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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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»Hören Sie mal, Fräulein,« sagte Daatje am nächsten Morgen, als man im Begriff war, den Kirchgang anzutreten. »Ich habe Ihnen jetzt schon vierzig Jahre treu und ehrlich gedient, aber ich wollte Ihnen nur sagen, daß, wenn Sie in Zukunft noch mal solche Heiden und Hottentotten ins Haus holen und noch dazu in die gute Stube, daß ich dann ins Spittel gehe, so sicher wie das Amen in der Kirche.«

»So, Daatje,« sagte Tante trocken, während sie um ihr Gesangbuch bat. Johannes war steif in seinen sonntäglichen Kragen gezwängt und strich sich mühsam die Zwirnhandschuhe über den Fingerspitzen glatt. Darauf begab sich das Terzett unter zwei Regenschirmen auf den Weg.

Pfarrer Kraalboom saß bereits auf der Kanzel, fuhr sich mit der vollen Hand über die frischrasierten Wangen und beobachtete aufmerksam das Eintreten seiner Schafe. Es fehlte keines. Die regendurchnäßten Kleider der Gemeinde verbreiteten einen eigenartigen Geruch, die Stühle wurden mit häßlichem Knarren über die blauen Fliesen geschoben, während das leise Orgelspiel das Scharren der Füße und das Auf- und Zuschlagen der Türen überstimmte.

Alsbald gewahrte der Pfarrer auch Johannes, und der kleine Mann hätte wirklich eitel werden können, so viel Aufmerksamkeit zollte ihm der Herr Pfarrer. Innerlich sagte sich Johannes, daß er sich das wohl nur einbilde – denn was konnte solch großem Manne wohl an so einem kleinen Knaben gelegen sein – aber es hatte den Anschein, als ob die ganze Predigt für Johannes gemacht und als ob sie auch insbesondere an ihn gerichtet sei.

Der Text lautete: »Wer wird die Irrungen verstehen? Reinige mich von dem Verborgenen.«

Der Pfarrer sprach über die Sünden der Hoffart, und wie viele junge Menschen da hineingerieten, ehe sie es selber wüßten, und wie sehr sie wünschen sollten, davon gereinigt zu werden.

Junge Menschen seien eitel, sagte der Pfarrer, und anmaßend und voller Sünden, die sie selber nicht kennen. Sie glaubten alles besser zu wissen als ältere Menschen, und sie hörten viel zu gerne auf verderbliche Theorien, die alle Menschen gleich machen, und die königliche und göttliche Autorität aus der Welt schaffen wollten, die die Menschen aufrührerisch stimmten und unzufrieden mit dem Platz, an den sie Gott gestellt.

»Der wahre Christ«, sagte der Pfarrer, »fragt nichts nach Geld und Gut, sondern seine Wünsche zielen höher. Ist er damit gesegnet, so wird er es gut verwalten, denn es ist nur ein Lehen! In der Armut aber wird er nicht murren und klagen, wohl wissend, daß alles zum Guten gefügt, und daß der wahre Reichtum nicht von dieser Welt ist.«

Es war eine schöne Predigt. Johannes und Tante lauschten andächtig, der Küster blickte zufrieden drein, und die fromme Koos nickte wiederholt vor sich hin. Nur Neeltje schlief, aber das war, wie allgemein bekannt, die Folge eines Nervenleidens.

Bei dem Gesang stimmte die ganze Gemeinde begeistert mit ein, während sich der Pfarrer sichtlich befriedigt niedersetzte.

Johannes blickte sich um, und siehe, da gewahrte er dicht neben der Tür, der Kanzel schräg gegenüber, einen gesenkten, dunkelhaarigen Kopf, der auf eine schmale Hand gestützt war. Er kannte diese Hand gar wohl und wußte sogleich, wem der dunkle Kopf angehörte. Immer wieder mußte er dort hinschauen. Die Gestalt blieb unbeweglich in ihrer gebückten Haltung dastehen. Als aber der Gesang beendet war und der Pfarrer sich langsam anschickte, seine Predigt fortzusetzen, wahrlich, da erhob sich plötzlich das dunkle Haupt. Markus heftete einen trüben Blick auf die Gesichter ringsumher und richtete sich dann langsam auf.

Johannes begann das Herz zu schlagen. »Geht er fort? Was wird er tun? O Gott, o Gott!«

Markus aber begann, die Pause benützend, wahrend der eine Kirchengemeinde hustet, sich schnauzt und sich dann wieder andächtig in ihren Stühlen zurechtsetzt, mit seiner klaren klangvollen Stimme zu sprechen.

»Meine Freunde, verzeiht mir, wenn ich ungerufen spreche, aber ihr werdet wohl wissen, daß es allzeit erlaubt ist, von dem Vater Zeugnis abzulegen, wenn man solches in Wahrheit tun kann.«

Bestürzt blickte die Gemeinde von dem Sprecher auf Pfarrer Kraalboom. Auch der Küster richtete seine Augen voller Schrecken auf die Kanzel, als erwarte er von dort Hilfe in dieser unerwarteten Verlegenheit.

Pfarrer Kraalboom wurde sehr rot und sagte mit seiner eindringlichsten Stimme, und das »R« schlechter aussprechend denn je, denn er war wirklich sehr böse:

»Ich ersuche Sie, die Ordnung in diesem Gotteshause nicht zu stören.«

Markus indessen gab nicht im mindesten acht auf diese Worte. Hell und klar klang seine Stimme von neuem durch den hohen kalten Raum. Die Menschen lauschten, und dem Pfarrer blieb keine andere Wahl, als zu schweigen oder den andern zu überschreien, welch letzteres Mittel er im Hinblick auf seine Amtswürde verwarf.

»Meine armen Freunde,« sagte Markus, »erschreckt es euch nicht, daß es Irrungen gibt, die ihr nicht versteht? ist es nicht traurig, schuldig zu sein, ohne es zu wissen?«

»Wir armen Menschen vergeben dem, der sich, ohne es zu wissen, an uns verging. Sollte denn unser Vater uns nicht auch verzeihen?

»Indessen, Irrwege sind Irrwege und keine geraden Pfade. Und wer irrt, ob er es gleich nicht weiß, der geht nicht den geraden Weg, wenn er auch tausendmal glaubt, den geraden Weg zu gehen.

»Und wer fortfährt zu irren, der geht verloren, denn des Vaters Gerechtigkeit ist unfehlbar und unerschütterlich.

»Und dennoch, meine armen Freunde, ist bei dem Vater Verzeihung für einen jeden, auch für den ärmsten Sünder. Er hat Gnade für alle. Und sein Verzeihen heißt Wissen und der Name seiner Gnade lautet Erkenntnis.

»Die werden einem jeden zuteil, der sie nicht verwirft, und niemand geht verloren, der erhalten sein will.

»Daher auch bat der Psalmensänger, daß man ihn von seinem Uebel reinige. Er wußte, daß wir nicht wissen, wie sehr wir schuldig sind. Und er wußte, daß des Vaters Gnade das erleuchtende und läuternde Feuer der Erkenntnis ist.

»Hat es jemals einen Durstigen gegeben, der fortfuhr von der Quelle abzuirren, nachdem er sein Irren erkannt?

»Wer unter uns sollte die Gnade nicht begehren und die Seligkeit nicht? Wer würde wohl, nach der Erkenntnis, zu irren fortfahren?

»So erkennet denn und gelanget zur Einsicht. Dafür ist es nimmer zu spät.

»Wir sind schuldig, meine armen Freunde, erkennet das, und Ihr werdet Verzeihung erlangen, nicht aber ohne die Erkenntnis. Und der Geringste unter euch kann es verstehen, wenn er nur will.

»Nicht der Vater hat euch gewollt wie Arme und Reiche, die Armen arm und tätig, die Reichen reich und müßig. Das zu sagen ist eine verdammenswerte Gotteslästerung. Glaubt ihnen nicht und meidet sie, die euch damit zu locken versuchen, gleich Aussätzigen.

»Nicht göttliche Fügung, sondern menschliche Schuld, Bösartigkeit und Torheit haben die Armut und den Reichtum in dieser Menschenwelt also werden lassen.

»Erkennet dies, denn wahrlich, es wird keine Verzeihung geben für den, der des Vaters Verzeihung verwirft.«

Hier winkte Pfarrer Kraalboom dem Küster und dem Vorsänger, die heftig gestikulierend miteinander flüsterten, während sie dem Sprecher wütende Blicke zuwarfen. Der Küster hüstelte und bestieg die Kanzel. Der Pfarrer wechselte einige Worte mit ihm und nahm darauf resigniert, mit halbgeschlossenen Augen und einem äußerst strengen Gesichtsausdruck wieder Platz. Festen Schrittes durchmaß der Küster die Kirche und verließ dann das Haus, während ihm alle Anwesenden voller Spannung nachblickten.

Markus fuhr unbefangen fort:

»Meine armen Freunde, hat wohl jemals ein Künstler ein großes Kunstwerk geschaffen und dann begehret, daß niemand es schaue?

»Sollte denn der Vater Wälder und Berge, Seen und Blumen, Gold und Juwelen geschaffen und dennoch begehret haben, daß wir das alles verachten und verwerfen?

»Nein, das höchste Gut ist nicht von dieser Welt, aber die Schönheit alles dessen, was erschaffen wurde, ist ebenfalls nicht von dieser Welt. Dennoch sollen wir sie in dieser Welt kennen und bewundern lernen, denn wozu wären wir sonst in diese Welt gestellt?

»Wir sollen aber nicht Holz und Saiten bewundern sondern die Musik, nicht Leinwand und Farbe, sondern die ewige Schönheit, die dadurch ausgedrückt wird.

»So sollen wir auch die Welt lieb haben und bewundern um dessentwillen, was uns der Vater durch sie gesagt hat. Er spricht zu uns durch die Stimme der Welt, und wer die Welt verachtet, verachtet die Stimme des Vaters.

»Wenn einer einen Brief erhält von seiner fernen Liebsten, wird er dann nicht das dürre Papier küssen und es mit seinen Tränen netzen?

»Sollten wir denn die Welt hassen, durch die allein der Vater uns seine ganze Schönheit offenbaret?«

Markus' Stimme war so klangvoll und so süß zu hören, daß viele der Hörer bewegt waren, wenngleich sie ihn nur zur Hälfte verstanden. Aus Johannes' weitgeöffneten, leuchtenden Augen strömten mild die Tränen. Auch Tante war gerührt und sogar Neeltje war aufgewacht. Der Pfarrer runzelte die Brauen, schwer, mit geschlossenen Augen, wie jemand, der im Begriff steht, seine Geduld zu verlieren. Der Vorsänger blickte unruhig auf die Tür.

Wieder hub Markus an:

»Und wie, meine armen Freunde, soll der Arme, der gezwungenerweise sich müht, und der Reiche, der um seiner selbstwillen ihn sich mühen läßt, des Vaters heilige Botschaft verstehen?

»Müssen sie doch beide taub und blind bleiben für das Schönste und Beste, was es zu sehen und zu hören gibt.

»Eher kann das Sonnenlicht durch drei doppelte Kerkertüren scheinen, als daß das Licht von des Vaters Gnade, das Licht der Erkenntnis und der Glanz seiner Schönheit in die Seele des abgestumpften Arbeiters dringen.

»Auf dem Meeressande wachsen keine Rosen und keine Trauben. Und im Herzen dessen, der arbeiten und Entbehrungen erleiden muß, wächst weder Schönheit noch Weisheit.

»Und der Reiche, der Andere des Vaters Wohltaten beraubt, der sie dienen läßt, ohne selbst zu dienen, der ißt, ohne zu arbeiten, und der sein Haus auf dem Jammer anderer aufbaut: wie wird der des Vaters Gerechtigkeit verstehen?

»All die überflüssige Süßigkeit in seinem Magen wird zu Galle werden, die gestohlene Schönheit wird ihn foltern wie eine Qual, die zu Unrecht erworbene Weisheit wird sich in ihm in Verzweiflung und Wahnsinn wandeln.

»Denn der Reiche ist wie einer, der tausend andere ihres Lichtleins beraubt, um selbst für immer warm zu bleiben. Aber die Hitze verzehrt ihn. Er will alles Wasser für sich haben, auf daß es ihn nimmermehr dürste. Allein er ertrinkt. Doch der Vater hat Licht und Wasser gegeben für alle in gleichem Maße.

»Und niemand entrinnet des Vaters Gerechtigkeit. Die Reichen haben ihren Lohn weg und werden in der Notdurft jene beneiden, die sie bestohlen haben, als sie noch in der Welt lebten.

»So erkennet denn, meine armen Freunde, erkennet, daß es nicht der Wille des Vaters war, der Armut und Reichtum schuf, sondern eure eigene Bosheit und Arglist, eure Unverträglichkeit und Unvernunft, eure Herrschsucht und eure sklavische Unterwürfigkeit.

»Erkennet, und da wird Verzeihung sein auch für den Schuldigsten. Beugt und demütigt euch und ihr werdet aufgerichtet werden. Seid fröhlichen Herzens und fürchtet nichts, und ihr werdet geborgen sein. Oeffnet die Fenster und das Licht wird hineinströmen.«

Da endlich knarrte die große Kirchentüre, die durch ein mit einem Bleistück beschwertes Seil geschlossen gehalten wurde. Lange piepte der Block, mehrmals, bevor die Tür mit einem dumpfen Schlage zufiel.

Wieder reckten sich aller Hälse in jene Richtung. Auch der Pfarrer blickte scheinbar erleichtert auf, und Johannes sah mit starrem Entsetzen, wie zwei Gendarmen, zwei ganz gewöhnliche Schutzleute, mit berufsmäßiger Strenge, wenngleich in ziemlich nachlässiger Haltung, hinter dem Küster her und auf Markus zuschritten.

Ja, ja, jetzt würde es geschehen.

Die Gemeinde sah in atemloser Spannung zu; der Küster war barsch, die Gendarmen bereiteten sich scheinbar zögernd auf einen nahenden Kampf vor.

Aber bevor noch die ausgestreckte Hand des helmtragenden Gendarmen auf Markus' Schulter herabgeglitten war, blickte dieser sich um und nickte ihnen freundlich zu, gleichsam als habe er sie erwartet. Darauf sah er sich nochmals in der Gemeinde um und grüßte mit einem herzlich-tröstenden Abschiedsblick, der allen sehr unerwartet zu kommen schien. Es war viel eher, als würde er von zwei Lakeien zu einem Feste abgeholt, als von den Dienern der Gerechtigkeit, die ihn auf die Wache bringen würden.

Als er fortging, packten ihn die beiden Männer jeder an einem Arm, gleich als seien sie fest entschlossen, ihn nicht entwischen zu lassen. Das machte infolge ihrer linkischen Art und Markus' fast freudiger Bereitwilligkeit einen so komischen Eindruck, daß verschiedene der Anwesenden unwillkürlich lächelten.

Der Pfarrer sprach noch einige Worte und ein langes Schlußgebet, dem indessen keine allzu große Aufmerksamkeit mehr geschenkt wurde. Die Gemeinde hatte viel zu sehr den Wunsch, über das Geschehene plaudern zu können, was denn auch schleunigst und sogar schon beim Verlassen der Kirche seinen Anfang nahm.

Tante und Johannes aber legten, ohne auch nur ein Wort oder einen Blick zu wechseln, unter beklemmendem Schweigen den Heimweg zurück.

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