapfer. Du weißt, daß ES hinter dir ist, nicht wahr?«

»Ja! ja!« schrie Johannes.

»Aber, Junge, so schreie mich doch nicht an, sondern lieber ES. ES fürchtet sich vor dir noch viel mehr als du dich vor dem ES fürchtest.«

Das war ein guter Gedanke. Johannes biß die Zähne zusammen, ballte die Fäuste, kehrte sich um und rief:

»Zurück! sage ich dir, zurück, du häßliches Scheusal!«

Ich glaube sogar, daß er fluchte und »verdammtes Scheusal« sagte. Aber das muß man ihm schon verzeihen, weil er es in der ersten Erregung tat. Als er sah, daß die Fangarme immer kleiner und kleiner wurden und sich langsam zurückzogen, daß es still ward im Hause, daß das Sonnenlicht sich Bahn brach und ein weiter blauer Himmel sichtbar ward, da wich die Beklemmung von ihm, und er war auch gar nicht mehr so zornig, sondern schämte sich ein wenig, weil er wohl allzuheftig gewesen.

»Recht so,« sagte Wistik, »aber nicht unartig werden, nicht schimpfen, das ist häßlich. Sicher auftreten und dennoch Mitleid haben.«

Johannes war jetzt auch nicht mehr zornig, sondern weinte vor Glück. Ja, ihm war, als müsse er wegschmelzen in Tränen der Dankbarkeit, so weit ward ihm das Herz mit einem Male. O, der herrliche blaue Himmel!

»So, jetzt weißt du es ein für allemal,« sagte Wistik.

Da erklang wiederum Marions Singstimme. Aber jetzt ganz anders. Es war die Melodie eines ihrer alten Liedchen, die leise gesummt ward. Ein weicher, gedämpfter Sang. Und darauf folgte ein »tick! tick! tick!« auf seine Zimmertür, um ihm anzukünden, daß es halb acht sei und daß er aufstehen müsse.

An jenem Tage war Johannes von frischer Lebenskraft, von einem überquellenden Gefühl der Heiterkeit und des Frohsinns gänzlich erfüllt. Er wollte handeln, er wollte etwas tun, um seiner schwierigen Lage selbst ein Ende zu bereiten.

Zunächst suchte er die Gelegenheit van Lieverlee zu sprechen. Mutig ging er zu ihm in seine Zimmer, die er noch niemals betreten hatte.

In diesen Zimmern zeigte sich ein sehr wirres und ungleichartiges Durcheinander. Ein paar kostbare alte Möbel und orientalische Teppiche, eine große Sammlung von Pfeifen und Waffen, einige moderne Bücher – aber nicht viel – an der Wand Skizzen, aus denen Johannes nicht recht klug werden konnte, französische Reklamebilder, auf denen frivole Dämchen abgebildet waren, und daneben fromme mittelalterliche Darstellungen von Heiligen in Ekstase, Gipsabgüsse lüsterner Frauengestalten, und ausgezehrte Mönchsköpfe, und Christusbilder in abstoßender Nacktheit und einige Steindrucke und Abgüsse, deren wahnsinnige und gruselige Seltsamkeit Johannes an seine bangsten Träume erinnerte.

»Was willst du?« fragte Herr van Lieverlee tot Endegeest, der mit einer leeren Pfeife im Munde und einem sehr mißvergnügten Gesicht lang ausgestreckt auf dem Fußboden lag.

»Ich möchte Sie etwas fragen,« fagte Johannes, ohne recht zu wissen, wie er eigentlich anfangen solle.

»Nicht disponiert,« sagte van Lieverlee.

Gestern noch würde Johannes sich nach einem solchen Empfang schleunigst zurückgezogen haben. Heute aber tat er das nicht. Er setzte sich und dachte an das, was ihm Wistik gesagt hatte: Sicher auftreten.

»Ich will nicht länger warten,« hub er an, »ich habe schon viel zu lange gewartet.«

»Der große Pater hat dich wohl zu fassen gekriegt, nicht wahr?« fragte van Lieverlee, jetzt schon mit etwas lebhafterem Interesse.

»Ja,« antwortete Johannes, »wie wissen Sie das? Was halten Sie von ihm?«

Van Lieverlee nickte, gähnte, und sagte dann gedehnt: »Ein Gewichster! Der kann so bleiben. Bizeps! – weißt du, Bizeps – physisch und intellektuell! Repräsentativ für seine ganze Organisation. Man muß Respekt davor haben, Johannes; wie der es versteht, die Menschen zu überrumpeln, davor kann man, weiß Gott, den Hut ziehen. Im Vergleich damit bedeutet der ganze reformierte Heiligenkram gar nichts, das ist alles halbe Arbeit, alles ein zaghaftes Geben und Nehmen – kritakrita – so wie wir im Sanskrit sagen. Ob du Böses oder Gutes tun willst, tue es immer ganz, niemals halb, sonst wirst du selbst das Opfer. Willst du den Menschen den Daumen auf das Auge setzen, so setze ihn ihnen ganz darauf. Eine Kirche bilden wollen und zugleich von Gewissensfreiheit reden, wie die Protestanten das tun, das ist Unsinn, das kann nie was Gutes geben. Das sieht man an ihren Resultaten. Jedes Dutzend Protestanten hat eine eigene Kirche mit einem eigenen Dogma und einen allein seligmachenden Glauben, dem anderthalb Auserkorene anhängen. Nein, da ist die katholische Kirche doch wenigstens ein respektableres Stück Arbeit, eine Sache aus einem Guß.«

»Glauben Sie daran?« fragte Johannes.

Van Lieverlee zuckte die Achseln.

»Darüber muß ich erst noch einmal reiflich nachdenken. Wenn ich es schön finde, daran zu glauben, dann tue ich es, aber dann in der alten echten Kirche, mit Adam und Eva und der Sonne, die sich um die Erde dreht – nicht in diesen modernen Up-to-date-Kirchen die an der Hand von wissenschaftlichen Ergebnissen mit elektrischem Licht und der Hereditätslehre modifiziert sind. Das ist widerlich. Nein, die Kirche von Dante will ich haben, mit einer echten Hölle voll Feuer und Gestank hier unter der Erde, und Galilei darin.«

»Aber danach habe ich Sie ja gar nicht gefragt,« sagte Johannes, der konsequent bleiben wollte. »Ich bin nicht zufrieden, und Sie müssen mir helfen. Alles, was ich bisher in den Plejaden und von dem Pater gehört habe, vermag mich nicht zu befriedigen, und ich weiß auch ganz sicher, daß ich meinen Freund auf solche Weise nicht wiederfinden werde. Ich will ihn aber durchaus finden.«

»Wo wolltest du ihn denn suchen?«

»Das weiß ich schon,« sagte Johannes, »wenn er irgendwo zu finden ist, so ist es bei den Armen, bei den Arbeitern.«

»So, so, wolltest du dich der Arbeiterbewegung anschließen? Na, das kann dir blühen. Aber ich verspreche dir nicht, daß ich mitgehe. Du weißt, wie ich über die Sache denke. Den Sozialismus muß es geben, das weiß ich wohl, aber ich kümmere mich nicht darum. In den proletarischen Sphären stinkt es mir noch zu sehr. Ich freue mich über die Geburt der neuen Gesellschaft, aber eine Geburt ist stets eine unappetitliche Geschichte. Die überlasse ich lieber den Wehmüttern. Ich warte mit der Bekanntschaft, bis das Kindchen gründlich gewaschen und gesäubert ist.«

»Aber ich wollte ja meinen Freund suchen.«

Van Lieverlee richtete sich auf und reckte die Glieder.

»Du bist fade,« sagte er, »mit deinem ewigen Geschwätz über diesen Freund.«

»Sicher auftreten,« dachte Johannes bei sich, und er fuhr fort: »Sie haben mir versprochen, daß Sie mir den Weg zeigen würden zu Dem, was ich suche, und daß sie mir alles Rätselhafte erklären wollten, was mir widerführe. Aber ich bin noch um keinen Schritt weitergekommen.«

»Deine eigene Schuld, Freundchen, das sind die Folgen von Hochmut und Selbstsucht. – Warum hast du dich so wenig um mich gekümmert? Du gingst immer nur mit diesen beiden kleinen Mädchen, glaubtest du etwa, durch die klüger zu werden?«

»Vielleicht ebensogut wie durch Sie,« antwortete Johannes.

Van Lieverlee blickte verwundert auf. Das war Insubordination, offenkundiger Widerstand. Indessen schien es ihm besser, das gar nicht zu bemerken, und so sagte er nur: »Wenn du dich aber jener Arbeiterbewegung anschließen willst, so mußt du es selbst wissen. Ich werde dich nicht zurückhalten. Geh du nur auf die Suche nach deinem Mahatma.«

»Aber wie soll ich das denn anfangen? Sie haben so viele Freunde. Wissen Sie denn niemanden, der mir helfen kann?«

Van Lieverlee dachte nach, während er Johannes noch immer unverwandt anblickte. Dann sagte er langsam:

»Jawohl, einen weiß ich, der steckt mitten drin. Willst du zu dem gehen?«

»Ja, bitte, und am liebsten sofort.«

»Gut,« sagte van Lieverlee. Und so machten sie sich zusammen auf den Weg. Der betreffende Herr war Redakteur einer Zeitung, Doktor der Philologie, und hieß Felbeck.

In seinem Bureau sah es nichts weniger als luxuriös aus.

Die Stufen der Treppe waren ausgetreten und die Flurmatte abgenutzt. Es war ein öder kahler Raum, an dessen Wänden man große Anschlagzettel und Karikaturen gewahrte und dessen ganzes Mobiliar aus einem mit Zeitschriften und Broschüren völlig überdeckten Tisch, ein paar Schreibpulten und mehreren Rohrstühlen bestand. Zwei Schreiber saßen da und schrieben, während ein paar Männer sich, den Hut auf dem Kopf und die Zigarre im Munde, eifrig unterhielten. Es war dort ein immerwährendes Kommen und Gehen von Setzerjungen und Männern in Schlapphüten.

Dr. Felbeck selber hatte ein blasses, mageres Gesicht, vorstehende Backenknochen, borstiges Haar und einen schwarzen Schnurr- und Kinnbart. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und blickten Johannes forschend an, in einer Weise, die ihn weder ruhig noch vertraulich stimmte.

»Dieser junge Mann,« sagte van Lieverlee, »wünscht, wie Sie das zu nennen pflegen, seine bürgerliche Herkunft zu verleugnen und in die Reihen des kämpfenden Proletariats zu treten. So heißt es ja wohl, nicht wahr?«

»Nun,« sagte Dr. Felbeck, »dessen braucht er sich nicht zu schämen, und Sie könnten sich ein Beispiel an ihm nehmen, van Lieverlee.«

»Wer weiß, was ich noch tun werde,« antwortete van Lieverlee, »wenn das Proletariat nur erst gelernt hat, sich zu waschen.«

»Was?« sagte Felbeck, »Sie behaupten, ein Dichter zu sein, und wollen gewaschene Proletarier mit Stehkragen und steifen Hüten sehen? Nein, mein Freund, mit schmutzigen, schwieligen Fäusten werden sie die verfeinerte bürgerliche Gesellschaft zusammenhauen wie eine Etagere voller Nippsachen in einem Salon.« Und dabei schlug Dr. Felbeck mit seiner Faust durch die Luft auf die vermeintliche Etagere.

Einer der Schreiber wurde aufmerksam und hielt in seiner Arbeit inne. Auch auf van Lieverlee schienen diese Worte ihren Eindruck nicht zu verfehlen.

»Eine Revolution würde mir schon passen,« sagte van Lieverlee, »mit Barrikaden, und darauf Kerls mit roten Fahnen, flatternden Haaren und blutunterlaufenen Augen. Das ist nicht übel. Aber euer Zukunftsstaat! Gott mag mich vor dem öden Rummel bewahren. Dann will ich noch zehnmal lieber ein fetter, stinkend reicher Bankier mit Brillantringen sein, der sich von unglücklichen Schluckern mästen läßt und auf Korfu Villen baut, als solch ein Zukunftsbürger.«

»Das verstehen Sie nun einmal nicht,« sagte Felbeck mit verächtlichem Lächeln. »Sie müssen solche Gedanken haben, weil Sie der bürgerlichen Klasse angehören, deren Nachkömmling Sie sind. Sie müssen bürgerlich denken und bürgerlich dichten, das ist nicht anders möglich. Die proletarische Kultur der Zukunft können Sie nicht begreifen. Sie wird sich aus der proletarischen Klasse entwickeln, zu der wir gehören, und der sich Ihr junger Freund anschließen will, wie ich zu meiner Freude höre.«

Der Schreiber kam ein wenig näher, um die Ansprache seines Chefs besser hören zu können. Er war ein kleiner, noch junger Mann mit pomadisiertem schwarzem, in der Mitte gescheiteltem Haar, einer krummen Nase, auf der er einen Kneifer trug, und ein paar dicken Lippen, zwischen denen, auch während er sprach, unaufhörlich eine Zigarre baumelte. Er trug einen eleganten Anzug, sehr spitze Schuhe und Gamaschen.

»Darf ich mich vielleicht vorstellen?« sagte er. »Mein Name ist Käse. Parteigenosse Isidor Käse.«

»Angenehm!« sagte van Lieverlee. Und auch Johannes bekam einen Händedruck.

»Kommen Sie, um sich einschreiben zu lassen?« fragte darauf der Parteigenosse.

»Worin denn einschreiben?« fragte Johannes, der noch nicht recht orientiert war. »In die proletarische Klasse?«

»Nein, als Mitglied der Partei,« sagte Käse.

»Was hat das denn zu bedeuten?« fragte Johannes zaghaft.

»Das hat zu bedeuten,« sagte Felbeck, »daß man auf die Vorrechte der Klasse, der man ursprünglich angehörte, verzichtet, daß man das rote Banner hochhalten, in die Reihen der internationalen Arbeiterpartei treten und sich dem kämpfenden Proletariat, der Klasse der Zukunft, anschließen will.«

»Und was muß ich dafür tun?«

»Unterschreiben, einen kleinen Beitrag bezahlen, die Versammlungen besuchen, unsere Zeitung lesen, Propaganda machen und für unseren Kandidaten stimmen, wenn es erst so weit ist, daß du stimmen darfst.«

»Weiter nichts?« fragte Johannes.

»Ist dir das etwa noch nicht genug?«

»Aber Sie sprachen doch von Vorrechten, auf die ich verzichten müsse.«

»Na, na,« sagte Parteigenosse Käse, »stellen Sie sich das nur nicht allzu schlimm vor. Lassen Sie sich dadurch nicht abschrecken, vorläufig wird von Ihnen nichts anderes verlangt.«

»O, ich fürchtete mich durchaus nicht davor,« sagte Johannes ein wenig ärgerlich, weil man ihn so gar nicht zu begreifen schien. »Ich hoffte sogar, daß ich mehr würde tun müssen.«

»Um so besser, um so besser,« sagte Käse, während er an sein Pult zurücktrippelte und eifrig seine Feder auswischte. »Also die Sache wäre in Ordnung – Ihr Name, wenn ich bitten darf?«

Aber Johannes war heute nicht sehr willfährig gestimmt.

Seit er es mit dem Octopus aufgenommen, führte er ein viel größeres Wort.

»Nein, ich kam aus anderem Grunde. Ich habe einen guten Freund, der für die Armen und Unterdrückten lebt und arbeitet. Den suche ich. Zuletzt sah ich ihn bei dem großen Bergarbeiterstreik in Deutschland. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Aber ich weiß ganz sicher, daß er sich unter den Arbeitern aufhalten muß. Und Herr van Lieverlee sagte mir, Sie stünden mitten in der Arbeiterbewegung.«

»Wie heißt er?« fragte Dr. Felbeck.

»Er ist unter dem Namen Markus bekannt,« antwortete Johannes zögernd; es kostete ihm große Mühe, den teuren Namen hier auszusprechen.

»Markus?« widerholten die Herren nachdenklich, »ganz einfach Markus?«

»Markus Vis,« sagte Johannes, noch widerwilliger als zuvor.

»Ach so, der!« sagte Parteigenosse Käse.

»Markus Vis?« sagte Felbeck, während er sich fragend an die übrigen wandte, die im Bureau anwesend waren, »ist das etwa ...?«

»Jawohl,« sagte Käse, »derselbe, der unlängst den Skandal auf der Börse gemacht hat.«

»Donnerwetter, der verdammte Anarchist!« rief einer der rauchenden, Schlapphut tragenden Männer.

»Ist das ein Freund von dir?« fragte Dr. Felbeck, mit einem häßlichen Zug um die Nase.

»Jawohl, und mein bester Freund sogar,« sagte Johannes mutig.

»Nun, da scheinst du mir eigentümliche und gefährliche Freunde zu haben, das muß ich sagen.«

»Wissen Sie, wo er ist?« fragte Johannes, ohne sich beirren zu lassen.

»Ich nicht,« sagte Felbeck verächtlich, »weiß es vielleicht jemand von den anderen Herren?«

»Ich denke irgendwo in der Nähe von Meerenberg,« sagte einer der anderen Männer.

»Trommel!« rief Felbeck dann einem der andern Schreiber zu, der ruhig bei seiner Arbeit geblieben war. »Wo steckt Vis denn augenblicklich?«

»Markus Vis?« wiederholte Parteigenosse Trommel fragend. »Der ist momentan im Bureau einer Eisenfabrik beschäftigt: er hat eine Anstellung gefunden.«

»Das sieht ihm ähnlich«, sagte einer der rauchenden Männer. »Paßt mal auf, was für ein Speichellecker der noch mal wird, wenn er nur erst einen Kragen trägt.«

»In welcher Fabrik?« fragte van Lieverlee.

»In der Fabrik »Der Reiter«, bei Ihrem Onkel, Herrn van Trigt«, sagte Parteigenosse Trommel.

»Wann ist er dorthin gekommen?« fragte van Lieverlee.

»Ich denke, so etwa vor drei Wochen.«

»Ist es so'n großer, dunkler Kerl mit einem Bart und lockigem Haar und einem Sporthemd an?«

»Jawohl – stimmt«, sagten mehrere gleichzeitig.

Van Lieverlee wandte sich um, stellte sich ans Fenster, legte den Kopf zurück, holte sein Taschentuch zum Vorschein und begann laut zu prusten, so daß die Umstehenden nicht recht wußten, ob er nieste oder lachte oder ob er krank war.

»Nehmen Sie's, bitte, nicht übel!« rief er aus. »Mir fällt eben so was Spaßiges ein.«

Und wieder prustete er in sein Taschentuch, und jetzt sah ein jeder es deutlich, daß es Lachen war.

»Ein Mahatma!« hörte man ihn murmeln, »weiß Gott, das ist nicht übel! ein Mahatma!«

Die Anwesenden beobachteten diese Ausbrüche schweigend und ein wenig verdutzt, gleich als erwarteten sie eine nähere Erklärung.

»Hättest du mir diese Beschreibung nur früher gemacht, Johannes«, sagte van Lieverlee, während er sich allmählich von seinem Lachanfall erholte, »dann hätten wir die Herren hier nicht zu bemühen brauchen. Dein Freund arbeitet bei meinem Onkel im Bureau. Ich habe ihn dort schon mehrmals gesehen.«

»Wollen Sie mich denn dorthin führen?« fragte Johannes. Noch sprach er mit fester Stimme, aber ich gebe euch die Versicherung, daß die Tränen seinen Augen recht nahe waren. Er wollte mit aller Gewalt tapfer bleiben, weil ihn all diese Männer und Parteigenossen so scharf beobachteten.

»Gewiß, gewiß, gelegentlich«, fügte van Lieverlee – und dabei begann er wahrhaftig schon wieder zu lachen, mit einem lauten, halb unterdrückten Geschnaube, so daß Johannes ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte.

Das tat er indessen nicht, sondern ging ruhig mit van Lieverlee die Treppe hinunter, ohne der proletarischen Klasse beigetreten zu sein.

»Na, also, adieu dann«, sagte van Lieverlee, unten angelangt, während er Johannes mit übertriebener Herzlichkeit die Hand schüttelte. »Ich muß in den Klub – gelegentlich gehen wir dann in die Fabrik – ich will mich erst mal erkundigen. Aber wir gehen ganz sicher.«

Die Lippen noch spöttisch verzogen, schritt er davon, während er mit erkünstelter Gleichgültigkeit vor sich hinsummte.

An jenem Abend suchte Johannes die Eisenfabrik allein auf. Aber das Bureau war bereits geschlossen und dunkel, und niemand war da, der ihm hätte Auskunft erteilen können. In seinem Zimmer fand er einen kleinen Trost: eine Vase mit Vergißmeinnicht von Marion.

»Lieber Wistik«, sagte Johannes, »laß mich deine Hand fassen. Du bist mir doch ein gar lieber und treuer Freund. Jetzt bereue ich es nicht mehr, daß ich unter Windekinds Mäntelchen weggeschlüpft bin, um dir zu lauschen –«

»Man soll sich nicht selbst rühmen, das habe ich dir schon einmal gesagt«, antwortete Wistik, »aber es ist und bleibt eine große Wahrheit, daß ich sehr gut bin und all die üble Nachrede durchaus nicht verdiene. Und was wahr ist, das darf auch gesagt werden, und wenn es hundertmal Großsprecherei genannt wird. Nicht Großsprecherei und auch nicht Kleinsprecherei; Rechtsprecherei, das ist meine Idee.«

Dabei nickte das Männchen stolz und setzte sich seine Mütze ein wenig fester auf den Kopf.

Sie saßen an einer felsigen Küste. Grell beschien die Sonne eine rötliche Felswand zu ihrer Linken, rechts stieg die Anhöhe sanfter hinan, und auf ihr wuchsen Bäume mit feinblättrigem graugrünem Laube. Vor ihnen lag das weite leichtbewegte Meer, unter dem frischen Winde und in dem funkelnden Licht immerfort blitzend und wogend. Da war nichts zu sehen als roter Fels und blauer Himmel und Wasser. Das blaue, kristallklare Wasser umspülte klatschend und gurgelnd die ausgehöhlten und angefressenen Steine, die ihnen zu Füßen lagen, und verschwanden dann in Spalten und Grotten, wo Algen wuchsen und rote Korallen. Wie hell war es! wie frisch! wie weiß!

»Windekind sehe ich niemals wieder«, sagte Johannes, »und das ist gar traurig, denn Pans Reich war schön. Aber ich füge mich darein, und ich glaube jetzt, daß es noch viel, viel schönere Dinge gibt. Fand ich nicht einst die Dünen am schönsten von allem? und fürchtete ich nicht, daß ich mich anderswo niemals heimisch fühlen konnte? Jetzt aber finde ich dieses fremde Land viel großartiger, und ich fühle mich auch hier heimisch. Wo sind wir, lieber Wistik?«

»Was tut's«, sagte Wistik, der es niemals gerne zeigte, wenn er etwas nicht wußte.

»Es tut auch nichts«, sagte Johannes. »Die Hauptsache ist, daß ich weiß, daß ich es bin, ich, Johannes, und daß ich alles sehr gut und sehr deutlich weiß. Wie ich gestern in jenem Bureau war und Markus in der Eisenfabrik gesucht habe, und wie man mich jetzt könnte schlafen sehen. Und dennoch träume ich nicht, denn ich bin ganz wach, ganz, ganz wach, und ich erinnere mich an alles.«

»Jawohl«, sagte Wistik, »weißt du denn auch noch, was Markus von der Erinnerung sagte?«

Er zögerte einen Augenblick und fuhr dann mit feierlicher, stets leiser werdenden Stimme fort:

»Die Erinnerung, Johannes, ist etwas sehr Heiliges. Denn sie macht die Vergangenheit gegenwärtig. Jetzt noch die Zukunft ... und dann wären wir ...«

»Wo denn, Wistik?«

»An jenem stillen Herbsttage, da das Gold auf den Baumkronen nicht erblaßt und kein Zweiglein raschelt. Weißt du es noch?« flüsterte Wistik, kaum hörbar.

Johannes nickte schweigend. Nach einer Weile sagte er:

»Es ist schon so köstlich, Wistik, daß ich auch während der Nacht mich an alles erinnern, und daß ich wissen und wach sein kann, wenn auch mein Körper im Bette schläft. Ich will nicht tot sein und daliegen wie ein Stein und alles vergessen, so wie man das im Schlaf zu tun pflegt. Ich will auch nicht lauter Torheiten und Unsinn träumen, als müßte ich jede Nacht wahnsinnig werden. Das ist eine Schande, das will ich nicht.«

»Recht so, Johannes, niemand will gern tot sein, und niemand will gern wahnsinnig sein. Und wenn die Menschen schlafen, sind sie tot, und wenn sie träumen, sind sie wahnsinnig. Dafür würde ich mich auch bedanken.«

»Ich will versuchen, in meinem Schlaf zu leben und weise zu sein in meinen Träumen«, sagte Johannes. »Aber es ist gar schwer, und die Zeit so flüchtig.«

Er betrachtete seine Hände, seine Beine und seinen ganzen Körper. Er trug seinen schönsten Anzug. Erstaunt fragte er:

»Was ist das für ein Körper, Wistik? den ich mit mir schleppe? und wie komisch, daß ich Kleider trage! Was sind das für Kleider?«

»Siehst du das denn nicht? Es sind deine eigenen Kleider.«

Und so war es. Johannes erkannte sie genau. Und in seiner Hand hielt er eine von Marions blauen Vergißmeinnichtblüten.

»Das begreife ich nicht, Wistik. Daß ich einen Traumleib habe, der des Nachts mit dir auf Reisen geht, das begreife ich wohl. Aber wie kommen meine Kleider hierher? Träumen meine Kleider denn auch?«

»Warum nicht?« sagte Wistik.

Verwundert dachte Johannes hierüber nach.

Das Wasser umspülte noch immer die ausgehöhlten Steine. Das zarte Zwitschern eines Zeisigs erklang lockend zwischen den großen Felsblöcken.

»Aber wenn alles träumen kann, dann muß auch alles leben, meine Hose auch und meine Schuhe auch.«

»Warum nicht?« sagte Wistik wieder. »Beweise mir mal, daß das nicht möglich ist.«

Dazu sah Johannes keine Möglichkeit.

»Oder vielleicht«, begann er von neuem, »mache ich jetzt alles: die Felsen und das Meer und die Kleider! Eines von beiden: Entweder ich träume, und ich mache es, oder es träumt alles selber und macht sich selber.«

»Etwas anderes ist nicht möglich«, stimmte Wistik bei.

»Aber dann würde ich auch etwas anderes machen können, wenn ich das wollte.«

»Das glaube ich auch«, sagte Wistik.

»Eine Violine zum Beispiel. Würde ich eine Violine machen und dann auf jener Violine spielen können?«

»Versuch es doch einmal«, erwiderte Wistik.

Und sieh, da war die Violine auch schon, und Johannes spielte auf ihr, als habe er es bereits seit Jahren getan, und fuhr mit dem Bogen über die Saiten. Da ertönte die herrlichste Musik, so schön wie er sie nur je gehört hatte.

»O, Wistik, hörst du es? wer hätte wohl je gedacht, daß ich solche Musik machen könnte?«

»Allesfrager kann, was Allesfrager will, sagte Pan.«

»Ja,« sagte Johannes sinnend, und vergaß darob seine Violine, die sogleich wieder verschwand, als er nicht mehr an sie dachte. »Pan sprach auch von dem echten Teufel, weißt du wohl? Er sagte mir, daß ich dich bitten solle, ihn mir mal zu zeigen.«

Wistik hatte seine kleinen Knie hinaufgezogen und seine Arme darum gelegt, während ihm der lange Bart über die Schienbeine hing. So warf er von seitwärts einen flüchtigen Blick auf Johannes, um zu sehen, ob es ihm auch wirklich ernst sei. Dann fuhr ihm ein heftiges Zittern durch den kleinen Körper.

»Wollen wir ein wenig über das Meer fliegen?« fragte er darauf.

Aber Johannes ließ sich nicht irre machen.

»Nein, ich möchte den echten Teufel sehen.«

»Möchtest du das wirklich, Johannes?«

»Ja«, antwortete dieser mit fester Stimme. Nachdem er es mit dem Octopus aufgenommen, fühlte er sich wie ein Held.

»Überlege es dir gut«, sagte Wistik.

»Wie sieht er aus?«

»Was glaubst du?«

»Ich denke«, sagte Johannes, während er starr und zornig vor sich hinblickte, »ich denke, daß er Marions Schwester, dem gemeinen, schwarzen Weib, ähnlich sieht.«

»Warum?« fragte Wistik.

»Weil ich sie hasse. Weil sie mir alles verdirbt, was ich schön finde, nur durch die Erinnerung. Aber sie gleicht auch jener reizenden Freundin, an die ich immerfort denken muß, und dennoch ist sie's nicht, denn sie ist häßlich und gemein. Sie hat mir einmal einen Kuß gegeben, und das hat mein Leben verdorben.«

»Falsch geraten, Johannes, so sieht er ganz und gar nicht aus«, sagte Wistik.

Plötzlich bemerkte Johannes, wie das helle Licht sich verdunkelte und die kolossalen Felsen zu zittern und zu schwanken begannen, gleich als würden sie durch heiße Luft gesehen, oder durch ungleichmäßig gegossenes Glas, oder durch fließendes Wasser.

Und plötzlich wußte er, ohne etwas davon zu merken, nur durch ein inneres Gefühl namenloser Beklemmung, daß ES hinter ihm war.

ES, ihr wißt es noch gut, nicht wahr? ES, das auch am Ufer des Teiches saß, als sich das arme Mädchen ertränkte. ES saß hinter ihm, groß und totenstill. Sonnenlicht und See und Felsen – das ganze schöne Land verschwand in Dunst und Nebel.

»Er ist da, Johannes, er ist da«, flüsterte Wistik, »hinter uns. Sei tapfer, Johannes, du hast es selbst gewollt.«

»Was soll ich tun?« flüsterte Johannes, jetzt sehr erregt und erschrocken.

»Nicht bange sein, um Gottes willen nicht bange sein, sonst bist du verloren.«

»Soll ich Gott anrufen? oder Jesus? oder soll ich ein Kreuz schlagen?«

»Das kümmert ihn nicht im geringsten; er lacht darüber. Er kennt das alles ganz genau. Er amüsiert sich selber mit Beten und Kreuzschlagen. Die Hauptsache ist: wach bleiben und nicht ängstlich sein. Er wird sehr freundlich zu dir sprechen und dir viel Schönes und Interessantes zeigen, und er wird versuchen, dich schläfrig und bange zu machen. Aber du darfst dich nicht fürchten und nicht vergessen. Halte vor allen Dingen Marions Blume gut fest, und hier ... sieh mal.«

Wistik kramte in einem kleinen Täschchen, das er immer an einem Band über der Schulter trug, und förderte zwischen allerlei Plunder, wie Steinchen, Scheren, Bleistiften und getrockneten Pflanzen, mit seinen vor Erregung zitternden Fingerchen einen kleinen Spiegel zutage, in dessen Leiste sein Name hübsch säuberlich eingraviert war. Darauf sagte er mit bewegter Stimme und beinahe sprachlos vor Rührung: »Halte das gut fest, hörst du wohl? das ist deine Rettung – und jetzt geh, mein lieber Junge, geh!«

Das gute Männchen weinte.

»Gehst du nicht mit?« fragte Johannes hastig.

»Ich bin sein ärgster Feind«, sagte Wistik, »er kann mich nicht ausstehen. Aber ich bleibe in deiner Nähe. Rufe mich nur von Zeit zu Zeit, und ich werde dir antworten. Du weißt dann, daß du geborgen bist ...«

»Willkommen, Johannes«, sagte eine freundliche sanfte Stimme, und eine warme weiche Hand umfaßte die seine. »Du bist doch, wie ich hoffe, vor mir nicht verlegen?«

War das nun der Böse? Dieser nette, höfliche Mann mit den einnehmenden Manieren und der einschmeichelnden Stimme! Verwundert blickte sich Johannes nach der Stelle um, wo ES war. Er vermochte nichts scharf zu unterscheiden und auch dem Sprecher nicht gerade ins Gesicht zu sehen, aber der erschien ihm wie ein ganz gewöhnlicher biederer Herr mit einem freundlich lächelnden Gesicht. Er trug einen braunen Phantasieanzug und einen Strohhut.

»Wolltest du mich und mein Museum mal kennen lernen?« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »das ist recht, es wird dir gewiß gefallen. Aber was hast du da in deiner Hand? Doch nicht etwa einen Spiegel? Pfui! den mußt du wegwerfen. Solche Spiegel werden bei mir nicht geduldet. Die sind mir in den Tod zuwider. Die züchten nur Eitelkeit.«

Die weiche Hand wollte ihm den Spiegel wegnehmen. Allein Johannes hielt ihn fest umklammert und sagte bestimmt: »Den Spiegel behalte ich.«

Kaum hatte er das gesagt, da blitzte auch schon ein Ausdruck unbeschreiblicher Bosheit über das rechtschaffene lächelnde Antlitz. Ganz flüchtig nur, aber deutlich genug, um Johannes mit Schaudern zu erfüllen und ihm so recht klar zu machen, daß es wohl in der Tat der Böse war.

Aber sogleich blickte das brave Gesicht wieder freundlich drein, und er sprach:

»Meinetwegen denn, wie du willst – wir wollen zunächst mal mit meinen Untergebenen Bekanntschaft machen. Lauter Freunde, Kameraden oder Anverwandte.«

Da hörte Johannes wieder das bekannte Kichern und Flüstern, das er in jener Nacht vernommen, als er all die Händchen an der Arbeit sah. An allen Seiten scharrte und raschelte es, er hörte Atmen und Pusten und Schnarchen und allerlei komische menschliche Geräusche, als ob es rings umher von lauter Geschöpfen wimmelte.

Allein er sah noch immer nichts.

»Du hattest dir wohl gedacht, daß ich ganz anders aussehen müsse, nicht wahr, Johannes? mit Hörnern und einem Schwanz? Das ist alles veraltet, daran glaubt heutzutage kein Mensch mehr. Die törichte Scheidung von Gut und Böse haben wir Gott sei Dank völlig überwunden. Das ist unhaltbarer Dualismus. Mein Reich ist so gut wie das andere.«

»Wie nennt man Sie?« fragte Johannes.

»Man nennt mich König Wahn, Johannes. Ja! ja, ich bin ein König, trotzdem ich so einfach aussehe. All der äußerliche Prunk ist auch aus der Mode gekommen. Ich bin ein konstitutioneller, bürgerlicher, demokratischer König. Hierher, Bängling, komm mal her. Dies ist mein vertrautester Helfer, meine rechte Hand.«

Unwillkürlich schauderte Johannes, als er Bängling sah. Ein häßliches, verschrumpeltes, blasses, schmutziges Bübchen mit rotumränderten Augen, die immerfort scheu nach links und nach rechts spähten, aber niemals gradeaus blickten. Seine mageren Knie schlotterten, und jeden Augenblick zuckte sein in Lumpen gehüllter Körper vor Schrecken zusammen, während er ausrief: »O Gott! O Jesus! Da haben wir's! Jetzt wird's passieren! Jetzt ist's zu spät! Jetzt ist's zu spät!« – Dies immerfort anzuhören und anzusehen, ohne selbst ängstlich zu werden, war nicht leicht. Aber Johannes drückte seine Blume fest an die Brust und rief: »Wistik!«

»Ja, ja!« hörte er seinen guten Freund antworten. Aber die Stimme klang aus der Ferne und gleich als käme sie von oben. Und plötzlich hatte Johannes das deutliche Gefühl, als fiele er blitzschnell in abgrundtiefe Räume hinunter. Aber alles rings umher blieb bei ihm. –

»Fallen wir herunter?« fragte er.

König Wahn lächelte – ein falsches, süßliches Lächeln.

»Nicht so unbescheiden fragen, wenn man auf Besuch ist.«

»Zurück!« schrie Johannes Bängling entgegen, der jetzt stöhnend und zitternd dicht neben ihm stand. Hinter ihm drängte sich eine Menge unheimlicher Gestalten. Grinsende, verzerrte, mißformte Gesichter, einige mit dicker blauer Nase, andere mit geifernden Lippen, wieder andere blaß und still, mit geschlossenen Augen und höhnisch murmelndem Munde, versuchten ihm nahe zu kommen.

Johannes kannte diese Gestalten gar wohl. Er hatte sie als Kind in seinen Träumen häufig gesehen, und manche von ihnen werdet auch ihr wohl gesehen haben, in den Nächten, bevor die Masern bei euch ausbrachen, oder wenn ihr mal des Abends allzuviel Torte gegessen hattet.

Aber dann fürchtetet ihr euch sehr vor ihnen, nicht wahr? Ebenso wie Johannes früher auch. Aber jetzt fürchtete er sich gar nicht mehr. Wenn sie ihm zu nahe kamen, dann rief er mit dröhnender Stimme: »Zurück!« und dann erbleichten sie und schrumpften zusammen wie ausgetrocknete Pilze.

»Dies ist Kicherer!« sagte der Teufel, indem er auf ein beständig lachendes mädchenhaftes Geschöpf wies, das mit offenem Munde und dummen Augen dastand und mit zwei Fingern in einer großen Nase herumstocherte.

»Auch eine vortreffliche Helferin. Hier haben wir Memme und Weichherz, reizende Zwillinge, gänzlich aus Güte und Liebe zusammengesetzt. Sieh nur, alles an ihnen zittert und ist labberig wie Gelee; Knochen haben sie nicht: etwas Böses taten sie nie. Wenn die nicht in den Himmel gehören, dann wüßte ich nicht, wer sonst wohl.«

»Verstand haben sie natürlich nicht«, sagte Johannes.

»Aber sieh mal diesen hier. Das ist doch ein alter Bekannter von dir. Glaubst du vielleicht, daß der auch keinen Verstand hat?«

Wen sah Johannes da? Klauber – seinen alten Feind Klauber!

Aber sein Blick war längst nicht so scharf und stechend mehr wie früher. Als er Johannes sah, verkroch er sich eiligst hinter dem Rücken eines dicken, plumpen Dämons.

»Geh du mal ein bißchen aus dem Weg, Schlendrian«, sagte der König zu dem dicken Dämon, »Johannes möchte seinen alten Freund gern sehen.«

Allein Schlendrian rührte sich nicht – denn er war sehr faul. Klauber rief: »Weiß der Tod das wohl, Johannes, daß du schon hier bist?«

»Was ist das hier denn eigentlich?« rief Johannes, »die Hölle? Ist Dante hier gewesen?«

»Dante?« fragte der Teufel und seine sämtlichen Höflinge flüsterten und kicherten und schnatterten: »Dante? Dante? Dante?«

»Sicherlich wirst du«, begann der König, »jenen schönen und prunkvollen Ort meinen, wo es so heiß ist und so stinkt, wo Sand glüht und Blutflüsse sieden und kochendes Pech sprudelnd hervorquillt, wo sie schreien und rufen und fluchen und klagen und sich selber verwünschen.«

»Ja«, sagte Johannes, »davon hat Dante erzählt.«

»Aber, Freundchen«, sagte der Teufel, »das ist hier nicht, das siehst du doch wohl. Das ist mein Reich nicht. Das ist das Reich jenes andern, von dem sie behaupten, daß er Liebe heiße. Bei mir wird nicht gelitten, ich bin so grausam nicht. Ich bereite niemandem Schmerzen.«

»Das begreife ich wohl«, sagte Johannes, »denn so lange ich Schmerzen habe, lebe ich und werde gewarnt. Ist's nicht so, Wistik?«

»Ja«, rief die Stimme des Männchens, die jetzt wie aus weiter, hoher Ferne erklang.

»Wir fallen immer tiefer hinunter«, sagte Johannes voller Spannung.

»Denke nicht daran; wirst du schwindlig? Ich habe dich für so tapfer gehalten. Schau jetzt mal her. Hier kommt mein Raritätenkabinett.«

Und bevor Johannes noch wußte, daß er irgendwo eingetreten war, befand er sich bereits in einem sehr kleinen dumpfen Kämmerchen. Es war wie ein kleines Badezimmer mit niedriger Decke und hell erleuchtet.

»Das hast du wohl nicht gedacht, daß wir hier eine so gute Beleuchtung hätten, nicht wahr?«

»Künstliches Licht!« rief Wistiks Stimme, jetzt von ganz hoch oben.

»Sieh, hier liegt auch eine Bekannte von dir.«

Und dabei zeigte König Wahn auf eine weiße Gestalt, die regungslos hingestreckt auf den Steinfliesen lag: es war Helene, und Johannes sah, daß sie ruhig schlief.

Zwei Dämonen standen neben ihr und beobachteten sie: der eine war Bängling, der andere ein ebenso kleines und schmutziges Bübchen, das beständig an seinen Nägelchen herumkaute. Auf einem viel zu großen Kopf mit unförmlichen Ohren trug es ein anilinblaues Samtbarett mit roten Schleifen, ferner einen schottisch-karrierten fahlgrünen Kittel und eine kurze Hose, lilafarben wie verdorbener Fruchtsaft.

»Der heißt Degeneration«, sagte Wahn, »die beiden zusammen haben sie hergebracht. Ein verdienstliches Werk. Wir hoffen, sie hier zu behalten. Sieh nur, wie ruhig sie schläft.«

Der Anblick der bleichen stillen Schläferin mit dem aufgelösten schwarzen Haar machte auch Johannes schläfrig. Allein er schaute in sein Spiegelchen, während er die Augen mit aller Kraft offen hielt, und rief »Helene«!

Flüchtig hoben sich die langen dunklen Wimpern.

»Still! Mund halten!« sagte der König. »Hier kommen wir zu Numero zwei; das ist etwas sehr Schönes und Kunstvolles.«

Durch eine kleine Tür, die so eng und niedrig war, daß Johannes sich nur mühsam hindurchwinden konnte, gelangten sie in einen kleinen Raum. Es war eine entzückende Kirche, wie eine Puppenkirche. Die Wände waren weiß und kahl, und Kerzen brannten. Auf der Kanzel stand ein kleiner Pfarrer und predigte eifrig mit lebhaften Kopf- und Armbewegungen.

»Das ist Pfarrer Kraalboom!« rief Johannes, »zu wem spricht er?«

»Gut gesehen, Johannes«, sagte Wahn. »Du mußt aber nicht glauben, daß er tot ist. Niemand braucht auf den Tod zu warten, um hierher zu kommen. Und siehst du nicht, zu wem er spricht? Schau mal gut hin.«

»Lauter Spiegel«, sagte Johannes.

In der Tat war die kleine Kirche leer, aber überall waren reizende Spiegelchen angebracht, und jedes dieser Spiegelchen warf das Bild des mit einem Heiligenkranz geschmückten Kopfes zurück.

»Die Spiegel sind eigenes Fabrikat, die benütze ich vielfach, nur das importierte Zeug kann ich nicht leiden. Sieh nur, hier ist das Pendant.«

Wiederum eine kleine Kirche, ebenso hübsch und hell und schmuck. Aber hier waren viel mehr Kerzen und auch Blumen und Bilder. Die Wände waren bunt bemalt, und Pater Canisius stand in prunkhaftem, goldgesticktem Gewande murmelnd und betend vor dem Altar.

Johannes blickte zu den gemalten Fenstern auf. Dahinter war es stockfinster.

»Was ist da draußen?« fragte er. »Ich möchte gern mal hinaus sehen.« Und es wollte ihm scheinen, als höre er wieder jenes Kichern und Flüstern der Dämonen, die von draußen durch die Fenster lugten.

»Nicht anrühren! Ruhe!« gebot der König streng.

»Wistik!« rief Johannes.

»Ja!« erklang es jetzt ganz fein und fern.

Sie fielen, fielen noch immer.

Durch einen niedrigen engen Gang gelangten sie zu der folgenden Nummer. Dort roch es nicht sehr angenehm, und Johannes bemerkte alsbald, daß dieser Raum dem gleich kam, den man in seinem elterlichen Hause »das Kämmerchen« zu nennen pflegte.

Mitten auf dem weißen hölzernen Fußboden stand ein umgestülpter Eimer. Ringsherum bildete eine dicke, schmierige Flüssigkeit eine Lache.

»Hier unten«, sagte König Wahn, »sitzt eines der seltsamsten Exemplare meiner Sammlung. Es ist ein kleines Tier, das die Gewohnheit hat, alles, was es sieht, ganz genau zu beschreiben. Sein Wahlspruch lautet: Wahrheit über alles. Etwas Besseres kann man sich doch gar nicht denken. Ich mache damit sehr interessante Experimente. Ich bringe es nun mal hier und dann mal dort hin. Jetzt habe ich es zur Abwechslung hier unten hin gesetzt, und hör' nun mal.«

Ein leises Stimmchen erklang eintönig unter dem Eimer her. »Fettig und grau-violettfarben-bräunlich sich abhebend von milchweiß-käsigen gestollten Streifen, seihen lange wappernde, sich schlängelnde Fäden matt-gelb-verschwimmend aus dunkel-topasfarbenen Schleimgrotten-Gewölben, weich und flaumig grünlich-grau hindämmernd« ... Und so fuhr das Stimmchen fort, bis Johannes ganz schläfrig davon zu werden begann.

»Nett, nicht wahr? Kürzlich habe ich es in einen Spucknapf gesetzt, das hättest du mal hören sollen! Hier ist seine Etikette.«

Und dabei zeigte er auf eine hübsche kleine Tafel, auf der geschrieben stand: Abteilung schöne Künste. Naturalist, var. Wortkünstler. Fundort: das Festland von Europa. Ziemlich selten.

»Ist van Lieverlee hier auch?« fragte Johannes.

»Jawohl, der sitzt ein paar Lichtewigkeiten weiter und macht Sonette«, sagte der Böse. »Es ist hier alles sehr groß, wenn es auch nicht so erscheint. Ich kann dir nur einen kleinen Teil davon zeigen.«

Dann gelangten sie an die Abteilung Wissenschaften, und der Teufel sagte:

»Sieh mal, das ist was für dich, du Weisheitsucher!«

Und durch einen winzig schmalen Spalt ließ er Johannes in ein kleines hell erleuchtetes Zimmer sehen, das gänzlich mit Büchern angefüllt war. Dort stand Professor Bommeldoos auf seinem Kopf.

»Das hat Klauber ihn gelehrt. – Und siehst du wohl den kunstvollen Apparat, den er aus Spiegeln und Messingröhren verfertigt hat? Damit will er sich in das eigene Hirn sehen, er glaubt, daß er dann noch klüger wird.«

Professor Bommeldoos war gänzlich in seinen komplizierten Apparat vertieft und starrte mit aller Anstrengung durch ein merkwürdig gewundenes Rohr, dessen Ende auf seinem Hinterkopf stand.

Da hörte Johannes ein leises Rauschen und Heulen, wie von einem Windstoß.

»Stille!« rief der Teufel wütend. Allein das Windgeheul hielt an und wurde stärker.

»Was ist das?« fragte Johannes.

»Das ist der Tod,« sagte der Teufel ärgerlich. »Man nennt ihn meinen Bundesgenossen, aber jeden Augenblick bringt er mir hier alles in Unordnung. Die schönsten Exemplare aus meiner Sammlung holt er mir zu Tausenden weg, besonders die Verrückten.«

»Sie sind hier alle verrückt,« sagte Johannes.

»Ja, aber die man auch bei Tage verrückt nennt, die schnappt er mir alle weg. Hier kommen wir zu der Abteilung »Glück«. Dies ist der reichste Mann der Welt. Willst du ein Vergrößerungsglas?«

Der Verschlag, in dem der reichste Mann der Welt saß, war aus lauterem Gold, aber so klein, daß Johannes unmöglich selber hinein konnte. Der reichste Mann hatte einen großen Kopf, gänzlich kahl und sehr bleich, und darunter einen kleinen, schmächtigen Körper. Er bewegte sich langsam hin und her, wie eine Raupe, die sich einspinnt, und aus seinen dünnen Lippen quollen goldene Fäden, die er wie einen Kokon um sich her spann.

Johannes schauderte: »Armer Mann!« sagte er.

»Ach was, Unsinn!« sagte der Teufel. »Sie sind hier alle glücklich. Sie wissen's nicht besser. Ich quäle niemanden, so wie der andere mit seiner ewigen Liebe. So habe ich hier z.B. die Abteilung: »Krieg«. Man sollte doch meinen, daß sie sich dort sehr unglücklich fühlen müßten. Aber im Gegenteil. Ich bin im allgemeinen ein Feind des Krieges, ich ziehe den Frieden vor, das wirst du nachher sehen. Aber dieser Krieg macht den Menschen selber Spaß, und deshalb gehört er hierher.«

Und jetzt kamen eine ganze Reihe sehr kleiner Verschläge, in denen es rumorte, genau so wie in einem Hühnerstall, wenn die Hühner des Abends schlafen gehen. Auf jedem Verschlag stand eine Aufschrift: Religionsstreit, Parteistreit, Klassenstreit. Und wenn Johannes durch ein kleines Fensterchen hineinschaute, sah er ein einziges Männchen, das sehr rot und aufgeregt vor einem Spiegel hin und her scharmützelte, der sein eigenes Bild so seltsam zurückwarf, daß es ein ganz anderer zu sein schien.

In dem dritten Verschlage sah Johannes Dr. Felbeck. Mit hocherhobenen Fäusten stürzte der kleine Mann immer wieder auf den Spiegel los, und hieb um sich und schimpfte und tobte, bis ihm der Schaum vor die Lippen trat.

Dann kam ein sehr langer, immer schmaler und schmaler werdender Saal, über dessen Eingang die Aufschrift stand: Liebe und Frieden.

»So,« sagte der Teufel, »hier können wir lauter sprechen, hier werden sie so bald nicht wach. Nett und behaglich ist es hier, nicht wahr? Es gibt auch eine Abteilung Reines Leben und Frömmigkeit und Wohltätigkeit

In dem Saal standen viele kleine Bettchen, wie in einem Krankensaal. Und Johannes sah, wie Memme und Weichherz emsig hin und her schlürften in ausgetretenen Filzpantoffeln, und überall kleine Tassen mit warmem Tee und Löffelchen voll sirupartigen Trankes austeilten. Die Wesen in den Bettchen leckten die Löffel ab und schliefen dann sogleich wieder ein.

Draußen schrien und kicherten die Dämonen viel lauter jetzt, und das Hinunterstürzen machte sich nun so deutlich bemerkbar, daß es Johannes schwindelte.

»Hier schadet der Tod mir auch sehr,« sagte der Teufel.

Johannes blickte ihn an. Er sah jetzt gänzlich verändert aus. Sein brauner Anzug war verschwunden, und er hatte einen geschmeidigen, glatten Körper, glitzernd wie eine Schlangenhaut und irisierend wie Wasser, auf das Teer herabträufelt. Auch war der Ausdruck seines Gesichtes längst nicht mehr so verbindlich. Das sah jetzt hohl und grimmig aus und begann einem Totenkopf zu gleichen.

»Ihr seid der echte Tod,« sagte Johannes, »der andere ist ein guter Freund von mir, den fürchte ich nicht mehr.«

Der Teufel lachte und streckte die Hand nach seiner Blume aus. Johannes aber preßte sie fest an seine Brust. Sie hing schon ganz schlaff jetzt und schien verwelken zu wollen. Das Spiegelchen zitterte so sehr in seiner Hand, daß es ihn Mühe kostete, es festzuhalten.

»Wistik!« rief er.

Er horchte: allein er hörte nichts. Jetzt schien es hinunter zu gehen in sausender Fahrt. Des Johannes bemächtigte sich eine große Angst. Der lange Saal mit den vielen Bettchen zog sich immer weiter hin und wurde stets enger und enger.

»Wistik! Wistik! Marion! heraus, heraus, Freiheit!«

»Ich habe auch eine Abteilung »Freiheit«, sagte der Teufel, und dabei wies er auf ein kleines Männchen, das damit beschäftigt war, sich ein langes Band, auf dem die Worte »Freiheit und Recht« zu lesen waren, um Kopf und Arme und Beine zu schlingen, bis er kein Glied mehr rühren konnte.

»Nein!« schrie Johannes und schlug mit seinen beiden Händen, die das Spiegelchen und die Blume noch fest umschlossen hielten, auf eine harte Tür. Auf jener Tür stand: »Schuld und Sünde«.

»Nimm dich in acht!« sagte der Teufel, »siehst du denn nicht, was darauf steht?«

»Es ist mir gleich,« sagte Johannes; und er schlug aus Leibeskräften weiter.

»Paß auf! Paß doch in Gottes Namen auf!« rief Bängling.

»Helft mir, Wistik! Marion! Helft mir!« rief Johannes, und er trat die Tür ein ...

Da sah er vor sich eine grundlose schwarze Nacht. Aber um ihn her war es weiter, und er fühlte, wie die Beklemmung von ihm wich.

Und all die Dämonen sah er jetzt hinter sich herkommen, und sie spielten mit Etwas, etwas Glitzerndem, das sie einander zuwarfen. Sie zogen und zerrten daran und spuckten darauf und taten noch viel schlimmere Dinge damit, so wie es nur sehr schmutzige und brutale Geschöpfe zu tun pflegen.

Es war ein Buch, und darauf sah Johannes seinen Namen stehen. Seinen Zunamen, der »Der Reisende« lautete.

Endlich packte einer der Dämonen das Buch an einem Blatt und schleuderte es hoch in die Luft, damit es zerreiße. Die Blätter flatterten und schimmerten, aber sie gingen nicht entzwei. Und das Buch fiel nicht herab, sondern stieg immer höher und höher in die dunkle Nacht hinauf, bis es wie ein ferner kleiner Stern erschien.

Noch lange blickte Johannes andächtiglich danach und ihm war, als sei es ein leichtes Stück Holz oder eine Luftblase, die aus ungeheuren Tiefen des Meeres immer rascher und rascher an die Oberfläche steigt.

Da ward der Himmel licht und blau.

Und endlich trieb er in den vollen Tag hinein. Noch öffneten seine Augen sich nicht, aber er fühlte, daß er in seinen Tageskörper zurückgekehrt war, und er verblieb noch eine Weile in dem stillen, seligen Halbschlaf eines Genesenden, oder eines, der nach banger Wanderung todesmatt heimkehrt.

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