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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Noch bevor er »ja« gerufen (anstatt »yes«, so wie er es sich doch ausdrücklich vorgenommen hatte) wurde die Tür geöffnet, und das Zimmermädchen trat ein mit einem großen silbernen Tablett in der Hand. Sie sah noch hübscher und sauberer aus als gestern, gleich als habe sie während all der Zeit unter einer Glasglocke gestanden, und ohne die geringste Verlegenheit kam sie auf Johannes zu, um ihm den Tee zu reichen.

O weh, das war aber eine hochnotpeinliche Angelegenheit! So etwas war ihm nicht mehr widerfahren, seitdem er den Keuchhusten gehabt hatte, damals als seine Mutter noch lebte und sie ihm Tee und Zwiebäcke ans Bett brachte. Daatje pflegte auch hin und wieder hereinzukommen, um ihn zu wecken, und darüber ärgerte er sich stets sehr, weil es den Anschein erweckte, als sei er noch ein kleines Kind. Mit Daatje war das aber auch etwas ganz anderes. Die erinnerte mehr an eine Kinderfrau.

Aber dieses wildfremde elegante Persönchen mit dem zierlich frisierten Haar und der Haube mit schneeweißen Bändern, das ihn hier so mir nichts dir nichts überfiel, während er frisch und gesund im Bett lag, und sein Vorhemd noch einsam über der Stuhllehne hing, und die grünen Glasknöpfchen gleichsam erschreckt die übrigen dürftigen Kleidungsstücke anstarrten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen, das verschaffte ihm bange Augenblicke.

Heftig errötend dankte er für den Tee, und verhielt sich mäuschenstill, während sein Zimmer aufgeräumt wurde. Bei jedem seiner dürftigen Kleidungsstücke, die unter das Auge oder die Hände des koketten Zimmermädchens gelangten, fühlte er ihre unausgesprochenen höhnischen Gedanken. Er verkroch sich bis zur Nase unter die Decken, und der Schweiß brach ihm aus.

Als die Tür sich hinter ihr geschlossen, atmete er erleichtert auf und blickte verwundert auf die großen Kannen mit heißem Wasser und die schneeweißen Badelaken, die sie für ihn hinterlassen, wahrend er darüber nachdachte, was er nun wohl, der allgemeinen Erwartung entsprechend, mit alledem anfangen solle.

Ja, es war wahrlich keine Kleinigkeit für Johannes, dieser Eintritt in ein schöneres Menschenleben und in eine edlere Menschenwelt.

Während des Vormittags wurde es ein wenig besser; denn er blieb allein mit den zwei Kindern und ihrer deutschen Gouvernante. Das war eine einfache freundliche Person, in deren Nähe Johannes sich behaglicher fühlte, und die er bezüglich seiner Kleidung und alles dessen, was man in solch einem vornehmen Hause zu tun und zu lassen habe, um Rat zu fragen wagte.

Die Gräfin selber bekam er erst am Nachmittag zu sehen.

Durch Vermittlung der Zofe erhielt er eine Aufforderung, zu der gnädigen Frau zu kommen. Sie wünsche sich mit ihm zu unterhalten.

Wieder lag sie auf dem Sofa und bedeutete ihm, daß er sich neben sie setzen solle. Johannes meinte, daß sie ihn etwas zu fragen habe, aber nein! sie wünschte nichts anderes als unterhalten zu werden – womit, das war seine Sache. Sobald Johannes dies bemerkte, fiel ihm natürlich nicht das geringste ein, und nach einer peinlichen Viertelstunde, in der er kaum etwas Anderes hören ließ als »Ja, Frau Gräfin« und »Nein, Frau Gräfin«, wurde er entlassen, noch unglücklicher als zuvor.

Die Hauptmahlzeit, die abends um halb acht Uhr eingenommen wurde, war nicht weniger feierlich und beklemmend. Es war still wie bei einem Begräbnis; man sprach leise, fast flüsternd, und unhörbar schritten die Diener einher. Die Gouvernante hatte Johannes gesagt, daß er »Toilette machen« müsse, aber, ach, der Arme! was hatte er denn wohl, um »Toilette« zu machen?

Und während er hinter seinem Stuhl stand in seinem ärmlichen Kittel und dem Vorhemd, und die Kerzen mit ihren rosafarbenen Lichtschirmchen die Blumen und das glitzernde Tafelgerät beschienen, und die Frau Gräfin in ihrem seidenen Gewande in den großen halbdunklen Speisesaal rauschte, da fühlte er sich wiederum zum Sterben unglücklich. Mit dem Englischen wollte es auch nicht so recht gehen und holländisch schien hier nicht sehr beliebt zu sein. Bei jedem Gericht wußte er, daß er etwas Ungeschicktes tat, und wenn die Lakaien sich beim Servieren der Schüsseln über ihn neigten, bliesen sie ihm ihre Verachtung in den Nacken.

In der zweiten Nacht schlief er alsbald ein, ermüdet, wie er war, nach vielen schlaflosen Nächten.

Aber in der zweiten Hälfte der Nacht begann es furchtbar und unheimlich in seinen Träumen zu spuken. Ich brauche euch gewiß nicht zu sagen, wie spanisch es dabei zugehen kann. Wütende Tiere, denen er ausweichen wollte und die er doch immer wieder auf sich zukommen sah, sobald er einen neuen Weg einschlug. Einsame Zimmer mit Türen, die sich von selbst öffneten, und um die Ecke ein Schritt und ein Schatten: das war das Es. Bahngeleise und ein Zug in der Ferne, und plötzlich nicht mehr weiter können, heftiges Klopfen an die Tür und Rufe »Johannes! Johannes!« und dann aufwachen und tödliche Stille, und dann bemerken, daß sich in dem Zimmer etwas sehr Seltsames aufhält, etwas Allerwunderlichstes, eine Hose, die sich plötzlich in Bewegung setzt, und in einer Ecke eine unheimliche Fratze. Und dann das blitzschnelle Begreifen, daß man noch nicht ganz wach ist, und die verzweifelten Anstrengungen, es zu werden. All dies Bange durchlebte Johannes in jener Nacht.

Und als er dann endlich wirklich aufwachte mit einem Schrei, den er selbst noch lange durch die Stille gellen hörte, und während er da lag und auf das Klopfen seines Herzens lauschte, da hörte er wahrhaftig, wie ein leises Echo seines Angstschreies, ein banges unterdrücktes Jammern und Stöhnen durch die stillen Gänge des nächtlichen Hauses hallte.

Als es wieder still geworden, glaubte er, daß das noch sein Traum gewesen sei. Aber da begann es wieder, während er vollkommen wachend dalag, und er fühlte, wie ihm eine Gänsehaut über den Leib fuhr, so schaurig klang es. Dann wiederum Stille. »Es wird ein Hund gewesen sein,« dachte er. Aber da begann es von neuem. So stöhnt kein Hund, das war eine menschliche Stimme. Ob Olga am Ende krank war? oder Frieda?

Aber als es wieder kam, da hörte er, daß es weder Olga noch Frieda sein konnte. Es war die Stimme eines viel älteren Menschen und nicht die eines Kranken, sondern eines, der in Todesangst schwebt, der bedroht wird und um Erbarmen fleht. Etwas wie »Oh! – Oh! – Oh! – Oh! Gott – Oh! Gott – Gnade!« Aber andere Worte konnte er nicht verstehen, denn es klang alles nur sehr matt zu ihm herüber.

Er glaubte, daß ein Mord verübt werde, und erinnerte sich, daß der Tod mit ihm gereist war. Er sprang aus dem Bett und trat auf den dunklen Korridor hinaus. Dort war alles still. Das Geräusch kam von oben. Jetzt hörte er auch als Antwort auf das Stöhnen eine ruhige, weiche, tröstende Stimme, ermahnend und liebkosend. Eine Tür wurde geöffnet – ein schwacher Lichtschein drang heraus – und dann eine andere, die schleunigst wieder geschlossen wurde. Dies alles schien anzudeuten, daß Johannes' Dazwischenkunft durchaus nicht notwendig sei und daß er vielleicht eine gar komische Rolle spielen würde, wollte er hier plötzlich als Retter auftreten. So legte er sich denn wieder schlafen, in einer trüben, schwermütigen Stimmung befangen.

Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen und die Gouvernante beim Frühstück mit Tee und Hafergrütze und geröstetem Brot und Schinken und Eiern, gleich als sei nichts geschehen. Die Mutter blieb wiederum bis zum Nachmittag unsichtbar. Frieda und Olga saßen still und artig da und aßen wie außerordentlich wohlerzogene Kinder.

Endlich vermochte Johannes nicht länger zu schweigen, und er fragte die deutsche Gouvernante:

»Ist heute nacht etwas Schlimmes geschehen?«

»Nein,« antwortete diese, während sie auf ihren Teller blickte, »wir haben eine Kranke im Hause.«

»Hast du Helene gehört?« fragte Olga, während sie Johannes ernsthaft anblickte. »Ich höre sie nicht mehr, früher wohl, aber jetzt wache ich gar nicht mehr davon auf. Arme Helene!«

»Arme Helene!« flüsterte Frieda ihr pflichtgetreu nach, indem sie fleißig ihre Hafergrütze weiter löffelte.

Wahrend des Nachmittags wurde Johannes wiederum in den Salon befohlen. Er hatte einen langen Spaziergang am Strande gemacht, ganz allein, und war jetzt ein wenig ruhiger. Er hatte sich vorgenommen, zu fragen, ob er wieder fortgehen dürfe, da er ja doch nicht hierher gehöre und sich unglücklich fühle. Und die Abendgesellschaft, die morgen bei Lady Crimmetart stattfinden würde und zu der er mit seinem Instrument erwartet wurde, flößte ihm eine namenlose Angst ein. Er mußte unter allen Umständen vorher fortgehen.

Aber bevor er noch Gelegenheit hatte, in diesem Sinne zu sprechen, begann die Gräfin also:

»Lieber Johannes, hast du dich heute Nacht erschreckt? Hast du etwas gehört?«

Johannes nickte.

»Nun wohl, da ich Vertrauen zu dir hege, will ich dir mein düsteres Geheimnis verraten. So höre denn.«

Und die vornehme, anmutige Frau winkte ihm mit ihrem reizendsten Lächeln, daß er näher treten solle, und hieß ihn auf einem kleinen Schemel neben dem Sofa niedersitzen.

Da war es Johannes, als werde er, halb erfroren, in ein warmes Zimmer geführt. Es prickelte ihm wohlig durch den Rücken, und ihn überkam plötzlich ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Die Gräfin legte ihre weiche schlanke Hand auf die seine und blickte ihm freundlich in die Augen. Wie schön sie war! und was für eine sanfte, einschmeichelnde Stimme sie hatte! All die Bedrängnis der letzten Tage war mit einem Male von ihm gewichen.

»Ich werde nun so zu dir sprechen, mein lieber Johannes, als wärest du viel älter. Du scheinst mir für deine Jahre wirklich außergewöhnlich reif und klug zu sein. Ist es nicht so?«

Johannes fühlte sich äußerst geschmeichelt.

»So wisse denn, daß ich in meinem Leben unendlich viel gelitten habe. Das Leid ist sozusagen von meiner Kindheit an mein treuester Begleiter gewesen.«

Das Herz des kleinen Johannes entbrannte bereits in tiefem Mitleid.

Die Gräfin fuhr fort, in wohlgepflegtem Stil und fließendem Englisch, das Johannes mehr bewunderte, als er es zu verstehen vermochte:

»Meine Ehe war sehr unglücklich. Von meinen Eltern gezwungen, heiratete ich einen reichen Mann, den ich nicht liebte. Jetzt ist er tot – ich will ihm nichts Böses nachsagen.«

Schon jetzt war Johannes vollkommen davon überzeugt, daß jener Mann eine nichtswürdige Kreatur gewesen.

»Ich will dich auch nicht mit der Schilderung all unseres Jammers quälen. Laß mich dir nur das eine sagen, daß wir nicht zueinander gehörten und uns gegenseitig das Leben verbitterten. Nach einer sechs Jahre langen Folterung – denn etwas Anderes war es nicht – geschah etwas... was in solchen Fällen meist zu geschehen pflegt... verstehst du, was ich meine?«

Johannes verstand es nicht, was er sehr bedauerlich fand und weswegen er sich selber dumm und töricht schalt.

»Ich gewann einen andern lieb ... wirst du mich darum verachten?«

»Nein, nein!« Johannes schüttelte sehr energisch den Kopf.

»Gott sei Dank kann ich hinzufügen, mein lieber Junge, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe und daß ich meinen Kindern ohne Scham in die Augen blicken darf. Der Mann, den ich liebte, war ebenso unglücklich verheiratet wie ich ... wir haben uns niemals wieder gesehen, nicht einmal als...« Eine Pause, während welcher die schöne Sprecherin einen Augenblick stockte und mühsam schluckte, während ihre Augen von einem feuchten Nebel umflort waren. Das Herz des kleinen Johannes schmolz gänzlich in Mitgefühl dahin.

»Nicht einmal, als ich frei war. Mein Mann fand in diesem Vorfall eine Veranlassung, mir meine Kinder wegzunehmen. Jahre lang habe ich von ihnen getrennt gelebt, in Armut und Entbehrungen, allein mit einem alten treuen Diener, der mich nicht verließ, trotzdem ich ihm nur einen kärglichen Lohn bewilligen konnte.

»In jener Zeit, mein Junge – es wird dich vielleicht wundern, dies zu hören – sehnte ich mich nicht nur nach meinen Kindern mit einem schmerzlichen Verlangen, sondern sogar nach ihm, der mir solch unendlichen Kummer bereitet hatte. Die Eltern, die sich gemeinsam an süßen Kindern erfreuen, werden durch ein wundersames Band verbunden, das niemals völlig zerreißt. Ich würde ihm alles verziehen haben, wenn er mich zurückgerufen hätte.«

Eine Stille, in der sich das zur Bewunderung so sehr geneigte Gemüt des kleinen Johannes diesem Empfinden völlig hingab.

Die Gräfin fuhr fort:

»Ich bin zurückgerufen worden, aber leider zu spät. Man depeschierte mir, daß er krank sei und mich zu sprechen wünsche. Aber als ich kam, lag er bereits in wilden Phantasien und kehrte nicht mehr zum Bewußtsein zurück. Drei Tage und drei Nächte habe ich an seinem Bett gesessen, fast ohne Schlaf, um das aufzufangen, was er mir hatte sagen wollen. Er aber phantasierte, phantasierte, phantasierte, – wirren Unsinn mit einer leise murmelnden Stimme. Zwar erkannte er mich, aber er blickte ebenso hart und kalt, ebenso bitter und boshaft drein, und oft sogar voll scharfen Hohnes. Jene Nächte werde ich nie vergessen.

»Bei meinen beiden Kindern traf ich ein älteres Mädchen, das ich nie zuvor gesehen hatte. Man sagte mir, daß es ein Kind aus der ersten Ehe meines Mannes sei. Ich hatte nie davon gehört. Wo sich die Mutter aufhielt, vermochte man mir nicht zu sagen. Man glaubte, daß sie tot sei. Jenes Mädchen zählte damals ungefähr fünfzehn Jahre. Sie war schön, mit wundervollem Teint, einem feinen Profil und üppigem schwarzem Haar ...

»Schöner als Frieda und Olga?«

Die Gräfin lächelte:

»Eine ganz andere Schönheit. Viel düsterer und schwermütiger. Als ich zu ihr kam, weinte sie und wollte nichts von mir wissen. »Sie können mich alle nicht ausstehen«, sagte sie immer und immer wieder und wiederholte das den ganzen Tag. Immerfort lief sie voller Unruhe hin und her und schrie und quälte sich. Nur mit größter Mühe war sie des Morgens dazu zu bewegen, aufzustehen und sich anzukleiden; und abends wollte sie sich nicht schlafen legen. Sie war gemütskrank, und das ist mit der Zeit immer schlimmer geworden. Mein Mann starb, und ich blieb mit den drei Kindern zurück und sorgte für sie, so gut ich konnte.«

Da betrachtete die Gräfin eine Weile aufmerksam ihre schönen juwelengeschmückten Hände und fuhr langsam fort:

»Von ihrer Mutter wußte Helene nicht viel: aber sie blieb stets dabei, daß sie lebte und zurückkommen würde und auch... daß ihr Vater mit ihr verheiratet sei ...«

Wiederum eine lange Stille. Gräfin Dolores blickte Johannes mit ihren halbgeschlossenen Augen forschend an, ob er sie auch wohl verstehe, aber allem Anschein nach verstand er sie nicht und wartete geduldig, was nun wohl kommen würde.

»Fühlst du, Johannes, was dies bedeuten würde, für mich? ... für meine Kinder? ... wenn es wahr wäre?«

Johannes fühlte nur, daß er die Gräfin verwirrt und ein wenig blöde anstarrte.

»Bigamie, Johannes, ist ein schweres Verbrechen.«

Halt, da ging ihm ein Licht auf, wenn auch nur ein ganz schwaches. Seine lieben Kinder würden dann nicht legitim sein, unecht, natürlich, oder wie das genannt wurde. Ja, das wäre wohl gar entsetzlich, wenngleich man es ihnen ja nicht ansehen konnte.

Aber die Gräfin half ihm noch weiter.

»Der Gedanke, von dem Gelde anderer zu leben, ist für eine ehrbare Frau unerträglich, Johannes.«

Schon wieder etwas! das Geld anderer! Also gehörte diese ganze Pracht am Ende gar der armen wahnsinnigen Helene. Und seine reizenden Kinder und ihre schöne Mutter waren nur unrechtmäßige Eindringlinge, die mit den Besitztümern anderer wucherten. Johannes bemühte sich ehrlich, all diese verworrenen und seltsamen Dinge so zu empfinden, wie die Gräfin sie zu empfinden schien. Allein es wollte ihm nicht glücken. Da sagte er, ganz erfüllt von dem Bedürfnis zu trösten, mutig das, was ihm einfiel, in einem gebrochenen Englisch, das er endlich gar nicht mehr zu meistern vermochte.

»Nein, Frau Gräfin, Sie müssen sich das nicht zu Herzen nehmen. Sie sind schön und Ihre Kinder sind schön, und daher kommt all das Schöne Ihnen zu. Von dieser Schande glaube ich nichts, denn ich habe nichts davon gesehen. Wenn es eine Schande gäbe, dann würde ich sie doch auch bemerken müssen. Aber wer merkt denn etwas davon, ob irgend was auf einem Papier geschrieben steht, und Gott weiß wo? Sind Sie und Frieda und Olga darum weniger schön, weniger gut, weniger reizend? Ich kümmere mich gar nicht darum, nicht im geringsten.«

Da lachte die Gräfin so herzlich und drückte seine Hand so innig, daß Johannes ganz verlegen wurde.

»O, du süßer Bengel!« rief sie, noch immer lachend, »o du spaßiger reizender Bengel! Du machst mich wirklich ganz fröhlich; so lustig bin ich schon seit langer Zeit nicht mehr gewesen.«

Johannes war stolz auf diesen Erfolg und freute sich herzlich. Gräfin Dolores trocknete ihre Lachtränen mit einem eleganten Spitzentuch und hub darauf von neuem an:

»Aber laß uns jetzt einen Augenblick ernst sein. Es wird dir jetzt gewiß auch begreiflicher erscheinen, warum ich mich so sehr für alles interessiere, was mit Theosophie und Spiritismus zusammenhängt, und warum ich den Vorträgen des Herrn van Lieverlee und der Lady Crimmetart so gerne lausche. Warum ich jenen Kreis der Plejaden im Haag aufsuche, und auch, Johannes, warum ich mich so freute, dir begegnet zu sein, als ich hörte, daß du auch ein Medium seiest, und daß du bei hellem Tage Elementare sehen könnest.«

»Aber warum denn, Frau Gräfin?« fragte Johannes ein wenig beklommen.

»Mein lieber Junge, wie kannst du nur so etwas fragen? Nichts auf der ganzen Welt vermag mir meine Gemütsruhe wiederzugeben: nur ein Wort von ihm, von jenseits des Grabes.«

Ach, das war ein schwerer Schlag für Johannes. Nicht so sehr verdroß es ihn, daß man ihn also nur mit einer Nebenabsicht hier zu Gaste gebeten hatte – so stolz war er noch nicht – wohl aber, daß er diese liebe Frau jetzt sicher bitterlich würde enttäuschen müssen. Er seufzte und blickte verlegen vor sich hin.

»Wollen wir die Kranke mal besuchen?« fragte die Gräfin, während sie sich erhob.

Johannes nickte und folgte ihr.

Kaum hatte sich die Tür zu dem Krankenzimmer geöffnet, als auch schon aus einer der Ecken ein entsetzliches Geschrei ertönte. Das arme Mädchen saß zusammengekauert in ihrem weißen Nachthemd am Boden, und die langen schwarzen Haare hingen ihr wirr über Gesicht und Rücken. Ihre schönen dunklen Augen waren weit geöffnet, und aus ihren Zügen sprach eine tödliche Angst.

»O Gott – jetzt kommt's!« schrie sie zitternd – »jetzt wird's geschehen! – O Gott, ja, jetzt wird's wirklich kommen! Ich wußte es ja – habe ich es nicht gesagt? – jetzt wird's geschehen! – oh! – oh! – oh!«

Die Pflegerin tröstete sie und mahnte zur Ruhe. Allein das arme geplagte Geschöpf bebte am ganzen Leibe und schrie so fürchterlich und sah so verängstigt aus, daß Johannes in der größten Erregung bat, doch wieder umkehren zu dürfen. Es schien fast, als ob sie sich vor ihm so fürchtete.

»Nein, mein Junge«, sagte die Gräfin, »daran bist du nicht schuld. Sie tut das bei jedem, der hereinkommt. Bei allem, was sie sieht und was sie hört. Sie hat immerfort Angst, Angst, Angst!«

Während des ganzen weiteren Tages und eines großen Teiles der Nacht grübelte Johannes immer und immerfort über diese eine Frage: »Wovor mag sich dies arme Mädchen denn nur so sehr fürchten?«

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