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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 31
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Mild wie ein Kind zur Ruh' sich legt mit Lust,
Und lächelnd einschläft an der Mutter Brust,
Gefaßt, mit Patriarchen-Hoffnung, gab
Die Seel' dem Himmel er, den Leib dem Grab.

Harte.

 

Ich bemerkte, daß weder der Kettenträger noch Dus ihre Blicke nach dem abschreckenden Schauspiel hinwandten, welches der Leichnam Tausendacres' darbot, nachdem dieser selbstsüchtige und eigenwillige Mann zu leben aufgehört hatte. Ich ließ augenblicklich eine andere Hütte zur Aufnahme desselben in Bereitschaft setzen, und der Leichnam ward ohne Verzug dahin gebracht. Prudence begleitete die leblose Hülle ihres Mannes dahin und brachte dort den übrigen Tag und die folgende Nacht zu; Lowiny leistete ihr Gesellschaft, und die Männer von dem bewaffneten Geleite boten ihr von Zeit zu Zeit Nahrung und Beistand an. Zwei oder drei der letzteren, Zimmerleute ihres Handwerks, fertigten einen Sarg von Fichtenholz, in welchen der Leichnam nach dem Brauche gelegt ward. Andere gruben ein Grab mitten in einem der rohen, kunstlosen Felder, welche der Squatter sich zu seinem Gebrauch angelegt hatte, und so wurde Alles bereit gehalten zur Beerdigung, sobald der Leichenschauer, nach welchem geschickt worden war, den Leichnam in Augenschein genommen und seinen Ausspruch gethan haben würde.

Nachdem die sterblichen Reste Tausendacres' weggebracht waren, blieb eine Art heiliger Stille und Ruhe in dem Gemache Kettenträgers zurück. Mein alter Freund sank rasch zusammen, und er sprach nur Wenig. Er behielt das Bewußtseyn bis zum letzten Augenblick, und Dus betete oft mit ihm im Verlaufe dieses Tages. Frank und ich waren ihr in Erfüllung der Pflichten der Pflege und Wartung behülflich; und wir bewogen Ursula, nach ihrer unablässigen Wachsamkeit am Krankenbette sich auf den obern Stock zurückzuziehen und einige Ruhe zu genießen. Es war nahe bei Sonnenuntergang, als sich der alte Andries wieder ausdrücklich zu mir wendete, der ich an seinem Bette saß, da Dus sich jetzt zum Schlafen niedergelegt hatte.

»Ich werde bis morgen leben, merke ich jetzt, Mortaunt,« sagte er; »aber komme der Tod wann er will, er ist gesendet von meinem Herrn und Schöpfer, und er ist willkommen. Der Tod hat keine Schrecken für mich.«

»Die hat er für Euch nie gehabt, Kapitän Coejemans, wie die Geschichte Eurer ganzen Laufbahn bei der Armee deutlich zeigt.«

»Ja, Junge, es gab eine Zeit, wo ich froh gewesen wäre, im Feld erschossen zu werden und zu sterben mit Montgomery, und Laurens, und Wooster, und Wareen, und solchen tapferen Helden; aber das ist jetzt Alles vorbei. Ich bin wie ein Mann, der über eine weite Ebene hingewandelt und an deren Grenze gekommen ist, wo er vor sich einen endlosen Abgrund sieht, in den er nun mit dem nächsten Schritte hinab muß. Bei einem solchen Anblick Junge, kommen Einem alle die Mühen und Arbeiten und Schwierigkeiten der Ebene so geringfügig vor, daß man sie ganz vergißt. Merkt wohl, ich will damit nicht sagen, daß die Ewigkeit für mich ein Abgrund sey in Aengsten und Bangigkeit und Verzweiflung; denn die Güte Gottes hat mein Gemüth erleuchtet über diesem Gegenstand, und Hoffnung, Liebe und Sehnsucht nach der Gegenwart meines Schöpfers sind an deren Stelle getreten. Mortaunt, mein Junge, ehe ich Euch verlasse, wünschte ich wohl noch ein paar Worte mit Euch zu sprechen über diesen heiligen Gegenstand, wenn Ihr es nicht übel aufnehmt.«

»Sagt Alles, was immer Euch beliebt, alter Kettenträger. Wir sind im Lager und im Feld gewesen, und keines Menschen Rath könnte mir willkommener seyn als der Eurige, dazu noch ertheilt in einem so feierlichen Augenblick der ernstesten Wahrheit.«

»Dank Euch, Mortaunt, Dank Euch von ganzem Herzen. Ihr wißt, wie es mit mir gewesen ist von meiner Kindheit an, denn oft und viel haben wir, Ihr und ich, über diese Sachen im Lager geschwatzt. Ich ward jung in die Welt hinausgestoßen, mir selbst überlassen, ohne Vater und Mutter, und mußte mir selbst forthelfen. Ich war das einzige Kind meines Vaters, denn Dus ist die Tochter einer Halbschwester, wie Ihr wißt, und so nahm sich meiner Niemand mit besonderer Sorge an, und ich wuchs auf in großer Unwissenheit und Unkenntniß des Herrn der Heerschaaren und meiner Pflichten gegen ihn und seinen heiligen Sohn. Nun, Mortaunt, Ihr wißt, wie es in den Wäldern hergeht, und bei der Armee. Ein Mann braucht nicht eben sehr schlimm zu seyn, um doch weit nicht so gut zu seyn, als der Allmächtige von ihm erwarten und fordern kann, der ihm seine Seele gegeben und ihn von seinen Sünden erlöst hat, und ihm täglich die Gnadenmittel darreicht. Wie ich mit Dus hieher kam – ein Kind beinahe weiß Mehr vom eigentlichen Wesen der Religion als ich da wußte. Aber dies kostbare Mädchen ist, durch die göttliche Gnade, das Werkzeug gewesen, um einen alten unwissenden Mann zum Bewußtseyn seines wahren Zustands zu bringen, und zu bessern Lebensgewohnheiten als Ihr an mir kanntet. Sonst liebte ich ein lustiges Gelage, Mortaunt, und Punsch und andere würzige Getränke waren mir sehr angenehm; ja und sogar noch, als die Jahre mich die Thorheit solchen Thuns und Treibens hätten lehren können und sollen. Aber Ihr habt diesen Sommer das Glas nicht an meinen Lippen gesehen, Junge, zu unpassenden Zeiten, oder unpassend oft, und das verdanke ich den Unterredungen, die ich mit Dus über diesen Gegenstand gehabt habe. Es hätte Euch im Herzen wohl gethan, Mortaunt, wenn Ihr das liebe Mädchen hättet auf meinem Knie sitzen sehen, meine alten grauen Haare mit ihren zarten weißen Fingern streichelnd, und mit meinen rauhen rothen Wangen spielend, wie das Kind mit den Wangen der Mutter spielt, während sie mir von der Geschichte Christi sprach und erzählte, und von seinem Leiden für uns Alle, und mir den Weg wies, meinen Heiland in Wahrheit und Aufrichtigkeit kennen zu lernen! Ihr haltet Dus für schön und lieblich anzuschauen; und angenehm im Gespräch, – aber Ihr könnt das Mädchen nie recht kennen und würdigen lernen nach ihrem goldenen Gehalte, Mortaunt, als bis sie anfängt, ohne Zurückhaltung mit Euch von Gott und von der Erlösung zu sprechen!«

»Ich kann alles Günstige von Ursula Malbone gerne glauben, mein lieber Kettenträger; und keine Musik könnte meinem Ohr süßer seyn, als diese Verkündigung ihres Lobes aus Eurem Munde.«

Der Tod Kettenträgers erfolgte, wie er selbst vermuthet und vorausgesagt hatte, gegen die Zeit des wieder anbrechenden Lichtes am folgenden Morgen. Ein sanfteres, ruhigeres Ende habe ich nie gesehen. Seine Schmerzen hörten auf mehrere Stunden, eher den letzten Athemzug that; aber im Laufe des Tages hatte er mir zugeflüstert, daß er in manchen Augenblicken entsetzliche Qualen ausstehe. Er wünschte jedoch, daß ich dies Dus verhehlte, damit nicht ihre Betrübniß noch gesteigert würde.

»So lange das liebe Mädchen Nichts von meinen Schmerzen weiß,« flüsterte mir der treffliche alte Mann ins Ohr, »kann sie nicht so sehr betrübt um mich seyn, da sie doch Vertrauen haben muß, zum Werth ihres eignen guten Werkes und glauben, daß ich nur immer der Seligkeit näher komme. Aber Ihr und ich, wir wissen, Mortaunt, daß ein Mann nicht leicht durch den Leib geschossen wird, ohne daß er große Schmerzen davon zu leiden hat; und ich habe mein Theil gehabt, – ja, ich habe mein Theil gehabt!« Dennoch wäre es für Jeden, der nicht im Geheimnis war, schwer gewesen, das kleinste Zeichen zu entdecken, daß der Kranke nur den zehnten Theil der Qualen litt, die er wirklich ausstand. Ursula ward wirklich getäuscht; und bis zu dieser Stunde weiß sie noch nicht, wie Viel ihr Oheim litt. Aber, wie schon gesagt, diese Schmerzen hörten ganz auf gegen neun Uhr, und Andries schlummerte sogar öfters mehrere Minuten. Nicht lange jedoch vor Wiederanbruch des Tages wurde er ganz wach, und schlummerte nicht mehr, bis er in den langen, letzten Schlaf des Todes sank. Seine Nichte betete mit ihm etwa um fünf Uhr; und nach diesem schien er sich als bereit zum Abschied und Aufbruch zu betrachten.

Es war vielleicht die Folge des Alters des Leidenden, aber der Tod kündigte in diesem Falle sein Herannahen an durch schnelles Schwinden der Sinne. Zuerst wurde ihm das Hören schwer; und dann verfiel schnell der Gesichtssinn. Ersteres erkannten wir aus seinem öftern Wiederholen von Fragen, die man ihm schon mehr als einmal beantwortet hatte; während die schmerzliche Gewißheit, daß das Gesicht, wo nicht ganz vergangen war, doch mehr und mehr verging, aus dem Umstande sich ergab, daß, während Dus sich wirklich wie ein schützender Engel über ihn hinbeugte, er ängstlich fragte, wo sie sey.

»Ich bin hier, Oheim Kettenträger,« antwortete das liebe Mädchen mit bebender Stimme, »hier, vor Euch, und im Begriff, Euch die Lippen zu befeuchten.«

»Ich brauche das Mädchen – das heißt – ich wünsche, daß sie in meiner Nähe sey, wenn der Geist zum Himmel aufsteigt. Laßt sie rufen, Frank oder Mortaunt.«

»Lieber – liebster Oheim, – ich bin jetzt schon da – hier vor Euch – am nächsten bei Euch von Allen – beinahe in Euren Armen,« antwortete Dus mit einer Anstrengung, die sie Viel kostete, so laut sprechend, daß er sie hörte. »Glaubt nicht, daß ich Euch verlassen könne, als bis ich weiß, daß Euer Geist vor den Gnadenthron Gottes getreten ist.«

»Das wußte ich,« sagte Kettenträger, und versuchte seine Arme emporzuheben, um nach seiner Nichte zu tasten, welche seinem Bestreben entgegen kam, indem sie seine schwache und starre Hand mit ihren beiden Händen faßte. »Vergiß nicht meine Wünsche wegen Mortaunt's, Mädchen – aber, sollte die Familie einwilligen, so heirathe ihn mit meinem Segen – ja, mit meinem besten Segen. – Küsse mich Dus. – Waren das deine Lippen? sie fühlen sich so kalt an, und du hast nie weder eine kalte Hand noch ein kaltes Herz. – Mortaunt, küßt mich auch, Junge – das war wärmer und hatte mehr Kraft und Feuer. – Frank, gebt mir Eure Hand – ich bin Euch Geld schuldig – ich habe einen Strumpf halb voll Dollars. – Eure Schwester wird meine Schulden bezahlen. Und General Littlepage ist mir Geld schuldig – aber mehr noch ist er mir freundliches Wohlwollen schuldig. – Ich bitte Gott ihn zu segnen – und Madame Littlepage zu segnen – und die alte Madame Littlepage, die ich nie gesehen, – und den Major, oder Oberst, wie man ihn jetzt nennt, – und unser ganzes Regiment – und Euer Regiment auch, Frank, welches ein sehr gutes Regiment war. – Lebt wohl, Frank – Dus – Schwester – kostbar – Jesus Christus, nimm meinen –«

Diese Worte wurden mit großer Mühe und Schwierigkeit mehr geflüstert, als laut gesprochen. Auch kamen sie in längern Pausen, besonders die letzten, so daß sie deutlich das nahe Bevorstehen der Katastrophe verkündigten, deren unmittelbarste Herolde sie waren. Die letzte Sylbe der obigen Worte war nur eben noch über seine Lippen gekommen, als der Athem eine Weile ausblieb. Ich zog Dus mit sanfter Gewalt weg, übergab sie den Armen ihres Bruders, und wandte mich wieder zu dem Sterbenden, um auf den letzten Athemzug zu lauschen. Dieser letzte Athemzug, in welchem der Geist scheint verhaucht zu werden, war ruhig, friedlich und so leicht, als es nur möglich ist bei der Trennung von Leib und Seele; und nach demselben behielt das harte, alte, runzlige aber wohlwollende Angesicht des Dahingeschiedenen jenen Ausdruck beglückten Friedens, auf welchem das Auge der Freunde des Todten mit wohlthuendem Gefühle verweilt. Er war dies Sterben das sanfteste, von dem ich je Zeuge gewesen, und dasjenige, welche am mächtigsten die Hoffnungen des Christen zu beleben und zu stärken geeignet war. Ich für meine Person faßte in Folge dieser ergreifenden Sterbescene eine tiefe Achtung und Verehrung für den Charakter und die moralischen Eigenschaften von Ursula Malbone, neben der Liebe und Bewunderung, die ich zuvor schon für ihre Schönheit, ihren Geist, ihr Herz und ihre andern gewinnenden Eigenschaften empfunden hatte.

Die zwei erwarteten Todesfälle waren jetzt eingetreten, und es blieb nur noch übrig, die gesetzliche Untersuchung in Betreff der Ereignisse, wodurch dieselben herbeigeführt worden waren, zu erledigen, die Leichname zu beerdigen, und in das Nest zurückzukehren. Ich sorgte dafür, daß eine der Hütten zur Aufnahme von Ursula und Lowiny eingerichtet wurde, – denn diese Letztere schloß sich noch immer enge an uns an, – während der Leichnam Kettenträgers in einen Sarg gelegt wurde, welcher zu gleicher Zeit mit dem für Tausendacres, und von denselben Händen gefertigt worden war. Gegen Abend kam der Coroner (Leichenschauer) an, nicht Squire Newcome, sondern ein Anderer, nach welchem er selbst geschickt hatte; und eine Jury ward unverweilt zusammengesetzt aus Männern des bewaffneten Geleites. Das ganze Verfahren währte nicht lang. Ich erzählte meine Geschichte, oder so Viel davon nöthig war, von Anfang bis zu Ende, und Andere legten ihr Zeugniß ab über die Vorkommnisse in den verschiednen Stadien der Ereignisse. Der Spruch der Jury war über Kettenträgers Tod: »Mord, von unbekannter Hand,« und bei Tausendacres; »Tod durch Zufall.« Der erste Ausspruch war ohne Frage richtig; beim zweiten waltete, wie mich bedünkt, so wenig »Zufall,« als nur jemals, wenn ein Mann von sicherer Hand und mittelst eines nie irrenden Auges durch den Leib geschossen wurde. Aber so war nun einmal das Verdikt, und ich hatte nur Vermuthungen für meine Ansicht, daß der Indianer bei der Tödtung des Squatters die Hand im Spiele habe.

An diesem Abend – und es war ein kalter, herbstlicher Abend, – begruben wir Tausendacres inmitten des schon erwähnten Feldes. Von seiner ganzen zahlreichen Familie waren nur Prudence und Lowiny anwesend. Die Feierlichkeit war kurz, und der Mann der Gewaltthat wurde versenkt, mit den Schollen der Erde sich zu vermischen, ohne ein Gebet, einen Spruch aus der heiligen Schrift oder irgend einen religiösen Ritus. Die Männer, welche den Leichnam getragen, und die wenigen anwesenden Zuschauer, füllten das Grab aus, ebneten und wölbten es ordentlich, deckten es mit Rasen, und wollten eben schweigend sich wenden, um wieder nach den Wohnungen zurückzukehren, als die tiefe Stille, welche während der ganzen Ceremonie geherrscht hatte, plötzlich unterbrochen wurde durch die klare, volle Stimme Prudence's, welche in einem Ton und mit einem Wesen, welche alle Schritte hemmten, zu sprechen begann.

»Männer und Brüder,« sagte diese außerordentliche Frau, bei welcher so manche Fehler ihres Standes und ihrer Lebensweise vergütet wurden durch so viele Tugenden ihres Geschlechts und ihrer Herkunft, – »Männer und Brüder« – sagte sie, »denn ich kann Euch nicht Nachbarn, und will Euch nicht Feinde nennen, ich danke Euch für diesen Akt der geziemenden Aufmerksamkeit und Rücksicht für die Ansprüche des Verstorbenen wie der Lebenden, und daß Ihr so gekommen seyd, um mir zu helfen meinen Todten zu begraben aus meinen Augen.«

Eine Anrede der Art, zum Theil mit eben diesen Worten, war gebräuchlich; aber da Keines in diesem Augenblick so Etwas erwartet hatte, wurden wir dadurch eben so sehr erschüttert als überrascht. Während jedoch die Uebrigen von der Begleitung sich von ihrer Verwunderung wieder erholten, ging der Zug nach den Gebäuden zurück, und ich blieb mit Prudence allein, welche, wie früher ihren Leib hin und her wiegend, neben dem Grabe stand.

»Die Nacht droht kalt zu werden,« sagte ich, »und Ihr thätet besser, mit mir nach den Wohnungen zurückzukehren.«

»Was sind jetzt Häuser für mich? Aaron ist dahin, die Jungen sind geflohen, und ihre Weiber und Kinder auch, und meine Kinder sind geflohen, und Niemand ist auf der Lichtung zurückgeblieben als Lowiny, welche nach ihrer Gesinnung mehr Euch und den Eurigen angehört, als mir und den Meinigen, und der Leichnam hier unter den Erdschollen. Es ist ein Eigenthum in den Häusern, das, glaube ich, selbst das Gesetz uns zutheilen würde, und vielleicht bedarf Eines oder das Andere desselben. Gebt mir das, Major Littlepage, damit ich meine Jungen eher kleiden und nähren kann, so will ich Euch nie mehr lästig fallen und stören an diesem Ort. Aaron wird man keinen Squatter nennen dafür, daß er dies kleine Fleckchen Erde einnimmt; und über kurz oder lang werdet Ihr mir vielleicht ein ebenso kleines Stück an seiner Seite nicht mißgönnen. Ich kann nicht Mehr viel squattern, und meine nächste Niederlassung wird auch die letzte seyn.«

»Ich wünsche nicht im Mindesten, gute Frau, Euch ein Leid anzuthun. Eure Habseligkeiten können von diesem Platze weggebracht werden, wann Ihr wollt, und ich will Euch selbst behülflich seyn,« sagte ich, »es so zu thun, daß Eure Söhne die Sachen in Empfang nehmen können ohne alle Gefahr für sie. Ich erinnere mich, ein Fahrzeug von ziemlicher Größe im Fluß gesehen zu haben unter der Mühle; könnt Ihr mir sagen, ob es noch dort ist oder nicht?«

»Warum sollte es nicht? Die Jungen haben es vor zwei Jahren gebaut, um Sachen darin zu transportiren, und es wird wohl von selbst nicht davongehen.«

»Nun gut, so will ich mich dieses Bootes bedienen, um Eure Habseligkeiten ohne Gefahr für Euch fortzuschaffen. Morgen soll Alles von irgend einem Werth, was sich hier findet, und worauf Ihr irgend ein Recht habt, in das Boot gebracht werden, und ich will es, sobald es beladen ist, durch meinen eigenen Schwarzen und den Indianer den Fluß hinabführen lassen, und diese sollen es ein paar Meilen weiter unten verlassen, wo dann diejenigen, die Ihr hinschicken mögt, um darnach zu sehen, es in Besitz nehmen und die Sachen, wohin Ihr wollt, bringen können.«

Das Weib schien von diesem Vorschlag überrascht und sogar gerührt, obgleich sie meinen Beweggründen einigermaßen mißtraute.

»Kann ich mich darauf verlassen, Major Littlepage?« fragte sie in zweifelndem Tone. »Tobit und seine Brüder würden sich wie Rasende geberden, wenn ein Anschlag, sie festzunehmen, unter einer solchen Maske sollte ins Werk gesetzt werden.«

»Tobit und seine Brüder haben durchaus keine Verrätherei von mir zu befürchten. Hat das Wort eines Gentleman keinen Werth in Euren Augen?«

»Ich weiß, daß Gentlemen in der Regel thun, was sie versprechen: und das habe ich auch Aaron oft gesagt als einen Grund, warum er mit ihrem Eigenthum nicht so hart umgehen solle, aber er wollte nie darauf hören. Nun, Major Littlepage, ich vertraue Euch und will das Boot an dem Ort erwarten, den Ihr genannt habt. Gott segne Euch für dies, und möge Euch Glück schenken in dem, was Eurem Herzen das Nächste und Theuerste ist. Wir werden einander nie wieder sehen – lebt wohl!«

»Ihr werdet doch hoffentlich in das Haus zurückkehren und die Nacht behaglich unter einem Dache zubringen?«

»Nein; ich will Euch hier verlassen. Zu den Häusern ist Wenig mehr, was mir lieb ist, und ich werde mich leichter fühlen in den Wäldern.«

»Aber die Nacht ist kühl, und ehe der Morgen kommt, wird es sogar kalt und frostig werden.«

»In diesem Grabe ist es noch kälter,« antwortete das Weib, und deutete kummervoll mit ihrem langen, runzligen Finger auf den Hügel, welcher die Hülle ihres Gatten deckte. »Ich bin des Waldes gewohnt und gehe, nach meinen Kindern zu sehen. Die Mutter, die ihre Kinder sucht, läßt sich durch Sturm und Frost nicht zurückhalten. Nochmals lebt wohl, Major Littlepage. Möge Gott Euch vergelten, was Ihr für mich und die Meinigen gethan habt und thun werdet.«

»Aber Ihr vergeßt Eure Tochter. Was soll aus Eurer Tochter werden?«

»Lowiny hat eine verzweifelte Neigung gefaßt für Dus Malbone, und wünscht bei ihr zu bleiben, so lange Dus es gern hat, daß sie bleibt. Wenn sie einander überdrüssig werden, kann meine Tochter uns leicht finden. Kein Mädchen von mir wird da lange zu suchen haben.«

Da dies Alles ganz vernünftig und glaublich lautete, machte ich weiter keine Einwendungen dagegen. Prudence winkte mit der Hand zum Abschied und schritt dann fort über die grauen, trüben Felder mit den Schritten eines Mannes, und bald verschwand ihre hohe, knochige Gestalt im Schatten des Waldes, mit so wenig Bedenken, als eine andere fühlen würde, die wohlbekannten Alleen einer Stadt zu betreten. Ich habe sie später nie mehr gesehen; doch kamen mir ein paar Botschaften von ihr durch Lowiny zu.

Wie ich vom Grabe zurückkehrte, kamen Jaap und Trackleß von ihrer Kundschaftung zurück. Der Bericht, den sie erstatteten, war ganz befriedigend. Nach den Spuren zu schließen, die sie Meilen weit verfolgt, hatten sich die Squatters wirklich geflüchtet, sich nach einem entfernten Punkte gezogen, und es war von ihnen in dieser Gegend Nichts mehr zu befürchten. Jetzt ertheilte ich meine Befehle in Betreff der Güter und Habseligkeiten der Familie, die weder sehr zahlreich, noch sehr werthvoll waren; und ich kann gleich hier, statt später, sagen, daß am folgenden Tage Alles genau so geschah, wie ich versprochen hatte. Die erste Botschaft von Prudence an mich kam mir nach einem Monat zu; sie zeigte mir den Empfang ihrer Sachen, bis auf das Geschirr der Mühle hinaus, an, und sprach ihren innigen Dank für diese Vergünstigung aus. Ich habe auch Grund zu glauben, daß beinahe die Hälfte des geschnittenen Holzes diesen Squatters in die Hände fiel, da zu der Zeit, wo wir den Ort verließen, wenigstens so viel davon schon im Flusse sich befand, und in Folge der bald einfallenden Regen forttrieb. Was man später davon noch fand, wurde verkauft, und der Erlös daraus zu den Kosten für die herbeigekommene Mannschaft und zu Geschenken für dieselbe verwendet, – als eine Aufmunterung für solche Leute, der Aufrechthaltung des Ansehens der Gesetze sich anzunehmen.

Früh am folgenden Morgen trafen wir unsere Anstalten, von der verlassenen Mühle aufzubrechen. Zehn von der bewaffneten Mannschaft bildeten eine Abtheilung, welche den Transport von Kettenträgers Leichnam nach dem Nest übernahm. Dieser geschah mittelst einer rohen Tragbahre, welche von zwei Pferden getragen wurden, deren eines vorn und eines hinten den Leichnam, der zwischen ihnen schwebte, trugen. Ich blieb bei der Leiche; Dus aber, von Lowiny begleitet und von ihrem Bruder geschützt, ging voran, und bei den Hütten des Kettenträgers erwarteten sie unsere Ankunft. Hier brachten wir die erste Nacht unserer Reise zu, und dann gingen wieder Dus und Frank zu Fuße nach dem Nest voran. Hier an dem letzten Ruheplatz für den armen Andries, kamen die Geschwister eine Stunde vor Mittag an, während wir mit dem Leichnam das Nest erst mit Sonnenuntergang erreichten.

Als unser kleiner Zug sich dem Hause näherte, sah ich eine Anzahl von Wagen und Pferden in dem Obstgarten, der es umgab, die ich zuerst fälschlich für Pächter hielt, hier versammelt, um den Namen Kettenträgers eine Ehre zu erweisen. Ein zweiter Blick jedoch enthüllte mir das ganze Geheimniß. Wie wir langsam, Alle zu Fuß, uns näherten, erkannte ich die Gestalten meiner guten Eltern, Oberst Follock. Kate, Priscilla Bayard, Tom Bayard, und selbst meine Schwester Kettletas unter der Gruppe. Und zuletzt sah ich, sich vordrängend, um mir entgegen zu eilen, aber ein wenig zurückgeschreckt durch den Anblick des Sarges, meine liebe, ehrwürdige Großmutter selbst!

So waren denn also hier beinahe sämmtliche Mitglieder des Hauses Littlepage versammelt, nebst zwei oder drei nahen Freunden, die nicht demselben angehörten. Frank Malbone war unter diesen, und ohne Zweifel hatte er seine Geschichte schon erzählt, so daß unsere Besuche durch unsern Aufzug nicht überrascht werden konnten. Andererseits war es auch mir nicht schwer, mir zu erklären, wie das Alles so gekommen. Franks Bote hatte die Gesellschaft zu Fishkill getroffen, hatte seine Nachrichten überbracht; Alle hatten sich auf den Flügeln der Liebe und der Besorgniß in Bewegung gesetzt, und da waren sie jetzt. Die Reise war auch nicht außerordentlich rasch von Statten gegangen, denn es war seit dem Augenblick, wo meine Gefangenschaft bei den Squatters zuerst zur Kenntniß der Meinigen gelangt war, und dem jetzigen, so viel Zeit verflossen, daß man hätte eine Botschaft nach Lilaksbush schicken und Antwort darauf erhalten können.

Kate erzählte mir nachher, wir hätten einen stattlichen und feierlich aussehenden Zug gebildet, wie wir mit dem Leichnam Kettenträgers uns dem Thore von Ravensnest näherten. Voran marschirten Susquesus und Jaap, Beide bewaffnet, und der Letztere auch eine Axt führend, indem er, wenn es nöthig war, auch die Obliegenheiten eines Pioniers erfüllte. Sodann kamen die Träger und Begleiter, zwei und zwei, bewaffnet, als zu dem Geleite gehörend und Päcke tragend; darauf folgten die Pferde mit der Bahre, jedes von einem Manne geführt; ich war der erste Leidtragende, aber auch bewaffnet, wie die Uebrigen, und Kettenträgers arme Sklaven, jetzt das Eigenthum von Dus, beschloßen den Zug, und trugen seinen Kompaß, seine Meßketten, und die übrigen Abzeichen seines Berufes.

Wir machten nicht Halt, sondern zogen an der auf dem Rasen versammelten Gruppe vorbei, durch den Thorweg, und blieben erst stehen, als wir die Mitte des Hofes erreicht hatten. Da zuvor schon alle Vorkehrungen getroffen waren, war das Nächste die Beerdigung des Leichnams. Ich wußte, daß General Littlepage schon oft bei solchen Gelegenheiten funktionirt hatte, und durch Tom Bayard erging an ihn die Bitte, dies auch jetzt zu thun. Ich selbst sprach noch kein Wort mit irgend Einem von meiner Familie, und ließ sie bitten, mich zu entschuldigen, bis ich gegen die sterblichen Reste meines Freundes die letzten Pflichten erfüllt hätte. Nach einer halben Stunde war Alles bereit, und der feierliche Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wie zuvor, eröffneten Susquesus und Jaap den Zug, und der Letztere trug jetzt eine Schaufel und übernahm das Geschäft des Todtengräbers. Der Indianer trug eine angezündete Fackel von Kienholz, da es mittlerweile so dunkel geworden war, daß künstliches Licht nöthig wurde. Auch Andere von der Gesellschaft hatten solche natürliche Fackeln, welche das Feierliche und Ergreifende der Scene sehr erhöhten. General Littlepage schritt vor dem Leichnam her, mit einem Gebetbuch in der Hand. Dann folgten die Träger mit dem Sarge, denn die Pferde hatte man jetzt losgespannt. Dus, von Kopf zu Fuß in Schwarz gehüllt und auf Frank sich stützend, erschien als Hauptleidtragende. Obgleich dies mit den eigentlichen New-Yorker Gebräuchen nicht ganz übereinstimmte, dachte doch Niemand daran, daß bei dieser Gelegenheit die herkömmliche Zurückhaltung des andern Geschlechts sich bethätigen sollte. Jedermann auf dem Nest und von der Nähe, Weiber wie Männer, erschienen, das Andenken Kettenträgers zu ehren, und Dus trat als erste Leidtragende auf. Priscilla Bayard, auf den Arm ihres Bruders Tom gestützt, schloß sich zunächst an ihre Freundin an, mit welcher sie jedoch noch kein Wort gewechselt hatte; und nachdem Alles vorüber war, sagte mir Priscilla, es sey dies das erste Leichenbegängniß, dem sie angewohnt, das erste Mal, daß sie an einem Grabe gestanden. Dasselbe war auch der Fall bei meiner Großmutter, meiner Mutter und meinen beiden Schwestern. Ich erwähne dies, damit nicht in tausend Jahren ein Alterthumsforscher, dem dies Manuskript zu Händen kommt, über unsre Gebräuche sich täusche. In neuern Zeiten führen die Neuengländer in dem alten Herkommen der Colonie nach und nach eine Neuerung ein; aber bei den höhern eigentlichen New-Yorker Familien begleiten auch jetzt noch die Frauen die Leichenbegängnisse nicht. In dieser Hinsicht, besorge ich, folgen wir den Sitten von England, wo die Frauen der untern Klassen zwar, wie ich gehört habe, bei solchen Gelegenheiten erscheinen, die der höhern aber nicht. Der Grund des Unterschiedes zwischen Beiden ist sehr leicht zu begreifen, aber ich beschränke mich in meinen Angaben auf die Thatsachen, so gut ich sie weiß, ohne mir anzumaßen, darüber zu philosophiren.

Alle unsre Damen also wohnten dem Begräbniß Kettenträgers bei. Ich kam zunächst nach Priscilla und Tom, und Kate drängte sich an meine Seite und legte ihren Arm in den meinigen, ohne zu sprechen. Hierbei faßte jedoch das liebe Mädchen meine Hand in ihre kleine Hand und gab ihr einen warmen Druck, welcher aussprechen sollte, wie herzlich sie sich freue, mich wohlbehalten aus den Händen der Philister gerettet zu sehen. Die übrige Gesellschaft schloß sich hinten an, und sobald der Indianer sah, daß Alle in Ordnung standen, schritt er langsam weiter, seine Fackel so hoch haltend, daß sie den Schritten der ihm zunächst Folgenden Licht gab.

Es war die Weisung nach dem Nest geschickt worden, für Andries in dem Obstgarten, nicht weit entfernt vom Rande der Felsen, ein Grab zu graben. Wie ich nachher erfuhr, war dies gerade der Platz, wo eines der denkwürdigsten Ereignisse im Leben des Generals vorgefallen war, ein Ereigniß, bei welchem Susquesus und Jaap Beide eine bedeutende Rolle gespielt hatten. Dahin also begaben wir uns in der Ordnung und im Schritte des Leichenzuges, und die Fackeln warfen ihr wildes und für diese Gelegenheit ganz passendes Licht auf die nähern Theilnehmer der Scene. Niemals klang mir die Liturgie feierlicher, denn meines Vaters Stimme hatte eine Fülle und ein Pathos, welche wunderbar für diese Gelegenheit paßten. Sodann fühlte er auch, was er las, was nicht immer der Fall ist, selbst wenn Geistliche funktioniren; denn nicht nur war General Littlepage ein genauer Freund des Verstorbenen, sondern er war auch ein frommer Christ. Ich fühlte ein Pochen des Herzens, als ich das Fallen der ersten Erdschollen auf den Sarg Kettenträgers hörte; aber die Ueberlegung führte wieder friedliche Ruhe ins Herz zurück, und von diesem Augenblick an wurde mir Dus so zu sagen doppelt theuer. Es war mir, als ob alle Liebe und Sorge ihres Oheims für sie auf mich übergegangen, und ich hinfort sein Vertreter bei seiner geliebten Nichte wäre. Während der ganzen Ceremonie hörte ich kein Schluchzen von Dus. Ich wußte, daß sie weinte, und bitterlich weinte; aber ihre Selbstbeherrschung war so groß, daß sie jede ungebührliche Aeußerung ihres Schmerzens in Gegenwart von Andern zurückhielt. Wir blieben Alle am Grabe stehen, bis Jaap es mit großem Geschick wieder geschlossen und gewölbt, und es wieder mit dem Rasen zugedeckt hatte. Dann formirte sich der Zug wieder, und wir begleiteten Frank und Dus an die Thüre des Hauses, worauf sie hineinging und uns draußen ließ. Priscilla Bayard jedoch schlüpfte ihrer Freundin nach, und ich sah sie durch das Fenster des Gesellschaftszimmers, beim Licht des Feuers drinnen, einander in die Arme schließen. Im nächsten Augenblick zogen sie sich mit einander in das kleine Zimmer zurück, welches Dus sich zu ihrem besondern Gebrauch eingerichtet hatte.

Jetzt erst umarmte ich die Meinigen und wurde von ihnen umarmt. Meine Mutter hielt mich lange mit ihren Armen umschlossen, nannte mich: »Lieber, lieber Junge!« und befeuchtete mein Gesicht mit ihren Thränen. Kate machte es so ziemlich ebenso, doch sagte sie Nichts. Die Umarmung Anneke's, meiner lieben Schwester Kettletas, war ganz in ihrer Art, sanft, aufrichtig und warm. Auch darf ich meine gute alte Großmutter nicht vergessen; denn obgleich sie zuletzt kam von den Frauen, hielt sie mich doch am längsten in ihren Armen; und nachdem sie Gott inbrünstig gedankt für meine Rettung aus der Gefahr, betheuerte sie, ich würde mit jeder Stunde mehr den Littlepage's ähnlich. Tante Mary küßte mich mit ihrer gewohnten Zärtlichkeit.

Theilweise jedoch fanden diese Umarmungen erst Statt, nachdem wir in das Gesellschaftszimmer getreten waren, das uns Frank, zartfühlend nicht minder als rücksichtsvoll, nach dem Vorgange von Dus allein überließ. Aber Oberst Follock brachte seine Begrüßung und Beglückwünschung bei mir an noch ehe wir den Hof verließen, und zwar mit einer Wärme und Herzlichkeit, wie ein zweiter Vater.

»Wie herrlich der General liest und betet, Mortaunt,« fuhr dann unser alter Freund fort, und zwar, weil er erregt war, mit stark holländischem Accent. »Ich habe immer behauptet, Corny Littlepage würde einen so guten Dominie geben, als irgend ein Rektor, den sie je in Old Trinity hatten. Aber er hat auch einen eben so guten Soldaten gegeben. Corny ist ein außerordentlicher Mann, Mortaunt, und er wird gewiß noch einmal Gouverneur.«

Dies war eine Lieblingstheorie von Oberst Van Valkenburgh. Er für seine Person war ganz ohne Ehrgeiz, während ihm für seinen Freund, Corny Littlepage, Nichts gut genug war. Kaum verfloß ein Jahr, daß er nicht darauf anspielte, wie angemessen es wäre, den General zu irgend einem hohen Posten zu erheben; und ich weiß nicht, ob seine Anspielungen dieser Art nicht wirklich ihren Erfolg gehabt haben; denn mein Vater wurde in den Congreß gewählt, sobald die neue Constitution fertig war, und behielt seinen Sitz darin, so lange seine Gesundheit und seine Bequemlichkeit es ihm gestatteten.

Natürlich war ein Nachtessen für beide Reisegesellschaften bereitet worden, und zur gehörigen Zeit nahmen wir Alle am Tische unsere Plätze ein. Wenn ich aber gesagt habe: Alle, so ist dies nicht buchstäblich richtig. Denn Frank, Dus und Priscilla Bayard erschienen diesen Abend nicht mehr unter uns. Ich vermuthe, sie bekamen Alle Etwas zu essen, aber Jedes nahm seine Mahlzeit abgesondert von der übrigen Familie ein.

Nach dem Abendessen wurde ich aufgefordert, der Reihe nach alle die Ereignisse und Vorfälle, die mit meinem Besuch auf dem Nest, meiner Gefangenschaft und Befreiung in Verbindung standen, zu erzählen. Dies that ich denn natürlich, an meiner Großmutter Seite sitzend, und während meiner ganzen Erzählung hielt die alte Matrone eine meiner Hände in der ihrigen. Sämmtliche Anwesende hörten mir mit der tiefsten Aufmerksamkeit zu, und ein nachdenkliches, ernstes Schweigen folgte auf meine Erzählung, welche mit der Beschreibung unseres Aufbruchs von der Mühle schloß.

»Ja!« rief Oberst Follock, der zuerst sprach, nachdem ich mit meiner Erzählung fertig war. »So ist es mit der Yankee-Religion! Nun will ich Euch dafür stehen, Corny, daß der Kerl, Tausendacres, gewiß predigen und beten konnte gerade wie all unsere übrigen Pilgerväter.«

»Es gibt Spitzbuben von New-Yorker Geburt und Herkunft, Oberst Follock, so gut wie solche, die von Neu-England stammen,« antwortete mein Vater trocken; »und der Brauch des Squatterwesens ist eine Sache, die der Zustand des Landes leicht mit sich bringt, da die Menschen sicherlich am wenigsten Umstände machen und sich die meiste Freiheit nehmen mit dem Eigenthum, das am wenigsten geschützt und bewacht ist. Squatters entstehen durch die Umstände, und nicht durch eine besondere Gemüthsart und Geneigtheit eines bestimmten Theils einer Bevölkerung, sich das Land Anderer zu ihrem Nutzen anzueignen. Es wäre wohl ebenso mit unsern Schweinen und Pferden, wenn sie ebenso den räuberischen Gelüsten und Händen gesetzloser Menschen preisgegeben wären, möchten nun diese von Connektikut oder von Long Island kommen.«

»Laßt mich nur einmal Einen von diesen Herren unter meinen Pferden ertappen!« versetzte der Oberst, mit einem drohenden Kopfschütteln, denn als ein ächter Holländer hatte er eine ungemeine Vorliebe für diese Thiere, »ich wollte ihn mit meinen eigenen Händen zausen, ohne Richter und Jury.«

»Das könnte zu beinahe ebenso großem Unheil führen, als das, welches aus dem Squatterwesen entspringt, Dirck,« versetzte mein Vater.

»Beiläufig gesagt, Sir,« fiel ich ein, da ich wußte, daß Oberst Follock manchmal über solche Gegenstände überschwängliche Ansichten preisgab, obgleich er ein so ehrlicher und wohlmeinender Mann war, als nur je Einer gelebt hat; »ich habe einen Umstand zu erwähnen vergessen, der wohl einiges Interesse haben dürfte, da Squire Newcome ein alter Bekannter von Euch ist.« Nun erzählte ich alle einzelnen Umstände des ersten Besuchs Mr. Jason Newcome's auf der Lichtung Tausendacres', und das Wesentliche des von mir belauschten Gesprächs zwischen dem Squatter und dem ehrlichen Magistrat. General Littlepage hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; und Oberst Follock zog die Augbrauen hinauf, brummte und grunzte, lachte, so gut es Einer kann, wenn er eine Pfeife im Munde hält, und sprach, so gut er es unter diesen Umständen vermochte, und mit gehörigem Nachdruck das einzige Wort: »Danbury!« aus.

»Nein, nein, Dirck,« versetzte mein Vater, »wir dürfen nicht alle diese Verbrechen und Laster unsern Nachbarn aufbürden, denn viele derselben wachsen, von dem Setzling an bis zum fruchttragenden Baume, auf unserem eigenen Boden. Ich kenne diesen Mann, Jason Newcome, ziemlich genau; und obgleich ich ihm mehr traute, als ich vielleicht hätte thun sollen, hielt ich ihn doch nie für einen Mann, der sich im Mindesten an unsere herkömmlichen Begriffe von Ehre und Rechtlichkeit binde. Was man: gesetzlich-ehrlich nennen könnte, dafür habe ich ihn gehalten; aber es scheint fast, ich habe mich darin geirrt. Dennoch bin ich nicht gemeint, zuzugeben, daß sein Geburtsort oder seine Erziehung der einzige Grund seiner schlimmen Streiche sey.«

»Gesteht die Wahrheit, Corny, wie ein Mann, der Ihr ja seyd, und bekennt, es sind lauter Ideen unserer Pilgerväter und Danbury-Ideen. Was nützt es, wenn Ihr jetzt Euren eigenen Sohn irre leitet, der doch früher oder später selbst die ganze Wahrheit erkennen wird?«

»Es sollte mir leid thun, Dirck, wenn ich meinem Sohn engherzige Vorurtheile beibrächte. Der letzte Krieg hat mich vielfach in Verkehr mit Offizieren von Neu-England gebracht, und dieser Verkehr hat mich gelehrt, diesen Theil unserer Mitbürger höher zu achten, als wir vor der Revolution zu thun pflegten.«

»Nur still mit dem Verkehr, und der Achtung, und dem Lehren, Corny! Das ganze Squatterwesen ist über den Fluß Byram gekommen, und wenn wir nicht ein Auge darauf haben, werden uns die Yankee's all unser Land wegnehmen.«

»Jason Newcome, als ich ihn zuerst kennen lernte, und ihn am genauesten kannte.« fuhr mein Vater fort, ohne, so schien es, den Bemerkungen seines Freundes, des Obersts, sonderliche Aufmerksamkeit zu widmen, »war ein außerordentlich unflügger, engherziger Provinziale, der allerdings eine unsinnig hohe Meinung hatte von der hohen Vortrefflichkeit desjenigen Gesellschaftszustandes, aus dessen Mitte er so eben hergekommen war. Er hegte eine ebenso große Verachtung gegen New-York, New-Yorker Witz, New-Yorker Gebräuche, und ganz besonders gegen New-Yorker Religion und Moral, als Dirck hier sie zu hegen scheint gegen alle diese Artikel, so wie sie in Neu-England zu finden sind. Mit Einem Wort, der Yankee verachtete den Holländer, und der Holländer verabscheute den Yankee. In all diesem ist nichts Neues, und ich glaube, die hochmüthige Gesinnung des Mannes von Neu-England läßt sich sehr leicht bis zu seiner Abstammung im Mutterlande selbst verfolgen. Aber Verschiedenheiten bestehen, das gebe ich zu, und ich bin der Meinung, daß die Gesinnung und Denkweise, womit jeder Neu-Engländer zu uns kommt, in Folge seiner Angewöhnungen unserem Gesellschaftszustand in vielen Punkten – zum Theil löblichen, zum Theil unlöblichen – entgegen und feindselig ist, und dies nur darum, weil sie ihm neu und fremd sind. Unter Anderem findet die Bevölkerung jener Staaten im Ganzen keinen Geschmack an den Verpachtungen, die auf unsern großen Gütern üblich sind. Es gibt Männer genug in diesem Theile des Landes, welche zu aufgeklärt und gebildet sind und deren Rechtlichkeit zu unbestechlich ist, als daß sie nicht Allem sich widersetzten, was in Beziehung auf diesen Gegenstand Unrechtes vorkommt; aber die Vorurtheile beinahe Aller, die vom Osten herkommen, sind gegen das Verhältniß von Grundherr und Pächter, und dies nur darum, weil sie keine großen Grundherren unter sich sehen möchten, da sie selbst keine großen Grundherren sind. Ich habe nie einen Gentleman oder einen Mann von Erziehung aus Neu-England gesprochen, der etwas Unrechtes daran gefunden hätte, daß ein Grundbesitzer einen einzelnen Pachthof an einen einzelnen Pächter, oder ein Halbdutzend Pachthöfe an ein Halbdutzend Pächter verleihe; ein Beweis, daß es nicht das Pachtverhältniß selbst es ist, gegen was sie sich auflehnen, sondern gegen eine Klasse von Menschen, welche ihnen überlegen und vornehmer als sie sind oder scheinen.«

»Ich habe das Argument gegen das Pachtsystem geltend machen hören, daß es das Wachsthum und Gedeihen jedes Distrikts, wo es herrscht, verzögere und hemme, und den Wohlstand vermindere.«

»Daß es das Wachsthum nicht hemmt, beweist der Umstand, daß man zu Pachtgütern immer Pächter findet, während es oft Jahre ansteht, bis man sie verkaufen kann. Dies Gut ist jetzt halb besetzt, und wird ganz besetzt seyn, lang ehe Mooseridge zum dritten Theil verkauft ist. Daß letzteres am Ende der reichere und besser angebaute Distrikt seyn mag, ist ganz wahrscheinlich; und dies aus den einfachen Gründen, weil diejenigen, welche gleich von Anfang kaufen und nicht pachten, die Reicheren sind, und weil der Eigenthümer gewöhnlich für seine Grundstücke besser sorgt, als der bloße Pächter. Aber manche der reichsten, bestangebauten und civilisirtesten Gegenden auf der Erde sind solche, wo die jetzigen Inhaber, so wie die früheren seit uralter Zeit, bloße Pächter sind und waren. Es ist leicht in diesen Dingen zu schwatzen und zu phantasiren, aber es ist nicht so leicht, zu richtigen Ergebnissen zu gelangen, als Manche sich einbilden. So gibt es Distrikte in England z. B. – Norfolk insbesondere – wo die Verbesserungen beinahe ganz Werk der Hülfsquellen und des Unternehmungsgeistes der großen Besitzer sind. Glaube mir, Mordaunt, als Frage der politischen Oekonomie hat die Sache zwei Seiten: als eine Frage des bloßen Magens betrachtet, wird eben Jeder sie ansehen, je nachdem er den Kropf weiter oben oder weiter unten hat.«

Bald nach diesem klagten die Damen über Müdigkeit, ein Gefühl, das Alle theilten; und die Gesellschaft trennte sich für den Abend. Wie es scheint, hatte der General durch den Boten sagen lassen, was er bei seinem Besuch auf Ravensnest bedürfe, und so waren die guten Leute daselbst im Stande gewesen, solche Vorkehrungen zu treffen, daß Jedermann sich ziemlich behaglich fand.

 

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