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Der Kinderball

: Der Kinderball - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorAbraham Manuel Frhlich
booktitleSchweizerische Erzhlungen
titleDer Kinderball
publisherFriedrich Schulthe
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Eine Gesellschaft wandernder Musiker ruhte an einem warmen Frühlingstage im Walde, auf den Höhen ob ihrem vaterländischen Rheine. Hugo, ihr Führer, hatte sich schon lange wieder nach Deutschland zurückgesehnt; er suchte, wenn er den Winter in Süden oder Norden zugebracht, den Mai in deutschen Gauen zu feiern. Vergnüglich lagen die Freunde im Schatten und Blumen auf einer Waldwiese, neben der einsamen Schenke, wo sie einen Schatz alten Weines gefunden, dessen Pracht sie nun an der Sonne leuchten ließen. Die linden Zweige der sich über ihnen wölbenden Buchen, die durch den Wald glitzernden rothen Lichter, die Maien-Wolken und der blaue Himmel spiegelten sich im dunkeln Purpur, der die Flaschen füllte. Es war den Fröhlichen, als sögen sie aus demselben den ganzen Frühling mit all seiner Kraft und Fülle in sich. Sie ließen sich von ihrem Diener aus dem Wagen, der ihnen die Instrumente nachfühlte, die Geigen reichen und sangen, sich selbst begleitend, folgendes Lied:

»Wir fahrenden Sänger sind arm und reich:
Ja Vögel der Lüfte, die sind uns gleich:
Sie wohnen im Halmen,
Sie thronen auf Palmen,
Sie suchen das grünende Schattendach,
Sie ziehen dem Frühling und Sommer nach.

Wir ziehen dem Frühling und Sommer nach.
Und allwärts und nirgend ist unser Dach:
Wir siedeln uns wieder
Und fiedeln die Lieder;
Wer jung noch und lustig, der lädt uns ein,
Da funkelt der Saal und der goldne Wein.

Wir singen und fiedeln, dann schlägt das Herz,
Wie wann sich verkündigt der laue März:
Man grüßt sich in Reigen,
Man küßt sich zu eigen.
Wir haben der Weisen, ihr Zaubersang
Vergisset sich nimmer das Leben lang.

Die prangenden Gärten, die Waldesblum'
Sind nm der Genießenden Eigenthum:
Mit Singen erheben
Und bringen wir Leben;
Wie Frühling, so Purpur und Gold und Wein
Erblühen und glühen im Lied allein.

Auch Reiche verlassen ihr Marmorhaus,
Nur zieh« sie nicht freudig wie wir daraus:
Beisammen im Grabe
Liegt Namen und Habe;
Der wandelnde Sänger, muß er auch fort.
Lang wandert sein Lied noch von Ort zu Ort.«

»Das ist wohl schön, Johannes«, sagte Hugo, indem er sich zu dem schon ergrauten Violoncellisten wandte, »Dein munteres Lied hat uns schon oft bei allen Demüthigungen, die uns Menschen und Umstände zudachten, wieder zum heitern Selbstgefühl verholfen, zu einem glänzenden Contrapunkt, mit dem wir das abgeleierte Thema des Alltagslebens erfrischten und in Schwung brachten und merken ließen, daß auch wir Etwas zu bedeuten und zu sagen haben. Aber gestehen wir nur auch, es gelingt uns nicht immer, ab der holperigen Prosa unsers Wanderlebens in die Poesie einzulenken; und – Ihr werdet es launenhaft finden – gerade in diesen lieblichen Gegenden, in die ich mich so lange zurückgewünscht hatte, will mir unser Beruf immer mehr verleiden. Wahrlich, wenn ich heute irgendwo auch nur Dorfschulmeister werden konnte, ich sagte Euch Lebewohl.« Johannes, um darauf zu antworten, griff arpeggierend wie zu einem Recitativ-Akkorde, und sang:

»Ja, wieder weht durchs Land des Weines Blüthe,
Da trübt sich mit dem Wein des Freunds Gemüthe,
Da fühlet wie der Wein er sich gefangen;
Nach Heimat-Hügeln treibt ihn ein Verlangen,
Wo er mit seinem Schatze einst gegangen,
Cäcilia war dorten ihm erschienen,
Die Göttliche, in eines Mädchens Mienen,
Und er verlobte sich, ihr treu zu dienen.
Doch als er sie zur Hausfrau wollte haben,
Wandt' sie sich ab vom ungestümen Knaben,
Hat ihren Stand und Namen umgewandelt.
Ist weit mit einem Andern weggewandelt.
Und Heimweh ist Dir, Hugo, nur geblieben,
Ihr stets zu folgen, ewig sie zu lieben,
Sie aufzusuchen in den Landen allen.
Und wir, die länger schon so mit dir wallen,
Wir helfen Dir getreulich suchen, fragen,
Und hoffen stets und wollen nicht verzagen.
In deutschen Gauen, hier bei deutschen Frauen,
Ist sie gewiß noch endlich zu erschauen;
Drum fühlest Du so bang Dein Herze schlagen:
Auf! sei getrost, wir wollen weiter fragen.
Sie wandelt sich in jenes Mädchen wieder
Und dankt mit Küssen Dir der Treue Lieder.
Derhalben gieb dem Gram Dich nicht zu eigen,
Laß aufwärts nicht die alten Hefen steigen
Und trübe nicht der Melodieen Quelle;
Hell rinne sie wie dieses Purpurs Welle!«

»Hell rinne sie wie dieses Purpurs Welle!« sangen die Andern im Chor, daß der Wald widerhallte; auch Hugo's Mienen erheiterten sich und sein Glas erklang. »Ja wohl«, sagte er, »ist Geben seliger denn Empfangen; wir bereiten überall Freuden, und bringen Sonnenschein in die düstern Tage und gehen wie der Sonnenschein von dannen, wo wir geholfen, Blüthen erwecken und Früchte reifen, und treten auch oft aus dem Himmelblau der Freude in Nebel und Wolkenblau hinein. Aber unsre Poesie will mir wie Leichtsinn vorkommen. Ja wenn man wie die Sonne da oben den Staub nicht berühren müßte und den Fuß nicht nässen, da ließe sich wohl ein Leben so durchwandern. Und doch hatten auch die Götter ihre Begleiterinnen, und wir feiern Hochzeiten auf Hochzeiten, singen für den Bräutigam Lust und Wonne und keiner von uns führet die Braut heim. In die Länge geht das doch nicht mehr. Meine Cäcilia finde ich freilich nimmer, trotz der Prophezeiung des Johannes; aber öffnet sich mir irgendwo eine freundliche Hütte unter deutschen Bäumen, so müßt Ihr Euch einen andern ersten Geiger suchen, und wie sollte sich der nicht finden?«

»Bist Du denn ein bloßer Geiger«, sagte Viktor, der zweite Violonist; »wodurch ist denn unser Quartett zu Namen gekommen? Nicht einzig durch unser Spiel; es sind Deine Kompositionen, Hugo, und Johannes Lieder, die uns überall willkommen machen; durch Euch können wir immerdar eigenthümliche und neue Gaben reichen, die alltägliche Gelegenheit zum Feste erhöhen, die stummen Zuhörer zu frohem Selbstbewußtsein erheben, oder ihren Gefühlen Ton und Wort verleihen und eine andre Würze zu ihren Feierlichkeiten bringen, als das bloße Essen und Trinken ist. Man verlangt ja eher von uns unsre eigenthümlichen Compositionen und Lieder, als daß wir ihnen Quartette vortragen von Haydn oder Beethoven oder Onslow; so tief Ihr Beide uns auch in den Geist dieser Künstler eingeführt habt, ohne Dich, Hugo, bin ich ein todtes Instrument. Gehst Du von uns, so müssen wir die Sklavendienste suchen beim Sultan einer Kapelle oder eines Theaters und da den Launen eines Hofes dienen. Lieber wollte ich von Schenke zu Schenke wandern! So aber sind wir eine fürstliche Kapelle und sind die Fürsten selber, und musiziren, wann und wie es uns gefällt. Führst Du uns eine Fürstin her, wie sollten wir derselben nicht auch willig dienen?«

»Und was würde aus mir werden«, sagte der Bratschist, der stille, alternde Gottfried; »recht was im Wesen die einzeln spielende Bratsche ist, eine einsam klagende; auf keiner Seite, weder oben noch unten, findet sie allein den Widerklang; ja sie ist selber nur ferne und dumpfe Erinnerung verschwundener Reigen, ein verlassenes Echo, dem kein Hirtenknabe mehr entgegenjauchzt.«

»Ich lasse Dich nie, Du lieber Gottfried«, entgegnete Johannes, »Werden wir verlassen, so durchziehen wir das Land als zwei Invaliden, spielen Komödie und singen grausame Geschichten, und so lang mir für Tauf- und Leichenmahl, für Hochzeit und Fastnacht die Verse nicht ausgehen, wird es auch der Trunk nicht. Hilft alles nicht, so lasse ich den weißen Bart wachsen, schlage einen Purpurmantel um, stelle mich blind und lerne empfindsame Stücke auf der Harfe klimpern, gewöhne meinen Mund noch an etwelche gemeine Witze, studire das Ueberraschungs-Handwerk bei unsern neuesten Schriftstellern und setze mit allerlei Zauber die Leute in Erstaunen. – Doch ehe wir uns trennen und ich solch neuen Lebens- und Glückslauf beginne, wollen wir heute noch jenes Schloß besuchen, das so stattlich über den Wald her glänzt. Die vergoldeten Thürmchen sind ja recht wie hinaufwinkende, mit Brillanten gezierte Finger.«

»Und welch eine Fülle von Sonnenschein und Kraft muß von den breiten und langen Rebhalden in die Keller des Schlosses gequollen sein«, sagte Viktor, »es selber schimmert und glitzert in der Runde über dem Hügel, wie ein bekränzter Becher!«

»Herrlich muß es in der Halle dort klingen, die mit ihren großen Bogenfenstern gegen das Thal schaut«, meinte Gottfried.

»Ja«, rief Hugo, »wir wollen den rechten Duft in die Schattengänge und Gärten hinauftragen.«

Johannes aber harfenirte noch auf seinem Instrumente und sang dazu:

»Und wohnen schöne Töchterlein
Im Schloß und edle Frauen:
Die leuchten uns noch besser ein
Als selber Wald und Auen.
Zu sehen kann doch Greis und Knab'
Nichts Herrlicheres wählen,
Als durch ein schönes Aug' hinab
Zum Grunde schöner Seelen.«

Je näher sie nun dem Schlosse kamen, desto mehr verkündete sich Reichthum und Geschmack. Der in sanften Windungen hinaufsteigende Weg fühlte durch Buchenwäldchen und Rebenlauben, und unter schattigen Bäumen, bei Brunnen und Quellen, öffneten sich lachende Durchsichten bald in dieses, bald in jenes der Thäler, in welche alle das Schloß als von einem Mittelpunkt aus hineinschaute. Im Hause des Pächters der Schloßgüter fanden die Freunde Gelegenheit, ihren Wagen einzustellen und sich zum Auftreten bereit zu machen. Sie vernahmen auch, daß die Herrschaft anzutreffen sei.

Ein Gang duftender Linden führte sie nun in den großen Garten. Hier sprudelten und sprangen unter den kühlen Schatten reiche und klare Quellen und thaute die üppigste Blumenwelt; Wohlgerüche von Zitronen und Orangen wehte ihnen wie Luft aus den ihnen bekannten südlichen Ländern; die Reize der im Hinaufsteigen genossenen einzelnen Aussichten waren hier zu Einem großen Gemälde vereinigt. Aber wie zur Nachtstunde war's stille im Garten, nur hin und wieder zeigte sich ein Diener mit der Pflege von Blumen und Bäumen beschäftigt. Auch an den Fenstern, zu denen die Freunde emporschauten, erschien kein Gesicht.

»Da thut's Noth, Leben hineinzubringen«, sagte Johannes. »Das sieht ja aus, wie eine herrlich geschriebene und köstlich gebundene Partitur und ist Niemand da, der den Geist der Zauberschrift erschließt und laut werden läßt.«

So traten sie die große Treppe hinan und kamen in die Vorhalle, aus der links und rechts hohe Gänge in die Gemächer führten und breite Treppen in die obern Theile des Schlosses. Vor ihnen aber in der Mitte der Halle standen die Flügelthüren eines halbgeöffnet gewölbten Marmorsaales mit den großen Bogenfenstern, die ihnen zum Thal hinab geschimmert hatten.

»Wir sind am rechten Ort!« sagten sie mit einander. Denn ein Quartett-Pult stand in der Mitte des Saales unter einem Leuchter. Büsten von Tonkünstlern waren an den Wänden aufgestellt. Ein Flügel stand offen; köstliche Geigen lagen umher. Sie traten ein. Niemand aus dem Schlosse ließ sich sehen. Ein Manuskript war aufgelegt; für den ersten Geiger die Partitur selber. »Das scheint gute Arbeit«, sagte Hugo, der die ersten Linien gelesen hatte. »Wo das gefällt«, meinte Johannes, »da gefallen auch wir. Wohlan, wir wollen es spielen; dieß ist so anständig, als wenn wir die Klingel ziehen.«

Sogleich setzten sie sich in Bereitschaft und überschauten ihre Stimme. Als auch Hugo mit schnell fassendem Blick den ersten Satz gelesen, gab er das Tempo, und in einem Zuge, ohne Stottern und Anstoß spielten sie das Allegro, wie der fertige Vorleser auch ein noch nie gesehenes Werk während des Lesens geistig erfaßt und richtig, selber seelenvoll vorträgt und die Kunst versteht, gleich dem Orchesterleiter mehrere Linien zugleich anzusehen, schon aus dem Anfange der Perioden ihren Bau und Schluß erkennt und seine Stimme modulirt, Licht und Schatten, An- und Abspannung ermißt.

Sie horchten. Niemand im Hause wollte sich regen. Niemand erschien. Ihr an der Thüre stehender Diener berichtete: er habe bloß zwei Thüren öffnen hören.

»Spielen wir weiter«, sagte Hugo, auch das Adagio überlesend, »die Arbeit ist interessant.« »Sie ist die eines Verliebten«, meinte Johannes, der in die Partitur schaute und im Ueberblick einen Begriff der Fügung des Ganzen zu erhalten suchte. »Das Thema des Allegro war eine Liebeserklärung; nachdem sie der Freier mit froher Zuversicht und Innigkeit vorgetragen und dann von lang genährter Sehnsucht redete, unterstützten auch wir, seine Freunde, einer nach dem andern, als Brautwerber die Liebesbitte, und helfen in die Wette von alter Ergebenheit und Treue erzählen.«

»Du bist doch unverbesserlich«, sagte Hugo, »daß Dir die Musik nur gefällt, ja daß Du sie nur dann zu verstehen scheinst, wenn Deine Phantasie ihr einen Text zu unterlegen weiß, statt Dich rein nur am neuen Gedanken und seiner Fügung, an der Größe oder Anmuth, Reinheit und Symmetrie des Bau's zu erfreuen. Es ist ja fast, als ob Dir die Inschrift am Gebäude erst die Freude an demselben gäbe.« »Nein«, erwiederte Johannes, »aber ich sehe gern Menschengesichter in den Fenstern und Hallen, und aus denen dieses Allegro schaut ein Verliebter. Im Adagio wird er nach seiner Bitte wohl auf Antwort warten.«

Sie spielten auch diesen Satz. »Ja, ja«, sagte Johannes, als sich noch niemand aus dem Schlosse wollte sehen lassen, »der Liebhaber wandelt in diesem Adagio, wählend er auf Antwort harret, durch seinen Garten; die Amsel singt in heller Freude, die Nachtigall in banger Wehmuth.« »Es ist«, meinte Gottfried, »ein andächtiges Gebet um Ergebung,« Ein unendliches Flehen, ein Umfassen von Knie und Hand wollte Viktor darin vernommen haben. »Es ist das Alles und ist es auch nicht«, sagte Hugo, »es ist ein aus zwei Elementen meisterhaft gewobenes Adagio.«

»Nun fang' ich das Scherzo an«, fuhr Johannes fort; »das Thema ist Erhörung, Wonne und Jubel. Ich mit der Baßstimme habe, wie es scheint, als Mann überall die Hauptstimme und führe als Bräutigam den Reigen, ihr werdet die sich mitfreuenden Hochzeitleute sein.« Als sie es gespielt hatten, sagte er: »Hatte ich nicht Recht, und hast Du, Gottfried, nicht die Rolle der Braut gespielt? Die Braut muß eine Altstimme sein; das ist ja ein Lieben und Kosen zwischen uns beiden, während die andern uns mit Glückwünschen, als mit Blumen und Kränzen überschütten.«

Der Diener meldete, es seien ein Herr und eine Dame in den Gang getreten.

Es war der Gutsherr und seine Schwester Adelheid. Beide hatten beim Beginn der Musik die Thüren ihrer Zimmer geöffnet. Jedes glaubte, das Andere habe ihm diese Ueberraschung bereitet und Virtuosen bestellt, um einmal dieß Quartett, eine Composition des Gutsherrn, vollkommen zu hören. Beide eilten sich nach dem Schlusse desselben entgegen, um sich zu danken. Kaum hatten sie sich erklärt und die gegenseitige Täuschung erkannt, als die Musik wieder begann.

Hugo hatte Beethovens letztes Quartett aus Cis-moll aufgelegt; »denn«, sagte er, »wo man ein solches Manuskript versteht und uns nun wirklich Gehör geschenkt wird, da kann man sich auch an dieser Apokalypsis des Meisters erbauen.«

Die Geschwister horchten zu in tiefer Andacht, denn bisher hatten sie das ihnen bekannte Werk nur theilweise und unvollständig genossen und jetzt hörten sie es mit klarem Verstände, mit Fertigkeit und Uebereinstimmung vortragen. Erst mit dem Schlusse desselben traten sie in den Saal und waren nicht weniger überrascht, vier ihnen ganz unbekannte Künstler anzutreffen.

Bald hatten sich aber diese leicht und geistreich nach Künstler Weise entschuldigt, und sahen sich als willkommene Gäste begrüßt. »Aus der benachbarten Stadt«, sagte der Gutsherr, »kann ich nur bisweilen und auf kurze Zeit einige Liebhaber bei mir sehen. Ich Verlasse meine Wohnung ungern und doch ist mir Musik ein tägliches Bedürfniß, daß mir sogar Lückenbüßer wie gerufen kommen, und ich das vorliegende Quartett schon seit geraumer Zeit mit meinem Pfarrer und Kaplan einstudirte, wobei dann meine Schwester am Flügel Aushülfe leistet. Ueberdieß könnten Sie nicht gelegener hier eingetroffen sein, meine Herren, denn dieses Quartett, für eine festliche Gelegenheit geschrieben, hätten wir auch nach monatelanger Uebung nicht mit der Fertigkeit vorgetragen, wie Sie jetzt vom Blatte weg.«

Bald waren die Künstler in dem Schlosse einheimisch. Die mannigfaltigsten Musikgenüsse füllten ihre Morgen und Abende. Hugo fand im Gutsherrn einen geistreichen Componisten und gelehrten Kunstkenner und in dessen Schränken eine reiche Sammlung der besten bekannten Werke und seltener Handschriften auch aus früheren Zeiten. Johannes erfreute sich der in der Bibliothek aufgestellten Dichter und durch Vorlesen auch eigener Arbeiten, die ihm hier wieder reichlich geriethen, brachte er neuen Reiz in die Musik. Gottfried fühlte sich selig in dieser Behaglichkeit, und während die andern studirten und sangen, saß er in der Hauskapelle oder lag unter Bäumen im Schatten, bei Blumen und Quellen an der Sonne, oder spielte mit den Kindern der Nachbarn, Viktor aber mit seiner süßen Geige und seinem klangreichen Tenor fand sich am öftesten mit Adelheid singend und spielend am Flügel.

Die Anwesenheit der Adelheid erhielt überhaupt bei den Männern jene Aufmerksamkeit, jenes Bestreben, stets wohlgefällig zu erscheinen und zum allgemeinen Genusse Eigentümliches beizutragen, es anzuerkennen, hervorzuheben, durch Wiederholen, tieferes Eindringen, milde Kritik zum Gesellschaftsgute zu machen, was jeden freundschaftlichen und künstlerischen Verein erst zu einem solchen macht. Es war so nicht leicht zu entscheiden, ob sich der graulockige Johannes oder der blühende Viktor eifriger um Adelheidens Gunst bewarben.

Auch der Gutsherr fühlte sich zumal in der Freundschaft Hugo's beglückt, und ans Abreisen sollten nun die Künstler für einmal gar nicht denken.

Jenes Fest, für das der Gutsherr das Quartett geschrieben, wurde veranstaltet. Er wollte es einer Freundin seiner Schwester geben, einer jungen Nachbarin, die jüngst den Witwenschleier abgelegt hatte, und eben zur Feier dieses Ereignisses. Denn auch sie war Kennerin der Musik, und die Kunst sollte, wie Johannes das errathen, des Gutsherrn Brautwerberin sein.

Er hatte in jüngster Zeit noch mancherlei auf diese Gelegenheit componirt, auch eine Reihe von Tänzen, die ihm in der glücklichen Stimmung seiner musikalischen Genüsse besonders gelungen waren. Denn auch ein Ball sollte das Fest beleben und zwar ein Kinderball; der Gäste waren viele geladen, und die Frauen sollten ihre Knaben und Mädchen mitbringen als Gespielinnen des Mädchens der Wittwe. Es war dem Gutsherrn dieß überhaupt ein großes Vergnügen, Kindern Freude zu bereiten, und oft lud er die seiner Freunde in der Umgegend zu sich, zumal sein Schloß Raum genug bot, eine beträchtliche Gesellschaft bequem zu beherbergen.

Auch Johannes freute sich auf die Kinderwelt und auf das regere Leben, das nun einige Tage auf dem Schlosse walten sollte. Er war auf seinem Wanderleben zu sehr daran gewöhnt, täglich viele Menschen und die verschiedensten Leute um sich zu sehen, die Feste des Landes mitzumachen, sich an fröhlichen Augen zu vergnügen und durch Witz und Laune, durch Spiel und Sang große Kreise zu erheitern, als daß er sich so bald in eine beschränktere Einsamkeit hätte finden können. Am Morgen, an welchem die Gäste erwartet wurden, war er schon bei Zeiten mit Gottfried den Berg hinunter und den Heranfahrenden entgegen gegangen und hatte es übernommen, die, welche Lust hatten, die Höhe hinaufzusteigen, auf Nebenwegen durch neue Anlagen zu führen.

Die Kinder voraus waren bereit, aus den beengenden Wagen zu springen und dem lustigen Alten zu folgen. Noch ehe sie ins Schloß traten, waren schon alle mit ihm vertraut, und nach der Mahlzeit suchten sie ihn wieder zu ihren Spielen.

Es sollte nach derselben als Gruß und Einleitung zu musikalischen Genüssen eine Composition des Gutsherrn aufgeführt werden, aber noch war die Fürstin des Festes nicht angekommen und ließ sich erst auf den Abend erwarten; andere Musik und Kurzweil war nun das Vergnügen des schnell vorüber gegangenen Mittags.

Am Abend versammelte sich die ansehnliche Gesellschaft Väter und Mütter, die erwachsenen Söhne und Töchter, auch etliche Matronen und Großväter, heiter gestimmt, dem Kindertanze zuzusehen im kühlen Gartensaale.

Es war ein schöner Raum in den reinsten Verhältnissen gebaut; rings an den Wänden Freskomalereien, die Landestrachten darstellend, in zierlichen Gruppen den Verhältnissen des Landlebens enthoben und dasselbe in reizenden Erscheinungen schildernd: eine Ruhestunde der Feldarbeiter, eine Bergfahrt, ein Ernte- und Winzerfest. Die Musik war in eine Laube hinter Zweige und Blumen versteckt. Der Gutsherr mochte die Kunstfreunde nicht wie gewöhnliche Geiger auf einem Gerüste erscheinen lassen und durch dieses auch nicht den Saal verunstalten. Sie hatten übrigens, selber verhüllt, doch durch Laub und Blatt einen Blick in den Saal und auf die Vorüberschwebenden.

Der Tanz hatte begonnen. Unbefangen hüpften die Paare der kleineren Kinder dahin; viele, auch ohne tanzen gelernt zu haben, schon im richtigen Gefühle des Taktes, sich selber eins das andere leitend oder auch bisweilen irrend und aus der Bahn führend; andere, nur des Drehens und Springens froh, ohne auf die übrigen zu schauen oder auf die Töne zu horchen, durchschwärmten den Saal und die geordneten Reihen, in denen sie sich noch nicht erhalten konnten, und umspielten zwanglos den Reigen; etliche thaten sich Etwas darauf zu gut, mit den Größeren Schritt zu halten, setzten nach dem Maße ihre Füßchen und schwangen sich lustig wie Genien, oder wie man sich Feen und Sylphen denken mag: ein reizender Anblick, diese leichten und niedlichen Formen, die Lockenköpfe und runden Gesichter, der lachende kleine Mund, alle Anmuth der Kunst und doch die sich selber unbewußte, unbefangene Natur! Dann die etwas ältern Knaben und Mädchen, schon in den künstlichen Formen und Wendungen des Tanzens geübt, aber dem Vergnügen ganz hingegeben und der unschuldigsten Freude gegenseitigen Wohlgefallens, die Regel oft vergessend, über den einfachen und schlichten Tanz am meisten erfreut und noch unbekümmert um Lob oder Tadel, nur hin und wieder eines auf Mutter oder Schwester hinblickend, der Mahnungen, auf Haltung und Bewegung zu achten, Unschönes zu vermeiden, wieder eingedenk, alle in unermüdlicher Munterkeit. Endlich die Jünglinge und Töchter, wie sie schon Zuneigung sich zeigten, daß sich die nämlichen Paare öfter wieder fanden, oder die Knaben um ein besonders blühend Mädchen sich drängten und mit demselben zu prangen schienen. Die Töchter selber, schon mehr gemessen, sich und die Tänzer beobachtend und nicht gleichgültig um das Urtheil der Zuschauer und von jungen Männern, an denen sie vorüber tanzten, nicht ungerne angeredet. Doch wurde Steifheit und Gefallsucht bei der jugendlichen Fröhlichkeit und dem leichten und raschen Sinne der meisten übersehen. Und wollten die Kleinen öfter unzufrieden sein, daß diese Erwachsenen lieber künstlerische Tänze vorschlugen, in denen sie ihre Fertigkeit und jeder Einzelne sich besonders zeigen konnte, der Raum war groß genug, daß auch dann die Kinder nach Lust sich drehen und schwingen konnten, ohne die älteren Gespielen zu stören, und daß sich die gruppenreichen Tanzfiguren leicht und bequem entwickelten, das Ganze und Einzelne sich wohlthuend aus einander halten konnte.

Das immerhin reizvolle Schauspiel eines Kindertanzes war hier um so lieblicher durch die Schönheit der auserlesenen Jugend, ihr wohlgefälliges Benehmen, ihren sorgfältigen Putz. Als Hirtinnen waren die Mädchen gekleidet, als Hirtenbursche die Knaben in ein weißes, kurzes und faltenreiches Hirtenhemd, und der abscheulichen Cravatte und des häßlichen Fracks entledigt, in dieser luftigen Tracht doppelt munter und jugendlich. Ein zufriedenes Lächeln schwebte auf Aller Angesicht; die Augen und Wangen glühten, die Locken flogen; wie die luftigen Gewande der Tänzerinnen, wie die Bänder und Schleifen bewegten sich die zarten und runden Glieder; die Mannigfaltigkeit, wie die weißen Gewande alle geziert waren, der bunte Wechsel der Kränze und Maiensträuße gewährte das lustigste Gemälde. Der üppige Frühling ist nicht so bezaubernd, wie der Anblick einer schönen Kinderwelt, dieser Fülle von Gesundheit und Anmuth, dieser Unendlichkeit von Anlagen und Kräften in ihrer mannigfaltigen Verschiedenheit und Entwickelung, wo Alles sich so frisch und ungestört und neidlos entfaltet, das Einzelne sich schon so bestimmt unterscheidet und alles wieder durch Jugend und Freude so innig verbunden ist.

Und wie vergnügt saßen die Eltern in der Runde! Ihre Blicke folgten den Lieblingen im Kreise herum, bald den Schwung und Sprung der Füßchen betrachtend, bald die Haltung des Kopfes, die Bewegung von Arm und Hand. Man belobte der Freundin Kind, um auch auf das eigene aufmerksam zu machen, und freute sich neidlos des schöneren und anmuthigeren Kindes, wie über das eigene. Aufs Lebhafteste empfanden die Eltern ihr ganzes Lebensglück; die Mütter Priesen im Herzen überstandene Mühen und Gefahren, aus denen so gesunde Blüthen emporgewachsen, noch inniger erfreut als der Gärtner, dem nun sein Flor in der Sonne prangt zu allgemeinem Ergötzen, den er in der Stille gepflegt mit aller Geduld und Sorgfalt.

Und in wie liebliche Träume wiegte der Tanz der Kleinen ihre Eltern. Neigungen sahen diese schon entstanden oder in zarten Keimen sprossen. Wie die Tänze selber wanden und verbanden sich ihre Hoffnungen und Pläne.

Und wenn stiller, empfanden doch nicht weniger innig auch die Großeltern im Enkelgeschlechte ihre eigene Verjüngung. Aus der Kühle ihres ruhigen Abends sahen sie in das Morgenroth ihrer Kindheit, das auf den Wangen der Kleinen glänzte, ihr dahingeschwundenes Leben neu erblüht in den Träumen der Enkel, bei diesen ihre Fortdauer und ihr Andenken gesichert und durch die zarten Hände der in die Welt getretenen Unschuld mit der Engelwelt hier und dort sich verbunden.

Zur Lebendigkeit so mannigfaltiger Gefühle trug auch die Schönheit der Musik vieles bei, wie sie denn nicht umsonst mit Wellen und Strömen verglichen wird, die uns tragen und wiegen und mit sich reißen, in denen man der Schwere und Schwüle des Staubes entledigt ist, wie auf Flügeln im reinen Elemente schwebt und an Leib und Seele erfrischt und neu geboren wird.

Während des Tanzens hatte auch der Gutsherr die längst ersehnte Nachbarin in den Saal geführt. Alles erfreute sich, die anmuthige Gestalt wieder im weißen Gewande erscheinen zu sehen und ihre Gegenwart erhöhte sichtlich Aller Freude. Sie saß unter den ältern Frauen, aber bei ihrer frischen Schönheit hätte auch unter der Reihe der Jungfrauen Niemand in ihr die Mutter erblickt.

Jetzt bat der Gutsherr die Kunstfreunde, seine neuen Tänze zu spielen. Sie thaten es mit ihrer erprobten Kunstfertigkeit. Wer Musik auffassen konnte, verstand die neue Sprache, war von ihren Gefühlen ergriffen und lobte die reiche Fügung.

Es waren reizende Einladungen, sich freundlichem Geleite anzuvertrauen, und der Ausdruck der Seligkeit, Gesuchtes gefunden zu haben, neu verbunden sich gegenseitiger Hingebung zu erfreuen und sich auf sanften Wellen der Wonne zu wiegen. Durch Weisen, welche wie aus dunkeln Schatten noch zu klagen, aus der Einsamkeit zu flehen schienen, gewannen die Schilderungen des Genusses lebendigeres Licht, Mitunter klangen von jenen Melodien, die auch dem großen Componisten nicht immer gelingen, die, ungeachtet ihrer Neuheit, wie unserem eigenen Heizen entquollen sind, die reinsten Saiten in uns tief und mächtig in Schwingung bringen und sich nimmer wieder vergessen lassen.

Die kunstgebildete Nachbarin hatte bald das Eigenthümliche und Ansprechende, ja Ergreifende dieser Tanzweisen empfunden, und nach ihrem Erfinder fragend, durch Adelheid ihn erfahren. Andere Aufmerksamkeiten wurden ihr nicht undeutliche Worte zu den Melodieen, und der sie beobachtende Gutsherr glaubte freudige Ueberraschung aus ihren schönen Augen leuchten zu sehen. Ja sie bat um Wiederholung der gelungenen und gemüthlichen Weisen.

Als er hierbei weniger mehr die Noten anzusehen hatte, wurde Hugo auf ein noch kleines anmuthiges Mädchen aufmerksam, das gerade vor ihrer Laube stehen geblieben war und zu ihnen hereinguckte. Das ist ja leibhaftig meine Cäcilia, dachte er, wie ich sie als Kind kannte und liebte, gerade so trug sie die schwarzen Locken; das war ihr Blick und ihr kleiner Mund und das Grübchen in der Wange. Das Mädchen begann wieder zu tanzen, es war auch Cäciliens Haltung und Bewegung. Hugo, von den Erscheinungen des Tanzes sonst schon gerührt, ward erschüttert; unwillkürlich wandte er sich gegen die Zuschauer, auf die er bisher weniger geachtet hatte, und von deren einem Theil er der Musik wegen abgewandt sitzen mußte. Und siehe! da saß in der Reihe, die er eben bisher nicht im Auge hatte, seine Cäcilia selbst, blühend wie er sie als Jungfrau geliebt und geküßt.

Ihre Eltern hatten sie ihm, einem armen Jüngling, nicht lassen wollen, verließen unversehens ihren damaligen Aufenthalt, Hugo's Heimat. Die Trauernde wußte man nachwärts von dem Tode ihres Geliebten zu versichern. In der Nähe dieses Schlosses verheirathete sie sich später an einen reichen Mann, lebte auf dem Lande in stiller Zurückgezogenheit, und war nach kurzer Zeit wieder Wittwe geworden.

Alle Freuden in ihrem ehemaligen Besitze, alle Leiden nach ihrem Verluste, die Wonne des Wiederfindens, der neue Schmerz, sie Gattin zu sehen, durchstürmten ihn. Sein bisheriges Leben war ein Sehnen und Suchen nach ihr. Er hätte jetzt plötzlich aus seiner Verhüllung hervorspringen, sie mit Namen rufen, ihre Hand ergreifen, sie umarmen und herzen mögen. Zwar saß jetzt nur der Gutsherr neben ihr und sie war ganz in die Unterhaltung mit ihm vertieft. Aber Hugo wußte sie nicht als Wittwe und hatte natürlich auch die Gegenwart ihres Gatten vorauszusetzen.

Die Freunde bemerkten Hugo's außerordentliche Bewegung und wie er unverwandt durch die Zweige nach der neben dem Gutsherrn sitzenden Schönheit hinblickte.

»Ist meine Prophezeiung schon in Erfüllung gegangen?« fragte Johannes nach Beendigung des Tonstückes. »Ja«, sagte Hugo, »dort sitzt meine Cäcilia; aber das Kind, das jetzt neben ihr steht, ist ihr Ebenbild; sie ist verheirathet!« Viktor, durch Adelheid von der Absicht des Festes unterrichtet, gab Kunde von den Verhältnissen, »Nun so frage durch Töne an«, sagte Johannes, »ob sie Dich noch kenne, ob sie Dich liebe. Wir wollen, bis Du dessen gewiß bist, nicht aus unserm Verstecke hervortreten.«

»Nun«, erwiederte Hugo, »ich will von jenen alten Tänzen einige spielen, die wir als Kinder hörten, von jenen Melodieen, die ich als Knabe ihr fürs Klavier setzte und mit der Geige begleitete, und auch die Lieder unserer Kindheit zu Tänzen umgestalten; haltet das Thema und die Harmonie fest, wenn ich mich in Variationen und Phantasieen ergehe.«

Sie hatten jetzt die Tänze des Gutsherrn wiederholt durchgespielt. Er dankte ihnen für die Liebe, die sie denselben gewidmet, schien über ihren Erfolg vergnügt und ahnete nicht, welch einen Wettkampf sie nun zu bestehen hätten. Hugo stellte sich tiefer in die Laube und so, daß er Cäcilien im Auge behalten konnte.

Er begann mit einer einfachen alten Volksweise. Sie wurde von den Zuhörern und auch von Cäcilia als Scherz aufgenommen. Die älteren Männer und Frauen nickten dazu vergnüglich den Takt. Längst entschlafene Erinnerungen wurden durch diese Töne wieder mit aller Innigkeit ins Leben gerufen. »Dergleichen Tänze war doch die bessern«, sagte man sich, »so still und gemächlich sind sie!« Der Himmel ihrer Jugend, die Freudenfeste, das erste Lieben und Hoffen, die Seligkeit des ersten Genusses tauchte ihnen aus diesem ungetrübten Spiegel. Diese Weisen gaukelten selber wieder vor ihnen, wie eine Kinderschaar mit allem Zauber. Sie fühlten sich selbst wieder Kinder unter den Kleinen, und besser gefiel ihnen der Tanz, der nach der alten Weise sich bewegte. Jetzt begannen die Freunde Variationen derselben in der Reihe herum zu spielen, wie sie der Augenblick jedem eingab. Ueber den geist- und kunstreichen Wechsel schien Cäcilia vergnügt, denn die Freunde hatten darin durch lange Uebungen eine außerordentliche Fertigkeit gewonnen, mannigfaltig eigenthümliches Leben ein und demselben melodischen Gedanken zu verleihen, auch ihre Begleitung nach der jedesmaligen Gestaltung zu verändern und verständigten sich während des Spiels schnell durch flüchtige Winke über Rythmus und Tonart; auch kannten sie ihr gegenseitiges Vermögen und ihre Manier so, daß sie Eine Künstlerseele zu sein schienen.

Jetzt hob Hugo eine Melodie an, die in seiner Kindheit vorzüglich gerne gehört wurde, die auch zu seiner Zeit im Munde der Jugend lebte. Cäcilia faßte sie mit heiterm Lächeln auf, und Hugo überließ sich im Fortgange des Tanzes seinen Phantasieen und sein Spiel bewegte sich in leichten tändelnden Weisen, in Anklängen an Kinder- und Hirtengesänge, selbst an Kirchenlieder, Er wollte seine Cäcilia in die alte Heimat zurückführen, in die Wiese, wo sie Blumen pflückten und Kränze wanden, Häuser und Mühlen bauten an dem kleinen Bach, sich schaukelten unter den Obstbäumen, auf dem Hügel sich sonnten, in selbst geflochtenen Hütten Wohnung machten, die Gegend durchstreiften, den Vögeln nachzogen, Pfeifen sich schnitten im Wald und all das idyllische Leben genossen, auf dem so, wie auf jungem Grün der Saaten und dem ersten weichen Laube der Buchen und Birken der milde Sonnenschein glänzt, und aus welchem das künftige Hoffen und Glauben sich nährt. Bei der Unmittelbarkeit, mit welcher dem Ton die Seele verbunden zu sein scheint, mit der sie auf den Tonströmen in die Seele des andern gleitet, gelang es dem in Erinnerungen Versunkenen, diese ebenso in Cäcilia's Gemüthe zu erwecken. Auch der Gutsherr und Adelheid und andere selbst weniger Kunstgebildete waren von den Weisen ergriffen.

Hugo sah, wie Cäcilia nachdenkend geworden war, wie sie bisweilen mit fragenden Blicken zur Laube schaute und dann wieder das Auge senkte. Nun stimmte er ihren Lieblingstanz an, den er in seliger Zeit gedichtet und den dann eine freudenreiche Jugend mit allen Wohlgerüchen der Erinnerung durchwürzte. Sie erkannte die Weise in den ersten Takten und erröthete, als ob ihr ein Geheimniß verrathen worden wäre. Sie war in jenen Saal hingezaubert, wo in ihrem frühern Aufenthaltsort alle Vereinigungen zu Freuden und Festlichkeiten gehalten worden waren. Alle Genossen der Kindheit sah sie um sich, auch die vielen, die seither aus dem Wechseltanze des Lebens zur Ruhe getreten waren. Die einzelnen Paare tanzten wieder an ihr vorüber, alle die Scherze alter Freunde erneuerten sich ihr. Und dann sah sie in der Wirklichkeit ihr Kind und eine andere Welt vor sich, als man sich damals geträumt. Sie dachte Freundinnen, die unglücklich geworden, einst Hochgefeierte, jetzt vergessen in Entsagung und Mangel, Edle verkannt, Gesunde verblüht. Und weit hinter diesen Erfahrungen, in düftevoller, blauer Ferne desto wonnevoller die Freude des Kindes, das Sehnen und Hoffen der Jungfrau, und diese Empfindung wieder mit der tiefen Wehmuth gemischt über so viel und so schnell Entschwundenes. Und in allen diesen Erinnerungen erblickte sie nur ihn, ihren Jugendfreund, Er hatte alle Spiele der Kinder, alle Festlichkeiten der Jugend geordnet, ohne ihn hatten sie Nichts genossen, er war ihre Lust und ihr Stolz. Seine Liebe hatte sie nachwärts nicht wieder gefunden, so das Leben nie mehr gefühlt, wie mit ihm. Bei jeder Wiederholung des Tanzes wurde sie bewegter, mit der Melodie umwogten sie auch die Düfte und Gerüche jener Feste; die Kränze und Sträuße ihrer Jugend hauchten ihr entgegen in den durch den Garten und in den Saal ziehenden Gerüchen der Nelken und Lilien, der Rosen-, Jasmin- und Orangenbäume; die Springbrunnen im Garten rauschten ihr wie der Fluß, in den sie einst aus jenem Saale hinunterschauten, an dem sie sich erkühlten unterm Sternen- und Mondenschein.

Der Gedanke, den sie sonst unterdrückt, wenn auch nicht beschwichtigt hatte, seinen Tod verschuldet zu haben, trat da wieder mit neuem Ungestüm wie eine Sünde vor die Seele. Aber schon hörte sie aus der rätselhaften Laube eine neue Weise. Niemand in der Welt konnte diese kennen, als nur er; sie selber hatte sie ja erfunden und sie ihm mitgetheilt.

»Lebt er denn noch?« sagte sie, »ist er selber da? Ja, es ist sein Geigenspiel; auf diesen Tönen schwebten wir einst in Seligkeit; es ist sein schmelzender Ton!« Sie verbarg ihre Thränen und eilte an die freie Luft.

»Sie liebt mich noch!« sagte Hugo, ging hinaus und suchte sie in den Schattengängen. »Cäcilia!« rief er, und auf den bekannten, sie freudig durchschütternden Ton wandte sie sich, und mit dem Rufe »Mein Hugo!« stürzte auch sie ihm entgegen.

Der Gutsherr hatte Cäcilien erst nur in seinen Tönen um Liebe angefragt. Jetzt war er zu edel, um bei der so überraschend lösenden und lohnenden Fügung noch störend zwischen hinein zu treten. Er erfuhr Hugo's Treue, er sah Cäciliens unverwelkte Liebe und empfand mit Rührung und herzlicher Theilnahme ihr Glück.

Im Saal aber hatte der Tanz neues Leben gewonnen. Johannes saß nun, von den Kindein umstanden, außerhalb der Laube und sang zu seinem volltönenden Instrumente mit seiner kräftigen Stimme, die alle Sylben wohl verstehen ließ, seine Tanzlieder. Das bewegte, auch die Jünglinge, sich mit den Jungfrauen unter die Kinder zu mischen, selber ältere Männer und Mütter wagten zum hellen Jubel der Kleinen noch einen gemächlicheren Tanz. Johannes, in Seligkeit über das Glück seiner Freunde, endigte sein Singen und Spiel mit diesem Tanzreigen:

Ja wahrlich ist auf dieser Welt
Nichts Schöneres zu sehen.
Als Menschen, die, in Lust gesellt,
An uns vorüber gehen:
Ein Feierzug,
Ein Geisterflug,
So viel vorüber walten.
Unendlich an Gestalten.

Voran der Jüngling mit der Maid,
Herzinniglich umfangen.
Aus hellen Augen glüht die Freud'
Und blüht auf Lipp' und Wangen;
Es weht der Kranz
Im leichten Tanz:
Wie Steine sich erheben,
So schweben sie ins Leben.

Und festen Tritts und Hand in Hand
Kömmt Mann und Frau gegangen;
Sie sehn, was ihnen auch verschwand,
In Kindern wieder prangen.
In Maienluft,
In Gartenduft
Sind wie von Engelschaaren
Umspielt sie von den Paaren.

Und leichter wird dem Ahn der Sinn,
Die Augen wieder heiter:
Er lehnt sich auf den Enkel hin,
Den rüstigen Begleiter;
Zurück die Bahn
Und ihm voran,
Ein wogendes Gewimmel
Vom Himmel und zum Himmel.

Gleichwie da wogt der Strom ins Meer
Mit seiner Wellen Volke,
Unzählig wie das Sternenheer,
Und Wolke schwebt an Wolke:
Ein Feierzug,
Ein Geisterflug,
So viel vorüberwallten,
Unendlich an Gestalten.

Und dem, der hell die Saiten rührt.
Und weiß im Lied zu scherzen,
Den Tanz mit seinem Bogen führt,
Beflügelnd Fuß und Herzen,
Wer schenket hold
Ihm jetzt den Sold,
Den Becher für das Geigen,
Den Kuß für diesen Reigen?

Alle Kinder flogen herbei, ihrem lieben Johannes zu danken.








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