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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 4
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Zweites Kapitel.

Ein zuverläß'ger Schelm, Herr, der gar oft
Wenn Sorge mir und Schwermuth trübt den Sinn,
Mit manchem Scherz erheitert meine Laune.

Domino von Syrakus.

 

Man wird leicht begreifen, daß während ich einen Grad erwarb und eine sogenannte Erziehung erhielt, die Stadien, welche mir zu letzterer verhalfen, von sehr unzusammenhängender Art waren. Es kann keine Frage sein, daß während der Revolution und der nächsten zwanzig Jahre, die Gelehrsamkeit aller Art bei uns in traurigen Verfall gerieth. So lange wir Colonien waren, besaßen wir manche treffliche Lehrmeister, welche aus Europa herüber kamen, aber dieser Zufluß hörte größtentheils auf, sobald die Unruhen anfingen, und begann auch nicht unmittelbar nach dem Frieden wieder. Man wird, glaube ich, wohl zugeben, daß die Gentlemen des Landes um die Zeit, wo ich ins Collegium geschickt ward, nachgerade etwas weniger gebildet zu werden anfingen, als in dem vorhergegangenen halben Jahrhundert der Fall gewesen war, und daß dieser Mangel noch nicht wieder ganz ausgeglichen ist. Was das Land in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in dieser Beziehung leisten wird, das muß man abwarten. Der Leser wird sich erinnern, daß Mr. Morvaunt Littlepage diese Nachrichten von sich und seiner Zeit gegen das Ende des letzten und zu Anfang dieses Jahrhunderts aufgezeichnet zu haben scheint. Seit jener Zeit hat die Erziehung und Bildung sicherlich Fortschritte bei uns gemacht; Sophomoren (Schüler der unteren Collegiumsklassen, nach der Etymologie: weise Narren) beschäftigen sich heutzutage mit Zweigen der Wissenschaft, welche vor wenigen Jahren noch den Senioren verschlossen und vorenthalten blieben. Die Gelehrsamkeit schreitet jedoch in diesem Lande nach dem großen amerikanischen Grundsatze vor: einer großen Masse Etwas beizubringen, nicht aber einige Wenige Vieles zu lehren. D. H.

Meine Verbindung mit dem Heere trug wesentlich dazu bei, mich von der Heimath zu entwöhnen, obgleich wenige Jünglinge so viele Verlockungen gehabt haben mögen, unter das väterliche Dach zurückzukehren, wie ich. Dort hatte ich erstlich meine geliebte Mutter und meine Großmutter, welche beide mich als einzigen Sohn hätschelten. Sodann besaß Tante Mary in nicht viel geringerem Grade meine liebevolle Anhänglichkeit. Aber ich hatte auch zwei Schwestern, die eine älter, die andere jünger als ich. Die Erstere nach unserer theuern Mutter Anneke genannt, war sechs Jahre älter als ich und ward zu Anfang des Krieges mit einem Gentleman mit Namen Kettletas vermählt. Mr. Kettletas war ein Mann mit einem sehr hübschen Besitzthum und machte meine Schwester vollkommen glücklich. Sie bekamen mehrere Kinder und hatten ihren Aufenthalt in Ducheß, was ein weiterer Grund war, diese Gegend zu ihrem zeitweiligen Aufenthaltsort zu wählen. Ich sah Anneke, oder Mrs. Kettletas, so ziemlich mit denselben Augen an, womit alle Jünglinge eine ältere Schwester ansehen, wenn sie liebevoll, weiblich und durchaus achtbar ist; aber die kleine Katrinke, oder Kate, war mein Liebling. Sie war wieder vier Jahre jünger als ich, und da ich zur Zeit der Auflösung der Armee gerade zwei und zwanzig Jahre alt war, zählte sie erst achtzehn. Diese geliebte Schwester war ein kleines, hüpfendes, lachendes, niemals ruhiges, lustiges Geschöpf, als ich im Jahr 1781 von ihr Abschied genommen hatte, um als Fähnrich zum Regiment abzugehen, so schön und hold wie eine Rosenknospe und auch eben so verheißungsvoll. Ich erinnere mich, daß der alte Andries und ich einen großen Theil unserer Zeit im Lager mit Gesprächen über unsre beiderseitigen Lieblinge zubrachten; er sprach von seiner Nichte und ich von meiner jüngeren Schwester. Natürlich hatte ich im Sinne nie zu heirathen, sondern Kate und ich wollten zusammenleben, sie als meine Haushälterin und Gesellschafterin, und ich als ihr älterer Bruder und Beschützer. Als das einzige große Gut des Lebens galt uns Allen der Friede neben dem Besitz der Unabhängigkeit, und wenn man einmal so weit gekommen, war Keiner, wenigstens in unsrem Regimente, ein so schlechter Patriot, daß er an der Zukunft gezweifelt hätte. Es war zum Lachen, mit wie viel Geschmack und Einfalt der alte Kettenträger auf all diese knabenhaften Pläne und Entwürfe einging. Seine Nichte war eine Waise, wie es schien das einzige Kind einer einzigen Halbschwester und war gänzlich auf ihn angewiesen in Betreff ihres Lebensunterhalts und ihres täglichen Brodes. Es ist wahr, dieser Nichte erging es etwas besser, als man unter diesen Verhältnissen zu erwarten berechtigt war, denn eine Freundin ihrer Mutter, welche selbst ihres Vermögens beraubt eine Schule gründete, hatte für sie alle Sorge getragen und so ihrer Schutzbefohlenen eine weit bessere Erziehung gegeben, als sie je unter ihres Oheims Leitung empfangen haben würde, hätte dieser auch die Reichthümer der van Rensselaer oder der van Cortlandts besessen. Wie schon deutlich genug angedeutet worden, hatte der alte Andries seine Stärke nicht in der Bildung, und diejenigen, welche dieses Vorzugs nicht theilhaftig sind, wissen selten dessen Bedeutung gehörig zu würdigen. Es verhält sich mit den erworbenen Kenntnissen des Geistes, wie mit den Vorzügen des äußeren Benehmens und der Geschmacksbildung; man ist sehr geneigt, das Alles zu unterschätzen, bis man durch Erfahrung hat einsehen lernen, wie sehr es den Geist zu erheben und zu erweitern vermag. Aber die Nichte des Andries war ausnehmend glücklich, daß sie gerade in diese Hände gefallen war; denn Mrs. Stratton war im Stande und geneigt, was den Unterricht betrifft, so lange sie lebte Alles für sie zu thun, was damals irgend für ein junges Frauenzimmer in New-York geschehen konnte. Als jedoch diese wohlwollende Freundin im Jahre 1783 starb, sah sich Andries genöthigt, wieder selbst die Sorge für seine Nichte zu übernehmen, die jetzt gänzlich auf seinen Schutz und seine Unterstützung angewiesen war. Zwar wünschte das Mädchen sich selbst fortzubringen, aber weder der Stolz noch die Zärtlichkeit des alten Kettenträgers wollte Etwas davon hören.

»Was kann denn das Mädchen anfangen,« sagte Andries eines Tages in bedeutungsvollem Tone zu mir, als er mir alle diese Umstände erzählte. »Sie kann keine Ketten tragen, obgleich ich glaube, Morty, das Kind hat Kopf genug, und versteht sich wohl auf Ziffern, um zu vermessen. Es würde Euch im Herzen wohlthun, die Berichte über ihr Lernen zu lesen, welche die alte Frau mir zu schicken pflegte; obgleich sie selbst eine so vortreffliche Hand schrieb, daß es mich gewöhnlich eine Woche Zeit kostete, einen ihrer Briefe zu lesen; das heißt vom ›Hochgeschätzter Freund‹ bis zum ›Unterthänige Dienerin‹ wie das Zeug lautet, wißt Ihr.«

»Eine vortreffliche Hand! Ei, ich sollte meinen, Andries, je besser die Hand, desto leichter könne man einen Brief lesen.«

»Alles lauter Irrthum. Wenn ein Mann selbst elend kritzelt, so ist es natürlich, daß er für seine Person elend gekritzelte Briefe am leichtesten liest. Nun war Mrs. Stratton im Mutterlande gebildet, und kam leicht so in ein Kapitel hinein, daß es einem einfachen Manne schwer werden konnte, gleichen Schritt mit ihr zu halten.«

»So gedenkt Ihr denn eine Landvermesserin aus Eurer Nichte zu machen?« fragte ich etwas spitzig.

»Ha, sie ist schwerlich kräftig genug, um durch die Wälder zu reisen, und der Beruf paßt nicht für ihr Geschlecht, obwohl ich sie keck gegen den ältesten Rechner in der Provinz setzen würde.«

»Wir nennen New-York jetzt einen Staat, Kapitän Andries, wie Ihr Euch zu erinnern die Güte haben werdet.«

»Ja, das ist wahr, und ich bitte den Staat um Verzeihung. Nun, es wird da ein gewaltiges Zugreifen und Kämpfen geben um das Land, sobald der Krieg erst recht zu Ende ist, und Meßketten tragen wird wieder ein angesehener und nützlicher Beruf seyn. Wißt Ihr wohl, Morty, man spricht davon, daß man Allen von der Linie, Gemeinen und Offizieren, ein Stück Land geben wolle, und so würde ich dann wieder ein Landbesitzer, in welcher Eigenschaft ich zuerst im Leben angefangen habe. Ihr werdet Acres Land genug erben, und braucht nach einem Hundert mehr oder weniger nicht zu fragen, aber mir, ich gestehe es, ist der Gedanke ganz angenehm.«

»Gedenkt Ihr denn als Landwirth von Neuem anzufangen?«

»Nein, dieß Geschäft paßte nie für mich oder ich nicht für es. Aber es kann Einer, denke ich, seinen eigenen Landantheil vermessen, ohne daß größere Meister und Gelehrte daran Anstoß nehmen dürfen. Wenn ich das Geschenk an Land bekomme, wovon man spricht, so werde ich mich ans Werk machen und es auf meine eigene Rechnung und Verantwortung vermessen und dann wollen wir sehen. Wer sich auf Ziffern versteht, und Wer nicht? Wenn auch andere Leute kein Vertrauen zu mir haben, so ist das kein Grund, daß ich selbst kein Vertrauen zu mir haben sollte.«

Ich wußte, daß der Umstand, daß es bei ihm an den Erfordernissen für die mehr intellektuelle Seite seines Berufs gefehlt hatte, ein wunder Punkt bei dem alten Andries war, und ich vermied es, bei diesem Gegenstande zu verweilen. Nur um seinen Geist auf andere Gedanken zu lenken, begann ich ihn etwas genauer, als ich je früher gethan hatte, über seine Nichte auszufragen, wodurch ich jetzt Manches erfuhr, was mir neu war.

Der Name von des Kettenträgers Nichte war Duß Malbone, wenigstens nannte er sie immer so. Am Ende entdeckte ich, daß Duß eine Art von holländischem Diminutiv für Ursula sey. Ursula Malbone hatte Nichts vom Blute der Coejemans in sich, obgleich sie die Tochter von Andries Schwester war. Die alte Mrs. Coejemans war, wie sich zeigte, zweimal verheirathet, und ihr zweiter Gatte der Vater von Duß's Mutter gewesen. Bob Malbone, wie der Kettenträger immer des Mädchens Vater nannte, war ein Mann aus dem Osten, von sehr guter Familie, aber ein gewissenloser Verschwender, welcher Duß, die Aeltere, so viel ich merkte, um ihres Vermögens willen heirathete; dieses, so wie auch das, was er selbst geerbt, brachte er binnen den ersten zehn Jahren ihrer Verbindung glücklich durch, ein Jahr oder zwei nachdem das Mädchen geboren war. Vater und Mutter starben nur wenige Monate nach einander, und sehr zur rechten Zeit, was Vermögen und Mittel des weltlichen Fortkommens betraf, und hinterließen die arme kleine Duß ohne einen andern Beschützer und Versorger, als ihren Halboheim, der damals seinem regelmäßigen Berufe nachgehend in den Wäldern lebte, und die schon erwähnte Mrs. Stratton. Ein Halbbruder war auch da, denn Bob Malbone war früher schon verheirathet gewesen, aber er war bei der Armee und hatte eine nahe Verwandte von seinem Solde zu unterstützen. Von dem Kettenträger und Mrs. Stratton waren neben gelegentlichen Beiträgen des Bruders die Mittel aufgebracht worden, das Mädchen zu kleiden, zu nähren und zu erziehen, bis sie das achtzehnte Jahr erreichte, wo der Tod ihrer Beschützerin sie beinahe gänzlich auf die Fürsorge und Güte ihres Oheims anwies. Der Bruder that jetzt das Seinige, das gab Andries zu; aber was er thun konnte war nicht viel. Er war selbst auch Capitän, und sein dürftiger Sold reichte nur eben für seine eigene Bedürfnisse aus.

Ich konnte leicht bemerken, daß der alte Andries Duß mehr liebte, als irgend Etwas oder irgend Jemand sonst. Wenn er ein wenig weich war, und das war gewöhnlich der Fall, wenn er sich etwas zu sehr gütlich gethan hatte, so schwatzte er mir von ihr vor, bis ihm die Thränen in die Augen traten, und einmal machte er mir förmlich den Vorschlag, sie zu heirathen.

»Ihr würdet gerade für einander Passen,« setzte der alte Mann hinzu, bei dieser denkwürdigen Gelegenheit, mit gar drolliger aber ernstgemeinter Art; »und was das Vermögen betrifft, so weiß ich, Ihr fragt wenig nach Geld und bekommt einmal genug, für ein Halbdutzend. Ich schwöre Euch, Kapitän Littlepage,« denn dies Gespräch fand nur wenige Monate vor unserer Auflösung statt, als ich schon eine Compagnie hatte, – »ich schwöre es Euch, Kapitän Littlepage, das Mädchen lacht vom Morgen bis in die Nacht, und würde eine der lustigsten Lebensgefährtinnen für einen alten Soldaten abgeben, die je angelobt haben, ihren Gatten zu ehren und ihm unterthan zu seyn. Versucht es einmal mit ihr, Junge und seht, ob ich Euch täusche.«

»Das möchte ganz gut angehen, Freund Andries, für einen alten Soldaten; aber Ihr müßt bedenken, daß ich nur erst ein Knabe den Jahren nach bin –

»Ja, den Jahren nach; aber alt als Soldat, Morty, – so alt wie White Plains oder 1776, wie ich gar wohl weiß, da ich Euch selbst im Feuer gesehen.«

»Nun gut, sey es so; aber der Mann und nicht der Soldat ist es, der heirathen muß, und ich bin noch ein sehr junger Mann.«

»Es wäre nicht das Schlimmste, was Ihr thun könntet, nehmt mein Wort darauf, Mordaunt, mein lieber Junge; denn Duß ist die Lustigkeit selbst, und ich habe ihr oft von Euch gesprochen in einer Art, welche Euch das Werben zu einer so leichten Sache machen wird, als eine Kette zu tragen auf den Jarmen Flatts

Ich versicherte meinen Freund Andries, daß ich noch gar nicht an ein Weib dächte, und daß mein Geschmack mehr auf ein sentimentales und melancholisches junges Frauenzimmer gienge als auf ein lachendes Mädchen. Der alte Kettenträger nahm diese Abweisung mit guter Laune auf, doch erneuerte er den Angriff wenigstens noch ein Dutzend Mal, ehe das Regiment aufgelöst wurde und wir uns gänzlich trennten. Ich sage, uns gänzlich trennten, aber das gilt eigentlich nur von unserer Kameradschaft als Soldaten, und nicht von unserem späteren Leben überhaupt; denn ich hatte mir vorgenommen, Andries selbst eine Beschäftigung zu geben, falls sich nichts Besseres für ihn darböte.

Auch fehlten mir die Mittel nicht ganz, einem Freunde so zu dienen, wenn der Wille dazu vorhanden war. Mein Großvater Herman Mordaunt hatte mir ein ansehnliches Besitzthum hinterlassen, welches ich mit dem Alter von einundzwanzig Jahren förmlich antreten sollte, in der jetzt sogenannten Grafschaft Washington, einem Theil unseres Territoriums, nordöstlich von Albany gelegen und nicht weit entfernt von den Hampshire Grants. Dieses Gut, viele tausend Acres umfassend, war theilweise von ihm selbst, noch vor meiner Geburt, an Ansiedler vergeben worden durch Pachtverträge, und da diese Verträge jetzt meist erloschen waren, blieben die bisherigen Inhaber auf unbestimmte Zeit, ruhige Zeiten abwartend, um ihre Verträge wieder auf die Dauer zu erneuen. Bis jetzt hatte Ravensnest, so hieß das Besitzthum, der Familie fast nur Kosten und Mühe verursacht; aber da das Land gut und die bis jetzt gemachten Verbesserungen und Einrichtungen beträchtlich waren, war es jetzt Zeit, auch einen Ersatz für alle unsere Auslagen zu erwarten. Dies Gut war jetzt mein förmliches Eigenthum, da mein Vater am Tage wo ich volljährig wurde, mir dessen Besitz ganz übergeben hatte. Neben diesem Besitzthum lag Mooseridge, das gemeinschaftliche Eigenthum meines Vaters und seines Freundes des Majors, oder wie er jetzt vermöge der Rangerhöhung, die den Offizieren beim Frieden bewilligt worden war, genannt wurde, des Obersts Follock. Mooseridge war ursprünglich meinem Großvater, dem ersten General Littlepage, und dem alten Oberst Follock, der zu Anfang des Kriegs getödtet und skalpirt worden war, durch ein Patent zugetheilt worden; aber als seine Hälfte an dem gemeinsamen Besitzthum an Dirck Follock fiel, übertrug mein Großvater seinen Antheil auch seinem Sohn, der doch binnen Kurzem, dem Gesetze der Natur zufolge, dessen Eigenthümer werden mußte. Dies Besitzthum war einmal in große Loostheile vermessen worden, aber wegen widriger Umstände und wegen der Nähe der Kriegsunruhen war man nicht zur wirklichen Ansiedlung oder zur Zerschlagung und Vermessung in Pachtgüter gekommen. Alles, was seine Eigenthümer je davon gehabt hatten, war das Privilegium, der Krone den Erbzins dafür zu bezahlen; Steuern oder vorbehaltene Leistungen von keinem großem Betrage zwar, aber doch weit mehr, als das Gut je eingetragen hatte.

Weil ich einmal bei Ländereien und Verleihungen bin, will ich lieber gleich meine einleitenden Erklärungen beendigen. Mein Großvater väterlicher Seits war keineswegs so reich wie mein Vater, obgleich er älter war und einen so viel höhern militärischen Rang hatte. Aber doch war sein Besitzthum, der Landhals Satanstoe, sehr werthvoll; mehr wegen der Güte des Bodens und der Lage, als wegen seines Umfangs. Außerdem hatte er einige tausend Pfund im Zins; denn Stocks, Banken und Geldkorporationen aller Art waren damals bei uns fast ganz unbekannt. Seine Mittel waren jedoch hinreichend für seine Bedürfnisse, und es war ein fröhlicher Tag, als es ihm gestattet war, wieder von seinem eigenen Hause Besitz zu nehmen, in Folge davon, daß Sir Guy Carleton alle seine Detaschements aus West Chester zurückzog. Die Morrises, so ausgezeichnete und angesehene Whigs sie waren, kehrten nach Morrisania erst nach der Räumung zurück, welche den 25. November 1783 stattfand, und auch mein Vater kehrte erst nach diesem wichtigen Ereigniß wieder nach Lilaksbush zurück. In demselben Jahre, wo mein Großvater Satanstoe wieder sah, bekam er im Lager die Blattern und starb.

Die Wahrheit zu gestehen, fand uns Alle der Friede sehr arm, und in derselben Lage befanden sich beinahe alle Einwohner des Landes bis auf wenige Lieferanten. Nicht die Lieferanten für die amerikanische Armee waren reich geworden; sie waren schlimmer gefahren als die meisten Leute; aber die Wenigen, welche den Franzosen Vorräthe lieferten, bekamen wirklich Silber für ihre Lieferungen. Was die Armee betrifft, so wurde sie aufgelöst ohne eine andere Belohnung als Versprechungen und Auszahlung ihres Soldes in Papiergeld, das so reißend im Werthe sank, daß die Leute ihr mühsam verdientes Kapital nur schnell verjubelten, damit es nicht in ihren Händen gänzlich werthlos werde. Ich habe in späteren Jahren viel von den berühmten Newburgher Briefen reden hören, und daß nur aus dem Mangel an Patriotismus zu erklären sey, daß sie geschrieben worden. Es mag nicht sonderlich klug gewesen seyn, in Betracht der gänzlichen Entblößung und Armuth des Landes, die Alternative in's Auge zu fassen, nach welcher diese Briefe allerdings einen schielenden Blick warfen, aber es lag Nichts weder in der Ausführung, noch in der Tendenz derselben, was nicht unter den damaligen Umständen ganz natürlich gewesen wäre. Washington hatte ganz Recht, so zu handeln, wie er in dieser Krisis handelte, obgleich es sehr wahrscheinlich ist, daß selbst Washington anders gedacht und gehandelt haben würde, hätte er Nichts im Auge gehabt, als das lebhafte Bewußtseyn der Geringschätzung seiner Dienste, die Aussicht auf Armuth und Vergessenheit. Was den jungen Offizier betrifft, der die Briefe wirklich schrieb, so wird man wahrscheinlich ihm in keiner Hinsicht je die gebührende Gerechtigkeit widerfahren lassen, außer in der Anerkennung seines trefflichen Styls. Für Solche, die Nichts zu dulden haben, mag es eine ganz schöne Sache seyn, von Patriotismus zu schwatzen; aber ein Land hat die Pflicht, gerecht zu seyn, ehe es so hohe moralische Ansprüche machen kann, in Betreff der ausschließlichen Hingebung und Aufopferung für die Interessen der Mehrheit. Schöne Worte kosten wenig, und ich kann mich zu keiner großen Achtung für diejenigen bekennen, welche ihre Rechtschaffenheit hauptsächlich durch Phrasen beurkunden. Ich sage dies nicht, um mich persönlich zu rechtfertigen, denn unser Regiment befand sich bei der Auflösung nicht in Newburgh; wenn dies gewesen wäre, so hätte uns, glaube ich, der Einfluß meines Vaters abgehalten, den Mißvergnügten beizutreten; aber ich glaube daneben auch, sein und mein Patriotismus hätten eine kräftige Stärkung gehabt an dem Bewußtseyn, daß es solche Besitzungen gebe wie Satanstoe, Lilaksbush, Mooseridge und Ravensnest. Doch ich kehre zu den Angaben, unser Vermögen betreffend, zurück. Mein Großvater Mordaunt hinterließ, neben dem schönen Vermächtniß für mich, die Hauptmasse seines Vermögens meiner Mutter. Dies hätte die übrige Familie reich gemacht, wären nicht die durch den Krieg veranlaßten Verluste gewesen. Aber die Häuser und Speicher in der Stadt waren ohne bezahlende Miethsleute, da sie meist vom Feinde besetzt waren; und die Zinsen aus Kapitalien waren schwer einzuziehen von denjenigen, deren Aufenthaltsort innerhalb der feindlichen Linien sich befand.

Mit Einem Wort, es ist nicht leicht, demjenigen, der den jetzigen Zustand des Landes vor Augen hat, einen Begriff beizubringen von seiner wahren Lage in der damaligen Zeit. Da ein Vorfall, der mir selbst begegnete, nachdem ich als regulärer Soldat in die Armee eingetreten war, ein lebhaftes Bild von dem damaligen Stand der Dinge gibt, will ich ihn hier erzählen, und zwar um so lieber, als ich dabei dem Leser einen alten Freund der Familie vorführen kann, welcher in engster Beziehung zu verschiedenen Begebenheiten meines eigenen Lebens sieht. Ich habe schon von Jaap, einem Sklaven meines Vaters, ungefähr von seinem Alter, gesprochen. Zu der Zeit, von welcher die Rede seyn soll, war Jaap ein schon grauköpfiger Neger, obwohl erst von mittleren Jahren, und besaß die meisten Fehler, sowie alle die eigenthümlichen Tugenden der Geschöpfe seines Stammes und seiner Verhältnisse. Meine Mutter insbesondere hatte ein solches Vertrauen zu seiner Treue, daß sie darauf bestand, daß er ihren Gatten in den Krieg begleite, ein Befehl, welchem der Schwarze sehr gerne gehorchte, nicht nur, weil er Abenteuer liebte, sondern auch weil er einen Indianer ganz besonders haßte und meines Vaters erste Kriegszüge gegen diesen Theil unserer Feinde gerichtet waren. Obgleich Jaap als Bedienter fungirte, trug er doch eine Muskete, und exercirte sogar mit der Mannschaft. Zum Glück war die Livree der Familie Littlepage blau mit Roth aufgeschlagen und sehr bescheiden und wenig auffallend, so daß Jaap beinahe so schon Uniform trug; denn der Bursche weigerte sich hartnäckig, die Farben irgend einer andern Macht zu tragen, als die der Familie, welcher er ordentlich angehörte. Auf solche Art war Jaap eine sonderbare Mischung von Diener und Soldaten geworden, und war bald in der einen bald in der andern Eigenschaft thätig, und zugleich hatte er Viel vom Arbeiter an sich, denn unsere Sklaven waren zu Allem zu brauchen.

Meine Mutter hatte ausdrücklich verlangt, daß Jaap mich immer begleiten solle in allen Fällen, wo ich weit von meinem Vater weggeschickt würde. Ganz natürlich ging sie von der Annahme aus, ich sey der Sorgfalt eines treuen Begleiters und Dieners am meisten benöthigt, und demzufolge war der Schwarze zur Hälfte etwa an mich übergegangen. Ihm behagte dieser Wechsel zusehends, theils weil die Folge davon ein beständiger Wechsel der Scene und die Aussicht auf neue Abenteuer war, theils weil er ihm Gelegenheit gab, viele von den Erlebnissen seiner Jugend zu erzählen; Erlebnisse, die, gegenüber von seinem alten Herrn, in der Erzählung nachgerade fadenscheinig geworden, aber gegenüber von seinem jungen Herrn noch frisch und neu waren.

Bei der Gelegenheit, wovon hier die Rede ist, kehrten Jaap und ich ins Lager zurück von einem ziemlich weiten Ausflug, den ich auf Befehl des Generals der Armeeabtheilung gemacht hatte. Es war dies um die Zeit, wo das Continentalgeld vollends auf Nichts, oder fast auf Nichts herabsank, nachdem es lange hundert Dollars auf einen in Silber gestanden. Ich hatte mich mit etwas Silber versehen, und ein großer, kostbarer Schatz war es, und mit dreißig bis vierzigtausend Dollars Continentalgeld, um meine Reisekosten zu bestreiten; aber mein Silber war ausgegeben und mein Papier auf zwei oder dreitausend Dollars geschmolzen – d. h. so viel, als gerade erforderlich gewesen wäre, um ein Mittagessen für Jaap und mich zu bezahlen; auch waren die Gastwirthe nicht sehr bereitwillig, ihre Zeit und ihr Essen für irgend eine Summe desselben herzugeben. Diese Ebbe trat in meiner Börse ein, als ich noch zwei lange Tagereisen zum Reiten vor mir hatte, und in einer Gegend des Landes, wo ich durchaus keine Bekannte besaß. Wir bedurften eines Nachtessens und Nachtlagers für uns selbst und Futter und Stall für unsere Pferde. Alles der Art war allerdings wohlfeil genug, aber völlige Entblößung von Mitteln machte auch die geringste Zeche für Personen in unserer Lage unerschwinglich. Um sich an den Patriotismus derjenigen zu wenden, welche an der Straße wohnten, dazu war es schon eine zu späte Zeit des Krieges; denn der Patriotismus ist eine sehr leicht verschwindende und verdunstende Eigenschaft des menschlichen Herzens, und ganz besonders verkriecht er sich, wie das Mitleid, gern hinter irgend einem bequemen und scheinbaren Vorwand, wenn seine Behauptung und Bemühung mit einem Geldaufwand verknüpft ist. Er mag als ein Kapital gelten bei einer Revolution, oder bei einem Kriege vielleicht während der ersten sechs Monate; aber nach Verfluß dieser Frist wird er nachgerade so werthlos als das Continentalgeld selbst. Ein Detaschement Milizen hat den Patriotismus von Tausenden so uneigennütziger Helden erschöpft, als je Musketen schulterten.

»Jaap,« fragte ich meinen Begleiter, als wir uns dem Flecken näherten, wo ich die Nacht zuzubringen beabsichtigte, und das Erquickende eines warmen Nachtessens an einem scharfen, frostigen Abend begann sich meiner Einbildungskraft aufzudrängen; »Jaap, Der Sklave wird abwechselnd Yaf oder Yop genannt, denn das Yorker-Niederländisch ist gar nicht streng. wie viel Geld habt Ihr wohl ungefähr bei Euch?«

»Ich, Masser Mordaunt? – Guter Himmel, aber das seyn sehr drollige Frage, Sah!«

»Ich frage, weil mein eigener Vorrath auf gerade Einen Yorker Shilling geschmolzen ist, der in dieser Gegend nur als ein Neunpence-Stück gilt.«

»Das seyn sehr wenig, die Wahrheit zu sprechen, für zwei Gentlemen und für zwei große, hungrige Gäule. Sehr wenig, gewiß, Sah! Wünschte, es wäre mehr!«

»Und doch habe ich keine Kupfermünze mehr. Ich habe zwölfhundert Dollars für Mittagessen, Aufenthalt und Haber gegeben, diesen Mittag.«

»Ja, Sah – aber das Continental, Sah, vermuthe ich – eigentlich nicht viel seyn, das!«

»Es ist gar viel, dem Namen und Laut nach, Jaap, aber nicht viel, wenn es unter die Zähne kommt, wie Ihr wohl merken könnt. Aber doch müssen wir essen und trinken, und unsere Gäule müssen auch fressen – saufen dürften sie, denke ich, unbezahlt.«

»Ja, Sah – das ganz wahr seyn – yah, yah! yah!« – Wie leichten Herzens dieser Neger lachte! – »Aber der Cider wundervoll gut seyn in dieser Gegend des Landes, jung Masser; gerade nicht süß und nicht sauer – dann stark seyn wie ein Esel.«

»Nun, Jaap, wie sollen wir von diesem guten Cider bekommen, von welchem Ihr sprecht?«

»Ihr denkt, Sah, daß in diesem Theil des Landes viel sey geschwatzt worden in neuester Zeit von Patty Rism und dem Vaterland, Sah?«

»Ich fürchte, es ist hier Patty zu viel zugemuthet worden so wie auch in den meisten andern Grafschaften.«

Ich muß hier bemerken, daß Jaap sich immer einbildete, das schöne Wesen, das er so hoch hatte rühmen und erheben hören wegen seiner Anmuth und Tugend, sey ein gewisses junges Frauenzimmer dieses Namens, in welches auf eine unerklärliche Weise der gesammte Congreß heftig verliebt sey.

»Nun denn, Sah, dann hier keine Hoffnung seyn als unser Witz. Laßt mich Masser seyn diese Nacht und denkt an den alten Jaap, ob ihm ein gutes Nachtessen fehlt. Reitet nur voraus, Masser Mordaunt und gebt Befehl, als General Littlepage's Sohn, und überlaßt Alles dem alten Jaap.«

Da hier keine große Wahl war, ritt ich zu und bald hörte ich die Hufschläge von des Negers Pferd nicht mehr hinter mir. Ich erreichte das Gasthaus eine Stunde ehe Jaap erschien, und saß in der That schon bei einem tüchtigen Nachtessen, als er herangeritten kam, wie Einer, der sein eigener Herr ist. Jaap hatte die Abzeichen des Hauses Littlepage abgelegt und geberdete sich ganz unabhängig. Sein Pferd ward neben dem meinigen in den Stall gestellt und ich fand ihn selbst bald mit den Ueberbleibseln meines Nachtessens beschäftigt, als sie in die Küche zurückwanderten.

Ein Reisender von meiner Art und äußeren Erscheinung wurde, wie sich von selbst versteht, im besten Gästezimmer bewirthet; und nachdem ich meinen Hunger gestillt hatte, setzte ich mich hin, um einige Urkunden zu lesen, welche sich auf den Gegenstand meiner Sendung bezogen. Niemand hätte wohl gedacht, daß ich nur einen Yorker Shilling, so viel als ein Pennsylvanischer »Lery,« oder ein Connekuter Neunpencestück in meinem Beutel hatte; denn mein ganzes Wesen und Benehmen war das eines Mannes, der Alles bezahlen konnte, was er brauchte, da die Gewißheit, daß auf die Länge mein Wirth durch mich nicht in Schaden kommen könne, mir die gehörige Zuversicht gab. Ich war gerade mit den Urkunden fertig geworden und dachte nach, wie ich die paar Stunden, welche noch übrig waren, bis die Zeit kam, zu Bette zu gehen, ausfüllen sollte, als ich Jaap im Schenkzimmer seine Geige stimmen hörte. Wie die meisten Neger hatte der Bursche ein Ohr für die Musik, und man hatte ihn seiner Neigung nachhängen lassen, bis er so gut spielte, als die Hälfte der Fiedler, denen man im Lande begegnete.

Der Ton einer Geige in einem kleinen Flecken an einem kalten Oktoberabend mußte nothwendig seine Wirkung thun. Nach einer halben Stunde kam die lächelnde Wirthin, um mich einzuladen, mich auch zu der Gesellschaft zu begeben, mit der angenehmen Nachricht, es werde mir nicht an einer Tänzerin fehlen, denn das hübscheste Mädchen im Ort sey so eben erst auch gekommen und habe noch keinen Tänzer. Als ich in das Schenkzimmer trat, ward ich mit einer Menge linkischer Verbeugungen und Knixe, aber mit viel einfacher und wohlmeinender Gastlichkeit begrüßt. Die Begrüßung Jaaps selbst war sehr studirt und durchaus von der Art, daß sie jeden Verdacht ausschloß, daß wir früher schon bekannt gewesen.

Das Tanzen dauerte über zwei Stunden sehr lebhaft fort, als die vorgerückte Stunde die Dorfmädchen an die Notwendigkeit mahnte, sich zurückzuziehen. Als Jaap die Anzeichen des nahe bevorstehenden Auseinandergehens der Gesellschaft bemerkte, hielt er mir in sehr respektvoller Weise seinen Hut hin, worauf ich ganz stattlich meinen Shilling hineinwarf, in einer Weise, welche Aufmerksamkeit erregen mußte, und ihn dann bei den männlichen Mitgliedern der Gesellschaft herumgehen ließ. Noch Einer gab auch einen Shilling, zwei standen zusammen und brachten wirklich einen Viertelsdollar heraus. Einige warfen Sechspencestücke oder Vierund ein halb Pencestücke hinein und das Uebrige waren Kupferstücke. Das Ganze zu krönen, erklärte die Wirthin, welche gut aussah und eine Freundin vom Tanze war, öffentlich, der Geiger und sein Pferd sollten zechfrei seyn, bis er den Ort verlasse. Durch diesen sinnreichen Einfall Jaaps fand ich am nächsten Morgen in meinem Beutel sieben Shillinge und sechs Pence in Silber, außer meinem eigenen Shilling, und außerdem Kupfer genug, um einen Neger eine ganze Woche in Eider zu erhalten.

Ich habe oft über Jaap's Streich und List gelacht, aber ich mochte ihm nicht erlauben, es zu wiederholen. Als ich am Hause eines Mannes von besserem Stande vorbeikam, stellte ich mich dem Eigenthümer vor, obwohl ich ihm ganz fremd war, und erzählte ihm meine Geschichte. Ohne eine weitere Bestätigung zu verlangen, als mein Wort, lieh mir dieser Gentleman fünf Dollars Silber, welche für meine augenblicklichen Bedürfnisse ganz genügten, und die, wie ich hoffentlich kaum nöthig habe ausdrücklich zu sagen, gebührender Weise zurückerstattet wurden.

Es war eine glückliche Stunde für mich, als ich mich als Titularmajor, in der That aber als freien Mann sah, ungehindert zu gehen, wohin ich wollte. Der Krieg hatte seit der Gefangennehmung von Cornwallis und dem Schweden der Friedensunterhandlungen so wenig Abwechslung oder Abenteuer geboten, daß ich der Armee müde zu werden begann, und nunmehr das Land triumphirt hatte, ganz bereit war, sie zu verlassen. Die Familie, das heißt meine Großmutter, Mutter, Tante Mary und meine jüngere Schwester, nahmen noch zu rechter Zeit wieder Besitz von Satanstoe, um im Herbst 1782 noch einen Theil des trefflichen daselbst wachsenden Obstes zu genießen; und früh im folgenden Jahre, nachdem der Friedensschluß unterzeichnet war, die Engländer aber noch in der Stadt blieben, war meiner Mutter die Rückkehr nach Lilaksbush möglich. In Folge dieser vorgängigen Schritte fanden mein Vater und ich, als wir wieder bei den beiden Familien eintrafen, die Dinge schon in besserem Stande und größerer Ordnung, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Der Landhals war bepflanzt und es war ihm die Wohlthat einer Bearbeitung während des Frühlings zu Gute gekommen, während die Gärten und Ländereien von Lilaksbush durch den gereiften und geübten Geschmack meiner vortrefflichen Mutter neu hergestellt und in guten Stand gesetzt worden waren. Ja, wahrhaft bewundernswerth war meine Mutter in allen Verhältnissen des Lebens! Wahrhaft weiblich in Gefühlen und Lebensgewohnheiten, theilte sie Allem, was sie berührte, Etwas von ihrem Gemüth und Zartgefühl mit. Selbst die leblosen Dinge ihrer Umgebung verriethen durch solche Züge, daß sie in Verbindung standen mit einer Frau, begabt mit den schönsten Eigenschaften ihres Geschlechts. Ich erinnere mich, daß Oberst Dirck Follock eines Tages, als wir mit einander die Wirthschafts- und Gesindestuben besichtigt hatten, eine Bemerkung gegen mich äußerte, welche auf diesen Zug in meiner Mutter Charakter ganz ihre Anwendung fand, und dabei vollkommen richtig war.

»Niemand,« sagte er, »kann auch nur die Küche der Mrs. Littlepage sehen, ohne zu merken, daß sie von einer Lady geleitet und beaufsichtigt wird, obgleich sie gar nie selbst hineinzukommen scheint. Es gibt eine Menge Küchen, die ebenso sauber, ebenso groß und ebenso gut eingerichtet sind, aber nicht leicht findet man eine Küche, welche Einem denselben Eindruck macht von gutem Geschmack in Betreff des Tisches und des ganzen Haushalts.«

Wenn dies seine Wahrheit hatte schon in Bezug auf die untergeordneteren Theile der Wohnung, wie viel mehr bewährte es sich noch in Beziehung auf die besseren, die Wohnzimmer der Familie. Da sah man meine Mutter in Person, umgeben von den Dingen und Geräthschaften, welche einen feinen, gebildeten Geschmack beurkunden, ohne doch eine Spur von dem hochgesteigerten Luxus, von welchem wir in den Schilderungen älterer Länder lesen. In Amerika hatten wir viel schönes Porzellan und nicht wenig massives Silber, mit Ausnahme förmlicher Service, schon vor der Revolution, und meine Mutter hatte Beides in ungewöhnlicher Menge geerbt; aber das Land wußte noch wenig von jener bequemen und üppigen Einrichtung des häuslichen Lebens, welche bei uns, in Folge des ungeheuer gesteigerten Handels, rasche Fortschritte macht.

Obgleich der Reichthum des Landes während eines sieben Jahre lang in seinem Innern tobenden Krieges gewaltige Stöße erlitten hatte, begann doch die Elasticität einer jungen und lebenskräftigen Nation bald das Uebel wieder gut zu machen. Es ist wahr, der Handel belebte sich erst wieder vollkommen, die mit ihm zusammenhängenden Interessen kamen erst wieder in bedeutenden Schwung nach der Annahme der Constitution, welche die Staaten einer Reihe gemeinsamer Zollbestimmungen unterwarf; aber doch bewirkte schon Ein Jahr eine offenbare, höchst wohlthätige Veränderung. Man konnte jetzt schon mit einer gewissen Sicherheit Schiffe ausrüsten, und das Land fühlte augenblicklich die Folgen. Das Jahr 1782 war gewissermaßen eine Zeit des Aufathmens für die Nation, obwohl lange vor seinem Ablauf schon die Knochen und Sehnen der Republik anfingen sichtbar und fühlbar zu werden. Da lernte dieses Gemeinwesen zuerst, als Volk, den unermeßlichen Vortheil erkennen, den es dadurch errungen, daß es seine eignen Interessen leitete und sie als solche behandelte, welche denen keines andern Landes der Welt nachstünden. Das war der große Gewinn von allen unsern Mühen.

 

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