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Der kleine Blaue / Der Mann im Monde

Sven Elvestad: Der kleine Blaue / Der Mann im Monde - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenovelette
authorSven Elvestad
titleDer kleine Blaue
publisherGeorg Müller in München
printrun1. - 10. Tausend
year1923
firstpub1923
translatorMarie Franzos
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120206
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XI.

Diplomatisch

Wir befinden uns in der Polizeistation in Christiania, in dem Kontor des Chefs des Sicherheitsbureaus.

Der Chef geht nervös auf und ab, setzt sich dann nieder, um in einigen Papieren zu wühlen, springt wieder auf, stellt sich an das Fenster und sieht auf den Marktplatz hinaus, wo das Morgenleben pulsiert.

Er sieht auf die Uhr.

Es ist halb neun.

Einen Augenblick darauf klingelt er.

Ein junger Detektiv in Zivil kommt herein.

»Noch keine Mitteilung von Krag?« fragte der Chef.

»Nein.«

»Das fängt an, unheimlich zu werden. Kann Barra doch noch entwischt sein?«

»Nicht unmöglich. Es ist Nebel im Fjord.«

Der Polizist nahm einige geöffnete Telegramme, die auf seinem Tische lagen, und las sie noch einmal durch.

Es waren die Telegramme aus Moß und Horten, die die verschiedenen Schritte meldeten, welche Krag unternommen hatte.

Der Chef sah in Gedanken, wie sein bester Mann rasch und geistesgegenwärtig und klar berechnend dem fliehenden Ingenieur nachgesetzt war. Und welche Mittel hatte er nicht angewendet! Der Chef mußte lächeln. Wie das Krag ähnlich sah: zwei Torpedoboote, einen Extrazug, einen Admiral. Ja, er spielte kühn, wenn er erst Karten in der Hand hatte. Aber sollte es ihm doch mißlungen sein?

»Ein Telegramm.«

»Ah!« Der Chef griff ungeduldig danach. War es von Krag? – Aber nein! Dieses Telegramm war von M. Lecroi, dem Chef der Pariser Polizei, unterzeichnet. Auch dorthin war auf Krags Veranlassung eine telegraphische Anfrage mit dem Signalement des Ingenieurs Barra gesendet worden.

M. Lecroi telegraphierte:

»Aus wichtigen Gründen interessiert es die Pariser Polizei, nähere und erschöpfende Mitteilungen über Ingenieur Barra zu erhalten, weshalb auch ein paar unserer tüchtigsten Detektive soeben nach Christiania abgereist sind. Die dortige Ortspolizei wird gebeten, ihnen alles, was sie weiß, zur Verfügung zu stellen. Barra ist ein genialer Ingenieur und, obwohl vielleicht der erste Erfinder der Zeit, ein gefährlicher Anarchist. Experimentiert besonders mit neuen Sprengstoffen. Hat der französischen Marine Torpedoverbesserungen für hunderttausend Franken verkauft und wurde unter jetzt verletzten Bedingungen für seine Verbrechen begnadigt. Näheres durch den Gesandten in Christiania.«

Das sieht ja nach einer Persönlichkeit von politischer Bedeutung aus, dachte der Chef des Sicherheitsbureaus. Uebrigens sollten die Herren Franzosen nicht so überlegen von unserer »dortigen Ortspolizei« sprechen. Ich möchte wissen, ob einer von ihnen Asbjörn Krag diese Festnahme nachmachen könnte, – wenn sie ihm nur auch geglückt ist, fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu.

Endlich – gegen zwei Uhr nachmittags kam die sehnsüchtig erwartete telegraphische Botschaft von Asbjörn Krag. Das Telegramm versetzte den Chef in einen Taumel des Entzückens, der wenig mit dem sonstigen Auftreten des ernsten Polizeigewaltigen übereinstimmte. Er rief alle Anwesenden der Detektivabteilung zusammen, schwang das Telegramm triumphierend über seinem Kopf und rief:

»Hab' ich's nicht gedacht! Krag hat gesiegt. Barra und seine Bande ist gefaßt.«

Das Telegramm von Langesund ging nun von Hand zu Hand und wurde mit ebenso großem Interesse wie Aufmerksamkeit gelesen.

»Hier angekommen. Barra und seine Mitschuldigen gefaßt. Das Gold gerettet. Wir unterwegs Christiania. Erwartet uns Kaiserbrücke. Krag.«

Und nun wich der Chef des Sicherheitsbureaus von aller hergebrachten Regel ab und stellte sich selbst an die Spitze seines Personals, um an einem der nächsten Abende eine festliche Veranstaltung für Krag abzuhalten. In Wahrheit, er verdiente es, und alle konnten auch aus seinem interessanten Bericht, wie er diese schwierige Affäre gelöst hatte, lernen. Vielleicht auch die zwei »berühmten« französischen Detektive, wenn sie herkamen. Man konnte ihnen ja einen Dolmetscher spendieren, lachte der Chef und rieb sich die Hände. Niemand konnte sich erinnern, ihn so vergnügt gesehen zu haben, wie an diesem Morgen. Und er hatte allen Grund, sich obenauf zu fühlen.

Der Direktor der Bank, an der der Diebstahl begangen worden war, hatte einen tüchtigen Morgenschrecken gehabt.

Schon um drei Uhr nachts wurde der Präsident der Direktion geweckt und bekam von der Polizei die Mitteilung von Barras Raub des Eisenbahnwagens und seines Goldinhaltes. Er konnte vorläufig nichts anderes in der Sache tun, als schon von seiten der Polizei geschehen war. Doch gleich am nächsten Morgen rief er die übrigen Direktionsmitglieder der Bank zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Er berichtete über die näheren Umstände des Raubes, die ungewöhnliche Höhe des Betrages und konstatierte, daß die Stellung der Bank ernstlich erschüttert war, wenn es dazu kam, daß sie diesen ganz unvorhergesehenen Verlust tragen mußte.

Die Direktion beschloß beisammenzubleiben und nähere Nachrichten der Polizei abzuwarten, bevor ein weiterer Schritt unternommen wurde. Und endlich erreichte sie auch die Nachricht von Krags geglückter Expedition.

Die Bank war gerettet!

Am Nachmittage traf Krag mit seinem Fang in Christiania ein.

An der Brücke wurde er, außer von dem Chef des Sicherheitsbureaus an der Spitze zahlreicher Polizisten, auch noch von einem Legationsrat der französischen Gesandtschaft der Hauptstadt erwartet.

Der Chef teilte Asbjörn Krag mit, daß die Verhandlungen über Ingenieur Barra sich im Laufe des Tages mit rasender Schnelligkeit entwickelt hatten und zu einer ausschließlich diplomatischen Affäre geworden waren. Es war nun nichts anderes zu tun, als ihn auszuliefern, sowie die französischen Detektive eintrafen, um ihn nach seinem alten Schauplatz zurückzubringen.

Der französische Legationssekretär hatte noch ein Gespräch unter vier Augen mit Krag, wobei es sich für ihn darum handelte, zu erfahren, ob Barra vielleicht etwaige Geheimnisse dazu benützt hatte, Krag zu überreden.

Krag gab eine genaue Darstellung von allem, was Barra gesagt und getan hatte, und der Diplomat stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, seine Staatsgeheimnisse unversehrt zu wissen.

Einige Abende später wurde der Rotbärtige unter sorgsamer Bewachung der französischen Detektive zu dem Zug gebracht. Sie nahmen ein ganzes Coupé für sich allein. Auch Asbjörn Krag war auf dem Perron zugegen. Als der Zug eben aus der Halle fuhr, lehnte sich Ingenieur Barra zum Coupéfenster hinaus und sagte mit seinem unergründlichen Lächeln zu Krag:

»Der Mann im Monde wünscht Sie in einer schönen Nacht wiederzusehen, Herr Detektiv.«

Zwei Monate später erfuhr Krag, daß Ingenieur Barra wegen Mordes und Betruges zur lebenslänglichen Deportation auf die Teufelsinsel verurteilt worden war.

Wie lange diese Lebenslänglichkeit wohl dauern wird? dachte Krag bei sich selbst.

Bei derselben Gelegenheit bekam Krag jenes Kreuz der Ehrenlegion, das er gerne bei feierlichen Anlässen trägt, so wie es auf der Straße bis vor kurzem einen Mann gab, der Krag mit auserlesener Höflichkeit und Aufmerksamkeit zu grüßen pflegte.

Das war der jetzt versetzte französische Diplomat, der in Asbjörn Krags Person Respekt vor der norwegischen Detektivpolizei bekommen hatte.

 


 

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