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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 9
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Siebentes Kapitel.

Wer ist das hübsche Frauenbild
Beim rothen Jäger nach dem Wild?
Ein Kind der Bildung scheint sie wohl
Von Wuchs und Mienen zart,
Doch folgt dem kecken Wilden sie,
Als wär' sie seiner Art.

Vinkney.

 

Ich hielt mich nicht lange in Albany auf, sondern gab den Axtmännern die Richtung nach dem Patent an, und verließ selbst die Stadt noch am Tage unserer Ankunft. Es gab in jener frühern Zeit wenige öffentliche Fahrgelegenheiten, und ich war genöthigt einen Wagen zu miethen, um Jaap und mich, sammt unsern Effekten, nach Ravensnest zu bringen. Eine Art dumpfer, schwerer Ruhe war über das Land gekommen nach den Kämpfen des jüngst beendigten Krieges, aber Ein Interesse schien darin rege und sehr lebendig zu seyn. Dies Interesse, – ein großes Glück für mich! – schien das Streben der »Landjägerei« und der »Ansiedelung« zu seyn. Beweise genug hiervon stellten sich mir in Albany selbst dar, denn kaum konnte man die Hauptstraße dieser Stadt betreten, ohne darin mehr oder weniger solche Abenteurer zu treffen, deren Absichten und Bestrebungen durch die Embleme des gepackten Bündels und der Axt angedeutet waren. Neun unter zehn kamen aus den östlichen oder Neu-England-Staaten, damals die bevölkertsten, obgleich weder Boden noch Clima besonders günstig waren.

Wir brauchten zwei Tage bis wir Ravensnest erreichten, ein Besitzthum, das mir nun schon mehrere Jahre gehörte, das ich aber jetzt zum ersten Mal sah. Mein Großvater hatte eine Art von Geschäftsführer oder Agent dort gelassen, einen Mann mit Namens Jason Newcome, vom Alter meines Vaters, des Generals, der einmal Schullehrer in der Nähe von Satanstoe gewesen war. Dieser Agent hatte selbst ausgebreitete Ländereien gepachtet, und war, wie es hieß, der Inhaber der einzigen irgend bedeutenderen Mühlen auf dem Gute. Mit ihm war man immer in einiger Correspondenz gestanden, und ein paar Male, während des Krieges, hatte mein Vater eine Besprechung mit diesem Vertreter seiner und meiner Interessen gehabt. Ich aber sollte ihn jetzt zum erstenmal sehen. Wir kannten einander nur dem Namen nach und vom Hörensagen, und gewisse Punkte – in der Art der Geschäftsführung hatten mich veranlaßt dem Mr. Newcome anzukündigen, es sey meine Absicht eine Aenderung in der Verwaltung des Gutes eintreten zu lassen. Jeder, der das Aussehen eines sogenannten »neuen Landes« in Amerika kennt, weiß wohl, daß dasselbe, und der Eindruck, den das Ganze macht, nichts weniger als einladend ist. Die Liebhaber des Malerischen können sich wenig befriedigt fühlen vom Anblick selbst der schönsten Naturscenerie in solchem Zeitpunkte; denn die Arbeit, welche ausgeführt worden ist, hat gewöhnlich nur die Schönheiten der Natur in hohem Grade beeinträchtigt und zerstört, ohne noch Zeit gehabt zu haben, die Lücken durch die Schönheiten der Kunst auszufüllen. Haufen von verkohlten oder halbverbrannten Scheitern, Felder mit Stumpen bedeckt, oder starrend und zerrissen von Klötzen; Zäune der rohesten Art, mit Gestrüppe ausgefüllt; Gebäude von dürftigster Beschaffenheit; verlassene Lichtungen, und all die andern Zeichen eines Zustandes der Dinge, wo ein offenbarer uns beständiger Kampf waltet zwischen unmittelbar drängender Nothwendigkeit und künftiger Annehmlichkeit, sind nicht geeignet, weder die Hoffnung noch den Geschmack zu befriedigen. Hin und wieder jedoch, unter besonders günstigen Verhältnissen, findet sich auch ein andrer Stand der Dinge, und man darf dessen wohl auch erwähnen, damit der Leser sich nicht eine einseitige Vorstellung von diesem Uebergangszustand des amerikanischen Lebens bilde. Wenn der Handel der Gegend schwunghaft und Nachfrage nach den Erzeugnissen des jungen Landes ist, bietet oft eine Anstellung eine Scene von rüstigem, freudigem Leben dar, wo sich mitten im Rauche der Scheiter und in der Kunstlosigkeit des Grenzlebens die Elemente eines raschgedeihenden Wohlstandes bemerklich machen. Keines von beiden jedoch war der Fall in Ravensnest, als ich es zuerst besuchte; aber so günstig, wie zuletzt erwähnt worden, gestalteten sich bis auf einen gewissen Grad seine Verhältnisse zwei oder drei Jahre später, nachdem der große europäische Krieg lebhafte Nachfrage nach seinem Weizen und seiner Asche veranlaßte.

Ich fand zwischen der Stelle, wo ich die große nördliche Straße verließ, und den Grenzen des Patents, kaum mehr Spuren und Anzeichen von Anbau, als mein Vater bei seinem ersten Besuche, seiner Beschreibung nach, gefunden hatte, welcher ein Vierteljahrhundert früher gefallen war, als der meinige. Es fand sich zwar auf der genannten Strecke eine Schenke, aus Holzscheitern gebaut; aber man bekam daselbst Nichts zu trinken als Rum, und Nichts zu essen als gesalzenes Schweinefleisch und Kartoffeln an dem Tage, wo ich dort Halt machte um zu Mittag zu essen. Es waren aber auch Zeiten und Jahreszeiten, wo man mittelst Wildpret, Geflügel und Fische hätte ein köstliches Mahl bereiten können. Daß dieß aber nicht die Meinung meiner Wirthin war, ersah man aus den Bemerkungen, die sie machte, während ich zu Tische saß.

»Ihr trefft es glücklich. Major Littlepage,« sagte sie, »daß Ihr nicht zu uns gekommen seyd während einer unsrer Hungersnothzeiten, wie ich sie nenne; und entsetzliche Zeiten sind das, wenn man seine wahre Meinung davon sagen darf.«

»Hungersnoth ist eine ernste Sache zu jeder Zeit,« erwiederte ich; »aber ich wußte nicht, daß Ihr jemals in eine so schwierige Lage kommen könnet in einem so reichen und Ueberfluß gewährenden Lande wie dieses.«

»Was nützt Reichthum und Ueberfluß des Landes, wenn ein Mann Nichts thun will als fischen und schießen? Ich habe Tage erlebt, wo kein Mundvoll zu essen im Hause war, als ein paar Dutzend junge Tauben, eine Schnur Bachforellen, etwa ein Reh oder ein Salmen aus einem der Seen.«

»Ein Bissen Brod wäre eine willkommene Zuthat zu einer solchen Mahlzeit gewesen!«

»Oh, was Brod betrifft, das rechne ich für Nichts. Wir haben immer Brod und Kartoffeln genug; aber ich halte dafür, daß eine Familie in verzweifelten Umständen ist, wenn die Mutter dem Schweinefleischfaß auf den Boden sehen kann. Ich lobe mir Kinder, die auferzogen sind mit gutem, gesundem Schweinefleisch, lieber als mit allem Wildpret des Landes. Wildpret ist gut als Zubuße, und so auch das Brod, aber Schweinefleisch ist es, was das Leben zusammenhält. Um gutes Schweinefleisch zu bekommen, muß man gutes Korn haben; und gutes Korn erfordert Arbeit mit der Hacke; und eine Hacke ist keine Angel und kein Gewehr. Nein, ich gedenke meine Kinder mit Schweinefleisch aufzuziehen, nebst gerade so viel Brod und Butter als sie mögen!«

Das war amerikanische Armuth im Jahre 1784. Brod, Butter und Kartoffeln nach Belieben; aber wenig Schweinefleisch und kein Thee. Wildpret im Ueberfluß zu seiner Jahrszeit; aber der arme Mann, der von Wildpret lebte, galt dafür, eine ebenso ärmliche Haushaltung zu führen, als der Epikuräer in der Stadt, der seinen Bekannten ein Diner gibt und sich entschuldigen muß, daß kein Wildpret auf dem Markt aufzutreiben sey. Neugierig, mehr von dieser Frau zu erfahren, setzte ich das Gespräch fort.

»Es gibt Länder, wie ich gelesen habe,« fuhr ich fort, »wo die Armen gar kein Fleisch, von keinerlei Art, nicht einmal Wildpret, zu kosten bekommen, vom Anfang bis zum Ende des Jahres, und manchmal nicht einmal Brod.«

»Nun, ich bin nicht so sehr für's Brod eingenommen, wie ich zuvor schon sagte, und würde nicht viel Brod essen, so lang ich Schweinefleisch haben könnte,« versetzte die Frau, welche sich unverkennbar für das, was ich sagte, interessirte; »aber ich möchte doch nicht gern ganz ohne Brod seyn; und die Kinder insbesondere essen es gar gerne zu ihrer Butter. Ganz von Kartoffeln sich nähren, das muß eine wilde thierische Art zu leben seyn.«

»Sehr zahme Geschöpfe thun es, und das in Folge unerbittlicher Nothwendigkeit.«

»Besteht ein Gesetz dagegen, daß sie Brod und Fleisch essen?«

»Kein andres Gesetz als dasjenige, welches verbietet, das zu gebrauchen, was eines andern Eigenthum ist.«

»Gutes Land!« (das ist ein sehr gewöhnlicher Ausruf in Amerika bei den Weibern.) »Gutes Land! Warum arbeiten sie nicht und thun Frucht ein, um doch ein Wenig davon zu leben?«

»Einfach darum, weil sie kein Land zum Bebauen haben. Das Land gehört auch Andern.«

»Ich dächte, sie könnten es miethen, wenn sie es nicht kaufen könnten. Es ist ungefähr ebenso gut Land zu miethen als zu kaufen – manche Leute halten es für noch besser. Warum bringen sie nicht das Land unter die Pflugschar, und leben davon?«

»Weil das Land selbst nicht zu haben ist. Bei uns gibt es Land im Ueberfluß; wir haben dessen mehr als nöthig ist, oder als auf Jahrhunderte hinein nöthig seyn wird; vielleicht wäre es besser für unsre Civilisation, wir hätten dessen weniger; aber in den Ländern, von welchen ich spreche, gibt es mehr Menschen als Land.«

»Nun, um das Land ist es etwas Gutes, das gebe ich zu, und es ist recht, daß es einem Eigenthümer gehört; aber es gibt immerhin Leute, welche lieber die Squatter machen, als Land kaufen oder miethen. Das Squatterhandwerk ist ihnen so ganz natürlich.«

»Sind viele Squatter in dieser Gegend des Landes?«

Das Weib machte ein etwas verlegenes Gesicht und sie antwortete mir nicht eher, als bis sie sich einige Zeit über das besonnen hatte, was sie antworten sollte.

»Manche Leute nennen uns Squatter, glaube ich,« war die etwas zähe Antwort, »aber das gebe ich nicht zu. Wir haben das Anwesen gekauft von einem Manne, der keinen sonderlichen Rechtstitel darauf hatte, das glaube ich gerne; aber da wir sein Anwesen ehrlich gekauft haben, ist Mr. Tinkum,« – das war der Name ihres Gatten – »der Meinung, wir besitzen es unter gutem Rechtstitel, wie man zu sagen pflegt. Was sagt Ihr dazu, Major Littlepage?«

»Ich kann nur sagen: aus Nichts kann Nichts werden; Nichts erzeugt auch Nichts. Wenn der Mann, von dem Ihr gekauft habt, nichts Eigenes besaß, so konnte er auch Nichts verkaufen. Das Anwesen, das er sein nannte, war nicht sein, und indem Ihr es kauftet, kauftet Ihr, was ihm nicht gehörte.«

»Nun, es ist keine große Sache, wenn er kein Recht hatte, da Tinkum nur einen alten Sattel, nicht zwei Dollars werth, und einen Theil von einem einzelnen Geschirr, das ich einem Zauberer Trotz bieten wollte, für irgend ein Maulthier passend zu machen, für das ganze Recht gegeben hat. Eine Jahresrente von diesem Hause ist so viel werth als Alles miteinander, ja doppelt so viel, wenn man die Wahrheit gestehen soll, und wir sind jetzt sieben Jahre darin. Meine vier Jüngsten sind alle unter diesem gesegneten Dache geboren, so wie es nun ist.«

»In diesem Falle werdet Ihr nicht viel Grund haben, Euch zu beklagen, wenn der wirkliche Eigenthümer des Bodens erscheint, um ihn in Anspruch zu nehmen. Das Anwesen kam Euch wohlfeil und geht Euch ebenso wieder weg.«

»Das ist es gerade, obgleich ich behaupte, daß wir doch keine eigentlichen Squatter sind, weil wir Etwas für das Anwesen bezahlt haben. Man sagt, ein alter Nagel, in gebührender Form bezahlt, begründe eine Art Rechtstitel vor dem höchsten Gerichtshof des Staats. Gewiß, die Gesetze sollten auf die Armen billige Rücksicht nehmen.«

»Nicht mehr als auf die Reichen. Die Gesetze sollen gleich und gerecht seyn; und die Armen sollten zuletzt verlangen, daß sie anders seyn sollten, da sie ganz gewiß dabei verlieren müssen, wenn ein anderer Grundsatz zur Herrschaft gelangt. Glaubt es mir, meine gute Frau, derjenige, der immer die Rechte der Armen predigt, ist im Grunde ein Spitzbube, und hat nur die Absicht, mit diesem Geschrei seinen eigenen Nutzen zu fördern; denn dem Armen kann Nichts frommen als strenge Gerechtigkeit. Keine Klasse leidet so sehr durch das Abweichen von der Regel, da die Reichen tausend andere Mittel haben, ihre Zwecke zu erreichen, wenn ihnen freie Bahn eröffnet ist, dadurch, daß etwas Anderes als das Recht gilt und herrscht.«

»Ich weiß nicht, es mag wohl so seyn; aber ich behaupte, daß wir keine Squatter sind. Es sind aber hier herum furchtbare Squatter, und auch auf Euren Ländereien, wie man sagt.«

»Auf meinen Ländereien! Das thut mir leid zu hören, denn ich fühle mich verpflichtet, mich derselben zu entledigen. Ich weiß recht gut, daß der große Ueberfluß von Land, den wir hier haben, sein vergleichungsweise geringer Werth, und die Entfernung, in welcher die Eigenthümer meist von ihren Besitzungen leben, zusammen die Leute gleichgültig gemacht haben gegen die Rechte derer, welche wirkliches Eigenthum besitzen; und ich bin gefaßt, die Dinge vielmehr so anzusehen, wie sie bei uns, als wie sie in älteren Ländern sind; aber Squatter werde ich keine dulden!«

»Nun, nach Allem, was ich höre, glaube ich, Ihr werdet den alten Andries, den Kettenträger, einen Squatter der ersten Klasse nennen. Man sagt mir, der alte Knabe sey von der Armee zurückgekommen so wild wie eine Pantherkatze, und man könne gar nicht mehr mit ihm reden wie in alten Zeiten.«

»So seyd Ihr wohl eine alte Bekannte des Kettenträgers?«

»Das will ich glauben! Tinkum und ich haben uns in unserem Leben tüchtig in der Welt herumgetrieben; und der alte Andries ist ein verzweifelter Bursche für die Wälder. Er vermaß einmal für uns, oder vielmehr maß er nur zur Hälfte ein anderes Anwesen; aber er zeigte sich als ein schmählicher Spitzbube, ehe er nur zur Hälfte mit dem Geschäft zu Ende kam; und seit der Zeit haben wir nicht mehr viel auf ihn gehalten.«

»Der Kettenträger ein Spitzbube! Andries Coejemans kein durch und durch ehrlicher Mann! Ihr seyd die erste Person, Mrs. Tinkum, die ich je habe bezweifeln hören, daß seine Ehrlichkeit nicht treu und gediegen sey wie Gold!«

»Das alte Gold cirkulirt und cursirt nicht mehr, glaube ich, seit der Revolutionszeit. Wir wissen Alle, auf welcher Seite Eure Familie während des Krieges stand; und somit ist das keine Beleidigung für Euch. Ja, sie hatten ein gehörig scharfes Auge auf Euch, als Ihr das Collegium verließet; denn Manche behaupteten, der alte Herman Mordaunt habe in seinem Testament verordnet, Ihr sollet die Sache des Königs unterstützen, und in diesem Falle vermutheten die meisten Pächter, würden sie die Ländereien ganz überkommen. Es ist gar etwas Angenehmes, Major, für einen Pächter, sein Pachtgut zu haben, ohne Etwas dafür bezahlen zu müssen, wie Ihr Euch leicht vorstellen könnt! Einigen Leuten that es verzweifelt leid, als sie hörten, daß die Littlepages es mit den Colonien hielten!«

»Ich will hoffen, es seyen wenige solche Schurken auf dem Gute Ravensnest, die so Etwas zu wünschen fähig wären. Aber laßt mich eine nähere Erklärung Eurer Beschuldigung gegen den Kettenträger hören. Ich bin nicht sehr angefochten wegen meiner eigenen Rechte auf dem Patent, das ich mein nenne.«

Das Weib hatte die Frechheit oder die Offenheit, mir so zu sagen ins Gesicht einen langen bedauernden Seufzer auszustoßen. Dieser Seufzer sprach ihr Bedauern darüber aus, daß ich in dem letzten Kriege nicht die Partei der Krone ergriffen; denn in diesem Falle würden sie und Mr. Tinkum sich auf einem der Pachtgüter von Ravensnest als Squatter niedergelassen haben. Nach diesem Seufzer jedoch verschmähte die Wirthin nicht, mir zu antworten.

»Was den Kettenträger betrifft,« sagte sie, »so ist die einfache Wahrheit dies. Tinkum miethete ihn, eine Linie zu ziehen zwischen einem Anwesen, das wir gekauft hatten, und demjenigen, welches ein Nachbar von uns gekauft hatte. Das war lange vor dem Kriege, wo die Rechtstitel des Besitzers seltener waren, als sie jetzt sind, denn manche von den Landeigenthümern wohnten jenseits des Wassers. Nun, was meint Ihr, daß der alte Kerl that, Major? Er fragte zuerst nach unseren Kaufs- und Besitzurkunden und wir zeigten sie ihm; so gute und gesetzmäßig ausgefertigte Papiere, als je gedruckt und von einem Squire ausgefüllt wurden. Dann machte er sich an die Arbeit, er ganz allein, denn er hatte die ganze Vermessung übernommen, so zu sagen, und eine prächtigere Linie ward nie gezogen, so weit, als er damit kam, das heißt etwa bis zur Hälfte. Ich glaubte, das würde zu einem ewigen Frieden führen zwischen uns und unserem Nachbar, denn vorher war es drei ganze Jahre lang ein ewiger Krieg gewesen, manchmal mit Keulen, manchmal mit Aexten und einmal mit Sensen. Aber – wie? das habe ich nie erfahren, – nun, auf irgend eine Weise entdeckte der alte Andries, daß der Mann, welcher uns die Urkunde über den Ankauf ausstellte, selbst keine Eigenthumsurkunde und auf der Welt kein Recht auf das Land hatte, – so wenig als das säugende Schwein, das Ihr da an der Thüre seht; worauf er die Sache stracks aufgab, und sich weigerte, sich der Vermessungsarbeiten nur noch das Mindeste anzunehmen; ja das that er! War das nicht querköpfig und eigensinnig? Nein, auf den Kettenträger kann man sich nicht verlassen!«

»Eigensinnig für die Sache des Rechts, wie der treffliche alte Andries immer ist! Ich liebe und ehre ihn deshalb nur um so mehr!«

»Ja, ja! Einen solchen Mann, wie den, lieben und ehren! Ha, ich hätte doch etwas Anderes erwartet von einem solchen Gentleman, wie Ihr! Ich hatte keine Idee davon, daß Major Littlepage einen alten, abgenutzten Kettenträger ehren könnte, und einen Mann dazu noch, der es zu Nichts in der Welt bringen konnte, da er doch Hände und Füße, Alles miteinander, hatte und auf einer der günstigsten Sprossen der Leiter stand! Ha, ich glaube, selbst Tinkum wäre vorwärts gekommen, wenn er in so günstigen Verhältnissen wäre geboren worden!«

»Andries ist Kapitän in meinem Regiment gewesen, es ist wahr und war einmal mein übergeordneter Offizier; aber er diente im Interesse seines Landes, nicht in seinem eigenen. Habt Ihr ihn in neuerer Zeit gesehen?«

»Ja wohl! Er kam vor etwa einem Jahr hier durch, mit seiner ganzen Gesellschaft auf dem Wege nach Eurem Lande, um sich dort als Squatter niederzulassen, oder ich müßte mich sehr irren. Es waren der Kettenträger selbst, zwei Gehülfen, Dus, und der junge Malbone.«

»Der junge – wie habt Ihr gesagt?« fragte ich mit einem Interesse, welches das Weib veranlaßte, ihr lebhaftes, tiefliegendes aber scharfes Auge forschend auf mich zu heften.

»Der junge Malbone, habe ich gesagt; der Bruder von Dus und der junge Bursche, welcher dem alten Andries all seine Arithmetik besorgt. Ich denke, Ihr wißt so gut als ich, daß der Kettenträger nicht mehr vom Rechnen versteht, als eine wilde Gans, und nicht halb so viel, als eine Krähe. Was das betrifft, ich habe Krähen gesehen, die zur Zeit der Aussaat ein Feld in halb so viel Minuten messen würden; als der Staatsvermesser Stunden dazu braucht.«

»Dieser junge Malbone ist also des Kettenträgers Neffe? Und er ist es, der die Vermessung leitet?«

»Er besorgt das Arithmetische dabei, und er ist ein Bruder von des alten Andries Nichte. Ich kannte die Coejemans, wie ich noch ein Mädchen war, und ich kenne die Malbones schon länger, als mir lieb ist.«

»Habt Ihr Euch über die Familie zu beklagen, daß Ihr so von ihnen sprecht?«

»Nur über ihren verzweifelten Stolz, der macht, daß sie sich für so viel besser halten, als Jedermann sonst; und doch sagt man mir, Dus und Alle mit einander seyen ebenso arm als ich.«

»Vielleicht mißkennt Ihr ihre Gesinnungen, gute Frau; was mir um so wahrscheinlicher ist, als Ihr Euch einzubilden scheint, Geld sey die Quelle ihres Stolzes, während Ihr doch zugleich behauptet, sie haben keines. Geld ist Etwas, worauf wenige Leute von gebildetem Geiste stolz sind. Die Geldstolzen sind beinahe immer die Gemeinen und Unwissenden.«

Ohne Zweifel war diese Moral weggeworfen an eine solche Zuhörerin; aber ich war gereizt, und im gereizten Zustand ist Einer nicht immer besonnen und klug. Ihre Antwort zeigte, welche Wirkung meine Moral hervorgebracht hatte.

»Ich maße mir nicht an, zu wissen, wie es damit ist; aber wenn es nicht Stolz ist, was ist es denn, wodurch Dus Malbone sich so sehr von meinen Töchtern unterscheidet? Sie ließe sich so wenig einfallen, zu seyn wie Eine von diesen, auf den Loostheilen herumzufegen, ohne Sattel zu reiten und die Nachbarschaft zu durchstreifen, als Ihr, mir mein Essen zu kochen – ja gewiß nicht!«

Die arme Mrs. Tinkum – oder wie sie im Stande gewesen wäre sich zu nennen, Miß Tinkum! Sie hatte eine der gewöhnlichsten Schwächen der menschlichen Natur verrathen, indem sie so des Kettenträgers Nichte des Stolzes beschuldigte, weil dieselbe anders lebte und sich benahm als sie und die Ihrigen. Wie viele Leute in dieser unsrer guten Republik beurtheilen ihre Nebenmenschen genau nach demselben Grundsatze, und betrachten Etwas als unziemlich, weil es ein ungünstiges Licht auf ihre Art zu seyn zu werfen scheint! Aber ich hatte nachgerade einiges Interesse für den Namen Dus Malbone gefaßt, und ich empfand eine Neigung, den Gegenstand weiter zu verfolgen.

»Also,« sagte ich, »Miß Malbone reitet nicht ohne Sattel?«

»Ja, Major! was auf der Welt bringt Euch auf den Einfall, das Mädchen Miß Malbone zu nennen? Es lebt keine Miß Malbone, seit ihre Mutter todt ist!«

»Nun also Dus Malbone, meine ich; sie dünkt sich zu gut, auf dem bloßen Rücken des Pferdes zu reiten?«

»Ja wohl; selbst ein Reitkissen wäre kaum vornehm genug, während ihr Bruder sich des Sattels bedient.«

»Ihr Bruder! – Der junge Vermesser? also ist Dus' Bruder?«

»Ja, so halb und halb. Sie hatten Einen Vater, aber verschiedene Mütter.«

»Das erklärt es; ich habe den Kettenträger nie von einem Neffen reden hören, und es scheint, der junge Mann ist gar nicht mit ihm verwandt – er ist der Halbbruder seiner Nichte.«

»Warum kann diese Nichte sich nicht betragen wie andere junge Dirnen? Das frage ich. Meine Mädchen haben nicht so viel Stolz als gut wäre für sie, wahrhaftig! Wenn Jemand einen Artikel entlehnen möchte von drüben im Nest, das sieben Meilen entfernt ist, und der ganze Weg führt durch die Wälder, so darf man es nur der Poll sagen, und sie springt auf einen Ochsen, wenn gerade kein Pferd da ist, und auf und davon, es zu holen, und denkt nicht an einen Sattel, und hat vielleicht Nichts als ein Halfter, wie ein Hirsch. Ja, ich lobe mir Poll vor allen Mädchen, die ich kenne, was solche Sendungen betrifft!«

Nachgerade gewann der Ekel vor solcher Gemeinheit in mir die Oberhand über die Neugier; und da ich mit meinem Mittagsmahl von gebratenem Schweinefleisch fertig war, wollte ich das Gespräch fallen lassen. Ich hatte von Andries und seiner Gesellschaft genug erfahren, um meine Neugier zu befriedigen, und Jaap wartete geduldig, um mein Nachfolger am Tische zu werden. Ich warf den Betrag der Zeche auf den Tisch, nahm eine Vogelflinte, mit welcher man damals immer reiste, bot der Mrs. Tinkum guten Tag, trug dem Schwarzen und dem Führer des Wagens auf, mir mit dem Gespann zu folgen, sobald sie fertig wären, und machte mich zu Fuß auf den Weg nach meinem Besitzthum.

In ganz wenigen Minuten hatte ich das Tinkum'sche Anwesen hinter mir und befand mich wieder ganz im Forste. Es traf sich, daß der Rechtstitel auf einen großen Strich Landes, der an Ravensnest stieß, streitig war, und nie war daselbst ernstlich der Versuch einer Ansiedlung gemacht worden. Eine Familie hatte sich auf diesem Punkt als Squatter niedergelassen, um den Vortheil zu haben, Rum zu verkaufen an die zwischen dem inneren Lande und den jenseitigen Wohnplätzen Hin- und Herreisenden; und der Ort hatte die Insaßen über ein halb Dutzend Male gewechselt, durch betrügliche oder wenigstens nichtige Verkäufe von einem Squatter an den andern. Um das Haus herum, das jetzt ein zerfallendes Scheitergerüste war, hatte die Zeit einigermaßen die Arbeit des Ansiedlers verrichtet, und unterstützt von dem mächtigen Diener aber furchtbaren Herrn, dem Feuer, der kleinen Lichtung einigermaßen den Anstrich eines civilisirten Anbau's verliehen. Sobald jedoch diese engen Grenzen überschritten waren, gelangte der Reisende in den jungfräulichen Urwald, ohne ein anderes Zeichen von menschlicher Thätigkeit um sich zu erblicken, als die schlecht angelegten und wenig bereisten Wege. Diese Straße verdankte menschlicher Arbeit nicht viel, hinsichtlich der Bequemlichkeit, die sie dem Reisenden darbot. Die Bäume darauf waren zwar weggehauen, aber ihre Wurzeln nicht ausgereutet worden, und die Zeit hatte mehr gethan, sie zu zerstören, als Beil und Axt. Aber wirklich hatte die Zeit viel gethan, und die Ungleichheiten ebneten sich allmälig unter den Hufen der Pferde und den Wagenrädern. Ein erträglicher Reitpfad war schon lang angelegt worden, und ich fand keine Schwierigkeit, ihn zu betreten, da er für Menschen und Thiere ganz geeignet war.

Der Urwald von Amerika ist in der Regel kein Platz für den gewöhnlichen Waidmann. Die Vögel, die man jagdbare nennt, finden sich in ihm nur selten, ein paar Arten ausgenommen; und es ist eine bekannte Thatsache, daß, während der Grenzer mit einer Büchsenkugel ein Eichhorn oder einen wilden türkischen Hahn auf sechszig oder achtzig Schritte fast unfehlbar in den Kopf trifft, man doch in die älteren Theile des Landes gehen muß, und besonders zu den Waidmännern der höhern Klassen, um Leute zu finden, welche die Schnepfe, die Wachtel, das Birkhuhn, den Regenpfeifer, im Fluge treffen. Ich galt für einen guten Schützen auf den Ebenen, Heiden und Allmanden von der Insel Manhattan und auf den Landhälsen von West-Chester: aber hier, wo ich mich jetzt befand, sah ich gar Nichts, worauf ich schießen konnte, – umgeben von Bäumen, die ihr Alter nach Jahrhunderten zählten. Allerdings wäre es mir ein Leichtes gewesen, dann und wann eine blaue Elster, eine Krähe, oder vielleicht auch einen Raben oder gar einen Adler zu schießen, wenn ich dazu geladen gehabt hätte: aber keine Feder von solchen Vögeln kam mir zu Gesicht, die nach gewöhnlichen Begriffen einer Jägertasche wohl anstehen. In Ermanglung von etwas Besserem nun, was ich hätte thun können, – wenn ein junger Mann von drei oder vierundzwanzig Jahren sich so ausdrücken durfte – begann ich über die Reize von Pris Bayard nachzusinnen und über die Eigenthümlichkeiten von Dus Malbone. In dieser Stimmung schritt ich weiter, rasch über die Waldgründe dahin wandernd, und ließ Miß Tinkum, die Lichtung mit ihren Meliorationen, und den Wagen weit hinter mir.

Ich war eine Stunde allein zugewandert, als das Schweigen der Wälder plötzlich unterbrochen wurde durch die Worte eines Gesangs, der nicht von einem Wesen der gefiederten Gattung herrührte, obgleich die Nachtigall selbst kaum hätte wetteifern können mit der Lieblichkeit der Töne, die einer weiblichen Stimme angehörten. Die tiefen Noten fielen mir auf als die vollsten, metallreichsten und klagendsten, die ich je gehört hatte, und ich dachte, es könne ihnen Nichts gleichkommen, bis die Melodie der Sängerin auch Gelegenheit zu höheren Tönen gab, in welchen ihre Stimme ebenso zu Hause schien. Ich glaubte die Melodie zu kennen, aber die Worte waren die einer mir unbekannten, gutturalen Sprache. Französisch und Holländisch waren die zwei einzigen ausländischen Sprachen, in welchen man damals in unserer Gegend der Wälder gelegentlich Musik vortragen hörte, und selbst die erstere war keineswegs etwas Gewöhnliches. Aber mit diesen beiden Sprachen war ich einigermaßen bekannt, und ich überzeugte mich bald, daß die Worte keiner von beiden angehörten. Endlich ging mir ein Licht darüber auf, daß das Lied indianisch war; nicht die Musik, sondern die Worte. Die Musik war unzweifelhaft schottische, oder jene entstellte italienische Musik, welche im Verlauf der Zeit für schottische ausgegeben wurde: und einen Augenblick bildete ich mir ein, ein hochländisches Mädchen in meiner Nähe singe eines der celtischen Lieder des Landes ihrer Kindheit. Aber bei schärferer Aufmerksamkeit überzeugte ich mich, daß die Worte wirklich indianisch waren, vermuthlich der Mohawksprache, oder einer andern, die ich oft hatte sprechen hören, angehörig.

Der Leser ist wohl neugierig, zu erfahren, woher diese Töne kamen, und warum ich das Wesen nicht sah, von welchem solche entzückende Harmonie ausging. Dieß rührte daher, daß der Gesang aus einem Dickicht von jungen Fichten herkam, welche auf einer alten Lichtung in geringer Entfernung vom Wege wuchsen, und wo ich irgend eine Hütte vermuthete. Diese Fichten jedoch versteckten vollkommen Alles, was hinter ihnen war. So lange der Gesang dauerte, blieb ich selbst so unbeweglich stehen, wie nur irgend ein Baum des Waldes; als er aber endete, war ich im Begriff, auf das Dickicht los zu gehen und seine Geheimnisse zu erspähen, als ich ein Lachen vernahm, kaum minder melodisch als die Töne der Musik selbst. Es war nicht ein gemeiner, schallender Ausbruch von mädchenhafter Lustigkeit, auch war es nicht einmal laut, aber es war leichtherzig, fröhlich, von Laune zeugend, – falls man von einem bloßen Lachen dies sagen kann; und in gewissem Sinne war es ansteckend. Es machte mich wieder stillstehen, um zu lauschen; und ehe ich mich wieder veranlaßt fand, mich in Bewegung zu setzen, theilten sich die Aeste der Fichten, und ein Mann trat aus dem Dickicht auf den Weg. Ein einziger Blick genügte, mich zu überzeugen, daß der Unbekannte ein Indianer war.

Ungeachtet ich wußte, daß ich mich ganz in der Nähe von Andern befand, war ich doch etwas betroffen über diese plötzliche Erscheinung. Anders verhielt es sich mit ihm, der sich näherte: er konnte Nichts davon ahnen, daß ich in der Nähe sey; aber dennoch verrieth er durchaus keine innere Bewegung, als sein kalter, nicht aus der Fassung zu bringender Blick auf meine Gestalt fiel. Festen Schrittes vorschreitend trat er in die Mitte des Weges; und da ich mich unwillkührlich umgewandt hatte, um meines Weges weiter zu wandern, da ich nicht wußte, ob es gerathen sey, allein hier in der Gegend zu verweilen, schloß sich der rothe Mann mit seinem, mit dem Moccasin bekleideten Fuß hart an mich an, und ich fand, daß wir so seltsamer Weise, in derselben Richtung, Seite an Seite, Beide unserem Ziele zu schritten.

Der Indianer und ich schritten in dieser Art, nur einen Schritt von einander, mitten in diesem Wald zwei oder drei Minuten lang dahin, ohne zu sprechen. Ich hütete mich, Etwas zu sagen, weil ich gehört hatte, ein Indianer achte diejenigen am meisten, welche ihre Neugier am besten zu beherrschen wüßten; und wahrscheinlich beherrschte diese Denkweise auch meinen Begleiter. Endlich sprach der rothe Mann in den tiefen gutturalen Tone seines Volkes den gewöhnlichen, konventionellen Gruß des Grenzmannes aus:

»Sa-a-go?«

Dieß Wort, welches einmal einer indianischen Sprache angehört hatte, gilt überall bei den Weißen für indianisch, und wahrscheinlich bei den Indianern für englisch. Eine Reihe von solchen Ausdrücken ist zwischen den beiden Racen erwachsen, mit Einschluß solcher Worte wie »Moccasin,« »Pappoose,« »Tomahawk,« »Squaw« und mancher andern. »Sa-a-go« bedeutet: »Wie geht es Euch?«

»Sa-a-go?« antwortete ich auf meines Begleiters höfliche Begrüßung.

Darauf schritten wir wieder einige Minuten weiter, ohne daß der Eine oder der Andere sprach. Ich benutzte die Gelegenheit, meinen rothen Bruder genau zu besichtigen, eine Beschäftigung, die um so leichter für mich war, als er mich nicht ein einziges Mal anschaute; sein erster, einziger Blick genügte, ihm Alles zu sagen, was er zu wissen begehrte. Zuerst nun überzeugte ich mich bald, daß mein Begleiter nicht trank, ein seltner Vorzug bei einem rothen Mann, der in der Nähe der Weißen lebt. Dies war zu schließen aus seinem Gesicht, seinem Gang und seinem ganzen Wesen, wie mir schien, neben dem Umstand, daß er keine Flasche noch sonstiges Gefäß zu trinkbaren Flüssigkeiten an sich hatte. Was mir am wenigsten gefiel, war der Umstand, daß er vollständig bewaffnet war, Messer, Tomahawk und Büchse bei sich führte, und diese Instrumente alle in ihrer Art vortrefflich zu seyn schienen. Er war jedoch nicht bemalt und trug ein gewöhnliches Calikohemd, was damals die allgemein übliche Tracht seines Volkes in der warmen Jahreszeit war. Das Gesicht hatte den Ausdruck finsterer Strenge, den man so allgemein bei rothen Kriegern findet; und da dieser Mann über die Fünfzig hinaus war, begannen seine Züge die gewöhnlichen Spuren ausgestandener Strapazen und geleisteter Kriegsdienste zu zeigen. Doch war er ein kräftiger, achtbar aussehender, rother Mann, der allem Anschein nach gewohnt war, viel unter civilisirten Menschen zu leben. Natürlich machte es mir keine ernstliche Unruhe, daß ich auf einen solchen Mann gestoßen war, obgleich wir uns so tief im Walde befanden, aber als Soldat konnte ich nicht umhin, zu bedenken, in welchem Nachtheil ich mich nothwendig mit meiner Vogelflinte gegen seine Büchse befinden müßte, falls es ihm einfiele, sich seitab zu wenden und hinter einem Baume hervor auf mich zu schießen, um mich dann auszuplündern. Die Tradition berichtete, daß schon solche Dinge vorgekommen waren; obgleich im Ganzen vielleicht der rothe Mann in Amerika sich als den Ehrlichern und Redlichern bewiesen hat in Vergleichung mit denen, welche ihn überlistet und unterdrückt haben.

»Was machen alte Häuptling?« fragte der Indianer plötzlich, ohne auch nur die Augen vom Weg auszuschlagen.

»Der alte Häuptling! Meint Ihr Washington, mein Freund?«

»Nicht so. Meinen den alten Häuptling, draußen dort, im Nest. Meine den Vater.«

»Mein Vater! Kennt Ihr den General Littlepage?«

»Gewiß, ihn kennen. Euer Vater – sehen« – und er hob seine beiden Zeigefinger in die Höhe, – »ganz ähnlich – das er, das Ihr!«

»Das ist doch sehr sonderbar! Und wußtet Ihr, daß ich hieher kommen würde?«

»Das auch gehört. Immer sprechen von Häuptling.«

»Ist es lang her, daß Ihr meinen Vater gesehen?«

»Ihn gesehen zur Kriegszeit – nie gehört vom alten Sureflint?« Sichere Flinte, eigentlich: sicherer Feuerstein.

Ich hatte die Offiziere unsres Regiments von einem solchen Indianer sprechen hören, welcher bei dem Corps viel gedient hatte und äußerst nützlich gewesen war, besonders bei den zwei großen Feldzügen im Norden. Er war nie mehr beim Regiment, seit ich dabei stand, obgleich sein Name und seine Dienste mit den Abenteuern der Jahre 1776 und 77 eng verflochten waren.

»Gewiß!« antwortete ich, und schüttelte dem rothen Manne herzlich die Hand. »Gewiß habe ich von Euch gehört, und Dinge die sich auf Zeiten vor dem Kriege beziehen. Seyd Ihr nie vor dem Kriege mit meinem Vater zusammengetroffen?«

»O gewiß! ihn getroffen in alt Krieg. General damals jung Mann – gerade wie Sohn jetzt.«

»Unter welchem Namen waret Ihr damals bekannt, Oneida?«

»Kein Oneida – Onondago – nüchterner Stamm. Haben Namen genug. Bald einen, bald andern. Bleichgesicht mich nennen Trackleß, weil er nicht kann Spur finden, Krieger ihn nennen Susquesus.«

 

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