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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Am Ende der Woche, des Mittags von zwölf bis ein Uhr läuteten die Glocken zum Zeichen, daß die Kirmes vorüber sei. Die Zelte und Schaubuden blieben geschlossen, und alles wurde hastig aufgeräumt und abgeschlagen. Die Pfähle und Bretter wurden auf die Schiffe geladen, die im Kanal bereitlagen, und dort boten auch die hölzernen Löwen der Karussells einen traurigen Anblick. Sie glichen durchaus nicht mehr den großen grimmigen Tieren vom Tage zuvor, und man begriff nicht, wo all die bunte herrliche Pracht geborgen war.

Die wirklichen lebendigen Löwen und die Menschen, alle in ihren eigenen Wagen, zogen in einer langen Karawane über die Chaussee bis zur nächstliegenden Stadt, wo jetzt die Kirmes von neuem begann. Denn für Kirmesleute dauert die Kirmes während des ganzen Sommers.

Johannes und Markus waren schon einige Tage vorher über die Chaussee gezogen, denn mit ihrem schweren Karren konnten sie nicht so rasch vorwärts kommen wie die bespannten Wagen. Das Wetter war klar und trocken geblieben, und das Umherziehen auf der Chaussee von Dorf zu Dorf, in der erwartungsvollen Spannung, ob man Arbeit finden und etwas verdienen würde, mit den kurzen Ruhepausen auf der sonnigen Landstraße, mit dem Bade in einem einsamen Flüßchen und hin und wieder einem Stück Brot und einer Tasse Kaffee in der Küche eines Bauernhofes, das alles war neu und reizvoll, so daß Johannes wieder fröhlich und guter Dinge ward.

Kurz vor der nächsten Stadt holte die Zirkusgesellschaft sie ein. Es war nur eine kleine Truppe. Der große Schimmel zog den grünen Wagen und zwei scheckige Pferdchen einen zweiten. Der Hanswurst ging nebenher, nichts weniger als komisch jetzt, sondern fluchend und mit sauertöpfischer Miene. Zuletzt kamen noch ein paar Männer mit einigen Pferden.

Johannes lag im Grase und blickte nach Marion aus. Dort lief sie, in der Hand einen großen blätterreichen Erlenzweig, mit dem sie die Fliegen von dem Schimmel verscheuchte. Schläfrig schlenderte sie einher und blickte mit gleichgültiger Miene auf die vorübergehenden Bauernkinder, die sie verwundert anstarrten. Aber als sie Johannes sah, wurden ihre Augen groß und weit, und sie grüßte ihn freundlich mit ihrem Zweige.

Da sprang er auf und lief auf sie zu, und sie gab ihm neckend einen Schlag mit dem Erlenzweig. Dann, mit einer plötzlichen anmutigen Bewegung, küßte sie ihn. Schüchtern küßte Johannes sie wieder. Die Bauernkinder waren erstaunt, aber Kirmesleute sind nun mal immer gar so wunderlich.

Hinter dem Fensterchen des grünen Wagens, zwischen zwei kleinen Tüllvorhängen sah Johannes die kohlschwarzen funkelnden Augen von Marions Schwester, die mit einem seltsamen Lächeln auf sie gerichtet waren.

Und Johannes und Marion gingen Hand in Hand weiter und erzählten sich gegenseitig ihre Erlebnisse der letzten Tage. Und während Marion von ihren Vorstellungen berichtete, und wie sie ihre Künste erlernt habe und wie häufig sie gestürzt sei, hörte er ihr so ehrfurchtsvoll zu, als werde er in die Geheimnisse eines fürstlichen Hofes oder einer Landesregierung eingeweiht.

Also Hand in Hand neben dem weißen Pferde einhergehend, näherten sie sich der Stadt immer mehr. Und an der Landstraße lagen die niedrigen langgestreckten Villen mit ihren sorgfältig gepflegten Gärten und ihren Sommerlauben, wie man sie in der Nähe holländischer Städte noch vielfach findet. Sie führen holländische Namen durchweg und erinnern einen unwillkürlich an die alten Zeiten, da die Bürger noch mit ihren großen Pfeifen gemächlich spazieren gingen und die duftenden Veilchen auf den Stadtwällen blühten.

Zwischen den Fenstern dieser Häuser sind an einem krummen eisernen Stabe kleine Spiegel befestigt, in denen die Bewohner der Häuser, die am Fenster sitzen, sehen können, wer vor der Haustüre steht oder wer von weitem herankommt. Sie heißen Spione, und der Vorübergehende sieht nur das Gesicht des Bewohners in dem Spiegelchen.

In solchem kleinen Spiegel sah Johannes plötzlich ein Gesicht vor sich, über das er erschrak. Und dennoch war es kein unangenehmes Gesicht. Es war blaß und bebrillt und umrahmt von zwei steifen langen Locken und einer Spitzenhaube, deren lilafarbene Bänder an den Ohren entlang und über die Schultern herabhingen. Zwei sehr klare, freundliche und dennoch ernsthafte Augen schauten ihn unentwegt an, und Johannes erschrak, weil er das Gesicht gar so gut kannte. Es war das Gesicht seiner Tante.

Es war Tante Serena, da konnte kein Zweifel sein. Sie war oftmals daheim zum Besuch gewesen, und jetzt erkannte Johannes auch das Landhaus, das sie bewohnte. Er hatte auch einmal dort logiert und warf nun einen scheuen Blick auf das Haus. Jawohl, das war die weißgestrichene einstöckige Villa mit den niedrigen Zimmern und den Glastüren, die in den Garten hinausführten. Er entsann sich des Gartens mit den herrlichen Buchen. Zwischen dem Hause und dem Wege zog sich ein grüner Graben hin, und auf dem verschnörkelten eisernen Gitter stand der Name ›Vredebest‹. Ja, er entsann sich all dieser Dinge jetzt sehr wohl, und das machte ihn unruhig und verlegen.

»Warum wirst du so blaß, Hanni?« fragte Marion, »ist dir nicht wohl?«

»Hier wohnt eine Tante von mir,« sagte Johannes heftig errötend.

»Hat sie dich gesehen?« fragte Marion, die die Situation viel schneller überschaute.

»Ganz sicher.«

»Sieh dich nicht um,« sagte Marion, »geh nur ruhig weiter. Können sie dir was anhaben?«

Daran hatte Johannes noch gar nicht gedacht. Er mußte sich heimlich eingestehen, daß er sich geschämt hatte, neben dem Kirmeswagen einherzugehen, weil Tante Serena ihn sah. Allein er ermannte sich und ergriff Marions Hand, die er einen Augenblick losgelassen hatte.

Zum Glück ließ Markus ihn auf ›Vredebest‹ nicht fragen, ob es vielleicht etwas zu schleifen gäbe.

Aber das blasse Gesicht mit den Hängelocken, der Brille, den klaren Augen und der mit lilafarbenen Bändern geschmückten Haube, das er in dem kleinen Spiegel gesehen hatte, verfolgte Johannes in beängstigender Weise. Der kleine Spion war doppelseitig, und Johannes wußte ganz genau, daß Tante jetzt auf der andern Seite saß und daß die starren Augen ihm noch lange nachblickten.

»Hast du keine Tante, Marion?«

»Was weiß ich, vielleicht wohl,« sagte Marion lachend.

»Und dein Vater? Ist der tot?«

Marions Stimme klang ein wenig weicher und ernster, während sie begann, Johannes vertraulich und gewichtig das Folgende zu erklären:

»Das weiß ich nicht, Hanni, meine Mutter ist tot. Die war Löwenbändigerin und ist verunglückt. Sie liegt in Köln. Aber mein Vater war ein reicher Mann und der lebt am Ende wohl noch. Siehst du, und daher kann ich vielleicht wohl Tanten haben und am Ende einen ganzen Haufen, und wer weiß, wie reiche.«

»Hast du deinen Vater nie gesehen?« fragte Johannes jetzt auch ganz leise.

»Nein, nie, aber Lorum sagt« (Lorum war der Hanswurst), »daß er ein Graf war und daß er ein Schloß hatte.«

»Das dachte ich mir schon,« sagte Johannes, indem er sie innig anblickte.

»Ja, aber Lorum bindet einem auch manchmal einen Bären auf.«

Diese Bemerkung wirkte wie ein kaltes Sturzbad auf die schönen Phantasien des kleinen Johannes. Später sollte er es noch sehr oft erfahren, daß Lorum einem auch manchmal »einen Bären aufband«.

Es war ein heißer Nachmittag, als sie ihren Einzug in die Stadt hielten. Die zu Fuße gingen, waren müde und verstimmt, und während des üblichen Besuches bei der Obrigkeit wurde nicht wenig gekeift und geflucht. Die dunklen Zimmer der vornehmen Häuser sahen kühl und einladend-ruhig aus. Die hellgekleideten Dienstmädchen traten vor die Türen, um das Kirmesvolk zu sehen, und schwatzten kichernd miteinander.

Vor der Stadt wurde ihnen ein großes grasbewachsenes Terrain angewiesen, auf dem die Wohnwagen stehen durften. Und alsbald sah man sie dort alle in einem Kreise beisammensitzen, wohl zwanzig oder mehr.

Von den schönen großen, mit zwei Pferden bespannten Wagen, die sich, frisch angemalt, mit ihren sauberen Vorhängen, Blumentöpfen und allerhand Zierat, Vogelbauern und Schnitzwerk sehr hübsch ausnahmen, bis zu den ganz ärmlichen, die aus alten Brettern zusammengezimmert waren und von einem Mann und einem Hund gezogen wurden. Dann wurden die verschwitzten und bestaubten Pferde ausgespannt, das zusammengebettelte oder gestohlene Heu ausgebreitet, die Feuer angezündet und hastig gegessen. In dem Lager ging es lebhaft zu. Markus war auch da. Sein neuer Schleifwagen mit den Glaswänden stand blitzend in der Sonne neben Marions Wagen. Er selbst wandelte mit Johannes ruhig inmitten der Menschen, überall einen Gruß austauschend und kurze Gespräche führend. Seinen Mantelkragen und seine Mütze trug er nicht mehr, wohl aber noch denselben Rock und die alte Hose, denn er besaß keine andere. Auf dem Kopf trug er jetzt einen sehr breitrandigen Strohhut, wie man sie auf den Jahrmärkten für zwei Groschen ersteht. Johannes sah ihn darin viel lieber, und war froh, daß ihn dieser Hut zu seinem langen dunklen Haar so trefflich kleidete.

Wohin er kam, brachte er eine bessere Stimmung. Das Keifen hatte noch längst kein Ende, und allenthalben hörte man heftige grobe Worte, auch aus Kindermund. Aber sobald Markus erschien, wurden die Reden gemäßigt, und drohende Raufereien unterblieben.

Man hatte ihn lange Zeit nicht gesehen, und er wurde mit vertraulichen Ausrufen freudiger Überraschung begrüßt und mit allerhand Fragen überschüttet, die er scherzend beantwortete.

»Hallo, Vis, wo hast du denn so lange gesteckt? Bist wohl untergetaucht?«

»Ich war bei Hofe, Dirk Volders, sieh nur, was für ein schönes Geschenk ich mitgebracht habe.« Und bei diesen Worten wies er auf seinen neuen Wagen.

»Du hast sicherlich die Kuponscheren mal wieder schleifen müssen?«

»Nein, die Nagelscheren, Dirk. Dazu wird es hier auch die höchste Zeit.«

Wo Markus ging und stand, hatte er stets eine Schar von Kindern um sich. Ohne ersichtlichen Grund und ohne daß die Hoffnung auf Süßigkeiten oder Leckerbissen sie lockte, gab es stets eine Anzahl Kinder, die unermüdlich hinter ihm her trotteten, oft stundenlang, und sich mit ihren schmutzigen Händchen an seinen Rockschoß oder seine Hose festklammerten. Mit ernsthaftem Gesicht horchten sie auf seine Worte, beobachteten jede seiner Bewegungen und stritten sich heimlich um den Vorrang. Wer seinen Rock einmal gefaßt hatte, ließ ihn nicht wieder los, und wo immer er erschien, krochen die ungewaschenen verwahrlosten Kleinen unter den Wagen und hinter den Kisten hervor und streckten ihm ihre Händchen entgegen. Es war doch immerhin möglich, daß er plötzlich hier oder dort niederhocken und der kleinen schmutzigen Zuhörerschar etwas erzählen würde. Dann öffneten sich die unsauberen Mündchen weit in stiller Andacht, und die mit einer alten Brotkruste oder einer zerfetzten Puppe gefüllten Händchen hingen schlaff herab, während die Kleinen gespannt lauschten. Und noch niemals hatte jemand Markus auf einem ärgerlichen oder ungeduldigen Wort an seine lästigen kleinen Bewunderer ertappt. Niemals hatten unfreundliche, ungerechte Eltern ihr Kind damit kränken können, daß es so ungezogen sei, daß selbst Markus nichts von ihm wissen wolle.

Johannes beobachtete das alles mit großer Bewunderung und voll Aufmerksamkeit. Anfangs erschien es ihm wunderbar und übernatürlich. Verstockte, bösartige Kinder wurden fügsam, unliebenswürdige, lästige Kinder umgänglich, und die rohen, unmanierlichen und zügellosen Äußerungen der Kleinen wurden gemäßigt. Wie war es nur möglich, daß ein Mensch stets geduldig blieb, während die schmutzigsten, unerzogensten Kinder der Welt ihn fortwährend belästigten und umringten? Allein horchend und forschend begriff Johannes allmählich das Unbegreifliche. Es war vermöge der Hingebung, daß sich dies Wunder vollzog. Es gab nichts im Denken und Fühlen dieser verwahrlosten kleinen Wesen, aber Markus zeigte Interesse dafür und widmete ihm freundlich seine volle Aufmerksamkeit. Dadurch ward die irrende Kinderseele plötzlich befriedigt und gefesselt, zur Ruhe gebettet und für Leitung empfänglich gemacht. Aber wenngleich er selbst es auch auf andere Weise erklärte, so blieben die Eltern, die ihre Kinder nicht zu lenken vermochten, dennoch dabei, daß Markus etwas in seinen Augen und in seinen Händen haben müsse – eine »Biologie«, wie sie es nannten – womit er die Kinder in seinen Bann zwinge. Und diese Überzeugung schlug noch tiefere Wurzel, als man erfuhr, welch eine bereitwillige und segensreiche Hilfe er den Kranken zuteil werden ließ.

Es herrschte unter diesen Leuten ein großes Mißtrauen gegen Ärzte, und das Einzige, was sie Markus zum Vorwurf machten, war, daß er nach ihrem Geschmack noch viel zu oft Kranke an den Doktor und das Hospital verwies. Er könne das ganz gut selbst besorgen, meinten sie. Aber er fürchte wohl, in Teufels Küche zu kommen. Dies war die einzige Auslegung, bei der sie sich beruhigten, denn das Vergnügen gönnten sie der Justiz denn doch nicht. Trotzdem versuchten sie bei allen Qualen, und handelte es sich auch um ein gebrochenes Bein, Markus dazu zu überreden, daß er ihnen ohne Doktor oder Hospital helfen möge. Und da, wo der kranke Körper kostspieliger Pflege oder eines mechanischen Apparates nicht bedurfte, half Markus denn auch mit seinen einfachen Mitteln aus. Es hieß allgemein, »daß er bespreche«; allein man sah oder hörte ihn niemals bei einem Kranken beten. Wohl saß er manches Mal sehr lange in tiefer Andacht an dem Lager eines Leidenden, der von Schmerzen oder Unruhe gequält wurde, seine Hand auf dem Kopf oder dem schmerzenden Gliede, oder in der Hand des Patienten, oft stundenlang. Und nur selten kam es vor, daß er fortging, ohne daß die Schmerzen und die Unruhe gewichen oder doch gelindert waren.

Johannes hatte sich das schon von Marion erzählen lassen, und auch jetzt sah er die Mütter mit ihren schreienden Säuglingen herbeikommen und ihn um Rat fragen. Und gespannt paßte er auf, neugierig, was Markus wohl sagen würde.

Das kleine Würmchen schrie und zappelte in heftigem Widerstand, denn es war lichtscheu und wollte die kranken Augen hinter Mutters Arm verborgen halten. Allein Markus mußte sie sehen. Die armen kleinen Augen waren rot und dick angeschwollen und gänzlich mit Schmutz verklebt.

Johannes erwartete nichts anderes, als daß Markus über sie hinstreichen würde, auf daß sie sich öffneten. Allein er sagte:

»Das ist eine alte schmutzige Geschichte, Mütterchen. Es gibt doch in Leyden eine gute Augenklinik? Aber hier ist auch eine, und dorthin müßt ihr schleunigst gehen; noch heute.«

Die Mutter, eine robuste grobknochige Frau, blickte mit mürrischen, unzufriedenen Augen durch die Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht fielen.

»Gott verdamm mich, die Quacksalber! tu du's lieber, du kannst es ebenso gut.«

»Nein, ich tue es nicht, auf keinen Fall. Und denk daran, wenn du nicht schnell gehst, wird dein Kind stockblind werden – und zwar durch deine Schuld.«

»Aber Markus, kannst du's nicht oder wagst du's nicht, daß du mich zu den Mördern schickst?«

Markus sah sie lange an und sagte dann leise:

»Du bist selbst schuld daran, das weißt du recht gut. Ich darf dir nicht helfen – aber nicht etwa wegen der Polizei. Die in der Stadt werden dir einen guten Rat geben. Geh jetzt nur schnell, sonst hast du die Blindheit deines Kindes auf dem Gewissen.«

Die Frau wandte sich murrend ab, und Johannes fragte schüchtern:

»Sind jene Ärzte denn klüger als Markus?«

»Hierfür wissen sie genug«, antwortete Markus kurz.

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