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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der keusche Joseph - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDeß keuschen Josephs in Egypten Lebens=Beschreibung samt des Musai Lebens=Lauff
authorGrimmelshausen
year1968
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTübingen
isbn3-484-10111-3
titleDer keusche Joseph
pages3-4
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Musai thät / was sie und er begehrten / er fande den Joseph in Königlichem Schmuck zu Pferd sitzen / dessen er / ohnangesehen der grossen Gefahr / bey sich selbst lachen: und gestehen muste / wann er von dem Possen nichts wuste / und wie die Räuber überredet wäre / daß er den Erkaufften selbst mit Forcht und Zittern angebetet hätte; Und die Warheit zubekennen / so war Josephs Gestalt mehr als überirrdisch / ja gleichsam Göttlich anzusehen: Niemand konte sagen / ob der Königliche Schmuck die Person / oder die schöne Person den köstlichen Schmuck schmückte; Musai befahle allein / es solte niemand / so lieb ihm sein Leben wäre / einiges Wort nicht reden / er wolte gleich wieder kommen / und die Sach zu gutem End bringen / ritte demnach wieder schnell zu den Räubern / und sagte / der grosse Gott Apollo hätte sie begnädiget / seine Schuch zu küssen; Wendet sich darauf wieder zuruck / ihme aber folgte der gantze Hauff.

Die Caravanen hatte dem Joseph von hinderwerts mit einem halben Ring umgeben / welches mehrentheils Nabatheer oder Ismaeliten / unter denselben aber auch viele Elamiten / Meder / Parter / Mesopotamier und Chald æer waren / und mitten zwischen ihnen hielte Joseph gantz alleinig / wie ein köstlich Edelstein in Eisen gefasst / welches ein Majestätisch und fremdes Ansehen gabe; Und schiene / als wann dieser Gott vom Himmel kommen wäre / allerhand Nationen zu versamlen; Wie andächtig aber diese barbarische Räuber ihre Ceremonien gegen ihme verrichteten / und was vor seltzame Gaben und Gnaden sie von ihm gebetten / solches werde ich im Leben Musai / geliebts Gott / welcher damals des gedichten Apolli Mercurius gewesen / vielleicht um etwas berühren; Diß wolte ich allein noch sagen; Wann Joseph seine Brüder unter ihnen gesehen hätte / ihne / wie die Räuber damals thäten / mit anzubeten / daß er sich wol einbilden und gläuben mögen / diß wäre die jenige Herrlichkeit / davon ihm ehemal getraumt / und sein Vatter geweissagt hätte / weil diese Herrlichkeit / gleich wie ein nichtiger Traum schnell verging / und nicht länger taurete / als biß die Räuber durch solchen Betrug abgefertigt waren; Sintemal Joseph gleich hernach die Gottheit samt dem Zierrath ablegen muste; Doch gab er in solchem Habit den Räubern Befelch / daß sie der Hirten in selbiger Gegend verschonen solten / damit er seine ungetreue Brüder / die seiner doch so gar nicht geschonet hatten / und seines getreuen Vattern Heerde vor ihnen versicherte.

Kaum war diese Gefahr überstanden / da war der erste Zanck unter der Caravana / um ihren Erretter wieder vorhanden; Keiner kan glauben / wie hitzig und verbittert sie um ihn gestritten / er wüste dann zuvor / wie hefftig die Orientalische Völcker die Schönheiten der jungen Knaben lieben; zwar nicht alle / als abscheuliche Sodomiten / sondern nur darum / damit sie ihre Augen in deren Anschauungen / wie wir mit den schönen Gemählten / Blumen oder Edelgesteinen zu thun pflegen / belustigen mögen; Weil dann die Ausländische Schönheit Josephs mehr als übermenschlich geschätzt wurde / auch der angehabte Habit solche denselben Tag verdoppelt hätte / so war der Zanck und Eifer um ihn desto grösser; Ja / wann gemeldter kluge Elamit oder Perser Musai / der die Räuber durch unsern Joseph betrogen / nicht vorhanden gewest wäre / so hätte die gantze Gesellschafft untereinander sich selbst aufgeopffert; Dieser wurde zum willkührlichen Richter erbetten / und legt durch folgende Red allen Zanck bey:

Liebste Freund / sagte er / daß die gantze Caravana Theil an dem Erkaufften habe; erscheint daraus / dieweil wir heut alle durch ihn errettet worden; Es will sich nicht gebühren / daß ein eintzele Privat=Person von uns den jenigen beherrsche / welchen die Götter / wie man heut gesehen / allein zu dem End geschickt haben / uns alle durch ihn zu erhalten; Der Erkauffte wäre seiner vorigen Freyheit würdig / dieweil die gantze Gesellschafft ihme / so wol um ihr eigne Freyheit / als um ihr Hab und Gut: ja um Leib und Leben zu dancken schuldig; Aber sein Rath und Ausspruch wäre dieser: Die Caravana solte aus gemeinem Seckel dem Käuffer 30. Lari wiedergeben / hernach den Erkaufften als ein gemein Gut behalten / und unterwegs aus gemeinem Seckel speisen; Sie wären noch nicht in Sicherheit / und könte wol kommen / daß sie seiner / wie heut geschehen / wieder bedörfften; Kommen wir dann in Egypten / so könten wir ihne entweder dem großen Pharaone / oder sonst einem grossen Herrn / da man schmieren muß / als eine grosse Rarität verehren / oder ihn sonst mit grossem Nutz verkauffen; Dieser Vorschlag wurde beliebt / weilen Joseph keinen unter ihnen allein / sondern der gantzen Gesellschafft zugesprochen worden; Wann auch des Richters Urtheil anders / als eben auf diesen Schlag gefallen wäre: so hätten die übrige den Richter / und den jenigen / dem er den Joseph zu erkandt / aus Eifersucht und Mißgunst todt geschlagen:

Allein der Käuffer beschwerte sich / und wendte vor / er hätte gleichwol den Joseph / dardurch sie erhalten worden / erkaufft / und wann er solches nicht gethan / und sie des Josephs ermangelt hätten / so wären sie ohn Zweifel alle von den Räubern geplündert und zu Leibeignen gemacht worden; Derowegen die Caravan sonst niemand / als ihm ihre Wolfahrt zu dancken; Nun aber sey das der Danck vor seine Wolthat / daß man ihm sein erkaufftes Gut nehme / welches sie selbst 300. Tumain werth zu seyn geschätzt hätten; Wolle derowegen verhoffen / die Caravan werden dem Urtheil eines so unbillichen Richters nicht folgen / sondern vielmehr bedacht seyn / wie sie ihn Käuffern widergelten möchten / was ihnen heut vor Heil durch ihn und sein erkaufftes Gut widerfahren sey; Musai antwortet ihm / wann es so redens gilt / so wird der Danck / um unsere Erhaltung / sonst niemand als mir zustehen / davor ich zwar keine Vergeltung begehre / weil jeder schuldig ist / sich selbst und uns alle nach Müglichkeit zu erhalten / die Erfindung / wie man den Räubern durch den Erkaufften eine Nase drehen solte / war mein / also / daß man dir keinen Danck drumb schuldig ist / auch nicht / daß du den Erkaufften gekaufft hast / dann hättest du ihn nicht gekaufft / so hätte ihn sonst ein jeder um ein so lausig Geld wol nicht dahinden gelassen; in dem er uns von allen Göttern zu unserer Erhaltung zugeschickt worden. Hoffe derowegen / ich habe recht und billich geurtheilt / und du die Caravana keiner Undanckbarkeit zu beschuldigen. Hierauf wurde Musai von allen gelobt und ihm gewonnen gegeben / auch sein Urtheil alsobald vollzogen / wie saur auch der Käuffer drein sahe.

Hieraus siehet man des gütigen Gottes Vorsehung und Sorg vor die jenige / so er beschirmen will / dann hierdurch ist Joseph nicht allein von den Knabenschändern / in welcher Gewalt und Viehisches Beginnen er hätte gerathen können / behütet: sondern auch verschafft worden / daß die Caravan unter Wegs seiner / als eines Fürsten pflegte; entweder / weil sie seine Schönheit biß in Egypten unversehrt zu erhalten entschlossen / um ihn desto höher anzuwerden; oder / weil sie samtlich solche Schönheit eben so hoch ehrten / als hertzlich sie die liebten; Der Abendtheurliche Musai sagte zum Joseph aus der Chiromantia Phisiognomia und Astrologia / du hast 11. Brüder / als / daß eurer Zwölff seynd / und über 13. Jahr wirst du anfahen zu zweyen zu werden / also / daß dein Vatter auch dreyzehen / und mit dir selbst vierzehn Söhn haben wird: Alsdann kommt Musai wieder zu dir / ich weiß aber nicht wo? dessen erbarme dich / und verzeihe mir / daß ich gerahten hab / dich nicht frey zu geben / sondern zu verschencken / oder wieder zu verkauffen: Ich habs um deines besten willen gethan / dann du bist darzu versehen / daß du durch Dienstbarkeit zu grosser Herrlichkeit kommen / und noch vieler 1000. Menschen Heyland und Erhalter seyn sollest; Und wie du im End deiner Dienstbarkeit gehalten wirst werden / daß ist dir heut im Anfang derselbigen / als du wie ein Gott angebetet wurdest / von der Göttlichen Vorsehung / als wie in einem Spiegel angezeigt worden.

Als nun die Reiß vollendet / und die Caravan in der Königlichen Residentz=Stadt Thebe ankommen / war / dem üblichen Gebrauch nach / ihr erstes Geschäfft / dem Pharao die Geschenck zu pr æsentirn / worunter Joseph / ihrer und aller Welt Meinung nach / vor das principaliste Stück geschätzt würde; Aber Pharao war ein abgelebter eyfersüchtiger Herr / der dessen seltene Schönheit mehr hasset / als er / der alten geitzigen Art nach / die Baarschafft liebet; Er bildet sich nicht vergeblich ein / daß sein ehrwürdig Alter bey seinem Frauen=Zimmer schlecht æstimirt werden möchte / wann dasselbe die Göttliche Schönheit seines Geschencks erblicken / und die lebhaffte natürliche Farb in Josephs Angesicht / die einen jeden Anschauenden an durch einander vermischte Lilien= und Rosen=Blätter erinnerte / betrachten würde; Aufs wenigst gedachte er / schätzen sie solche Farb höher / als deinen Silber=weissen Bart / ob er gleich mit noch so vielen Edelgesteinen behängt wäre / und leyden entweder meine Weiber oder Töchtere / oder alle beyderley seinet wegen / wo nicht am Leib / doch wenigst in den Gedancken an ihrer Keuschheit Schiffbruch; Lasse ich ihn dann München / so wird ihr Schmertz nur desto grösser seyn / dieweil sie seiner nicht geniessen können / und doch ein als den andern Weg in Feuer leben müsten; er bedanckte sich derowegen der Geschenck / und schenckt den geschenckten Joseph den schenckenden Kaufleuten wider / welche sich verwunderten / weil sie nicht wusten / warum es geschehe / biß ihnen Musai aus dem Traum halff. Als er sagte: Man müste diese Rarität bey Wittibinen oder jungen Weibsbildern / und nicht bey alten Männern ans Geld bringen.

Dem Potiphar aber / des Pharaonis damaligen Kuchenmeister / welcher ein ausbündiger Phisiognomist war / beliebte Joseph viel besser / als ihm Musai solchen zu verkauffen anbotte; Darum muste er ihn auch um so viel desto theurer bezahlen / wann er ihn anders haben wolte; Er ließ sich auch hierzu kein Geld tauren; Als dieser von dem Musai vernommen / daß Joseph von dem edelsten Geschlecht der Hebreer geboren / und in allen Tugenden und Künsten / vornemlich aber in der Wissenschafft wol Hauß zu halten / aufferzogen worden wäre / (wie dann jeder Kramer sein Wahr lobt / und Musai solches vor ein Meister konte / wiewol es Joseph nicht bedorffte) hat er ihn noch mehrers gefallen / und ihn nicht / wie andere seine Sclaven / sondern als seinen eigenen Sohn / zu halten befohlen; Um frühe zu erfahren / ob seine Art mit der Phisiognomi überein stimme; Und ob seine Schenckel auch starck genug seyen / so gute Sach zu ertragen / als er ihm anzuthun gedachte. Er / der Potiphar war damals ein funfftzig jähriger Wittwer / weil ihm sein Gemahlin an Niederkunfft seiner einzigen dieser Zeit nur anderhalb jährigen Tochter gestorben war; Und weil er wegen einer seltzamen Prophezeyung / worauf die alte Egyptier jederzeit viel gehalten / nicht mehr zu heurahten entschlossen / gedachte er mit Gesind zu hausen; Demnach ihm aber bißhero sonst an nichts gemanglet / als an einem getreuen Kerl / der seine Haußhaltung klüglich führe / weil er selbst mit des Königs Geschäfften beladen / als hat er solche dem Joseph vertraut / und ihn über alles sein Gesind gesetzt / auch verordnet / daß er benebens die Hierologlyphick (welche man damahlen nicht jedem auf die Naß bande / weil alle Egyptische Künste / Wissenschafften und Geheimnussen darinnen begriffen und verborgen lagen) lernen solte.

Die gute Art Josephs schickte sich in diesen Sattel so gerecht / als wann er ihm angegossen worden wäre; Man sahe gleich / was sein Gegenwart fruchtete / ja / als das erste Jahr vorüber war / merckte Potiphar handgreifflich / daß er in so kurtzer Zeit mehr vorgeschlagen hatte / als sonst in zehen Jahren beschehen mögen: Und gleich wie Joseph seines Herrn Güter vermehrete / also samlet er auch ihm einen mercklichen Schatz der Künst und Wissenschafften; so / daß er sich nicht scheuen dörffte / auch mit den Gelehrtisten in Egypten zu disputirn / weilen er gleich so bald deren Sprach begriffen: als seinem Herrn gewiesen hatte / wie nutzlich er den Kauffschilling vor ihn ausgelegt;

Bey selbigen wurde er dahero je länger je lieber / vor sich selbst aber und gegen jederman je länger je demütiger / holdselicher und freundlicher; Er trug zwar / zum Zeichen habender Bottmässigkeit / täglich ein Beitsche in Handen / seiner Untergebenen Faulheit mit Streichen straffen zu lassen / wie dann damals ein Gewonheit war; Sein eigen Exempel und liebliche Wort oder Vermahnungen aber vermochten mehr / als der jenigen Schärpffe / die seines gleichen Stell zu vertreten hatten; so / daß auch dem Potiphar / so lang Joseph bey ihm gewesen / nicht allein kein einiger Sclav entloffen / sondern auch die Freye gewünscht / unter Josephs Befelch in Diensten zu seyn.

Dahero vermehrten sich unter seiner Verwaltung die Reichthum seines Herren augenscheinlich; sintemalen durch seine kluge Anstalten die Gemühter aller Dienenden gleichsam in einen Model gegossen: oder vielmehr / so zu reden / bezaubert worden / sonst auf nichts / als auf seines Herrn Nutzen zu gedencken; Darum sagt die Heilig Schrifft nicht unrecht / daß GOtt den Potiphar / um Josephs willen / gesegnet habe / dann ihm das Glück zur selben Zeit gleichsam zu Thüren und Fenstern hinein gefallen.

Als sich nun Potiphars Hab der Gestalt zusehens vermehrte / da verminderten sich auch seine Freunde nicht / sondern jederman verlangte seine Gunst und Verwandschafft zu haben; Dahero hat sich zwischen ihme und des Königlichen Hoffmeisters Dochter / der anmuthigen Selicha / die Mutter halber aus Königlichem Stammen geboren war / ein Heurath angesponnen / welcher auch umb so viel desto ehender zwischen beyderseits Freundschafft beliebt und eingangen worden; weilen der Braut Eltern des Potiphars florirende Reichthum: Potiphar aber die Ehr / so ihm aus solchem Heurath folgte / angesehen; Allein die Braut selbsten wolte sich mit einem sechtzigjährigen Herrn schwerlich vermählen lassen / als die viel mehr einen Jungen verlangte.

Dem Joseph wurden diese Heimlichkeiten von seinem Herrn vertrauet / mit Vorwand / das beste dabey zu rahten / in Ernst und Warheit aber sich / als ein Unterhändler / gebrauchen zu lassen; Joseph sahe zwar wol / daß diese Ehe dem Potiphar nicht vorträglich seyn konte / weil es ein ungleicher Zeug zusammen war / sich aber ihm zuwider setzen / dunckte ihn unrathsam seyn / dieweil er seines Herrn Willen wuste / der sich allbereit stellete / wie alle alte vergeckte Buhler zuthun pflegen / wann sie den Narrn an irgens einer Schönheit gefressen / und schon angefangen haben / den Haasen lauffen zu lassen; Uber das hatte Joseph Wind bekommen / daß Potiphar hiebevor beym Trunck gesagt / er wünsche nichts mehrers / als daß sein Fräulin Tochter ihr vollkommen Alter hätte / so damahl nur Eilff Jahr alt war / so wolte er sie sonst niemand / als seinem Joseph zum Gemahl gönnen / er selbst aber ledigs Stands sterben / damit er ihn und besagte seine Tochter zu desto reichern Erben hinterlassen möchte; Solte er nun diese bevorstehende Ehe widerrahten / so würde es ihm übel ausschlagen / und Potiphar / aus allerley Argwohn bewogen / ihme / an statt eines liebreichen Schwehers / zu einem grausamen Tyrannen werden; als welcher wol wuste / daß Joseph hinterbracht worden / wessen er sich / wegen sein und seiner Tochter Verehligung / vernehmen lassen. Derowegen lobte er Joseph Potiphars Vorhaben / und verhiesse / die Selicha gewinnen zu helffen.

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