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Der kleine Johannes

Frederik van Eeden: Der kleine Johannes - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFrederik van Eeden
titleDer kleine Johannes
publisherSchuster & Loeffler
printrunSiebente Auflage
year1921
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080321
projectidecab903e
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Erstes Buch

Ich will euch etwas von dem kleinen Johannes erzählen. Meine Geschichte erinnert zwar sehr an ein Märchen, aber dennoch ist alles in Wirklichkeit so geschehen. Sobald ihr das nicht mehr glaubt, sollt ihr nicht weiter lesen, denn ich schreibe dann nicht für euch. Auch dürft ihr nie zu dem kleinen Johannes darüber sprechen, wenn ihr ihm jemals begegnen solltet, denn das würde ihm Kummer bereiten und ich würde es bereuen, euch dies alles erzählt zu haben.

Johannes wohnte in einem alten Hause, das von einem großen Garten umgeben war. Es war schwer sich dort zurecht zu finden, denn in dem Hause waren viel dunkle Gänge, Treppen, Stübchen und geräumige Bodenkammern, und im Garten gab es allenthalben Spalierwände und Treibhäuser. Für Johannes bedeutete dieser Garten eine ganze Welt. Er konnte weite Streifzüge darin unternehmen, und allem, was er entdeckte, gab er einen Namen. Für das Haus hatte er lauter Namen aus dem Tierreich gefunden: da war der Raupenspeicher, weil er dort eine Raupenzucht trieb; und das Hühnerstübchen, weil er dort einmal ein Huhn gefunden hatte. Das war zwar nicht von selber dahin gekommen, sondern die Mutter des kleinen Johannes hatte es dort zum Brüten hingesetzt. Für den Garten wählte er lauter Namen aus dem Pflanzenreich, und beachtete dabei vornehmlich die Erzeugnisse, die für ihn von Bedeutung waren. So unterschied er einen Himbeerberg, einen Birnenwald und ein Erdbeertal. Ganz hinten war ein kleines Fleckchen, welches er das Paradies nannte, und dort war es natürlich besonders schön. Da war ein großes Wasser, ein Teich, auf dem weiße Lilien trieben und an dessen Ufern das Schilf flüsternd lange Gespräche mit dem Winde führte. Jenseits lagen die Dünen. Das Paradies selber bestand aus einem kleinen Rasen am diesseitigen Ufer, der von Buschholz umringt war; üppig schoß der Waldkerbel daraus empor. Dort lag Johannes oft im dichten Grase und spähte durch das wogende Schilf nach den Dünenspitzen jenseits des Wassers. An warmen Sommerabenden war er dort immer und konnte stundenlang so daliegen und schauen und schauen, ohne daß ihm jemals die Zeit lang wurde. Er dachte an die Tiefe des stillen klaren Wassers, das da vor ihm sich ausbreitete – wie traulich es dort sein mußte zwischen den Wasserpflanzen in dem seltsamen Dämmerlicht, und dann wieder an die fernen wunderbar gefärbten Wolken, die langsam über die Dünen dahinzogen – und was dahinter wohl sein mochte, und ob es köstlich sein würde dorthin fliegen zu können. Wenn die Sonne eben untergegangen war, türmten sich die Wolken dort so hoch übereinander, daß sie den Eingang zu einer Grotte zu formen schienen, und in der Tiefe jener Grotte erglänzte der Schein eines mattroten Lichtes. Das war es, wonach Johannes sich sehnte. O, könnte ich doch da hineinfliegen! dachte er dann bei sich. Was dort hinten wohl sein mag? Ob ich wohl je, jemals dahin werde gelangen können? ...

Doch so oft er sich das wünschte, fiel die Grotte in fahle dunkle Wölkchen zusammen, ohne daß er sich ihr zu nähern vermochte. Dann ward es kalt und feucht am Ufer des Teiches und er mußte sein dunkles Stübchen in dem alten Hause wieder aufsuchen.

Er wohnte dort nicht ganz allein; er hatte einen Vater, der gut für ihn sorgte, einen Hund, der Presto und einen Kater, der Simon hieß. Natürlich liebte er seinen Vater am meisten, aber Presto und Simon achtete er durchaus nicht so viel geringer, wie das ein Erwachsener tun würde. Ja, er vertraute Presto sogar mehr Geheimnisse an als seinem Vater, und Simon gegenüber empfand er eine ehrfurchtsvolle Scheu. Nun, und das war auch kein Wunder. Simon war ein großer Kater mit glänzend schwarzem Fell und einem dicken Schwanz. Man konnte es ihm ansehen, daß er von seiner eigenen Erhabenheit und Weisheit vollkommen überzeugt war. Er blieb stets vornehm und würdevoll, sogar dann, wenn er sich einmal dazu herabließ, einen Augenblick mit einem rollenden Korken zu spielen oder hinter einem Baum einen vergessenen Heringstopf zu verzehren.

Angesichts der tollen Ausgelassenheit Prestos kniff er verächtlich die grünen Augen zu und dachte: »Nun ja, die Hunde wissen es eben nicht besser.«

Könnt ihr es jetzt verstehen, daß Johannes Respekt vor ihm hatte? – Mit dem kleinen braunen Presto ging er viel vertraulicher um. Der war kein schönes oder vornehmes, dafür aber ein ganz besonders gutmütiges und kluges Hündchen, das sich niemals weiter als um zwei Schritte von Johannes entfernte und den Mitteilungen seines Herrn geduldig lauschte. Ich brauche euch wohl nicht zu sagen, wie sehr Johannes an Presto hing. Trotzdem aber war in seinem Herzen auch noch sehr viel Raum für andere. Findet ihr es merkwürdig, daß sein dunkles Schlafkämmerlein mit den kleinen Fensterscheiben darinnen auch einen großen Platz einnahm? Er liebte die Tapete mit den großen Blumengebilden, in denen er lauter Gesichter sah und deren Formen er so oft schon aufmerksam studiert hatte, wenn er krank war oder wenn er des Morgens wachend im Bett lag. Ganz besonders liebte er das eine kleine Gemälde, das dort hing und auf dem steife Spaziergänger abgebildet waren, die in einem noch steiferen Garten an spiegelglatten Teichen entlang wanderten, aus denen himmelhohe Fontänen aufspritzten und darinnen kokette Schwäne schwammen; – die große Wanduhr indessen liebte er am meisten. Er zog sie stets sorgfältig auf und hielt es für eine Pflicht der Höflichkeit, daß er sie ansah, während sie schlug. Das ging natürlich nur, so lange Johannes nicht schlief. War die Uhr durch irgend ein Versehen stehen geblieben, dann fühlte sich Johannes sehr schuldig und bat sie tausendmal um Verzeihung. Ihr würdet am Ende gar lachen, wenn ihr die Gespräche belauschen könntet, die er mit seinem Zimmer führte. Aber, gebt einmal acht, wie oft ihr mit euch selber sprecht! Das erscheint euch nicht im mindesten lächerlich. Überdies war Johannes davon überzeugt, daß seine Zuhörer ihn vollkommen begriffen; eine Antwort brauchte er nicht. Indessen wartete er doch wohl hin und wieder ganz heimlich auf eine Antwort von der Uhr oder von der Tapete.

Schulkameraden hatte Johannes wohl, aber Freunde konnte man sie eigentlich nicht nennen. Er spielte mit ihnen und zettelte in der Schule Verschwörungen mit ihnen an, und im Freien bildete er Räuberbanden mit ihnen, aber so recht zu Hause fühlte er sich erst, wenn er mit Presto allein war. Dann verlangte es ihn nimmer nach andern Knaben und er fühlte sich vollkommen frei und geborgen.

Sein Vater war ein weiser ernster Mann, der Johannes des öfteren mitnahm auf lange Streifzüge durch die Wälder und die Dünen; dann sprachen sie nur wenig und Johannes ging um etwa zehn Schritt hinter seinem Vater her und grüßte die Blumen, denen er auf seinem Wege begegnete und die alten Bäume, die immer und immer auf demselben Fleck stehen bleiben mußten, und freundlich strich er ihnen mit seiner kleinen Knabenhand über die rauhe Rinde. Und rauschend dankten ihm alsdann die gutmütigen Riesen.

Manchmal schrieb sein Vater während des Gehens Buchstaben in den Sand, einen nach dem andern, und Johannes buchstabierte dann die Worte, die sich formten, und hin und wieder machte der Vater auch wohl einen Augenblick Halt und lehrte Johannes den Namen einer Pflanze oder eines Tieres.

Und Johannes fragte auch oftmals, denn er sah und hörte viel Rätselhaftes. Dumme Fragen stellte er häufig: er fragte, warum die Welt so sei wie sie sei und warum die Tiere und Pflanzen sterben müßten, und ob Wunder geschehen konnten. Der Vater des kleinen Johannes war ein weiser Mann; er sagte nicht alles was er wußte, und das war gut für Johannes.

Des Abends vor dem Schlafengehen sprach Johannes stets ein langes Gebet. Das hatte ihn die Kinderfrau so gelehrt. Er betete für seinen Vater und für Presto. Simon habe es nicht nötig, meinte er. Er betete auch sehr lange für sich selber und den Schluß bildete meistens der Wunsch, es möge doch einmal ein Wunder geschehen. Und nachdem er das Amen gesprochen, blickte er gespannt in dem halbdunklen Stübchen umher, auf die Figuren der Tapete, die in dem matten Dämmerlicht noch seltsamer erschienen als sonst, auf die Türklinke und auf die Uhr, an der nun das Wunder sich vollziehen würde. Allein die Uhr tickte unaufhaltsam ihre nämliche Weise und die Türklinke rührte sich nicht. Es war völlig dunkel und Johannes fiel in Schlaf, ohne daß das Wunder gekommen.

Einmal aber würde es dennoch geschehen, das wußte er.

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