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Der Kettenträger

James Fenimore Cooper: Der Kettenträger - Kapitel 28
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Kettenträger
publisherVerlag von S. G. Liesching
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

O Schatten ihr der Mitternacht,
Der Geisterstunde tiefe Stille,
Dem nahnden Tod zu Ehren, laßt
Hier walten Eurer Schrecken Fülle!
Ja, sendet zur Stund'
Auf den fahlen Grund,
Auf diese Scene voll ahnender Schauer,
Die Gedanken, die schweren,
Die aufrichtigen Zähren,
An Gräbern die passendsten Zeugen der Trauer.

Mallet

 

Es ist ein Gesetz der menschlichen Natur, daß das Uebermaß der Leidenschaft sich selbst Schranken setzt. Die Heftigkeit und Wuth des Menschen steigt und wächst, bis eine entsetzliche That unter dem Einfluß derselben verübt, vor dem Sünder aufsteigt, als Zeuge seiner Verblendung, und ihn wieder zur Besinnung bringt. Die Schuld vertritt so das Amt der Vernunft, hält die Hand zurück, stillt und beschwichtigt die Pulse und weckt das Gewissen.

So schien es auch bei den Squatters von Mooseridge zu seyn. Eine so tiefe Stille folgte auf den Knall der Büchse, daß ich den halb stockenden Athem von Dus hörte, wie sie neben ihrem zu Boden gestreckten Oheim dastand, entsetzt und beinahe in eine Statue verwandelt durch diesen so plötzlichen Schlag. Niemand sprach; Niemand machte Anstalt, den Ort zu verlassen; ja in Wahrheit, Keines rührte sich. Es wurde nie bekannt, wer den Schuß abgefeuert hatte. Zuerst schrieb ich ihn der Hand Tobit's zu, aber mehr in Folge dessen, was ich von seiner Gemüthsart und seinem Charakter wußte, als weil ich sein Thun und Vornehmen gerade in diesem Augenblick beobachtet hätte. Später neigte ich mich mehr zu der Ansicht hin, daß mein Freund durch die Hand Tausendacres' selbst gefallen sey, obgleich die Mittel fehlten, irgendwie den gesetzlichen Beweis seiner Schuld herzustellen. Wenn Jemand, außer dem Elenden selbst, der die That begangen hatte, wußte, wer der Verbrecher war, so kam doch die Wahrheit nie an den Tag. Die Familie bewahrte die Treue gegen sich selbst, und schien entschlossen, mit einander zu stehen oder zu fallen. In den Augen des Gesetzes waren alle Anwesende, welche zu der rechtswidrigen Festhaltung Dus' und ihres Oheims halfen und die Hand boten, gleich schuldig; aber die Hand, an welcher die eigentliche Blutschuld klebte, ward nie ans Licht gezogen.

Mein erster Gedanke, sobald ich wieder zu mir selbst kam, war, einen Arm um Dus' Leib zu schlingen und mich mit ihr durch den Schwarm hindurchzudrängen, um zu entfliehen. Wäre ich bei diesem Versuche beharrt, er wäre, glaube ich, gelungen, – einen so tiefen Eindruck hatte selbst auf diese rohen und gesetzlosen Menschen die so eben verübte Gewaltthat hervorgebracht. Aber Dus dachte in einem solchen Augenblick nicht an sich. Nur einen Augenblick sank ihr Haupt auf meine Schulter, und ich hielt sie an meine Brust, indem ich ihr mein Vorhaben zuflüsterte, mit ihr zu fliehen. Dann richtete sie ihr Haupt wieder empor, machte sich sanft aus meinen Armen los und kniete neben ihrem Oheim.

»Er athmet!« sagte sie mit dumpfer Stimme, aber hastig. »Gott sey gepriesen, Mordaunt, er athmet noch. Die Verwundung ist vielleicht nicht so schwer, als wir anfänglich glaubten; laßt uns ihm Beistand leisten, so viel wir vermögen.«

Das war die charakteristische Besonnenheit und Entschlossenheit von Ursula Malbone! Rasch aufstehend, wandte sie sich zu der Gruppe der schweigenden aber aufmerksam beobachtenden Squatters, und sprach den Rest der Menschlichkeit, der noch in ihren Herzen sich finden mochte, um Beistand und Hülfe an. Tausendacres stand als der Vorderste des dunkeln Haufens unter der Thüre da und betrachtete grimmig die regungslose Gestalt, neben welcher Dus, bleich und mit zerrissenem Herzen, aber doch gesammelt und in ruhiger Fassung stand.

»Der Hartherzigste unter Euch wird doch einer Tochter nicht das Recht bestreiten, einem Vater die Hülfe und Liebesdienste zu leisten, deren er bedarf,« sagte sie mit einem Pathos in ihrer Stimme und mit einer Würde in ihrem Wesen und Benehmen, die mich mit Liebe und Bewunderung erfüllten, und einen sichtbaren Eindruck auf Alle machten, die sie hörten. »Helft mir meinen Oheim aufheben und auf ein Bett legen, während Major Littlepage seine Verletzung untersucht. Ihr werdet mir diesen kleinen Trost nicht versagen, Tausendacres, denn Ihr könnt nicht wissen, wie bald Ihr selbst auch solchen Beistandes benöthigt seyn dürftet!«

Zephaniah, welcher sicherlich bei dem Morde Kettenträgers nicht betheiligt war, trat jetzt näher; und er, ich, Lowiny und Dus hoben den noch immer Regungslosen auf und legten ihn auf das Bett Prudence's, welches in dem Hauptgemache stand. Unter den Squatters fand eine Berathung statt, während wir damit beschäftigt waren, und Eines nach dem Andern von der Familie schlich sich weg, bis zuletzt Niemand mehr im Hause war als Tausendacres, seine Frau und Lowiny; die Letztgenannte blieb bei Dus als eine nützliche und sogar liebevolle Gehülfin. Der Vater saß in finsterem Schweigen auf der einen Seite des Feuers, während Prudence sich auf die andere setzte. Mir gefiel der Ausdruck im Gesichte des Squatters nicht, aber er sagte nichts und that nichts. Es schien mir, daß er über die Umstände brüte, und seine Erbitterung dadurch nähre, daß er sich eingebildetes Unrecht in die Seele zurückrufe, das er erlitten zu haben glaubte, und zugleich über Planen für die Zukunft sinne. Wenn dies wirklich der Fall war, so zeigte er große Selbstbeherrschung, weder Unruhe noch hastige Ungeduld auch nur im leisesten Grade in seinen Zügen sichtbar wurde. Prudence war in einer fürchterlichen Gemüthsbewegung. Sie sagte nichts, aber sie bewegte sich und zuckte am ganzen Leibe in nervöser Aufregung, und von Zeit zu Zeit entrang sich ihrer Brust ein schweres, halb unterdrücktes Stöhnen, trotz ihrer Anstrengung, es zu ersticken. Im Uebrigen war sie wie gar nicht anwesend.

Ich war gewohnt, Schußwunden zu sehen, und besaß im Allgemeinen einige Kenntniß von deren Wirkungen, so daß ich ziemlich zu beurtheilen vermochte, welche tödtlich zu werden drohten und welche nicht. Mein erster Blick auf die Verletzung Kettenträgers überzeugte mich, daß keine Hoffnung blieb, ihn am Leben erhalten zu sehen. Die Kugel war zwischen zwei Rippen hindurchgegangen und schien mir eine Richtung nach unten genommen zu haben; aber es war unmöglich, daß die vitalen Organe sollten verschont geblieben seyn, wenn die Wunde auf diesem Punkte des menschlichen Körpers anfing. Die erste Wirkung der Wunde war Bewußtlosigkeit gewesen; aber wir hatten kaum den Leidenden auf das Bett gelegt und seine Lippen mit etwas Wasser benetzt, als er wieder auflebte; und bald bekam er das Bewußtseyn wieder, so wie auch die Sprache. Aber der Tod lag in seinen Zügen, und es war mir ganz klar, daß seine Stunden gezählt waren. Er konnte noch einige Tage leben, aber es war nicht möglich, daß er mit dem Leben davon kam.

»Gott segne Euch, Mortaunt,« murmelte mein alter Freund, nachdem meine Bemühungen wenigstens theilweise Erfolg gehabt hatten: »Gott segne und erhalte Euch immerdar, mein Junge, und vergelte Euch all Eure Güte und Freundlichkeit gegen mich und die Meinigen. Die Squatters haben mich umgebracht, Junge; aber ich vergebe ihnen. Sie sind eine unwissende, selbstsüchtige, brutale Brut; und ich habe sie vielleicht zu schwer gereizt. Aber Dus kann nie das Weib von Einem dieser Familie werden.«

Da Zephaniah im Zimmer, obwohl in diesem Augenblick nicht in der Nähe des Bettes war, so war ich ängstlich beflissen und verlangend, den Gedanken des Verwundeten eine andere Richtung zu geben; und ich befragte ihn über die Beschaffenheit seiner Verletzung, da ich wohl wußte, daß Kettenträger so viele Soldaten in einer Lage gesehen, ähnlich seinem traurigen Zustande, daß er ziemlich richtig mußte beurtheilen können, wie es mit ihm stehe.

»Ich bin ein Mann des Todes, Mortaunt,« antwortete der alte Andries in einem Tone, noch fester sogar als in welchem er so eben gesprochen hatte. »Darüber kann man sich gar nicht täuschen. Sie haben mich durch die Rippen und durch die Lebensorgane geschossen, und Rettung ist nicht möglich. Aber das trägt mir wenig aus, denn ich bin jetzt ein alter Mann und habe meine siebzig Jahre gelebt – nein, mir trägt das nicht viel aus, obgleich manche alten Leute am Leben hängen zäher und fester als die Jungen. Das ist jedoch bei mir nicht der Fall; und ich bin bereit, zu marschiren, wenn das große Commandowort ertönt. Es thut mir sehr leid, Mortaunt, daß dieser Zufall sich ereignen mußte, ehe das Patent vollständig vermessen ist; aber ich bin noch nicht bezahlt für die bis jetzt vollendete Arbeit, und es ist mir ein großer Trost, zu wissen, daß ich nicht in Schulden sterbe. Ich bin Euch und bin meinem guten Freunde, dem General, sehr viel schuldig für empfangene Güte und Freundlichkeit, das muß ich bekennen; aber was das Geld betrifft, so werdet Ihr durch diesen Zufall in keinen Verlust kommen.«

»Erwähnt nichts der Art, ich bitte Euch dringend, Kettenträger; ich weiß, mein Vater würde mit Freuden seinen besten Hof darum geben, Euch aufrecht und gesund wieder erstehen zu sehen, wie Ihr noch vor zwanzig Minuten waret.«

»Nun, ich glaube gern, das mag wahr seyn, denn ich habe den General immer wohlwollend und freundschaftlich gegen mich gefunden. Ich will Euch ein Geheimniß entdecken, Mortaunt, das ich nie bisher einem sterblichen Menschen geoffenbart, aber das jetzt noch länger zu bewahren nutzlos wäre, und das ich Euch gerne schon lange mitgetheilt hätte, wenn nicht der General selbst gewünscht hätte, daß ich nicht davon spreche –«

»Vielleicht wäre es besser, mein guter Freund, wenn Ihr mir dies Geheimniß ein ander Mal mittheiltet. Das Sprechen könnte Euch ermüden und aufregen, während Schlaf und Ruhe Euch vielleicht wohl thun mag.«

»Nein, nein. Junge – alle Hoffnung der Art ist eitel und nichtig. Ich werde nicht mehr schlafen, bis ich den letzten langen Todesschlaf schlafen werde; ich fühle mit Bestimmtheit, meine Wunde ist tödtlich und daß mein Stündlein bald kommen muß. Dennoch macht mir das Sprechen keine Schmerzen; und, Mortaunt, mein theurer Junge, Freunde, die im Begriffe stehen, sich für so lange Zeit zu trennen, sollten sich nicht trennen, ohne vor dem Abschied noch ein Wort mit einander zu sprechen. Namentlich würde es mir eine Freude machen, einem Sohn all die Güte und Freundschaft zu erzählen, die ich von seinem Vater empfangen und genossen habe. Ihr wißt selbst recht gut, Mortaunt, daß ich in den Zahlen nicht stark bin; und woher das kommt, das ist mir ein Gegenstand der Verwunderung und des Staunens, denn mein Großvater Van Syce war ein Wundermann in der Arithmetik, und der erste Coejemans in diesem Lande, sagt man, führte alle Rechnungen für den Tominie! Nun, sey dem wie ihm wolle, ich wußte nie mit den Ziffern zurechtzukommen; und es ist ein Geheimniß, das ich jetzt nicht mehr verschweigen kann. Mortaunt, daß ich meine Stelle als Hauptmann nicht sechs Wochen hätte behalten können, ohne Eures Vaters Güte für mich. Da er sah, wie unmöglich es mir war, mit der Arithmetik zurechtzukommen, erbot er sich, Alles der Art, was mein Dienst mit sich brachte, für mich zu besorgen, und die ganze Zeit, während wir beisammen waren, sieben lange Jahre und mehr, stellte Oberst Littlepage die Rechnungen für Coejemans' Compagnie. Und dazu kapitale Rechnungen und Rapporte waren es, und die Bewunderung von Allen, die sie gesehen; und ich empfand oft eine Art Schaam, wenn ich sie rühmen hörte, und die Leute sich verwunderten, wie ein alter Holländer doch seine Pflicht so gut zu erfüllen habe lernen können. Ich werde den General nie wieder sehen, und ich wünsche, daß Ihr ihm sagt, der alte Andries habe seine Güte gegen ihn nicht vergessen bis zu seinem letzten Athemzug.«

»Ich will Alles thun, was Ihr von mir verlangt, Kettenträger – aber gewiß muß es Euch Schmerzen machen, wenn Ihr so viel sprecht?«

»Gar nicht, Junge; – gar nicht. Es ist für den Körper gut, wenn die Seele sich ihrer Verbindlichkeiten entledigt. Da ich aber sehe; daß Dus in Unruhe ist, will ich meine Augen schließen, und ein Wenig in mein eignes Innere und meine Gedanken hineinsehen, denn ich sterbe wohl vor einigen Stunden noch nicht.«

Es klang meinem Ohre schauerlich, einen Mann, den ich so sehr liebte, so ruhig und mit solcher Gewißheit von seinem herannahenden Tode sprechen zu hören. Ich bemerkte, daß Ursula's Herz beinahe zerrissen wurde von der Angst und dem Kummer, welche diese Worte in ihr erzeugten; aber das edelherzige Geschöpf behauptete in ihrem Aeußern eine ruhige Fassung und Haltung, die Einen, der sie weniger genau kannte als ich, wohl hätte täuschen können. Sie winkte mir, vom Bette mich zu entfernen, in der eiteln Hoffnung, ihr Oheim könne vielleicht einschlafen, und sie selbst setzte sich auf einen Stuhl in der Nähe, um bereit zu seyn, wenn er irgend Etwas bedürfe. Ich meinerseits benützte die Gelegenheit, den Stand der Dinge draußen ins Auge zu fassen und zu überlegen, welches Verfahren ich einschlagen sollte unter den neuen und verzweifelten Verhältnissen, in die wir uns so unerwartet versetzt sahen; denn die Zeit einer Entscheidung war ganz ohne Frage jetzt gekommen.

Es war jetzt beinahe eine Stunde, seit die That begangen worden war, – und da saßen noch immer Tausendacres und sein Weib, auf beiden Seiten des Feuers, in schweigendem Sinnen. Wie ich mich umwandte, nach den Squatters und dem Vater der Squatters zu sehen, sah ich, daß sein Angesicht jenen Ausdruck von trotzigem Mißmuth angenommen hatte, der bei einem Manne von seinen lockern Grundsätzen und seinem heftigen Temperament wohl als unheilverkündend betrachtet werden durfte. Auch hatten die Nervenzuckungen bei Prudence noch nicht aufgehört. Mit Einem Wort, diese beiden sonderbaren Geschöpfe erschienen nach Verfluß dieser Stunde ganz noch ebenso, wie sie zu Anfang derselben sich dem Auge dargestellt hatten. Wie ich an ihnen vorbei schritt, um nach der Thüre zu gehen, wollte mich bedünken, daß sogar etwas Großartiges in ihrem festen Beharren in der Schuld liege. Vielleicht sollte ich jedoch das Weib einigermaßen ausnehmen, deren Unruhe als ein Beweis gelten konnte, daß sie doch das Vorgefallene bereuete. An der Thüre selbst fand ich Niemand; aber zwei oder drei von den jungen Männern besprachen sich in nicht großer Entfernung in leisem Tone mit einander. Allem Anschein nach hatten sie ein Auge auf das, was im Innern des Gebäudes vorging. Doch redete Keiner von ihnen mit mir, und ich fing schon an zu glauben, das schon begangene Verbrechen habe einen so erschütternden Eindruck auf sie gemacht, daß sie an keine weitere Mißhandlungen gegen uns dächten, und es stehe mir frei, nach Gutdünken und Belieben zu thun und zu handeln. Aber ein Zupfen an meinem Ermel zog meinen Blick seitwärts, und ich sah Lowiny im Schatten des Hauses kauern, verlangend, wie es schien, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie war einige Zeit weg gewesen und hatte vermuthlich die Gespräche der draußen Befindlichen belauscht.

»Denkt ja nicht daran, Euch weit vom Hause weg zu wagen,« flüsterte das Mädchen. »Der böse Geist hat von Tobit Besitz genommen, und er hat so eben geschworen, dasselbe Grab solle Euch, Kettenträger und Dus decken. ›Gräber lassen sich nicht zu Zeugen gebrauchen,‹ sagt er. Ich habe ihn nie so unheimlich gesehen, wie heute Abend, obgleich er immer fürchterlich wild und zornig ist, wenn Etwas falsch geht.«

Das Mädchen glitt an mir vorbei, nachdem sie mir in aller Hast diese Mittheilung gemacht hatte, und im nächsten Augenblick stand sie ruhig neben Dus, bereit, ihr in allen etwa nöthigen Dienstleistungen bei dem Verwundeten behülflich zu seyn. Ich sah, daß sie unbemerkt geblieben war, und suchte dann mit einiger Vorsicht auszukundschaften, in welcher Lage ich selbst mich befände. Die Nacht war inzwischen ganz finster geworden, und es war unmöglich, auf zwanzig Fuß Entfernung Personen zu erkennen. Zwar konnte man auf doppelt so viel Schritte Entfernung oder auch noch mehr einen Mann von einem Baumstumpen unterscheiden: aber die verschiedenen Gegenstände der noch wilden und rohen Lichtung begannen dergestalt sich zu verwirren und in Eine Masse zu verschmelzen, daß das Auge den größten Theil seines gewöhnlichen Sehvermögens verlor. Diese Gruppe von jungen Männern schloß, so vermuthe ich, den furchtbaren Tobit in sich: aber ich konnte mir hierüber durchaus nicht Gewißheit verschaffen, ohne mich derselben ganz nahe zu wagen. Dazu hatte ich keine Lust, da ich in diesem Augenblick mit Keinem der Familie etwas Bestimmtes zu sprechen hatte. Hätten die Squatters in mein Herz sehen können, so würden sie ganz unbesorgt gewesen seyn wegen der Möglichkeit meiner Flucht; denn wenn auch Dus gar nicht in Betracht gekommen wäre, was doch nicht der Fall war, noch seyn konnte, so wäre es für mich doch eine moralische Unmöglichkeit gewesen, den Kettenträger in seiner Sterbestunde zu verlassen. Aber das wußten Tobit und seine Brüder nicht; und es konnte gefährlich für mich werden, wenn ich mir auf die entgegengesetzte Annahme hin zu Viel herausnahm.

Die Dunkelheit war natürlich in der Nähe des Hauses am größten, und ich schlich dicht an den hölzernen Wänden hin, bis ich eine Ecke des Gebäudes erreichte, und ich glaubte, diese Bewegung würde ungesehen bleiben. Aber ich wurde überzeugt, daß ich beobachtet wurde, in einer Weise, welche keinen Zweifel übrig ließ, indem einer der jungen Männer mir zurief, ich solle bei Gefahr meines Lebens nicht um die Ecke gehen, oder überhaupt in irgend einer Richtung ihnen aus dem Auge mich entfernen. Das war deutlich gesprochen, und es veranlaßte ein kurzes Gespräch zwischen uns, in welchem ich meinen Entschluß gestand, meine Freunde nicht zu verlassen – denn der Kettenträger werde wahrscheinlich die Nacht nicht überleben – und daß ich für meine Person gar keine Besorgnisse hegte. Ich sey erhitzt und aufgeregt, und hätte das Haus nur verlassen, um in frische Luft zu kommen; wenn sie mir kein Hinderniß in den Weg legten, wolle ich in ihrer Nähe einige Minuten hin- und hergehen, nur um meine fiebrischen Pulse etwas abzukühlen; und ich wolle ihnen mein Wort verpfänden, keinen Fluchtversuch zu machen. Diese Erklärung nebst der sie begleitenden Versicherung schien meinen Beobachter zu befriedigen, und es ward mir ruhig gestattet, zu thun, wie ich begehrte.

Ich wandelte zwischen der Gruppe der Squatters und dem Hause hin und her, und jedesmal, so oft ich diesen von mir gewählten Spaziergang wiederholte, kam ich dicht an den jungen Männern vorbei. Während dieser Zeit benützte ich die günstigen Augenblicke, um durch die Thür des Hauses nach der bewegungslosen Gestalt von Dus zu schauen, welche neben dem Bett ihres Oheims saß, mit der geduldigen, schweigenden, zärtlichen Aufmerksamkeit des Weibes, und welche ich bei meinem Hinundhergehen deutlich sehen konnte. So treulich in diesen Augenblicken meine Gedanken und Gefühle sich meiner Geliebten zuwandten, bemerkte ich doch wohl, daß die jungen Männer jedesmal, so oft ich mich ihnen näherte, in ihrem Gespräche mit einander innehielten, und ebenso es wieder sogleich fortsetzten, wenn ich an ihnen vorüber war. Dies veranlaßte mich, meinen Gang allmälig etwas weiter auszudehnen, indem ich nach beiden Seiten hin etwas weiter ging, so daß ich etwa hundert Fuß weit von der Gruppe, die ich als Mittelpunkt nahm, in beiden Richtungen mich entfernte. Weiter mich zu entfernen wäre unklug gewesen, da es hätte als eine Vorbereitung zu einem Fluchtversuch und mithin zu einem Wortbruch erscheinen können.

In dieser Weise mochte ich etwa acht oder zehn Gänge hin und her in eben so vielen Minuten gemacht haben, als ich, am einen Endpunkte meiner kurzen Promenaden angekommen, einen leisen, zischenden Ton in meiner Nähe vernahm. Ein Baumstumpen stand hier, und der Laut schien von der Wurzel dieses Stumpens her zu kommen. Zuerst bildete ich mir ein, ich sey aus das Gebiet einer Schlange gerathen; obwohl Thiere der Art, welche einen solchen drohenden Ton von sich geben konnten, schon damals sehr selten bei uns waren. Aber ich wurde bald aus meiner Ungewißheit gerissen.

»Warum Ihr nicht stehen bleiben am Stumpen?« sagte Susquesus mit so leiser Stimme, daß man ihn nicht auf zehn Schritte hören konnte, aber doch vollkommen deutlich und nicht flüsternd, »Euch Etwas zu sagen haben – freudig zu hören.«

»Wartet, bis ich noch ein paar Gänge machen kann: ich will im Augenblick zurück kommen,« war meine vorsichtige Antwort.

Dann setzte ich meinen Spaziergang fort, stellte mich an einen Stumpen, der am andern Ende meiner Promenade stand, und blieb dort eine oder zwei Minuten angelehnt, worauf ich umkehrte und wieder wie zuvor an den jungen Männern vorbei schritt. Dies wiederholte ich dreimal, und nach jedem Gang blieb ich stehen, wie wenn ich ausruhte oder nachsänne; und jedes Mal blieb ich länger so stehen, als das vorige Mal. Endlich blieb ich auch an dem Stumpen stehen, welcher den Indianer versteckte.

»Wie seyd Ihr hieher gekommen, Susquesus?« fragte ich; »und seyd Ihr bewaffnet?«

»Ja, gute Büchse haben. Kettenträgers Büchse. Er sie nicht mehr nöthig haben, he?«

»So wißt Ihr, was vorgefallen ist? Kettenträger ist tödtlich verwundet.«

»Das schlimm! müssen Skalpe nehmen für das! Alter Freund – guter Freund. Immer tödten den Mörder.«

»Ich wünsche, daß Nichts der Art versucht werde; aber wie seyd hier hieher gekommen? und wie kämet Ihr zu der Waffe?«

»Jaap es gethan – gekommen und Thüre ausgebrochen. Neger stark – thun was er Lust haben. Büchse gebracht – gesagt, sie zu nehmen. Wünschen er bälder gekommen seyn – dann Kettenträger nicht getödtet. Wir sehen!«

Ich hielt es für der Klugheit gemäß, mich wieder zu entfernen, nachdem dies gesprochen war, und ich machte wieder ein paar Gänge, ehe ich zum zweitenmal Halt zu machen gerathen fand. Aber die Wahrheit war mir jetzt schon deutlich geworden. Jaap war aus dem Wald auf die Lichtung gekommen, hatte das wohlverwahrte Gefängniß des Onondago erbrochen, hatte ihm Waffen gegeben, und sie waren Beide im Dunkel ausgezogen, um die Gebäude herumstreifend, und den Augenblick, um einen Schlag zu führen, oder die Gelegenheit, mit mir zu sprechen, abwartend. Wie sie den Umstand erfahren, daß Kettenträger erschossen worden, dies blieb meinen Vermuthungen zu errathen überlassen, obwohl Susquesus den Knall der Büchse mußte gehört haben, und ein Indianer, ganz frei sich selbst überlassen, in einer Nacht wie diese, konnte sich leicht Gewißheit verschaffen über alle Hauptpunkte irgend eines Vorfalles, der ihn lebhafter interessirte.

Mein Gehirn schwindelte mir fast, als alle diese einzelnen Umstände sich meinem Geiste aufdrängten, und ich war in großer Verlegenheit, was ich für einen Entschluß fassen sollte. Um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen, blieb ich einen Augenblick bei dem Stumpen stehen und flüsterte dem Onondago meinen Wunsch zu, er solle bleiben wo er sey bis ich ihm Befehle ertheilen könne. Ein ausdrucksvolles »gut!« war die Antwort, die ich erhielt; und ich bemerkte, daß der Indianer sich noch tiefer in seinem Lager zusammenkauerte, wie ein reißendes Thier der Wälder, das seine Ungeduld zügelt, um seinen Satz, wenn die Zeit kommt, desto sicherer und tödtlicher zu machen.

Ich hatte jetzt etwas Zeit zum Nachdenken vor mir. Da lag der arme Kettenträger, auf seinem Sterbelager ausgestreckt, so regungslos, als wenn der Athem des Lebens schon von seinem Körper gewichen wäre. Dus wich nicht von ihrem Posten, beinahe ebenso unbeweglich wie ihr Oheim: während Lowiny in der Nähe stand, und die Theilnahme und das Mitgefühl ihres Geschlechts an der Trauerscene vor ihr kund gab. Ganz flüchtig und vorübergehend wurde ich auch Tausendacres' und Prudence's ansichtig. Es schien mir, als wenn der Erstere sich nicht gerührt hätte seit dem Augenblick, wo er seinen Sitz am Herde eingenommen. Sein Gesicht war so starr, seine Miene so finster und seine Stellung und Haltung so hartnäckig verstockt, wie in den ersten fünf Minuten, nachdem der Kettenträger gefallen war. Auch Prudence war ebenso unverändert wie ihr Gatte. Ihr Leib zuckte fortwährend in nervöser Aufregung, aber nicht Einmal hatte ich sie die Augen aufheben sehen vom Stein des rohen Heerdes, welcher beinahe das halbe Zimmer einnahm. Das Feuer war beinahe niedergebrannt, und da Niemand das Buschholz, womit es unterhalten wurde, erneuerte, blieb nur noch eine leise flackernde Glut, die ihr unstätes Licht auf die Gestalten dieser beiden von ihrem Gewissen gequälten Geschöpfe warf, wodurch sie noch geheimnißvoller und schauerlicher wurden. Lowiny hatte zwar eine dünne, elende Talgkerze angezündet, so wie man sie gewöhnlich in den ärmlichsten Wohnungen sieht; aber sie war auf die Seite gestellt worden, um nicht dem Auge des Verwundeten, den man schlummernd wähnte, wehe zu thun, und so trug sie nur wenig zur Erhellung des Gemaches bei. Demungeachtet konnte ich doch Alles so sehen, wie ich es beschrieben habe, als ich eine kurze Zeit auf einem Punkte stehen blieb, von welchem aus man einen beherrschenden Blick ins Innere des Hauses hatte.

Von Dus konnte ich nur wenig wahrnehmen. Sie saß beinahe unbeweglich am Bette ihres Oheims, aber ihr Angesicht war meinem Auge entzogen. Plötzlich, und dies geschah in einem Augenblick, wo ich gerade vor dem Gebäude stehen geblieben war, sank sie auf ihre Kniee, verbarg ihr Angesicht in der Decke, und versank in Gebet. Prudence fuhr zusammen, als sie dies sah; dann stand sie auf, nach der Art und dem Brauche derjenigen, welche sich einbilden, die Einfachheit und somit die Schönheit des Cultus zu erhöhen, wenn sie die Ceremonieen des Knieens vor dem allmächtigen Gotte abschaffen, und stand aufrecht da wie zuvor hin und her schwankend mit ihrer hohen, knochigen Gestalt, einer halb verwitterten Schierlingstanne des nahe gelegenen Waldes ähnlich, die den größten Theil ihres Grüns verloren hat und vom Sturm hin und her gewiegt wird. Dennoch ward ich gerührt über dies stumme Zeugniß, daß das Weib doch noch Etwas von der Achtung und dem Sinn für die Anbetung und Verehrung der Gottheit hatte, welcher, freilich seltsam gemischt mit dem Fanatismus und einer zähen, hartnäckigen Selbstgerechtigkeit, ohne Zweifel sehr viel dazu beigetragen hatten, die Angehörigen ihres Volksstammes, fünf oder sechs Generationen vor der ihrigen, über das atlantische Meer herüberzuführen.

Gerade in diesem Augenblick erkannte ich die Stimme Tobit's, wie er auf die Gruppe seiner Brüder zuschritt; er sprach mit seinem Weibe, das ihn bis an seines Vaters Wohnung begleitete und ihn hier verließ, wie es schien, um in die ihrige zurückzukehren. Ich verstand nicht was er sagte, aber der Squatter sprach im finstern, trotzigen Tons eines Mannes, dessen Gemütsstimmung das Schlimmste fürchten läßt. Da ich dachte, es könnte mir eine grobe und herausfordernde Unart von diesem Manne widerfahren, falls er mich in der Art herumwandeln sähe, wie ich jetzt beinahe eine Viertelstunde gethan hatte, wenn ihm die Sache nicht vorher erklärt worden, hielt ich für das Klügste, in das Haus hineinzutreten, und einen Zweck, den ich im Auge hatte, durch eine kurze Besprechung mit Tausendacres zu erreichen.

Sobald ich diesen Vorsatz gefaßt, führte ich ihn auch aus, und verließ mich darauf, daß die Geduld des Indianers und Jaap's gewohnter und erprobter Gehorsam es nicht zu einem Losschlagen von ihrer Seite, ohne vorhergegangenen Befehl, kommen lassen würde. Wie ich wieder in das Gemach trat, lag Dus noch auf ihren Knieen, und Provence stand noch immer aufrecht da, herüber und hinüber schwankend, wie zuvor, und die Augen auf den Herd geheftet. Lowiny stand nahe bei dem Bett und ich glaube, sie nahm, wie ihre Mutter, im Geiste einigermaßen an dem Gebet Antheil.

»Tausendacres,« begann ich mit leiser Stimme, indem ich dem Squatter ganz nahe trat, und so gelang es mir durch meine Anrede, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, »Tausendacres, das ist ein höchst trauriger Handel geworden: aber es sollte Alles, was nur möglich ist, geschehen, um das Unheil wieder gut zu machen. Wollt Ihr nicht einen Boten hinüberschicken nach dem Nest, um den Beistand des Arztes zu beschaffen?«

»Ein Doktor kann nicht viel helfen bei einer Wunde von einer Büchsenkugel aus solcher Nähe geschossen, junger Mann. Ich brauche keinen Doktor hier, um mich und die Meinigen dem Gesetze zu verrathen.«

»Nein, Euer Bote kann Euer Geheimniß bewahren; und ich will ihm Geld geben, um den Arzt zu vermögen, zu kommen, und sogleich zu kommen. Man kann ihm sagen, ich sey durch einen Zufall verletzt worden, und er kann vielleicht noch zu rechter Zeit hier eintreffen, um die Schmerzen zu lindern; daß sonst keine Hoffnung vorhanden ist, muß ich selbst zugeben.«

»Die Menschen müssen annehmen, was ihr Schicksal und Beruf mit sich bringt,« versetzte kalt der verhärtete Mann. »Die in den Wäldern leben, setzen sich dem Geschick und den Zufällen des Waldmannes aus; und die im offenen Lande leben, dem Geschick und den Zufällen des offenen Landes. Meine Familie und mein geschnittenes Holz müssen auf jede Gefahr hin mir erhalten bleiben; und kein Doktor soll hieher kommen.«

Was war zu thun, – was war möglich mit einem solchen Menschen anzufangen? In seinem Moralsystem waren alle seine Grundsätze, war alles Rechtsgefühl nur auf sein Ich beschränkt. Es war ebenso unmöglich, ihn diejenige Seite einer Frage sehen zu machen, welche seinen Interessen wirklich oder nur eingebildeter Weise zuwider war, als dem leiblich Blinden das Gesicht zu geben. Ich hatte gehofft, Reue und Zerknirschung nage an seinem Herzen, und in Folge der Wirksamkeit einer so mächtigen Zuchtmeisterin sey vielleicht ein Vortheil herauszuschlagen; aber sobald sein dumpfes Wesen wieder zu einiger Thätigkeit aufgerüttelt war, nahm es auch wieder die Richtung der Selbstsucht an, so unwandelbar als die Nadel nach dem Pole weist.

Voll Verdruß und Ekel über dies Hervortreten des mächtigsten, stärksten Zuges im Charakter des Squatters war ich eben im Begriff, mich von ihm zu entfernen, als ein lautes Geschrei um das Haus herum sich erhob, worauf der Blitz und Knall von drei oder vier Büchsen folgte. Ich rannte nach der Thüre und kam gerade zu rechter Zeit, um die Schritte von Männern zu hören, welche in allen Richtungen heran zu dringen schienen: und von Zeit zu Zeit hörte man das Krachen von Büchsen, dem Anschein nach gegen die Wälder hin sich zurückziehend. Männer riefen einander an in der Hitze einer Verfolgung und eines Kampfes; aber ich konnte mir keinen Aufschluß verschaffen, da die dichte Finsterniß, die sich vor dem Hause gelagert, durchaus nichts auch nur in geringer Entfernung sehen und erkennen ließ.

In dieser höchst peinlichen Ungewißheit und Spannung blieb ich etwa fünf bis sechs Minuten, während welcher Zeit der Lärm der Verfolgung sich mehr und mehr entfernte, als ein Mann auf die Thüre der Hütte zu rannte, unter welcher ich stand, meine Hand ergriff, und ich nun in ihm Frank Malbone erkannte. Die Hülfe war also angekommen und ich war nicht mehr ein Gefangener.

»Gott sey gepriesen! Ihr wenigstens seyd gerettet,« schrie Malbone. »Aber meine theure Schwester?«

»Ist hier, unversehrt, an ihres sterbenden Oheims Bett wachend. Ist Jemand draußen verwundet?«

»Das ist mehr, als ich Euch sagen kann. Euer Schwarzer machte den Führer und brachte uns mit solcher Geschicklichkeit hieher, daß es meine Absicht war, mich der Waffen gar nicht zu bedienen, da wir sämmtliche Squatters, ohne einen Schuß zu thun, hätten gefangen nehmen können, wären meine Befehle befolgt worden. Aber eine Büchse wurde hinter einem Baumstumpen abgefeuert, und darauf erfolgte eine Salve vom Feind. Einige der Unsrigen erwiederten das Feuer, und hierauf ergriffen die Squatters die Flucht. Das Feuer, das Ihr so eben gehört habt, sind vereinzelte Schüsse von beiden Seiten, und es kann ein bloßes Geknalle seyn, da an ein Zielen in dieser Dunkelheit nicht zu denken ist. An meinem eigenen Gewehr habe ich nicht einmal den Hahn gespannt, und ich bedaure, daß nur eine Büchse abgefeuert worden ist.«

»So steht vielleicht Alles gut, und wir haben unsere Feinde verjagt, ohne ihnen ein Leid zu thun. Seyd Ihr stark genug, um sie in gehöriger Entfernung zu halten?«

»Vollkommen; wir sind eine Schaar von beinahe dreißig Mann, begleitet von einem Unter-Sheriff und einem Friedensrichter. Was uns fehlte, war nur ein Führer, der die Richtung genau gewußt hätte, dann wären wir einige Stunden früher schon angekommen.«

Ich seufzte innerlich tief auf bei dieser Kunde, denn diese wenigen Stunden hätten dem armen Kettenträger das Leben gerettet. Aber auch so war diese Befreiung des freudigsten Dankes werth; und einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens war der, wo ich Dus ihrem Bruder an die Brust sinken und sie in Thränen ausbrechen sah. Ich war an ihrer Seite, unter der Thüre der Hütte, als diese Begrüßung stattfand; und Dus bot mir zärtlich eine Hand hin, als sie sich aus den Armen ihres Bruders loswand. Frank Malbone machte ein etwas überraschtes Gesicht bei dieser Vertraulichkeit; aber begierig, den Kettenträger zu sehen und zu sprechen, trat er in das Haus hinein und näherte sich dem Bette. Dus und ich folgten ihm; denn das Geschrei und das Feuern hatte das Ohr des Verwundeten erreicht, und Andries war ängstlich verlangend, zu erfahren, was es zu bedeuten gehabt habe. Der Anblick Malbone's gab ihm im Allgemeinen einigen Aufschluß über den Stand der Dinge; aber eine lebhafte, ängstliche Spannung malte sich in seinem verfallenen Gesichte, wie er mich, nähere Nachrichten von mir heischend, ansah.

»Was ist es, Mortaunt?« fragte er, noch mit ziemlich kräftiger Stimme, denn die Ungeduld und Spannung, womit er der Antwort harrte, steigerten vermuthlich für den Augenblick seine physischen Kräfte. »Was ist es, Junge? Ich will hoffen, es habe doch kein unnützer Kampf stattgefunden wegen eines alten Mannes wie ich, der seine siebzig Jahre gelebt hat, und der seinem Herrn das Leben schuldig ist, das ihm siebzig lange Jahre verliehen war. Ich will hoffen, daß doch Niemand ein Leid geschehen ist um einer so armseligen Veranlassung willen.«

»Wir wissen von Keinem, außer Euch, Kettenträger, der heute Abend verletzt worden wäre. Das Feuern, das Ihr gehört habt, kommt von der Partei Frank Malbone's, welche so eben angekommen ist und die Squatters verjagt hat, mehr durch Lärm als durch Schaden, der ihnen zugefügt worden.«

»Gott sey gepriesen! Gott sey gepriesen! Ich bin erfreut, Frank noch zu sehen, ehe ich sterbe, erstlich um von ihm Abschied zu nehmen, als einem alten Freunde, und zweitens um seine Schwester Dus seiner Obhut und Sorge zu empfehlen. Sie haben Dus Einen von diesen Squatters zum Manne geben wollen, um Frieden zu machen zwischen Dieben und ehrlichen Leuten. Das ginge nimmermehr an, Frank, da, wie Ihr wohl wißt, Dus die Tochter eines Gentleman und die Tochter einer Lady ist; und sie ist selbst ein gebildetes Frauenzimmer, und kann unmöglich einen plumpen, rohen, ungebildeten, gemeinen Squatter heirathen. Wäre ich jung und wäre ich nicht des Mädchens Oheim, ich würde mir selbst nimmermehr einbilden, daß ich einen passenden Ehemann für sie gäbe, weil ich zu wenig unterrichtet und gebildet bin, um der Gatte eines Mädchens zu seyn wie Dus Malbone.«

»Es ist jetzt nicht mehr zu befürchten, daß meine Schwester ein solches Unglück betreffe, mein lieber Kettenträger,« versetzte Frank Malbone. »Auch glaubte ich, keine Drohungen und Gefahren könnten Dus so einschüchtern, daß sie ihr Wort einem Manne verpfändete, den sie nicht liebte oder achtete. Sie würden es schwer gefunden haben, meine Schwester zu einer solchen Heirath zu zwingen.«

»Es ist am besten, so wie es ist, Frank – ja, es ist am besten, so wie es ist. Diese Squatters sind recht arge Spitzbuben und würden sich durch Kleinigkeiten nicht leicht aufhalten lassen. Und weil wir jetzt bei diesem Gegenstande sind, so will ich Euch noch ein Wort in Betreff Eurer Schwester sagen. Ich sehe, sie ist zur Hütte hinausgegangen, um zu weinen und so wird sie nicht hören, was ich Euch zu sagen habe. Hier ist Mortaunt Littlepage, welcher versichert, er liebe Dus mehr, als je ein Mann ein Weib geliebt habe –« Frank fuhr zurück und ich glaubte zu bemerken, daß sein Gesicht sich verfinsterte, – »und was ganz natürlich ist, wenn ein Mann eine Frau wahrhaft und in solchem Grade liebt, er wünscht sehr, sehr, sie zu heirathen.« Hier klärte sich Frank's Gesicht augenblicklich auf, und als er meine Hand gegen ihn ausgestreckt sah, faßte er sie mit Lebhaftigkeit und drückte sie sehr herzlich. »Nun würde Mortaunt eine vortreffliche Partie für Dus seyn, – eine ganz kapitale Partie, denn er ist jung und gutaussehend, und tapfer, und ehrenhaft, und verständig und reich, was Alles sehr gute Eigenschaften im Ehestand sind; aber andererseits hat er einen Vater und eine Mutter und Schwestern, und es ist auch natürlich, daß sie keine übermäßige Freude daran haben werden, wenn ihr Sohn und Bruder ein Mädchen heirathet, das nichts hat als ein paar Ketten, einen neuen Compaß und einige Feldgeräthschaften, die ihr nach meinem Tode als Erbe zufallen. Nein, nein! wir müssen an die Ehre der Coejemans' und der Malpone's denken, und unser geliebtes Mädchen nicht in eine Familie eintreten lassen, die sie vielleicht nicht haben wollte.«

Ich bemerkte, daß Frank Malbone lächelte, obwohl traurig, wie er diese Warnung anhörte; denn auf ihn machte sie wenig oder keinen Eindruck, da er großherzig genug war, mich nach sich selbst zu beurtheilen, und nicht glaubte, daß solche eigennützige Rücksichten Einfluß auf meine Handlungsweise üben könnten. Ich jedoch hatte andere Gefühle. Hartnäckigkeit in seinen Ansichten und Meinungen war eine der Schwächen von Kettenträgers Charakter, und ich erkannte die Gefahr, wenn er diese Gesinnungen Dus als eine Art Vermächtniß hinterließe. Sie hatte in der That dieselben zuerst gehegt, und sie ihrem Oheim mitgetheilt, und sie konnten wieder in ihr aufleben, wenn sie erst den wirklichen Stand der Dinge nüchtern überlegte, und durch die letzten Worte ihres sterbenden Oheims in ihr befestigt werden. Es ist wahr, bei unserer Unterredung, als ich von dem theuren Mädchen das kostbare Geständnis ihrer Liebe vernahm, schien kein solches Hinderniß vorhanden zu seyn, sondern es war, als ob wir Beide unserer künftigen Vereinigung als einer ganz gewissen Sache mit Zuversicht entgegensähen; aber in jenem Augenblick war Dus aufgeregt gewesen durch die Erklärung meiner glühenden, unaussprechlichen Neigung, und hingerissen durch die Stärke ihrer eignen Gefühle. Wir waren im Wonnetaumel des Entzückens, der Frucht gegenseitigen Vertrauens und der frohen Gewißheit unsrer gegenseitigen Liebe, als Tausendacres uns überfiel, um uns wegzuschleppen zu den Auftritten von Weh und Jammer, von welchen wir erschüttert worden waren und zum Theil noch jetzt erschüttert wurden. Unter solchen Umständen konnte man leicht dem Einfluß von Gefühlen und Gesinnungen anheimfallen, welche in kühleren Augenblicken manche Bedenklichkeiten darzubieten scheinen konnten. Es war daher für mich von der höchsten Wichtigkeit, Kettenträger hierin die richtige Ansicht beizubringen, und dafür Sorge zu tragen, daß er nicht, aus dem Leben scheidend, die zwei Menschen, die er am meisten auf der Erde liebte, unnöthigerweise unglücklich und elend zurückließ, und zwar einzig und allein in Folge seiner eignen Vorurtheile. Aber doch war der jetzige Augenblick nicht günstig, einen solchen Zweck zu verfolgen, und ich hing bittern Gedanken und Betrachtungen über die Zukunft nach, als wir Alle erschreckt wurden durch ein schweres Stöhnen, das aus der tiefsten Brust des Squatters hervorzubrechen schien.

Frank und ich wandten uns instinktmäßig nach dem Kamin, als wir diese unerwartete Unterbrechung vernahmen. Der Stuhl Prudence's war leer, denn das Weib war aus der Hütte fortgerannt beim ersten Laut des neuen Kampfgelärms, höchst wahrscheinlich, um ihre jüngern Kinder zu suchen. Tausendacres aber saß noch immer auf demselben Sitze, den er jetzt beinahe, wo nicht volle zwei Stunden einnahm. Ich bemerkte jedoch, daß seine Gestalt nicht ganz so aufrecht war, wie ich sie zuvor gesehen. Sie war auf dem Sessel zusammengesunken, während sein Kinn auf die Brust herab hing. Wie wir näher traten, sahen wir eine kleine Lache Blut auf den Steinen unter ihm, und eine kurze Untersuchung überzeugte Malbone und mich, daß ihm eine Büchsenkugel in gerader Linie durch den Leib gegangen war, und zwar nur drei Zoll über der Hüfte.

 

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