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Der kleine Blaue / Der Mann im Monde

Sven Elvestad: Der kleine Blaue / Der Mann im Monde - Kapitel 9
Quellenangabe
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typenovelette
authorSven Elvestad
titleDer kleine Blaue
publisherGeorg Müller in München
printrun1. - 10. Tausend
year1923
firstpub1923
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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VIII

Die Verhaftung

Im Laufe von fünf Minuten war Krag im Polizeigebäude.

»Ist die Frucht reif?« fragte der Polizeichef.

Krag nickte.

»Ich habe die Dame mit den stahlblauen Handschuhen gefunden,« sagte er. »Sie ist sofort in die Falle gegangen.«

»Wie denn?«

»Ich fragte sie nach einer roten Perücke, die der alte Zigarrenhändler Corneliussen in der Grönlandstraße zwei Tage vor dem Mord einer Dame verkauft hat.«

»Ich beginne zu verstehen. Können wir zur Verhaftung schreiten?«

»Sicherlich. Und so bald als möglich.«

»Wer soll arretiert werden?«

»Sekretär Ström und die Varietédame Bella.«

»Wen wollen Sie übernehmen?«

»Ich nehme Ström.«

»Gut, so bin ich für die Dame verantwortlich. Wo wohnt sie denn?«

Krag sah auf seine Uhr.

»In einer Viertelstunde geht der Zug nach dem Süden,« sagte er; »ich denke, da können Sie sie treffen. Sie kennen ihr Aussehen?«

»Ja, aber reist sie denn ab?«

Der Detektiv lächelte.

»Ich habe Ihnen doch erzählt, daß sie in die Falle gegangen ist,« sagte er; »aber das ging so zu, daß ich mich gleichzeitig verraten mußte. Jetzt ahnt sie das Ganze. Wahrscheinlich wird sie verduften wollen.«

Der Polizeichef gab seine Weisungen.

»Geben Sie mir drei Mann mit,« bat Krag.

»Fürchten Sie, daß der Sekretär Widerstand leisten wird?«

»Nein.«

»Was wollen Sie dann mit drei Mann?«

»Das werde ich Ihnen schon später erzählen. Jetzt gilt es nur, sich zu beeilen.«

Der Detektiv bekam seine drei Mann, bestieg eine Droschke und fuhr in das öffentliche Amt, wo der Sekretär angestellt war.

Als Krag dort vorfuhr, sprang er selbst rasch aus der Droschke, während er die drei Polizisten zurückließ. Er gab ihnen eine Weisung.

»Fahrt so rasch als irgend möglich«, sagte er, »in die Wohnung des Sekretärs Ström.«

Er gab ihnen die Adresse.

»Legt auf die ganze Wohnung Beschlag. Laßt niemand hinaus und niemand hinein. Sorgt dafür, daß drinnen an nichts gerührt wird.«

Die Polizisten fuhren davon, und Krag eilte in das Amt.

Er kam zuerst in einen Vorraum. Von dort in ein großes Bureau. Vor einem Mahagonipult saß Ström und blätterte in einem Stoß Dokumente. Der Sekretär sah Krag mit seinen kalten, fühllosen Steinaugen ganz ruhig an.

Krag bat um eine Unterredung unter vier Augen, und sie gingen in den Vorraum.

»Nun,« sagte der Sekretär ungeduldig, »was will die Polizei von mir?«

Krag zuckte zusammen.

»Sie kennen mich also?« fragte er.

»Ja.«

»Sehr wohl. Ich komme, um Sie zu arretieren.«

Sah der Detektiv fehl, oder wich nicht für eine Sekunde alles Blut aus dem Gesicht des Sekretärs?

Aber im nächsten Augenblick zeigte er jedenfalls das unverhohlenste Erstaunen.

»Mich arretieren,« rief er, »das ist doch das stärkste Stück, das ich noch erlebt habe! Was will denn da die Polizei schon wieder für eine Dummheit anstellen?«

Asbjörn Krag zuckte die Achseln.

»Die Sache ist eilig,« sagte er, »ich muß Sie bitten, mitzukommen.«

»Selbstverständlich. Sie haben ja Ihre Order zu befolgen.«

Ein unendlich höhnisches Lächeln kräuselte seine Lippen.

Er holte seinen Ueberrock, und die beiden gingen zusammen aus dem Hause und die Straße hinunter. Sie sprachen kein Wort miteinander.

Als sie im Polizeigebäude angelangt waren, saß die Varietédame schon da, blaß, nervös, und starrte ängstlich vor sich hin.

Der Sekretär stutzte, als er sie erblickte, aber er behielt seine Fassung vollständig bei. Er murmelte nur etwas von »dieser Polizei, die nicht einmal Damen in Frieden läßt«. Der Polizeichef saß da und wartete auf Krag. Er war sehr ernst.

»Wo haben Sie die Dame getroffen?« fragte der Detektiv.

»In einem Coupé erster Klasse des Kontinentalzuges, zwei Minuten vor dem Abgang.«

»Darf ich fragen, wessen man mich beschuldigt?« fragte der Sekretär. Er sah sehr geärgert aus.

»Des Mordes,« erwiderte der Polizeichef.

Der Sekretär lachte laut auf.

»Wirklich! Und wen soll ich getötet haben?«

»Den Wucherer Jaerven.«

»Den, der am Zwölften verschwunden ist?«

»Ganz richtig.«

»Aber am Zwölften war ich auf einer Amtsreise in Gotenburg. Ich kann mein Alibi nachweisen.«

Der Polizeichef sah zu Krag hinüber, der dastand und ironisch lächelte.

»Das habe ich mir gedacht,« sagte er ganz ruhig, »ein pfiffiger Plan.«

Und an den Sekretär gewendet, fragte er:

»Darf ich fragen, wann Sie nach Gotenburg fuhren?«

»Am Elften abends.«

»Direkt nach Gotenburg?«

»Nein, ich stieg in Fredrikshald aus, um den Geburtstag eines dortigen Freundes zu feiern. Ich war den ganzen Zwölften bis spät in die Nacht bei ihm und fuhr erst am nächsten Morgen nach Gotenburg.

Ich war also vom Elften bis zum Achtzehnten nachmittags von der Stadt abwesend. Jaerven verschwand doch am Zwölften abends, nicht wahr? Ich habe in den Zeitungen gelesen, daß er da fortging und seither nicht gesehen wurde. Bedarf es noch weiterer Beweise für diesen ganz unglaublichen Mißgriff der Polizei?

Kann vielleicht diese widerliche Komödie jetzt ein Ende haben?«

Der Polizeichef wurde von dem festen, ruhigen Auftreten des Sekretärs ein wenig unsicher.

Er begann ein flüsterndes Gespräch mit Krag.

»Glauben Sie, daß das, was er sagt, richtig ist?« fragte er.

»Zweifellos,« erwiderte der Detektiv.

»Sie behaupten ja, daß der Mord am Elften abends begangen worden ist, und da kann der Sekretär ja doch der Mörder sein.«

»Der Mord ist am Elften begangen worden.«

»Aber es wird schwer für uns sein, das zu beweisen.«

»Durchaus nicht.«

»Die Leute haben doch Jaerven am Zwölften in seinem Zimmer gesehen. Die Witwe sah ihn hinausgehen. Einer seiner Kunden sah ihn durchs Schlüsselloch.«

»Das war er nicht.«

»Selbstverständlich nicht. Aber wir können das Gegenteil nicht beweisen.«

»Ich kann es beweisen. Aber ich brauche eine halbe Stunde.«

»Bewilligt! Glückauf!«

Krag nahm seinen Hut und ging.

Der Polizeichef sagte:

»Bis Asbjörn Krag zurückkommt, kann das Verhör nicht fortgesetzt werden. Wollen Sie inzwischen Platz nehmen!«

Sehr unwillig setzte sich der Sekretär.

Der Polizeichef sorgte dafür, daß er der Varietédame nicht so nahe kam, daß sie miteinander plaudern konnten.

Es vergingen zehn Minuten über eine halbe Stunde, bis Krag zurückkehrte.

Der Polizeichef sah ihm sofort am Gesicht an, daß etwas sich ereignet hatte.

Der Sekretär erhob sich, er schien etwas von seiner zuversichtlichen Sicherheit eingebüßt zu haben.

Krag ging auf ihn zu und sah ihm ins Gesicht.

»Sie sind mit Ihren Schachfiguren gut gezogen, Mörder,« sagte er, »aber ich werde Sie doch matt machen.«

Dann wendete er sich an den Polizeichef und reichte ihm ein längliches Kuvert, das anscheinend Dokumente enthielt.

»Wissen Sie, was das ist?« fragte der Detektiv.

»Nein.«

»Das ist der ›kleine Blaue‹.«

Ein Schrei ertönte. Es war die schöne Bella. Sie war leichenblaß geworden.

Der Sekretär taumelte einige Schritte zurück.

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