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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 7
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Fünftes Kapitel.

Beatrice. Der wäre ein vortrefflicher Mann, der gerade die Mitte hielte zwischen ihm und Benedick; der Eine ist zu sehr wie eine Bildsäule und sagt gar Nichts, und der Andere, zu sehr meiner Lady ältestem Sohne gleichend, plappert immerfort.

Viel Lärmen um Nichts.

 

An dem Tag, an welchem meine Schwester und ich Satanstoe verließen, fand ein interessantes Gespräch statt zwischen meiner Großmutter und mir, welches ich wohl erzählen darf. Es fand statt in der Kühle des Morgens, ja sogar vor dem Frühstück, und ehe Eines von der übrigen Gesellschaft sich blicken ließ; Tom Bayard nämlich und seine Schwester waren wieder herübergeritten, um bei unsrer Abreise gegenwärtig zu seyn, und hatten die Nacht hier zugebracht. Meine Großmutter hatte mich gebeten, so frühe schon sie zu treffen in einer Art von Piazza, welche in Folge von neuen Verbesserungen und Erweiterungen am einen Ende der alten Gebäude angefügt worden, und wo wir uns Beide mit der größten Pünktlichkeit einfanden. Aus einer gewissen bedeutungsvollen Miene meiner guten Großmutter errieth ich, daß sie wichtige Sachen auf dem Herzen hatte, und ich nahm auf dem Stuhl, den sie mir hingestellt, mit einiger Neugier Platz, zu erfahren was nun folgen würde. Die Sessel standen neben einander, oder doch beinahe, jedoch in verschiedener Richtung, und so nahe aneinander, daß beim Sitzen beinahe die Gesichter sich berührten. Meine Großmutter hatte ihre Brille auf, und durch diese schaute sie mich ernst und nachdenklich an, indem sie die Locken auf meiner Stirne schlichtete, wie sie mir als Knaben zu thun gewohnt gewesen. Ich sah hinter den Gläsern Thränen herunterrollen, und ich besorgte, etwas gesagt oder gethan zu haben, wodurch ich das Gemüth dieser trefflichen und nachsichtigen Frau verletzt hätte. »Ums Himmels willen, Großmutter, was kann dies zu bedeuten haben?« rief ich. »Habe ich irgend einen Fehler gemacht?«

»Nein, mein Kind, nein, sondern ganz im Gegentheil. Du bist und warest immer ein guter und pflichtgetreuer Sohn, nicht nur gegen Deine wirklichen Eltern, sondern auch gegen mich. Aber Dein Name hätte sollen Hugh seyn – dabei werde ich bleiben so lang ich lebe. Ich habe das Deinem Vater gesagt, als Du geboren wurdest, aber er war damals ganz Mordaunt-toll, wie er es in der That auch seither immer geblieben ist. Nicht als ob Mordaunt nicht ein guter Name wäre, und ein achtbarer Name, und es heißt auch, es sey ein vornehmer Name in England; aber es ist ein Familienname, und Familiennamen passen im besten Falle nicht zu Taufnamen. Hugh hätte Dein Name werden müssen, wenn es nach meinem Sinne gegangen wäre, und wenn nicht Hugh, dann Corny. Nun, dazu ist es jetzt zu spät, da Du einmal Mordaunt heißt, und als Mordaunt leben und sterben mußt. Hat Dir wohl schon Jemand gesagt, mein Kind, wie sehr, sehr ähnlich Du Deinem geehrten Großvater bist?«

»Meine Mutter schon oft – ich habe ihr die Thränen in die Augen treten sehen, wie sie mich anschaute, und sie hat mir oft gesagt, mein Familienname sollte Mordaunt seyn, so sehr sehe ich ihrem Vater gleich.«

»Ihrem Vater! – Nun, da setzt sich eben einmal Anneke die allerseltsamsten Dinge in den Kopf! Eine bessere, eine liebere Frau gibt es nicht auf Erden – ich liebe Deine Mutter gerade so, wie wenn sie meine leibliche Tochter wäre; aber das muß ich sagen, da bildet sie sich die allerseltsamsten Dinge ein, die je einem Sterblichen in den Kopf kommen können. Du Herman Mordaunt gleichsehen! Du bist das wahre Ebenbild Deines Großvaters Littlepage, und gleichst Herman Mordaunt so wenig als dem Könige.«

Die Revolution war damals, und ist auch jetzt noch etwas zu Neues, als daß sie solche beständige Erinnerungen an das Königthum hätte ausschließen können, obgleich mein Großvater vom ersten Anfang des Kampfes an ein so warmer Whig gewesen war, als nur irgend einer in den Kolonien lebte. Was die besprochene Ähnlichkeit betrifft, so habe ich immer angenommen, ich sey ein gemischtes Conterfei von beiden Familien gewesen, wie dies so oft vorkommt; ein Umstand, welcher meinen Verwandten von beiden Seiten möglich macht, diejenigen Aehnlichkeiten zu finden und weiter zu verfolgen, welche ihrem Geschmack und ihren Launen am meisten zusagen. Dies war ganz bequem, und es mag, neben dem Umstand, daß ich ein einziger Sohn war, ein Grund gewesen seyn, warum ich so sehr der Liebling der weiblichen Mitglieder meiner Familie war. Meine gute alte Großmutter, damals in ihrem neunundsechzigsten Jahre stehend, war so überzeugt von meiner Aehnlichkeit mit ihrem verstorbenen Gatten, dem »alten General,« wie er jetzt genannt wurde, daß sie in ihren Eröffnungen nicht fortfahren konnte, als bis sie sich die Augen gewischt und ihren zärtlichen Gefühlen durch ein wiederholtes langes und nachdenkliches Anschauen meines Gesichts Genüge gethan hatte.

»Oh! diese Augen!« murmelte sie; »und diese Stirne! – Und auch der Mund und die Nase, um nichts zu sagen vom Lächeln, das auch so ähnlich ist, wie eine Erbse der andern!«

Dieß ließ für die Mordaunts sehr wenig übrig, man muß es gestehen; das Kinn und die Ohren waren so ziemlich alles, was nicht für die väterliche Linie in Anspruch genommen ward. Zwar waren meine Augen blau, und die des alten Generals waren kohlschwarz gewesen; meine Nase war griechisch und er hatte eine höchst auffallend römische gehabt; und von meinem Mund kann ich nur sagen, daß er dem von meiner Mutter so sehr ähnlich war wie es nur ein männlicher einem weiblichen seyn konnte. Dies Letztere hörte ich meinen Vater tausendmal sagen. Aber das Alles hatte nichts zu bedeuten; Alter, Zärtlichkeit und die Wünsche der Mutter ließen meiner guten Ahne die Dinge in einem andern Licht erscheinen.

»Nun, Mordaunt,« fuhr endlich die gute alte Frau fort, »wie gefällt Dir die Wahl Deiner Schwester Kate? Mr. Bayard ist ein bezaubernder junger Mann, nicht wahr?«

»Ist es denn eine Wahl, Großmutter? Hat sich Kate wirklich schon entschlossen?«

»Pah!« antwortete meine Großmutter, und lächelte so schalkhaft als wäre sie selbst erst sechszehn Jahre alt gewesen – »das war schon lang eine ausgemachte Sache, und der Papa billigte es, und die Mama wünschte es sehnlich, und ich gab meine Zustimmung und Schwester Anneke war entzückt, und Alles war so glatt und eben wie die Düne am Ende des Landhalses, und man wartete nur noch auf Deine Zustimmung. ›Es wäre nicht recht von mir, Großmutter, wenn ich mich verlobte, so lange Mordaunt abwesend ist und ohne daß er auch nur den Gentleman kennt, und deßwegen will ich mein Jawort nicht geben, bis ich auch seine Zustimmung habe‹ sagte Kate. Das war sehr hübsch von ihr, nicht wahr, mein Kind? Alle Kinder Deines Vaters haben ein so richtiges Gefühl für das Schickliche!«

»In der That, das war es, und ich werde es nicht so bald vergessen. Aber gesetzt, ich hätte ihre Wahl mißbilligt, was wäre dann wohl geschehen, Großmutter?«

»Ihr solltet nie unangenehme Fragen an Einen thun, vorlauter Junge, aber ich glaube fast, Kate würde wenigstens Mr. Bayard gebeten haben zu warten, bis ihr Euern Sinn geändert hättet. Ihn ganz aufzugeben, davon konnte wohl nicht die Rede seyn, und es wäre unvernünftig gewesen; aber sie hätte einige Monate oder so warten können, bis Ihr andern Sinnes geworden wäret; und ich selbst würde ihr dazu gerathen haben. Aber das Alles ist unnöthig, wie die Sachen stehen; denn Ihr habt Eure Billigung ausgesprochen und Kate ist vollkommen glücklich. Der letzte Brief von Lilaksbush, den Jaap brachte, enthält die förmliche Einwilligung Eurer lieben Eltern, – und was für Eltern hast Du, mein Kind! – und so gab denn Kate gestern schriftlich ihr Jawort; und es war ein so artig geschriebenes Briefchen, als ich seit vielen Jahren keines zu Gesicht bekommen habe. Deine eigene Mutter hätte es nicht besser machen können in ihren jungen Tagen: und Anneke Mordaunt wußte doch ein Billet zu stylisiren so fein und zart als irgend ein Mädchen, das ich je gekannt habe.«

»Ich bin froh, daß Alles sich so gut gemacht hat, und Niemand kann dem jungen Paare mehr von ganzem Herzen alles Glück wünschen als ich. Kate ist ein liebes, gutes Mädchen, und ich liebe sie so zärtlich, als ein Bruder eine Schwester lieben kann.«

»Nicht wahr, das ist sie? und so durchaus eine Littlepage, wie nur je geboren wurde. Ich hoffe, sie wird glücklich werden. Alle Ehen in unserer Familie sind es bisher geworden, und es müßte sonderbar zugehen, wenn diese anders ausfiele. Nun, Mordaunt, wenn aber Kate verheirathet ist, seyd Ihr allein noch übrig!«

»Das ist wahr, Großmutter, und Ihr dürft froh seyn, daß noch Eines von uns da ist, das Euch besuchen kann, ohne Kinder und Wärterinnen mit sich zu schleppen.«

»Ich! – ich darf froh seyn über so Etwas! Nein, wahrlich, mein Kind, es würde mir sehr leid thun, wenn ich nur einen Augenblick denken müßte, Du werdest nicht heirathen, sobald es die Klugheit räth, nunmehr der Krieg vorüber ist. Was Kinder betrifft, so sind die meine Lust; und ich habe es immer für ein Mißgeschick gehalten, daß die Littlepages so wenige gehabt haben, zumal Söhne. Dein Großvater, mein General, war ein einziger Sohn; Dein Vater war ein einziger Sohn; und Du bist ein einziger Sohn,– das heißt, soweit es sich um die Vererbung der Besitzungen an männliche Sprößlinge handelt oder handelte. Nein, Mordaunt, mein Kind, es ist der heißeste Wunsch meines Herzens, Dich schicklich verheirathet zu sehen, und die Littlepages der nächsten Generation an meine Brust zu schließen. Zwei von Euch habe ich schon in meinen Armen gewiegt, und ich werde das Leben der Gesegneten des Himmels gelebt haben, wenn ich auch noch die dritte werde begrüßen dürfen.«

»Meine liebe, gute Großmutter! – Wie soll ich das Alles verstehen?«

»Dahin, daß ich wünsche, Du heirathetest, mein Kind, nachdem jetzt der Krieg vorüber ist; daß Dein Vater wünscht, Du heirathest, daß Deine Mutter wünscht, Du heirathest, und daß Deine Schwester wünscht, Du heirathest.«

»Und Ihr Alle wünscht, daß ich dieselbe Person heirathe? Ist es nicht so?«

Meine Großmutter lächelte, aber sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her; und sie fürchtete, so vermuthe ich, die Sache ein wenig zu rasch betrieben zu haben. Es war jedoch für eine Frau von ihrer Wahrhaftigkeit und Charaktergeradheit nicht leicht zurückzutreten, nachdem sie einmal so weit gegangen war; und sie entschloß sich klüglich, alle Zurückhaltung gegen mich, in Betreff dieser Sache, fahren zu lassen.

»Ich glaube, du hast Recht, Mordaunt,« antwortete sie nach einer kleinen Pause. »Wir wünschen wirklich Alle, daß Du Dich verliebest, sobald als nur möglich; daß Du Deinen Heirathsantrag machest, sobald Du Dich verliebt hast; und daß Du Priscilla Bayard heirathest, sobald sie eingewilligt haben wird, Dich zu nehmen.«

»Das ist ehrlich gesprochen, und ganz wie es von Euch zu erwarten ist, meine liebe Großmutter; und jetzt wissen wir Beide, um was es sich handelt, und können nun offen und geradeheraus sprechen. Erstlich, meint Ihr nicht, Eine Verbindung dieser Art zwischen zwei Familien sey gerade hinreichend? Wenn Kate den Bruder heirathet, wird man nicht mich entschuldigen, wenn ich die Vorzüge und Reize der Schwester übersehe?«

»Priscilla Bayard ist eines der liebreizendsten Mädchen in der Colonie New-York, Mordaunt Littlepage.«

»Wir nennen jetzt diesen Theil der Welt den Staat New-York, liebste Großmutter. Ich bin weit entfernt, die Wahrheit dessen, was Ihr sagt, zu bestreiten. Priscilla Bayard ist wirklich sehr liebreizend.«

»Ich weiß nicht, was Ihr mehr wünschen könnt, als ein solches Mädchen zu bekommen.«

»Ich will nicht behaupten, es werde nie eine Zeit kommen, wo ich froh wäre, die Einwilligung der jungen Lady zu erlangen, meine Gattin zu werden; aber jetzt wenigstens ist diese Zeit noch nicht. Sodann bezweifle ich auch, ob es zuträglich ist, wenn Verwandte und Freunde eine bestimmte Partie sehr wünschen, zu viel davon zu sprechen.«

Meine arme Großmutter machte ein ganz verdutztes Gesicht, wie wenn sie fühlte, daß sie unschuldiger und argloser Weise ein Unheil angerichtet habe; sie saß da, mich anstarrend, und es malte sich in ihrem ehrwürdigen Angesicht fast der Ausdruck eines reuigen Kindes.

»Aber doch, Mordaunt, trug ich sehr viel zum Zustandekommen der Verbindung zwischen Deinen beiden guten Eltern bei,« versetzte sie endlich, »und das ist eine der glücklichsten Ehen geworden, die ich je gesehen.«

Ich hatte oft Andeutungen und Anspielungen dieser Art gehört, und hatte einige Mal das ruhige Lächeln meiner Mutter beobachtet, wenn sie Zeuge davon war; ein Lächeln, das der Meinung zu widersprechen schien, die ihren Ursprung in den irrigen Begriffen meiner Großmutter von ihrem Einfluß hatte. Einmal, ich war damals noch ganz ein Knabe, erinnere ich mich, meine Mutter gefragt zu haben, wie es sich damit verhalte, und ihre Antwort war: »Ich habe Deinen Vater geheirathet durch den vermittelnden Einfluß eines Fleischersjungen,« eine Antwort, die sich auf einen sehr frühen Vorfall im Leben meiner Eltern bezog. Aber ich wußte wohl, daß weder Cornelius Littlepage noch Anneke Mordaunt die Leute waren, die sich in den Ehestand durch Andere hätten hineinführen oder hineinschwatzen lassen; und ich nahm mir auf der Stelle vor, ihr einziger Sohn solle dieselbe Unabhängigkeit an den Tag legen. Ich hätte vielleicht meiner Großmutter in diesem Sinne geantwortet, und in einer stärkeren Sprache, als meine Gewohnheit gegenüber von dieser ehrwürdigen Frau war, wären nicht die zwei Mädchen in diesem Augenblick in der Piazza erschienen und hätten unser Privatgespräch unterbrochen.

Die Wahrheit zu gestehen, Priscilla trat an diesem Morgen mir entgegen fast mit dem Glanz der aufgehenden Sonne. Beide Mädchen hatten jenes frische, anziehende Aussehen, welches vorzugsweise der Toilette der Frühaufstehenden ihres Geschlechts eignet, und das sie vermuthlich zu dieser Stunde schöner macht als zu jeder andern Tageszeit. Meine Schwester war ein sehr reizendes Mädchen, wie wohl Jedermann zugestand; ihre Freundin aber war entschieden schön. Ich gestehe, es wurde mir etwas schwer, nicht auf der Stelle einzulenken und meiner ängstlich besorgten Großmutter zuzuflüstern, ich wolle der jungen Lady alle schickliche Aufmerksamkeit widmen und zur passenden Zeit meinen Antrag machen, als sie auf uns zutrat und uns den Morgengruß bot, mit gerade so viel bequemer Sicherheit, daß es ihr vollkommen anmuthig stand, und doch mit einer Sittsamkeit und Zurückhaltung, welche unendlich gewinnend war.

»Mordaunt steht im Begriff, mich für den ganzen Sommer zu verlassen, Miß Bayard,« sagte meine Großmutter, welche nicht müßig seyn wollte, so lange noch eine Aussicht auf Erfolg sich darbot, »und ich habe ihn hier herausgenommen, um uns ein wenig zu besprechen, ehe wir scheiden. Kate werde ich hoffentlich während der angenehmen Jahreszeit oft sehen; aber von Mordaunt wird dies der letzte Besuch seyn, bis die kalte Witterung wieder eintritt.«

»Wird Mr. Littlepage Reisen machen?« fragte die junge Lady mit gerade so viel Theilnahme, als die gute Sitte erforderte, und nicht ein Tüttelchen mehr: »denn Lilaksbush ist nicht so entfernt, daß er nicht jede Woche einmal wenigstens herüberreiten könnte, um sich nach Eurem Befinden zu erkundigen.«

»Oh, er geht sehr, sehr weit fort, und an einen Ort der Welt, an welchen ich nur mit Schaudern denken kann!«

Miß Bayard schien jetzt wirklich betroffen und sehr erstaunt; und sie heftete ihre sehr schönen Augen fragend auf mich, obgleich sie mit der Zunge Nichts sagte.

»Es ist Zeit, daß ich es erkläre, damit nicht Miß Bayard meine, der Ort meiner Bestimmung sey China, wohin jetzt alle amerikanischen Abenteurer zu streben scheinen. Ich werde jedoch den Staat nicht verlassen.«

»Da der Staat einen ziemlichen Umfang hat,« erwiederte Priscilla, »kann nach der Empfindung einer Großmutter ein Enkel weit genug entfernt seyn, wenn er sich am entgegengesetzten Ende desselben befindet. Vielleicht besucht Ihr den Niagara, Major Littlepage? ich habe von einigen Gentlemen gehört, welche einen solchen Ausflug beabsichtigen; und recht freuen soll es mich, wenn die Wege in einem solchen Zustand sind, daß auch Frauen von der Partie seyn können.«

»Und hättet Ihr den Muth, von einer solchen Partie zu seyn?« fragte meine Großmutter, mit Begierde Alles, selbst das Geringste, ergreifend, was ihre Wünsche unterstützen konnte.

Pris Bayard schien zu fürchten, sie sey zu weit gegangen; denn sie erröthete gar reizend, ehe sie antwortete.

»Ich wüßte nicht, Mrs. Littlepage, daß irgend ein besonderer Muth dazu erforderlich seyn sollte,« sagte sie; »es ist wahr, es sind Indianer um den Weg und es liegt eine gewaltige Wildniß zwischen uns und dem Ziel der Reise; aber Frauen haben sie doch schon gemacht, wie man mir gesagt hat, und zwar ohne die mindeste Gefährdung. Man hört solche Wunderdinge von den Fällen, daß es eine starke Versuchung wäre, selbst Etwas zu wagen, um sie nur zu sehen.«

Ich blicke mit Verwunderung zurück über den kurzen Zeitraum der dazwischen liegt, wenn ich mich erinnere, wie wir in meiner Jugend die Fälle des Niagara anzusehen gewohnt waren. Eine Reise nach Europa schien nur um ein Geringes gefahrvoller und ernster; und Reisen nach Europa waren damals nicht, was sie jetzt sind. Der Leser wird natürlich nie vergessen, daß diese Handschrift vor beinahe wo nicht vollen vierzig Jahren geschrieben wurde. Auch damals noch war eine Reise an den Niagara ein ernstes Unternehmen. Jetzt (1845) kann man sie mit Dampf machen, und die ganze Strecke von der Stadt New-York an, zwischen 450 und 500 englischen Meilen, in weniger als sechsunddreißig Stunden zurücklegen. Das ist eines der Wunder eines Riesen in seinen Kinderjahren, und sollte ausländische Politiker vorsichtig machen, wenn sie davon schwatzen, die Grenzen dieser Republik an der Stelle ihrer Bürger zu reguliren! Wenn die Vergangenheit irgend ein Pfand seyn kann für die Zukunft in der amerikanischen Geschichte, so werden noch von den jetzt Lebenden Viele die Herrschaft des Dampfes über den Continent ausgedehnt sehen, vom atlantischen bis zum stillen Meere, und an beiden Enden die Sternenflagge wehen! Mehr als tausend von den viertausend Meilen, welche die Ausführung dieses Projekts befassen müßte, sind schon bewältigt, und was zu thun übrig ist, wenn man die Zwecke mit den Mitteln vergleicht, eine nicht halb so große Anstrengung, als das schon Geleistete. Es dürfte hier der passende Ort seyn, hinzuzufügen, daß Nichts so sehr die gegenwärtige Administration bei ihren Projekten, die auf Vereinigung und Aufnahme in die Union gewichtet sind, gekräftigt und befestigt hat, als die gedrohte Einmischung europäischer Regierungen in die Angelegenheiten dieses Continents. In einem kritischen Augenblick, wo es am unwillkommensten wäre, dürfte Amerika sie einmal mit gleicher Münze bezahlen! D. H.

»Nichts würde mich glücklicher machen,« rief ich galant, zum Entzücken meiner armen Großmutter, das sie schlecht genug zu verhehlen suchte, »als der Beschützer von Miß Bayard auf diesem Ausfluge zu seyn.«

»Also gedenkt Ihr wirklich diese Reise zu unternehmen, Major Littlepage?«

»In diesem Jahre nicht, obgleich ich mir die Hoffnung für künftige Zeiten vorbehalte. Meine Bestimmung führt mich für jetzt nach Ravensnest, einem Platze nicht ganz fünfzig Meilen von Albany entfernt.«

»Ravensnest! – Das ist ein sehr hübscher Name, obgleich er Einem wohl noch besser gefiele, glaube ich, Kate, wenn er Dovesnest, oder Robinsnest, oder Wrensnest Tauben-Rothkehlchen-Zaunkönigs-Nest. hieße. Was ist dies Ravensnest, Mr. Littlepage?«

»Ein Gut mit ziemlich umfangreichen Ländereien, aber bis jetzt von geringem Werth, was es auch etwa später einbringen mag, das einst das Besitzthum meines Großvaters Mordaunt war und das er mir vermacht hat. Mein Vater und Oberst Dirck haben auch ein Gut, welches ganz nahe dabei liegt und Mooseridge heißt. Ich bin im Begriff, beide zu besuchen, als Eigenthümer des einen und als Agent der Eigenthümer des andern. Es ist Zeit, daß man nach diesen Besitzungen sieht, da die Unruhen der letzten Jahre gemacht haben, daß wir sie fast ganz aus dem Auge verloren haben.«

»Man sagt mir, es geschehe diesen Sommer sehr viel für Ansiedlungen in den wilden Ländereien des inneren Landes,« fuhr Priscilla fort, mit einem Interesse an dem Gegenstande, das mir weit mehr auffallend als erklärbar war – »und daß sehr viele Ansiedler uns zuströmen aus den benachbarten Neu-England-Staaten. Ich habe auch gehört, daß die gewaltigen Besitzungen des Patroons sich rasch mit Menschen füllen, und das Herz des Staates bald werde bevölkert seyn.«

»Ihr beschäftigt Euch emsiger mit solchen Dingen, als man es gewöhnlich bei jungen Ladies findet, Miß Bayard. Ich schreibe das dem Umstande zu, daß Ihr eine so gute Whig seyd, was nur ein anderer Name ist für: Patriotin.«

Pris erröthete wieder, und sie schien jetzt verstummen zu wollen, obwohl ich immer noch bei ihr die Zeichen eines Interesses bemerkte, welches mir ganz unerklärlich war. Kate bemerkte dies wahrscheinlich auch, denn sie fuhr fort, von meiner Reise zu sprechen, auch nachdem ihre Freundin sich etwas zurückgezogen hatte; und das in einer Weise, welche zu verrathen schien, sie habe ausgesprochen.

»Wer ist denn der seltsame alte Mann, von dem ich Euch sprechen gehört habe, Mordaunt,« fragte meine Schwester, »und mit welchem Ihr in neuerer Zeit in einem Briefwechsel gestanden seyd wegen dieser Ländereien?«

»Ich vermuthe, Ihr meint meinen früheren Cameraden, den ›Kettenträger‹. Er war ein Kapitän in unserem Regiment, mit Namen Coejemans, der diesen Namen führt, und welcher den Vertrag abgeschlossen hat, für die nöthigen Vermessungen Sorge zu tragen, obgleich er selbst den bescheidenen Posten eines Meßkettenträgers bekleidet, da er nicht im Stande ist, die Berechnungen zu machen.«

»Wie kann denn aber ein einfacher Kettenträger einen Vertrag abschließen über eine ganze Vermessung?« fragte Tom Bayard, der auch zur Gesellschaft getreten war, und das Gespräch mit angehört hatte. »Die Meßkettenträger sind in der Regel nur gemeine Arbeiter und ganz ohne alle Verantwortlichkeit.«

»Das ist der allgemeinen Regel nach wahr; aber mein alter Freund macht eine Ausnahme. Er wollte Landesvermesser werden, aber da er keinen Kopf hatte für die Sinus, Cosinus und Tangenten, sah er sich genöthigt, seine Ansprüche herabzustimmen und sich mit der bescheidenen Obliegenheit zu begnügen, die er jetzt erfüllt. Doch hat er schon seit langer Zeit Contrakte über solche Geschäfte übernommen, und er bekommt so viele, als er ausführen kann, und miethet dann selbst die Vermesser, da die Eigenthümer von Ländereien das unbedingteste Vertrauen zu seinen Vermessungen haben. Laßt mich Euch sagen, der Mann, der die Meßkette trägt, ist nicht das unwichtigste Glied einer landvermessenden Gesellschaft in den Wäldern. Der alte Andries ist so ehrlich wie das Sonnenlicht und Jedermann hat Vertrauen zu ihm.«

»Sein eigentlicher Name sey Coejemans, habt Ihr, glaube ich, gesagt. Major Littlepage?« fragte Priscilla, eine gleichgültige Miene annehmend, wie mich däuchte.

»Andries Coejemans, ja; und seine Familie ist anständig, wenn auch nicht gerade eigentlich angesehen und vornehm. Aber der Alte ist ein so eingefleischter Waldmann, daß nur sein Patriotismus und seine Whiggesinnungen ihn ins offene Land heraus ziehen konnten. Nachdem er mit größter Tapferkeit während des ganzen Krieges gedient hat, ist er zu seinen Ketten zurückgekehrt, und manchen Spaß treibt er damit, daß er noch immer der Ketten nicht los werde, nachdem er so lang und so oft für die Sache der Freiheit gefochten habe.«

Priscilla schien sich zu bedenken – mir schien, ihre Farbe erhöhe sich ein Wenig – und dann that sie die Frage, welche sie zu beschäftigen schien, mit überraschender Festigkeit.

»Habt Ihr je des Kettenträgers Nichte, Dus Malbone, gesehen?«

Diese Frage überraschte mich nicht wenig; denn obgleich ich Ursula nie gesehen, hatte mir doch der Oheim so viel von seiner Pflegbefohlenen vorgeschwatzt, daß mir fast war, als sey sie eine vertraute Bekannte von mir. Es geschieht nicht selten, daß wir so viel von gewissen Personen hören, daß wir an sie denken, von ihnen sprechen, wie wenn wir sie persönlich kennten; und hätte mich Miß Bayard nach einem meiner bisherigen Kriegskameraden gefragt, so wäre ich nicht ein Tüttelchen mehr betroffen gewesen, als wie ich sie den mir so vertrauten Namen Dus Malbone aussprechen hörte.

»Wo, bei Allem, was seltsam ist, habt Ihr denn je von einer solchen Person gehört?« rief ich, etwas unbedachtsam, aus, da doch die Welt sicherlich groß genug ist, daß zwei junge Frauenzimmer in ihr mit einander bekannt seyn konnten, ohne meine Zustimmung und mein Vorwissen; zumal da ich die Eine noch gar nie, und die Andere seit vierzehn Tagen zum ersten Mal gesehen hatte. »Der alte Andries sprach mir immer von seiner Nichte; aber ich konnte nimmermehr vermuthen, daß sie eine Bekannte einer Dame von Eurer Stellung im Leben sey!«

»Trotzdem waren wir mehr als nur Schulkameradinnen – denn wir waren – und ich hoffe, wir sind noch – sehr, sehr gute Freundinnen. Ich liebe Dus außerordentlich, obgleich sie ebenso eigen und seltsam in ihrer Art ist, als ihr Oheim, nach den Beschreibungen, die man mir von ihm gemacht hat, in der seinigen seyn muß.«

»Das ist sonderbar! – Wollt Ihr mir Eine Frage gestatten? – Ihr werdet sie vielleicht sonderbar finden nach dem, was Ihr mir so eben gesagt habt – aber die Neugier trägt den Sieg über meine gute Lebensart davon – ist Dus Malbone eine Lady, die ebenbürtige Gesellschafterin einer jungen Dame wie Miß Priscilla Bayard?«

»Das ist eine Frage, die sich vielleicht nicht so leicht beantworten läßt; denn in manchen Beziehungen steht sie weit über allen jungen Frauenzimmern, die ich kenne. Ihre Familie war, wie ich immer gehört, eine sehr gute von beiden Seiten; sie ist jetzt arm, arm fürchte ich bis zum Mangel!« Hier hielt Priscilla inne; ihre Stimme zitterte und ich sah ihr die Thränen ins Auge treten. »Die arme Dus!« fuhr sie fort – »sie hatte viel zu ertragen, was die Armuth betrifft, selbst schon in der Schule, wo sie in der That mehr wie eine aus Gnaden Unterhaltene, denn als eine Pensionärin war; aber Keine von uns Allen wagte, ihr Etwas anzubieten. Ich scheute mich sogar, sie zu bitten, ein Band von mir anzunehmen, was zu thun ich gar kein Bedenken tragen würde gegenüber von Kate oder irgend einem anderen jungen Frauenzimmer, das ich genau kennte. Ich kannte nie ein edelherzigeres Mädchen als Ursula Maldone, obgleich wenige sie verstehen, glaube ich.«

»Das ist wieder ganz der alte Andries! Er war auch, Gott weiß, arm genug, und ich habe ihn förmlich Mangel leiden sehen, um seine Pflicht gegen das Mädchen zu erfüllen und zugleich es in seiner äußeren Erscheinung an Nichts fehlen zu lassen als Kapitän unter den regulären Truppen von New-York; und doch konnte Keiner von uns, nicht einmal mein Vater, ihn je dazu bringen, auch nur einen einzigen Dollar zu borgen. Er gab gerne, nahm aber nie Etwas an.«

»Das kann ich leicht glauben, das ist ganz ebenso die Art von Dus. Wenn sie aber ihre Sonderbarkeiten hat, so hat sie auch edle Eigenschaften genug, um tausend Schwächen zu vergüten. Doch möchte ich nicht, daß Ihr nicht Ursula Malbone für ein in jeder Hinsicht treffliches Wesen hieltet, obgleich sie gewiß ihre Sonderbarkeiten hat.«

»Welche sie ohne Zweifel von den Coejemans geerbt hat, da ihr Oheim, der Kettenträger, auch seine Sonderbarkeiten hat.«

»Die Malbones haben Nichts vom Blute der Coejemans in ihren Adern.« erwiederte die Lady rasch, »obgleich es achtbar ist und man sich desselben nicht zu schämen hat. Die Mutter von Dus Malbone war nur die Halbschwester von Kapitän Coejemans, und sie hatten verschiedene Väter.«

Es schien mir, Priscilla sehe etwas verlegen und verwirrt aus, sobald sie ihre genaue Bekanntschaft mit der Genealogie der Malbones verrathen hatte, und wie wenn es ihr leid thäte, überhaupt zu viel von der Sache gesagt zu haben; denn sie trat zurück, pflückte eine Rose und wandelte fort, an der Blume riechend, wie wenn sie nicht Lust hätte, weiter über diesen Gegenstand zu sprechen. Die Aufforderung zum Frühstück zu kommen jedoch, würde ohnehin unserem Gespräch ein Ende gemacht haben, und es wurde Nichts mehr von dem Kettenträger und seiner wundersamen Nichte, Dus Malbone, gesprochen. Sobald der Imbiß vorüber war, wurden unsere Pferde vorgeführt, und Kate und ich verabschiedeten uns. Jaap war, wie gewöhnlich, ein paar Stunden vorher mit unserm Gepäck abgegangen. Der Leser darf nicht glauben, daß wir zu jener Zeit alle Ausflüge zu Pferde machten; im Gegentheil, meine Mutter hatte eine sehr hübsche Chaise, in welcher sie im Lande herumzufahren pflegte, mit einem auf dem Pferde sitzenden Postillon; mein Vater hatte einen Phaeton, und in der Stadt hatten wir sogar einen Wagen; denn die Vereinigung des Vermögens der Familien Mordaunt und Littlepage hatte uns in eine sehr behagliche Lage versetzt und behaglich lebten wir auch. Aber junge Ladies liebten das Reiten vor fünfundzwanzig Jahren mehr als heutzutage; und da Kate eine vortreffliche Reiterin war, wie zu ihrer Zeit ihre Mutter, machten wir oft zusammen Ausflüge zu Pferde. Mithin war es freie Wahl, nicht Notwendigkeit, doch trugen vielleicht auch die schlechten Wege Etwas bei, die uns veranlaßten, nach Satanstoe hinüberzureiten, so oft wir unsere Großmutter besuchen wollten.

Ich küßte meine liebe, alte Großmutter recht zärtlich beim Abschied, denn ich sollte sie diesen Sommer nicht mehr sehen, und sie gab mir dafür ihren Segen. Bei Tom Bayard war ein warmes, brüderliches Händeschütteln hinreichend, da ich mit ziemlicher Gewißheit darauf rechnen durfte, ihn in Lilaksbush zu sehen, ehe ich von dort abreiste. Wie ich mich seiner Schwester näherte, welche mir freundschaftlich die Hand darbot, sagte ich, indem sie dieselbe faßte:

»Ich hoffe, dies ist nicht das letzte Mal, daß ich Euch sehe, ehe ich nach den neuen Ländereien aufbreche, Miß Bayard. Ihr schuldet meiner Schwester einen Besuch, glaube ich, und dieser Besuch wird mir Gelegenheit geben, später erst das leidige Wort: Lebewohl zu sagen!«

»Das ist nicht die rechte Art, einer Lady Herz zu gewinnen, Mordaunt!« rief Kate munter. »Es sind nur fünfzehn Meilen von Eures Vaters Thüre bis zu den Hickories, müßt Ihr wissen. Sir; und Ihr habt die für immer gültige Einladung, mit Eurer militärischen Gestalt einen Schatten über die Schwelle ihres Hauses zu werfen.«

»Von meinem Vater sowohl als von meinem Bruder.« – setzte Priscilla etwas hastig hinzu. »Ganz gewiß werden sie sich immer sehr glücklich schätzen. Major Littlepage bei sich zu sehen.«

»Und warum nicht von Euch selbst. Miß Spröde?« fragte Kate, welche beflissen schien, ihre Freundin in einige Verlegenheit zu setzen. »Wir sind einander jetzt nicht mehr so gänzlich fremd, daß eine solche kleine Huld und Freundlichkeit unschicklich wäre.«

»Wenn ich Herrin meines eigenen Hauses bin, falls dies je der Fall seyn sollte, werde ich mir gewiß Mühe geben, den Ruf der Gastlichkeit nicht zu verlieren, dadurch, daß ich versäumte, die ganze Familie Littlepage in meinen Einladungen zu begreifen,« antwortete Priscilla, entschlossen, sich nicht fangen zu lassen. »Bis dahin müssen die Aufforderungen von Papa und Tom genügen.«

Das Mädchen sah diese ganze Zeit über bezaubernd liebenswürdig aus, und bot dem Lächeln der Umgebung mit einer Selbstbeherrschung Trotz, die mir bewies, daß sie vollkommen gut wußte, was sie that. Nie war ich in größerer Ungewißheit, wie ich ein junges Frauenzimmer verstehen und beurtheilen sollte, und es ist sehr möglich, daß, wäre ich einen Monat länger in ihrer Nähe geblieben, das Interesse, das eine solche Ungewißheit leicht erweckt, mich in verzweifelte Liebe gestürzt hätte. Aber die Vorsehung hatte es anders beschlossen.

Während unseres Rittes nach Lilaksbush weihte mich meine Schwester mit gebührendem Erröthen und geziemendem Stocken in das Geheimniß ein, daß sie Tom Bayard erhört habe. Die Vermählung sollte erst nach meiner Rückkehr aus dem Norden stattfinden, und diese war im nächsten Herbste zu erwarten.

»Also soll ich dich beinahe so bald verlieren als finden, Kate,« sagte ich etwas niedergeschlagen.

»Nicht mich verlieren, Bruder; nein, nein, nicht mich verlieren, sondern mich finden, mehr als je. Ich werde in eine Familie verpflanzt werden, in welcher Du Dir wohl bald selbst eine Gattin suchen dürftest.«

»Wenn ich käme, welchen Grund hätte ich zu glauben, daß meine Absicht würde vom Erfolg gekrönt werden?«

»Das ist eine Frage, welche Ihr nicht berechtigt seyd, zu thun. Wäre mir auch ein besonderer Grund bewußt, anzunehmen, daß Eure Aufnahme eine günstige seyn würde, so könnt Ihr mir doch nicht die Treulosigkeit zutrauen, daß ich meine Freundin verrathen würde. Junge Ladies sind nicht von so gar leichtem und geschmeidigem Charakter, wie Ihr zu glauben scheint, Sir; und keine andere Verfahrungsweise als die gerade und ehrliche wird zum Ziele führen. Ich habe jedoch keinen andern Grund zu der Annahme, es würde Euch nach Wunsch gelingen, als daß Ihr ein angenehmer Jüngling seyd, von gutem Aussehen, gegen dessen Familie und Vermögen Nichts einzuwenden ist, ganz in der Nähe von den Hickories ansäßig, von entsprechendem Alter, Gemüthsart, Charakter, Lebensweise u. s. w. Sind das nicht Gründe genug, Euch zum Ausharren zu ermuthigen, mein tapferer Major?«

»Die Beharrlichkeit setzt einen Anfang voraus, und ich habe noch keinen Anfang gemacht. Ich weiß kaum, was ich aus Deiner Freundin machen soll, Kind; entweder ist sie die Vollendung von Natur und Einfachheit, oder die Vollendung von Kunst und Verstellung.«

»Von Kunst! Priscilla Bayard sich verstellen! Mordaunt, nie habt Ihr einem menschlichen Wesen ärgeres Unrecht gethan; ein Kind kann nicht wahrhafter und aufrichtiger seyn als Toms Schwester!«

»Ja, das ist es gerade; Tom's Schwester ist ex officio vollkommen; aber Du wirst Dich erinnern, daß auch manche Kinder sehr gewandt sind, sich zu verstellen. Alles, was ich für jetzt über die Sache sagen kann, ist, daß mir Tom gefällt und seine Eltern mir gefallen; aber was ich von Deiner Freundin halten soll, weiß ich noch nicht.«

Kate war etwas beleidigt, denn sie gab mir keine Antwort. Ihre gute Laune stellte sich jedoch wieder binnen Kurzem ein, und unser übriger Ritt war ganz angenehm und vergnügt, indem der Name Bayard gar nicht mehr erwähnt wurde, obwohl, bin ich überzeugt, meine Begleiterin gar viel an einen gewissen Tom dieses Namens dachte, so wie ich allerdings auch an seine schöne und unerklärliche Schwester.

Beim Gasthause zu Kingsbridge hatten wir wieder eine kurze Unterredung mit der unermüdlichen Schwätzerin, der Wirthin.

»Eine recht vergnügte Zeit ist es drüben auf dem Toe gewesen, ganz gewiß!« rief Mrs. Light, sobald sie den Kopf zur Thüre herausgestreckt; »eine recht angenehme und unterhaltende Zeit für den jungen Gentleman sowohl als für die junge Lady. Mr. Thomas Bayard und Miß Pris Bayard sind Tage lang bei Euch gewesen, und die alte Madame Littlepage ist entzückt. Oh! der 'Toe ist immer ein glücklicher Ort gewesen, und glückliche Gesichter bin ich schon lange gewohnt dorther kommen zu sehen, und glückliche Gesichter sehe ich auch heute! Ja, ja, der 'Toe hat immer glückliche, zufriedene Gesichter die Straße daher gesandt; und ein glückliches Dach ist es jetzt schon hundert Jahre in alle Wege.«

Ich darf wohl sagen, das Alles war ganz wahr. Ich habe immer gehört, das alte Haus habe zufriedene Herzen beherbergt, und zufriedene Herzen machen glückliche, vergnügte Gesichter. Kate'ns Gesicht war das Glück selbst, wie sie im Sattel sitzend der Alten zuhörte; und mein Gesicht verrieth auch nichts von Mißmuth und übler Stimmung. Der »Toe war immer ein glückliches Haus!« Es erinnert einen an alte Zeiten, wenn man von einem Hause so vertraulich sprechen hört; denn es kommt unter uns eine Klasse von Leuten auf, welche viel zu fein und vornehm ist, als daß sie zugäbe, es habe Jemand, Mann, Weib, Kind oder der Satan ein so wenig anständiges Glied wie eine Zehe (Toe)!

 

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