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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Das Häuschen hatte viel dickere Mauern als holländische Arbeiterhäuser. Die kleinen Scheiben mit den weißen Mullvorhängen lagen tief in den Fensterrahmen, und auf jedem Gesims stand eine blühende Pflanze, ein Geranium oder eine Begonia.

Während Johannes und Marion einen Blick durch das Fenster warfen, saß Markus drinnen am Tisch. Die Hausfrau stand neben ihm mit aufgestreiften Ärmeln; auf dem linken Arm trug sie ein halb schlafendes Kind, während sie dem Markus mit der rechten eine Portion Essen auf den Teller schöpfte. Ein etwas älteres Kind stand dicht neben ihm und blickte unverwandt auf die dampfende Speise. Mutters Wangen waren bleich und ihre Züge vor Kummer verzerrt: ihre Augen weinten still.

»Es wird ja nichts Rechtes daraus,« sagte sie seufzend; »wenn er doch bloß klüger gewesen wäre. Aber die verdammten Kerls haben ihn beschwatzt. Das kommt von all den Versammlungen. Wäre er doch nur zu Hause geblieben, der Mann gehört ins Haus.«

»Nicht so verzagt sein, Mütterchen,« sagte Markus. »Er hat getan, was er aufrichtigen Herzens für gut hielt. Und die das tun, können allzeit ruhig sein.«

»Auch wenn sie Hungers sterben?« fragte die Frau bitter. »Ja, auch wenn sie Hungers sterben. Denn besser ist es, ehrlich zu sterben als von dem Betrug zu leben, den man an sich selber verübt.«

Die Frau schwieg einen Augenblick, scheinbar nicht unempfindlich für Markus' Worte. Dann sagte sie: »Ja, wenn die Kinder nicht wären ...« und ihre Tränen flossen milder.

»Es ist gerade um der Kinder willen, Mutter. Wenn es gute Kinder sind, so werden sie dem Vater danken, der für sie kämpfte, wenn es gleich vergebens war. Und für sie ist ja wohl noch etwas da, denn sonst dürftest du es mir, dem Fremden, doch nicht geben ...«

Markus blickte sie lächelnd an, und die Frau lächelte gleichfalls.

»Du ... du bekommst unseren letzten Bissen,« sagte sie herzlich, und dann nach dem Fenster blickend: »Was stehen denn da für Bengels? Und ein Affe ist auch dabei!«

Da schaute sich auch Markus um, und sobald die Beiden da draußen seine Züge erkannten, riefen sie »Hurrah« und stürmten hastig hinein, ohne auch nur anzuklopfen.

Marion flog Markus um den Hals und küßte ihn. Johannes hielt seine Hand, ein wenig befangen, Keesje schaute sich suchend im Zimmer um und betrachtete namentlich die kleinen Kinder voller Mißtrauen.

Dann folgten aufgeregte verworrene Mitteilungen in holländischer Sprache. Die sämtlichen Erlebnisse mußten berichtet werden, und Marion war fröhlich und gesprächig.

Die Mutter blieb stehen und schaute, von eigenem Leid erfüllt, unzufriedenen Blickes zu. Das halb schlafende Kind war durch den Lärm aufgewacht und begann zu weinen.

Da kam der Mann heim, mürrisch und gereizt.

»Was ist das hier für'n höllischer Spektakel?« fragte er, und die beiden schwiegen, langsam begreifend, daß sie in einem von Sorgen erfüllten Hause waren.

Gespannt blickte Johannes auf die müden, abgezehrten Züge des Mannes, in das bleiche, angsterfüllte Angesicht der Mutter, wartend, was nun wohl geschehen würde.

»Holländer?« fragte der Bergmann, während er sich an den Tisch setzte und einen Teller vor sich hinhielt.

»Ja, Freunde von Markus«, antwortete die Frau. Und darauf mit erzwungener Ruhe: »Gibt's was neues?«

»Alles in Ordnung«, sagte der Mann mit erkünstelter Freudigkeit. »Wir gewinnen sicher, wir gewinnen sicher, 's ist gar nicht anders möglich. Was meinst du, Markus?«

Allein Markus blickte schweigend hinaus.

Da fluchte der Mann, weil die Speise nicht nach seinem Geschmack war, und begann zu essen.

Marions Fröhlichkeit war geschwunden. Die Frau schüttelte traurig den Kopf und küßte ihr Kind.

»Ihr müßt euch in acht nehmen, Bengels«, sagte da der Mann plötzlich, »es wird nach euch gesucht. Habt ihr gestohlen? Und wer von euch ist das verkleidete Mädchen?«

»Ich!« sagte Marion. »Was wollen sie denn eigentlich von mir? wenn ich doch keine andern Kleider habe!«

»Bist du ein Mädchen?« fragte die Frau, »du solltest dich was schämen.«

»Ob Frau Huber nicht vielleicht ein Kleidchen übrig hat?« sagte Markus: »die hat so viele Töchter.«

»Es wird wohl alles im Pfandhaus sein«, meinte die Frau, und Johannes rief mit gewichtiger Stimme: »Wir können bezahlen, wir haben Geld!«

»Ei, ei«, sagten die andern, während Markus lächelte.

Da bekam Marion ihre Mädchentracht wieder in Gestalt eines häßlichen karrierten Kleidchens; nur Keesje freute sich über diese Veränderung. – –

»Habt ihr viel gesungen?« fragte Markus.

»Ja, wir singen jeden Tag«, antwortete Marion, »und Johannes hat hübsche neue Lieder gemacht.« »Das ist recht«, sagte Markus, und darauf sich an Mann und Frau wendend:

»Dürfen sie hier was singen?«

»Singen? – dazu ist's wohl gerade die rechte Zeit«, meinte die Frau hämisch.

»Warum denn nicht?« sagte der Mann, »ein hübsches Liedchen kommt niemals ungelegen.«

»Das meine ich auch«, sagte Markus, »man will doch nicht nur Seufzen hören.«

Marion stimmte leise ihre Guitarre, und während der Mann am Kachelofen saß und seine Pfeife rauchte, und die Frau ihr jüngstes Kind ins Bettchen legte, begannen die zwei ihr Lied zu singen, das letzte, das sie zusammen gemacht hatten. Es war ein wehmütiges Lied, wie alles, was sie während der letzten Wochen gesungen, und lautete also:

»Wenn ich will klagen, was mein Schmerz,
»versteht mich keines Menschen Herz,
»doch Rosenstrauch und Nachtigall,
»die kennen meinen Kummer all.

»Der Nachtwind, mit dem sanften Weh'n,
»der raunt mir zu ein still Verstehn.
»Mit Sternenschrift seh ich's gezogen,
»so strahlend hell am Himmelsbogen.

»Ich weiß ein Land, wo jeder Schmerz
»als goldnes Lied zieht himmelwärts,
»wo Rosen mit dem roten Mund
»verheilen jede Herzenswund.

»Das Land ist gar nicht weit von hier,
»doch bleibt es stets verschlossen mir.
»Da ist es nicht, wo ich jetzt bin,
»und niemand weiß, wie mir zu Sinn.«

»Ist das nun holländisch?« fragte der Arbeiter, »ich verstehe kein Jota davon. Und du, Frau?«

Die Frau weinte und schüttelte verneinend den Kopf.

»Was heulst du denn so, wenn du 's doch nicht verstehst?«

»Ich verstehe es zwar nicht, aber ich muß doch darüber weinen, und das tut mir gut«, sagte die Frau.

»Also vorwärts denn, wenn 's dir gut tut, dann wollen wir 's noch mal hören.«

Und die Kinder sangen ihr Lied zum zweiten Mal. –

Als sie fortgingen, war mehr Frieden im Hause.

Markus ging zwischen den beiden Kindern, Keesje saß auf seiner Schulter, das eine Händchen vertraulich auf seine Mütze gelegt, und blickte andächtig auf das dunkle Haar, das sich an den Schläfen kräuselte.

»Markus«, sagte Johannes, »das verstehe ich nicht. Was hat mein Kummer denn eigentlich mit dem ihren zu schaffen? Und doch schien es fast so, als ob sie über mein Gedicht weinten. Aber mein Kummer ist doch nur so ganz, ganz klein, und sie sorgen sich um so große Dinge.«

»Ich verstehe das sehr gut«, sagte Marion, »früher konnten sie mich so viel prügeln, wie sie nur wollten, und ich gab keinen Laut von mir: aber als sie mich eines Tages wieder tüchtig verhauen hatten, da sah ich ein kleines armseliges Kätzchen, das genau so unglücklich aussah wie ich, und da begann ich ganz jämmerlich zu weinen, und das half.«

»Fühlt ihr es denn nun, ihr Kinder, daß alles Leid, das gelitten wird, ein Leid ist? So aber ist auch alle Freude eine Freude. Der Vater leidet alles mit, und wer ein armes Kätzchen tröstet, tröstet den Vater.«

Diese Worte trafen Johannes mit wundersamer Erleuchtung, und tief und lange mußte er über sie nachdenken. Er sah nichts mehr um sich her, bis sie in ihrem Logis anlangten, das aus zwei kleinen Kammern in einer alten unbewohnten Mühle bestand. Die Tochter aus einem nahe gelegenen Gasthaus brachte ihnen ein paar Schlafdecken. Jetzt schlief Marion allein und Johannes mit Markus in einer Kammer.

Als sie am nächsten Morgen in der dunklen Gaststube des Wirtshauses ihren Kaffee tranken, mußte er denn doch endlich sagen, was er auf dem Herzen hatte. Das duftende mattviolette Briefchen kam zum Vorschein, und auch das mit der Krone und dem blauen Siegellack geschmückte.

Johannes war verlegen; sogar seine Hoffnung auf Markus' Beistimmung war wieder ganz bedenklich gesunken.

»Ich rieche es schon«, sagte Marion, »das ist wieder der Friseurgestank von dem dummen Kauz mit seiner Haartolle.«

Johannes ward ärgerlich. »Du könntest dich freuen, wenn du solche Verse machen könntest wie »der dumme Kauz.« Und verstimmt über die Beleidigung, die man seinem neuen Freunde angetan, stand er auf und begann das Gedicht mit großem Ernst vorzutragen. Die Aufgabe war schwerer, als er geglaubt. Markus hörte ihn an, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, Marion war einigermaßen außer Fassung geraten und schaute Markus an. Der aber schwieg.

»Soll ich dir mal was sagen?«, rief sie endlich aus, »ich glaube nichts davon, kein Wort!«

»Und dann sage ich dir«, antwortete Johannes schnippisch, »daß du viel zu roh und viel zu grob bist, um erhabene Dinge zu verstehen.«

»Wohl möglich!« erwiderte Marion mit ihrem gleichgültigsten kältesten Gesicht.

Da wandte sich Johannes ausschließlich an Markus, in der Hoffnung, daß dieser ihn wohl verstehen würde.

Was er sagte, brach sich leidenschaftlich Bahn, gleich als habe er es schon lange in sich aufgenommen, und seine Stimme klang wie von Tränen durchzittert.

»Ich habe es mir schon lange gedacht, Markus, schon lange. Das kann so nicht gehen. Alles Rohe und Grobe ist mir zuwider, und sie ist roh und grob. Und alles, was ich bei den Menschen sehe, ist roh und grob. Das ist doch nicht schön und nicht gut. Das kann der Vater nicht wollen. Und jetzt sehe ich etwas Köstliches, das fein ist und zart und edel. Soll ich denn das nicht suchen? Ich hätte niemals geglaubt, daß es unter den Menschen etwas so Schönes geben könnte. Es ist das schönste, was ich bei ihnen jemals gesehen habe. Das Haar meiner beiden Kinder ist wie Gold, Markus, die Elfen haben es nicht schöner, und ihre Füßchen sind so schlank und ihre Hälschen so zart. Ich muß immerfort daran denken, wie reizend stolz sie den Kopf aufrichten, und an die feinen Lippen und die fein geschwungene Linie um ihre Mundwinkel und an den lieblichen Klang ihrer Stimme, wenn sie mich etwas fragen. Sie tanzten zusammen nach der Musik, die Hände ineinandergeschlungen, und dann kamen die feinen Strümpfe unter ihren Sammetkleidchen jedesmal gleichzeitig zum Vorschein. Mir wurde ganz seltsam zu Mute. Die eine hat blaue Augen und dickere rötere Lippen: die ist am sanftesten und am unschuldigsten. Die andere hat graue kluge Augen und schmalere Lippen, die ist klüger und schalkhafter, und hat auch eine zartere Haut und feine Sommersprossen dicht unter den Augen. Und dann müßtest du sie sehen, wie sie ihre Mutter umschmeicheln, jede an einer Seite, und dann fällt all das Haar in schweren Wellen über sie in Schattierungen von Gold, Braungold und Lichtgold, und das wogt und wallt wie ein Fluß, und die Diamanten auf ihrer Mutter Hals sah ich mitten darin aufblitzen. Du müßtest sie englisch sprechen hören, so fließend und ohne Akzent; aber sie sprechen auch holländisch, und das höre ich fast noch lieber. Die eine, die unschuldigste, lispelt ein wenig, die hat auch das dichteste welligste Haar. Aber mit der andern würde ich besser reden können, die ist verständiger. Und die Mutter ist so vornehm in allem was sie tut. Alles was sie sagt, ist fein und edel, und jede ihrer Bewegungen ist anmutig. Man fühlt so recht, daß sie weit über einem steht, ganz weit, und dennoch tut sie so, als sei sie die geringere. Ist das nicht schön, Markus? So soll es doch sein, nicht wahr?«

Markus antwortete nicht, sondern blickte ihm gerade in die Augen, mit tiefer Innigkeit und rätselschwerem Ausdruck. Freundlich, aber Johannes völlig unverständlich.

In seiner Erregung fuhr Johannes fort: »Jetzt erst habe ich eine Menschenwelt kennen gelernt, von der ich bisher nichts wußte. Und in der Welt lebt er, mein Freund Walter, der dieses Gedicht gemacht hat. Von jener Welt hat sie keinen Begriff« – auf Marion zeigend – »sie kann nichts dafür, denn ich hatte ja auch keine Ahnung davon. Aber ich bin nicht störrisch wie sie, und es fällt mir nicht ein, darauf zu schimpfen, weil es mir unerreichbar ist. Das ist eine Welt voll Schönheit und Verfeinerung, eine dichterische Welt voll Kunst und Erhabenheit. In die Welt will Walter mich einführen, und nun finde ich es furchtbar kindisch von ihr, daß sie darüber spottet. Findest du das nicht auch, Markus?«

Markus' Augen indessen schauten ihn noch immer innig und geheimnisvoll an, während sein Mund schwieg.

Johannes blickte von dem einen auf den andern, der Antwort gewärtig. Endlich fagte Markus:

»Und was sagt Marion?«

Diese, die in gebückter Haltung dagesessen hatte, richtete den Kopf auf. Sie blickte jetzt nicht mehr gleichgültig drein. Ihre Wangen glühten, und ihre Augen schienen hinter trockenen roten Rändern zu brennen. Sie starrte harten Blickes vor sich, wie im Fieber, und sprach:

»Was ich sage? Ich habe nichts zu sagen. Er findet mich zu roh und zu grob. Das ist ganz gut möglich. Ich fluche manchmal, und Keesje stinkt. Bei den Leuten halte ich es einfach nicht aus, und sie wollen mich auch gar nicht, und Keesje erst recht nicht. Wenn Hanni nun feinere Gesellschaft braucht, dann muß er eben nur dahin gehen.«

»Nein, Marion, du verstehst mich nicht oder du willst mich nicht verstehen«, sagte Johannes bekümmert. »Es ist nicht, weil ich sie brauche, sondern weil es gut ist. Es ist gut, in ein schöneres Leben zu kommen, in eine erhabenere Welt. Ist es nicht so, Markus? du begreifst mich doch wohl?«

»Ich begreife«, sagte Markus.

»So sage ihr doch, daß sie mitkommen soll, daß es besser ist.«

»Ich finde es nicht besser, und ich gehe ganz gewiß nicht mit«, sagte Marion.

»So sage du uns, Markus, denn jetzt haben wir dich doch bei uns: sage du uns, was wir tun sollen, und wir werden gehorchen.«

»Das weiß ich noch nicht«, sagte Marion.

Da lächelte Markus und sprach, während er Marion zunickte: »Schau, schau, sie weiß schon, daß wir niemandem Gehorsam versprechen dürfen. Wer einem andern Gehorsam verspricht, der sagt dem Vater den Gehorsam auf.«

»Aber du bist so viel klüger als wir, Markus.«

»Ist es genug, daß ich klüger bin, Johannes? Willst du denn nicht selbst klüger werden? Willst du von mir getragen sein, weil ich besser gehen kann? Wie würdest du dann wohl jemals gehen lernen?«

Marion blickte ihn starr an mit ihren funkelnden brennenden Augen, und auf ihrem bleichen Gesichtchen flammten zwei rote Flecken. Sie ging auf Markus zu und legte ihm die Hand auf den Mund, während sie leidenschaftlich ausrief:

»Sage es nicht! ich weiß, was du sagen willst, sage es nicht! Denn dann tut er es – und das darf nicht! ... das darf nicht! ...«

Laut rief sie diese Worte aus, während sie ihr Gesicht an Markus' Schulter barg. Markus legte seine Hand auf ihren Kopf und sprach sanft:

»Gönnst du ihm denn nicht, was du für dich selber verlangst? – Daß er tut, was er selbst für gut hält und nicht, was einen anderen gutdünkt?«

Marion blickte auf: ihre Augen waren ohne Tränen. Johannes lauschte schweigend, und Markus fuhr fort:

»Es gibt entsetzliche Mißgeschicke, ihr Kinder, aber die meisten sind so schlimm nicht, wie sie scheinen. Nur die Furcht davor ist schlimm. Das einzige Wirrsal aber, das ihr wirklich zu fürchten habt, entsteht dadurch, daß ihr nicht das tut, was ihr selber für gut haltet, ihr selber Kinder, allein mit dem Vater. Vater spricht zu uns auch durch die Menschen und durch ihre Weisheit und ihre Worte. Aber das sind Umwege. In uns selber haben wir ihn ohne Umwege, so wie du jetzt an meiner Brust liegst, Marion. Das will er, und da müssen wir ihn suchen, mehr und mehr. Nun gibt es viel Selbstbetrug. Selbst ist lange schon blind und taub – und sie halten des Teufels Stimme manchmal für Gottes Stimme, und sie sehen den Erzfeind für den Vater an. Aber wer sich so sehr fürchtet zu verirren, der rührt sich nicht von seinem Platz und findet niemals den rechten Weg. Wer beim Schwimmen nicht den Mut hat, andere loszulassen, ertrinkt in Not. Habt den Mut die Menschen loszulassen, ihr Kinder, sie alle loszulassen um des Vaters willen, wenn der in eurem Innern spricht. Laßt sie alle böse nennen, was euch selber gut dünkt. Tut es und Vater wird euch nicht beschämen. Aber versteht mich wohl, verschließt eure Ohren niemandem, denn die Wahrheit kommt aus allen Ecken, und Gott spricht überall. Bittet einen jeden um sein Urteil, aber bittet niemanden, daß er für euch urteile. – –«

Alle schwiegen eine Zeitlang. Endlich stand Marion langsam auf mit abgewandtem Gesicht und strich sich das kurze weißblonde Haar aus der Stirn. Sie ging auf Keesje zu, der, an einem Stuhl festgebunden, Nüsse schälte, und machte seine Kette los, während sie leise und innig sagte:

»Gehst du mit, Keesje? Jetzt weiß ich wohl, was geschehen wird.« Darauf ließ sie ihn auf ihre Schulter springen und trat auf die Straße hinaus, ohne sich umzuschauen.

»Weißt du es auch, Johannes?« fragte Markus.

»Ja«, sagte Johannes kurz entschlossen, »ich gehe.«

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