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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 29
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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secondcorrectorHerbert Niephaus
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Ob dieser Noten Klageton
Wohl seines Herzens Jammer stillt?
Ernst klingt die Weise, feierlich,
Abwechselnd traurig und dann wild.

Collins.

 

Tausendacres war auf seinem Stuhl erschossen worden durch einen Schuß von einer Büchse, einen der ersten die in dieser Nacht abgefeuert wurden. Er war der Einzige, der, so viel wir mit Gewißheit erfahren konnten, verwundet worden war; obgleich ein von Vielen geglaubtes Gerücht behauptete, Tobit sey auch ein Bein zerschmettert worden und er sey sein Leben lang ein Krüppel geblieben. Ich bin geneigt zu glauben, daß dies Gerücht Grund gehabt habe; denn Jaap erzählte mir, nachdem Alles vorüber war, er habe auf einen Mann seine Büchse abgedrückt, der gerade zuvor auf ihn geschossen, welcher ganz gewiß gefallen und von zweien seiner Kameraden hinkend fortgeschleppt worden sey. Es ist ganz wahrscheinlich, daß diese Verwundung Tobits, so wie das Schicksal des Vaters, der Grund war, daß wir in dieser Nacht nicht mehr von den Squatters belästigt wurden, welche Alle mit sammt den meisten Weibern und sämmtlichen Kindern so ganz aus der Lichtung verschwunden waren, daß man am andern Morgen gar keine Spuren fand, wohin sie sich möchten zurückgezogen haben. Lowiny jedoch begleitete die Familie nicht, sondern blieb bei Dus, und bewies sich sehr nützlich als ihre Gehülfin bei der nun folgenden traurigen Scene. Ich kann hier auch gleich hinzufügen, daß nie etwas Sicheres ausgemittelt ward über die Art und Weise, wie Tausendacres seine tödtliche Wunde erhielt. Es wurde durch die offenstehende Thüre geschossen, ohne allen Zweifel, wie er auf seinem Stuhle da saß, und nothwendiger Weise zu Anfang des Kampfes, denn nur da wurde eine Büchse in der Nähe des Hauses, oder von einem Punkt aus abgefeuert, von wo es möglich war, daß die Kugel ihr Opfer traf. Ich für meine Person glaubte von Anfang an, daß Susquesus den Squatter den Manen seines Freundes Kettenträger geopfert, – eine indianische Justiz, die er ohne Bedenken und ohne Reue auszuüben im Stande war. Doch konnte ich die Thatsache nicht mit Gewißheit ermitteln; und der Onondago besaß entweder so viel Klugheit oder so viel Philosophie, um sein Geheimniß für sich zu behalten. Es ist wahr, ein paar Bemerkungen entschlüpften ihm, bald nach dem Gefecht, welche meinen Verdacht zu bestätigen geeignet waren; aber im Ganzen war er auffallend zurückhaltend über diesen Gegenstand – weniger aus Besorgniß wegen der Folgen, als aus Selbstachtung und Charakterstolz. In der That war auch Wenig zu befürchten; denn die vorangegangene Ermordung Kettenträgers und das ganze gesetzwidrige Thun und Treiben der Squatters überhaupt rechtfertigte einen unmittelbaren und plötzlichen Angriff von Seiten der bewaffneten Schaar.

Gerade als Malbone und ich den Zustand Tausendacres' entdeckten, begann diese bewaffnete Macht, Squire Newcome an ihrer Spitze, sich um das Haus herum zu sammeln, das jetzt unser Spital genannt werden konnte. Da die Schaar groß war und natürlich etwas tumultuarisch sich benahm, bat ich Frank, sie nach einem der andern Gebäude hinweg zu führen, sobald für den Squatter ein Bett bereitet worden war, der in demselben Gemach mit Kettenträger seines Todes gewärtig lag. Niemand, der sich nur ein Wenig auf Verletzungen dieser Art verstand, konnte irgend Hoffnung für den Einen oder den Andern hegen; dennoch wurde ein Bote nach der Ansiedlung abgeschickt nach dem Individuum, welches »Doktor« genannt ward und in der That durch praktische Experimente mit der menschlichen Natur sich rasch gar manche nützliche Kenntnisse in seiner Profession erwarb. Man pflegt zu sagen: eine Unze Erfahrung sey so viel Werth, als ein Pfund Theorie, und dieser Jünger Aesculap's schien in seiner Kunst sich nach diesem Prinzip zu halten; denn von letzterer besaß er Wenig oder Nichts, während er in Wahrheit von ersterer einen ganz ansehnlichen Schatz sich erwarb, da er rechts und links prakticirte, wie der Faustkämpfer bei Ausübung seiner Kunst zu thun pflegt. Gelegentlich jedoch führte er auch einen Streich, der Einen von oben treffend, zu Boden streckte.

Sobald in unserm Spital die nöthigen Vorkehrungen und Einrichtungen getroffen waren, erklärte ich Dus: wir wollten sie und Lowiny zur Pflege der Verwundeten zurücklassen, welche Beide Müdigkeit und Neigung zum Schlummern zeigten, während die Uebrigen sich entfernen und für die Nacht in den umliegenden Gebäuden ihre Quartiere nehmen sollten. Malbone sollte als Schildwache in einer kleinen Entfernung von der Thüre bleiben und ich versprach mich binnen einer Stunde bei ihm einzufinden.

»Lowiny kann für die Bedürfnisse ihres Vaters Sorge tragen, während Ihr, das weiß ich, Euren Oheim aufs zärtlichste und liebevollste verpflegen werdet. Von Zeit zu Zeit Etwas zu trinken ist Alles, was seine Leiden lindern kann –«

»Laßt mich hinein,« unterbrach mich eine heisere weibliche Stimme vor der Thüre, und eine Frau drängte sich durch die bewaffnete Mannschaft, wovon Einige sie aufhalten wollten. »Ich bin Aarons Weib, und man sagt mir, er sey verwundet. Gott selbst hat geboten, daß das Weib ihrem Manne anhange, und Tausendacres ist mein Mann, und er ist der Vater meiner Kinder, wenn er auch gemordet hat und dafür wieder ermordet worden ist.«

Es lag etwas so Gebietendes in der natürlichen Gemüthsbewegung dieses Weibes, daß die Wache an der Thüre sogleich Platz machte, worauf Prudence in das Gemach trat. Der erste Blick von des Squatters Weib fiel auf das Bett Kettenträgers; aber hier fesselte Nichts ihr Auge. Erst da heftete sich ihr Blick starr auf seinen Gegenstand, als ihr Auge auf die große Gestalt Tausendacres' fiel, wie er auf seinem Sterbebett ausgestreckt da lag. Wahrscheinlich erkannte diese erfahrene Matrone, die im Lauf eines langen Lebens Zeugin so vieler Zufälle und Unfälle gewesen, und an so manchem Bett gesessen war, den hoffnungslosen Zustand ihres Gatten beim ersten Blick auf sein verfallenes Gesicht; denn sie wandte sich gegen die Personen in der Nähe und ihre erste Regung war die, die Unbild zu rächen, die, wie sie glaubte, ihr und den Ihrigen widerfahren sey. Ich will gestehen, daß mir unheimlich zu Muthe ward, und daß ein Schauer meinen Leib durchzuckte, als dies rohe und ungebildete Weib, von den Gefühlen ihres Herzens gleichsam emporgehoben, mit gebieterischem Nachdruck fragte:

»Wer hat das gethan? Wer hat meinem Manne den Lebensodem geraubt vor der Zeit, die der Herr ihm gesetzt hatte? Wer hat gewagt, meine Kinder vaterlos und mich zur Wittwe zu machen gegen Gesetz und Recht? Ich habe meinen Mann verlassen, an diesem Herde sitzend, verstört und bekümmert über das, was einem Andern zugestoßen, und sie sagen mir, er sey auf seinem Stuhl ermordet worden. Der Herr wird am Ende auf unserer Seite seyn, und dann werden wir sehen, Wen das Gesetz begünstigen und Wen das Gesetz verdammen wird –«

Eine Bewegung und ein Stöhnen Tausendacres' zeigte erst, wie es schien, seinem Weibe, daß ihr Gatte noch nicht wirklich todt sey. Zusammenfahrend bei dieser Entdeckung gab diese Frau, des Tigers Genossin und die Mutter einer Tigerbrut, wenn auch nicht selbst eine Tigerin, im Augenblick alle Ausrufungen und Klagen auf, und machte sich sofort an die Erfüllung der Pflichten, die sie bei ihrer Erfahrung als die dringendsten erkannte, mit der Energie eines Grenzerweibs, eines Waldmannsweibs und der Mutter einer großen Familie von Waldmannssöhnen und Töchtern. Sie wischte Tausendacres die Stirne ab, sie befeuchtete seine Lippen, schob ihm sein Kissen, oder was so hieß, zurecht, legte seine Glieder, so wie sie es am bequemsten glaubte, und legte überhaupt eine Art von verzweiflungsvoller Energie in ihrer Besorgtheit und ihrem Kummer an den Tag. Während sie dies that, murmelte ihr Mund fortwährend Gebete und Drohungen, seltsam untereinandergemengt, und ebenso seltsam unterbrochen von liebkosenden, zärtlichen Benennungen, die sie an ihrem noch immer gefühllosen, wenigsten bewußtlosen Gatten verschwendete. Sie nannte ihn Aaron, und das in einem Tone, der so lautete, als wenn Tausendacres über ihr Herz eine große Macht besessen hätte, und vermuthen ließ, daß er gegen sie wenigstens wohlwollend und treu gewesen.

Ich war überzeugt, daß Dus von Prudence Nichts zu fürchten habe, und ich verließ das Zimmer, sobald die zwei Wärterinnen Alles für ihre beiden Patienten geordnet und eingerichtet hatten, und das Haus gegen die Gefahr eines Ueberfalls ganz gesichert war. Als ich sie, die jetzt alle meine Gedanken beschäftigte, verließ, wagte ich ihr die Bitte zuzuflüstern, sie möge die mir im Walde gemachten Zusagen nicht vergessen, und bat sie, mich an das Bett des Kettenträgers rufen zu lassen, sobald er aus dem Schlummer, der sich bei ihm eingestellt, sich ermuntern und den Wunsch blicken lassen würde, zu sprechen. Ich fürchtete, er möchte wieder auf den Gegenstand zurückkommen, mit welchem sein Geist schon einmal sich beschäftigt hatte seit er verwundet worden war, und seiner Nichte seine eigenen Vorurtheile in Betreff dieser Sache einflößen. Ursula war die Güte und Freundlichkeit selbst. Ihre Betrübniß hatte sogar ihre Gefühle gegen mich noch sanfter und weicher als je gestimmt; und was sie selbst betraf, hatte ich nicht den mindesten Grund zur Unruhe. Als ich an Frank vorbei kam, welcher etwa zwanzig Schritte von der Thüre auf seinem Wachtposten stand, sagte er: »Gott segne Euch, Littlepage, – seyd ohne Furcht. Ich befinde mich zu sehr in Eurer Lage, als daß ich nicht Euer warmer Freund seyn sollte.« Ich erwiederte seine guten Wünsche und ging, in Einem Sinne freudig, meines Weges weiter.

Die bewaffnete Mannschaft hatte sich, wie schon angegeben, in Besitz der verschiedenen verlassenen Behausungen der Familie Tausendacres gesetzt. Da die Nacht kühl war, loderten Feuer auf allen Herden, und die Lichtung hatte ein so heiteres Ansehen, wie sie wahrscheinlich früher niemals gehabt hatte. Die meisten Männer hatten sich in zwei Wohnungen zusammengedrängt, und ließen eine dritte frei zur Benützung für den Friedensrichter, Frank Malbone und mich, falls wir Lust hätten, dort eine Unterkunft zu suchen. Bis ich bei ihnen eintrat, hatten die Männer zu Nacht gegessen, indem sie der Milch und des Brodes und sonstiger Lebensmittel des Squatters nach Belieben sich bedienten, und theilten die Plätze auf dem Boden und in den Betten unter sich aus, um nach ihrem langen und schnellen Marsch etwas Ruhe zu genießen. In meinem eigenen Quartier aber fand ich den Squire Newcome allein, wenn nicht der schweigende, bewegungslose Onondago, welcher auf einem Stuhl in der Ecke des Feuerplatzes saß, ein Gesellschafter genannt werden sollte. Auch Jaap lungerte, meiner Ankunft harrend, in der Nähe der Thüre herum; und als ich in das Haus trat, folgte er mir, um meine Befehle zu vernehmen.

Es war für mich, der ich die Verhältnisse Newcome's zu den Squatters kannte, nicht schwer, die Anzeichen der Verwirrung in seinem Gesicht zu entdecken, sobald sein Auge dem meinigen begegnete. Einer, der mit den Umständen nicht bekannt gewesen wäre, hätte vermuthlich nichts Ungewöhnliches an ihm bemerkt. Man wird sich erinnern, daß der »Squire« keine bestimmte Kunde davon hatte, daß ich um seinen frühern Besuch auf der Mühle wußte, und man wird leicht einsehen, daß er ein juckendes, unbehagliches Verlangen hegen mußte, über diesen Punkt sich Gewißheit zu verschaffen. Von diesem Umstande hing Viel ab; und es dauerte auch nicht lange, bis ich ein Pröbchen bekam von seiner Kunst auszuholen und zu sondiren, um sein Herz etwas zu erleichtern.

»Wer hätte gedacht, den Major Littlepage in den Händen der Philister zu finden, an einem Platz so ganz außer der Welt!« rief Mr. Newcome, sobald wir uns gegenseitig begrüßt hatten. »Ich habe wohl sagen hören, daß Squatters hier herum hausen; aber solche Dinge sind etwas so Gewöhnliches, daß ich nicht daran dachte, dem Major einen Wink deßhalb zu geben, als ich ihn zuletzt sah.«

Nichts kam dem schmeichlerisch unterthänigen Wesen dieses Mannes gleich, wenn er einen bestimmten Zweck erreichen wollte, und es war bei ihm ganz gewöhnlich, so in der dritten Person zu sprechen, wenn er einen Höhern anredete, – eine Redeweise, die in der englischen Sprache beinahe veraltet ist, und in Amerika selten oder nie gebraucht wird, außer gerade von derjenigen Gattung von Menschen, welche Einem ins Gesicht schmeicheln und alle Minen gegen Einen springen lassen, sobald man ihnen den Rücken kehrt. Ich war nicht in der Laune, mit diesem Burschen Possen zu treiben, obwohl ich nicht wußte, ob es gerade jetzt der Klugheit gemäß sey, ihn wissen zu lassen, daß ich ihn bei seinem frühern Besuche gesehen und gehört hatte, und alle seine Schliche und Kniffe wohl kannte. Es war aber nicht leicht, der Versuchung zu widerstehen, die in seinen eigenen Aeußerungen sich darbot, ihn ein Wenig auf die Folter des Gewissens zu spannen; denn diese Eigenschaft des menschlichen Geistes ist einer der besten Verbündeten, die ein Angreifender in Fällen dieser Art haben kann.

»Ich hatte geglaubt, Mr. Newcome, Ihr seyet mit der Sorge und Obhut über die Ländereien von Mooseridge beauftragt, indem dies eine der Bedingungen sey, die sich an die Agentur für Ravensnest knüpfen,« bemerkte ich etwas trocken.

»Gewiß, Sir. Der Oberst – oder General, wie man ihn jetzt nennen muß, glaube ich, – übertrug mir die Oberaufsicht über beide Güter zu gleicher Zeit. Aber der Major weiß, vermuthe ich, daß Mooseridge nicht zum Verkauf ausgesetzt war?«

»Nein, Sir; es scheint fast, es sey nur der Plünderung ausgesetzt gewesen. Man sollte meinen, ein Agent, dem die Sorge für ein Gut anvertraut ist, und der hört, daß Squatters sich in Besitz gesetzt und die Bäume aushauen, würde es für seine Pflicht halten, die Eigenthümer wenigstens von der Sache in Kenntniß zu setzen, damit sie nachsähen und untersuchten, falls er selbst es nicht thun mag.«

»Der Major hat mich nicht recht verstanden,« versetzte der Agent in einem ausfallend entschuldigenden und bittenden Tone; »ich wollte nicht sagen, ich habe es irgend mit einiger Sicherheit und Bestimmtheit gewußt, daß Squatters hier herum ihr Wesen treiben; sondern nur es seyen Gerüchte von dergleichen im Umlauf gewesen. Aber Squatters sind etwas so Gewöhnliches in neuen Ländern, daß man kaum den Kopf umdreht, um darnach zu sehen.«

»So scheint es fast, in Eurem Falle wenigstens, Mr. Newcome. Dieser Tausendacres jedoch, sagt man mir, ist eine wohlbekannte Person, und hat seit seiner Jugend nicht viel Anderes gethan, als auf dem Grund und Boden andrer Leute Holz gehauen. Ich sollte meinen, Ihr hättet ihm doch auch schon begegnen müssen, während eines fünfundzwanzigjährigen Aufenthalts in dieser Gegend?«

»Gott tröste den Major! Tausendacres begegnet? Ha, ich bin ihm wohl hundertmal begegnet? Wir kennen Alle den alten Mann ganz gut; und oft und viel bin ich mit ihm zusammengetroffen beim Aufschlagen von Häusern und beim Exercieren der Miliz, und bei Bezirksversammlungen und auch bei politischen Versammlungen. Ich habe ihn sogar vor Gericht gesehen, obgleich Tausendacres auf das Gesetz nicht Viel hält, nicht halb so Viel als er und jeder andere Mann sollte; denn das Gesetz ist etwas Vortreffliches, und die Gesellschaft wäre nichts Besseres, als ein Rudel wilder Thiere, wie ich oft der Miß Newcome sage, wenn nicht das Gesetz wäre, um Ordnung zu erhalten, und die Irregeleiteten und Uebelgesinnten zu lehren, was Recht ist. Ich denke der Major wird dieser Idee ganz beitreten?«

»Ich habe gar Nichts gegen diese Ansicht einzuwenden, aber ich wünschte nur, daß sie allgemeiner anerkannt wäre. Da Ihr diesen Mann, den Tausendacres, so oft gesehen habt, könnt Ihr mir vielleicht Etwas von seinem Charakter sagen? Ich für meine Person hatte gerade nicht die günstigste Gelegenheit, den Mann näher kennen zu lernen; denn die meiste Zeit, während ich sein Gefangener war, hielt er mich eingesperrt in einem Nebengebäude, in welchem er, glaube ich, gewöhnlich sein Salz und Korn und sonstige Vorräthe aufbewahrt.«

»Doch nicht in dem alten Vorrathshause!« rief der Friedensrichter mit ziemlich erschrockenem, bleichem Gesicht, denn der Leser wird sich ohne Zweifel erinnern, daß das vertrauliche Gespräch zwischen ihm und dem Squatter über das Nutzholz so ganz in der Nähe dieses Gebäudes stattgefunden hatte, daß ich es hatte hören können. »Wie lang ist der Major schon auf dieser Lichtung, das wäre ich neugierig zu wissen?«

»Eigentlich noch nicht sehr lang, aber doch lang genug, daß es mir wie eine Woche erscheint. Ich wurde bald nach meiner Festnahme in das Vorrathshaus gebracht, und habe seither wenigstens die Hälfte der Zeit darin zubringen müssen.«

»Ich möchte nur wissen – vielleicht ist der Major schon gestern Morgen in das Loch gesperrt gewesen?«

»Vielleicht, Sir. Aber, Mr. Newcome, wenn ich die Masse von Holz ansehe, welches diese Männer gemacht haben, und die Entfernung dieses Platzes von Albany bedenke, so kann ich mir gar nicht vorstellen, wie sie hoffen konnten, ihr unrechtmäßig erworbenes Gut auf den Markt zu bringen, ohne entdeckt zu werden. Es scheint mir, ihr Thun und Treiben hätte bekannt werden müssen, und die thätigen und ehrlichen Agenten in dieser Gegend hätten ihnen ihre Flöße auf dem Wasser wegnehmen, und so den Gegenstand der Spitzbüberei der Squatters selbst zum Mittel ihrer Bestrafung machen sollen. Ist es nicht etwas Außerordentliches, daß der Diebstahl, – und das ist es im moralischen Sinne wenigstens, – so gänzlich ungestraft, und in solch großem Maßstabe, systematisch betrieben werden konnte?«

»Nun, ich denke der Major weiß, wie die Dinge auf dieser Welt gehen. Niemand mischt sich gern ein?«

»Wie, Sir – sich nicht gern einmischen! Das läuft allen meinen Erfahrungen von den Gewohnheiten und Neigungen des Landes und Allem zuwider, was ich davon gehört habe. Sich einzumischen, hat man mir zu verstehen gegeben, sey der Hauptfehler unsrer einwandernden Bevölkerung insbesondere, welche meint, sie habe die ihr gebührenden Rechte gar nicht, wenn man ihnen nicht das Privilegium einräume, zu schwatzen und zu Gericht zu sitzen über die Angelegenheiten Aller, die in einem Umkreise von zwanzig Meilen um sie herum wohnen; wobei sie zwei Drittheile der Thatsachen erfinden, um ihre Theorien mit den gewünschten Resultaten in Einklang zu setzen.«

»Ha, ich meine nicht das Einmischen in diesem Sinne, was freilich häufig genug vorkommt, wie Jedermann zugeben muß. Aber die Leute mischen sich nicht gern ein bei Dingen, die ihnen nicht gehören, in solchen ernsten Fällen, wie dieser.«

»Ich verstehe Euch – der Mann, der Tage damit hinbringt, von seines Nachbars Privatangelegenheiten zu schwatzen, von welchen er lediglich nichts weiß, als was er aus den gemeinsten und unzuverläßigsten Quellen geschöpft hat, steht ruhig hin und sieht zu, wie dieser Nachbar beraubt wird, und sagt nichts, weil sein Zartgefühl so stark und mächtig ist, daß es ihm verbietet, sich in eine Sache zu mischen, die nicht die seinige ist.«

Damit der Leser nicht glaube, ich sey ungebührlich hart und strenge mit dem Squire Newcome verfahren, will ich mich auf seine eigene Erfahrung berufen, und ihn fragen, ob er nicht, – ich will nicht sagen Individuen, sondern ganze Nachbarschaften gekannt hat, welche die leidige Neigung hatten, die Privatangelegenheiten eines Jeden auszukundschaften, und auch wohl zu erfinden, wenn die Thatsachen den Theorien nicht ganz nach Wunsch entsprachen, mit Einem Wort, welche sich entsetzlich viel zu schaffen machten mit Dingen, die sie in Wahrheit gar nichts angingen, – und welche eine würdevolle Zurückhaltung und Unparteilichkeit beobachteten, wenn sie Zeugen waren von Unrecht aller Art, welchem sich zu widersetzen jeder ehrliche Mann die Verpflichtung hat! Ich will noch weiter gehen und fragen, wenn ein Mann Schritte thut, um das Recht zu behaupten, die Wahrheit zu verfechten, die Schwachen zu vertheidigen und die Uebelthäter zu strafen, ob dieser Mann nicht gewöhnlich ein Solcher ist, der bei den gewöhnlichen, geringfügigen Vorfällen des Lebens sich am wenigsten einmischt, – seine Nachbarn am wenigsten stört und belästigt, und über ihre Privatangelegenheiten am wenigsten zu schwatzen hat? Geschieht es nicht oft, daß eben das Individuum, welches ruhig dasteht und zusieht, wenn seinem Nächsten Unrecht geschieht, weil es nicht geneigt ist, sich in eine Sache zu mischen, die es nicht angeht, einen großen Theil seiner Zeit damit hinbringt, die Privatangelegenheiten eben dieses Beeinträchtigten zu besprechen, Winke darüber fallen zu lassen und sonst Glossen darüber zu machen?

Mr. Newcome war schlau, und er verstand mich ganz gut, obgleich es ihm in seinen Aengsten vermuthlich ein Trost war, zu bemerken, daß das Gespräch sich auf solche allgemeine Betrachtungen lenkte, Statt bei dem Vorrathshause stehen zu bleiben. Doch mußten die Bretter und Dielen seinem Gewissen lebhaft sich aufdrängen; und nach einer Pause erging er sich über die Laufbahn Tausendacres', um mich zu verhindern, die Sachen allzu scharf und unmittelbar zu verfolgen.

»Dieser alte Squatter war ein verzweifelter Mann, Major Littlepage,« versetzte er, »und es mag ein Glück für die Gegend seyn, daß es mit ihm aus ist. Ich höre, der alte Bursche sey getödtet, und die ganze übrige Familie habe sich geflüchtet.«

»Es ist nicht ganz so arg. Tausendacres ist verwundet – tödtlich vielleicht – und alle seine Söhne sind verschwunden; aber sein Weib und eine seiner Töchter sind noch hier, den Gatten und Vater zu pflegen.«

»Prudence also ist hier,« rief Mr. Newcome aus, – etwas unbesonnen, wie mir schien.

»Sie ist hier – aber Ihr scheint die Familie gut zu kennen, für einen Friedensrichter, Squire, wenn man bedenkt, wie groß die gewöhnlichen Geschäfte sind, so gut, daß ihr das Weib mit ihrem Namen zu nennen wißt.«

»Prudence, so pflegte, glaube ich, Tausendacres sein Weib zu nennen. Ja, der Major hat sehr Recht; wir Magistrate lernen die Leute in der Umgegend ziemlich allgemein kennen, in Folge der Vorladungen und Bürgschaftsstellungen und dergleichen. Aber der Major hat noch nicht gesagt, wann er denn in die Hände dieser Leute gefallen?«

»Ich betrat diese Lichtung gestern früh, nicht lange nach Sonnenaufgang, und seither, Sir, bin ich theils mit Gewalt, theils durch die Umstände hier zurückgehalten worden!«

Eine lange Pause trat nach dieser Erklärung ein. Der Squire rutschte unruhig hin und her und schien nicht zu wissen, wie er handeln sollte; denn während meine Erklärung in ihm die stärkste Vermuthung erwecken mußte, daß ich um seine Verbindung mit den Squatters wisse, sprach sie dies doch nicht geradezu aus. Ich bemerkte, daß er mit sich selbst zu Rathe ging, ob es passend wäre, mit einem für diese Gelegenheit ersonnenen Mährchen herauszurücken, und ich wandte mich zu dem Indianer und dem Neger, die ich Beide als durch und durch ehrlich und rechtlich kannte, – nach der Art und den Begriffen der Indianer und der Neger, – um Beiden auch ein freundliches Wort zu sagen.

Susquesus war in seiner ruhigen Stimmung und hatte sich eine Pfeife angezündet, die er gemächlich und kaltblütig rauchte. Kein Mensch, der ihn so gesehen, wäre auf den Gedanken gekommen, daß er vor so ganz kurzer Zeit Theil genommen an einer Scene wie diejenige, die er mitgemacht hatte; sondern viel eher, er sey ein nachdenklicher Philosoph, der seine Zeit mit Betrachtungen und Studien hinzubringen pflege.

Da dies eine der Gelegenheiten war, bei welcher der Onondago dem Geständnis seiner Schuld am Tode des Squatters am nächsten kam, will ich die wenigen Worte erzählen, welche zwischen uns gewechselt wurden.

»Guten Abend, Sureflint,« begann ich und streckte eine Hand aus, die der Andere, gemäß unsern Gebräuchen, höflich ergriff; »es freut mich, Euch in Freiheit zu sehen, und nicht mehr als Gefangenen in jenem Vorrathshaus.«

»Vorrathshaus ärmliches Gefängniß. Jaap die Riegel zerbrochen wie Pfeifenrohr. Mich wundern, Tausendacres daran nicht denken.«

»Tausendacres hat diesen Abend an zu viel zu denken gehabt, als daß ihm eine solche Kleinigkeit beifallen konnte. Jetzt hat er an sein Ende zu denken.«

Der Onondago klopfte die überflüssige Asche aus seinem Pfeifenkopf, als ich dies sagte, und er vollendete mit gutem Bedacht dies Geschäft, ehe er antwortete.

»Gewiß,« sagte er! »glauben, er diesmal getödtet.«

»Ich fürchte, seine Verletzung ist tödtlich, und bedaure sehr, daß dies geschehen ist. Es war genug, daß das Blut unseres erprobten Freundes, des Kettenträgers, bei einem so erbärmlichen Handel vergossen worden ist.«

»Ja, recht erbärmlicher Handel: auch so denken. Wenn Squatter erschossen den Vermesser, er denken müssen, Vermessers Freund wird schießen den Squatter.«

»Das mag indianisches Gesetz und Recht sehn. Sureflint, aber es ist nicht Gesetz und Recht bei den Bleichgesichtern, in Zeiten der Ruhe und des Friedens.«

Der Indianer rauchte fort, ohne eine Antwort zu geben.

»Es war eine recht verruchte That, den Kettenträger zu ermorden, und Tausendacres hätte sollen den Richtern zur Bestrafung überliefert werden, wenn er dabei die Hand im Spiel hatte; aber nicht erschossen werden wie ein Hund.«

Der Onondago zog die Pfeife aus dem Munde, sah sich um nach dem Squire, welcher unter die Thüre gegangen war, um die frische Luft einzuathmen, und dann, mit einem bedeutungsvollen Blick seines Auges auf mich, antwortete er:

»Zu welchem Magistratsmann gehen, he? Was nutzen gutes Gesetz bei schlechtem Magistrat? Besser, Rothhautgesetz haben und der Krieger sein eigner Magistrat seyn – und auch eignen Galgen!«

Dann nahm Sureflint die Pfeife wieder in den Mund und schien vollkommen zufrieden mit Allem, was vorgegangen war; denn er wandte sich weg und schien wieder ganz in seine eigenen Gedanken versunken.

In Wahrheit hatte diesen Angehörigen eines barbarischen Volkes sein kräftiger natürlicher Verstand eines der wichtigsten Geheimnisse in unsern socialen Uebelständen richtig erkennen lassen. Gute Gesetze, schlecht gehandhabt, sind um Nichts besser als völlige Gesetzlosigkeit, da sie nur die Uebertreter ermuntern durch den Schutz, den sie gewähren mittelst der Macht, welche unwürdigen Vertretern und Werkzeugen übertragen wird. Solche, welche die Mängel des amerikanischen Systems studirt haben, mit der Absicht, die Wahrheit zu ergründen, behaupten: der Mangel einer großen bewegenden Kraft, um die Gerechtigkeit in Gang zu bringen und in Gang zu erhalten, liege seiner Schwäche eigentlich zu Grunde. Nach der Theorie soll die öffentliche Tugend diese Macht seyn und darstellen; aber die öffentliche Tugend ist nie halb so thätig und energisch, als die Laster der Einzelnen. Dem Verbrechen kann nur gesteuert werden durch einen starken Arm, und dieser Arm muß dem Gemeinwesen in der That, nicht blos dem Namen nach angehören; während das geschädigte Individuum nachgerade die einzige bewegende Kraft wird, und in sehr vielen Fällen bilden sich lokale Parteien, und der Schurke tritt vor die Gerichtsschranken, aufrecht gehalten durch eine Autorität, welche ebenso viel praktischen Einfluß hat als das Gesetz selbst. Auf Juries und Grand Juries kann man sich nicht mehr verlassen; und die Richterbank verliert langsam aber fortwährend mehr und mehr ihren Einfluß. Wenn der Tag kommt, – und kommen muß er, falls die gegenwärtigen Tendenzen fortdauern, – wo Verdikte gefällt werden, geradezu dem Gesetz und den Beweisen und Zeugnissen zum Trotz, und die Geschworenen sich einbilden, Gesetzgeber zu seyn: dann mag der Rechtlichdenkende glauben, daß wirklich böse Zeiten kommen, und der Patriot anfangen, die Hoffnung aufzugeben. Das wird der Anfang seyn vom Paradiese der Spitzbuben! Nichts ist leichter, das gebe ich gern zu, als die Menschen zu viel zu regieren; aber man sollte nicht vergessen, daß der politische Fehler, welcher nach diesem am leichtesten zu begehen, der ist: sie zu wenig zu regieren!

Jaap oder Jaaf hatte demüthig gewartet, bis die Reihe, der Aufmerksamkeit gewürdigt zu werden, an ihn kam. Es bestand das vollkommenste Vertrauen zwischen ihm und mir, aber doch zog die Ehrerbietung gewisse Grenzen, die der Sklave sich nie zu überschreiten herausnahm, ohne ausdrückliche Aufmunterung von Seiten des Gebieters. Hätte es mir an diesem Abend nicht gefallen, den Schwarzen anzureden, so würde er nie ein Gespräch angefangen haben, auf welches er sich, sobald ich begonnen hatte, mit der größten Offenheit und Freiheit einließ.

»Ihr scheint Eure Rolle bei dieser Angelegenheit mit Klugheit und Muth durchgeführt zu haben. Jaap,« sagte ich. »Ich habe allen Grund, mit Euch zufrieden zu seyn: und besonders bin ich Euch Dank schuldig für die Befreiung des Indianers, und für die Art, wie Ihr die Mannschaft aus den Wäldern in die Lichtung herab geführt habt.«

»Ja, Sah; dachte wohl, das würde Euch schon gefallen. Was Sus betrifft, hielt für das Beste, ihn herauszulassen, denn er wunderbar sicher seyn mit der Büchse. Wir würden viel besser daran seyn, Massa Mordy, aber der Squire so gar bedenklich gewesen, die Männer schießen zu lassen auf die Squatters! Bei Goscht! Massa Mordy, wenn er nur sagen wollen: ›Feuer!‹ wie ich es gesagt ihm, ich nicht glauben, daß ein halber Squatter davongekommen!«

»Es ist am besten so wie es ist Jaap. Wir haben Friedenszeit und befinden uns inmitten unseres Landes: und da muß man Blutvergießen vermeiden.«

»Ja. Sah, aber Kettenträger; wenn sie nicht mögen Blut vergießen, warum sie ihn erschossen, Sah?«

»In dem, was Ihr sagt, Jaap, spricht sich der Sinn für Gerechtigkeit aus, aber das Gemeinwesen kann durchaus keiner Sicherheit sich erfreuen, wenn wir nicht das Gesetz herrschen lassen. Unsere Aufgabe war, diese Squatters festzunehmen und sie dem Gesetze zu überantworten.«

»Sehr wahr das, Sah. Niemand das können läugnen. Massa Mordy, aber er weder gefangen jetzt noch erschossen! Gewiß es das Beste seyn, zu thun das Eine oder das Andere mit solchen Bösewichtern! Nun, ich glauben, Tobit, wie sie ihn nennen, denken werden an Jaap Satanstoe so lange er leben. Das gute Sache, jedenfalls.«

»Gut!« rief der Onondago mit Nachdruck.

Ich sah nun ein, daß es fruchtlos war, abstrakte Grundsätze mit so reinpraktischen Männern, wie meine beiden Gesellschafter waren, zu erörtern, und ich verließ das Haus, um zu rekognosciren, ehe ich für die Nacht in unser Hospital zurückkehrte. Der Neger folgte mir, und ich fragte ihn aus über die Art und Weise des Angriffs und die Richtung, in welcher die Squatters sich zurückgezogen, um mich zu vergewissern, welche Gefahr während der Stunden der Dunkelheit zu besorgen sey. Jaap benachrichtigte mich, daß die Männer von Tausendacres' Familie sich gegen den Fluß hin zurückgezogen, und das abhängige Terrain sich zu Nutze gemacht hatten, um so bald als möglich gegen die Kugeln sich zu decken. Was die Weiber und Kinder betraf, so mußten sie sich auf einem andern Punkt in die Wälder zurückgezogen haben, und es war nicht unwahrscheinlich, daß sie Alle insgesammt einen Zufluchtsort aufgesucht hatten, der ihnen wohl schon vorher bezeichnet worden war von den Männern, die wohl wußten, daß sie fortwährend in Gefahr schwebten, eines solchen benöthigt zu seyn. Jaap behauptete ganz bestimmt, wir würden von den Männern nichts mehr sehen, und hierin hatte er vollkommen Recht. Man sah von Keinem von Allen mehr etwas in dieser Gegend, obwohl im Umlaufe der Zeit aus einer der westlicheren Grafschaften uns Gerüchte zukamen, Tobit sey dort gesehen worden, als ein Krüppel, wie ich schon angegeben habe, aber noch immer treu seinem früheren Charakter, als ein Verächter des Gesetzes und der Rechte Anderer.

Zunächst kehrte ich zu Frank Malbone zurück, der noch auf dem Posten in geringer Entfernung von der Thüre stand, durch welche wir Beide die Gestalt und das Angesicht seiner schönen und geliebten Schwester sehen konnten. Dus saß an ihres Oheims Bette, während Prudence sich an das ihres Gatten gesetzt hatte. Frank und ich traten der Thüre nahe, und schauten hinein auf die ernste und eigenthümliche Scene, welche dieses Gemach darbot. Es war in der That ein wunderbares und trauriges Schauspiel, diese zwei hochbetagten Männer, beide mit dünnen von siebzig Jahren gebleichten Locken, zu sehen, wie sie sich ihrem Ende näherten, die Opfer gesetzloser Gewalttätigkeit: denn während der Tod Tausendacres' in ein gewisses Geheimniß gehüllt war und manchem Auge als wohlverdient und vor dem Gesetze zu rechtfertigen erscheinen mochte, konnte doch kein Zweifel darüber seyn, daß er die unmittelbare Folge des vorangegangenen Mordes war, der an Kettenträger begangen worden. In solcher Weise dehnt sich das Unrecht immer weiter aus und verewigt manchmal seine Wirkungen, und beweist so die Nothwendigkeit, die Zeit beim Stirnhaar zu fassen, und dem Uebel in den frühesten Stadien hindernd entgegen zu treten, statt der zu spät kommenden Heilung.

Da lagen die beiden Opfer der falschen Grundsätze, welche der physische Zustand des Landes, verbunden mit passivem Zugeben der Uebergriffe auf dem Rechtsgebiete allmählig unter uns hatte aufkommen und heranwachsen lassen. Das Squatterwesen war eine Folge von der dünnen Bevölkerung und von dem Ueberfluß an Land, – zwei Umstände, die es gerade vom moralischen Gesichtspunkte um so unentschuldbarer machten, aber welche, indem sie den einen Theil gleichgültig gegen seine Rechte, und den andern in eben dem Verhältniß frech und anmaßend machten, nach und nach nicht nur zur Verletzung des Gesetzes geführt hatten, sondern auch zur Annahme von Begriffen und Grundsätzen, welche der Herrschaft des Gesetzes in allen und jeden Fällen widerstreben. Diese allmählige Untergrabung richtiger Ansichten bildet die eigentlich drohende Gefahr unsers socialen Systems: eine falsche Philanthropie in Betreff der Strafen, falsche Begriffe von persönlichen Rechten und die Verdrängung der Grundsätze durch die Entscheidungen der Zahl und der Masse drohen bei weitem die wichtigste Revolution herbeizuführen, die noch je auf dem amerikanischen Continent stattgefunden. Der Freund der wahren Freiheit sollte unter solchen Umständen nie vergessen, daß die Bahn zum Despotismus an den Grenzen des Morastes der Zügellosigkeit hinläuft, wenn sie auch nicht eben in deren Tiefen sich hineinwälzt.

Als Malbone und ich uns wieder zurückzogen, nachdem wir einen Blick auf die Scene im Innern des Hauses geworfen, erzählte er mir ausführlicher und im Einzelnen Alles, was mit seinem Thun und den von ihm ergriffenen Maßregeln zusammenhing. Der Leser weiß bereits, daß mittelst einer Begegnung des Indianers und des Negers im Walde, meine Freunde die erste Nachricht erhielten von meiner Gefangenschaft und von der muthmaßlichen Gefahr, worin ich schwebte. Kettenträger, Dus und Jaap brachen unverweilt nach der Lichtung Tausendacres' auf, während Malbone nach Ravensnest eilte, um gesetzliche Hülfe zu holen und eine bewaffnete Macht, um meine Befreiung sicher zu bewirken. Alle Umstände des Falles hin und her überlegend, und höchst wahrscheinlich auch eine übertriebene Vorstellung von dem bösartigen Charakter Tausendacres' sich machend, war mein neuer Freund, als er das Nest erreichte, in einem Zustand der fieberhaften Aufregung. Sein Erstes war, daß er eine kurze Angabe und Darstellung der Umstände an meinen Vater schrieb, und diesen Brief durch einen besondern Boten abschickte, mit dem Befehl, nach Fishkill zu eilen, wo gerade die ganze Familie auf Besuch bei der Familie Kettletas sich befand, und zu Land oder zu Wasser zu reisen, je nachdem der Wind günstig wäre. Ich war betroffen über diese Nachricht, denn ich sah augenblicklich voraus, daß diese Kunde nicht nur den General selbst, sondern auch meine gute Mutter und Kate, und wahrscheinlich auch Tom Bayard in ihrem Gefolge, in größtmöglicher Eile und Hast nach Ravensnest führen werde. Sie konnte sogar meine treffliche Großmutter veranlassen, sich so weit weg von ihrem Hause zu wagen; denn die letzten Briefe, die mir zugekommen waren, hatten mir gemeldet, daß sie Alle auf dem Punkte stünden, meine Schwester Anneke zu besuchen, und auf diese Art hatte Frank erfahren, wo die Familie sich befand.

Da Malbone's Bote das Nest zu Anfang der vorangegangenen Nacht verlassen und der Wind den ganzen Tag frisch nördlich geweht hatte, war es ganz wohl möglich, daß er in Fishkill eingetroffen seyn konnte in dem Augenblick, wo ich die Geschichte seiner Absendung vernahm. Die Entfernung betrug etwa hundert und vierzig Meilen, und beinahe hundert Meilen konnten zu Wasser zurückgelegt werden. Ein solcher Bote fragte muthmaßlich nicht viel nach den Bequemlichkeiten, auf welche Manche seines Berufes einen Werth legen; und vorausgesetzt, daß er Albany diesen Morgen erreicht, und eine Schaluppe gefunden hatte, bereit den günstigen Wind benutzen, wie sich dies vermuthen ließ, war es ganz in der Regel und Ordnung, daß er im Lauf des Abends, mit Hülfe des guten Windes, welcher geweht hatte, auf dem Landungsplatz zu Fishkill eintraf. Ich kannte General Littlepage zu gut, um an seiner Zärtlichkeit oder an seiner raschen Entschließung zu zweifeln. Zu Land konnte Albany in einem Tage, und am zweiten Ravensnest erreicht werden. Ich rechnete daher darauf, wo nicht die ganze Familie, doch einen Theil derselben auf dem Nest zu sehen, sobald ich selbst dort einträfe, woran ich jedoch in der allernächsten Zeit noch nicht denken konnte wegen des Zustandes des Kettenträgers.

Ich will nicht läugnen, daß dieser neue Stand der Dinge, mit den sich daran knüpfenden Erwartungen, mir Stoff genug zum Nachdenken gab. Ich konnte Frank Malbone nicht tadeln und tadelte ihn nicht wegen dessen, was er gethan hatte, da es natürlich und schicklich war. Trotzdem mußte es, was mein Verhältniß zu Dus betraf, die Entwicklung der Dinge etwas mehr beschleunigen, als ich eigentlich gewünscht hätte. Ich wünschte Zeit zu haben, um meine Familie über den wichtigen Punkt meiner Heirath etwas zu sondiren – um die drei oder vier Briefe, die ich schon geschrieben hatte, und worin ihrer auf eine auffallende Weise Erwähnung gethan war, ihre Wirkung thun zu lassen; und ich rechnete gar sehr auf die Unterstützung, welche ich mir von der Freundschaft und den Vorstellungen der Miß Bayard versprach. Ich war überzeugt, daß die ganze Familie die Vereitlung ihrer Wünsche und Hoffnungen in Betreff Priscilla's lebhaft und tief empfinden werde; und es war mein Wunsch gewesen, Ursula ihr nicht vorzustellen und mit ihr bekannt zu machen, als bis die Zeit jene Gefühle etwas geschwächt hätte. Aber jetzt mußte man eben der Sache den Lauf lassen; und mein Entschluß stand fest, so aufrichtig und gerade als möglich über die Sache mit meinen Eltern zu sprechen. Ich kannte ihre innige Liebe zu mir, und baute nicht wenig auf diese natürliche Hülfe.

Ich hatte eine halbstündige Unterredung mit Dus, während ich in dieser Nacht vor dem Spital auf und ab schritt, und Frank nahm inzwischen den Platz seiner Schwester am Bette des Kettenträgers ein. Da sprach ich ihr denn wieder von meinen Hoffnungen und kündigte ihr die Möglichkeit an, daß wir in kürzester Zeit alle meine nächsten Verwandten in Ravensnest sehen könnten. Ich hatte meinen Arm um den Leib des theuren Mädchens geschlungen, als ich ihr diese Umstände mittheilte, und ich spürte ihr Zittern, als fürchtete sie die Prüfung, die sie würde zu bestehen haben.

»Das kommt sehr plötzlich und unerwartet, Mordaunt,« bemerkte Dus, nachdem sie einige Zeit gehabt, um sich wieder zu fassen und zu sammeln; »und ich habe so viel Grund, mit banger Scheue dem Urtheil Eurer hochachtbaren Eltern entgegenzusehen, – dem Eurer reizenden Schwester, von welcher ich so oft gehört habe, von Priscilla Bayard, – und in der That dem Urtheil Aller, die, so wie sie in den Verhältnissen eines feinen und gebildeten Gesellschaftskreises gelebt haben, – ich, Dus Malbone, die Nichte eines Kettenträgers, und selbst eine Kettenträgerin.«

»Ihr habt nie eine Kette getragen, Geliebte, die so dauernd oder so stark wäre wie die, welche Ihr um mein Herz geschlungen habt, und die mich ewig an Euch binden wird, mag die übrige Welt uns Beide ansehen, wie sie will. Aber Ihr habt von Niemand Etwas zu fürchten, und am allerwenigsten von meinen Verwandten. Mein Vater ist nicht weltlich gesinnt; und was meine liebe, theure Mutter betrifft, Anneke Mordaunt, wie der General sie sogar jetzt noch oft zärtlich nennt, wie wenn dieser Name selbst ihn an die Tage ihrer mädchenhaften Lieblichkeit und Blüthe erinnerte, was diese geliebte Mutter betrifft. Ursula, so bin ich fest überzeugt, daß, wenn sie Euch erst recht kennt, sie Euch sogar ihrem Sohne vorziehen wird.«

»Das ist ein Bild, das Eure verblendete Parteilichkeit entwirft, Mordaunt,« versetzte das geschmeichelte Mädchen, denn geschmeichelt war sie, das konnte ich wohl bemerken, »und ich darf darauf nicht mit zu großer Zuversicht bauen. Aber das ist keine Zeit, um von unserem künftigen Glücke zu plaudern, wenn die ewige Seligkeit oder Unseligkeit dieser zwei bejahrten Männer so zu sagen an einem Faden hängt. Ich habe schon einmal mit meinem theuren Oheim Gebete gelesen: und das seltsame Weib, in welchem so viele Züge ihres Geschlechts mit einer Art Wildheit, wie die der Bärin, gemischt sind, hat Etwas gemurmelt, sie hoffe, ihr »sterbender Mann,« wie sie ihn nennt, werde nicht vergessen werden. Ich habe ihr versprochen, ihn nicht zu vergessen, und es ist Zeit nunmehr dieser Pflicht nachzukommen.«

Welch eine Scene war das, die nun folgte! Dus stellte das Licht auf einen Schrank nahe am Bette Tausendacres' und das Gebetbuch in ihrer Hand kniete sie neben demselben. Prudence nahm eine solche Stellung ein, daß ihr Haupt versteckt war von einem ihrer eigenen Kleidungsstücke, das an einem Pflock hing; und da stand sie, während die melodische Stimme von Ursula Malbone die Gebete für Sterbende mit demüthiger aber brünstiger Andacht las. Ich sage, sie stand, denn weder Prudence noch Lowiny kniete. Der Eigensinn und die Krittelei der Selbstgerechtigkeit, welche ihre Vorfahren getrieben hatten, das Knieen beim Gebet als das Thun von formensüchtigen Heuchlern zu verwerfen, hatten sich auch auf sie vererbt; und da standen sie, im Herzen betend ohne Zweifel, aber uneinnehmende, abstoßende Formalistinnen selbst in ihrem Eifer gegen Formen. Frank und ich knieten unter der Thüre; und ich kann mit Wahrheit versichern, daß mir nie Gebete so süß ins Ohr drangen, als diejenigen, welche jetzt aus dem Munde von Ursula Malbone empor stiegen.

 

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