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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 32
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Dreißigstes Kapitel.

Lid. Der Sieg ist Euer, Herr.

König. Und ein glorreicher ist's, und trefflich hebt
Er unsre Gnad' hervor; des Todtes widmen
Wir unsren Schmerz; den Lebenden den Wunsch
Endlosen Glückes.

Beaumont und Fletcher.

 

In Folge großer Ermüdung blieb ich am folgenden Morgen bis spät im Bette. Als ich das Haus verließ, ging ich durch den jetzt immer offenen Thorweg – denn man dachte jetzt nicht mehr an Verteidigung gegen Feinde – und wandelte nachdenklich dem Grabe Kettenträgers zu. Ehe ich dies that jedoch, ging ich nach den beiden Ecken des Hauses, um einen Blick auf die Felder zu werfen. Auf einer Seite des Hauses sah ich meinen Vater und meine Mutter, Arm in Arm, sich umschauen; und auf der andern stand Tante Mary, allein, in tiefem Sinnen in der Richtung einer waldbewachsenen Schlucht schauend, welche die Scene eines wichtigen Ereignisses aus der frühern Geschichte der Gegend gewesen war. Als sie sich wandte, um wieder in das Haus zu gehen, sah ich ihr Antlitz in Thränen gebadet. Diese achtungswürdige Frau, die jetzt über die Vierzig hinaus war, hatte ihren Verlobten auf eben dieser Stelle, vor einem Vierteljahrhundert, in einem Treffen verloren, und sah jetzt zum ersten Mal wieder seit jenem unglücklichen Ereignisse den Schauplatz desselben.

Etwas beinahe ebenso Interessantes, obwohl nicht von so trauriger Art, zog meine Eltern nach der andern Seite des Hauses hin. Als ich zu ihnen trat, lag im Angesicht Beider der Ausdruck dankbaren Glückes, vielleicht ein wenig gedämpft und getrübt durch sich anknüpfende Erinnerungen anderer Art. Meine liebe Mutter küßte mich zärtlich, als ich herankam, und der General gab mir herzlich die Hand und wünschte mir guten Morgen.

»Wir sprachen von Dir,« bemerkte der Letztere, »in dem Augenblick, wo Du erschienest. Ravensnest wird jetzt ein werthvolles Besitzthum; und das Einkommen davon, verbunden mit dem Ertrage dieses großen und ganz vortrefflichen Landgutes, das Du selbst in Händen hast, sollte ein Landhaus nicht nur reichlich erhalten können, sondern auch noch weiter reichen. Du wirst natürlich binnen Kurzem ans Heirathen denken, und Deine Mutter und ich sprachen eben davon, Du solltest ein tüchtiges, stattliches steinernes Haus eben auf dieser Stelle bauen und Dich auf Deinem Eigenthum ansiedeln. Nichts trägt so sehr zur Civilisation einer Gegend bei, als wenn sich in derselben da und dort eine Gentry niederläßt, und Du wirst sowohl Vortheile Andern zuwenden, als selbst ziehen, wenn Du dies Verfahren einschlägst. Solche, die sich nicht durch eigene Erfahrung davon überzeugt haben, können unmöglich ermessen, welche Wirkungen die Folge davon sind, wenn die Familie auch nur Eines Gentleman in einer Gegend sich ansiedelt, für Geschmacksbildung, Sitten und Benehmen, Aufklärung und Civilisation überhaupt.«

»Ich bin ganz bereit, Sir, in diesem Punkte, wie in andern, meine Pflicht zu erfüllen; aber ein gutes steinernes Landhaus, wie ein Grundherr auf seinem Besitzthum es bauen muß, kostet Geld, und ich habe kein Geld in Händen zu einem solchen Unternehmen.«

»Das Haus wird viel weniger kosten, als Du meinst. Die Materialien sind wohlfeil, und im jetzigen Augenblick auch die Arbeit. Deine Mutter und ich werden es wohl so richten, daß wir Dir einige Tausend extra leihen können, denn unser Besitzthum in der Stadt fängt an wieder Etwas einzutragen, und Du darfst deßwegen ohne Sorge seyn. Wähle Dir den Platz und lege den Grundstein zum Hause noch diesen Herbst; laß das Holz sägen und den Kalk brennen und die anderen Vorbereitungen treffen – und ordne Alles so, daß Du Deine Weihnachtsmahlzeit im Jahr 1785 in der neuen Residenz zu Ravensnest einnehmen kannst. Bis dahin wirst Du bereit seyn, Dich zu verheirathen und wir können dann Alle kommen und das Haus einweihen helfen.«

»Ist denn etwas Besonderes vorgefallen, Sir, was Euch glauben macht, ich habe solche Eile zu heirathen? Ihr scheint meine Vermählung und das neue Haus in solche Verbindung mit einander zu bringen, daß ich jenes fast glauben muß.«

Da hatte ich meinen Vater gefangen; und während meine Mutter sich abwandte und lächelte, sah ich, daß mein Vater erröthete, obgleich er sich zwang, zu lachen. Nach einem Augenblick der Verlegenheit jedoch versetzte er mit Lebhaftigkeit – (und während dem kam meine gute alte Großmutter heran und legte ihren Arm in den seinigen, d. h. in denjenigen, der noch frei war.)

»Ei, Mord, mein Junge, Du mußt sehr wenig von dem feurigen Blut der Littlepage's in Dir haben,« sagte er, »wenn Du Tag für Tag solche weibliche Liebenswürdigkeit sehen kannst, wie jetzt in Deiner Nähe ist, ohne Dein Herz zu verlieren.«

Meine Großmutter wurde unruhig und meine Mutter ebenfalls; und ich bemerkte, daß Beide der Ansicht waren, der General habe eine allzu kecke Demonstration gemacht. Mit dem ihrem Geschlecht eigenen Takt wären sie wohl behutsamer zu Werke gegangen. Ich sann einen Augenblick nach, und entschloß mich dann, ganz offen zu verfahren; denn der jetzige Augenblick war so passend als ein anderer, mein Geheimniß zu entdecken.

»Ich möchte nicht unaufrichtig gegen Euch seyn, mein lieber Sir,« antwortete ich; »denn ich weiß, wie viel besser es ist, offen zu seyn in Sachen, welche für eine ganze Familie ein gemeinsames Interesse haben, als den Geheimnißvollen zu spielen. Ich bin ein ächter Littlepage, was die Empfänglichkeit des Herzens für die Reize des andern Geschlechts betrifft, und habe nicht in täglichem vertrautem Verkehr mit weiblicher Liebenswürdigkeit gelebt, ohne ihren Einfluß dergestalt empfunden zu haben, daß ich ein warmer Anwalt des Ehestandes bin. Es ist mein Wunsch zu heirathen, und zwar noch ehe dieser neue Wohnsitz zu Ravensnest völlig hergestellt seyn kann.«

Der allgemeine Ausruf der Freude, der auf diese Erklärung folgte, klang meinem Ohr wie eine Todtenglocke, denn ich wußte wohl, es mußte darauf eine Enttäuschung folgen, die in genauem Verhältniß zu den jetzt erweckten Hoffnungen stand. Aber ich war zu weit gegangen, um noch zurück zu können, und fühlte mich verpflichtet, mich weiter zu erklären.

»Ich fürchte, meine lieben Eltern und meine geliebte Großmutter,« fuhr ich fort, sobald ich sprechen konnte, die Nothwendigkeit erkennend, so rasch als möglich mich auszusprechen, »daß Ihr mich mißverstanden habt.«

»Gar nicht, mein lieber Junge – gar nicht,« unterbrach mich mein Vater. »Du bewunderst Priscilla Bayard, aber Du bist ihrer Gesinnungen gegen Dich noch nicht so sicher, daß Du schon gewagt hättest, Deinen Antrag zu machen. Aber was thut das? Deine Bescheidenheit gereicht Dir zum Lobe; obwohl ich gestehen will, daß meiner Ansicht nach ein Gentleman, sobald er selbst entschlossen ist, seine Geliebte sollte wissen lassen, daß er ein Bewerber um ihre Hand ist, und es mir ungroßmüthig und unmännlich erscheint, zu warten, bis man des Erfolges gewiß ist. Merke Dir das, Mordaunt, mein Junge: in Sachen dieser Art kann zu weit getriebene Bescheidenheit zum Fehler werden.«

»Ihr mißversteht mich noch immer, Sir. Ich habe mir, was männliche Handlungsweise betrifft, Nichts vorzuwerfen, obwohl ich in anderer Hinsicht zu weit gegangen seyn mag, ohne die Meinigen zu Rathe zu ziehen. Abgesehen von aufrichtigem Wohlwollen und Freundschaft fühle ich nichts für Priscilla Bayard, und fühlt Priscilla Bayard nichts für mich.«

»Mordaunt!« rief eine Stimme, die ich nie hörte, ohne daß sie kindliche Zärtlichkeit in mir erweckte.

»Ich habe nur die Wahrheit gesprochen, theuerste Mutter, und die Wahrheit, die ich früher schon hätte aussprechen sollen. Miß Bayard würde mich morgen ausschlagen, wenn ich ihr meinen Antrag machte.«

»Ihr wißt das nicht, Mordaunt – Ihr könnt das nicht wissen, bis Ihr den Versuch macht,« unterbrach mich meine Großmutter etwas lebhaft. »Die Gemüther junger Frauenzimmer lassen sich nicht nach denselben Regeln beurtheilen, wie die jungen Männer. Ein solcher Antrag kommt nicht jeden Tag, das kann ich ihr sagen; und sie ist viel zu einsichtsvoll und besonnen, als daß sie etwas so Einfältiges thäte. Es steht allerdings nicht in meiner Macht, zu wissen und zu sagen, wie Priscilla gegen Euch gesinnt ist; aber wenn ihr Herz noch frei, und Mordy Littlepage nicht der Jüngling ist, der es gestohlen hat, so verstehe ich mich nicht auf mein eigenes Geschlecht.«

»Aber Ihr vergeßt, liebste Großmutter, daß, wenn alle Eure für mich so schmeichelhaften Voraussetzungen wahr wären – was sie, wie ich mit gutem Grund glaube, nicht sind, – daß ich auch dann nur bedauern könnte, daß es so wäre; denn ich liebe eine Andere.«

Diesmal war der Eindruck meiner Worte ein so tiefer, daß ein allgemeines Schweigen die Folge war. Gerade in diesem Augenblick trat eine Unterbrechung von so süßer und eigenthümlicher Art ein, daß ich mich wenigstens sehr erleichtert fühlte, und der Notwendigkeit überhoben war, den Sinn meiner Worte sofort näher zu erläutern. Ich will erklären, worin diese Unterbrechung bestand.

Der Leser erinnert sich vielleicht noch, daß an den äußern Wänden des Hauses zu Ravensnest ursprünglich Licht- und Schießlöcher angebracht waren, zum Behufe der Vertheidigung, welche in diesen friedlichen Zeiten als kleine Fenster benützt wurden. Wir standen unter einer dieser Oeffnungen, jedoch nicht so nahe, daß wir von Jemand, der daran stand, gesehen oder gehört werden konnten, wenn wir nicht in lauterem Tone sprachen, als in welchem die gegenwärtige Unterredung geführt wurde. Aus diesem Lichtloch drangen gerade in diesem Augenblick die leisen, süßen Noten einer von Dus' köstlichen indianischen Hymnen, so möchte ich sie nennen, hervor, gesungen, wie sie pflegte, nach einer klagenden schottischen Melodie. Wie ich einen Blick nach dem Grabe Kettenträgers hinüber warf, sah ich Susquesus darauf stehen, und im Augenblick errieth ich das Gefühl, welches Ursula zu diesem Gesange trieb. Die Worte hatte ich mir früher erklären lassen, und ich wußte, daß sie vom Grabe eines Kriegers sprachen.

Der aufgehobene Finger, der entzückte Ausdruck des Auges, die ganze Haltung der gespannten Aufmerksamkeit, welche meine geliebte Mutter annahm – das Alles beurkundete das Wohlgefallen und die Rührung, die sie empfand. Als aber die Sängerin plötzlich, nachdem die letzten gutturalen Laute der Onondagosprache in unserem Ohre verhallt waren, zur englischen Sprache überging, und in derselben Melodie eine feierlichernste englische Hymne anhub, kurz zwar, aber voll Hoffnung und Frömmigkeit, da stürzten meiner Mutter und meiner Großmutter die Thränen aus den Augen, und selbst General Littlepage ergriff auf ziemlich verdächtige Weise Gelegenheit, sich zu schnauben. Bald starben die Töne dahin, und die köstliche Melodie war zu Ende.

»In aller Wunder Namen, Mordaunt, Wer mag diese Nachtigall seyn?« fragte mein Vater, denn keine von den Frauen konnte sprechen.

»Das ist das Mädchen, Sir, der ich mein Wort und meine Hand verpfändet habe – das Mädchen, das ich heirathen muß, oder unverheirathet bleiben.«

»So ist dies also die Dus Malbone oder Ursula Malbone, von welcher ich so viel gehört habe von Priscilla Bayard während der letzten paar Tage,« sagte meine Mutter, mit einem Ton und Weise, wie wenn ihr plötzlich ein Licht aufgegangen wäre über einen Gegenstand von höchstem Interesse für sie; »ich mußte wohl Etwas der Art erwarten, wenn die Lobpreisungen Priscilla's nur zur Hälfte gegründet sind.«

Niemand hatte eine bessere Mutter, als die meinige war. Durch und durch eine Lady in Allem, was zu dem Wesen einer solchen gehört, war sie ebenso auch eine demüthige und fromme Christin. Dennoch sind Demuth und Frömmigkeit, besonders die erstere, in gewissen Beziehungen, Sachen der konventionellen Anschauungsweise. Die Schicklichkeit galt in den Augen meiner beiden Eltern Viel, und ich kann nicht sagen, daß sie in meinen Augen Nichts gelte. Bei Nichts ist diese Schicklichkeit mehr am Platz, als bei der Schließung von vernünftigen Ehen; und kluge und umsichtige Eltern werden sich am allerwenigsten den Vorwurf zuziehen wollen, daß sie nicht alle mögliche Sorge und Aufmerksamkeit darauf gerichtet hätten, daß ihr Kind eine schickliche und angemessene Verbindung eingehe, – angemessen ebenso in Bezug auf Stand, Lebensgewohnheiten, Ansichten, Bildung und Denkweise überhaupt, wie auf Vermögen. Grundsätze verstehen sich bei Personen von Grundsätzen von selbst; aber, diesen untergeordnet, ist doch immer die weltliche Lage und Stellung in den Augen der Eltern von großem Gewicht. Meine Eltern waren hierin nicht so sehr verschieden von andern Leuten, und ich bemerkte wohl, daß jetzt Beide dachten, Ursula Malbone, des Kettenträgers Nichte, welche selbst einmal die Meßkette getragen – ich hatte nämlich diesen Umstand in einem meiner Briefe leicht erwähnt – sey kaum eine passende Partie für den einzigen Sohn General Littlepage's. Keines von Beiden jedoch sprach Viel; nur that mein Vater, ehe wir uns trennten, ein paar Fragen an mich, welche sich einigermaßen auf diesen Punkt bezogen.

»Habe ich Dich recht verstanden, Mordaunt,« fragte er, so ziemlich mit dem ernsthaften Wesen, das sich bei einem Vater erwarten ließ, nachdem er eine so wenig willkommene Nachricht vernommen, »habe ich dich recht verstanden, Mordaunt, daß Du wirklich versprochen bist mit dieser jungen – hm, hm – dieser jungen Person?«

»Besinnt Euch nicht, mein lieber Vater, Ursula Malbone eine Lady zu nennen. Sie ist eine Lady der Geburt und der Bildung nach. Eine Lady, ganz gewiß – sonst hätte sie nimmermehr in das Verhältniß zu Eurer Familie treten können, in welchem sie steht.«

»Und was für ein Verhältniß ist dies, Sir?«

»Eben dieses, mein lieber Vater. Ich habe Ursula meinen Antrag gemacht – unbesonnener, übereilter Weise, wenn Ihr wollt, da ich hätte warten, und Euch und meine Mutter um Rath fragen sollen – aber wir folgen nicht immer den Geboten der Schicklichkeit in Sachen, wo das Herz so sehr betheiligt ist. Ich glaube gern, Sir, Ihr handeltet weiser,« – hier bemerkte ich ein leichtes Lächeln, das um den hübschen Mund meiner Mutter spielte, und ich begann zu vermuthen, daß der General in diesem Punkte nicht pflichtgemäßer gehandelt habe als ich – »aber ich hoffe, dieser mein Fehler wird Entschuldigung finden in Betracht der Macht einer Leidenschaft, welcher zu widerstehen uns Allen so schwer wird.«

»Aber was ist das Verhältniß, in welchem diese junge – Lady – zu meiner Familie steht. Mordaunt? Ihr seyd doch nicht schon vermählt?«

»Keineswegs, Sir; so weit hätte ich nimmermehr die Rücksicht und Achtung vergessen können, die ich Euch Dreien schuldig bin – ja selbst Anneke'n und Katrinke'n. Ich habe meinen Antrag gemacht und bin bedingter Weise erhört worden –«

»Und diese Bedingung ist –«

»Die Einwilligung von Euch Dreien; die völlige Zustimmung aller meiner nahen Verwandten. Ich glaube, daß Dus, die theure Dus, mich liebt, und daß sie mir freudig die Hand reichen würde, wenn sie gewiß wüßte, daß es Euch angenehm wäre, aber daß kein Zureden von mir sie, wenn dies nicht der Fall wäre, je dazu bewegen könnte.«

»Das ist Etwas, denn es beweist, daß das Mädchen Grundsätze hat,« versetzte mein Vater. »Ei, Wer geht denn dort?«

Ja wohl. Wer ging dort? Da gingen Frank Malbone und Priscilla Bayard Arm in Arm, und so ins Gespräch vertieft, daß sie nicht sahen, Wer sie beobachtete. Ich glaube fast, sie bildeten sich ein, in den Wäldern zu seyn, geschützt gegen neugierige Blicke, in völliger Freiheit herumzuschlendern, und sich so viel als ihnen beliebte, mit einander zu beschäftigen; oder, was noch wahrscheinlicher ist, sie dachten in diesem Augenblicke an Nichts als an sich. Sie kamen aus dem Hof heraus und schritten rasch in den Obstgarten, so leicht, als wenn sie in der Luft wandelten und allem Anschein nach so glücklich als die Vögel, die auf den Bäumen umherzwitscherten und jubelten.

»Da, Sir,« sagte ich bedeutungsvoll, »da, meine liebe Mutter, ist der Beweis, daß der Miß Priscilla Bayard meinetwegen das Herz nicht brechen wird.«

»Das ist in der That sehr außerordentlich!« rief meine schwer enttäuschte oder getäuschte Großmutter. – »Ist das nicht der junge Mann, der, wie man uns sagte, den Vermesser Kettenträgers machte, Corny?«

»Ja wohl, meine gute Mutter, und ein recht tüchtiger und angenehmer Jüngling ist er, wie ich aus einem Gespräche weiß, das ich gestern Nacht mit ihm hatte. Es ist ganz klar, wir haben uns Alle geirrt,« fuhr der General fort; »obgleich ich nicht weiß, ob wir sagen sollen, es sey Eines von uns getäuscht und betrogen worden.«

»Da kommt Kate, mit einem Gesicht, welches verräth, daß sie vollkommen im Besitze des Geheimnisses ist,« fiel ich ein, als ich meine Schwester um die Ecke des Gebäudes auf unserer Seite herumkommen sah, mit einer Miene, die mir deutlich verrieth, daß ihr Geist und ihr Herz voll waren. Sie trat zu uns, ergriff meinen Arm, ohne zu sprechen, und so folgten wir meinem Vater, welcher seine Gattin und seine Mutter nach einer kunstlosen Bank führte, welche unter einem Baum aufgestellt worden war. Hier nahmen wir Alle Platz, Jedes erwartend, daß ein Anderes zu sprechen anfange. Meine Großmutter brach zuerst das Schweigen.

»Seht Ihr dort Pris Bayard, mit diesem Mr. Frank, Kettenträger oder Landvermesser, oder wie sein Name lauten mag, lustwandelnd, meine liebe Katrinke?« fragte die gute alte Dame.

»Ja wohl, Großmama,« antwortete die gute junge Lady in so leisem Tone, daß man es kaum hörte.

»Und könnt Ihr mir erklären, was es bedeutet, Schätzchen?«

»Ich glaube ja, Madame, wenn – wenn – Mordaunt es gerne hört.«

»Nehmt auf mich keine Rücksicht, Kate,« versetzte ich lächelnd. »Miß Priscilla Bayard wird mir nie das Herz brechen machen.«

Der Blick schwesterlicher Bekümmerniß, den mir das treuherzige Mädchen zuwarf, mußte mich wohl zur innigen Dankbarkeit stimmen: und das that er auch, denn es ist gar etwas Süßes um die Liebe und Zärtlichkeit einer Schwester. Ich glaube, die Ruhe meines Gesichts und dessen lächelnder Ausdruck gaben dem lieben Geschöpf Muth, denn sie begann jetzt ihre Geschichte so rasch zu erzählen, als es passend war.

»Nun also, es bedeutet dies,« sagte Kate. »Dieser Gentleman ist Mr. Francis Malbone, und er ist der Anbeter und Verlobte von Priscilla. Ich habe Alles aus ihrem eignen Munde.«

»Und willst Du uns von den nähern Umständen so Viel hören lassen, als wir schicklicherweise erfahren dürfen?« sagte der General ernst.

»Priscilla hat durchaus nicht den Wunsch, irgend Etwas zu verhehlen. Sie kennt Mr. Malbone schon einige Jahre, und sie sind sich diese ganze Zeit über treu ergeben gewesen. Nichts stand der Sache im Wege, als seine Armuth. Der alte Mr. Bayard machte dagegen natürlich Einwendungen, wie Väter pflegen, wißt Ihr, und Priscilla wollte ihm deßwegen ihr Wort nicht geben. Aber – erinnert Ihr Euch nicht vom Tode einer alten Mrs. Hazleton in Bath in England gehört zu haben, diesen Sommer, Mama? Die Bayards sind jetzt um sie in Halbtrauer.«

»Gewiß, meine Liebe: Mrs. Hazleton war Mr. Bayard's Tante; ich kannte sie früher wohl, ehe sie auswandern mußte – ihr Gatte war der Oberst auf Halbsold Hazleton, von der königlichen Artillerie; und sie waren natürlich Tories. Die Tante hieß Priscilla und war Pathin unsrer Pris.«

»Ganz recht – nun, diese Lady hat Pris zehntausend Pfund in den englischen Fonds hinterlassen, und die Bayards willigen jetzt in ihre Heirath mit Mr. Malbone. Man sagte auch, aber ich glaube nicht, daß dies irgend einen Einfluß übt, denn Mr. Bayard und seine Gattin sind ausnehmend uneigennützige Leute, wie überhaupt die ganze Familie,« fuhr Kate stockend und mit niedergeschlagenen Augen fort – »aber man sagt, der Tod eines jungen Mannes werde wahrscheinlich Mr. Malbone zum Erben eines betagten Vetters seines verstorbenen Vaters machen.«

»Und nun, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, werdet Ihr einsehen, daß der Miß Bayard das Herz nicht brechen wird, deßhalb, weil ich Dus Malbone liebe. Ich sehe aus deiner Miene, Katrinke, daß du auch von dieser meiner Schuld einigermaßen unterrichtet bist.«

»So ist es; und was noch mehr ist, ich habe die junge Lady gesprochen, und kann mich kaum darüber wundern. Anneke und ich haben diesen Morgen zwei Stunden bei ihr zugebracht; und da Du Pris nicht bekommen kannst, Mordaunt, weiß ich keine Andere, welch ihre Stelle so ganz ersetzen könnte. Anneke ist auch ganz verliebt in sie.«

Die liebe, gute, klare und einsichtsvolle Anneke – sie war in Folge einer einzigen Unterredung in den wahren Charakter von Dus eingedrungen, – was ich mir erklärte aus dem noch frischen Eindruck, welchen der Tod Kettenträgers auf ihr Gemüth zurückgelassen hatte. Unter gewöhnlichen Umständen würde das geistvolle Mädchen bei einer ersten Begegnung eine ihr bisher Fremde sich nicht haben so nahe kommen lassen, daß diese schon so viele ihrer gediegenen Eigenschaften hätte entdecken können; aber jetzt, wo ihr Herz so sanft gestimmt, ihr Geist so gedämpft war, konnte Anneke mit ihrer gewohnten Milde und Freundlichkeit wohl ihre Sympathie sogleich gewinnen, und mochten sich die Beiden eng an einander anschließen. Der Leser darf nicht glauben, Dus habe ihr Herz aufgeschlossen wie ein gewöhnliches Schulmädchen und meine Schwester zur Vertrauten gemacht hinsichtlich des Verhältnisses, in welchem wir zu einander standen. Hierüber hatte sie keine Sylbe gesagt noch angedeutet. Was Kate davon wußte, das rührte von Priscilla Bayard her, die es natürlich von Frank erfahren hatte; und meine Schwester gestand mir später, das Glück ihrer Freundin sey noch erhöht worden durch die Gewißheit, daß der Vorzug, welchen sie Malbone vor mir gegeben, mir keinen Kummer verursache, und daß sie mich zum Schwager bekommen würde. Alles dies erfuhr ich von Kate bei unsern spätern Unterredungen.

»Das ist außerordentlich!« rief der General, – »sehr außerordentlich; und für mich ganz unerwartet.«

»Wir haben kein Recht, an der Miß Bayard Wahl Etwas auszusetzen,« bemerkte meine verständige und hochdenkende Mutter. »Sie ist, uns gegenüber, ihre eigene Herrin; und wenn ihre Eltern ihre Wahl billigen, so thun wir am besten, Nichts darüber zu sagen. Was das Verhältnis Mordaunt's betrifft, so wird er, hoffe ich, selbst unser Recht zugeben, hier unsre Ansichten zu haben.«

»Ganz gewiß, meine liebste Mutter. Alles jedoch, um was ich Euch bitte, ist, daß Ihr keine Ansicht aussprecht, als bis Ihr Ursula gesehen, bis Ihr sie kennen gelernt habt und im Stande seyd zu beurtheilen, ob sie nicht geeignet und würdig sey, nicht blos meine, sondern eines Jeden Gattin zu werden. Nur dies verlange ich von Eurer Billigkeit.«

»Das ist gerecht und billig; und ich werde Deinem Wunsche gemäß handeln,« bemerkte mein Vater. »Du hast ein Recht, das von uns zu verlangen, Mordaunt, und ich kann es für Deine Mutter eben so wie für mich versprechen.«

»Am Ende, Anneke,« bemerkte meine Großmutter, »weiß ich doch nicht, ob wir nicht Grund haben, uns über das Benehmen der Miß Bayard gegen uns zu beklagen. Hätte sie nur den leisesten Wink fallen lassen, daß sie mit diesem Malbrook verhängt sey, so hätte ich nie meinen Enkel zu ermuntern gesucht, auch nur einen Augenblick ernstlich an sie zu denken.«

»Euer Enkel hat nie einen Augenblick, oder auch nur einen halben Augenblick ernstlich an sie gedacht, liebste Großmutter,« rief ich; »daher beunruhigt Euch deßhalb nicht. Nichts der Art hätte mich glücklicher machen können, als die Kunde, daß Priscilla Bayard Frank Malbone heirathe, – Nichts, als etwa die Gewißheit, daß ich selbst des Letztern Halbschwester heirathen werde.«

»Wie kann das seyn? Wie konnte so Etwas geschehen, mein Kind! Ich erinnere mich nicht, je Etwas von dieser Person gehört zu haben – viel weniger mit Euch gesprochen zu haben von einer solchen Verbindung.«

»Oh, liebste Großmutter, wir leichtfertigen Kinder setzen uns manchmal Einfälle dieser Art in den Kopf, und sie setzen sich im Herzen fest, ohne daß wir erst lang unsre Verwandten um Rath fragen, wie wir freilich sollten.«

Aber es ist unnöthig, Alles zu berichten, was bei der nun folgenden langen und abspringenden Unterhaltung gesprochen wurde. Ich hatte keinen Grund, unzufrieden zu seyn mit meinen Eltern, welche nicht nur immer große Mäßigung, sondern auch große Nachsicht gegen mich an den Tag legten. Ich gestehe, als ein Diener kam, uns zu sagen, Miß Dus sey am Frühstücktisch allein und erwarte uns, zitterte ich ein Wenig, wie ich bedachte, welche Wirkungen die zuletzt durchgemachten Scenen auf ihre äußere Erscheinung gehabt haben möchten. Sie hatte im Laufe der letzten Woche viel geweint; und als ich sie zuletzt bei dem Leichenbegängniß ganz flüchtig sah, war sie blaß und niedergeschlagen gewesen. Ein Liebender ist so eifersüchtig sogar in Bezug auf den Eindruck, den seine Geliebte auf diejenigen macht, von welchen er sie bewundert zu sehen wünscht, daß mir ganz unbehaglich zu Muthe ward, als wir zuerst in den Hof, dann in das Haus, und endlich in das Eßzimmer traten.

Ein großer, geräumiger Tisch war für unsre große Gesellschaft gedeckt. Anneke, Priscilla, Frank Malbone, Tante Mary und Ursula saßen schon, als wir eintraten, und Dus hatte den Platz oben am Tisch inne. Niemand hatte noch Etwas berührt, und die junge Herrin und Wirthin am Tische hatte noch nicht einmal angefangen, den Thee und Kaffee einzuschenken, (denn mit meiner Ankunft war der Ueberfluß, in dieser Hinsicht, im Hause eingekehrt,) sondern sie saß da, achtungsvoll Diejenigen erwartend, welche wohl als die Hauptgäste betrachtet werden konnten. Nie, schien mir, hatte Dus reizender ausgesehen. Ihre Kleidung war eine hübsch arrangirte und geschmackvolle Halbtrauer, womit ihre goldnen Haare, die rosigen Wangen und die glänzenden Augen aufs reizendste kontrastirten. Denn die Wangen Dus' hatten wieder ihre Farbe, und ihre Augen ihren Glanz gewonnen. Der Grund davon war zum Theil, daß die Vermögens-Umstände und Aussichten ihres Bruders, den eingelaufenen Nachrichten zufolge, sogar noch günstiger waren, als man uns so eben gesagt hatte. Frank traf Briefe auf dem Nest an, die ihm den Tod seines Vetters meldeten, nebst einer dringenden Einladung, sich zu dem kinderlosen Vater, einem alten und bettlägerigen Manne, als sein Adoptivsohn zu begeben. Er wurde dringend aufgefordert, Dus mitzubringen, und es war eine ansehnliche Geldsumme beigelegt, um ihn in Stand zu setzen, dies ohne Unbequemlichkeit zu thun. Dies allein schon würde einige Heiterkeit über das Angesicht der Armen und Abhängigen verbreitet haben. Dus trauerte aufrichtig um ihren Oheim, und trauerte lange um ihn; aber ihre Trauer war die einer Christin, welche hoffte. Kettenträgers tödtliche Verwundung war schon vor einigen Tagen erfolgt, und das erste Gefühl des Kummers war durch Zeit und Nachdenken etwas gemildert worden. Sein Ende war sanft und friedlich gewesen; und sie durfte glauben, daß er jetzt der Frucht seiner Reue und Buße durch das Opfer des Sohnes Gottes sich erfreue.

Es war leicht die Ueberraschung im Gesichte meiner Eltern und Großmutter zu bemerken, als Miß Malbone aufstand, mit dem Wesen einer Person, welche mit Zuversicht ihrer Stellung und ihrer Ansprüche sich bewußt ist, um die für die Gelegenheit passenden Begrüßungen auszutauschen. Nie machte ein junges Frauenzimmer ihre Sache besser als Dus, welche so anmuthsvoll knixte, wie eine Königin, während sie die Komplimente, die sie empfing, mit der Sicherheit einer an Höfen erzogenen Dame aufnahm. Großentheils verdankte sie dies der Natur, obwohl auch ihre Erziehung gut gewesen war. Viele der vornehmsten jungen Damen der Kolonie waren Jahre lang ihre Gespielinnen gewesen; und zu jener Zeit hielt man viel mehr auf ein feines Benehmen, als jetzt unter uns Ton zu werden anfängt. Meine Mutter war entzückt; denn wie sie mich nachher versicherte, war sie jetzt schon entschlossen, Ursula als Tochter anzunehmen, da sie es der Ehre schuldig zu seyn glaubte, das von mir verpfändete Wort zu lösen. General Littlepage wäre vielleicht nicht ganz so ängstlich gewissenhaft gewesen, obwohl auch er das Recht der von mir eingegangenen Verpflichtungen anerkannte; aber Dus eroberte ihn förmlich mit Sturm. Die gedämpfte Traurigkeit ihrer Miene verlieh ihrer Schönheit etwas ungemein Feines und Edles, und Alles, was sie an diesem Morgen sprach und that, war, wie ihre Erscheinung selbst, vollkommen. Mit Einem Wort, Alle waren erstaunt, aber Alle vergnügt. Ein paar Stunden nachher, als die Frauen eine Zeit lang allein zusammen gewesen, kam meine treffliche Großmutter zu mir, und verlangte eine kurze Besprechung mit mir allein. Wir fanden einen Sitz in der Laube des Hofes; und meine ehrwürdige Großmutter begann also:

»Nun, Mordaunt, mein Lieber, es ist Zeit, daß Du daran denkst zu heirathen und Dich fest niederzulassen. Da Miß Bayard glücklich verlobt ist, sehe ich nicht, was Du Besseres thun könntest, als der Miß Malbone Deinen Antrag zu machen. Nie habe ich ein so schönes Wesen gesehen, und die großherzige Priscilla versichert mich, sie sey ebenso gut, tugendhaft und weise, als liebenswürdig. Sie ist von guter Geburt, gut erzogen und gebildet; und sie mag überdies auch noch ein hübsches Vermögen bekommen, wenn jener alte Mr. Malbone so reich ist, als man mir sagt, und so viel Gewissen hat, daß er ein gerechtes und billiges Testament macht. Nimm meinen Rath an, mein lieber Sohn, und heirathe Ursula Malbone!«

Die gute Großmutter! Ich nahm ihren Rath an; und ich bin überzeugt, daß bis zu ihrer Sterbestunde die Ueberzeugung sie beglückte, sie habe wesentlich zu dieser Verbindung beigetragen.

Nachdem General Littlepage und Oberst Follock einmal hier waren, entschlossen sie sich, ein paar Monate zu bleiben, um nach ihren Ländereien zu sehen, und einige Scenen in dieser Gegend wieder zu besuchen, welche für sie ein lebhaftes Interesse hatten. Auch meine Mutter und Tante Mary schienen gerne zu verweilen; denn sie erinnerten sich hier an Ereignisse, die ihnen die Umgegend mit süßer Wehmuth in das Gedächtniß zurückrief. Mittlerweile reiste Frank zu seinem Verwandten, und kam wieder zurück, ehe noch unsere Gesellschaft zum Aufbruch bereit war. Während seiner Abwesenheit waren alle Vorkehrungen zu meiner Vermählung mit seiner Schwester getroffen worden. Dies Ereigniß fand gerade zwei Monate nach dem Leichenbegängnis Kettenträgers statt. Ein Geistlicher wurde von Albany herbeigeholt um die Trauung zu verrichten, da keines der Brautleute der Sekte der Congregationalisten angehörte; und eine Stunde, nachdem wir kirchlich verbunden waren, verließen uns sämmtliche Gäste, um nach dem Süden zurückzukehren, und wir blieben allein auf dem Neste zurück. Ich habe gesagt alle, aber ich hätte Jaap und Susquesus ausnehmen sollen. Diese Beide blieben und sind noch bis auf die heutige Stunde da; nur macht der Neger gelegentlich Besuche in Lilaksbusch und Satanstoe, um seine Familie um sich zu versammeln.

Bei der Trauung herrschte viel tiefes Gefühl aber wenig Glanz und Prunk. Meine Mutter hatte Ursula liebgewonnen, als wäre sie ihr eignes Kind; und ich hatte die Freude nicht nur, sondern auch den Triumph, zu sehen, wie meine Verlobte sich mit jedem Tage den Meinigen angenehmer und theurer machte, und dies durch keine andern als die allernatürlichsten und kunstlosesten Mittel.

»Das ist vollkommenes Glück,« sagte Dus zu mir an einem lieblichen Nachmittag, als wir mit einander die Felsen an dem Nest entlang lustwandelten, einige Minuten nachdem sie sich aus den Armen meiner Mutter gewunden hatte, die sie umarmt und gesegnet hatte wie eine fromme Mutter ein inniggeliebtes Kind – »das ist vollkommenes Glück, Mordaunt, Eure Erkorene zu seyn und die von Euren Eltern freundlich Aufgenommene. Ich wußte bis jetzt nicht, was es heißt, Eltern zu haben. Oheim Kettenträger that Alles was er konnte für mich, und ich werde sein Andenken heilig halten bis zu meinem letzten Athemzug – aber Oheim Kettenträger konnte mir nie eine Mutter ersetzen. Wie gesegnet, wie über Verdienst gesegnet verspricht mein Loos zu werden! Ihr gebt mir nicht nur Eltern, und Eltern die ich lieben kann, wie wenn es meine leiblichen Eltern wären, sondern Ihr gebt mir auch zwei Schwestern, wie sie Wenige haben!«

»Und das Alles, liebste Dus, gebe ich Dir mit der Zugabe eines solchen Gatten, daß ich fast fürchte, die andern Gaben werden Dir zu theuer erkauft scheinen, wenn Du ihn erst genauer kennst.«

Der innige, offene, dankbare Blick, das bewußte Erröthen, und das ernste nachdenkliche Lächeln – Alles das verkündigte mir, daß meine vergnügte und parteiliche Zuhörerin deshalb keine Sorge empfand. Hätte ich damals schon das andere Geschlecht so gekannt wie jetzt, so würde ich vorausgesehen haben, daß die Liebe eines Weibes wächst, statt abzunehmen; daß die Liebe, die die reine und hingebende Matrone zu ihrem Gatten hegt, mit der Zeit zunimmt und ein Theil und Element ihrer moralischen Existenz wird. Ich bin kein Anwalt von dem was man im strengen Sinne Vernunftheirathen nennt; ich glaube, der feierliche, bleibende Knoten sollte geknüpft werden von der Hand warmer, mächtiger Neigung und Liebe, gesteigert und gekräftigt durch Kenntniß und vertrauensvollen Austausch der beiderseitigen Denkweise und Gefühle: aber ich habe lang genug gelebt, um zu wissen, daß, so lebhaft und innig auch die Leidenschaften der Jugend sind, sie doch keine Wonnen gewähren, die denjenigen gleich kämen, welche aus der tiefen und erprobten Zärtlichkeit eines glücklichen ehelichen Lebens entspringen!

Und wir waren nun verheirathet! Die Zeremonie fand vor dem Frühstück statt, damit unsre Verwandten noch die große Heerstraße erreichen könnten, ehe die Nacht sie überfiele. Das Mahl, das dann folgte, war still und ernst. Dann schloß meine liebe, gute Mutter Dus in ihre Arme und küßte und segnete sie zu wiederholten Malen. Mein geehrter Vater that dasselbe, und erinnerte meine weinende aber glückliche junge Frau, daß sie jetzt seine Tochter sey. »Mordaunt ist im Grunde ein guter Kerl, meine Liebe, und wird Euch lieben und hegen, wie er gelobt hat,« fuhr der General fort, sich schnaubend, um seine Rührung zu verbergen; »aber sollte er je irgend Etwas vergessen, was er gelobt hat, so kommt zu mir, und ich will ihn heimsuchen mit der Mißbilligung eines Vaters.«

»Seyd unbesorgt wegen Mordaunt's – seyd unbesorgt wegen Mordaunt's,« fiel meine würdige Großmutter ein, an welche jetzt die Reihe des Abschiednehmens – für eine kurze Zeit – kam, »er ist ein Littlepage, und alle Littlepage's geben treffliche Ehemänner. Der Junge gleicht seinem Großvater, wie er in seinem Alter war, wie eine Erbse der andern. Gott segne Euch, meine Tochter – Ihr werdet mich diesen Herbst in Satanstoe besuchen, wo es mir große Freude machen wird, Euch meines Generals Bild zu zeigen.«

Anneke und Kate und Priscilla Bayard herzten Dus dergestalt, daß ich fürchtete, sie würden sie aufessen, während Frank von seiner Schwester Abschied nahm mit der männlichen Zärtlichkeit, die er ihr immer bezeigte. Der Jüngling war jedoch selbst zu glücklich, als daß er viele Thränen hätte vergießen sollen, obgleich Dus an seiner Brust förmlich schluchzte. Das liebe Geschöpf durcheilte ohne Zweifel mit ihren Gedanken die Vergangenheit, und verglich sie mit der seligen Gegenwart.

Gegen Ende des Honigmondes liebte ich Dus doppelt so innig, als ich sie in der Stunde geliebt hatte, wo wir vermählt wurden. Hätte mir Jemand gesagt, daß dies möglich sey, so würde ich einen solchen Gedanken verlacht haben; aber es war wirklich so, und ich darf mit Wahrheit hinzusetzen, so ist es bis jetzt immer gewesen. Nach Verfluß dieses Monats reisten wir von Ravensnest nach Lilaksbush ab, wo ich die Freude hatte, meine junge Frau in aller Form demjenigen Theil der sogenannten Welt vorstellen zu dürfen, dem sie eigentlich angehörte. Ehe wir jedoch das Patent verließen, waren schon alle meine Plane gemacht und Contrakte unterzeichnet zum Behufe des Baues des Hauses, wovon mein Vater gesprochen. Der Grund wurde noch im Herbste gelegt und im folgenden Jahre feierten wir unsere Weihnachten darin – binnen welcher Zeit mich Dus zum Vater eines stattlichen Knaben gemacht hatte.

Es ist kaum nöthig zu sagen, daß Frank und Priscilla, so wie Tom und Kate nicht sehr lange nach uns sich vermählten. Beide Ehen sind vollkommen glücklich geworden. Der alte Mr. Malbone überlebte den Winter nicht, und hinterließ ein sehr ansehnliches Besitzthum ganz seinem Verwandten. Frank wünschte, seine Schwester an seinem Glück und Vermögen Antheil nehmen zu lassen, aber ich wollte davon Nichts hören. Dus war an und für sich Schatz genug, und bedurfte kein Geld, um ihren Werth in meinen Augen zu erhöhen. So dachte ich im Jahr 1785 und so denke ich heute noch. Wir nahmen einiges Silbergeschirr und einige schöne Geschenke, wollten aber vom Vermögen nie etwas annehmen. Das schnelle Wachsthum von New-York machte, daß unsere noch übrigen Loose in dieser rasch gedeihenden Stadt einen guten Markt fanden, und wir wurden bald reicher, als zum Glücklichseyn nöthig ist. Ich hoffe, wir haben die Gaben der Vorsehung nie mißbraucht. Eines weiß ich gewiß: Dus ist von mir immer weit höher geschätzt worden als irgend ein anderer Besitz.

Von Jaap und dem Indianer muß ich auch ein Wort sagen. Beide leben noch und wohnen auf dem Nest. Für den Indianer ließ ich eine Wohnung erbauen in einer gewissen Schlucht, Sicht weit vom Hause entfernt, welche die Scene einer seiner früheren Thaten in dieser Gegend gewesen war. Hier lebt er, hier hat er die letzten zwanzig Jahre gelebt, und hier hofft er zu sterben. Er erhält seine Nahrung, Decken, und was er sonst für seine wenigen Bedürfnisse braucht, im Nest, wo er nach Belieben kommt und geht. Er ist jetzt dem hohen Alter nahe, hat aber noch immer seinen elastischen Schritt, seinen aufrechten Gang und seine Rüstigkeit. Ich glaube, er kann gar wohl hundert Jahre alt werden. Dasselbe gilt von Jaap. Der alte Kerl hält aus und erfreut sich des Lebens als ein ächter Abkömmling der Afrikaner. Er und Sus sind unzertrennlich und streifen oft in den Wald hinaus auf langen Jagdzügen, sogar im Winter, von welchen sie mit Wildpret, wilden türkischen Hähnen und anderer Beute zurückkommen. Der Neger wohnt im Nest, aber seine halbe Zeit schläft er im Wigwam, wie wir die Wohnung von Sus nennen. Die zwei alten Burschen streiten häufig und bisweilen hadern sie sogar; aber da Keiner von beiden trinkt, kommt es nie zu sehr langen noch auch sehr ernstlichen Zwisten. Ihre Händel entspringen meist aus Verschiedenheit der Ansichten in der Moralphilosophie, in Folge ihrer verschiedenen Anschauungsweise der Vergangenheit und der Zukunft.

Lowiny blieb bei uns als Dienerin, bis sie eine sehr passende Heirath mit einem meiner Pächter schloß. Eine kurze Zeit nach meiner Vermählung schien sie mir schwermüthig, wahrscheinlich in Folge der sehnsüchtigen Sorge um ihre entfernte und zerstreute Familie; aber diese Stimmung verlor sich bald, und sie wurde zufrieden und glücklich. Ihr gutes Aussehen erhöhte sich unter dem Einfluß der Civilisation, und ich darf mit Genugthuung beifügen, daß sie nie irgend Grund gehabt hat, zu bereuen, daß sie sich an uns angeschlossen. Bis auf diesen Augenblick ist sie eine bescheidene und hülfreiche Freundin meiner Gattin, welche ihrerseits sie bereitwillig unterstützt, und wir finden sie ganz besonders nützlich und tüchtig bei Krankheiten der Kinder.

Was soll ich von Squire Newcome sagen? Er brachte es zu einem recht ansehnlichen Alter und ist erst ganz neuerlich gestorben; und bei Manchen, die ihn kannten, oder vielmehr, die ihn nicht kannten, galt er für einen Theil des Salzes der Welt. Ich leitete nie ein Verfahren gegen ihn ein wegen seiner Verbindung mit den Squatters, und er verblieb sein ganzes Leben lang in einer beständigen Ungewißheit darüber, wie weit ich Kunde von seinen Schlichen habe. Der Mensch wurde eine Art von Diakon in seiner Kirche, wurde mehr als einmal Mitglied der Assembly, und blieb bis an sein Ende ein von der öffentlichen Meinung höchlich begünstigter Mann; und dies einfach darum, weil seine Denkweise und Lebensgewohnheiten ihn dem großen Haufen nahe stellten, und er sich auf jede ersinnliche Weise hütete, den Leuten nie eine Wahrheit zu sagen, die ihnen unangenehm war. Er hatte einmal die Frechheit, mit mir als Bewerber um einen Sitz im Congreß zu konkurriren, aber dieser Versuch schlug ihm fehl. Hätte er es vierzig Jahre später versucht, so wäre es ihm wohl eher gelungen. Jason starb arm und in Schulden, trotz aller seiner Spitzbübereien und Anschläge. In seiner Gier nach Gold hatte er sich überstürzt, wie es so Manchen von seiner Gesinnung geschieht. Seine Nachkommen jedoch weilen noch unter uns; und während sie sehr wenig Vermögen von ihm überkommen haben, sind sie die rechtmäßigen Erben von ihres Ahnherrn Gemeinheit in Gesinnung und Benehmen – von seinen Schlichen und Tücken und seiner Heuchelei. Das ist die Art und Weise, wie die Vorsehung die Sünden der Väter an den Kindern heimsucht, bis ins dritte und vierte Glied.

Ich habe jetzt wenig mehr zu sagen. Die Eigenthümer von Mooseridge haben glücklich alle Loose verkauft, die sie auf den Markt zu bringen gesonnen waren, und große Summen haben sie darauf versichert in Scheinen und Hypotheken. Anneke und Kate haben ansehnliche Theile dieses Besitzthums erhalten, darunter Vieles, was dem Oberst Follock gehörte, der jetzt ganz bei meinen Eltern wohnt und lebt. Tante Mary ist, mit Leidwesen muß ich es berichten, vor wenigen Jahren als ein Opfer der Blattern gestorben. Sie heirathete natürlich nie, und hinterließ ihr schönes Vermögen meinen Schwestern und einer gewissen Lady mit Namen Ten Eyck, die es sehr gut brauchen konnte, und deren Hauptanspruch darin bestand, daß sie eine dritte Cousine, glaube ich, von Mary's ehemaligem Geliebten war. Meine Mutter betrauerte den Tod ihrer Freundin aufrichtig, so wie wir Alle; aber wir hatten den tröstlichen Glauben, daß sie bei den Engeln glücklich sey.

Ich ließ in den ausgedehnten Gartenanlagen um das neue Haus auf dem Nest ein passendes Denkmal auf dem Grabe Kettenträgers errichten. Es hatte eine einfache Inschrift, die jetzt meine Kinder oft lesen und gerne ihre Bemerkungen und Betrachtungen daran knüpfen. Wir sprechen Alle von ihm bis auf diese Stunde als vom Oheim Kettenträger, und sein Grab wird nie mit einem andern Ausdruck genannt als: Oheim Kettenträgers Grab. Der herrliche alte Mann! daß er nicht frei war von den Schwächen der menschlichen Natur, braucht nicht gesagt zu werden; aber so lang er lebte, konnte er als Beweis der Wahrheit gelten: wie viel achtungs- und ehrwürdiger der Mann ist, welcher Einfalt, Redlichkeit, feste Grundsätze und Wahrheit zu seinen Führern nimmt, als derjenige, welcher mittelst Lügen, Ränken und Schlichen sich durch die Welt durchzukämpfen sucht!

 

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Ende

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