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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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»Wo ist er denn, Presto?« – Wo ist das kleine Herrchen denn? – was für ein Schrecken, in dem Boot zu erwachen, mitten im Schilf und gänzlich allein und zu sehen, daß der Herr spurlos verschwunden ist. Wahrlich, dabei konnte einem ganz angst und bange werden.

Und läufst du nun schon so lange umher, um ihn zu suchen, winselnd und klagend, du armer Presto? Wie konntest du auch nur so fest schlafen und es gar nicht merken, daß dein Herr das Boot verließ? Sonst pflegst du doch immer sofort aufzuwachen, bei der leisesten Bewegung schon.

Kaum vermochtest du zu erkennen, wo dein Herr an Land gegangen war, und hier in den Dünen hast du nun gänzlich die Spur verloren. Und alles eifrige Schnüffeln hilft dir nichts. Was für ein Entsetzen! Der Herr fort! Spurlos verschwunden! – So such' doch, Presto, such' ihn doch!

Halt! Da gerade vor dir, an dem Dünenhang, liegt da nicht eine kleine dunkle Gestalt? Schau mal gut hin!«

Einen Augenblick steht das Hündchen unbeweglich und blickt gespannt in die Ferne. Dann streckt es plötzlich den Kopf vor und rennt und rennt, was es nur rennen kann, mit seinen vier dünnen Pfötchen nach der dunklen Stelle am Dünenhang.

Und als es sich wirklich herausstellte, daß das so schmerzlich vermißte Herrchen dalag, wollten ihm all seine Bemühungen, seine Freude und Dankbarkeit so recht zum Ausdruck zu bringen, noch unzureichend erscheinen. Er wedelte mit dem Schwanz, wand seinen ganzen kleinen Körper hin und her, sprang, winselte, bellte und stieß dem lange Gesuchten seine kalte Nase leckend und schnüffelnd ins Gesicht.

»Kusch dich, Presto, in deinen Korb!« rief Johannes halb schlafend.

Wie dumm von dem Herrn! Da war weit und breit kein Korb zu sehen.

Da begann es in des kleinen Schläfers Seele langsam zu dämmern. Prestos Schnüffeln – das war er jeden Morgen so gewohnt – allein vor seinem Geiste hingen noch lichte Traumbilder von Elfen und Mondenschein, wie Frühnebel um eine Dünenlandschaft. Er fürchtete, des Morgens kalter Atem könne sie verscheuchen. »Nur fest die Augen zu«, dachte er, »sonst sehe ich gleich wieder die Uhr und die Tapete, wie immer.«

Aber er lag so eigentümlich. Er fühlte, daß er keine Decke auf sich hatte. – Langsam und vorsichtig öffnete er die Lider. Ein ganz klein wenig nur.

Helles Tageslicht. Blauer Himmel. Wolken.

Da öffnete Johannes die Augen sperrangelweit und sagte: »Ist es denn doch wahr?«

Ja, er lag mitten in den Dünen. Milder Sonnenschein wärmte ihn, er atmete die frische Morgenluft, und noch waren die fernen Wälder von einem seinen Nebel umschleiert. Er sah nur die hohe Buche am Teich und das Dach seines Hauses, das über all das Grün hinausragte. Bienen und Käfer umschwirrten ihn, über ihm sang die hochaufsteigende Lerche, aus der Ferne klang das Bellen eines Hundes und das Lärmen der entlegenen Stadt herüber. Es war alles greifbare Wirklichkeit.

Aber was hatte er denn nur geträumt und was nicht? Und wo war Windekind? Und das Kaninchen?

Er sah keinen von beiden. Nur Presto saß so dicht wie möglich neben ihm und schaute ihn erwartungsvoll an.

»Sollte das Nachtwandeln gewesen sein?« murmelte Johannes leise vor sich hin.

Neben ihm war ein Kaninchenbau. Aber in den Dünen gab es ihrer unzählige. Er richtete sich auf, um ihn aufmerksam anzusehen. Was fühlte er da in seiner fest geschlossenen Hand?

Ein Zucken durchfuhr ihn vom Scheitel bis zur Sohle, als er die Hand öffnete. Darinnen leuchtete ein kleines goldenes Schlüsselein.

Eine Weile blieb er sprachlos.

»Presto«, fagte er dann, während ihm die Tränen in die Augen traten, »Presto, so ist es dennoch wahr?«

Presto sprang auf und versuchte seinem Herrn durch Bellen zu verstehen zu geben, daß er Hunger habe und nach Hause wolle.

Nach Hause? Ja, daran hatte Johannes noch gar nicht gedacht; und er verspürte auch herzlich wenig Lust dazu. Alsbald aber hörte er von verschiedenen Stimmen seinen Namen rufen. Da begann er zu verstehen, daß man sein Betragen durchaus nicht brav und artig finden würde und daß er wohl nichts weniger als freundliche Worte zu erwarten habe.

Einen Augenblick schien es, als ob sich seine Freudentränen mit einem Schlage in Tränen der Reue und der Angst wandeln wollten. Dann aber dachte er an Windekind, der nun sein Freund war, sein Freund und sein Vertrauter, an das Geschenk des Elfenkönigs und an die köstliche unantastbare Wahrheit alles dessen, was geschehen war. Und ruhig und auf alles gefaßt trat er den Heimweg an.

Die Begegnung war indessen noch schlimmer, als er sie sich vorgestellt. Gar so arg hatte er sich die Unruhe und die Angst seiner Hausgenossen denn doch nicht gedacht. Er mußte feierlich geloben, nimmermehr so unfolgsam und so unvorsichtig sein zu wollen.

»Das kann ich nicht«, sagte er entschlossen. Darob wunderte man sich gar sehr. Man fragte ihn aus, flehte ihn an, drohte ihm sogar. Er aber dachte an Windekind und blieb standhaft. Was kümmerten ihn alle Strafen der Welt, wenn ihm nur Windekinds Freundschaft erhalten blieb – und was hätte er um Windekinds willen wohl nicht alles erdulden wollen! Fest preßte er das Schlüsselein an seine Brust und biß die Zähne zusammen, während er eine Frage nach der anderen mit einem Achselzucken beantwortete. »Ich kann nichts versprechen,« sagte er immer wieder.

Allein sein Vater sprach: »Laßt ihn jetzt nur in Frieden, es ist ihm ernst. Ihm muß etwas Seltsames widerfahren sein. Einst wird er es uns schon erzählen.«

Johannes lächelte, verzehrte schweigend sein Butterbrot und schlich dann in sein Kämmerlein. Dort schnitt er ein Stück von der Gardinenschnur ab, band das kostbare Schlüsselein daran fest und hing es sich auf die nackte Brust. Darauf wanderte er getrost zur Schule.

An jenem Tage erging es ihm in der Schule herzlich schlecht. Er konnte keine einzige von seinen Aufgaben und war nicht im mindesten aufmerksam. Unaufhörlich irrten seine Gedanken zum Teiche hinüber und zu den wunderseltsamen Ereignissen des vorigen Abends. Er konnte es sich kaum vorstellen, daß ein Freund des Elfenkönigs jetzt wieder verpflichtet sein sollte, Rechenexempel zu lösen und Zeitwörter zu konjugieren. Dennoch aber war alles wahr gewesen und keiner von allen, die um ihn her waren, wußte etwas davon, oder würde es glauben oder auch nur verstehen können, nicht einmal der Lehrer, mochte er auch noch so grimmig dreinschauen und Johannes auch noch so verächtlich einen faulen Schlingel schelten. Freudig ließ er die Tadel über sich ergehen und freudig machte er die Strafarbeit, die ihm seine Zerstreutheit eingetragen.

»Sie verstehen es doch nicht, keiner von allen. Sie mögen mich schelten so viel sie wollen. Ich bleibe Windekinds Freund und Windekind gilt mir mehr als sie alle zusammen. Jawohl, der Lehrer mit inbegriffen.«

Das war nichts weniger als ehrerbietig von Johannes. Aber die Achtung vor seinen Mitmenschen war nach all dem Üblen, das er am vorigen Abend über sie hatte anhören müssen, nicht gerade gewachsen.

Allein, wie das öfter zu gehen pflegt: er wußte seine Weisheit noch nicht vernünftig genug anzubringen oder besser gesagt, zu verschweigen.

Als der Lehrer erzählte, daß nur der Mensch von Gott mit Vernunft begabt und als Herrscher über alle andern Tiere gestellt sei, fing er zu lachen an; was ihm eine schlechte Zensur und eine ernsthafte Ermahnung einbrachte. Und als sein Nachbar aus einem Aufgabenheft das Folgende vorlas: »Das Alter meiner mutwilligen Tante ist groß, aber nicht so groß wie das der Sonne« – rief Johannes laut: »Des Sonne.«

Alle lachten ihn aus und der Lehrer, der über solch eine anmaßende Dummheit, wie er es nannte, höchlichst erstaunt war, ließ Johannes nachsitzen und hundertmal den Satz schreiben: »Das Alter meiner mutwilligen Tante ist groß, aber nicht so groß wie das der Sonne. – Am größten indessen ist meine anmaßende Dummheit.«

Die Schüler waren gegangen und Johannes saß einsam in dem großen Schulzimmer und schrieb. Das Sonnenlicht schien lustig hinein, ließ Tausende von Stäubchen auf seinem Wege erglänzen und bildete auf der weißgetünchten Wand helle Lichtflecken, die, dem Wechsel der Stunden gemäß, langsam weiterkrochen. Auch der Lehrer war gegangen und hatte die Türe unwirsch hinter sich zugeworfen. Johannes war bereits bei der zweiundfünfzigsten mutwilligen Tante angelangt, als ein kleines flinkes Mäuschen mit kohlschwarzen Äuglein und seidenweichen Öhrchen aus dem fernsten Winkel des Schulzimmers unhörbar an der Wand entlang geschlichen kam. Johannes verhielt sich totenstill, um das reizende Tierchen nicht zu verscheuchen. Das aber war garnicht furchtsam, sondern kam ganz dicht an Johannes heran. Dort spähte es eine Weile mit seinen kleinen klaren Äuglein scharf umher – und sprang dann behende in einem Satz auf die Bank und in einem zweiten auf das Pult, an dem Johannes schrieb.

»Ei, ei,« sagte dieser, halb zu sich selber, »du bist mal ein tapferes Mäuschen.«

»Ich würde auch nicht wissen, vor wem ich mich zu fürchten hätte«, antwortete ein feines Stimmchen – und dabei zeigte das Mäuschen die Zähne, gleich als lächle es.

Johannes war bereits an viel Wunderliches gewöhnt – aber jetzt sperrte er die Augen doch wieder ganz weit auf. So bei hellerlichtem Tage und in der Schule, – es war unglaublich!

»Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten,« sagte er leise, aus Angst, er könne das Mäuschen dennoch erschrecken, – »kommst du von Windekind?«

»Ich komme, um dir zu sagen, daß der Lehrer ganz recht hat und daß du deine Strafarbeit reichlich verdient hast.«

»Aber Windekind sagte doch, daß die Sonne männlich sei. – Die Sonne sei unser Vater,« sagte er.

»Jawohl, aber das braucht doch kein anderer zu wissen. Was geht das die Menschen an! Du sollst mit den Menschen niemals über so zarte Dinge sprechen. Dazu sind sie viel zu grob. Der Mensch ist ein erstaunlich bösartiges und ungeschlachtes Geschöpf, das am liebsten alles, was in seinen Bereich kommt, einfangen und zertreten möchte. Darüber können wir Mäuse ein Wörtchen mitreden.«

»Aber Mäuschen, warum bleibst du denn in ihrer Nähe? Warum ziehst du nicht fort, weit fort in die Wälder?«

»Ach, das können wir jetzt nicht mehr. Wir haben uns viel zu sehr an die Stadtluft gewöhnt. Und wenn man vorsichtig ist und immer hübsch aufpaßt, daß man ihren Fallen und ihren plumpen Füßen aus dem Wege geht, dann ist es unter den Menschen ganz gut auszuhalten. Wir sind ja Gott sei Dank ziemlich flink. Am schlimmsten ist es, daß der Mensch seiner eigenen Schwerfälligkeit zu Hilfe kommt, indem er mit der Katze einen Bund schließt. – Das ist eine schwere Heimsuchung – aber im Walde gibt es Sperber und Eulen, und sterben müssen wir ja doch alle einmal. Nun, Johannes, sei meines Rates eingedenk – da kommt der Lehrer!«

»Mäuschen, Mäuschen, geh nicht fort. – Frage Windekind, was ich mit meinem Schlüsselein tun soll. Ich habe es mir um den Hals gehängt, auf meine nackte Brust. Aber jeden Sonnabend zieht man mir reine Wäsche an, und ich fürchte so sehr, daß irgend jemand es dann bei mir entdecken wird. Sage mir doch, wo ich es sicher bergen kann, mein liebes, liebes Mäuschen!«

»Unter der Erde – immer unter der Erde – da ist alles am sichersten aufgehoben. Soll ich es für dich verwahren?«

»Nein, nicht hier in der Schule.«

»So vergrabe es draußen in den Dünen. Ich werde meiner Base, der Feldmaus, sagen lassen, daß sie acht darauf geben soll.«

»Ich danke dir, Mäuschen.«

Bum bum, da kam der Lehrer angeschritten. Und während Johannes seine Feder eintauchte, war das Mäuschen auch schon im Nu verschwunden. Der Lehrer, der selber gern heimgehen wollte, erließ Johannes achtundvierzig Sätze.

Während der zwei folgenden Tage lebte Johannes in steter Angst. Man bewachte ihn aufs Strengste und nahm ihm jede Gelegenheit, in die Dünen zu entwischen. Es ward Freitag und noch immer ging er mit dem kostbaren Schlüsselein umher. Am nächsten Abend würde man ihm reine Wäsche anziehen, das Schlüsselein entdecken und es ihm wegnehmen – ihn schauderte bei dem Gedanken. Im Hause oder im Garten wagte er es nicht zu verbergen – kein einziges Fleckchen erschien ihm sicher genug.

Es ward Freitag Abend und die Dämmerung begann hereinzubrechen. Johannes saß in seinem Kämmerlein am Fenster und schaute sehnsüchtig hinaus über die grünen Sträucher im Garten und nach den fernen, fernen Dünen.

»Windekind, Windekind, so hilf mir doch!« flüsterte er angstbeklommen.

Da rauschte neben ihm ein leichter Flügelschlag, er roch den Duft von Maiblumen und hörte plötzlich die wohlbekannte süße Stimme.

Windekind saß neben ihm auf dem Fenstersims und ließ die Glöckchen einer Maiblume auf schlankem Stengel sich wiegen.

»Bist du endlich da? Ich habe mich so nach dir gesehnt,« sagte Johannes.

»Komm mit mir, Johannes, wir wollen das Schlüsselein vergraben.«

»Ich kann nicht«, seufzte Johannes betrübt.

Allein Windekind nahm ihn bei der Hand, und er fühlte, wie er, leichter noch als der Samen einer Pferdeblume, durch die stillen Abendlüfte davonschwebte.

»Windekind«, sagte Johannes während des Schwebens, »ich habe dich doch so lieb. Ich glaube, daß ich alle Menschen für dich hergeben möchte und Presto auch.«

Windekind sagte: »Und Simon?«

»Ach, dem Simon liegt nicht so viel daran, ob ich ihn lieb habe oder nicht. Ich glaube, daß er das zu kindisch findet. Simon liebt nur die Fischfrau, und auch nur dann, wenn er gerade Hunger hat. Glaubst du, daß Simon ein ganz gewöhnlicher Kater ist, Windekind?«

»Nein, früher ist er ein Mensch gewesen.«

Huh, huh! bums! – da prallte ein dicker Maikäfer gerade gegen den kleinen Johannes.

»Kannst du denn nicht besser aus den Augen sehen?« brummte der Maikäfer. »Das Elfenvolk fliegt nur so umher als ob es den ganzen Himmel in Pacht genommen hätte. Das hat man von solchen Nichtstuern, die immerfort nur zu ihrem Vergnügen herumschwirren. Unsereiner, der wie ich seine Pflicht tut, der immerwährend Nahrung sucht und so viel frißt wie er nur eben vermag, gerät dadurch ganz außer Kurs.«

Unter lautem Gesumme flog er weiter.

»Nimmt er es uns übel, daß wir nicht essen?« fragte Johannes.

»Ja, das ist nun einmal Maikäfergewohnheit. Bei den Maikäfern wird es als die höchste Pflicht erachtet viel zu essen. Soll ich dir einmal die Geschichte eines jungen Maikäfers erzählen?«

»Ach ja, Windekind, tue das.«

»Es war einmal ein schöner, junger Maikäfer, der eben erst aus der Erde hervorgekrochen war. Nun, und das war für ihn eine große Überraschung. Ein ganzes Jahr lang hatte er unter der dunklen Erde gesteckt und auf den ersten warmen Abend gewartet. Und als er seinen Kopf aus den Erdschollen hervorstreckte, da brachten ihn all die wogenden Grashalme und das junge Grün und die singenden Vögel gänzlich in Verwirrung. Er wußte nicht, was er eigentlich anfangen sollte. Er betastete die kleinen Grashalme rings umher mit seinen Fühlhörnern, die er fächerförmig ausbreitete. Daran merkte er, Johannes, daß er ein Männchen war. Er war in seiner Art sehr schön, hatte glänzende schwarze Beine, einen dicken bestäubten Hinterleib und einen Brustschild, der wie ein Spiegel glänzte. – Zum Glück traf er schon bald in ganz geringer Entfernung einen anderen Maikäfer, der zwar nicht so schön, dafür aber um einen Tag früher ausgeflogen und infolgedessen schon sehr alt war. Bescheiden und zaghaft, weil er noch gar so jung, rief er diesen an.

»Was gibt's Freundchen?« antwortete der zweite, sehr von oben herab, weil er sofort sah, daß er es mit einem Neuling zu tun hatte, »wolltest du mich nach dem Weg fragen?«

»Ach nein, das nicht,« sagte der Jüngere sehr höflich, »aber ich weiß nicht, was ich hier eigentlich anfangen soll. Was treibt man denn so als Maikäfer?«

»So, so,« sagte der andere, »also das weißt du nicht? Nun, ich nehme dir das nicht weiter übel, denn ich bin selber auch so gewesen. Nun höre mir mal aufmerksam zu, dann werde ich es dir sagen. Das Wichtigste in einem Maikäferdasein ist das Fressen. Nicht weit von hier ist ein köstlicher Lindenhag, der ist um unsretwillen dort hingepflanzt, damit wir so fleißig wie möglich davon essen.«

»Wer hat den Lindenhag denn dorthin gepflanzt?« fragte der junge Käfer.

»Ei nun, ein großes Wesen, das es sehr gut mit uns meint. Jeden Morgen kommt es an dem Hag vorüber, und die, die am meisten gefressen haben, nimmt es mit sich in ein herrliches Haus, wo ein schönes helles Licht leuchtet und wo alle Maikäfer glücklich beisammen leben. Wer aber, anstatt zu fressen, während der ganzen Nacht umherfliegt, der wird von der Fledermaus eingefangen.«

»Wer ist das?« fragte der Neuling.

»O, das ist ein furchtbares Ungeheuer mit scharfen Zähnen; es kommt ganz plötzlich hinter uns hergeflattert und frißt uns unter abscheulichem Gekrache auf. Während der Käfer dies sagte, hörten sie über sich ein schrilles Piepen, das ihnen durch Mark und Bein ging. »Huh, da ist sie«, rief der Ältere, »nimm dich vor ihr in acht, junger Freund, und sei mir dankbar, daß ich dich bei Zeiten gewarnt habe. Du hast eine ganze Nacht vor dir, vergeude sie ja nicht. Je weniger du frißt, desto mehr Gefahr läufst du, von der Fledermaus verschlungen zu werden. Und nur die, die sich einen ernsten Lebensberuf erwählen, gelangen in das Haus mit dem hellen Lichtschein. Sei dessen eingedenk: einen ernsten Lebensberuf!«

Darauf kroch der Käfer, der um einen ganzen Tag älter war, zwischen den Grashalmen weiter und ließ den andern betroffen zurück. »Weißt du, was das ist, ein ernster Lebensberuf, Johannes? Nicht? Nun also, das eben wußte der junge Käfer auch nicht. So viel begriff er wohl, daß es mit dem Essen in irgend einem Zusammenhang stand. Wie aber sollte er zu dem Lindenhag gelangen? Dicht neben ihm strebte ein schlanker kräftiger Grashalm empor, der sich leicht im Abendwinde wiegte. An den klammerte er sich so fest wie möglich mit seinen sechs krummen Beinchen. Von unten gesehen, schien er ein hoher Koloß zu sein, und außerdem recht steil; dennoch wollte der Maikäfer hinauf.

»Das ist ein Lebensberuf!« dachte er und begann mutig emporzuklimmen. Es ging langsam – unzählige Male rutschte er zurück, kam aber dennoch vorwärts; und als er endlich die höchste Spitze erklommen hatte und sich hoch oben auf ihr schaukelte und wiegte, da fühlte er sich zufrieden und glücklich. Was für eine Aussicht hatte er von dort! Ihm war es, als überschaue er die ganze Welt. Wie selig war es, so an allen Seiten von Luft und Himmel umgeben zu sein! Gierig zog er den Hinterleib voll. Wie wunderlich ward ihm dabei zu Mute! Er wollte noch höher hinauf.

Voller Entzücken lüftete er die Deckschilder und ließ die Flügel einen Augenblick erzittern – höher wollte er hinauf! noch höher! – Wiederum erzitterten seine Flügel – die Beinchen ließen den Grashalm los und – o Wonne! ... hu huh! da flog er – frei und fröhlich durch die stille warme Abendluft.«

»Und dann?« fragte Johannes.

»Was dann geschah, das ist nicht lustig. Das will ich dir lieber später einmal erzählen.«

Sie waren während dessen über den Teich dahingeflogen. Ein paar verspätete weiße Falterchen begleiteten sie flatternd.

»Wohin geht die Reise, ihr Elfen?« fragten sie.

»Zu der großen Dünenrose, die dort drüben am Abhang blüht.«

»Wir gehen mit, wir gehen mit.«

Von weitem schon war sie sichtbar mit ihren unzähligen, mattgelben seidenweichen Blüten. Die Knospen waren leicht gerötet und die geöffneten Blumen zeigten schmale rote Streifen, als Merkmale aus jener Zeit, da sie noch Knospen waren.

In einsamer Ruhe blühte die wilde Dünenrose und erfüllte die ganze Luft mit ihren wundersüßen Düften. So köstlich sind die, daß die Dünenelfen von ihnen allein sich nähren.

Die Falter flogen auf sie zu und küßten eine Blüte nach der andern.

»Wir kommen, um dir einen Schatz anzuvertrauen,« rief Windekind, »willst du ihn uns behüten?«

»Warum denn nicht? warum denn nicht?« flüsterte die Dünenrose. Gerne will ich ihn bewachen, und niemals gedenke ich von hier fortzugehen, wenn man mich nicht holt. Auch habe ich scharfe Dornen.«

Da kam die Feldmaus, die Base jenes Mäuschens, das in der Schule gewesen, und grub unter den Wurzeln der Rose einen tiefen Gang und trug das Schlüsselchen hinein.

»Wenn du es nun wieder haben willst, dann mußt du mich nur rufen. Du brauchst der Rose dann keinerlei Schaden zuzufügen.«

Die Rose schloß ihre dornigen Zweige dicht über dem Eingang zusammen und gelobte feierlich das Schlüsselein getreulich zu behüten. Die kleinen Falter waren Zeugen.

Am nächsten Morgen erwachte Johannes in seinem eigenen Bettchen, bei Presto, der Uhr und der Tapete. Die Schnur, die er um den Hals getragen, war verschwunden und auch das Schlüsselein, das daran gehangen hatte.

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